Das weitaus nützlichste Kulturgewächs aber, das der an Pflanzen

mit eßbaren Wurzelknollen so reiche Kontinent Amerika den Ländern

mit gemäßigtem Klima, so vor allem auch Europa schenkte, ist

die +Kartoffel+ (~Solanum tuberosum~). Bedenken wir, daß allein

Deutschland jährlich etwa 30 Milliarden kg Kartoffeln erzeugt und

zum weitaus größten Teil als Nährfrucht verbraucht, ferner daß in

diesem Lande ein volles Achtel des Ackerlandes auf den Anbau dieser

Knollenfrucht verwendet wird, so kann man schon daraus ermessen, welche

ungemein große Bedeutung dieser Amerikanerin allenthalben, wo Europäer

sich niedergelassen haben, zukommt. Sie stammt aus den gemäßigten

Gegenden des westlichen Südamerika, dem Gebiete der Anden von Chile

und Peru, und wurde daselbst seit ältester Zeit von den Eingeborenen

als Nahrungsmittel verwendet und im Laufe vieler Jahrhunderte durch

Kulturauslese zu der hochgezüchteten Knollenfrucht, wie sie den

Europäern bei der Entdeckung des Inkareiches entgegentrat, entwickelt.

Ihr Wert beruht ausschließlich in den stärkemehlreichen Knollen, die

keine Wurzelanschwellungen, sondern zu Reservestoffspeichern verdickte

unterirdische Stengel analog den Ausläufern der Erdbeerpflanze sind

und wie die übrigen Teile der Pflanze namentlich dicht unter der Haut

den Giftstoff Solanin enthalten, der allerdings bei den Kultursorten

ein sehr unbedeutender ist und leicht durch Kochen beseitigt wird.

Immerhin sind auch bei uns schon Vergiftungsfälle vorgekommen, so

namentlich, wenn zu junge, unzeitige Knollen mit der Schale gegessen

wurden. Die Blätter erzeugen das Stärkemehl, das in den unterirdischen,

verdickten Stengeln aufgespeichert wird. Im Gegensatz zu diesen blaß

bleibenden Trieben unter der Erde ergrünen die oberirdischen Triebe und

erzeugen außer den dunkelgrünen Blättern, welche mit Hilfe der Energie

der Sonnenstrahlen die Kohlensäure der Luft zerlegen, den Sauerstoff

ausatmen und den Kohlenstoff zurückbehalten, um ihn in Verbindung

mit den Bestandteilen des Wassers zum Aufbau der Stärkemehlkörnchen

zu verwenden, an ihrem Gipfel Dolden von weißen, rötlichen oder

violetten Blüten, je nachdem die Knollen weiße, rötliche oder

violette Schalen bilden. Die Frucht ist die bekannte grüne, zuweilen

weißliche, etwas über kirschgroße Beere, die viele Samen enthält.

Die Zucht aus Samen ist zur Bildung neuer Formen durch Kreuzung von

einer gewissen Bedeutung; doch wird sie für die Vermehrung der Pflanze

nicht verwendet, da die Knollen der daraus gezogenen Kartoffeln, wie

diejenigen der wild wachsenden Arten höchstens pflaumengroß werden.

Letztere sind erst durch langjährige Kultur dazu gebracht worden, viel

größere Knollen zu erzeugen, die man dann auf vegetativem Wege vermehrt.

So wird die Kartoffel lediglich durch Knollen vermehrt, die,

sobald sie über eine bestimmte Größe hinausgehen, unbeschadet der

Wachstumsmöglichkeit in Stücke geschnitten werden können, an denen

dann die daran befindlichen Augen austreiben. Durch die Boden-, weniger

durch die Klimaverschiedenheit nimmt die Kartoffel unter auffallender

Vergrößerung mannigfaltigste Form, Farbe und Beschaffenheit an und

ändert sich der Ertrag und der Stärkemehlgehalt ihrer Knollen. Sie

gedeiht am besten in einem tiefgründigen, lockeren, etwas sandigen

Boden in warmer, sonniger Lage; in feuchtem Lehmboden oder in nassem

Moorboden verringert sich sowohl der Ertrag an Knollen, als auch ihr

Stärkemehlgehalt ganz bedeutend. Die Saatknollen wählt man im Herbst

aus und lagert sie sorgfältig. Im Frühjahr setzt man sie in Reihen.

