wenige zu uns gelangen, worunter außer der gewöhnlichen die immer
beliebter werdende Blutapfelsine (~var. sanguinea~) mit blutrot
gestreiftem oder ganz blutrotem, süßem Fruchtfleisch, ebenso die
doppelfrüchtige Orange, bei der jede Frucht in ihrem oberen Teile
sozusagen noch eine zweite enthält, ferner auch die violette Orange,
deren Blätter, Blüten und unreifen Früchte teilweise violett überhaucht
sind und welche, wie die kleine buchsbaumblättrige Orange nur als
Zierbaum gezüchtet wird. Die gleichfalls meist nur als Zierstrauch
dienende myrtenblättrige Orange besitzt mispelgroße Früchte, die
zuweilen auch wie die chinesische Bigaradie eingemacht werden.
Viel länger im Mittelmeergebiet bekannt als die, wie gesagt, erst im
Jahre 1548 direkt von China nach Portugal eingewanderte süße Art,
ist die bittere, die stets im Mittelalter unter den ~poma aurantia~
verstanden war. Die Äste und Zweige des Baumes sind mit Dornen besetzt,
die Blätter sind dick, tief dunkelgrün und riechen sehr aromatisch;
sie bilden die offizinellen Orangenblätter, die zur Herstellung eines
wohlschmeckenden Tees Verwendung finden. Aus ihnen und den jungen
Trieben wird ebenso wie aus den unreifen Früchten das als ~essence
de petit grain~ bezeichnete ätherische Öl gewonnen. Besonders reich
an dem Glykosid Hesperidin sind die jungen Früchte, die ebenfalls
als ~Aurantia immatura~ offizinell sind, d. h. in den Apotheken
und Drogerien gehalten werden. Aus den relativ großen, weißen, an
Wohlgeruch diejenigen des Apfelsinenbaums übertreffenden Blüten wird
in großen Mengen das ebenfalls für die Parfümerie wichtige Nafa-
oder Neroliöl -- auch Orangenöl genannt --, ebenso das Orangenwasser
gewonnen. Die kugeligen, tief orangeroten Früchte enthalten ein
bittersaures Fruchtfleisch, dessen Saft wie derjenige der Zitrone
zur Herstellung von Limonade dient, besonders aber zur Bereitung der
berühmten Orangenmarmelade benutzt wird. Zu diesem Zwecke werden
jährlich viele Schiffsladungen Sevillaorangen nach der schottischen
Stadt Dundee, wo dieses Genußmittel hauptsächlich bereitet wird,
importiert. Die sehr dicke, rauhe Schale von tiefer Orangefarbe kommt
als kandierte Pomeranzen- oder bittere Orangenschale oder auch einfach
getrocknet in den Handel. Sie ist die offizinelle Pomeranzenschale
und enthält bis zu 2,4 Prozent das angenehm riechende, aber bittere
Bigaradieöl. Sie wird vorzugsweise zur Bereitung von Likören
(Pomeranzenlikören, Curaçao, Kurfürstlichem Magenbitter aus Danzig
usw.), zur Würze von Weinen (Bischofessenz) und allerlei Konfitüren
benutzt. Da der Stamm des bitterfrüchtigen Orangenbaums sich als
besonders widerstandsfähig erwiesen hat, so benutzt man ihn auch häufig
als Unterlage, um auf ihn andere, weniger widerstandsfähige Citrusarten
aufzupfropfen. Eine Varietät des Pomeranzenbaums ist die chinesische
Bitterorange oder Bigaradie, die kleiner als die Sevillaorange und fast
kugelrund ist und häufig in Sirup eingemacht wird, zumal in Frankreich,
wo sie als ~bigaradier chinois~ in allen Delikatessenhandlungen der
Großstädte zu finden ist.
