Die +Mohrrübe+ oder +Möhre+, auch +gelbe Rübe+ genannt (~Daucus

carota~), stammt von einem bei uns auf trockenen Wiesen und an

Wegrändern häufig angetroffenen einjährigen Wildling, dessen dünne,

fadenförmige Wurzel von schwach aromatischem Geruch in der Kultur zu

einer dicken, fleischigen Pfahlwurzel wurde. Sie ist eine zweijährige,

30-60 cm hoch werdende Doldenpflanze, die in jedem gut zubereiteten,

dungkräftigen Boden, wenn er locker ist und eine sonnige Lage aufweist,

gedeiht. Bei Mangel an Kalksalzen im Boden sinkt der Zuckergehalt,

der bei der Speisemöhre durchschnittlich 1,58 Prozent beträgt. Bei

den Futtermöhren kommt es hauptsächlich auf großen Ertrag an. Als

Speisemöhren dienen die mit zarterer, zuckerreicher, aus Weiß rot oder

gelb gewordener fleischiger Wurzel, die sich bei den Frankfurter Möhren

allmählich zuspitzt, während sie bei den Pariser und Holländer Möhren,

die wir Karotten nennen, kurz und unten rundlich abgestumpft ist und

in ein feines Würzelchen ausläuft. Mit Trockenfutter gemengt, sind die

Mohrrüben ein sehr gedeihliches Futter für alle Haustiere und eignen

sich auch für die Mästung; auch das Kraut wird von den Rindern gern

gefressen. Der gelbrote Farbstoff heißt Karotin. Aus dem Safte bereitet

man einen Sirup, wie das süße Wurzelfleisch auch zu Kuchen verwendet

wird. Geröstet dient es als Kaffeesurrogat. Die Mohrrübe wurde wie die

gewöhnliche oder weiße Rübe nicht nur von den Griechen und Römern,

sondern auch von den germanischen Völkern vor ihrem Bekanntwerden mit

der römischen Kultur unter dem althochdeutschen Namen ~morha~ angebaut

und gern gegessen. Allerdings mögen die von ihnen kultivierten Sorten

keine besonderen Vorzüge vor denen anderer Völker gehabt haben. Wenn

nun Plinius berichtet, daß sich der Kaiser Tiberius, der von 14-37

n. Chr. regierte, seine Mohrrüben alljährlich von Germanien kommen

ließ und der Rettich in Germanien die Größe „neugeborener Kinder“

erreichte, so ist nicht etwa an einheimische Möhren und Rettiche zu

denken, die von den Germanen selbst kultiviert worden wären, sondern

handelt es sich dabei jedenfalls um eingeführte römische Sorten, die

in den Militärkolonien am Rhein gezogen wurden und unter dem kühleren

Himmel Germaniens besonders gut gediehen. Karl der Große empfahl sie

als ~carruca~ seinen Franken zur Kultur und ließ sie auf seinen Gütern

bauen. Erst im Mittelalter ist dann diese Gemüsepflanze in Mitteleuropa

recht heimisch geworden und wurde in großem Maße angepflanzt. Schon am

Anfang des 17. Jahrhunderts hatte man eine weiße und gelbe Varietät,

und seither sind zahlreiche neue Arten gezüchtet worden.

Ebenso beliebt wie die Möhre war bei den alten Römern die

+Zuckerwurzel+ (~Sium sisarum~), die zu derselben Familie der

Umbelliferen wie jene gehört und in Ostasien, speziell China,

einheimisch sein soll. Jedenfalls gelangte sie von Asien zuerst nach

den Mittelmeerländern, wo sie im Altertum ziemlich häufig angebaut

worden zu sein scheint. Die Griechen nannten sie ~sísaron~ und die

Römer, die sie von jenen durch deren unteritalische Kolonien kennen

lernten, ~siser~. Der griechische Arzt Dioskurides sagt um die

Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.: „Die Zuckerwurzel (~sísaron~)

