Man schnitt vom Kohl den ganzen Sommer und Herbst über die Blätter

ab, um sie, roh oder gekocht, als Speise zu genießen. Als besonders

wohlschmeckend und zart galten nach Plinius (23-73 n. Chr.) die jungen

Sprosse. Dieser Gelehrte ist in seiner Naturgeschichte ungehalten

darüber, daß die Genußsucht unter seinen Landsleuten immer weitere

Kreise erfaßt habe und sie sich nicht mit den Speisen der biedern,

tapfern Vorfahren, vor allem auch mit dem Kohl, den jene mit Vorliebe

gegessen hätten, begnügen wollen. Er schreibt darüber: „Der Kohl, den

die Griechen nicht sonderlich schätzen, spielte bei den Römern eine

sehr bedeutende Rolle, und dessen medizinische Eigenschaften hielt Cato

für sehr wichtig. Man sät, pflanzt und schneidet ihn das ganze Jahr.

Nach dem Frühjahrsschnitt treibt er gleich wieder und diese Triebe sind

noch wohlschmeckender und zarter als die Blätter. -- Dem Schwelger

Apicius und dem von ihm verleiteten Prinzen Drusus (dem jüngeren Bruder

des Kaisers Tiberius, geboren 38 v. Chr., unterwarf im Jahre 15

v. Chr. Rätien, drang in drei Feldzügen in den Jahren 12-9 v. Chr. vom

Rhein her tief nach Germanien ein und starb auf dem Rückzug infolge

eines Sturzes vom Pferd) schmeckte der Kohl nicht und deshalb bekam er

Vorwürfe von seinem Vater Tiberius Claudius Nero.“

Plinius, der uns solches berichtet, fährt dann fort: „Statt sich mit

der einfachen Lebensweise unserer Vorfahren zu begnügen und sich

aus den eigenen Gemüsegärten die für den Unterhalt nötige Speise zu

holen, hält man es jetzt für klüger, mit Gefahr des Schiffbruchs

und des Ertrinkens in die Tiefe des Meeres zu tauchen, um dort

Austern aufzusuchen, Geflügel jenseits des verrufenen Phasisflusses

zu holen (jetzt Rioni genannter Fluß in dem durch die Giftmischerin

Medea berüchtigten Kolchis, nach dem die giftige Herbstzeitlose

~Colchicum~ genannt wurde, während die hier gemeinten Vögel die von

dort bezogenen, nach dem Phasisflusse als ~phasiani sc. galli~, d.