Aus seiner südostasiatischen frühesten Kultur gelangte der bittere
Pomeranzenbaum sowohl nach Hinterindien und den Sundainseln, als über
Indien nach Persien. Seit dem Ende des 9. christlichen Jahrhunderts
ist er in Arabien nachweisbar. Die Araber verbreiteten ihn dann im
10. Jahrhundert nach Afrika und Spanien. Im Jahre 1002 finden wir ihn
auch in dem damals von den Arabern (Sarazenen) besetzten Sizilien
frisch eingeführt, wo er auch heute noch einen wesentlichen Bestandteil
der Agrumenplantagen bildet. Die Kreuzfahrer sahen ihn in Syrien und
Palästina und haben ihn wahrscheinlich mit dem Zitronenbaum an die
Riviera gebracht.
In China und Japan wird die +japanische Zwergorange+, ~kumquat~ oder
~kinkan~ genannt, viel kultiviert. Es ist dies ein niedriger, gegen
Frost empfindlicher Strauch mit kleinen, schmalen Blättern, winzigen
Blüten und etwas über kirschgroßen, von einer sehr aromatischen Schale
bedeckten säuerlichen Früchten, die namentlich von Kindern, auch roh,
gegessen werden. Meist werden sie aber in Sirup eingemacht und gelten
als Delikatesse. In neuerer Zeit werden sie in dieser Zubereitung auch
exportiert. In Ostindien werden die Früchte einer anderen Citrusart,
~marmelo~ genannt, häufig gegessen und ebenfalls besonders gerne mit
Zucker eingekocht. Von ihnen rührt unsere Bezeichnung Marmelade her.
Aus den höchst aromatischen Fruchtschalen der erst seit dem Ende
des 17. Jahrhunderts bekannten +Bergamotte+ (~Citrus bergamea~) mit
blaßgelben Früchten und angenehm säuerlichem Fleisch, das aber für
gewöhnlich nicht gegessen wird, gewinnt man das für die Parfümerien
und die Apotheken sehr wichtige Bergamottöl, während die sehr kleinen
Früchte der myrtenblätterigen Abart (~Citrus myrtifolia~) in Zucker
eingekocht die beliebten „Chinois“ bilden. Wie für alle Agrumen, ist
auch für diese Sizilien der Hauptproduktionsort, das über 100000 kg
Bergamottöl und fast ebensoviel aus Pomeranzen gewonnenes Portugalöl
(vom italienischen ~portogallo~ für die bitterfrüchtige Pomeranze)
jährlich exportiert. Das Bergamottöl ist ein dünnflüssiges, angenehm
riechendes, bitter schmeckendes ätherisches Öl, welches bei längerem
Stehen einen gelben, festen Bodensatz, den Bergamottölkampfer,
ausscheidet.
In Cochinchina und Südchina ist auch die +Mandarine+ (~Citrus nobilis~)
zu Hause, wo sie seit Urzeiten unter dem Namen ~kan~ kultiviert wird.
Sie ist heute noch in China und in Japan, in welch letzterem Lande sie
~mikan~ genannt wird, die vorzugsweise angebaute Orange, die hier den
Winter über in großer Menge und sehr billig zum Verkauf kommt. Der
Mandarinenbaum ist in allen Teilen kleiner als der Apfelsinenbaum und
durch einen buschigeren Wuchs ausgezeichnet. Die lanzettlichen, schwach
gekerbten Blättchen sitzen an kurzen, kaum geflügelten Blattstielen.
Die in Büscheln stehenden weißen Blüten liefern die bekannten, an den
Polen abgeflachten, kleinen, orangeroten, süßen Früchte, die jetzt
ebenfalls Gegenstand bedeutenden Exportes aus Italien und Spanien
geworden sind. Der Mandarinenbaum gedeiht an der Riviera sogar besser
als der Apfelsinenbaum. Wie gegen Frost, ist er auch gegen heiße,
trockene Winde empfindlich, die hier vollkommen fehlen. Aus seiner
ostasiatischen Heimat gelangte er ziemlich früh nach den Sundainseln,
wo er viel angebaut wird. Erst im Jahre 1828 ist er in Südeuropa
und 1848 in San Remo an der Riviera eingeführt worden. Wegen des
feinen, aber nicht jedermann zusagenden Geschmacks hat die Kultur
der Mandarine im Mittelmeergebiet in den letzten 30 Jahren einen
ganz außerordentlich großen Umfang angenommen und hat besonders im
westlichen Mittelmeergebiet, in Spanien, Algier, Malta, sowie auch noch
in der Provence und in Ligurien Fuß gefaßt.
