Der geschätzteste der eßbaren Hutpilze und der einzige unter

ihnen, der im großen Maßstabe künstlich gezüchtet wird, ist der

+Feldblätterschwamm+ oder +Brachpilz+ (~Agaricus campestris~), besser

unter dem französischen Namen +Champignon+ bekannt. Er findet sich

vom Mai bis Oktober auf sandigen Waldwiesen und auf Weideplätzen, in

gedüngten Feldern und Obstgärten, in Weingärten und an Waldrändern in

Europa, Asien, Nordamerika und Nordafrika und bildet bis 10 cm breite,

weiße bis bräunliche fleischige Hüte. Eine besonders aromatische

Varietät wird vielfach in Kellern und andern dunkeln Räumen mit

möglichst gleichmäßiger Temperatur gezogen. Bei der Anlage solcher

Kulturen bringt man nicht zu alte käufliche Champignonbrutziegel aus

Pferde- und Kuhmist mit etwas Gartenerde, die mit den Myzelien des

Brachpilzes durchwachsen sind, in Beete von frischem, strohfreiem,

durch vorherige Behandlung nicht mehr gärungsfähigem Pferdemist,

die nach 3-4 Wochen etwa 3 cm hoch mit lockerer, sandiger Erde bedeckt

werden. Die Brutbeete werden durch öfteres Begießen feucht gehalten.

Dabei durchwuchert das Pilzfadengeflecht rasch das gesamte Nährsubstrat

und schreitet dann, nachdem es ihm seine Nährstoffe entzogen hat, zur

Bildung der Fruchtkörper. Wenn letztere nach 7-8 Wochen hervorbrechen,

werden sie, bevor sich der Hut zu sehr in die Breite entwickelt hat,

an der Stielbasis mit einem Messer abgeschnitten und auf den Markt

gebracht. Läßt der Ertrag nach einigen Wochen nach, so werden neue

Beete angelegt. Besonders um Paris herum wird die Champignonkultur

in den zahllosen unterirdischen Steinbrüchen mit ihrer gleichmäßigen

Wärme im großen betrieben und bildet für zahllose einfache Leute eine

lohnende Beschäftigung, die auch in Deutschland mit aller Energie

betrieben werden sollte; denn dieser vortreffliche Speisepilz wird in

der feinen Küche sehr viel verwendet und der aus ihm bereitete Extrakt

bildet ein vorzügliches Würzmittel für Suppen und Saucen. Schon die

römischen Feinschmecker schätzten seinen delikaten Geschmack sehr und

Kaiser Nero, dem es gewiß nicht an guten Bissen fehlte, soll ihn sogar

als Götterspeise bezeichnet haben. Bis in unsere Zeit gab es Gourmets,

besonders französische, die diesen beliebten Pilz gern eigenhändig

sammelten und zubereiteten. Franzosen waren es auch, die den Champignon

in deutsche Küchen einführten, namentlich vornehme Emigranten, die,

auf den Broterwerb angewiesen, sich in der Fremde nicht selten der

in ihrer Heimat hochkultivierten Kochkunst widmeten und dadurch

mitunter ein Vermögen erwarben. Die einfachste Art der Zubereitung

ist, ihn in frischer Butter zu dünsten und mit ein wenig Zitronensaft

zu beträufeln. Manche Leute behaupten, daß sein Aroma angenehmer

hervortrete, wenn man statt Butter Ochsenmark verwende. Auch in

Ausbackteig gebacken schmeckt er nicht übel, und wohl kaum ein anderer

Pilz findet so viel Verwendung wie er zu Saucen, Ragouts und Frikassees.