ist allgemein bekannt. Die Wurzel schmeckt gekocht gut, bekommt

dem Magen vortrefflich und vermehrt den Appetit.“ Ein Zeitgenosse,

der Römer Columella, rät die Zuckerwurzel (~siser~) im August auf

tief umgegrabenen, gedüngten Boden zu säen und so wenig als möglich

zu versetzen, damit sie besser wachse. Und Plinius sagt in seiner

Naturgeschichte: „Die Zuckerwurzel (~siser~) hat Kaiser Tiberius

dadurch zu Ehren gebracht, daß er sie alle Jahre aus Germanien

kommen ließ. Gelduba heißt ein am Rhein gelegenes Kastell, bei dem

die Zuckerwurzel in bester Sorte wächst. Man ersieht daraus, daß sie

sich für kalte Länder eignet. Im Inneren der Wurzel befindet sich ein

Strang, den man bei gekochten herauszieht, der aber immer noch einen

großen Teil seiner Bitterkeit zurückläßt, die man jedoch durch Honig

dämpft und so in Wohlgeschmack verwandelt.“ Die infolge des großen

Zuckerreichtums von 4,5 Prozent sehr süße und zugleich gewürzhaft

schmeckende Wurzel wird heute noch als ~sisaro~ in Italien, wie auch

bei uns als schmackhaftes, nahrhaftes und leicht verdauliches Gemüse

angepflanzt. Sehr nahe mit ihr verwandt ist die ausschließlich in China

als Gemüse und geschätzte Arznei angepflanzte +Ninsiwurzel+ (~Siser

ninsing~), die früher als „indianische Kraftwurzel“ auch bei uns

offizinell war und für das beste Surrogat der kostbaren chinesischen

Ginsengwurzel (von der Umbellifere ~Panax ginseng~) galt, die in

den Gebirgen ihrer Heimat wächst und bei den Chinesen als eine der

geschätztesten Arzneipflanzen gilt und deshalb von Linné ~Panax~,

d. h. Allheilkraut genannt wurde. Die Chinesen verwenden sie gegen

Nervenschwäche, Erschöpfung und Schwächezustände aller Art; deshalb

wird sie von ihnen auch allen Arzneien als Panazee zugesetzt. 1610 kam

sie unter dem Namen ~Pentsao~ durch die Holländer nach Europa und wurde

auch hier häufig angewandt. Am meisten geschätzt wird der Ginseng der

Tartarei.

Der mit den Kohlarten, den Rüben und dem Senf nahe verwandte +Rettich+

(~Raphanus sativus~) ist, in gleicher Weise wie Pastinak, Möhre und

Zuckerwurzel aus einheimischen Wildlingen hervorgingen, aus dem als

Ackerunkraut bei uns häufigen Hederich (~Raphanus raphanistrum~)

hervorgegangen. Außer seiner fleischigen Wurzel ist er von ihm

eigentlich nur durch die gleichmäßig verlaufende, glatte Hülse

ausgezeichnet, die beim Hederich noch perlschnurartig eingeschnürt

ist. Diese Pflanze mit violetten Blüten und walzenrunden Hülsen mit

braunschwarzen, runden Samen ist wahrscheinlich in Westasien zwischen

dem armenischen Hochland und Syrien zur Kulturpflanze erhoben worden

und wird seit dem Altertum im ganzen Mittelmeergebiet in mehreren

Varietäten kultiviert. Er gedeiht besonders gut auf gedüngtem,

kalkhaltigem Boden und bedarf ziemlicher Wärme und reichlicher

Wasserzufuhr. Auf dem mit ihm bepflanzten Lande wechselt man meist mit

Salat und Sellerie ab.

Vom +Gartenrettich+ (~Raphanus sativus rapiferus~) mit großer,

weißfleischiger, außen verschieden, weiß bis gelb und braun,

rötlich oder violett gefärbter Knollenwurzel von meist scharfem

Geschmack unterscheidet man zweijährigen +Winter-+ und einjährigen

+Sommerrettich+. Der erstere bildet die ursprüngliche Art, die erst im

nächstfolgenden Frühjahr zum Samentragen angepflanzt wird, wobei die

in der Wurzel aufgespeicherten Nährstoffe zur Blüten- und Samenbildung

aufgebraucht werden. Er hält sich auch den ganzen Winter hindurch,

während der aus ihm hervorgegangene Sommerrettich schon um Weihnachten

den Geschmack verliert. Die Wurzel verdankt ihren scharfen Geschmack

einem schwefelhaltigen ätherischen Öle.