Die Triebe entwickeln sich nun kranzförmig rings um die Mutterknolle

und werden in der Weise angehäufelt, daß in die Mitte derselben Erde

gebracht wird, so daß die unbedeckt bleibenden beblätterten Stengel

sich sternförmig nach außen niederbiegen und bei mehrmaligem Anhäufeln

ein flacher Erdhügel entsteht, in welchem sich die jungen Knollen

ausbilden. Die frühesten Sorten werden schon Mitte Juli reif, doch

erfolgt die Haupternte erst im September und Oktober, nachdem das

Kraut abgedorrt ist. Das Ausnehmen geschieht mit Hacke und Forke

(vom lateinischen ~furca~, Gabel), oder mit dem Pfluge. Die großen

Ansprüche, welche die Aussaat und die Ernte der Kartoffeln an die

menschliche Arbeitskraft stellen, haben neuerdings zur Erfindung

von besonderen Maschinen zum Legen und Ausgraben der Knollenfrüchte

geführt. Zur Erzielung gesunder und sehr großer Kartoffeln sollte jede

Saatknolle einen Wachsraum von 1 qm erhalten; doch begnügt man sich

meist mit einem bedeutend kleineren Raum. Durchschnittlich erntet man

pro Hektar 13000-18000 kg, doch können die Erträge unter günstigen

Umständen auf 20000-40000 steigen. Die Knollen sollen in trockenen,

kühlen Kellern aufbewahrt werden. Gleich nach der Ernte reifen sie

noch nach, wobei sie Kohlensäure abgeben und Wärme entwickeln, wie

alle Lebewesen überhaupt beim Lebensprozesse. Bald nimmt dann die

Lebenstätigkeit ab und ruht fast völlig, bis sie im Frühjahr neu

erwacht. Dies geschieht um so später, je kühler und trockener sie

lagern. Sie halten deshalb im Frühjahr auf einem luftigen Boden viel

länger ohne zu keimen als im Keller, und wenn sie auch einschrumpfen,

so werden sie durch Legen ins Wasser leicht wieder glatt. In den

austreibenden Keimen findet sich besonders der Giftstoff Solanin,

so daß diese sorgfältig vor dem Genusse der Knollen entfernt werden

müssen. Bis zum Frühjahr verlieren sie etwa 10-12 Prozent ihres

Gewichtes durch Atmung. Bei starken Kältegraden tritt ein Erfrieren

der Kartoffeln ein, wobei das Leben der Knollen getötet wird und sie

nach dem Auftauen infolge der Desorganisation sehr rasch faulen. Bei

geringen Kältegraden, schon bei +2-3° C., tritt ein Süßwerden der

Kartoffeln ein, was oft auch Erfrieren genannt wird. Die Ursache

liegt darin, daß bei derartigen Temperaturen die Knollen den aus

dem Stärkemehl sich bildenden Zucker nicht veratmen können und ihn

aufspeichern. Bewahrt man solche süßgewordene Kartoffeln mehrere Tage

bei Temperaturen von 10-16° C. auf, so verliert sich dieser unangenehme

Geschmack infolge Verbrennens des angesammelten Zuckers. Wird eine

Kartoffel gekocht, deren Reservevorrat noch intakt ist, dann quellen

die in ihr enthaltenen Stärkekörner durch Wasseraufnahme stark auf,

drücken mit großer Kraft gegen die Wände der Zellen, in denen sie

eingeschlossen sind, und bewirken dadurch, daß die Gänge und Spalten

zwischen den einzelnen Zellen und die Zellen selbst aufgerissen werden

bis zu ihrer völligen Trennung. Zu junge Knollen und solche, aus denen

im Frühjahr das Stärkemehl teilweise wieder verschwunden ist, indem

es zur Ernährung der austreibenden Knospen verwendet wurde, werden

begreiflicherweise nicht mehr „mehlig“.