Ohne weiter auf verschiedene andere, namentlich in Ostindien
kultivierte Citrusarten mit oft ziemlich großen Früchten einzugehen,
die meist Varietäten der Zitrone sind, wollen wir hier noch einer durch
Veredelung festgehaltenen monströsen Zitronenform gedenken, welche
in Indien hervorging und als +buddhafingerige Zitrone+ beim dortigen
Volke zu allerlei abergläubigen Vorstellungen Veranlassung gab. Diese,
auch in manchen Gärten der Riviera gezogene Art ist eigentlich nichts
anderes als eine erblich gewordene Mißbildung, wie z. B. der Blumenkohl
und unter den Haustieren Mopse, Dachshunde usw. Sie beruht darauf, daß
die einzelnen Fruchtfächer statt zu einer runden Frucht vereinigt zu
bleiben, an ihren Enden frei hervorwachsen. Dadurch bekommt die Frucht
fünf Fortsätze, die entfernt an die vorgestreckten Finger einer Hand
erinnern.
Noch merkwürdiger ist die ebenfalls bisweilen in den Gärten der
ligurischen Küste angetroffene +Bizzarria+, ein Citrusbaum, der
zugleich Orangen und Zitronen trägt, aber auch solche, welche die
Mitte zwischen jenen beiden Fruchtarten einhalten und solche, an
welchen einzelne Fächer das Aussehen von Orangen, andere wiederum
dasjenige von Zitronen besitzen. Ihre Entstehung ist bis jetzt nicht
endgültig aufgeklärt worden. Die einen halten sie für Bastarde,
während andere meinen, sie seien bei der Veredelung durch zufällige
Vermischung der Eigenschaften der Unterlage und des aufgepfropften
Edelreises entstanden. Sonst weisen die Bastarde im allgemeinen wohl
eine Verschmelzung der elterlichen Eigenschaften, aber kein getrenntes
Nebeneinander derselben wie in diesem Falle bei der Bizzarria auf.
Andererseits lehrt die Erfahrung, die wir täglich bei der Veredelung
unserer Obstbäume, der Rosen und sonstigen Gewächse machen, daß die
Unterlage ohne allen Einfluß auf das Edelreis bleibt, daß beide
vielmehr ihre besonderen Eigenschaften unvermischt beibehalten.
Nun gibt es aber einen richtigen Bastard zwischen Orange und Zitrone,
die man als +süße Zitrone+ oder +Limette+ bezeichnet. Sie hat kleine
weiße Blüten, eine rundliche bis eiförmige Frucht und geflügelte
Blattstiele. Das süßliche, etwas aromatische Fruchtfleisch wird roh
oder gekocht gegessen und auch zum Einmachen verwendet. Da aber die
Frucht weder die vollen Eigenschaften der Zitrone, noch diejenigen der
Orange besitzt, hat sie keinen besonderen Wert und findet sich deshalb
nur selten angebaut.
VII.
Die Gemüsearten.
