Von Norditalien kam sie früh schon nach der Schweiz, wo sie zur
Bronzezeit ziemlich häufig um die Pfahlbauansiedelungen angepflanzt und
ihre Samen, wie wir aus den verkohlten Überresten ersehen, als Vorrat
für den Winter gesammelt wurden. Für Deutschland ist ihre Kultur mit
Sicherheit erst aus der Hallstattzeit zwischen 750 und 400 v. Chr.
nachgewiesen worden. Sie ist gegen Kälte und Trockenheit empfindlich
und dürfte ihre engere Heimat in Südeuropa haben, von wo aus sie in der
großkörnigeren Kulturform erst zu Beginn des Mittelalters nach Mittel-
und Nordeuropa gelangte. In den Verordnungen Karls des Großen, über die
in seinen Krongütern zu haltenden Pflanzen aus dem Jahre 812 wird sie
als ~pisum mauriscum~ zum Anbau empfohlen. Als die Angeln und Sachsen
vom Unterlauf von Weser und Elbe im 5. Jahrhundert -- zuerst der Sage
nach unter Hengist und Horsa im Jahre 449 -- nach England übersetzten
und sich dieses Land nach wiederholten Einwanderungen unterwarfen, war
ihnen die Erbse noch völlig unbekannt, weshalb sie später, als sie
damit bekannt wurden, das lateinische Lehnwort dafür übernahmen. Bei
Beginn der literarischen Überlieferung war sie in den altnordischen
Ländern bereits eingebürgert und wird im Jahre 1273 unter den Früchten
genannt, von denen dem Herkommen gemäß Zehnten an die Geistlichkeit
zu entrichten sind. Doch aß man von ihnen stets nur die ausgereiften,
getrockneten Samenkörner. Das Verspeisen der noch unreifen grünen
Körner, wie dies bei uns Sitte ist, scheint erst zu Anfang des 17.
Jahrhunderts von Holland aus verbreitet worden zu sein. Fuller, der
1660 die Gärten von Surrey im südöstlichen England beschrieb, bemerkt,
daß man grüne Erbsen kaum anderswo her als aus Holland bekommen könne.
Noch um die Mitte des 17. Jahrhunderts galten junge, grüne Erbsen in
Frankreich als ein teuerer Leckerbissen der Vornehmen. So erzählt
man vom Vater des großen Condé, daß er ums Jahr 1645 über hundert
alte Franken für einen Litron, d. h. 8/10 Liter dieses zarten Gemüses
bezahlt habe. In einer 1665 aufgeführten Komödie betitelt: ~La comédie
des coteaux ou des friands marquis~ erklärt eine der Hauptpersonen,
daß ihre Mittel ihr erst dann grüne Erbsen zu essen erlauben, wenn
dieselben nicht teuerer als für 100 Franken das Litron zu haben sein
werden. Zu demselben Preise handelte sie Heinrich I. von Bourbon, Prinz
von Condé (geb. 1552, focht mit Heinrich von Navarra an der Spitze der
Hugenotten, starb schon am 5. März 1588 vermutlich von seiner Gattin
vergiftet), der Vater des als Feldherrn berühmten großen Condé, auf dem
Markte für sich selbst ein. Noch zu Colberts Zeiten, der 1683 starb,
waren sie so teuer, daß in seiner 1695 erschienenen Biographie erzählt
wird, Feinschmecker hätten das Vergnügen, ein Litron junge Erbsen zu
essen, mit nicht weniger als 200 Franken erkauft. Im Jahre 1696 schrieb
Frau von Maintenon (eigentlich Françoise d’Aubigné, zuerst Erzieherin
der königlichen Kinder, dann die Geliebte und zuletzt, 1685 heimlich
getraut, die Gemahlin Ludwigs XIV.) in einem Briefe: „Hinsichtlich der
grünen Erbsen ist alles beim Alten. Seit vier Tagen sind unsere Prinzen
bloß auf dreierlei Dinge erpicht: sie wollen erstens grüne Erbsen
essen, dann freuen sie sich, welche gegessen zu haben und möchten
fernerhin am liebsten beständig welche essen.“ In einem andern Briefe
von ihr heißt es: „Das Erbsenthema dauert immer noch an; die Ungeduld
und das Vergnügen, sie zu verzehren, die Unersättlichkeit immer noch
mehr davon zu begehren, das sind die Hauptpunkte, über die der Hof seit
vier Tagen verhandelt.“ Noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts ließ
die Marquise de Pompadour -- ursprünglich Jeanne Antoinette Poisson
--, die 1745 am Pariser Hofe erschien, um dann die Mätresse Ludwigs
XV. (1715-1774) zu werden und sich bei ihm unentbehrlich zu machen,
mehrfach durch den Polizeileutnant von Paris alle jungen, grünen Erbsen
der Hauptstadt aufkaufen, um damit als kostbarem Leckerbissen den König
bewirten zu können. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden sie ein
so billiges Gemüse, daß sich alle Kreise der Bevölkerung dessen Genuß
zu leisten vermochten.