Die Kartoffel wird jetzt überall auf der bewohnten Erde kultiviert,

wo es ihr nicht zu warm oder zu kalt ist. In Europa geht sie bis zum

70° nördlicher Breite und in Deutschland bis zu 1000 m Meereshöhe;

im Kanton Bern findet sie sich noch bei 1400 m und im Kanton Wallis

am Simplon mit der Saubohne sogar bis zu 2000 m über Meer angebaut.

Die gegen 3000 kultivierten Spielarten werden nach der Form in

runde oder Lärchenkartoffeln, spitze oder Hornkartoffeln und lange

oder Nierenkartoffeln, nach der Reifezeit in frühe, mittelfrühe und

späte Kartoffeln, endlich nach der Verwendung in Speise-, Futter-

und Brennkartoffeln eingeteilt. Letztere werden vorzugsweise zur

Bereitung von Spiritus verwendet. Sie enthalten 9-25, im Mittel

18 Prozent Stärkemehl neben bloß 0,6-4,4, durchschnittlich 2,0

Prozent Eiweißstoffen und rund 1 Prozent Gummi und Salzen, besonders

viel Kalisalzen. Indem nun diese Kalisalze nach dem Essen von

Kartoffeln ins Blut gelangen, entziehen sie der Chlornatrium-, d.

h. Kochsalzlösung des Blutes teilweise das Natron, das sich mit dem

Kali als dem stärkeren Alkali verbindet und als für den Körper nicht

weiter verwendbarer Stoff durch die Nieren ausgeschieden wird. Dieser

Kochsalzverlust muß nun durch Einnahme dieser Verbindung gedeckt

werden; deshalb schmeckt uns die Kartoffel nur mit Salz und mit

gesalzenen Speisen wie Heringen, die gleichzeitig das ihr fehlende

Eiweiß enthalten. Jedenfalls ist die Kartoffel weniger nahrhaft als das

Getreide, weil in ihr das Stärkemehl mit einer weit geringeren Menge

Eiweiß als in jenen verbunden ist. Unmöglich können wir mit ihr allein

auskommen, sondern müssen Fett durch Schmälzen und etwas Eiweiß in Form

von Hülsenfrüchten, Brot oder Fleisch dazu genießen. Dann ist sie eine

sehr gute Speise, die wir auch tatsächlich nicht mehr missen möchten.