Weil er den Appetit und die Verdauung anregt, wurde der Gartenrettich

schon von den alten Ägyptern, die ihn ~nun~ nannten, angepflanzt. Der

älteste griechische Geschichtschreiber, Herodot von Halikarnassos, im

dorischen Teil der kleinasiatischen Küste zwischen Milet und Rhodos

(484-424 v. Chr.), der Ägypten und Vorderasien bereiste, meldet uns,

daß Rettiche neben Zwiebelgewächsen als Beikost den Fronarbeitern

beim Bau der Pyramide des Cheops (Chufu, um 2900 v. Chr.) in großer

Menge verabreicht wurden, wie noch zu seiner Zeit daran zu lesen

gewesen sei. Und der römische Naturkundige, der ältere Plinius (23-79

n. Chr.), schreibt in seiner Naturgeschichte: „In Ägypten wird der

Rettich sehr geschätzt, weil man aus den Samen ein reichliches Öl

gewinnt. Wenn es die Umstände irgend gestatten, säen die Ägypter lieber

Rettiche als andere Früchte; denn sie ziehen davon mehr Gewinn als

vom Getreide und geben weniger Abgaben davon.“ Auf den altägyptischen

Denkmälern des mittleren Reiches, so in verschiedenen Gräbern der

12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) von Beni Hassan, finden wir ihn

abgebildet, entweder beblättert -- so in einem Korb mit Zwiebeln --

oder unbeblättert. Letzteres ist bei einer Darstellung an den Wänden

des Tempels von Karnak der Fall, wo wir zwei deutlich als solche

charakterisierte Rettichwurzelknollen zwischen anderen Opfergaben

abgebildet finden.

Bei den Griechen und Römern war dieses Knollengewächs als Zukost zu

Brot oder Fladen sehr beliebt. Die Griechen nannten ihn ~raphanís~

und die Römer ~armoracea~, welch letztere Bezeichnung später

irrtümlicherweise von den älteren deutschen Botanikern auf den den

Alten nicht bekannten Meerrettich bezogen und deshalb diesem verliehen

wurde. Er wurde in mehreren Sorten in den Gärten gezogen. Schon der

griechische Pflanzenkundige Theophrast unterschied in der zweiten

Hälfte des 4. vorchristlichen Jahrhunderts vier Rettichsorten. Der

korinthische wachse am stärksten und bilde seine Wurzelknollen über

der Erde, statt wie die übrigen in derselben. Der liothasische, auch

thrakische genannt, sei am unempfindlichsten gegen die Winterkälte.

Der böotische aber schmecke am besten, er sei rund; der kleonäische

dagegen lang ausgezogen. Je glatter die Blätter, desto lieblicher, je

rauher aber, desto schärfer sei der Geschmack dieses Wurzelgemüses. Wie

der römische Naturforscher Plinius (23-79 n. Chr.), so sagt auch der

griechische Arzt Dioskurides (131-200 n. Chr.), daß die Wurzelknolle

des Rettichs mit Salz oder Essig verspeist werde, und daß arme Leute

auch das Kraut als Gemüse kochen. Nach Plinius soll der Rettichwurzel

durch das Kochen die Schärfe genommen werden. So werde sie milder und

könne wie Kohlrüben (~napus~) gegessen werden. Sein Saft, der ja noch

heute mit Zucker gegen Husten genommen wird, sei für die Brust heilsam.

Im Tempel zu Delphi habe man dem Apollo einen Rettich von Gold,

eine Runkelrübe von Silber und eine Rübe von Blei als Weihgeschenk

dargebracht. „Daraus sieht man, daß unser Feldherr Manius Curius nicht

in Delphi geboren ist, denn er saß, wie die Jahrbücher erzählen, an

seinem Herde und war damit beschäftigt, Rüben zu braten, als Gesandte

der Samniten kamen und ihm Gold boten, das er aber zurückwies.“

Derselbe Autor sagt, der Grieche Moschion habe ein besonderes Werk über

den Rettich geschrieben. Er soll im Winter am gesündesten zu essen

sein und stoße weniger auf, wenn man hinterher reife Oliven esse. Der

Weinstock scheue sich vor dem Rettich und ziehe sich vor ihm zurück,

wenn er neben ihm stehe. Daß die Völker nördlich der Alpen den Rettich

von den Römern kennen lernten, beweist schon das deutsche Radi und

Radieschen wie Rettich, ebenso das französische ~radis~ und englische

~radish~, das vom lateinischen ~radix~ (Wurzel), der vulgär-römischen

Bezeichnung dieser Wurzelknolle, herrührt. Erst seit dem Mittelalter,

da Karl der Große sie auf seinen Gütern anpflanzen ließ, hat sie

bei den Germanen und später auch bei den Slawen weitere Verbreitung

gefunden.