Neben dem Champignon wird der +Steinpilz+ (~Boletus edulis~), in

Frankreich ~cèpe~ genannt, sehr geschätzt und kommt getrocknet in

Schnitzen und als Ölkonserve in den Handel. Ihn durch Aussäen von

Sporen auf Stellen im Walde zu übertragen, wo er bisher fehlte, ist

nicht gelungen, wohl aber bei der +Nußkraterelle+ (~Craterellus

nucleatus~), die im Aroma nur der Perigordtrüffel nachsteht. In Japan

wird ein außerordentlich schmackhafter Pilz (~Agaricus shitake~) in

großen Massen gezüchtet, indem seine Kultur für ganze Distrikte des

japanischen Waldes die einzige Art der Forstbenutzung bildet. Nach

dem Laubfall werden jüngere Stämme und armdicke Äste verschiedener

Laubholzarten gefällt, etwa 100 Tage im Walde liegen gelassen und

dann in meterlange Stöcke zersägt, die mit tiefen Einschnitten

versehen werden. Die an den Pilzkulturplätzen stets gegenwärtigen

Sporen des Schitakepilzes nisten sich in diese Wundstellen ein, das

sich entwickelnde Pilzmyzel verwandelt das Holz in eine weißliche,

brüchige Masse und schon im Herbst des ersten Jahres, besonders aber

im zweiten und in den folgenden vier Jahren nach der Infektion brechen

teils aus der Rinde, teils aus der Schnittwunde die Pilze hervor,

die merkwürdigerweise je größer, desto besser und teuerer sind.

Prof. Mayr hat versucht, den Schitakepilz bei uns einzuführen. Dabei

zeigte es sich, daß Buche, Hainbuche und Birke sich am besten zur

Aufzucht desselben eignen, daß jedoch die jungen Kulturen sehr unter

den einheimischen Pilzen, die sich an denselben Stellen ansiedeln,

und unter Schneckenfraß zu leiden haben. Doch sollen die Versuche

fortgesetzt werden. Jedenfalls wäre der Pilz geeignet, im Regenwalde

der tropischen und subtropischen Kolonien am Holze der wertlosen

Baumarten, die doch nur das Wachstum der wertvollen behindern,

gezüchtet zu werden.

Schon die Römer der Kaiserzeit schätzten die Trüffel, die sie ~tuber~

nannten, wie auch die verschiedenen anderen Speisepilze. Am höchsten

stand in ihrer Wertschätzung der in den Wäldern von ganz Italien

heimische und heute noch beim Volke als Speise beliebte +Kaiserling+

(~Agaricus caesareus~), den sie ~boletus~ nannten. Er sieht dem

Fliegenschwamm ähnlich, weshalb verhängnisvolle Verwechslungen

vorkommen können. Plinius schreibt in seiner Naturgeschichte, daß er,

wie auch die +Steinpilze+ (~suillus~), zu seiner Zeit bei den Vornehmen

in Mode kam. Beide wachsen um die Wurzeln von Eichen, und zwar wachsen

die besten an denen der Stieleiche; „die unter Steineichen, Zypressen

und Pinien aber sind schädlich. Man ißt sie auf gut Glück und sie

bilden jedenfalls eine vortreffliche Speise, doch sind sie auch schon

zu entsetzlichen Verbrechen benutzt worden. So ist der Kaiser Tiberius

Claudius durch Gift ums Leben gekommen, das seine (zweite) Gemahlin

Agrippina unter ein Gericht Kaiserschwämme gemischt hatte.“ Der

Geschichtschreiber Suetonius (70-140 n. Chr.), der Geheimschreiber des

Kaisers Hadrian, sagt in seiner Biographie des 52 n. Chr. erst 43 Jahre

alt vergifteten Kaisers Claudius, dieser sei sehr gierig nach diesen

Schwämmen gewesen. Und in der Biographie Neros bemerkt er dazu: „Wenn

auch Kaiser Nero nicht an der Vergiftung seines Stiefvaters Claudius

geradezu schuld gewesen ist, so hat er doch jedenfalls darum gewußt:

Das leugnete er auch gar nicht und nannte die Kaiserlinge (~boletus~)