Die Erbsen gedeihen fast in jedem nahrhaften, nicht frisch gedüngten
Boden, jedoch muß jedes Jahr mit dem Platze gewechselt werden. Sonst
lieben sie eine freie sonnige Lage und lockeres Erdreich. Im Gegensatz
zu den eigentlichen Erbsen, deren reife Samenkörner ausschließlich
gegessen werden, nennt man diejenigen Formen, von denen nur die
unreifen, grünen Samen verzehrt werden, +Ausmach+- oder +Pahlerbsen+,
während von den +Zuckererbsen+ die ganz jungen, zuckerreichen
Hülsen verspeist werden. Beide zerfallen in hohe Formen, die mit
Stecken gestützt werden müssen, und in niedrig bleibende Formen, die
solches nicht nötig haben, da sie bloß 20-30 cm hoch werden. Die
+Lupinenerbsen+ sind durch sehr große, nahe beieinander stehende
und dadurch viereckig gepreßte Samen ausgezeichnet. Einheimische
afrikanische Erbsen von einiger Bedeutung sind die +ägyptische+ und die
+abessinische Erbse+ (~P. jomardi~ und ~P. abessinicum~), die in ganz
Nordostafrika vielfach kultiviert werden.
Schon in homerischer Zeit haben die Griechen die +Kichererbse+
(~Cicer arietinum~) unter dem Namen ~erébinthos~ angepflanzt. Dieses
Wort steht nun in sprachlichem Zusammenhang mit dem althochdeutschen
~araweiz~ (Erbse), weshalb manche Autoren wie V. Hehn diese griechische
Bezeichnung für die Erbse in Anspruch nehmen, was aber jedenfalls
unrichtig ist, da schon der bedeutendste Botaniker Altgriechenlands,
Theophrast (390-286 v. Chr.), die Bezeichnung ~erébinthos~ bestimmt für
die Kichererbse und nicht für die gemeine Gartenerbse, die er ~órobos~
nennt, braucht. Wegen der Ähnlichkeit ihrer am Ende etwas umgebogenen
Schoten mit einem Widdergehörn hieß sie später bei ihnen vielfach nur
~kríos~, was Widder bedeutet. Unter dieser Bezeichnung gelangte sie
zur Kenntnis der Römer, so daß der römische Ackerbauschriftsteller
Columella im 1. Jahrhundert n. Chr. sie als ~cicer~ bezeichnet,
~quod arietinum vocatur~, d. h. die Kichererbse, welche auch die
„Widderkopfähnliche“ genannt wird. Plinius sagt, sie habe etwas
Saftiges an sich und es gebe von ihr nach Größe, Farbe, Gestalt und
Geschmack der Samenkörner verschiedene Sorten. Ihre Hülsen seien im
Gegensatz zu den langen der übrigen Hülsenfrüchte rund. Der griechische
Arzt Galenos im 2. Jahrhundert n. Chr. sagt: „Die reifen Kichererbsen
(~erébinthos~) sind schwer zu schroten. Bei vielen Völkern werden sie
gekocht vom Menschen verzehrt; sie blähen, sind aber sehr nahrhaft.
