dieselbe Erfahrung habe ich in meinen in Sardinien und bei Neapel
gelegenen Gütern gemacht. Dort sind Boden und Luft lau und genügend
feucht. An den auf diesen Gütern stehenden Bäumen hängen immer unreife
Früchte, wenn reife abgenommen werden, und Blüten, während die unreifen
Früchte wachsen. Man sagt, das Mark der Citrusfrucht werde süß, wenn
man die zu pflanzenden Kerne drei Tage lang in Honigwasser oder in
Schafsmilch, was noch besser ist, aufweicht. Manche bohren im Monat
Februar unten in den Stamm ein schiefes Loch, das aber auf der andern
Seite nicht herauskommen darf. Aus diesem lassen sie Saft fließen, bis
die Früchte sich bilden, dann füllen sie das Loch mit Lehm aus und
behaupten, durch dieses Verfahren werde die Mitte der Citrusfrucht
süß. -- Die reife Frucht hält sich am Baume hängend fast das ganze
Jahr, und jedenfalls besser, als wenn man sie in Gefäße legt. Will man
sie pflücken und nachher längere Zeit aufbewahren, so nimmt man sie
in einer mondlosen Nacht in der Weise ab, daß noch ein beblättertes
Zweigstück bleibt, und legt jede so, daß sie die andern nicht berührt.
Manche Leute legen auch jede Citrusfrucht einzeln in ein besonderes
Gefäß, verstreichen den Deckel mit Gips und stellen die Gefäße an einen
schattigen Ort. Die meisten aber heben sie in Zederspänen (besonders
Spänen von Wacholder und Lebensbäumen) oder in Häckerling oder Spreu
auf.“
Was für Künsteleien die von den reichen Römern als Gärtner in ihren
Landhäusern mit Vorliebe gehaltenen syrischen Sklaven, die sich mit
der Pflege dieser empfindlichen Importbäume abgaben, gelegentlich an
solchen Früchten vornahmen, darüber berichtet uns Julius Africanus,
ein zur Zeit des Kaisers Alexander Severus (222-235 n. Chr.) lebender
Christ, der sagt: „Um zu bewirken, daß eine Citrusfrucht, ein Apfel,
eine Birne, ein Granatapfel usw. die Gestalt eines Tieres oder sonst
eines beliebigen Gegenstandes annehme, so umschließt man sie, wenn sie
die Hälfte ihres Wachstums erreicht haben, mit einer entsprechenden,
aus Gips oder Lehm geformten, in zwei Hälften geschnittenen,
getrockneten und in letzterem Falle im Töpferofen gebrannten Form.“
In den Wirren der Völkerwanderung ging dieser nutzlose Luxusbaum der
Römer, mit dem die germanischen Stämme nichts anzufangen wußten, in
Italien unter, wurde aber im späteren Mittelalter wieder aus dem Orient
hier eingeführt. Heute wird er wieder ziemlich viel unter dem Namen
~cedro~ in Italien kultiviert, um aus dem Wertvollsten an den Früchten,
der dicken, würzigen Schale, durch Einkochen in Zucker das +Zitronat+
zu gewinnen, das einen für die Konditoreien begehrten Handelsartikel
bildet. Auch ein für die Parfümerien verwendbares ätherisches Öl läßt
sich daraus gewinnen. Noch mehr als in Italien wird aber der Zedratbaum
im westlichen Mittelmeergebiet und auf den Azoren angepflanzt,
obschon man neuerdings die Schalen einiger fruchtbarerer Spielarten
der Zitrone, oder besser gesagt Limone, vielfach zur Herstellung von
Zitronat verwendet.
Diese Zedrat-Zitronen, die eigentlich allein den Namen Zitronen
verdienen und tatsächlich auch bei den meisten Völkern diesen Namen
führen -- nur die Deutschen und Franzosen nennen die Limonen Zitronen
-- variieren außerordentlich in ihrer Form und viele Abänderungen
sind durch Pfropfen und Veredeln fixiert worden. So bekommt man neben
stark in die Länge gezogenen auch fast runde Zedraten zu sehen.