Diese Knollenfrucht wurde zuerst von den Indianern der chilenischen

Anden in Pflege genommen und nach und nach durch Kulturauslese zur

großknolligen, nahrhaften Nutzpflanze erhoben. Die noch jetzt zwar

nicht mehr auf dem Festlande, wohl aber auf der chilenischen Insel

Chiloe an steilen, felsigen, meist in der Nähe der Seeküste in

gemäßigter Lage wildwachsend angetroffene Kartoffelpflanze bringt nur

kleine, unschmackhafte, wässerige Knollen hervor und hat immer weiße,

und zwar im Gegensatz zur kultivierten, wohlriechende Blüten. Im alten

Kulturreiche der Inkas, das außer Peru auch Chile und Ekuador umfaßte,

wurde diese Nährfrucht, die, nach der Zahl der schon damals vorhandenen

Spielarten zu urteilen, schon seit Jahrtausenden in Kultur gestanden

haben muß, überall angepflanzt, als der vormalige Schweinehirt, dann

Soldat Francisco Pizarro mit einem Häuflein von Glücksrittern wie er

selbst, die Uneinigkeit im Hause der „Sonnensöhne“ klug benutzend,

durch Treulosigkeit, Verrat und unerhörte Grausamkeit das Land

im Jahre 1533 einnahm, um dann 1541 63jährig von seines Genossen

Almagros Sohn ermordet zu werden. Zuerst finden wir die Kartoffel in

einer im Jahre 1553 in Sevilla gedruckten Chronik Perus von Petrus

Ciça als trüffelartige Frucht erwähnt. Bald nach 1560 brachten die

Spanier sie in ihre Heimat nach Spanien, von wo aus sie nach Italien

gelangte. Hier nannte man sie nach ihrer Ähnlichkeit mit der Trüffel

~tartufulo~, d. h. Trüffel, woraus dann die Deutschen, als sie von

Italien her mit dem Knollengewächs bekannt wurden, ihre zu Anfang des

17. Jahrhunderts noch allgemein gebräuchliche Bezeichnung Tartuffel

bildeten, das später in Kartoffel umgeändert wurde. Der Erneuerer der

Botanik Clusius (eigentlich Charles de l’Ecluse, 1526 in Arras geboren,

war von 1573-1587 Hofbotaniker in Wien und von 1593 bis zu seinem 1609

erfolgten Tode Professor der Pflanzenkunde in Leiden in Holland),

schreibt in seinem 1609 erschienenen Buch über ausländische Pflanzen,

dieses Knollengewächs sei in Italien sehr gemein; man genieße die als

~tartufoli~ bezeichneten Knollen wie die Rüben und den Pastinak zum

Fleisch, füttere aber damit vorzugsweise die Schweine. Die ersten

Kartoffeln erhielt jener Gelehrte zu Anfang des Jahres 1588 von einem

Freunde aus Belgien zugesandt. Damals war sie aber, durch die spanische

Herrschaft eingeführt, teilweise schon in Burgund in Kultur.