Manche Leute essen sie auch, so lange sie noch jung und grün sind, was
auch bei den Saubohnen der Fall ist.“
Die Römer scheinen die Kichererbsen durch die süditalischen Griechen
kennen gelernt zu haben; denn ihre Bezeichnung dafür, nämlich cicer,
ist zweifellos aus dem griechischen ~kríos~ hervorgegangen, und hat
sich in wenig veränderter Form in allen romanischen Sprachen bis auf
den heutigen Tag erhalten. Ihre Heimat scheint südlich vom Kaukasus, in
Armenien und Persien zu suchen zu sein, von wo aus sie sich einerseits
nach Indien, wo wir sie sehr früh unter der Sanskritbezeichnung
~chennuka~ treffen, andererseits nach Syrien und Ägypten verbreitete,
ohne indessen in diesen Ländern eine größere Bedeutung für die
Volksernährung zu erlangen. Wahrscheinlich hat der Prophet Jesaias, der
seit 740 v. Chr. zu Jerusalem wirkte, unter der Bezeichnung ~ketsech~
diese Hülsenfrucht verstanden. In homerischer Zeit war sie als
~erébinthos~ ein Volksnahrungsmittel wie aus einer Stelle im 13. Buche
der Ilias hervorgeht, wo sie neben der Saubohne genannt wird. Helenos,
der Sohn des Königs Priamos von Troja, hatte auf den Atriden Menelaos,
König von Sparta, Bruder des Agamemnon, des Fürsten des goldreichen
Mykene, und Gatte der Helena, die Paris, ein anderer Sohn des Priamos
ihm entführt hatte, wodurch überhaupt der Feldzug der Griechen gegen
die Feste Troja veranlaßt wurde, einen Pfeil abgeschossen, der aber von
der Rüstung des Helden absprang, „wie auf weiter Tenne im Wehen des
Windes die dunkeln Saubohnen (~kýamos~) und Kichererbsen (~erébinthos~)
von der Wurfschaufel springend fliegen“.
Durch das ganze Altertum wurde die Kichererbse in den östlichen
Mittelmeerländern in ziemlicher Menge angebaut und war wie in
Vorderasien und Ägypten, so auch in Italien recht populär; leitet sich
doch der Familienname des bekannten römischen Redners zu Ende der
Republik Cicero (106-43 v. Chr.) von ihr ab. Wie Zwiebeln und Linsen
in Athen, bildeten Zwiebeln und Kichererbsen im alten Italien die
frugale Mahlzeit der ärmeren Volksklasse wie der römische Dichter Horaz
(65-8 v. Chr.) in einer seiner Satiren sagt; daher wurden auch bei
den seit dem Jahre 173 v. Chr. alljährlich vom 28. April bis 3. Mai
durch ausgelassene mimische Aufführungen und Zirkusspiele gefeierten
Feste der altitalischen Göttin der Blumen und des Frühlings Flora, das
zum erstenmal 238 v. Chr. als Floralien in größerem Maßstabe aber in
unregelmäßigen Intervallen gefeiert wurde, Saubohnen und Kichererbsen
unter das Volk ausgestreut, das sie mit Gelächter aufzufangen suchte.
Noch heute wird diese Fruchtpflanze in Italien viel angebaut und ihre
Samen werden als beliebte Volksspeise gegessen, ebenso in Spanien,
wo die Garbanzos das tägliche Gericht der niederen und mittleren
Volksklassen bilden. Auch in Südfrankreich, Griechenland, ganz
Nordafrika bis Ägypten, Ostindien und China werden sie viel angebaut
in Varietäten mit schwarzen, roten, gelben und weißgelben Samen. Sie
verlangen einen warmen, kräftigen, sandigen Boden und gedeihen noch gut
in Gegenden, wo Bohnen, Erbsen und Linsen vertrocknen. In Deutschland
werden sie -- und zwar gedeiht hier am besten die schwarzsamige Art
-- hin und wieder als Kaffeesurrogat angebaut, auch eignen sie sich
gut zum Mästen des Federviehs. Das Kraut wird von den Pferden gerne
gefressen. Da ihr das Klima nicht warm genug ist, fristet sie aber bei
uns nur ein kümmerliches Dasein.