Manche Sorten erreichen eine gewaltige Größe und ein Gewicht von bis
10 kg. Eine solche besonders große, rundliche, durch stark höckerige
Schale und feinen Wohlgeruch ausgezeichnete Zedrate mit sehr saurem
Fruchtfleisch wird als +Adams-+ oder +Paradiesapfel+ bezeichnet, weil
sie im Mittelalter allgemein von Juden und Christen für die verbotene
Frucht des Paradieses gehalten wurde. Ganz abgesehen davon, daß
sich Adam, wenn wir seine Existenz zugeben, sehr wohl gehütet haben
würde, in eine solche saure, unschmackhafte Frucht zu beißen, da er
wohl bessere im Garten Eden zur Verfügung hatte, wissen wir heute
bestimmt, daß der hebräische Mythus unter dem Baum der Erkenntnis
des Guten und Bösen zweifellos die Dattelpalme verstand, die einer
der ältesten Fruchtbäume Babyloniens war, wo die Juden, von den
babylonischen Semiten beeinflußt, ihre Schöpfungssagen ausbildeten.
Und weil die auf fabelhafte Fruchtbarkeit des Paradieses hinweisende
großfrüchtige Zedrate heute noch neben dem Palmblatt und allerlei
Zweigen beim Laubhüttenfest -- ursprünglich einem Erntefest -- der
Juden Verwendung findet, wird sie vielfach aus Korfu, Palästina und
Marokko, wo sie die Araber mit Vorliebe anpflanzen, bei uns eingeführt
und kann bei vorgeschriebener Form einen sehr hohen Geldwert erlangen.
Die lithauische Jüdin Pauline Wengeroff schreibt im 1. Band ihrer
„Memoiren einer Großmutter -- Bilder aus der Kulturgeschichte der
Juden Rußlands im 19. Jahrhundert“ über diese von ihr als Eßrog
bezeichnete Frucht bei der Beschreibung des Versöhnungstages, des am
10. des Monats Tischri (September oder Oktober) gefeierten Fest- und
Fasttages der Juden: „Mein Vater ging gleich von der Synagoge fort, um
einen Eßrog (zitronenähnliche Frucht) und einen Lulow (Palmenblatt)
zu kaufen; und frohgelaunt kehrte er heim, wenn es ihm gelang, einen
völlig fehlerfreien Eßrog -- einen sogenannten ‚Mibuder‘ -- zu finden.
Ein solches Stück kostete im Jahre 1838 5-6 Rubel, da zu jener Zeit
der Transport der Früchte aus Palästina, wo sie nur in geringer
Zahl wuchsen, mit viel Schwierigkeiten und Gefahren verbunden war.
Nichtsdestoweniger erhielt jeder der jungen Männer unseres Hauses je
einen Eßrog für sich. Eine jede dieser wohlriechenden, prächtigen
Früchte wurde sorgfältig in weichen Hanf gebettet und in einem
Silbergefäß aufbewahrt. Diese Früchte werden im Verlaufe der acht
Feiertage des Laubhüttenfestes (~Sukkoth~) beim Morgengebet benützt.
Die Palmenblätter, Myrten und Weidenzweige, die der Vorschrift gemäß
dazu gehören, standen in einem großen, mit Wasser gefüllten irdenen
Krug. Und im Hause wurde es wieder hell und heiter. Man aß, trank,
lachte, plauderte nach Herzenslust.“
Manche andere Spielarten dieser großen Zedrate werden auch nur
gezüchtet, um ihre riesigen Früchte zur Schau zu stellen, wozu sie sich
schon deshalb besonders eignen, weil sie sich länger halten als alle
übrigen Früchte der Gattung ~Citrus~. Eine chinesische, den Europäern
übrigens wegen des faserigen Fleisches wenig mundende Varietät bildet
in ihrer Heimat einen Leckerbissen, den die Chinesen selbst in fremden
Ländern nicht missen mögen, weshalb diese Früchte überallhin, wo jene
sich niederlassen, nach Kalifornien, Hawai usw. exportiert werden.