Unabhängig von der Einführung durch die Spanier in die iberische

Halbinsel, von wo sie sich dann nach Italien und dem übrigen Südeuropa

verbreitete, gelangte die Kartoffel nach England. Und zwar herrschte im

18. und teilweise noch im 19. Jahrhundert bei den Gelehrten allgemein

die Ansicht, daß sie zuerst durch den Engländer Franz Drake nach

England eingeführt worden sei, von wo aus sie dann ihren Siegeszug

nach dem europäischen Kontinent angetreten habe. Deshalb wurde diesem

verdienten Manne 1853 ein Denkmal in der badischen Stadt Offenburg

gesetzt. Diese Annahme hat sich bei genauerer Untersuchung als durchaus

unrichtig erwiesen. Diesem Manne kommt nur das Verdienst zu, die

Batate oder süße Kartoffel nach Europa gebracht zu haben, wo es ihr

allerdings nur im Süden warm genug war, um zu gedeihen. So verbreitete

sie sich bald über die heißen Gegenden der Alten Welt, ohne den Völkern

Europas einen nennenswerten Nutzen zu bringen. Die Kartoffel dagegen

gelangte zuerst auf britisches Gebiet durch den Sklavenhändler Hawkins,

der sie bald nach 1565 aus Peru nach Irland brachte. Sie fand aber

in jenem Lande, das heute diese Knollenfrucht vor allen anderen der

Erde konsumiert, zunächst noch keine Beachtung. Im Jahre 1584 wurde

sie durch den Schiffskapitän Walter Raleigh aus Virginien abermals

nach Irland gebracht, wo er sie zunächst auf seinem Gute Yonghal

pflanzte; von dort aus kam sie nach Lancashire in England. Dann soll

Thomas Herriott 1586 ebenfalls Kartoffelknollen aus Virginien nach

England gebracht haben. Doch ist hierzu zu bemerken, daß die Kartoffel

in Virginien selbst im 16. Jahrhundert noch nicht kultiviert wurde,

sondern vermutlich auf dem Handelswege, wenn nicht durch Raub auf

einem Flibustierzuge in den Besitz der dort niedergelassenen Engländer

gelangte, um von diesen den Schiffskapitänen nach Europa mitgegeben

zu werden. Durch Franz Drake erhielt der Botaniker Gerard außer

Bataten auch einige Saatkartoffeln, die er 1596 in seinem Garten in

London anpflanzte. 1610 brachte Walter Raleigh abermals Kartoffeln aus

Nordamerika nach seiner Heimatinsel Irland. Hier aber fand sie immer

noch keine Aufnahme beim Volke, bis die Royal Society 1663 ihren Anbau

durch alle möglichen Mittel zu befördern suchte, um der hier infolge

von Mißernten des Getreides immer wieder auftretenden Hungersnot

zu steuern. Trotz allen Bemühungen von Privaten und gemeinnützigen

Gesellschaften, diese Nährfrucht im Lande einzuführen, wurde die

Kartoffel in England erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts allgemeiner

bekannt.

In Deutschland wurde die Kartoffel zuerst 1588 als Kuriosität in den

kaiserlichen Gärten von Frankfurt am Main und Wien durch den bereits

genannten Clusius unter der Bezeichnung ~Papas peruvianorum~ gepflanzt.

Erst der von einem Hugenotten aus Amiens in der Picardie stammende,

1560 in Basel geborene und hier 1624 als Stadtarzt und Professor für

Anatomie und Botanik verstorbene Kaspar Bauhin gab ihr im Jahre 1590

den ihr bis auf den heutigen Tag verbliebenen wissenschaftlichen

Namen ~Solanum tuberosum~. In Frankreich kam die Kartoffel als große

ausländische Rarität 1616 auf die königliche Tafel, ein Jahr nachdem

der 1601 als Sohn Heinrichs IV. und der Maria von Medici geborene

Ludwig XIII. unter Vormundschaft seiner Mutter die Regierung seines

Reiches angetreten hatte, als sein Vater dem Anschlage des Mörders

Ravaillac erlegen war. Um 1630 scheint sie zuerst in Lothringen und

im Lyonnais angebaut worden zu sein; aber das ganze 16. Jahrhundert

hindurch wurde sie nur versuchsweise angepflanzt und spielte als

Nährmittel noch keinerlei Rollen. Noch unter Ludwig XIV. (1638

geboren, regierte seit seines Vaters Tod am 14. Mai 1643, zuerst unter

Vormundschaft seiner Mutter Anna von Österreich und des Ministers Jules

Mazarin, dann nach des letzteren Tode 1661 selbständig bis zu seinem

1715 erfolgten Tode, sein Reich in völliger Zerrüttung hinterlassend)

war sie nur ein Leckerbissen der Vornehmen, von dem das gemeine Volk

nichts wissen mochte. Um sie nun bei der konservativ an ihrem Hirse-

und Haferbrei nebst Weizen- und Roggenbrot hängenden Landbevölkerung

einzuführen, soll ein findiger Apotheker folgende List angewandt

haben. Er versah mit Kartoffeln bestellte Felder mit Warnungstafeln,

auf denen allen, die es wagen sollten, die kostbaren Feldfrüchte zu

stehlen, empfindliche Strafen angedroht wurden. Durch diesen Kunstgriff

soll dann erzielt worden sein, was durch einfache Empfehlung nicht

erreicht werden konnte. Die Bauern der Umgegend stahlen die verbotene

Frucht und lernten sie so kennen. Der König -- es soll Ludwig XV.

gewesen sein --, die Königin und die Höflinge sollen sogar eine

Zeitlang die Kartoffelblüte im Knopfloche getragen haben, um diese

Knollenfrucht bei den Untertanen beliebt zu machen. Aber trotz allem

Liebeswerben beharrten die französischen Bauern bei der Ablehnung

der Kartoffel. Erst durch Parmentier, der sie in Deutschland kennen

gelernt hatte, fand sie bald nach 1770 zunächst im Osten des Landes

weitere Verbreitung. Als der Engländer Arthur Young kurz vor der großen

Revolution von 1791 das Land bereiste, war sie in weiten Gebieten,

namentlich in Westfrankreich, eine noch fast unbekannte Nährfrucht,

und unter hundert Bauern, meint er, hätten sich gewiß neunundneunzig

geweigert, sie auf irgendwelche Weise zubereitet auch nur in den Mund

zu nehmen. Hier wie anderswo trugen erst die Hungersnöte von 1793 und

1817 zur Überwindung des Vorurteils gegen die Amerikanerin das ihrige

bei, so daß sich die Bevölkerung nach und nach entschloß, sie bei sich

einzuführen.