-- denn in diesen war das Gift dem Claudius beigebracht worden -- eine

Speise für Götter.“ Und derselbe Autor sagt in seiner Biographie des

Tiberius: „Kaiser Tiberius gab dem Asellius Sabinus 200000 Sesterzien

(etwa 30000 Mark) für einen Dialog, worin der Kaiserling, die

Feigendrossel, die gewöhnliche Drossel und die Auster (als die feinsten

Leckerbissen) um den Vorrang stritten.“ Der Satiriker Martial (40-120

n. Chr.) erwähnt in seinen Gedichten öfter den Kaiserling. In einem

Epigramm sagt er: „Ich begreife wahrhaftig nicht, Poeticus, wie du mich

zu Tische laden und dabei so grob sein kannst, mir Mießmuscheln, an

denen ich mir die Lippen zerschneide, Steinpilze (~suillus~), die für

die Schweine gehören, und eine im Käfig krepierte Elster vorzusetzen,

während du deinen Bauch mit gemästeten Austern, Kaiserlingen und zarten

Turteltauben anfüllst.“ In einem andern ruft er aus: „Bist du denn

verrückt, Caecilianus, daß du dich allein hinsetzest und Kaiserlinge

vor aller Welt issest (ohne mich zu solchem Mahle einzuladen)? -- Du

bist ein gefräßiges Leckermaul und ich wünsche dir einen Kaiserling in

den Hals, wie ihn Kaiser Claudius gegessen hat.“ Und in einem seiner

Xenien meint er von einem Schlemmer: „Silber, Gold und kostbare Kleider

entbehrt das Leckermaul leicht, aber Kaiserlinge wahrhaftig nicht.“

Der griechische Arzt Claudios Galenos (131-200 n. Chr.) bezeichnet

in seiner Schrift über die Eigenschaften der Nahrungsmittel die

Kaiserlinge, die auf allerlei Weise gewürzt gegessen werden, als

geschmacklos, aber jedenfalls als die unschädlichste Sorte Pilze:

„Nach ihnen folgen dem Range nach die +Champignons+ (~amanítai~).

Der Sicherheit wegen sollte man andere Pilze gar nicht anrühren,

denn es sind schon viele Leute durch sie vergiftet worden. Ich kenne

sogar jemand, der nach dem reichlichen Genuß nicht gehörig gekochter

Kaiserlinge (~bōlítēs~), die doch für ganz unschädlich gelten, schwere

Zufälle, Ohnmacht und kalten Schweiß bekam, und sich nicht eher

erholte, als bis er die Schwämme ausgespien hatte.“ Plinius empfiehlt

an dritter Stelle die +Steinpilze+ (~Boletus edulis~), von den Römern

~suillus~, d. h. Schweinepilz genannt. „Diese aber“, fährt er fort,

„werden am leichtesten zu Vergiftungsversuchen gebraucht. So sind vor

kurzer Zeit ganze Familien und ganze Tischgesellschaften damit ums

Leben gekommen, so Annaeus Serenus, Oberst bei der Garde Neros, so

Tribunen und Zenturionen. Wie ist es möglich, daß jemand sich nach

einer so gefährlichen Speise kann gelüsten lassen?

Manche haben die Pilze nach den Bäumen, bei denen sie wachsen, als

eßbar oder giftig unterscheiden wollen; aber diese Unterscheidung kann

denen nicht helfen, die von fremden Leuten gesammelte Pilze kaufen.

Alle giftigen Pilze sehen bläulich aus, und sie sind für um so giftiger

zu halten, je ähnlicher der Saft des Baumes, bei dem er gewachsen, dem

des Feigenbaumes (also milchig) ist.

In manchen Fällen können Pilze auch als Heilmittel gebraucht werden. So

hält Glaucias die Kaiserlinge für magenstärkend. Die Steinpilze werden,

mit einer Binse durchstochen, aufgehängt und getrocknet; so kommen sie

von Bithynien aus in den Handel. Sie werden gegessen um rheumatische

Entzündungen des Unterleibs zu heilen, dienen auch äußerlich gegen

Fehler der Haut.

Ich will ferner noch einige allgemeine Bemerkungen über die

Zubereitung der Pilze geben, weil sie der einzige Leckerbissen sind,

den die vornehmen Leute eigenhändig zubereiten, wobei sie im voraus

in Erwartung des bevorstehenden Genusses ganz selig sind, und die

Pilze mit Elektron- (Silber und Gold gemischt) oder Silbermessern

zerschneiden.

Schädlich sind diejenigen Pilze, die beim Kochen härter werden;

solche werden unschädlich, wenn man sie mit Zusatz von Soda tüchtig

durchkocht. Auch dadurch schützt man sich vor Vergiftung durch sie, daß

man sie mit Fleisch oder mit Birnenstielen kocht. Auch Birnen, welche

gleich nach den Pilzen gegessen werden, sind nützlich; ferner ist Essig

ein Mittel, das ihrem Gifte entgegenwirkt.“

Der Arzt Galenos rät gegen Pilzvergiftung Wermut oder Raute mit Essig

zu trinken und fährt fort: „Asklepiades gibt bei Pilzvergiftung rohen

Rettich in Menge zu essen und ungemischten Wein dazu zu trinken.

Ich aber habe in Mysien einen Mann kennen gelernt, der denjenigen,

die an Pilzvergiftung litten, Hühnermist eingab, und ich habe dann

selbst Versuche mit diesem Mittel angestellt, indem ich den Mist

fein zerrieb und in mit Wasser oder Honig gemischten Essig tat.