Die Chinesen schälen die innere, weiße, widerlich bitter schmeckende
Schale mit größter Sorgfalt ab, um zum rötlichen, süßlich-sauren
Fruchtfleisch zu gelangen, das sie nicht nur roh, sondern auch in Form
von Mus und Gelee essen. Aus dem Saft bereiten sie ein erfrischendes
Getränk und die Schalen kandieren sie, ähnlich wie wir dies mit den
Pomeranzenschalen tun. Übrigens gibt es einige Spielarten, die auch dem
Europäer sehr wohl schmecken; vor allem gilt dies von der +Pompelmuse+
von Batavia, einer wirklich köstlichen Frucht, die in Indonesien häufig
gezogen wird.
Der Baum, der die leuchtend gelben +Zitronen+ zeitigt, die die
Italiener und Engländer mit Recht mit ihrem geschichtlichen Namen
als +Limonen+ bezeichnen, war den Mittelmeervölkern des Altertums
durchaus unbekannt, bis ihn die Araber im Laufe des 10. Jahrhunderts
in Palästina und Ägypten, sowie in ganz Nordafrika ansiedelten. Im 11.
Jahrhundert wurde er durch sie in Spanien, bald darauf auch in dem von
ihnen eroberten Sizilien angepflanzt, wo der Italiener Falcando im
Jahre 1260 besonders um Palermo herum diesen bevorzugten Schützling der
Araber in Menge kultiviert fand. Denn dieses Volk, dem der Koran den
Genuß alkoholhaltiger Getränke verbot, suchte sich am sauren, angenehm
erfrischenden und den Durst löschenden Safte der von ihnen als ~limûn~
bezeichneten Zitronen, den sie mit gezuckertem Wasser vermischt als
bevorzugtes Getränk vor der Einführung des Kaffees tranken, schadlos zu
halten. Sie selbst hatten die Frucht eben als ~limûn~ von den Persern
erhalten, die wiederum sie aus Indien unter dem dort gebräuchlichen
Namen ~limu~ entlehnt hatten. Von den Arabern lernten die Italiener
die Frucht als ~limone~ und den daraus bereiteten beliebten Trank
als ~limonata~ kennen, woraus wir Deutsche unsere Limonade bildeten.
Kreuzfahrer und Handelsleute der italienischen Seestädte, vorzugsweise
Venedig, Pisa und Genua, brachten die Limone zuerst nach Europa, wo sie
nördlich der Alpen nicht unter dieser jüngeren Bezeichnung, sondern der
älteren, die auf der Bekanntschaft mit dem Zedrat-Citrus fußte, bekannt
wurde. Auch hier lernte man, als dann die Frucht häufiger aus Italien
dahin kam, wie im Orient den sauren Saft derselben und die aromatisch
duftende, an wohlriechendem ätherischen Öl reiche Schale als angenehme
Beigabe zu vielen Speisen schätzen und sie auch in Verbindung mit dem
zu gleicher Zeit bekannt werdenden Zucker zu Limonaden und Bowlen
verwenden. Auch als Medikament fand sie weithin Verbreitung; ist doch
ihr saurer Saft stark fäulnishemmend und demnach sehr günstig bei allen
Leiden, die mit Darmfäulnis zusammenhängen, wie ihr saurer Saft die
beim Fieber erhöhte Alkalescenz des Blutes herabsetzt.
