gezogen. Sie brachten seine Früchte als Rückfracht aus dem Orient mit
und vermittelten ihre Kenntnis auch den Römern, die sie zunächst als
~siliquae graecae~, d. h. griechische Schoten, bezeichneten. Später
werden sie vielfach als syrische Schoten bezeichnet, als man erkannte,
daß sie aus Syrien stammten und nur durch die Griechen übermittelt
wurden. Dioskurides und Galenos rühmen diese Schoten als Speise
durchaus nicht. Ersterer sagt: „Das frische Johannisbrot (~kerátion~)
bekommt, wenn es genossen wird, schlecht; das getrocknete schmeckt
besser, besonders, wenn die Schalen und Kerne nicht mitgegessen
werden.“ Und letzterer meint: „Das Johannisbrot (~kerátion~) ist
keine gesunde Speise, kommt aus dem Morgenland, sollte aber nicht
von dort geholt werden.“ Also war noch zur Zeit des Arztes Galenos
gegen Ende des 2. nachchristlichen Jahrhunderts das Johannisbrot
durchaus nur Gegenstand der Einfuhr aus dem Orient und erst im 4.
Jahrhundert lehrt Palladius, der Verfasser eines noch im Mittelalter
viel benutzten Werkes über den Landbau, ausführlich wie der Baum
gepflanzt und veredelt werden soll, so daß man annehmen muß, daß er
damals auch in Italien selbst wuchs. Immerhin könnte diese Stelle ein
späteres Einschiebsel sein, da sie in einigen Handschriften fehlt und
der fleißige Benutzer des Palladius, Petrus Crescentius, über den Baum
schweigt. Wenn er nun auch damals jedenfalls in beschränkter Zahl in
Italien selbst kultiviert wurde, so war doch diese Produktion ohne
größere Bedeutung.
Erst die Araber nahmen die mehr oder weniger verschwundene Kultur
dieses Fruchtbaumes wieder auf und verbreiteten ihn in Sizilien,
Süditalien, Spanien, wie in ganz Nordafrika im Bereiche ihrer
Herrschaft. Ihre Bezeichnung Charruben für die Früchte ist ins
Italienische ~carruba~, ins Spanische ~garroba~ -- oder mit dem
arabischen Artikel al davor als ~algarroba~ -- ins Portugiesische
~alfarroba~ und ins Französische ~caroube~ übergegangen, was an sich
schon mit Sicherheit beweist, daß sie diesen Ländern die Kenntnis
dieser Frucht vermittelten. Sie ihrerseits hatten von den Griechen
die als ~kerátia~ bezeichneten Bohnen der Johannisbrotschoten, die
sich durch eine auffallend übereinstimmende Größe auszeichnen, als
Gewichtseinheit angenommen und dies dem Abendlande übermittelt. So
dient uns heute noch das von ihnen als kleinstes Gewicht angenommene
Karat, d. h. eben die nach dem griechischen ~kerátion~ bezeichnete
Johannisbrotbohne als Gewichtseinheit für Gold, Diamanten und alle
Juwelen überhaupt, wie in Persien das Weizenkorn ~gändum~ als kleinste
Gewichtseinheit dient, und die nächst höhere die Kichererbse ~nukhûd~
ist. Dabei ist 1 ~nukhûd~ = 4 ~gändum~.
Seitdem die Araber den Johannisbrotbaum überallhin an den Gestaden des
Mittelmeers, soweit er gedeihen kann, angesiedelt haben, pflanzt man
ihn gerne auch als Schattenbaum zur Straßeneinfassung und inmitten
der Felder. Soll der Baum aber nicht bloß Schatten gewähren, sondern
auch reichlich Früchte tragen, so muß er von Zeit zu Zeit beschnitten
werden wie der Weinstock und der Ölbaum. Die nördliche Grenze seiner
Verbreitung fällt ungefähr mit derjenigen der Orangen und Zitronen
zusammen. In Kleinasien und Syrien wird er als Fruchtspender so
geschätzt, daß er geradezu göttliche Verehrung bei Muhammedanern und
Christen genießt. Er ist dem heiligen Georg geweiht, dem sagenhaften
kappadozischen Prinzen, der unter Diokletian (regierte von 284-313
n. Chr.) als Märtyrer gestorben sein soll, nachdem er einst einen
Lindwurm besiegt hatte, der ein Mädchen zu verschlingen drohte. Schon
die Kreuzfahrer führten diesen streitbaren Heiligen symbolisch in
ihrem Panier und seither ist er der Schutzheilige aller Berittenen.