Die Patienten bekamen alsbald, nachdem sie die Mischung getrunken

hatten, Erbrechen und genasen sodann. Dabei ist zu beachten, daß der

Mist von freigehenden Hühnern weit wirksamer ist als derjenige von

eingesperrten.“

Auch die Trüffeln fanden bei den alten Griechen und Römern ihre

Liebhaber. So sagt Plinius von den Trüffeln (~tuber~), die Martial

in einem Epigramm an Wohlgeschmack nur den Kaiserlingen nachstehen

läßt: „Sie sollen nach heftigen, im Herbst eintretenden Regengüssen

und Gewittern entstehen. Ihre Entstehung und die Tatsache, daß sie

ganz ohne Wurzel wachsen, berechtigen, sie zu den wunderbaren Dingen

zu rechnen. Sie liegen ganz in der Erde ohne mit ihr in irgend einem

Zusammenhang zu stehen und ohne sie emporzutreiben. Sie haben eine

eigentümliche Rinde und finden sich meist in trockenem, sandigen Boden

unter Gebüsch. Sie erreichen die Größe einer Quitte und die Schwere

eines Pfundes. Es gibt zwei Arten derselben: eine sandige, welche den

Zähnen schadet, und eine reine. Übrigens unterscheidet man sie nach

ihrer braunroten oder schwarzen und inwendig weißen Farbe. Am höchsten

werden die afrikanischen geschätzt. Wie sie entstehen, und ob sie

Leben haben, weiß man nicht, wohl aber, daß sie zuletzt verfaulen.

Dem gewesenen Praetor Lartius Licinius, der zu Carthago in Spanien

(dem heutigen Cartagena) die Rechtspflege verwaltete, ist es, wie ich

weiß, vor wenigen Jahren passiert, daß er auf einen Denar, der in eine

Trüffel eingewachsen war, so biß, daß sich seine Vorderzähne schief

bogen, woraus man auf die Art und Weise, wie die Erde sich zu Trüffeln

ballt, schließen kann. Als sicher kann man es jedenfalls ansehen, daß

sie entstehen, aber auch als sicher, daß man sie nicht anpflanzen kann.

Den Trüffeln ähnlich ist das Misy in der Provinz Cyrenaika (dem

heutigen Barka in Tripolis); es zeichnet sich durch lieblichen Geruch

und Geschmack aus, ist aber fleischiger; auch ist ihnen in Thracien

das ~iton~ und in Griechenland das ~geranion~ ähnlich. -- Bei Mytilenä

soll es nun Trüffeln geben, wenn Trüffelsamen durch Überschwemmung von

Tiarä, wo sie sehr häufig sind, herabkommt. In Kleinasien finden sich

die beliebtesten zu Lampsacus und Alopekonnesus, in Griechenland um

Elis.“

Endlich sagt der griechische Arzt Galenos, der einer der gesuchtesten

Ärzte Roms war und zur Zeit des Septimius Severus daselbst starb: „Die

Trüffel (~hýdron~) muß man zu den Wurzeln oder Knollen zählen. Sie

haben an sich wenig Geschmack, werden mit Gewürz gegessen, und sind

unschädlich.“

Wie in Europa, so finden übrigens auch überall anderwärts verschiedene

Pilze als geschätzte Nahrung des Menschen Verwendung, unter denen wir

wegen seiner außergewöhnlichen Größe nur den als ~indian potatoe~

bezeichneten +Riesenpilz+ ~Lycoperdon solidum~ erwähnen wollen, der

überall in den Südstaaten der nordamerikanischen Union auf eben

abgeholztem Waldboden erscheint. Er erreicht ein Gewicht von 8-15 kg

und wurde von den Indianern gern verzehrt. Ebenso lebten einst die in

die Wälder flüchtenden Negersklaven fast gänzlich von ihm.