Außer dem Gartenrettich kannten die Kulturvölker am Mittelmeer wohl

bereits im Altertum die +Radieschen+ (~Raphanus sativus radicula~)

oder +Monatsrettiche+ mit kleiner, kugeliger oder rübenförmiger

Knollenwurzel und roter, violetter oder weißer Schale. Sie sind

einjährig und werden in mehreren Varietäten in Glashäusern, in

Mistbeeten oder im Freien gepflanzt. Diese stammen nicht vom

einheimischen Hederich, sondern von einer anderen, in Westasien

wildwachsenden Art. Aus Zentralasien dagegen stammt der +Ölrettich+

(~Raphanus sativus oleiferus~) mit kleiner, holziger Wurzel, aber

ölreichen Samen, der der Stammform am nächsten steht und besonders in

China angepflanzt wird. Er liefert als Sommerfrucht fast denselben

Ertrag wie der Winterraps, nur erfordert die Kultur mehr Umsicht als

diejenige des Rübsens, ist aber sicherer. Das von ihm gewonnene Öl ist

nicht ganz so gut wie Rüböl; das Stroh ist härter als Rübsenstroh,

aber die Schoten sind als Viehfutter nahrhafter als jenes. Von solcher

Verwendung der Rettiche im alten Ägypten war bereits die Rede. Ein

ostasiatischer Ölrettich ist der in Japan heimische +geschwänzte

Rettich+ (~Rhaphanus caudatus~), der dort wegen seiner langen,

genießbaren und sehr wohlschmeckenden Samenschoten im großen angebaut

wird und teilweise auch schon in unseren Gärten Eingang gefunden hat.

Ein ähnliches, schwefelhaltiges, ätherisches Öl wie die Rettiche

besitzt der +Meerrettich+ (~Cochlearia armoracea~), eine mit den

Rettichen sehr nahe verwandte, ausdauernde Kruzifere. Sie liebt

Lehmboden, wird 60-90 cm hoch, trägt weiße Blüten und elliptische

Schötchen; doch reifen an der Kulturform fast niemals Früchte. Sie

wird wegen des unterirdischen Wurzelstocks gezogen, der bei der wilden

Stammform wie auch bei der wiederum verwilderten Form nur dünn und

holzig ist, während er bei der Kulturform dick und fleischig wurde,

und ist in Ost- und Südrußland heimisch, wird aber verwildert durch

ganz Europa und neuerdings auch in Nordamerika an Flußufern gefunden.

Auf ihrer Wanderung nach Westen hat sie ihren russischen Namen Chren

weithin bewahrt; so findet er sich in allen slawischen Sprachen wieder.

Auch in Wien ist der Kren genannte Meerrettich gerade so populär wie

die saure Gurke in Berlin. Im westlichen Frankreich pflegte man ihn

früher ~moutarde des allemands~ zu nennen. Früher benutzte man ihn

auch arzneilich. Sein deutscher Name Meerrettich hat mit dem Meer

durchaus nichts zu tun und sollte Mährrettich, in der Bedeutung von

Pferderettich, geschrieben werden. Jedenfalls ist seine Ableitung durch

Verballhornung aus der mittellateinischen botanischen Bezeichnung

~armoracea~, wie sie von manchen Botanikern erklärt wird, durchaus

falsch.

Von den Römern haben die Mitteleuropäer die +weiße Rübe+, auch

+Stoppelrübe+ -- weil sie meist im Herbst auf den Stoppeln gebaut

wird -- oder Turnips genannt (~Brassica rapa rapifera~), kennen

gelernt. Dabei wurde aus dem lateinischen ~rapa~ das althochdeutsche

~raba~ und ~ruoba~. Sie ging aus der wilden Rübe hervor, deren

ursprünglich spindelförmige, dünne Wurzel durch Kultur fleischig

wurde und eine mächtige Entfaltung erlangte, und bildete schon bei

den Römern neben der menschlichen Nahrung ein wichtiges Viehfutter.