Besser dagegen wächst hier die als deutsche Kichererbse oder
Kicherling, auch weiße Erve bezeichnete, aus Südeuropa stammende
+Saatplatterbse+ (~Lathyrus sativus~), die noch heute vielfach als
nahrhaftes Grünfutter gepflanzt wird, und deren Samen unreif und reif
wie Erbsen gegessen werden, aber weniger wohlschmeckend als diese
sind. Die Griechen nannten sie ~láthyros~ und die Römer ~cicercula~.
Theophrast sagt von ihr, sie leide leicht durch Würmer, und Columella
rät, sie, die der Erbse (~pisum~) ähnle, im Januar oder Februar
zu säen, und zwar auf guten Boden bei feuchtem Himmel. Sie sauge
von allen Hülsenfrüchten (~legumina~) den Boden am wenigsten aus,
entspreche aber selten der Erwartung, die man auf sie setze, weil
ihr zur Blütezeit Trockenheit und Südwind schaden, und diese träten
gerade oft dann ein, wenn sie in Blüte stehe. Heute noch wird sie im
gebirgigen Griechenland als ~lathuri~ und in Italien als ~cicerchia~
zur Gewinnung der etwas bitteren Samen als Speise für die Menschen
angebaut. Ihr sehr nahe stehen die wie diese in den Mittelmeerländern
teilweise noch wildwachsend angetroffene +Kicherplatterbse+ (~Lathyrus
cicera~), die ~cicera~ der alten Römer mit rotvioletten Blüten und die
+Ocherplatterbse+ (~Lathyrus ochrus~), die ~óchros~ der Griechen und
~ervilia~ der Römer mit gelben Blüten, die heute noch in Südeuropa
fürs Vieh, seltener zur Gewinnung der Samen als Speise des Menschen
angepflanzt werden, weil sie bitter und schwer verdaulich sind.
Letztere heißt in Italien ~araco nero~.
Kaum mehr angebaut wird die in den östlichen Mittelmeerländern
heimische +Erdplatterbse+ (~Lathyrus amphicarpus~), deren Blüten nach
der Befruchtung negativ heliotropisch werden und sich wie die der
Erdnuß in den Boden bohren, um hier zu reifen. Theophrast und Plinius
erwähnen sie als Kulturpflanze unter der Bezeichnung ~arachnida~.
Ihr nahe verwandt ist die als +Saubrot+ oder +Erdeichel+ bezeichnete
~Lathyrus tuberosus~, die an den Wurzeln haselnußgroße, außen schwarze,
innen weiße Knollen entwickelt, die süßlich schmecken, besonders nach
dem Kochen in Salzwasser wohlschmeckend wie Kastanien sind und einen
nach Rosen duftenden flüchtigen Stoff enthalten. Sie sind besonders bei
den Tataren als Speise beliebt. Die Schweine wühlen mit Vorliebe nach
ihnen, da sie dieselben leidenschaftlich gerne essen. Die Knollen von
~Lathyrus montanus~, die ähnlich schmecken, dienen in Hochschottland
als sehr beliebte Nahrung. Man trocknet sie, um sie als Proviant auf
die Reise mitzunehmen, und bereitet aus ihnen mit Hilfe von Wasser und
Hefe ein wohlschmeckendes geistiges Getränk.