In Deutschland trugen die Nöte des Dreißigjährigen Krieges viel zur

Einführung der Kartoffel bei, so daß sie hier früher als in Frankreich

sich allgemeinerer Anerkennung erfreute. Schon um die Mitte des 17.

Jahrhunderts wurde sie in Baden, Franken, Sachsen, Braunschweig und

Westfalen gebaut. Friedrich II., der Große, der von 1740 bis 1786

regierte, verbreitete durch Gewaltmaßregeln den Anbau der schon

1738 in Preußen eingeführten Kartoffel in Pommern und Schlesien. Im

Siebenjährigen Krieg, den er im Bunde mit England gegen Österreich,

Rußland, Frankreich, Schweden, Sachsen und die Mehrzahl der deutschen

Reichsstände von 1756-1763 führte, zeigte sich dann der Nutzen der

Einführung dieser Mehlfrucht, ohne welche die Not und das Elend im

Mißjahr 1770 noch viel größer geworden wären. Aber auch in Deutschland

begann erst nach Abschaffung der reinen Brache ums Jahr 1780 ihr

Anbau im großen. Als nach den Befreiungskriegen die wohlfeile Zeit

anbrach, begann man sie in umfangreichem Maße auch als Viehfutter und

zur Spiritusbrennerei zu verwenden. Um 1726 kam sie nach Schweden, um

1730 wurde sie bei Bern kultiviert und um 1760 war sie in den meisten

Ländern eine bekannte Frucht, die von 1770 an größere Verbreitung

in Böhmen und Ungarn fand. Nach Böhmen war sie von Brandenburg aus

gekommen, weshalb sie in jenem Lande heute noch Bramborg heißt.

Aber erst im 19. Jahrhundert wurde sie die beliebte und geradezu

unentbehrliche Speise, als welche sie uns heute entgegentritt. Auch

die russische Regierung wollte nicht zurückbleiben und ermunterte das

Volk zu deren Anbau durch das Aussetzen von Prämien. In Griechenland

verbreitete sich der Kartoffelbau erst, als der zum Könige des Landes

ernannte Prinz Otto von Bayern 1833 mit bayerischen Truppen in Nauplia

landete und die Verwaltung des Landes nach abendländischem Muster

organisierte. Die Engländer verpflanzten sie in alle ihre Kolonien;

schließlich fand sie auch im nördlichen China Aufnahme. Heute ist sie

über die ganze Kulturwelt verbreitet und schätzt man die Produktion in

Europa und den Vereinigten Staaten auf etwa 200 Milliarden kg, was eine

ganz respektable Zahl bedeutet.

[Illustration: Bild 24 und 25. Der die Kartoffelkrankheit bewirkende

Pilz ~Phytophthora infestans~.

~a~ ein von diesem Pilz befallenes Kartoffelblatt; ~b~ Schnitt

durch dasselbe mit den durch die Spaltöffnungen des Blattes zutage

tretenden Sporenbehälterträgern; ~c~ Reifer Sporenbehälter; ~d~ junger

Sporenbehälter mit sich zu Sporen teilenden Zellen; ~e~ freibewegliche

Sporen mit den die Bewegung vermittelnden Wimperfäden.]

[Illustration: Bild 26. Der Koloradokäfer (~Doryphora decemlineata~).

~a~ erwachsener Käfer, ~b~ Eierhäufchen, ~c~ Larven in verschiedenen

Stadien, ~d~ Puppen.]