Sie wurde nach Columella, dem in Gades in Spanien geborenen römischen

Ackerbauschriftsteller im 1. Jahrhundert n. Chr., zweimal im Jahr, und

zwar zu denselben Zeiten wie der Rettich, am besten aber im August,

gesät. Er sagt, sie gebe dem Menschen und dem Vieh Nahrung und werde

besonders in Gallien in bedeutender Menge als Viehfutter angebaut. Er

gibt genau an, wie sie in Salz eingemacht werden soll. Doch die beiden

Ärzte Galenos und Dioskurides sind, wie wir heute noch, der Ansicht,

daß sie sehr wenig nahrhaft sei und blähe. Ersterer sagt, man müsse

sie zweimal kochen, wenn sie einem gut bekommen soll. Karl der Große

empfahl sie den Franken zum Anbau. Bei allen Germanenstämmen spielte

sie das ganze Mittelalter hindurch eine wichtige Rolle neben dem als

~krût~, d. h. Kraut bezeichneten, ebenfalls mit Vorliebe in Salz

eingemachten Kohl. So neckt der Begründer der höfischen Dorfpoesie,

der Minnesänger Neidhart von Reuenthal, der zwischen 1210 und 1240

dichtete, in einem uns erhaltenen Poem seine bäuerliche Geliebte mit

ihrer Vorliebe für Rüben. Mit ihrem Kraut klein gehackt, gedämpft

und mit Speck gekocht, waren sie als ~rüebekrût~ ein gebräuchliches

Klosteressen. Eine besonders wohlschmeckende Abart mit verhältnismäßig

langer, aber dünn bleibender Wurzel bilden die Teltower oder märkischen

Rüben, so genannt nach der Stadt Teltow in der Mark Brandenburg, in

deren Umgebung sie zuerst im großen gezüchtet wurden und die noch heute

Berlin und das Land weithin mit ihren Erzeugnissen versorgt.

Von den Kulturvölkern des Altertums wurde auch die +Runkelrübe+

(~beta~), von uns auch +Rübenmangold+ genannt (~Beta vulgaris~), nicht

nur vom Vieh, sondern auch von den Menschen gern gegessen. Sie ist im

Mittelmeergebiet und in Westasien heimisch und wurde, wie aus einer

Abbildung in einem Grabe der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) von Beni

Hassan bei Theben hervorgeht, in Ägypten schon zur Zeit des mittleren

Reiches kultiviert. Da sehen wir einen Mann im Lendenschurz, wie ihn

alle Arbeiter im Niltal damals trugen, ein großes, knolliges Gewächs

in Gestalt einer Runkelrübe zu einem Bündel von askalonischen Zwiebeln

auf ein großes Tragbrett legen. Heute noch wird sie in mehreren

Varietäten im Niltal kultiviert. Auch die Griechen und Römer bauten

sie als Gemüse an. Plinius sagt, man säe sie im Frühling und Herbst

und esse sie mit Linsen und Saubohnen, setze auch, um ihren matten

Geschmack zu verbessern, Senf hinzu. Die Ärzte hätten übrigens die

Meinung aufgestellt, sie sei weniger zuträglich als Kohl, und manche

wollten sie nicht essen und behaupteten, sie seien eine Speise, die nur

Starken gut bekomme. Sie wachse meist als aus der Erde hervorragende

Rübe und sei um so schöner, je breiter sie werde. Man könne sie dadurch

breit machen, daß man etwas Schweres auf sie legt, sobald sie anfängt

sich zu färben. In günstigem Boden wie bei Circeji könne sie zwei Fuß

breit werden.