h. Hühner von Phasis, genannten Fasanen sind) und anderes Geflügel

(nämlich Perlhühner, von den Römern ~numidae aves~, d. h. numidische

Vögel genannt) aus Numidien (etwa dem heutigen Algerien entsprechendes

Königreich, das seit 49 v. Chr. römische Provinz war) und von den

Gräbern der Neger, oder mit Raubtieren zu kämpfen und sich von

Bestien fressen zu lassen, die man zur Speise für andere Leute fangen

wollte (bezieht sich wohl auf die Bären, deren Fleisch auch die Römer

gern aßen). In unserer Zeit hat die Schwelgerei alles aufs äußerste

gesteigert: Der Reiche will bessere Früchte essen als der Arme, er

will Weine trinken, die wuchsen, ehe er lebte, er will von vielen

Feldfrüchten nur das Mark genießen, er will anderes Brot essen als

das Volk, und das Getreide wird in allen Schichten der Gesellschaft,

bis zum ganz gemeinen Mann hinab, verschieden zubereitet. Auch in

Gemüsen macht man einen Unterschied, selbst in solchen, die man für ein

As (Kupfergeld im Werte von 4 Pfennigen) kauft. Mancher Stengelkohl

(~caulis~) wird jetzt so groß gezogen, daß ihn der Mittelstand nicht

gebrauchen kann, weil er für seinen Tisch zu groß ist. Den Spargel

(~corruda~) läßt die Natur wild wachsen, damit ihn jeder nach Belieben

stechen kann. Jetzt aber stellt man künstlich gezogenen Spargel

(~asparagus~) zur Schau und in Ravenna wiegen drei Stück davon zusammen

ein Pfund. Solche Ungeheuer werden für den Bauch gezogen! Wollte jemand

dem Vieh verbieten, Disteln zu fressen, so klänge das sonderbar; es

gibt aber Disteln (gemeint sind die Artischocken), deren Genuß sich

für arme Leute von selbst verbietet, weil sie zu teuer sind. Selbst im

Wasser liegt ein Unterschied. Der Reiche trinkt im Sommer Schnee oder

Eis und läßt sich Dinge wohl schmecken, die den Gebirgen lästig sind.“

Von den verschiedenen, im alten Rom verzehrten Kohlsorten erwähnt

Plinius den Tritianer oder Stengelkohl, der stets bis zur Spitze mit

Erde behäufelt wurde, so daß sich am Strunk keine Blätter bildeten.

Weil man von ihm nur die zarten, weißen Stengel aß, hieß diese Sorte

insbesondere ~caulis~ (d. h. Stengel). Beim Cumaner schlossen die

Blätter den Strunk ein und es bildete sich ein breiter Kopf; besonders

große Köpfe (~caput~) bildete der aus dem aricischen Tale stammende

Lacuturrische, so genannt, weil dort ein See mit einem Turm am Ufer

steht. Der Aricische wuchs nicht hoch und hatte zahlreiche, zarte

Blätter; man hielt diese Sorte für die beste, weil sie neben jedem

Blatte besondere Sprosse ausbildete. Schlanker war der Pompejaner,

dessen Blätter schmäler waren und lockerer standen. Einen dünnen

Strunk und große Blätter von scharfem Geschmack besaß der Bruttische,

während diejenigen des Sabellischen wunderlich kraus waren. Die an der

Meeresküste wachsende Kohlart ~halmyridion~ (wohl der Meerkohl ~Crambe

maritima~) aber wurde besonders auf lange Meeresreisen mitgenommen,

weil er sich, in leere Ölkrüge möglichst luftdicht eingepreßt, sehr

lange grün erhielt. Alle diese Sorten Kohl wurden nach Plinius durch

einen Reif viel wohlschmeckender.

Sauerkraut haben die alten Römer und Griechen noch nicht gekannt.

Bei ihnen konservierte man den Kohl auf andere Weise. Des Plinius

Zeitgenosse Columella berichtet uns darüber folgendes: „Gegen die

Zeit der Weinernte macht man verschiedene Kräuter ein, wie Portulak

und später Kohl, den einige auch zahme ~battis~ nennen. Diese Kräuter

werden sorgfältig gereinigt und im Schatten ausgebreitet. Am dritten

Tage wird Salz auf den Boden der Tonkrüge, in denen sie aufbewahrt

werden sollen, gestreut, dann wird jedes der genannten Kräuter für sich

hineingelegt, Essig darüber gegossen und Salz aufgestreut. Salzlake

darf man für diese Kräuter nicht in Anwendung bringen.“

So wenig als die Gartenmelde ist der Kohl von den germanischen

Stämmen des Altertums angepflanzt worden, sondern sie lernten ihn von

den Römern kennen, wobei sie aus dem lateinischen ~caulis~, d. h.

Stengel, ihre Bezeichnung Kohl für ihn bildeten. Besonders durch die

Vermittlung der Klostergärten ist dieses Gemüse im frühen Mittelalter

in den Ländern nördlich der Alpen populär gemacht worden, wobei von

den verschiedenen von den Römern übernommenen Kulturvarietäten des

Kohls besonders auch der Kopfkohl, althochdeutsch ~chapuz~ -- vom

mittellateinischen ~caputium~ (Kopf), mittelhochdeutsch ~kabez~ und

neuhochdeutsch ~kabis~ -- viel angebaut wurde. Das ganze Mittelalter

hindurch war er ein äußerst beliebtes Volksgericht, was schon dadurch

bezeugt wird, daß nach altem Brauch die Pflanzplätze für Gemüse einfach

nach der vorzugsweise angebauten Krautart Kohlgärten hießen. Ein

~Calendarium~ des 14. Jahrhunderts sagt, Kohl essen dürfe man das ganze

Jahr, nur im Dezember nicht, und ein Samländer, dem die preußischen

Ordensritter ihre Burg zu Balga zeigten und der sie dort Kohl essen

sah, riet seinen Landsleuten, die Ritter nicht anzugreifen; denn wer

könne einem Volke widerstehen, das so genügsam sei und Gras als Speise

verwende.