Die Heimat des +Zitronenbaumes+ (~Citrus medica var. limonum~) ist das
östliche Südasien von den mittleren Tälern am Südfuße des Himalaja über
Nordbirma nach dem südlichen China und Cochinchina. Noch heute wird er
von Gurwal bis Sikkim, in den Kasia- und Garrobergen wild wachsend in
oft größeren Beständen gefunden. Zur weit größere und edlere Früchte
zeitigenden Kulturpflanze wurde er wohl in Cochinchina erhoben, von
wo er allmählich nach China und Japan verpflanzt wurde. Über Indien
gelangte er etwa im 8. Jahrhundert n. Chr. nach Persien in den
Machtbereich der Araber, die ihn dort kennen lernten und allmählich in
dem ganzen von ihnen eroberten Gebiete ansiedelten. Von ihnen lernten
die Kreuzfahrer den Baum und dessen Früchte in Syrien und Palästina
kennen. Von solchen aus dem Morgenlande heimkehrenden Kreuzfahrern
ist er gegen das Ende des 11. Jahrhunderts an der Riviera angesiedelt
worden. Aber einen größeren Aufschwung nahm dessen Kultur erst vom 14.
Jahrhundert an, bis sie im 17. Jahrhundert durch das Populärwerden
der Limonade in Europa erst volle Bedeutung erlangte. Ums Jahr 1655,
da der 1602 in Pescina in den Abruzzen (Süditalien) geborene Kardinal
Jules Mazarin (eigentlich Mazarini, gestorben 1661) das Staatsruder
Frankreichs führte, traten in Paris, wie zuvor in Italien, die ersten
Limonadiers auf, um dort, wie bald hernach in den übrigen größeren
Städten Europas eine ähnliche Rolle wie die sie darin später ablösenden
Cafetiers zu spielen.
Der Zitronenbaum ist ein strauchartiger kleiner Baum, der selten über
5 m Höhe hinausgeht, sehr empfindlich ist und schattige Standorte
bevorzugt. An sonnigen Standorten wächst er nur, wenn er sehr viel
Wasser zur Verfügung hat. Sein glattberindeter, aus einem sehr
feinen, gelben Holze bestehender Stamm trägt eine lichte Krone
glänzend grüner, kahler Blätter, die im Gegensatz zu denjenigen des
Zedrat- und Orangenbaums einen ungeflügelten Blattstiel besitzen. Die
weißen, außen etwas rötlich angelaufenen Blüten duften sehr stark und
sind wohlriechender, aber nicht so haftend als die ganz weißen der
Orange. Die uns allen von Jugend auf genugsam bekannten eiförmigen
gelben Früchte mit saftigem, saurem Fruchtfleisch werden zum Export
noch grün gepflückt, in einem „Fermentierhaus“ 2-3 Wochen lang bei
einer Temperatur von etwa 50° C. nachreifen gelassen, wobei die
Schale dünn und gelb wird, und dann noch längere Zeit bei niedriger
Temperatur gehalten, wonach sie sehr lange haltbar sind. Aus den
minder schönen und guten Früchten wird an deren Produktionsort der in
Küche und Haushaltung, weil gesunder als Weinessig, immer häufiger
Anwendung findende Zitronensaft gepreßt, der sich im Fruchtfleisch in
strahlenmäßig angeordneten, wasserhellen kleinen Beutelchen befindet,
während aus den Schalen das angenehm duftende Zitronen- oder Limonenöl
gewonnen wird, indem durch einen Nadelapparat die es umschließenden
Ölbehälter angestochen werden. Aus den Schalen der unreifen Zitronen
dagegen stellt man das Petitgrainöl her. Diese Substanzen kommen wie
die Zitrone selbst in bedeutenden Mengen in den Handel, so daß sie eine
sehr wichtige Einnahmequelle der Zitronenkultur treibenden Einwohner
Südeuropas bilden. Die wichtigsten Produktionsorte für Europa sind
außer dem Dorado hierfür, Sizilien, das allein jährlich über eine
Milliarde dieser Früchte exportiert, die Riviera di Ponente westlich
von Genua, dann Spanien, Portugal und Nordafrika. Dieselbe Rolle
spielen für das Gebiet der Vereinigten Staaten Florida und Kalifornien,
die heute immense Zitronenkulturen in Plantagenbetrieb aufweisen.