In Griechenland und im Orient überhaupt sind Georgskapellen unter
Johannisbrotbäumen häufig.
Wie bei allen Kulturgewächsen haben sich auch bei ihm die
verschiedensten Varietäten gebildet, die sich durch Form, Größe,
geringere oder größere Süßigkeit und Haltbarkeit der Schoten
unterscheiden. Doch gilt im allgemeinen, daß je wärmer das Klima
ist, in welchem er wächst, er um so mehr Zucker in seinen Schoten zu
entwickeln vermag und um so süßer der aus ihnen ausgepreßte Honig wird.
In letzterem Falle werden die Preßrückstände den Schweinen vorgeworfen.
Auch das harte Holz wird geschätzt und die tanninhaltige Rinde dient
zum Gerben. Vom Orient aus wird das Johannisbrot bis tief nach Rußland
hinein und in die nordischen Länder exportiert, wo es als billiger
Leckerbissen auf keinem Volksmarkte fehlt.
Eine eßbare, wohlschmeckende Kernfrucht bietet auch der in ganz
Indonesien, besonders den Molukken wild wachsende und auch angepflanzte
+Katappabaum+ (~Terminalia catappa~). Die Frucht, deretwegen der Baum
auch sonst in den Tropen, besonders auf den Antillen kultiviert wird,
hat Ähnlichkeit mit der Walnuß und enthält einen bis zwei mandelartige
Kerne. Ähnliche Samen bieten verschiedene andere Terminaliaarten in
Südindien, Ozeanien und Südamerika. Gleicherweise werden auf den Inseln
der Südsee die Kerne der Früchte von ~Inocarpus edulis~, ~Sterculia
balanghas~ und ~St. foetida~ als fast tägliche Speise gegessen. Ebenso
finden die ölreichen Samen zahlreicher Nadelholzgewächse als Speise der
Menschen Verwendung, so diejenigen verschiedener Kiefern und Fichten,
wie der +Zirbelkiefer+ (~Pinus cembra~), der +Fichte der Norfolkinsel+
östlich von Australien, der als Ziergewächs bei uns in Töpfen gezogenen
~Araucaria excelsa~ und der +südamerikanischen Araukarie+ (~Araucaria
imbricata~). Dieser von den Indianern als ~pehuén~ bezeichnete
Nadelbaum ist diözisch, d. h. weist männliche und weibliche Exemplare
auf und bildet auf Sandboden lichte Bestände, die entfernt an unsere
Kiefernwälder erinnern. Sein Stamm bildet eine mächtige Säule von
bis zu 60 m Höhe, ist unten kahl und trägt oben einen schirmartigen
Wipfel, dessen herunterhängende Äste an den Spitzen wieder nach
aufwärts streben. Die Fruchtzapfen benötigen zwei Jahre zur Reife
und enthalten 100 bis 200 mehlige, ähnlich wie Kastanien schmeckende
Samen, die im Februar und März reifen. Um diese von den Spaniern, die
sie ebenfalls sehr lieben, ~piñones~ genannten, doppelt mandelgroßen
Nüsse zu erlangen, unternehmen die Indianer zur Zeit der Reife große
Wanderungen. Diese pflanzliche Speise ist für sie um so wichtiger, je
weiter sie von den Weißen entfernt wohnen und je schwerer sie sich von
jenen die gewöhnlichen Getreidearten durch Tausch gegen Wildpret und
Felle verschaffen können. Ein einziger Zapfen genügt für einen Indianer
zur Ernährung für einen Tag, wenn er noch etwas Fleisch zu sich nimmt.
Durch ihren reichen Ölgehalt sind sie nicht sehr leicht verdaulich und
lassen sich auch nicht längere Zeit hindurch aufbewahren. Doch bereiten
die Eingeborenen daraus ein Gebäck, das sich lange Zeit erhält. So
können sie die von ihnen sehr geschätzten Samen aufs weitgehendste
ausnützen.