Mit dem allgemeineren Anbau der Kartoffel stellten sich aber auch

verschiedene Krankheiten, wie sie mit Vorliebe die Kulturgewächse

heimsuchen, ein. So verursachte von 1845-1850 die von einem

Schmarotzerpilze aus der Familie der Peronosporeen (~Phytophthora

infestans~) hervorgerufene Kartoffelkrankheit verheerende Epidemien

in ganz Mitteleuropa. Vereinzelt war sie schon seit 1830, nach ihrer

Einschleppung aus Amerika, in Deutschland beobachtet worden, doch

erst seit dem regenreichen Sommer 1845, der zu ihrer Entwicklung sehr

günstig war, fand sie allgemeine Verbreitung. Seit dieser Zeit ist sie

nie mehr ganz verschwunden; doch ist die Wirkung des Pilzes offenbar

in den letzten Jahrzehnten eine schwächere geworden und verursacht

nur noch in sehr nassen Sommern größeren Schaden. Durch Infektion der

Knollen verursacht sie die Knollenfäule, die sich nur durch Verwendung

gesunder Knollen als Saatgut verhüten läßt. In neuerer Zeit hat man

mehrfach widerstandsfähigere Sorten mit dickeren Schalen gezüchtet,

die von der Krankheit weniger zu leiden haben. Von tierischen Feinden

schaden der Kartoffel namentlich Engerling, der Drahtwurm, die Raupen

der Nonne und Saateule, wie auch des Totenkopfes, endlich der nach

seiner Heimat, den Tälern des Koloradoflusses im nordamerikanischen

Felsengebirge, als Koloradokäfer bezeichnete Blattkäfer ~Doryphora

decemlineata~, der zuerst die Kartoffelernten der westlichen Staaten

Nordamerikas Jahre hindurch dermaßen vernichtete, daß man in vielen

Distrikten den Anbau der Kartoffeln ganz aufgab. Unaufhaltsam schritt

der Koloradokäfer seit 1859 nach dem Osten der Union vor, überall

permanente Kolonien gründend, und trat 1877 in der Nähe von Mühlheim

am Rhein und bei Torgau in Schlesien auf, ohne daß ermittelt werden

konnte, wie er dorthin gelangt war, obschon die meisten Staaten

Europas versucht hatten, durch ein im Frühjahr 1875 erlassenes Verbot

der Einfuhr amerikanischer Kartoffeln sich den lästigen Schmarotzer

vom Leibe zu halten. Dank dem sofortigen energischen Eingreifen der

preußischen Regierung vermochte die Gefahr in der Folge abgewendet zu

werden, wenn der Koloradokäfer auch 1888 nochmals bei Torgau, wo man

ihn vernichtet wähnte, in größerem Maße auftrat.

Von anderen südamerikanischen Nachtschattenarten mit knolligen

Reservestoffspeichern ist noch die +Sumpfkartoffel+ (~Solanum

commersoni~) zu erwähnen, die in Argentinien und Uruguay heimisch

ist und am La Plata häufig neben der Kartoffel gezogen wird, da

sie mancherlei Vorzüge vor jener besitzt. Am besten gedeiht sie in

schwerem, nassem Lehmboden, wobei das gelbe, bisweilen grünliche

Fleisch seine ursprüngliche Bitterkeit mehr und mehr verliert. Als die

Europäer nach Südamerika vordrangen, war sie die in Brasilien, wo die

Kartoffel völlig unbekannt war, allein kultivierte Knollenfrucht aus

der Familie der Nachtschattengewächse. Später wurde sie hier durch die

eigentliche Kartoffel völlig zurückgedrängt. Auch in Europa hat sie

sich bis jetzt nicht einzubürgern vermocht. So werden besonders in

Frankreich fortgesetzt Versuche zu ihrer Akklimatisation gemacht, doch

hat es bis jetzt nicht glücken wollen, sie hier zur Reife zu bringen.