Von weiteren für den Menschen heute noch gelegentlich in Betracht
kommenden Hülsenfrüchten ist die im östlichen Mittelmeergebiet
heimische weiße +Lupine+ (~Lupinus albus~) mit weißen Blüten und
gelbweißen Samen zu nennen. Sie wurde im Altertum in Westasien, Ägypten
und den Mittelmeerländern nicht bloß als Grünfutter angepflanzt,
sondern deren Samen dienten auch ohne Teuerung als geschätzte Nahrung
und Arznei für Menschen und Tiere. Von Theophrast im 4. vorchristlichen
Jahrhundert an erwähnen sie alle sich mit Agrikultur beschäftigenden
Autoren und loben sie teilweise wegen ihres Wohlgeschmacks und ihrer
großen Nahrhaftigkeit. Von den Griechen erhielten sie die Römer, die
sie anbauten, um sie teils als Gründünger zu benutzen, teils die
mehlreichen, aber bittern Samen als Speise zu ernten. Sie wird heute
noch in Italien, wie im Orient kultiviert. Im 16. Jahrhundert baute
man sie am Rhein und im 18. Jahrhundert in Sachsen als Feigen- oder
Wolfsbohne an. Besonders zum Gründüngen ist sie wertvoll, das Vieh
aber verschmäht sowohl Blattwerk, als Samen derselben. Die +gemeine
Gartenlupine+ (~Lupinus hirsutus~) mit blauen oder purpurroten, auch
fleischfarbenen Blüten, die an allen Teilen weichhaarig ist, ist im
Mittelmeergebiet zu Hause und wurde bereits von den alten Griechen
kultiviert, deren Samen den ärmeren Volksgenossen als Nahrung dienten,
wie heute noch die an Kultur am weitesten zurückgebliebenen Bewohner
des Peloponnes, die die unzugänglichsten Landschaften Griechenlands
bewohnenden Mainoten, die ihre Häuser festungartig ohne Fenster
errichten und in ausgedehntem Maße der Blutrache huldigen, sie zur
Gewinnung der Samen als Speise anpflanzen. Sonst dient sie meist nur
noch als Viehfutter, da das Vieh Kraut und Samen der Gartenlupine
eifrig frißt.
Ebenso häufig wird die gleichfalls aus den Mittelmeerländern stammende
+sizilische+ oder richtiger +ägyptische Lupine+ oder +Wolfsbohne+
(~Lupinus termis~) in Südeuropa angebaut, die ebenfalls ziemlich
weichhaarig ist, weiße Blüten mit blauen Schiffchen hat und Samen
hervorbringt, welche denen der weißen Lupine gleichen, aber größer und
eckiger sind. Sie wurde besonders im alten Ägypten angebaut, wo die
Samen als Volksnahrung dienten und mit Vorliebe den Toten als Speise
in ihre unterirdische Behausung mitgegeben wurden. Von den Ägyptern
erhielten sie die Griechen, die sie als ~térmos~ bezeichneten, eine
Benennung, die aus Ägypten stammt und sich im arabischen ~termus~ bis
auf den heutigen Tag erhielt. Tatsächlich essen die Fellachen Ägyptens
noch heute gern ihre in Salzwasser gekochten und geschälten Samen. Auch
in Italien findet man sie noch ziemlich oft angepflanzt. Von dort kam
sie zu uns, wo sie zwar noch reiche Futtermassen gibt, aber ihre Samen
nicht mehr oder spät zur Reife bringt. Das Vieh liebt sie in hohem Maße.
Ihr gegenüber bevorzugten die Kulturvölker des Altertums die
+Futterwicke+ (~Vicia sativa~), die sie nicht ausschließlich als
Grünfutter, wie wir, sondern gelegentlich auch noch als Speise für den
Menschen anpflanzten. Diese heute noch in den Mittelmeerländern wild
angetroffene Futterpflanze hieß bei den Griechen ~bíkion~ und bei den
Römern ~vicia~. Columella schreibt über sie: „Die Wicke wird, wenn
sie grün verfüttert werden soll, um die Herbst-Nachtgleiche gesät;
baut man sie aber der Samen wegen, so wird die Aussaat im Januar
vorgenommen. Man kann sie auf ungepflügten Boden säen, besser aber
ist es, vorher zu pflügen. Man sät morgens, jedoch nicht eher als bis
der Tau verschwunden ist; auch darf man nicht mehr säen, als was an
demselben Tage unter den Boden gebracht werden kann. Die geringste
nächtliche Feuchtigkeit verdirbt sie.“ Der griechische Arzt Galenos im
2. Jahrhundert n. Chr. sagt von ihr: „Die Wicke wird als Viehfutter
gebraucht, doch in Hungersnot auch von Menschen, besonders wenn sie
noch jung ist, gegessen, gibt aber eine schlechte Speise. Bei uns heißt
sie nur ~bíkion~, bei den Attikern auch ~árakos~.“ Heute heißt sie
in Griechenland ~bíkos~. Daß die Wicke als Nahrung für den Menschen
schon früh auch in Palästina -- wie wohl allgemein in Westasien und
Ägypten -- angebaut wurde, zeigt uns die Stelle beim Propheten Jesaias,
der seit 740 v. Chr. in Jerusalem wirkte. Da wird in Kap. 28, 27 vom
Ackermann gesagt, er säe Wicken aus wie Weizen, Gerste oder Spelt und
schlage nach der Ernte die Körner derselben mit einem Stecken aus, um
sie zur Speise zu gewinnen.