In den Mittelmeerländern finden besonders die +Piniennüsse+, gewöhnlich
Pignolen genannt, zahlreiche Liebhaber und kommen dort überall in
den Handel. Der Nüsse und des Holzes wegen wird die Pinie auch in
Südtirol kultiviert. Die Pinienzapfen reifen erst im vierten Jahre.
Zur Gewinnung der Nüsse werden besondere Sorten mit sehr dünner,
zerbrechlicher Schale gezogen, entsprechend den als Butternüsse
bezeichneten, weichschaligen Walnüssen und den weichschaligen
Bruchmandeln. So gewährt der berühmte Pinienwald bei Ravenna, die
Pineta, den Bewohnern reichlichen Gewinn durch die überallhin nach
Italien verschickten Samen, trotzdem die Bestände durch den kalten
Winter 1879-80 und durch einen Waldbrand stark gelitten haben. Sie
sind ziemlich groß, schmecken wie Mandeln und werden roh zu allerlei
Speisen und in Zucker eingemacht gegessen, auch zur Darstellung eines
fetten süßen Öles benutzt. Sie bilden auch für Griechenland, besonders
den Peloponnes, einen nicht unwichtigen Ausfuhrartikel. Schon der
Grieche Athenaios (um 200 n. Chr.) in Alexandrien erwähnt die Ausfuhr
der Piniennüsse von dort nach Ägypten. Dioskurides sagt von ihnen:
„Die Samen der Pinien (~pítys~) und Kiefern (~peúkē~) werden ~pityís~
genannt. Sie befördern die Verdauung und erwärmen etwas, sind auch
für sich oder mit Honig gegen Husten und Brustübel nützlich.“ Sein
Zeitgenosse Plinius unterscheidet 4 Sorten der Piniennüsse (~pinea
nux~), deren eine, „die tarentinische, eine so dünne Schale besitzt,
daß man sie zwischen den Fingern zerbrechen kann. Sie werden deshalb
oft schon am Baume von den Vögeln gefressen.“ Er bemerkt, daß die
Tauriner (die jetzigen Piemontesen) die von der Schwarzkiefer
(~pinaster~ = ~Pinus laricio~) stammenden Samen, in Honig gekocht, als
treffliches Mittel gegen den Husten in den Handel bringen und meint
ferner: „Die Pinienkerne stillen den Durst und helfen gegen Magensäure
und Nierenleiden, heilen auch, mit Wasser gekocht, das Blutspucken.
Mit Wein oder einer Abkochung von Datteln getrunken, führen sie die
Galle ab. Gegen heftigeren Magenschmerz und Nierenübel mischt man
Gurkensamen und Portulaksaft hinzu.“ Palladius um 380 n. Chr. sagt:
„Die Pinienzapfen können reif oder überreif von den Bäumen genommen
werden, doch muß es geschehen, bevor sich die Zapfen öffnen. Die Kerne
lassen sich nur dann aufbewahren, wenn sie gut gereinigt und getrocknet
sind.“ Diese Bemerkung ist ganz richtig. Nur aus den Zapfen genommen
und sorgfältig getrocknet lassen sie sich einige Zeit aufbewahren.
VI.
Die Agrumen.
Unter der Bezeichnung ~agrumi~ faßt der Italiener die verschiedenen
Vertreter der Gattung ~Citrus~, also die Zitronen, Orangen,
Mandarinen usw. zusammen. Die Kultur dieser in seinem Lande und
neuerdings auch bei uns so beliebten Früchte scheint uns untrennbar
mit dem Begriffe Italien oder Spanien zu sein. Seit Goethe in seinem
Mignonlied der Sehnsucht des Nordländers nach den sonnigen südlichen
Gestaden so treffenden Ausdruck gegeben hat, können wir uns das
glückliche warme Mittelmeergebiet nicht vorstellen ohne das satte
Grün dieser Fruchtbäume, ohne den würzigen Blütenduft der Zitronen
und das prächtige Gleißen der schimmernden „Goldorangen“. Dem ist
aber nicht immer so gewesen. Es sind vielmehr noch keine tausend
Jahre verstrichen, seitdem die ersten Vertreter dieser Produkte
ostasiatischer Kultur dem Fruchtbaumbestande Südeuropas durch die
damals das Mittelmeer beherrschenden Araber einverleibt wurden.