Die von uns heute besonders angepflanzten Kohlsorten sind: 1. der

+Blattkohl+, der der Stammform am nächsten steht, mit flacher, von

ausgebreiteten Blättern gebildeter, selten etwas aufgerichteter

Rosette an hohem Stengel; 2. der +Winterkohl+ mit hohem Stengel und

flachen, mehr oder weniger zerschlitzten, krausen Blättern, die sich

nicht zu einem Kopfe schließen; 3. der +Rosenkohl+, der dem vorigen

an Wuchs ähnlich ist und ebenfalls einen hohen Stengel bildet, an

dessen Spitze sich ein halbgeschlossener Kopf mit blasigen Blättern

befindet; aus den Achseln der unteren Blätter aber, die beizeiten

abgestoßen werden, wachsen zu kleinen, dicht geschlossenen Köpfchen

werdende Seitenknospen hervor, die zu Winterbeginn ein feines Gemüse

abgeben. Vielfach werden die ausgerissenen Stengel mit Wurzelballen

an einem frostfreien Orte, mit Laub bedeckt, aufbewahrt, damit die

„Rosen“ bleicher und zarter werden; 4. der +Wirsing+ mit blasigen,

krausen Blättern, die sich zu einem Kopfe schließen. Diese Abart heißt

auch Welschkohl, weil sie zuerst in Südeuropa kultiviert wurde und

von dort wahrscheinlich erst im 17. Jahrhundert mit andern Gemüsen

bei uns eingeführt wurde; 5. der +Kopfkohl+ oder +Kabis+, schlechthin

als +Kraut+ bezeichnet, mit ebenfalls gedrängtem Wuchs, an dem nur

die äußeren Blätter locker auseinander treten, während die nun meist

völlig glatt gewordenen inneren einen festgeschlossenen Kopf bilden.

Man unterscheidet Früh- und Spätkraut, wie auch Weiß- und Rotkraut, bei

welch letzterem die gleichfalls zu einem runden Kopfe geschlossenen

Blätter durch einen intensiven Farbstoff rot bis violett gefärbt

sind. Während der Rotkohl dünn gehobelt als Gemüse gekocht und als

Salat mit Essig und Öl, Salz, Pfeffer und Senf roh gegessen wird,

wird der Weißkohl, wie auch das Filderkraut mit länglichem, weißem

Kopfe, gehobelt und, mit Salz und Dill oder Wacholderbeeren bestreut,

in Tonnen eingelegt, wobei sich eine durch den Milchsäurebazillus

eingeleitete Gärung vollzieht und +Sauerkraut+ entsteht. Dieses mit

Recht als Nationalspeise der Deutschen bezeichnete Gericht kam erst

im Mittelalter als eine Entlehnung von den Slawen, die heute noch die

Hauptsauerkrautesser sind, zu den Deutschen, die es bis heute noch

nicht recht an die Franzosen weiterzugeben vermochten. Wie der römische

Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr. angibt,

machten die Römer zwar auch Kohl ein, aber in ganzen Köpfen mit Salz

überstreut und Essig übergossen. Diese als ~compositum~ -- woraus dann

das mittelhochdeutsche ~kumpost~ hervorging bezeichnete Kohlkonserve

wurde als römisches Erbe in den Klöstern des frühen Mittelalters

hergestellt, fand aber keinen Eingang beim Volke. Erst das slawische

Verfahren der Sauerkrautbereitung hat dann wenigstens in Deutschland

allgemeine Verbreitung gefunden.

Während wir das Sauerkraut nur als Gemüse zu Kartoffeln oder Erbsen

mit Schweinefleisch essen, verzehren es die Russen häufig in der

Suppe. Es ist ein Bestandteil der zwei russischen Nationalsuppen,

~Borschtsch~ und ~Schtschi~ genannt. Beides sind mit einem Stück

gekochtem Rindfleisch und viel Gemüse hergestellte Fleischbrühen.