Der Wicke sehr nahestehend ist die nach der altrömischen Bezeichnung
dafür ~ervum~ als +Erve+ bezeichnete ~Vicia ervilia~, die noch heute
allgemein in Griechenland unter dem Namen ~orobi~ oder ~robi~ als
Futter für das Rindvieh gepflanzt wird. Dieser Name zeigt noch deutlich
seine Abstammung aus dem altgriechischen ~órobos~ für Erbse. Sie diente
einst auch dem Menschen als Nahrung. Von ihr unterschied bereits der
pflanzenkundige Theophrast im 4. vorchristlichen Jahrhundert einige
Sorten nach Farbe und Geschmack der Samen. Der griechische Arzt
Dioskurides schreibt um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr., da sie
nur noch in Zeiten der Teuerung als menschliche Nahrung diente, von
ihr: „Die Erve (~órobos~) ist allgemein bekannt; ihr Genuß schadet
dem Menschen, mästet aber das Rindvieh.“ Sein Zeitgenosse Columella
aus dem südlichen Spanien meint: „Die Erve (~ervum~) bedarf einen
mageren Boden, der auch nicht feucht sein darf; sie wächst sonst zu
üppig und verdirbt. Man kann sie im Januar und Februar säen. Wird sie
im März gesät, so soll sie dann ein schädliches Futter für die Kühe
geben.“ Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr., der Verfasser eines noch
im Mittelalter vielbenutzten Werkes über den Landbau, behauptet sogar,
die im März gesäte Erve (~ervum~) mache das Rindvieh toll. Diese
lateinische Bezeichnung ~ervum~ hängt zweifellos wie das griechische
~órobos~ sprachlich mit dem althochdeutschen ~araweiz~, aus dem dann
unser Wort Erbse hervorging, zusammen.
Wie die Lupine, Wicke und Erve ist auch die +Linse+ (~Ervum lens~)
eine uralte Kulturpflanze, die im östlichen Mittelmeergebiet heimisch
ist und hier sehr früh schon in die menschliche Pflege gelangte und
dahin veredelt wurde, daß sie größere Samen produzierte. In Syrien
und Ägypten wird sie seit grauer Vorzeit vom Menschen angepflanzt.
So fanden sich zu einem Brei gekochte, aber noch teilweise deutlich
als solche erkennbare Linsen in Tonnäpfchen neben grobgemahlener,
gerösteter Gerste mehrfach unter den Grabbeigaben des mittleren
Reiches, speziell der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) in einer noch
heute in Ägypten kultivierten kleinsamigen Abart. Ferner tritt uns die
Linse in altägyptischen Inschriften entgegen, so auch auf dem berühmten
Gemälde aus dem Grabe Ramses III. der 20. Dynastie (1198-1167 v. Chr.)
in Theben, das uns einen Blick in die königliche Bäckerei tun läßt.
Dort bemerken wir unter anderem auch einen Diener, der vor dem Kessel
hockt und für die Bäcker Linsen kocht. Die Linsen befinden sich in zwei
neben ihm stehenden Körbchen. Noch in den späteren Zeiten der römischen
Herrschaft trieben die Ägypter im Delta, namentlich in Pelusium an
einer der Nilmündungen, einen lebhaften Handel mit Linsen, die auf
Segelschiffen weithin über die Küsten des östlichen Mittelmeeres
verfrachtet wurden. Noch in der Kaiserzeit wurden viel Linsen nebst
Getreide zur Fütterung der Proletariermassen der Hauptstadt nach
Italien gebracht. So wissen wir, daß das mächtige Transportschiff,
das im Jahre 39 n. Chr., zur Zeit des Kaisers Caligula (regierte von
37-41 n. Chr.), den ungeheuer schweren, 25,5 m langen Obelisken von
der Fassade des Tempels des Sonnengottes Re in Heliopolis nach Rom
brachte, als Ballast 120000 Scheffel Linsen aus Ägypten mitbrachte.