Das Altertum hat diese Früchte durchaus nicht gekannt. Wohl kennen die
römischen Schriftsteller das Wort ~citrus~, mit dem sie aber einen
ganz anderen Begriff als wir verbanden. Die Bedeutung dieses Wortes
verstehen wir erst, wenn wir daran erinnert werden, daß sie dasselbe
wie so unendlich viele andere Kulturgüter und deren Bezeichnungen
den in bezug auf Gesittung weiter als sie fortgeschrittenen Griechen
verdankten. ~Citrus~ ist das romanisierte ~kédros~ der Griechen, das
mit dem Namen Zeder zusammenhängt. Darunter verstanden die Römer wie
die Griechen, von denen sie Wort und Begriff übernahmen, das duftende,
den Würmern widerstehende Holz verschiedener Nadelhölzer, besonders
Zedern-, Wacholder- und Lebensbaumarten, das zur Herstellung von
mottensicheren Truhen zur Aufbewahrung der ja vorzugsweise aus Wolle
hergestellten Kleider diente. Für die Römer der Kaiserzeit war es
wohl in erster Linie das schön gemaserte, wohlriechende weil öl- und
harzdurchtränkte Holz der nordafrikanischen Zypressenart ~Callitris
quadrivalvis~ -- die Produzentin des echten Sandarakharzes --, welche,
weil durch ihren starken Duft vor Motten schützend, zur Fabrikation
von solchen Kleiderkisten -- Schränke kannte man damals noch nicht --
diente.
Von den Griechen hatten sie vernommen, daß auch die starkduftenden,
im übrigen aber nicht eßbaren Früchte eines aus dem Orient bezogenen
Baumes vortrefflich zur Abwehr von Motten in den Kleiderkisten seien.
Es waren dies eiförmige, über faustgroße grüne bis gelbe Früchte
mit einer überaus dicken, reich mit ätherischen Ölen durchsetzten,
feinhöckerigen Schale, die wir im Deutschen als +Zedraten+ oder
+Zitronatzitronen+ bezeichnen, weil aus ihren würzigen, dicken Schalen
durch Kochen in Zucker das Zitronat hergestellt wird. Die Zedraten, von
den Italienern ~cedro~ genannt, sind weit größer als unsere bekannten
Zitronen und erreichen in runden, bis stark in die Länge gezogenen
Formen oft die Größe eines Menschenkopfes. Ihr Fruchtfleisch enthält
einen mäßig sauren Saft -- jedenfalls bedeutend weniger als bei der
Zitrone -- dem durch den Gehalt an Zitronensäure fäulniswidrige
Eigenschaften innewohnen.
Diese Zedraten waren schon den alten Ägyptern als ~kitri~ und den
Hebräern zur Zeit des Moses als ~hadar~ bekannt. Der Baum scheint
zur Zeit der 18. Dynastie (1580-1350 v. Chr.) aus Südasien nach dem
Niltal gekommen zu sein, wo ihn später die Griechen kennen lernten.
Bei den letzteren galt die wenig schmackhafte, säuerliche Frucht der
Zedrate nicht nur als gutes Mittel um, in die Kleiderkisten gelegt, die
Motten davon fernzuhalten, sondern geradezu als ein äußerst wirksames
Gegengift. Nach ihrem Dafürhalten konnte, wer immer davon aß, in den
nächsten darauffolgenden Stunden nicht vergiftet werden.
So empfahl der um 200 n. Chr. in Alexandrien und Rom lebende
griechische Grammatiker Athenaios aus Naukratis in Ägypten als bestes
Schutzmittel gegen Vergiftung eine in Honig gekochte Zedrate zu
essen. Wer morgens früh ein halbes Glas des daraus gepreßten Saftes
genieße, dem können den ganzen Tag über Gifte nichts anhaben. In
seiner 15 Bücher umfassenden Schrift „~Deipnosophistai~“, die wichtige
Nachrichten über Leben, Sitte, Kunst und Wissenschaft der alten
Griechen enthalten, schreibt er: „Daß der Kedrosapfel (~kedrómēlos~)
ein Mittel gegen Gift ist, weiß ich von meinem Landsmann, welcher
Statthalter von Ägypten war. Er hatte einige Verbrecher dazu
verurteilt, in dem zu Tierkämpfen bestimmten (Amphi-)Theater von
wilden Tieren getötet zu werden. Als diese dahin geführt wurden,
gab ihnen unterwegs eine mitleidige Frau einen Kedrosapfel, den sie
zufällig bei sich hatte. Die Leute aßen ihn, wurden gleich darauf den
wilden Bestien vorgeworfen und auch von Aspisschlangen gebissen, litten
aber gar nicht. Der Statthalter wunderte sich nicht wenig darüber; und,
wie er erfuhr, daß sie einen Kedrosapfel gegessen, ließ er am folgenden
Tage dem einen eine solche Frucht geben, dem anderen nicht. Jener blieb
gesund, dieser aber starb vom Schlangenbiß auf der Stelle. Dieser
Versuch wurde öfters, und immer mit demselben Erfolg wiederholt.“
Diese Aspis der Griechen und Römer war, nebenbei bemerkt, die Ara, d.