Erstere enthält außer Weißkohl hauptsächlich rote Rüben und Tomaten,

die sie ganz rot färben, letztere dagegen vorzugsweise Spinat oder

Sauerampfer, die ihr eine grüne Farbe verleihen. Zu beiden wird in

verhältnismäßig großen Töpfen säuerlicher Rahm genossen. Überhaupt ist

der Kohl in der verschiedensten Zubereitung ein Hauptnahrungsmittel der

niederen Bevölkerung Rußlands wie bei uns die Kartoffel, und wird in

gewaltigen Mengen angepflanzt. Auch das Militär pflanzt seinen eigenen

Kohl; jede Truppeneinheit bekommt ihr besonderes Kulturfeld, und

diejenige Kompagnie, die den besten Kohl erzielt hat, wird vom Kommando

ausgezeichnet.

Alles Kraut, auch das Sauerkraut, will nach schon altrömischer

Gewohnheit reichlich mit Fett, Speck oder Schmalz gekocht sein.

Wie einst in Italien und dann im Mittelalter bei uns sind heute

noch Kohlsuppen und Kohlgemüse durch ganz Europa in fast allen

Gesellschaftskreisen beliebt. Er ist auch ein Bestandteil des

englischen Nationalgerichtes, ~joint~ genannt, das in der Weise

hergestellt wird, daß man in derselben Pfanne Kartoffeln mit Spinat und

Kohl ohne Butter, aber mit Schaffleisch ohne Salzbeigabe kocht.

Weiter haben wir 6. den +Kohlrabi+, bei dem auf Kosten und unter

ziemlicher Unterdrückung der Blattbildung sämtliche Nährstoffe

sich im stark verdickten, fleischigen Stengel ansammeln. Dadurch

ist der anfangs dünne Strunk zu einem fleischigen, grünen, weißen

oder rotvioletten Knollen angeschwollen, aus dem dann die Blätter

entspringen. Wie beim Früh- und Spätkraut gibt es auch bei ihm eine im

Herbst gesäte frühe Sorte, welche aber weniger fein ist als die späte,

im Frühjahr gesäte. Dieser wird als geschätztes Gemüse gekocht, dem man

die zarteren Blätter beifügt; 7. der +Blumenkohl+, dessen Blütenstand

zu einer fleischigen Masse entartet ist und weitaus das feinste Gemüse

aus der Kohlsippe liefert. Neuerdings wird er massenhaft aus Italien,

wo seine Kultur in der neueren Zeit sehr schwungvoll betrieben wird,

zur Winterszeit bei uns eingeführt; 8. der +Spargelkohl+, mit seinem

italienischen Namen auch ~Broccoli~ genannt. Er wurde, wie schon aus

dem Namen hervorgeht, aus dem Süden bei uns eingeführt.

In West- und Südeuropa werden noch verschiedene andere Kohlarten

kultiviert, so der durch starke Verlängerung des Stengels

hervorgegangene +Baum-+ oder +Riesenkohl+, eine Abart, welche

Mannshöhe erreicht und hauptsächlich als Futtergemüse angebaut wird.

Von ihm werden jeweilen nur die Blätter abgebrochen und als beliebtes

Gemüse auch für den Menschen gekocht. In Portugal bilden seine Blätter

eine Hauptspeise der Bevölkerung, und auf der englischen Kanalinsel

Jersey, wo diese Kohlsorte 4-5,5 m hoch wird, macht man aus seinen

Stengeln, die sonst, getrocknet, höchstens als Brennmaterial Verwendung

finden, seit etwa 40 Jahren Spazierstöcke, die als Spezialität der

Insel gerne von den Fremden als Andenken mitgenommen werden. Auch im

ganzen Morgenland bis Persien und Abessinien wird allerlei Kohl zum

Teil in solch hohen Formen gepflanzt und von den Eingeborenen gerne

roh, mit Knoblauch oder Zwiebeln und Brot gegessen.