Man macht heute ausgedehnten Gebrauch vom sauren Safte der Zitronen,
der schon im Kräuterbuch des kurfürstlich pfälzischen Leibarztes
Tabernämontanus nicht bloß „als wider die innerliche Faulung und
das Gifft sehr gut und kräftig“ gepriesen, sondern auch „gegen alle
Traurigkeit und Schwermüthigkeit des Hertzens und die Melancholey“
angelegentlich empfohlen wird. Nach ihm widerstehe die Schale der
Frucht wie die Rinde dem Gift, daher solle man sie zur Zeit der Pest
„im Munde halten, auch einen Rauch damit machen“. Jedenfalls wirkt der
Zitronensaft, wie bereits bemerkt, antiseptisch, d. h. die Fäulnis im
Magen-Darmkanal herabsetzend und bei Mundfäule heilend. Daher ist er in
Verbindung mit dem Genusse frischer Gemüse das wirksamste Vorbeugungs-
und Bekämpfungsmittel des Skorbuts oder Scharbocks, der vormals
den Seefahrern zur Zeit der Segelschiffe auf ihren lange währenden
Meeresfahrten gewaltig zusetzte und bis zur Gegenwart der größte Feind
der Polarfahrer war. Bei allen Marinen der Erde besteht die Vorschrift,
der Mannschaft bei längerer Seefahrt Zitronen zum Genusse von deren
Saft zu verabreichen, weshalb wir diese südasiatische Frucht im
eisernen Bestand aller Schiffsvorräte finden.
Auch die Symbolik hat sich mannigfach der Zitrone bemächtigt. Das
Aromatische, Erquickende und Belebende dieser Frucht hat sie vielfach
auch zum Sinnbild des Lebens, zum Abzeichen des Schutzes gegen alle dem
Leben feindlichen Einflüsse überhaupt gemacht. Daher schützt auch die
Zitrone nach altem Glauben, wie die etwas minder saure Zedrate, nicht
bloß gegen Gift, sondern auch vor Verzauberung und allen schädlichen
Einwirkungen der Geisterwelt auf Menschen und Tiere. Daher rührt ihre
mannigfache Verwendung als Gegenzauber beim gemeinen Volke im Süden
her und die damit zusammenhängende Sitte, daß die Leichenträger bei
Begräbnissen eine Zitrone in der Hand halten, wie auch einst die den
Scheiterhaufen besteigenden indischen Witwen diese Frucht als Abwehr
der finsteren Mächte mit sich auf ihrem Todesgange trugen. Diese
fürchterliche Sitte der Witwenverbrennung ist jetzt glücklicherweise
durch ein streng von den Engländern gehandhabtes Gesetz verboten. Sie
war übrigens der Ausfluß der absurden Lehre vom Karma, die ihrerseits
eine Folge der Wiederverkörperungslehre ist. Nach ihr ist eine jede
Witwe schuld an dem Tode ihres Gatten durch eine schwere Sünde, die
sie in einem früheren Leben begangen hat. Deshalb wird, selbst wenn
sie ein Kind sein sollte, das noch gar nicht mit dem ihr einst von
den Eltern angetrauten Manne zusammengelebt hat, jede Witwe in Indien
von den Angehörigen, die über den von ihr verursachten Todesfall in
der Familie aufs äußerste erzürnt sind, ihres Schmuckes beraubt,
muß zeit ihres Lebens in Trauergewandung gehen, wird verachtet und
oft genug mißhandelt. Man gönnt ihr kein freundliches Wort mehr und
Wiederverheiratung ist vollständig ausgeschlossen. Unter diesen
Umständen war es kein Wunder, daß viele Witwen den freiwilligen, ihr
als großes Verdienst angerechneten Tod durch Verbrennung mit der
Leiche des Gatten dem freudlosen, überaus leidvollen Leben, dem sie
entgegensahen, vorzogen.
Eine Varietät der echten Limone oder Zitrone ist die +süße Limone+ oder
+Lumie+ mit süßem Fruchtfleisch, die hauptsächlich als Zierfrucht und
ihres ätherischen Öles wegen kultiviert wird. Ausschließlich in den
Tropen und nicht mehr im Mittelmeergebiet wächst die +Limonelle+ oder
+Zitronelle+, ein kleines, schmächtiges Bäumchen mit zierlichen, sehr
sauren, meist rundlichen Früchten, die eine glatte, grüne, bei der
Reife gelblich werdende dünne Schale besitzen. Im malaiischen Archipel
und in vielen anderen tropischen Gegenden ersetzen sie die Zitronen und
werden besonders in Westindien viel zur Herstellung von Limonellensaft
im großen kultiviert.