Das Hackfeld, der Vorläufer des Ackerfeldes, auf dem die Körnerfrüchte
als Hauptnahrungsmittel aus dem Pflanzenreiche gezogen wurden, ist
so alt als die menschliche Kultur überhaupt; denn das ist ja das
Kennzeichen der letzteren, daß sich in ihr der Mensch freigemacht hat
von den Zufälligkeiten der Jagd und vorsorgend Nährfrüchte für kommende
schmale Tage zieht. Viel jünger als das Hackfeld ist der als +Garten+
bezeichnete eingehegte Teil des in Kultur genommenen Bodens, der die
Gemüse genannten Nahrungspflanzen umschließt. Zum Begriff Garten
gehört nun durchaus nicht der Begriff des Zierlichen, den er erst
erlangte, als er zum Ziergarten wurde, sondern es ist das schlichte,
eingehegte Pflanzland beim Hause, im Gegensatz zum offenen Acker. Das
Wort steht begrifflich in enger Beziehung zum gotischen ~gairdan~
umgürten, einhegen. Dies Pflanzland in nächster Nähe des Hauses lag mit
diesem zusammen in +einer+ Umzäunung, deshalb wurde bei den Germanen
der Völkerwanderungszeit ein Diebstahl aus demselben als Einbruch in
eingehegtes Gut schwerer bestraft als ein solcher aus dem Acker.
Vom Gemüsegarten des Altertums ist uns im ganzen nur wenig bekannt;
doch lernen wir in einer auf uns gekommenen Schilderung die in ihm
gepflanzten Kräuter kennen. Es ist diejenige des Gärtchens eines
einfachen römischen Landmannes zur Zeit des Augustus, worin der Dichter
Vergil (78-19 v. Chr.), der berühmte Verfasser der Äneis, in einem
bukolischen, ~moretum~, d. h. „Mörsergericht“ benannten Gedicht sagt:
„Hier war Kohl, hier kräftig die Arme ausstreckender Mangold,
Hier weitwuchernder Ampfer und heilsame Malven und Alant,
Hier die süßliche Möhre und buschige Häupter des Lauches,
Hier auch grünte einschläfernd der Mohn mit kalter Betäubung,
Auch der Salat grünte, der labend die edleren Schmäuse beschließt.
Häufig auch sproßte empor der Rettich mit fleischiger Wurzel,
Und schwer hing an kräftigem Stengel der gelbliche Kürbis.“
Ein griechischer Autor unbekannten Namens, in der ~Geoponika~
genannten, ums Jahr 912 n. Chr. veranstalteten Sammlung von Auszügen
aus guten, alten Schriften über die Land- und Gartenwirtschaft gibt uns
wenigstens über die Anschauungen der Alten in betreff des Gemüsebaues
einen Begriff. Die Stelle ist wichtig genug, um hier wörtlich angeführt
zu werden. Er sagt: „Die Gärtnerei ist für das menschliche Leben von
der größten Wichtigkeit. Wer Gemüsegärtnerei treibt, hat darauf zu
sehen, daß der Samen gut, der Boden passend, Wasser und Mist vorhanden
sind. Aus gutem Samen zieht man gute Pflanzen; passender, fruchtbarer
Boden gibt Gedeihen; Wasser gibt dem Gemüse seine gehörige Größe; der
Mist macht die Erde mürbe, so daß sie das Wasser leichter aufnimmt und
den Wurzeln mitteilt.
Zur Gärtnerei eignet sich vorzugsweise eine Erde, die weder sehr rauh
ist, noch im Sommer große Risse bekommt. Reiner Ton, der im Winter fest
zusammenfriert, im Sommer aber ganz austrocknet, tötet entweder das in
ihm Gepflanzte oder macht es schwach und dünn. Ein solches Erdreich
kann man kaum durch Beimischung von Dünger auflockern. Durch die
Sprünge, die es beim Eintrocknen im Sommer bekommt, wird es vollends
unbrauchbar. Ein allzurauher (sandiger) Boden kann weder die Pflanzen
ernähren, noch Wasser behalten. Um die Erde zu probieren, wäscht man
sie mit Wasser und hält sie für gut, wenn sie vielen, lockeren Schlamm
als Bodensatz gibt, dagegen für schlecht, wenn sie sich wie Wachs
kneten läßt.