h. Aufgerichtete der alten Ägypter, gräzisiert als „Uräus“-schlange
bezeichnet, die man als Sinnbild der Erhabenheit zu beiden Seiten der
Sonnenkugel des Gottes Ra über dem Portal der altägyptischen Tempel
eingemeißelt findet und deren Nachbildung der Pharao als zierendes
Abzeichen seiner Hoheit und Herrschergewalt an seinem Diadem über der
Stirne trug. Diese bis 2,25 m lange ägyptische Brillenschlange (~Naja
haje~) ist noch größer als ihre südasiatische Verwandte und wird von
jeher in Ägypten sehr gefürchtet. Wie heute noch die Gaukler auf den
Straßen vor allem Volke die so überaus gefürchtete, in Ledersäcken
verwahrte „Haje“ vorführen, so produzierten sich mit ihr schon Moses
und Aaron vor dem Pharao. Sie war es auch, mit der sich die berühmte
Buhlerin Kleopatra, Königin von Ägypten und nacheinander die Geliebte
von Julius Cäsar und Marcus Antonius, nach des letzteren Selbstmord
nach der verlorenen Seeschlacht von Aktium im Jahre 30 v. Chr. tötete,
um nicht von ihrem ihren Gunstbezeugungen unzugänglichen Überwinder
Octavianus Augustus im Triumph in Rom vorgeführt zu werden. Bevor
dieses so viele Männer mit ihren Verführungskünsten bestrickende Weib
in den Tod ging, ließ sie ihre vertrautesten Dienerinnen von solchen
Schlangen beißen, um zu sehen, welchen Effekt der gefährliche Biß auf
sie haben werde.
Der +Zedratbaum+ (~Citrus decumana~), dessen oft fast nur aus Schale
bestehenden, bis 6 kg schweren Früchte eines saftigen Fruchtfleisches
in der Regel entbehren, ist ein 3-5 m hoher Baum mit stumpfen,
dunkelgrünen Blättern, die an breitgeflügeltem Stiele sitzen, und
weißen, wohlriechenden Blüten. Seine Heimat ist höchstwahrscheinlich
im malaiischen Archipel zu suchen, wo er heute noch in zahlreichen
Spielarten, auch solchen mit saftigem, säuerlichsüßem bis süßem
Fruchtfleisch kultiviert wird. Schon früh kam er nach Indien,
Hinterindien und China, in welch letzterem Lande er schon zu
Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends unter dem Namen
yu gepflanzt wurde. Von Indien aus gelangte er nach der Mitte des
letzten vorchristlichen Jahrtausends nach Medien und Persien, wo
ihn die Griechen auf dem berühmten Zuge Alexanders des Großen ins
Innere Asiens von 334 bis 324 v. Chr., der ihnen überhaupt eine
Fülle neuer Naturprodukte aus dem Pflanzenreiche vermittelte, kennen
lernten. Der pflanzenkundige Theophrastos (390-286 v. Chr.), nach
Alexander selbst Schüler des großen Aristoteles, beschreibt diesen
Baum, den er jedenfalls nur von der Beschreibung der Teilnehmer am
Alexanderzuge kannte und nicht selbst sah, in seiner Pflanzengeschichte
folgendermaßen: „Medien und Persien erzeugt unter anderen
eigentümlichen Gewächsen auch den medischen oder persischen Apfel
(~mḗlon~). Das Blatt dieses Baumes sieht fast genau so aus wie das
der Andráchlē (~Arbutus andrachne~), auch hat der Baum Dornen wie der
Birnbaum (~ápios~) und der Weißdorn (~oxyákanthos~); sie sind glatt,
sehr spitzig und stark. Der Apfel wird nicht gegessen, allein er hat,