Die zweijährige Pflanze stammt bestimmt von einer an den Küsten

Europas bis nach der Nordsee verbreiteten Meldenart mit dünner

Pfahlwurzel, ~Beta maritima~, und bildet im ersten Jahr die Rübe

aus, die im September oder Oktober reift. Nur etwa 1 Prozent der

Pflanzen entwickelt wie die wilde Form schon im ersten Jahr einen

Stengel, treibt Blüten und reift den Samen, und zwar wird dieser

Rückfall in frühere Zustände nachgewiesenermaßen durch die Nachtfröste

des Frühjahrs ausgelöst. Die zur Samenzucht auserlesenen Rüben

werden im zweiten Jahre wieder ausgepflanzt, aber auch unter diesen

kommen Abweichungen vor, Trotzer, die im zweiten Jahre noch nicht

blühen und ein drittes Jahr leben möchten. Die meist aus dem Boden

hervorwachsenden Rüben gedeihen noch überall, wo Wintergetreide gebaut

werden kann. Die gewöhnlichste Vorfrucht vor ihrem Anbau ist gedüngtes

Wintergetreide oder Gerste, die Nachfrucht Sommergetreide oder

Hülsenfrüchte. Die eiweißreichsten Formen sind die Futterrunkelrüben,

die zuckerreichsten, deren Zuckergehalt man bis 10 und 18 Prozent

getrieben hat, sind die zur Rübenzuckerfabrikation verwendeten

Zuckerrüben und die mit dünner Schale, zartem Fleisch und purpurrotem

Saft versehenen Salatrunkeln oder roten Rüben, in Süddeutschland Rahnen

genannt, werden als Salatpflanzen kultiviert, um gekocht und in Essig

eingelegt oder frisch als Suppe -- in Norddeutschland als Betensuppe,

in Rußland als Borschtsch -- gegessen zu werden. In bezug auf Nährwert

stehen die Runkelrüben zu weißen Rüben wie 9 : 16, zu Kohlrüben wie

11 : 9 und zu Kartoffeln wie 40-46 : 20.

Mit anderen kräftigen Futterarten zusammen geben sie ein

vortreffliches Mastfutter, haben aber leider wie alle hochkultivierten

Nutzpflanzen unter zahlreichen tierischen und namentlich pflanzlichen

Feinden zu leiden. Bei den Zuckerrüben tritt z. B. häufig ein als

Rübenmüdigkeit bezeichneter plötzlicher Stillstand im Wachstum ein, der

dadurch hervorgerufen wird, daß ein kleiner Fadenwurm, das Rübenälchen

(~Heterodera schachtii~ und ~H. radicicola~) an den Wurzelfasern der

Rüben saugt. Man bekämpft diese Krankheit durch mehrmaligen Anbau von

Fangpflanzen wie Rübsen und Raps, die man nach etwa vier Wochen, sobald

sich die Einwanderung der Fadenwürmer mikroskopisch nachweisen läßt,

durch Herauspflügen zerstört, wobei dann die Würmchen zum größten Teil

absterben.

Die Runkelrübe wird auch als +Mangold+ oder +römischer Spinat+

(~Beta cicla~) auf Blattsubstanz kultiviert; dabei hat sie eine

kaum fleischige Wurzel, aber stärker entwickelte Blattstiele von

grünweißer, gelber oder roter Farbe. Man genießt die Blätter als Spinat

und die fleischigen Blattstiele und mittelsten Blattrippen gedämpft

und an Süßbuttersauce wie Spargel. Schon die alten Griechen bauten

ihn, wie jetzt die Perser und Inder, als Gemüse an. Der attische

Lustspieldichter Aristophanes (455-387 v. Chr.) wirft dem großen

Euripides vor, seine Mutter sei eine Gemüsehändlerin gewesen und habe

Mangold auf den Markt gebracht. Die Römer kannten zwei Abarten davon.

Karl der Große empfahl auf seinen Gütern den Anbau von ~beta’s~. Von da

an verbreitete sich die Kultur des Mangolds nach und nach durch ganz

Europa und gelangte im 17. Jahrhundert auch nach Nordamerika.

Durch eine ganz außerordentliche Fülle von Kulturformen, nämlich etwa

120, ist der +Gartenkohl+ (~Brassica oleracea~) ausgezeichnet, dessen

Stammpflanze, der Saatkohl, auf den felsigen Küsten Europas vom Strande

Norditaliens bis nach Helgoland und der dänischen Insel Laland, auch im

südlichen England und Irland wild wächst. Schon in vorgeschichtlicher

Zeit ist dieser Wildling von irgend welchen Küstenbewohnern Europas

angepflanzt und durch Kulturauslese zur Kulturpflanze erhoben worden,

wie die Stämme im Innern die Melde (~Chenopodium~) anpflanzten, so daß

schon zur jüngsten Steinzeit nicht bloß die Blätter, sondern auch die

Samen derselben, die nach dem Botaniker Oswald Heer zu den häufigsten

Vorkommnissen im neolithischen Pfahlbau von Robenhausen gehören,

gegessen wurden. Letzteres geschieht auch heute noch zu Zeiten von

Hungersnot in Südrußland als Ersatz für das fehlende Brot, indem die

Samen, zu einem Teig verbacken, gegessen werden.