Wie die Pilze sind auch viele Arten von +Seetang+ eine vom Menschen

gern gegessene, von der Natur gespendete Speise. So werden eine ganze

Anzahl derselben an den verschiedenen Küsten teils roh, teils gekocht

gegessen. Manche derselben enthalten außer knorpligem Schleim auch

ziemliche Mengen von Stärkemehl und Zucker. Ebenso verhält es sich

mit manchen +Flechten+, unter denen die +Mannaflechte+ (~Lecanora

esculenta~) die bekannteste ist. Sie wächst vorzugsweise in den

Steppen von Südrußland bis Zentralasien in großer Menge auf sonst

von Vegetation völlig entblößtem, lehmigem Boden oder nacktem Fels,

locker mit der Unterlage, auf der sie haftet, verbunden, ohne von ihr

Feuchtigkeit, sondern nur einige Nährsalze zu verlangen. Sie wird daher

durch Winde, die ja in diesen Steppen eine außerordentliche Gewalt

annehmen, leicht losgerissen, in Vertiefungen angesammelt, oder durch

heftige Stürme auch wohl in weitere Entfernungen getragen, wo sie dann

das höchst merkwürdige Phänomen des Mannaregens hervorbringt, das in

Kleinasien und Persien zu verschiedenen Malen und auch an anderen Orten

beobachtet wurde. Diese meist in haselnußgroßen Stücken gefundene

Flechte enthält außer Stärkemehl und Inulin über 23 Prozent Gallerte

und wird von den armen Steppenvölkern, vermahlen und zu Brot gebacken,

gern gegessen. Sie wurde fälschlicherweise von Ehrenberg für das Manna

der Bibel erklärt, das wir unter den Zuckerarten kennen lernen werden.

Überall im Norden wird auch die als „isländisches Moos“ bezeichnete

+Renntierflechte+ (~Cetraria islandica~) als ein nach Entfernung des

ihr anhaftenden Bitterstoffes durchaus nicht zu verschmähende Nahrung

nicht nur für die Renntiere, die sich hauptsächlich von ihr ernähren,

sondern auch für den Menschen gegessen und teilweise ebenfalls zu Brot

verbacken. In den zirkumpolaren Gegenden, wo es mit der pflanzlichen

Nahrung sehr übel bestellt ist, nimmt der hungrige Mensch dankbar

solche Nahrung entgegen. Und wenn Eskimos ein Renntier erlegt haben,

ist ihnen der mit dieser Flechte erfüllte Renntiermagen ein sehr

geschätzter Leckerbissen, dessen Inhalt sie sorgfältig sammeln, um ihn

mit Blut vermischt für festliche Anlässe aufzubewahren, bei denen er

dann nur mit Herbeiziehung der allerbesten Freunde als eine Leckerei

ohnegleichen gegessen wird. Doch muß man schon ein genügsames Kind der

Arktis sein, um an einem solchen Kompott ein so großes Wohlgefallen zu

haben.

IX.

Die Ölgewächse.

Hinsichtlich ihres Vermögens der Arbeitsleistung und Wärmebildung im

Körper stehen die Fette hoch über den Eiweißkörpern und Kohlehydraten,

d. h. den Stärkemehl und Zucker enthaltenden Nahrungsstoffen. Beträgt

der Verbrennungswert dieser letzteren, sowohl der Eiweißkörper als der

Kohlehydrate, 4,1 Wärmeeinheiten pro g, so beläuft sich dieser Betrag

beim Fett auf 9,3 Wärmeeinheiten pro g. Bei dieser mehr als doppelten

Nährkraft ist es kein Wunder, daß namentlich der in einem kalten Klima

lebende Mensch, der reichlich durch Ausstrahlung verloren gehende

Wärme zu ersetzen hat, mit Vorliebe fettreiche Speisen verzehrt, die

er, solange er auf der Jägerstufe lebte, in den Fettablagerungen der

von ihm erbeuteten Tiere fand. Noch heute klingt es in den Sagen

aller Nordvölker durch, welch große Bedeutung dem Nierenfett und dem

Knochenmark als vielbegehrtem Leckerbissen der Vorzeit zukam. Als

der Mensch sich zum Viehzüchter erhob, konnte er dieses instinktive

Bedürfnis nach Fett im fetten Fleische und dem Speck, später auch in

der aus der Milch gewonnenen Butter seiner Herdentiere befriedigen.