Für uns noch viel wichtiger als die Zitrone, die mehr in der Küche
Verwendung findet, ist die +Orange+, die für Mitteleuropa und die
nördlichen Vereinigten Staaten bald eine der wichtigsten Obstarten
bildet, da sie seit den besseren Eisenbahnverbindungen in solchen
Mengen und zu einem so billigen Preise eingeführt wird, daß selbst der
Ärmste sich den Genuß dieser Frucht um einen geringen Preis leisten
kann. Sie ist für uns um so wertvoller, da sie gerade im Winter, wenn
das übrige Obst, soweit es nicht konserviert zu werden vermag, selten
ist, geerntet wird und überall zu haben ist. Diese süße Varietät
der Orange bezeichnet man gewöhnlich als +Apfelsine+, die bittere
dagegen, die nicht zu uns kommt, +Pomeranze+. Die zunächst nur für
die viel früher als die süße bei uns bekannt gewordene bittere Abart
aufgekommene Bezeichnung Orange, die nach der charakteristischen
ziegelroten Färbung der Früchte dann auch eine Farbenbezeichnung wurde,
ist auf das Sanskritwort ~nagrunga~ zurückzuführen, mit dem die alten
Inder diese rotschimmernde Frucht bezeichneten. Von ihnen erhielten
die Perser den Baum mit dem indischen Namen ~narungschi~ und gaben ihn
an die Araber weiter, die daraus das Wort ~naranschi~ bildeten. Daraus
formten die Byzantiner ~nerantzi~, die Italiener ~naranci~ und später
mit abgeschliffenem ~n~ ~aranci~, ~arangi~ und endlich die Franzosen
~orange~. Aus dem italienischen ~aranci~ bildete das mittelalterliche
Latein das Wort ~aurantium~ mit Bezugnahme auf den hineinspielenden
Begriff ~aurum~, Gold, wegen der wie Gold gleißenden Früchte. Die
botanischen Schriftsteller des 16. und 17. Jahrhunderts bezeichneten
die Früchte als ~poma aurantia~, woraus das deutsche Pomeranze und das
polnische ~pomarancza~ hervorging.
Die chinesische Abstammung der verlockend gefärbten süßen Abart gibt
sich sehr deutlich in dem deutschen Worte Apfelsine zu erkennen, was
Apfel von Sina, d. h. China bedeutet. Und in der Tat gelangte die
süße Orange erst im Jahre 1548 aus Südchina durch die Vermittlung der
Portugiesen nach Portugal und von da nach Spanien und in die übrigen
Mittelmeerländer. Noch weist die italienische Bezeichnung derselben
~portogallo~ deutlich auf diese ihre Herkunft über Portugal hin.
Daß die Portugiesen die Vermittler dieser und anderer chinesischer
Fruchtbäume waren, hängt ganz einfach damit zusammen, daß sie eben
zuerst jenes Land betraten und sich in einen Tauschhandel mit den
Bewohnern einließen. Das erste europäische Schiff, das in China,
und zwar im Jahre 1517 landete, war ein portugiesisches und die
Portugiesen waren es, die bereits 1557 die erste Niederlassung von
Europäern in China gründeten. Es ist dies Macao, ein befestigter Ort
auf einer Insel an der Mündung des Perlflusses in Südchina, welches der
Hauptstapelplatz des Handels mit China war, bis vor kaum mehr als 50
Jahren die englische Niederlassung Hongkong es dann weit überflügelte.