Die ältesten Ägypter haben den Kohl nicht gekannt. Erst die Griechen,

die sich seit dem 6. vorchristlichen Jahrhundert in einigen

Küstenstädten zu Handelszwecken niedergelassen hatten, brachten ihn

ins Land, wo er unter der griechischen Bezeichnung ~krámbē~ hie und da

angebaut wurde. So finden wir Überreste von ihm unter den Totenbeigaben

der griechisch-römischen Nekropole von Hawara im Fajûm. Die Griechen

scheinen den Kohl so hoch wie die Rüben geschätzt zu haben. Theophrast

im 4. vorchristlichen Jahrhundert unterscheidet drei Arten von Kohl:

den krausblätterigen, den glattblätterigen und den wilden, und der vier

Jahrhunderte nach ihm lebende griechische Arzt Dioskurides aus Kilikien

sagt: „Der Kohl ist gesünder, wenn er nur warm gemacht, als wenn er

eigentlich gekocht oder gar zweimal gekocht wird. Er wird auch als

Arznei zu mancherlei Kuren verwendet.“

In noch höherem Ansehen als bei den Griechen stand der Kohl bei den

Römern, bei denen er ~brassica~ hieß. Auch sie scheinen ihn wie die

Griechen mit Vorliebe roh gegessen zu haben. Schon der ältere Cato

(234-149 v. Chr.), der unversöhnliche Gegner des wiederaufblühenden

Karthago, preist ihn geradezu als das beste Gemüse. Er sagt von ihm:

„Der Kohl ist das allerbeste Gemüse. Iß ihn roh oder gekocht. Willst

du ihn roh essen, so tauche ihn in Essig; dann ist er der Verdauung

förderlich und gesund. Etwas Kohl mit Essig vor der Mahlzeit und wieder

etwas nach der Mahlzeit genossen, tut wohl. Gekochter Kohl dient mit

Zusätzen vielfach als Arznei. Als Speise für Kranke wird er erst eine

Zeitlang in Wasser gelegt, dann darin in einem Topfe tüchtig gekocht.

Darauf wird das Wasser abgegossen, Olivenöl, etwas Salz, Kreuzkümmel

und Mehl hinzugetan und wieder tüchtig gekocht.“ Mit diesem Kohlgemüse

behandelte er, wie jeder andere ~pater familias~ -- unter der Familie

wurden bei den alten Römern nicht bloß die Angehörigen, sondern auch

das aus leibeigenen Sklaven bestehende Gesinde verstanden -- der guten,

alten Zeit die Seinigen in Krankheitsfällen.

Der aus Spanien um die Mitte des 1. christlichen Jahrhunderts nach

Rom gezogene Ackerbauschriftsteller Columella zählt den Kohl mit dem

Salat, der Kresse, der Zuckerwurzel, dem Pastinak, der Artischocke

und den Küchenkräutern Koriander, Kerbel, Dill zu den Gemüsen, die

sowohl im Herbst als im Frühjahr gesät werden können. Besser aber

sei es, dies im Frühjahr, und zwar im Februar zu tun. „Hat die junge

Kohlpflanze Blätter getrieben und soll versetzt werden, so bestreicht

man ihre Wurzel mit flüssigem Mist und legt drei Streifen von Seetang

darum, ehe man sie einpflanzt. Dadurch wird bewirkt, daß später die

Blätter beim Kochen, auch ohne Zusatz von Soda, grün bleiben. In kalten

Gegenden und in solchen, in denen es oft regnet, verpflanzt man den

Kohl am besten um die Mitte von April. Ist die Pflanze eingesetzt und

hat Wurzel gefaßt, so wächst sie um so kräftiger und bildet um so

größere Blätter und Sprosse, je öfter man sie behackt und bedüngt.“

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 31 / 77 段