Erst als er zum Hackbau sich erhob und infolgedessen notgedrungen

an die von ihm bearbeitete Scholle gebunden war, suchte er seinen

Fettbedarf aus dem Pflanzenreiche zu decken. Dieser war ein besonders

großer, da die mehlreichen Samen und Wurzelknollen, wie auch die grünen

von ihm verspeisten Pflanzenteile in der Regel auffallend arm an Fett

sind. Deshalb war er darauf angewiesen, seine Mehlspeisen zu schmälzen;

nur so schmeckten sie ihm. Wie heute noch unsere Landbevölkerung ihre

Schmarren und Knödel in Schmalz oder Butter bäckt und Butter oder

fetten Käse zum Brote genießt, so suchte die Hackbäuerin der Urzeit

unter den Pflanzen ihrer Umgebung instinktiv nach solchen, die Fett

in ihren Samen enthielten. Diese zerquetschte sie und genoß sie als

solche; auf einer höheren Stufe jedoch preßte sie das Fett aus ihnen

aus und benutzte es zum Schmälzen ihrer aus dem Mehl der verschiedenen

Getreidearten bereiteten Fladen und Breie. Um solche Fettspender stets

zur Hand und in größerer Menge zu haben, nahm sie solche in Hegung

und vermehrte dann durch Kulturauslese den Ertrag an dem gewünschten

Rohstoff.

Einer der ältesten Ölspender der Menschheit ist der +Sesam+ (~Sesamum

indicum~), der seit sehr langer Zeit in Südasien, speziell Indien,

im großen kultiviert wird. Seine Heimat ist nach A. de Candolle

das östliche tropische Asien, insbesondere Indonesien, wo er

heute noch, beispielsweise auf Java, wild angetroffen wird. Der

Berliner Botaniker Ascherson dagegen hält unter Berücksichtigung

der pflanzengeographischen Ermittlungen Afrika für die Heimat der

Sesampflanze, da von den 12 Arten der Gattung ~Sesamum~ nicht weniger

als 10 diesem Erdteile angehören. Trotzdem scheint uns letztere

Annahme wenig wahrscheinlich. Jedenfalls läßt sich für uns ihre Kultur

zuerst in Indien nachweisen, wo der Engländer Watt in Behar und im

nordwestlichen Himalaja eine der Sesampflanze sehr nahestehende wilde

Art fand. Schon vor 3500 Jahren drang die Sesamkultur aus Indien in

die Euphratländer, wo nach Herodots Zeugnis alles Öl aus Sesamsamen

gewonnen wurde. Er schreibt darüber: „In Assyrien (und Babylonien) hat

man kein Olivenöl, dagegen gebraucht man dort das Öl, das man vom Sesam

(~sḗsamon~) gewinnt, der dort baumhoch wird.“ Nach Ägypten kam die

Kultur des Sesams erst während der Mitte des letzten vorchristlichen

Jahrtausends, wo ihn Theophrastos (390-286 v. Chr.) zuerst erwähnt.

Früher war er im Niltal vollständig unbekannt und wird weder im Kult,

noch auf den Denkmälern der alten Ägypter erwähnt; auch finden sich

in den Grabbeigaben keinerlei Spuren von ihm. Auch das Alte Testament

kennt ihn durchaus nicht, was doch der Fall sein müßte, wenn ihn die

Juden vor ihrem Auszuge in Ägypten kennen gelernt hätten. Auch nach

China kam er erst zu Beginn der christlichen Zeitrechnung; wenigstens

wird erst in einem Buche des 5. Jahrhunderts seiner Erwähnung getan.

Er heißt dort ~chi-ma~, während er im Sanskrit ~tila~, im Indischen

~gingils~, im Malaiischen ~widjin~ und im semitischen Vorderasien

~simsim~ hieß, woraus dann die Griechen ~sḗsamon~ machten. Die alten

Ägypter scheinen die Pflanze ~ake~ genannt zu haben, während sie

die Samen derselben ~schemschem~ hießen. Letzteres ist also die

ägyptisierte semitische Bezeichnung; demnach müssen es Semiten gewesen

sein, die diese Kulturpflanze in Ägypten einführten. Wie diese uralte

Kulturpflanze in der indischen Kultur eine wichtige Rolle spielt, so

tat sie es auch im frühen Mittelalter bei den Arabern, die sie ~semsem~

nannten. Welche bedeutende Rolle sie bei jenen spielte, bekunden schon

die Märchen aus Tausend und Einer Nacht, wo das Wort Sesam als ~semsem~

einen Zauberspruch zum Öffnen von Türen bildet.

[Illustration: Bild 29.

Der Sesam (~sesamum orientale~).]