so wie auch das Blatt des Baumes, einen sehr angenehmen Geruch; und der
Apfel schützt Kleider, zwischen die er gelegt wird, vor Motten. Auch
dient er als Arznei. Der Baum, der am besten auf lockerem, feuchtem
Erdreich gedeiht, hat das ganze Jahr hindurch Früchte. Während man
reife abnimmt, sind auch unreife und Blüten daran vorhanden.“
Von den Griechen erhielten die Römer die Kenntnisse vom medischen
Apfel. Der römische Dichter Vergil (70-19 v. Chr.) nennt ihn in
Italien zuerst als „goldenen“ oder „Glücksapfel“. Er sagt von ihm in
seiner Georgica: „In Medien wächst der Glücksapfel (~felix malum~),
dessen Saft den jämmerlichen, lang anhaltenden Geschmack hat, aber
ein herrliches Mittel gegen verschlucktes Gift ist. Der Baum selbst
hat eine gewaltige Größe, sieht dem Lorbeer sehr ähnlich, riecht aber
ganz anders. Die Blätter werden von keinem Winde abgerissen; auch die
Blüte trotzt dem Sturm. Der Meder nimmt sie in den Mund, um dem Atem
Wohlgeruch zu geben, und Greise stärken mit ihr die schwach werdende
Brust.“ Man glaubte, wie verschiedene griechische Schriftsteller der
römischen Kaiserzeit berichten, in ihnen die Äpfel der Hesperiden vor
sich zu haben. Es waren dies der Sage nach die Töchter des Atlas und
der Hesperis, die mit dem Drachen Ladon die „goldenen Äpfel“ der Hera
im Garten der Götter im äußersten Westen des Okeanos bewachten, die
dann der berühmte Heros Herakles auf Geheiß des delphischen Gottes
Apollon im Dienste des Königs Eurystheus von Mykenä holte.
Der gelehrte ältere Plinius (23-79 n. Chr.) schreibt in seiner
Naturgeschichte über ihn: „Aus dem Ausland stammt der medische
Apfelbaum, den man auch ~cedrus~ nennt; er trägt Früchte, die man gegen
Gifte braucht. Als Speise genießt man sie nicht, aber sie riechen
vortrefflich, und auch die dem Erdbeerbaum (~unedo~) gleichenden
Blätter, zwischen denen Dornen stehen, riechen. Dieser Geruch teilt
sich Kleidern, zwischen welche man die Früchte legt, mit und schützt
gegen Mottenfraß. Der Baum hat jederzeit Früchte, reife und unreife
zugleich. Man hat diese Bäume, weil sie so ausgezeichnete Arznei
liefern, in irdene Töpfe, welche Luftlöcher haben, gepflanzt und sie in
andere Länder zu versetzen gesucht; denn jung gedeihen sie bis jetzt
nur in Medien und Persien.“ An einer anderen Stelle nennt er die Frucht
Citrusapfel (~malum citreum~) und den Baum ~citrea~, spricht auch von
Citrusöl (~oleum citreum~), das von den Vornehmen bereits als Parfüm
gebraucht wurde.
Sein Zeitgenosse, der aus Anazarbos in Kilikien gebürtige, um die
Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Rom praktizierende griechische
Arzt Dioskurides schreibt in seinem Buche über Arzneiwissenschaft:
„Allgemein bekannt ist der medische oder persische Apfel, auch
~kedrómēlon~, von den Römern ~kítrion~ (= ~citreum~) genannt. Der
Baum hat das ganze Jahr hindurch Früchte, und diese sind länglich,
runzlig, goldfarbig und haben einen starken, aber angenehmen Geruch.