Den besten Dünger für Gemüse gibt jedenfalls die Asche; sie ist von
Natur warm und tötet die Erdflöhe, Würmer und ähnliche Tierchen. An
Güte folgt dann der Taubenmist, der ebenfalls die kleinen Tiere tötet
und in geringer Menge dasselbe leistet, was eine große Menge andern
Mistes. Manche ziehen den Eselsmist dem Taubenmist vor und behaupten,
er mache die Gemüse süßer. Ausgezeichnet gut ist jedenfalls auch der
Ziegenmist. Fehlt es an den eben besprochenen Mistarten, so kann man
auch andern brauchen; jedoch soll er, wenn möglich, nicht frisch sein,
weil er dann Gewürm erzeugt. Hat er ein Jahr gelegen und wurde er dabei
oft gewendet, so ist er gut.“
Dann gibt er ausführliche Anleitung zur Bearbeitung des Bodens und zum
Anlegen der Gartenbeete, die Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. 12
Fuß lang und 6 Fuß breit zu machen empfiehlt. Letzterer Autor sagt:
um trockenen Boden regelmäßig bewässern zu können, umgebe man die
Beete mit schmalen Dämmen, die so eingerichtet sind, daß man von oben
her Wasser in sie einfließen lassen kann, das dann auf andere Beete
weiterfließt, sobald man den Damm unten öffnet. „Jede Aussaat soll bei
zunehmendem Mond, jede Ernte bei abnehmendem gemacht werden.“ Noch mehr
als heute spielte im Altertum der Aberglaube in der Bewirtschaftung
der Güter eine große Rolle. So rät Palladius gegen Nebel und Rost den
Garten durch Erzeugen von Rauch mit schwelendem Unkraut zu schützen.
„Um den Hagel abzuwehren, droht man dem Himmel mit blutigen Beilen,
oder umgibt den ganzen Garten mit Zaunrüben, oder schlägt eine Eule mit
ausgebreiteten Flügeln an, oder bestreicht die eisernen Gartenwerkzeuge
mit Bärenfett. Manche mischen auch Bärenfett mit Öl und bestreichen
damit die Sicheln und Hippen (gekrümmten Gartenmesser), wenn sie
damit schneiden wollen. Das muß ganz geheim gemacht werden, soll aber
dann so wirksam sein, daß dann kein Nebel und kein einziges Tier mehr
schadet; bleibt die Anwendung des Mittels nicht geheim, so verliert es
augenblicklich seine ganze Kraft. Ganze Weinberge schützt man gegen
Hagel, indem man in deren Mitte das Fell eines kleinen Seehunds über
einen kleinen Weinstock deckt. Alle Samen sollen in Gärten und Feldern
vor jedem Unheil sicher sein, wenn man sie vor der Aussaat mit dem Saft
der Wurzeln der Springgurke tränkt. Ebensogut geschützt dagegen sollen
sie sein, wenn man den Schädel einer Stute oder Eselin im Garten oder
im Felde aufstellt. Ein solcher Schädel soll Segen über alles bringen,
was er anguckt.“ Dasselbe Mittel wird auch in der ~Geoponika~
als probat für das Gedeihen der Gartengewächse empfohlen, wie auch
das Beimengen von geschnittenem Wegdorn oder zerriebenem getrockneten
Bockshornklee (griechischem Heu) in das Wasser, mit dem man begießt.