Wie der Apfelsinenbaum sich von Portugal aus an den Küsten des
Mittelmeeres bis tief nach Westasien hinein ausbreitete, um neben dem
Zitronenbaum in warmen, windgeschützten Lagen gepflanzt zu werden, da
die Frucht bald allgemeinen Beifall fand, so brachten ihn Portugiesen
und Spanier in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auch nach
Amerika, wo er in den tropischen und subtropischen Gegenden wunderbar
gedieh und mit der Zeit überallhin in der Neuen Welt verbreitet wurde.
Die ursprüngliche Heimat des +Orangenbaums+ (~Citrus aurantium s.
vulgaris~), ist das Gebirgsland südlich vom Himalaja über Birma
nach Südchina und Cochinchina, also dieselben Gegenden, die wir als
die Heimat des Zitronenbaumes angeführt haben. Wie der Zitronenbaum
wurde er wohl in Südchina zuerst in Kultur genommen und veredelt. Er
bildet stattlichere Bäume als jener, aber seine Blätter haben an den
Blattstielen herzförmige Flügel und seine rein weißen Blüten duften
weniger angenehm als diejenigen des Zitronenbaums.
Wie der Zitronenbaum die mannigfaltigsten, in bezug auf Gestalt,
Farbe, Größe und Geschmack der Früchte abweichenden Kultursorten
hervorgebracht hat, ja, in der Limetta, die besonders an der
ostafrikanischen Küste vielfach angepflanzt wird, eine süßfrüchtige Art
besitzt, so hat sich auch der Orangenbaum in zahllose samenbeständige
Kulturvarietäten aufgelöst, von denen wir hier nur die süße, die wir
in allen Fruchtläden zu Gesicht bekommen, und die bittere besprechen
wollen.
Die süße Abart (~Citrus aurantium chinense s. dulcis~) besitzt
schwach blaßgrüne, wenig aromatische Blätter. Die kugelige Frucht ist
orangefarbig, selten gelb und enthält unter einer meist dünnen Schale
ein schwach säuerliches, wohlschmeckendes, in den hochkultivierten
Sorten bereits kernlos gewordenes Fruchtfleisch. Der Baum ist wie die
anderen Citrusarten empfindlich gegen kalte Winde, deshalb zieht man
ihn wie den Zitronenbaum, mit dem er dieselben Gegenden als für den
Anbau geeignet teilt, soweit er solchen Winden ausgesetzt ist, in
Reihen, die durch dichte Hecken eng nebeneinander gepflanzter Zypressen
geschützt werden. Diese hohen Zypressenhecken fallen einem jeden auf,
der durch die Provence oder Algier reist.
Von Genua bis Marseille findet man ihn an den geschützten Lagen
angepflanzt, dann besonders in Sizilien, Spanien, Portugal, Nordafrika;
in Nordamerika besitzen besonders Kalifornien und Florida gewaltige
Orangengärten. Erst in Sizilien und von da weiter südlich erreicht er
die Größe unseres Apfelbaums und liefert dann, gut gehalten, 600-800
Früchte jährlich, während ein ausgewachsener Zitronenbaum bei voller
Kraftentfaltung sogar 1000-1100 Früchte in demselben Zeitraum liefert.
Man rechnet nach Theobald Fischer in den berühmten Zitronen- und
Orangengärten in der ~Conca d’oro~ bei Palermo einen durchschnittlichen
jährlichen Rohgewinn von 3000 Lire vom Hektar. Was das besagen will,
geht daraus hervor, daß die einträglichsten Gemüse- und Fruchtgärten
bei Paris es nur zu einem jährlichen Rohgewinn von 2500-2700 Franken
auf den Hektar bringen. Dies ist allerdings nicht zu vergleichen mit
dem Ertrage der Südfrüchte in Kalifornien, wo der Morgen, also etwas
mehr als ¼ Hektar bis 4000 Mark einträgt und eine 5 Morgen umfassende
Erdbeer- oder Obstplantage ein Einkommen von 7-10000 Mark abwirft.
Allerdings ist der Geldwert drüben bedeutend geringer als bei uns, so
daß wir einen entsprechenden Abzug machen müssen, um diese Verhältnisse
auf die unsrigen zu übertragen.