Dieser gewaltige Monolith aus Syenit mit heute unkenntlich gewordenen
Hieroglyphen wurde damals im vatikanischen Zirkus aufgestellt. Noch
steht auf seinem Sockel die Widmung an Augustus und Tiberius zu lesen.
Unter Papst Sixtus V. wurde er dann 1586 von seinem alten Standort bei
der Sakristei von St. Peter unter gewaltigen Schwierigkeiten in die
Mitte der Ellipse des Platzes vor der Peterskirche aufgestellt und
dabei festgestellt, daß das Gewicht dieses Kolosses 963537 römische
Pfund beträgt. Übrigens beweist die ganz unägyptische, dagegen sehr
stark semitisch anmutende ägyptische Bezeichnung ~arshana~ für Linsen,
daß diese Samenpflanze Ägypten ursprünglich fremd war und aus Westasien
ins Niltal gelangt sein muß.
Auch bei den alten Juden dienten die Linsen bereits im 2.
vorchristlichen Jahrtausend als sehr beliebte Speise, wie die uns
allen von Jugend auf bekannte Geschichte Esaus, d. h. des Behaarten,
beweist, der als Sohn Isaaks und der Rebekka um ein Linsengericht sein
Erstgeburtsrecht an seinen nach ihm geborenen Zwillingsbruder Jakob
verkaufte. In dieser Erzählung des Alten Testaments wird die Farbe des
Linsengerichtes als rot bezeichnet, was darauf hinweist, daß jene Samen
vor dem Kochen nach gehörigem Aufweichen in Wasser enthülst wurden,
ein Brauch, der jetzt noch in Ägypten üblich ist und ihnen eine
rosenrote Farbe verleiht. Als David, der als zweiter König von Israel
nach Sauls Fall von 1033 v. Chr. 40 Jahre lang, bis 993 den Thron von
Juda behauptete, vor seinem aufrührerischen Sohne Absalom in die Wüste
östlich vom Jordan floh, da brachten seine Freunde ihm und seinen
Begleitern Weizen, Gerste, Mehl, geröstete Ähren, Saubohnen, +Linsen+,
Grütze, Honig, Butter, Käse, Schafe und Rinder, „denn sie dachten, das
Volk werde hungrig, müde und durstig sein in der Wüste“. Und als die
Philister sich versammelten, um gegen David zu ziehen, da „versammelten
sie sich zu einer Rotte und war daselbst ein Stück Acker voll Linsen.
Da trat Samna, der Sohn Hagas, des Harariters, mitten auf das Stück
und schlug die Philister und Gott gab ein großes Heil.“ Die hebräische
Bezeichnung ~adaschim~ für Linsen hat sich übrigens im arabischen
~adas~ oder ~ads~ bis auf den heutigen Tag erhalten.
Da sie leichter verdaulich und zudem nahrhafter als die Erbsen sind,
wurden sie wie in ganz Vorderasien und im Nilland auch in Kleinasien
angepflanzt und als Volksnahrungsmittel gegessen. Dazu wurden sie
meist mit Öl und Knoblauch gekocht; bisweilen wurde auch in Zeiten
der Not eine Art Brot daraus gebacken. Reste derselben kleinsamigen
Abart der Linse wie in Ägypten fanden sich auch in der zweituntersten
spätneolithischen Schicht von Troja, dem heutigen Hissarlik, dann
in den bronzezeitlichen Ansiedelungen Ungarns, Norditaliens und der
Schweiz. Auch aus Fundstätten der Eisenperiode sind Überreste von
Linsen mehrfach zutage gefördert worden. Das vergleichende Studium
all dieser Funde führte nun Buschan zu dem Ergebnis, daß alle
vorgeschichtlichen Linsen weit kleiner sind, als die jetzt gebauten.
Dabei ist es ziemlich sicher, daß die kultivierte Linse von der auf
einigen Plätzen von Kleinasien bis Afghanistan häufig anzutreffenden
Feldlinse (~Lens schnittspahni~) abstammt.