In ähnlicher Weise wie im Altertum wurde der frühmittelalterliche
Gemüsegarten gemäß den sehr geschätzten und von den Schreibkundigen
abgeschriebenen Anleitungen der alten Autoren besorgt. Auch die Anlage
desselben hatte man von den Römern übernommen, und zwar waren es vor
allem die Klöster, die den Völkern Mitteleuropas dieses alte Kulturerbe
übermittelten. Besonders waren es die Benediktinermönche, die eine
große Anzahl von den Römern übernommener Kulturpflanzen über die Alpen
brachten und im 8. und 9. Jahrhundert einen geregelten Gartenbau in
Deutschland einführten. Solche Benediktinermönche befanden sich auch
am Hofe Karls des Großen, dieses gewaltigen Mannes, der neben seinen
sonstigen bedeutenden Leistungen noch Zeit fand, den Garten und seine
Kultur zu fördern. In seinem berühmten ~Capitulare de villis~,
einer Ordnung für die Einrichtung der kaiserlichen Domänen, vom Jahre
812, schrieb er genau vor, welche Pflanzen auf seinen Hofgütern zu
halten seien, so daß wir uns ein ziemlich gutes Bild davon machen
können, wie es damals in diesen Gärten aussah, um so mehr, als auch
zwei Inventaraufnahmen seiner Hofgüter Asnapium und Treola erhalten
sind. Danach wuchsen in ihnen außer Apfel-, Birn-, Kirsch-, Pflaumen-,
Quitten-, Mispel-, Pfirsich-, Aprikosen-, Vogelbeer- und Maulbeerbäumen
und Gebüschen von großen welschen Haselnüssen allerlei Gewürzkräuter
und Gemüse wie Kohl, Mohrrüben, Saubohnen, Kohlrabi, Zwiebeln,
Knoblauch, Schnittlauch, Petersilie, Kerbel, Melde, Bohnenkraut, Dill,
Wiesen- und Gartenkümmel, Koriander, Thymian, Minze, Fenchel, Kresse,
Lattich, Endivie, Erbsen, Melonen, Gurken, Koloquinten, Mohn, Sellerie,
Senf, Anis, aber auch eine Menge heute nicht mehr gebräuchlicher
Heilkräuter, wie Fieberwurz, Haselwurz, Flöhkraut, Schlangenwurz,
Raute, Sadebaum, Frauenminze, Malve, Griechisch Heu, Springwurz,
Poley, Rosmarin, Meerzwiebel, Hauswurz, Salbei, Allermannsharnisch,
Liebstöckel, Meisterwurz und dergleichen mehr. Blumen, die hier
gezogen wurden, wie Rose, Lilie, Nelke, blaue Schwertlilie, Akelei,
Goldlack, Krokus und Päonie verdankten das zunächst nicht der Freude an
ihrer Schönheit, sondern der schon ihrem Dufte, mehr aber noch ihren
zerquetschten Blumenblättern beigelegten Heilwirkung, wie auch der
Krapp seines Färbevermögens wegen gezogen wurde.
Aus dem Jahre 830 besitzen wir den allerdings nicht zur Ausführung
gelangten Bauriß des schon damals bedeutenden Klosters von St.
Gallen. In ihm werden drei Arten von Gärten unterschieden, nämlich
Obst-, Gemüse- und Arzneikräutergarten. Der Obst- oder Baumgarten
diente zugleich als Begräbnisplatz. Er ist als ein großes, mit Mauern
umgebenes viereckiges Feld gezeichnet, das auf der Seite der Klausur
mit einem einzigen Eingange versehen ist. Die fünf Reihen Gräber
gruppierten sich symmetrisch um das Kreuz in der Mitte und beherbergten
zwischen sich 15 Bäume. Wichtiger war der Gemüsegarten, der wohl zuerst
angelegt wurde, da die Mönche schon wegen der Forderung vegetabilischer
Kost zum Gemüsebau verpflichtet waren. Er lag südlich vom Baumgarten
und bildete ein in zweimal neun Parzellen eingeteiltes Rechteck, in
welchem 18 verschiedene Gemüsearten gezogen wurden. Viel kleiner war
der sich daran anschließende Arzneikräutergarten mit 16 kleinen Beeten,
der neben dem Spital für kranke Brüder lag, in welchem sich der als
Arzt amtende Klosterbruder aufhielt.
Gehen wir nach dieser kurzen Übersicht über die nachweislich für uns
ältesten Gärten zu den ältesten in Europa kultivierten Gemüsen über, so
ist zunächst festzustellen, daß schon die spätneolithischen Pfahlbauern
an den Ufern der Schweizer Seen vor 4000 Jahren nach einzelnen
Samenfunden die Erbse in einer auffallend kleinen Form, ebenso Pastinak
und Mohrrüben pflanzten. Dazu kamen in der Bronzezeit die Linse in
einer kleinkörnigen Form, die sich zu Beginn der Eisenzeit auch in
Norddeutschland nachweisen läßt, und später die Saubohne.