Im Jahre 1901 tauchte dort plötzlich in der Kultur des Gutsbesitzers

Labergerie in Verrières (Dep. Vienne) eine sehr ertragreiche und

gegen die gewöhnliche Kartoffelkrankheit widerstandsfähige Varietät

mit violettem Fruchtfleisch auf. Außerdem zeichnete sie sich dadurch

aus, daß sie auch in den Blattachseln sehr große Luftknollen erzeugte,

die bis 21 cm lang, 8 cm breit und 850 g schwer wurden. Fünf an einem

Bächlein gepflanzte Stöcke gaben 10 kg Knollen, ein anderer deren 2,5

kg, darunter eine gegliederte Knolle von 1 kg Gewicht. Allerdings

zeigte diese vielversprechende violette Abart zahlreiche Rückschläge in

den gelben Urtypus. In Deutschland und Österreich waren die Ergebnisse

hauptsächlich wegen des Ausbleibens der Reife noch weniger günstige;

doch dürfte diese Kartoffel in einem warmen Klima vielversprechend

sein. Zudem ist sie leicht durch Kultur auf fruchtbarem Boden dahin zu

bringen, daß ihr Fruchtfleisch seine Bitterkeit verliert.

Die Indianer der Anden von Peru und Bolivia, denen wir die für die

Kulturwelt so überaus wichtige Kartoffelkultur verdanken, bauen außer

der Kartoffel eine Reihe anderer Knollengewächse an, von denen dem

einen oder anderen vermutlich eine größere Zukunft beschieden sein

mag. Unter ihnen ist die von den Peruanern +Oca+ genannte ~Oxalis

tuberosa~ die wichtigste. Diese Verwandte des Sauerklees hat große,

gelbe, in langgestielten Dolden stehende Blüten mit am Rande gekerbten

Blumenblättern und je nach der Sorte längliche oder runde, bis 7 cm

lange, im allgemeinen unter Hühnereigröße bleibende außen weiße, gelbe,

rosafarbene oder rotviolette Knollen, die 10-12 Prozent Stärkemehl

enthalten, sich leicht kochen lassen und auch gut schmecken, aber

6-10 Tage der Sonnenwärme ausgesetzt werden müssen, um den ihnen

sonst innewohnenden säuerlichen Geschmack zu verlieren. Bei längerem

Aussetzen an die Sonne verlieren die Knollen einen Teil des Saftes und

bekommen einen deutlich süßen Geschmack. Durch Frost und Mazerieren

in stehendem Wasser bereiten sich die Peruaner eine Art Käse, Caya

genannt, der trotz seines ekelhaften, faulendem Fleisch ähnlichen

Geruches von den Eingeborenen sehr geschätzt wird. Die Vermehrung

geschieht durch Knollen, die man in Abständen von einem Meter einlegt;

die Ernte erfolgt im Herbst, wenn das Kraut durch Frost zerstört ist.

Die Knollen lassen sich an einem kühlen Ort oder in trockenem Sand gut

aufbewahren; auch kann man sie den Winter über in der Erde lassen. Ihre

Zubereitung geschieht wie bei der Kartoffel; meist werden sie geschält

und etwa 20 Minuten in Wasser gekocht mit Zusatz von etwas Soda, die

ihnen eine schöne Bernsteinfarbe gibt. Mit Pfeffer und Salz geben sie

ein angenehm schmeckendes, leicht verdauliches Gericht. Der Hauptvorzug

der Oca vor der Kartoffel besteht in ihrer Ergiebigkeit, die dadurch

außerordentlich gesteigert werden kann, daß man sie anhäufelt. Die

Blätter und Spitzen der Schößlinge können wie Sauerampfer als Gemüse

gekocht oder als Salat genossen werden. Sie ist seit längerer Zeit

in Mittelfrankreich eingeführt. Eine andere, aus Mexiko stammende

vielblätterige Sauerkleeart (~Oxalis esculenta~) hat rübenförmige

Knollen von 10-20 cm Länge und 2-5 cm Dicke. In Wasser mit Salz gekocht

sollen sie ähnlich wie gelbe Rüben schmecken; auch lassen sich die

Blüten als Salat und die Blätter wie Sauerampfer verwenden. Beide Arten

verdienen es, in den Bergregionen der Tropen angebaut zu werden.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 40 / 77 段