Die Samen sind denen der Birne ähnlich. Man legt die Früchte in Wein
und braucht dann diesen gegen Gifte. Auch kocht man sie, und spült sich
mit der Abkochung den Mund aus, um ihn wohlriechend zu machen. Legt man
die Früchte in Kleiderkisten, so sollen keine Motten hineinkommen.“
Und der im Jahre 131 n. Chr. in Pergamon geborene und um 200 in Rom
verstorbene griechische Arzt Galenos sagt: „Der auch ~kítrion~ genannte
medische Apfel besteht aus drei Teilen: dem sauren, der in der Mitte
liegt, dem fleischigen, der den sauren umgibt, und der wohlriechenden,
gewürzhaften Schale. Wird letztere in Menge genossen, so ist sie schwer
zu verdauen; kleingerieben und in geringer Menge stärkt sie dagegen die
Verdauung. Das saure, nicht eßbare Mittelstück legt man in Essig, um
diesen zu verstärken. Die fleischige Masse, die weder sauer noch scharf
ist, wird mit Essig und Fischsauce (~garum~) gegessen.“
Der bereits erwähnte Athenaios (um 200 n. Chr.) sagt: „Aus den Komikern
ersieht man, daß der Kedrosapfelbaum aus Asien nach Griechenland
versetzt wurde“ und an anderer Stelle: „Zur Zeit des Theophrast
und bis auf die Zeit unserer Großväter hat kein Mensch Kedrosäpfel
gegessen; sie wurden dagegen in Kleiderschränke gelegt.“ Zu seiner Zeit
wurde der, wie Plinius meldet, in Kübel aus gebranntem Ton in Medien
gepflanzte Zedratbaum wie zur Zeit Ludwigs XIV. und seiner Nachahmer
die Orangenbäume zur Zierde der Villen vornehmer Römer in deren Alleen
aufgestellt. Bald lernte man ihn aber auch im Lande selbst ziehen. So
beschreibt uns der Grieche Florentinus ums Jahr 218 n. Chr. die Kultur
der von ihm ~kítria~ genannten Bäume ganz in der Art der heute noch in
Italien betriebenen Agrumen, und fügt hinzu, daß reiche Leute sie auch
in freiem Lande an nach Süden gerichteten Wänden pflanzen und sie im
Winter zudecken, da sie vom Froste leicht eingehen. „Die Früchte werden
schwarz, wenn man Reiser des ~kítrion~-Baumes auf Apfelbäume, rot
dagegen, wenn man sie auf (schwarze) Maulbeerbäume pfropft; auch lassen
sie sich auf Granatbäume pfropfen.“
Fast zweihundert Jahre später gibt uns der noch im Mittelalter viel
gelesene römische Ackerbauschriftsteller Palladius ums Jahr 380 n. Chr.
ausführliche Kunde über die Kultur des Zedratbaums, dessen Früchte
teilweise schon einen süßen Saft in ihrem inneren Fruchtfleisch
entwickelt hatten. Er schreibt: „Im Monat März nimmt man die Vermehrung
des Citrusbaums (~citri arboris~) vor, und zwar auf vier verschiedene
Arten, nämlich durch Samen, Äste, Stecklinge und Keulen. (Hier
folgen die näheren Angaben über das Vorgehen dabei, die uns nicht
interessieren.) Man pfropft ihn auch an warmen Stellen im April, an
kalten im Mai nicht in die Rinde, sondern in den Stamm selbst, den
man über der Wurzel spaltet. Man kann auch Zedratreiser, wie einige
behaupten, auf Birn- und Maulbeerbäume pfropfen, aber man muß dann das
Propfreis dadurch schützen, daß man ein Körbchen oder Töpfchen darüber
stülpt.
Der Citrusbaum liebt einen lockeren Boden, ein warmes Klima und
fortwährende Nässe. Am liebsten steht er an warmen, bewässerten, dem
Meere nahe gelegenen Stellen. Will man’s aber erzwingen, daß er in
einem kalten Klima wachsen soll, so muß er von Winden geschützt und
auf der Südseite stehen, muß auch den Winter über eine Umhüllung von
Stroh bekommen. Man glaubt, daß er auch besser gedeiht, wenn in seiner
Nähe Flaschenkürbisse (~cucurbita~) gepflanzt werden, deren Sprosse man
auch verbrennt, um eine dem Citrusbaum förderliche Asche zu bekommen.
Um größere Früchte zu erzielen, gräbt man die Erde um den Baum
fleißig um. Man darf aber an ihm, außer dürren Ästen, fast nie etwas
abschneiden.