Beginnen wir eine eingehendere Würdigung der einzelnen Gemüsearten
mit der +Gartenerbse+ (~Pisum sativum~), deren Bekanntschaft in
Mitteleuropa eine schon sehr alte ist, wie auch die hier altererbte
Benennung beweist. Erbse kommt vom althochdeutschen ~araweiz~, das
mittelhochdeutsch ~erweiz~ lautet und zum neuhochdeutschen Erbse
wurde. Von den Germanenstämmen haben einzig die Angelsachsen den
einheimischen Namen ~earfe~ auf die Wicke übertragen und dafür das
lateinische Lehnwort ~pise~ (~von pisum~), neuenglisch ~pea~ für die
Erbse eingeführt. Die alten Griechen bezeichneten dieses Gemüse,
das sie allerdings nicht sehr viel angepflanzt zu haben scheinen,
in früherer Zeit als ~órobos~, in späterer jedoch meist als ~písos~
oder ~píson~, woraus dann die Römer, als sie die Nutzpflanze von
ihnen kennen lernten, ~pisum~ machten. Dieses Gemüse muß schon in
früher Zeit in Italien populär gewesen sein, sonst hätte nicht das
plebejische römische Geschlecht der Calpurnier, aus welcher der große,
aus altpatrizischem Geschlechte stammende Julius Cäsar (100-44 v. Chr.)
seine Frau Calpurnia nahm, den Beinamen der Pisonen erhalten; denn
solche volkstümliche Beinamen können nur einer dem Volke altbekannten
Speise oder Feldfrucht entnommen worden sein.
Zur Zeit des Theophrastos im 4. vorchristlichen Jahrhundert wurde diese
Pflanze überall in Griechenland angebaut. Ihre Kultur muß hier wie in
der Schweiz schon sehr alt sein, denn man hat verkohlte kleine Samen
von ihr schon in der mykenischen Niederlassung von Hissarlik, dem alten
Troja, gefunden. Auch im alten Ägypten wurde sie bereits angepflanzt
und muß nach den zahlreichen Funden von als Totenspeise mitgegebenen
Samen in Gräbern des mittleren Reiches, besonders der 12. Dynastie
(2000-1788 v. Chr.), wie auch der der griechisch-römischen Periode
angehörenden Nekropole von Hawara im Fajûm eine beliebte Speise gewesen
sein. Der ägyptische Name ist uns nicht überliefert worden, wohl aber
der koptische, der ~ti-lakonte~ lautet und auf eine Einwanderung aus
Westasien nach dem Niltal hinweist.
Die Heimat dieser Kulturpflanze ist unbekannt, da sie nirgends mehr
in wildem Zustande gefunden wird. Manche Botaniker vermuten, daß sie
eine Kulturform der +grauen Erbse+ (~Pisum arvense~) sei, die durch
eckige, braun und graugrün gescheckte Samen ausgezeichnet ist. Diese
letzteren wurden weder in Pfahlbauten, noch in alten Gräbern gefunden,
doch will sie Unger in einem luftgetrockneten Backstein der aus der
Zeit der 5. Dynastie (um 2700 v. Chr.) stammenden Stufenpyramide von
Daschur gefunden haben. Sie wird im Orient und in Europa kultiviert
und findet sich wildwachsend in Hecken und Gebirgswäldern Nord- und
Mittelitaliens; in Griechenland und Syrien kommt sie außerhalb der
Kulturen nur verwildert vor. Da die wenigen aus Fundstellen der
neolithischen, Bronze- und Eisenperiode stammenden Erbsen, wie Buschan
gezeigt hat, eine allmähliche Größenzunahme erkennen lassen, je
jüngeren Alters sie sind, so ist es in der Tat höchst wahrscheinlich,
daß die Gartenerbse von der grauen Erbse (~Pisum arvense~) abstammt.