In ihrer Verwandtschaft zu den Kohlgemüsen am nächsten stehend, aber

von einer anderen, gleichfalls wie der wilde Kohl im nordwestlichen

Deutschland noch teilweise wild, sonst aber allenthalben verwildert

vorkommenden Stammpflanze, dem Raps (~Brassica napus~) sich ableitend,

den wir unter den ölliefernden Pflanzen kennen lernen werden, ist die

als +Kohlrübe+ oder +Erdkohlrabi+ (~Brassica napobrassica~) bekannte

Rübe, deren gelbe Varietät ein beliebtes Speisegemüse bildet, während

die weiße meist nur als Viehfutter benutzt wird. Diese Rübe mit

ihren bis kindskopfgroß anschwellenden Wurzelknollen ist wohl die

anspruchsloseste von allen Gemüsesorten, da sie in äußerst exponierter

Lage und in jedem Boden, in welchem andere Kohlarten unmöglich mehr

fortkommen, noch gut gedeiht.

Je primitiver der Kulturzustand eines Volkes ist, um so größer

ist die Auswahl der wildwachsenden Kräuter, deren saftige, grüne

Blätter gesammelt und, anfänglich roh, später, mit der Erfindung von

Kochgeschirren, in denen Wasser zum Sieden gebracht werden konnte,

auch gedämpft und mit Salz versetzt und so schmackhafter gemacht,

verspeist wurden. Um sich das mühsame Suchen nach dergleichen Speise,

wie auch nach eßbaren Wurzeln und Samen der verschiedensten Pflanzen

zu erleichtern, war es sehr naheliegend, daß hier und dort eine um

ihre eigene Ernährung und diejenige ihrer Kinder besorgte Frau, zu

deren Hauptbeschäftigung das Suchen von pflanzlicher Speise gehörte,

an nur ihr bekannten, leicht erreichbaren Orten solche durch Aussaat

anpflanzte und so den ersten Grund zum Hackbau legte. Durch Auswahl der

kräftigsten und die gewünschten Eigenschaften vorzugsweise aufweisenden

Exemplare zur jeweiligen Vermehrung durch Samen ergab sich dann von

selbst eine Kulturauslese, welche nach und nach zur Rassenverbesserung

führte. Wenn wir nun, wie vorhin erwähnt, solche Mengen von Meldesamen

in der über 4000 Jahre alten Kulturschicht des spätneolithischen

Pfahlbaues von Robenhausen im Kanton Zürich finden, so dürfen wir wohl

den naheliegenden Schluß daraus ziehen, daß das meiste desselben,

wenn nicht aller, aus kultivierter Melde und nicht von wildwachsender

gesammelt wurde, da ja jene Leute einen ausgedehnten Hackbau am Lande,

in der Nähe ihrer Pfahlbauansiedelungen, betrieben und verschiedene

Getreidearten und Lein, nebst Mohn, Erbse, Pastinak und Möhre

pflanzten, zu denen in der Bronzezeit die uns später in einer etwas

ergiebigeren Art mit größeren Samen bei den Kelten entgegentretende

Zwergsaubohne und kleine Feldlinse, beide damals noch mit äußerst

kleinen Samen, hinzukamen.

Jedenfalls ist seit Urzeiten neben anderen saftigen Kräutern auch

die +Brennessel+ (~Urtica urens~ und ~dioica~) gesammelt und als

Gemüse verspeist worden, wie dies heute noch manchenorts auch bei uns

geschieht. So sagt schon der berühmte griechische Arzt Hippokrates (460

bis 364 v. Chr.): „Die Nessel (~knídion~) gehört zu denjenigen Stoffen,

die den Leib reinigen.“ Theophrast im 4. Jahrhundert v. Chr. sagt:

„Will man Nesseln essen, so brüht man sie vorher ab.“ Der römische

Dichter Horaz (65-8 v. Chr.) schreibt in einer seiner Episteln: „Man

kann ganz einfach von Kräutern (~herba~) und Nesseln (~urtica~)

leben.“ Meist wurden sie gepfeffert genossen, wofür der unter Tiberius

lebende römische Feinschmecker M. Gabius Apicius in seinem berühmten

Kochbuch folgendes Rezept gab: „Man siede Nesseln, seihe das Wasser ab,

zerkleinere sie fein mit dem Wiegemesser und dämpfe das Gewiegte auf

heißer Asche mit Olivenöl, füge Fischsülze (~garum~) und gestoßenen

Pfeffer hinzu, verrühre die Mischung mit Zusatz von Eiern und bestreue

das Gericht mit Pfeffer.“ Plinius berichtet, daß die Brennessel zur

Blutreinigung genossen werde: „Die jungen Frühjahrstriebe gewähren

eine nicht unangenehme Nahrung, auf deren Gebrauch manche Leute

gewissenhaft halten, weil sie glauben, dadurch für das ganze Jahr jede

Krankheit abhalten zu können. Die Wurzel der Nessel bewirkt auch,

daß Fleisch, mit dem sie gekocht wird, zarter wird. Die Nessel dient

in sehr verschiedener Weise zu Heilzwecken, worüber namentlich der

(griechische) Naturforscher Phanias geschrieben hat. Ihr Samen muß zur

Erntezeit gesammelt werden, und man bezieht den besten von Alexandria.“

Nesselsamen mit Pfeffer gekocht wurde nach Ovids ~ars amandi~ von

manchen Leuten als Aphrodisiakum genommen, auch wurde daraus, wie

Plinius berichtet, Öl gewonnen. Der 87 v. Chr. in Verona geborene und

57 in Rom gestorbene römische Dichter Catull schreibt in einem seiner

kleinen Gedichte: „Ich habe einen tüchtigen Schnupfen und Husten gehabt

und mich mit Basilie (~ocimum~) und Nessel kuriert.“ Der griechische

Arzt Galenos dagegen (geb. 131 n. Chr. in Pergamon, praktizierte

daselbst und dann in Rom, wo er um 200 starb) meint: „Die Brennessel

hat nur geringe Kräfte, wird aber von Leuten gegessen, die Hunger

haben, und bekommt ihnen gut.“

Noch im Mittelalter wurden die Blätter und Samen des wilden +Senfes+,

wie auch des +Sauerampfers+ (~Rumex acetosa~) bei uns gesammelt

und gegessen, wie wir heute noch die zarten, jungen Blätter des

+Löwenzahns+ (~Taraxacum officinale~) sammeln, um sie wie Spinat

gekocht oder als Salat angemacht zu verspeisen. Durch Kultur ist aus

dem wilden Sauerampfer eine langblätterige Varietät als +spanischer

Spinat+ und eine breitblätterige Varietät als +französischer Spinat+

oder +Oseille+ hervorgegangen. Wurzel, Kraut und Früchte des

Sauerampfers wurden früher arzneilich verwendet, und heute noch dienen

die viel oxalsaures Kali enthaltenden Blätter als Zutat zu Suppen und

Gemüsen, wie auch als Salat. In den Klostergärten des Mittelalters

wurde der an grasreichen gedüngten Stellen der Alpweiden gefundene

+Alpensauerampfer+ (~Rumex alpinus~) kultiviert, um den fleischigen,

verzweigten Wurzelstock als Rhabarbersurrogat zu benutzen. Als

+englischen Spinat+ oder +Gartenampfer+ wird besonders in England

die 2 m hohe, zweijährige Ampferart ~Rumex patientia~ angebaut, die

in Mittel- und Südeuropa wild wächst. Unser +Spinat+ oder +Binetsch+

(~Spinacia oleracea~) ist eine Meldenart, die im wilden Zustande

nicht mehr gefunden wird, doch, wie ihre nächsten Verwandten, aus

dem Hochlande von Iran stammen dürfte. Den Griechen und Römern war

sie unbekannt. Die Kultur des Spinats scheint am Ende des Altertums

unter dem Namen ~ispany~ in Persien aufgekommen zu sein und gelangte

dann einesteils als ~isfany~ nach Indien und unter dem chinesischen

Namen „persisches Kraut“ bis in die Mandschurei, anderenteils als

~isfanâdsch~ zu den Arabern, die ihn zuerst nach Europa, und zwar nach