Heute bildet der Sesam eine sehr wichtige Nutzpflanze für China,

Japan, ganz Süd- und Vorderasien, Ost- und Westafrika und neuerdings

sogar Amerika; denn er hat sich fast das ganze Gebiet der Tropen

und Halbtropen erobert. Er ist ein einjähriges, aufrechtes Kraut

mit ungeteilten Blättern und einzeln in den Blattachseln stehenden,

rachenförmigen, hellroten Blüten. Ein blühendes Sesamfeld gewährt

einen sehr hübschen Anblick. Die reife Frucht ist eine längliche,

stumpf-vierkantige Kapsel, welche von der Spitze nach der Basis

aufspringt und in jedem Fache eine Anzahl etwa 3 mm langer und 1,5 mm

breiter, zu beiden Seiten abgeplatteter Samen von braunschwarzer,

rötlicher oder gelblicher Farbe trägt. Nach diesen Farbendifferenzen

des Samens, die als Beweis uralter Kulturvarietäten ins ferne Altertum

zurückgehen, unterscheidet man eine dunkle und eine helle Sesamsaat.

Letztere gibt ein besseres, erstere aber ein reichlicheres Öl von

gelber Farbe, fast ohne Geruch und von angenehm süßem Geschmack, das

die vorzügliche Eigenschaft besitzt, nicht leicht ranzig zu werden. Da

die Samen außer größeren Mengen Eiweiß durchschnittlich 56,8 Prozent

Öl besitzen, ist ihr Nährwert ein sehr großer, so daß sie in Form von

Mehl oder als daraus gewonnenes Öl und selbst als Ölkuchen die tägliche

Nahrung für die große Mehrzahl der indischen Bevölkerung bilden.

Der Sesam gedeiht am besten in möglichst gleichmäßig warmem Klima auf

leichtem, lehmig-sandigem Boden. Sein Anbau erfordert keine große Mühe

und bringt in der Regel reiche Erträge. Die ganze Kultur der Pflanze

liegt in den Händen der Eingeborenen, die ihn vorzugsweise als Brotkorn

für ihren eigenen Bedarf bauen und nur aus dem Überschuß des Ertrages

Öl pressen, das sie meist verkaufen. Eine vorzügliche Sorte baut man in

Ägypten und Palästina an, wo aus Sesammehl die berühmte Fastenspeise

~chalba~, eine Art mit Zitronat und Honig versetzter Kuchen, bereitet

wird. Die grob zerstoßenen Samen dienen auch zur Herstellung eines

nahrhaften Breies, der selbst Europäern mundet, und das gewöhnliche

Brot, wie auch alle Kuchen, werden mit den ganzen Samen bestreut, so

wie man bei uns den Mohn- oder Kümmelsamen verwendet. Meist jedoch wird

auch hier das in ihnen enthaltene Öl ausgepreßt und im Haushalt als

Speiseöl und zur Beleuchtung verwendet, während die Preßkuchen Menschen

und Tieren als Nahrung dienen.

Das Sesamöl ist von süßlichem, sehr angenehmem Geschmack, völlig

geruchlos und wird erst nach langer Zeit durch Aufnahme von Sauerstoff

aus der Luft ranzig. Da die Sesamsamen durchschnittlich 56 Prozent

desselben enthalten, ist der Ertrag daran ein sehr reichlicher. Doch

schwankt bei ihnen wie bei allen hier zur Besprechung gelangenden

andern Fettlieferanten der Fettgehalt je nach Klima und Kulturmethode;

auch ist die Ausbeute an Öl je nach der Gewinnungsmethode verschieden.

Stets werden die Samen zuerst in Stampfen oder neuerdings zwischen

Walzen zerquetscht und unter Zusatz von Wasser auf Filtergängen

gemahlen, um die Zellen, die das Öl enthalten, zu zerreißen. Aus den

tropischen oder subtropischen Produktionsländern gelangt der als

Überschuß der Ernte verkaufte Sesam meist als Samen nach Europa,

und zwar hauptsächlich nach Marseille, wo erst das Öl in großen

Pressen gewonnen wird, um dann bei der Kunstbutterbereitung, bei

der Seifenfabrikation und zum Verschneiden des Olivenöls Verwendung

zu finden. Die Rückstände, welche außer Fett noch 36 Prozent Eiweiß

enthalten, liefern ein sehr wertvolles Viehfutter. Ostindien führt

jährlich gegen 200 Millionen kg Sesamsamen und 13,5 Millionen kg

Sesamöl aus; Ost- und Westafrika exportiert etwa halb soviel.

Deutschlands Sesameinfuhr beträgt jährlich etwa 615 Millionen kg im

Werte von 15 Millionen Mark.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 42 / 77 段