Spanien brachten, von wo er sich als französisch ~épinards~, englisch

~spinage~, hochdeutsch Spinat und süddeutsch Binetsch weiter nach

Norden verbreitete. Jedenfalls war er bei uns noch im 16. Jahrhundert

neu und wenig bekannt. Man kultiviert ihn als im Frühjahr gepflanzten

Sommerspinat mit länglicheirunden Blättern und ungehörnten Früchten,

und als Winterspinat, der im Herbst gesät und im Frühjahr geschnitten

wird, mit spießförmigen, zweizähnigen Blättern und Früchten mit 2-4

stachelartigen Hörnchen. Ersterer wird bevorzugt, weil er weniger

leicht in Samen schießt. Die Blätter liefern gedämpft und gehackt ein

sehr zartes, blutbildendes Gemüse, das gerne als Fastenspeise genossen

wird. Zu diesem Zwecke füllt man in Griechenland Gebäck mit Spinat und

einigen Gewürzkräutern, und in Frankreich verbäckt man den Samen zu

Brot.

Als +neuseeländischer Spinat+ wird seit dem Jahre 1772 auch in Europa

eine dem Portulak verwandte, in Neuseeland, Australien und den

Norfolkinseln heimische, 1 m hohe ästige Eiskrautart (~Tetragonia

expansa~) mit eirunden Blättern, gelblichgrünen Blüten und

vierhörnigen, fest sitzenden Früchten kultiviert, die schon länger auch

in Südamerika und Japan gepflanzt wird. Als Nährpflanze viel wichtiger

ist der +Peruspinat+ oder die +Reismelde+ (~Chenopodium quinoa~),

eine unserem gemeinen Unkraut, der weißen Melde ähnliche, mehlig

bestäubte, gegen 1 m hohe Pflanze mit ovalen und eckigen Blättern,

in sehr ästigen Rispen vereinigten Blüten und gelblichweißen Samen.

Wegen letzteren, die in Wasser oder Milch abgekocht, in Breiform

oder auch zu Mehl gestampft und dann geröstet als ein schmackhaftes

und tägliches Nahrungsmittel an Stelle des Getreides im westlichen

Südamerika von Chile bis Mexiko gegessen werden, wird diese in Chile

und Peru noch in einer Höhe von 4000 m über Meer, wo Roggen und Gerste

nicht mehr gedeihen, angepflanzte Meldenart als das Hauptnahrungsmittel

neben den Kartoffeln geschätzt. Auch die Blätter geben, wie bei uns

Spinat und Gartenampfer, ein gutes Gemüse. Alexander von Humboldt,

der von 1799-1804 mit Bonpland Süd- und Mittelamerika bereiste, gab

die ersten Nachrichten über diese Kulturpflanze, deren Spielart

mit weißen Samen als die ergiebigste gilt und zum Anbau auch für

Norddeutschland paßt. Als +Erdbeerspinat+ wird die aus Südeuropa

stammende Blattmelde (~Chenopodium foliosum~) teils ihrer wie Spinat

benutzten Blätter, teils der zahlreichen, hochroten, erdbeerähnlichen,

aber fade schmeckenden Früchte wegen kultiviert. Die Beeren geben eine

wenig haltbare Farbe. In der Walachei schminken sich die Bauernweiber

mit ihnen. Wie die weiße und grüne Melde, deren Blätter auch bei uns

in manchen Gegenden als Gemüse gesammelt und, wie Spinat gekocht,

gegessen werden, Kulturpflanzen Ostindiens sind, so wird auch bei uns

die im nördlichen Europa bis Sibirien heimische, schon bei den Alten

als Speise verzehrte +Gartenmelde+ oder +wilder Spinat+ (~Atriplex

hortense~) mit herzförmig-dreieckigen, gezähnten, roten Blättern

stellenweise, so besonders in Frankreich als ~arroche~, angebaut.

Von ihrer strauchartigen Verwandten, der an den europäischen Küsten

wachsenden +Portulakmelde+ (~Atriplex portulacoides~), werden die

jungen Sprosse wie Kapern eingemacht, während die säuerlichsalzigen

Blätter und zarten Stengel der in Südeuropa heimischen +Meermelde+

(~Atriplex halimus~) in England und Holland als Salat gegessen werden.

Die jungen Sprosse ersetzen in Portugal den Spargel.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 32 / 77 段