Infolge des mannigfachen Nutzens, den sie gewährte, begreifen wir die

Hochachtung, welche die Sykomore im alten Ägypten als der Isis und

Hathor, den Göttinnen der Fruchtbarkeit und Liebe, geweihter Baum

genoß. Sie hieß altägyptisch nuhi und galt als Typus eines Baumes, nach

welchem andere neu eingeführte genannt wurden, z. B. der Feigenbaum:

die Feigensykomore, der Weihrauchbaum: die Weihrauchsykomore, die

Terpentinpistazie: die Harzsykomore usw. Nicht bloß aß das Volk

seit den ältesten nachweisbaren Zeiten gerne seine gewöhnlich als

„Eselsfeigen“ bezeichneten Früchte, sondern opferte diese mit Vorliebe

den Toten. Den Ägyptern des alten Reiches war der Reichtum des

Nillandes an Sykomoren ein besonderer Stolz und sie fügten meist dem

Namen ihres Landes „~Kem~“, was „Schwarze Erde“, d. h. fruchtbares

Schwemmland des Nils, im Gegensatz zur sterilen gelben Wüste bedeutet,

zur Kennzeichnung der kultivierten, baumtragenden Niederung, das

Deutbild eines Baumes bei; und zwar war es die Sykomore, nach welcher

sie ihre Heimat auch das „Land des Nuhibaumes“ nannten, etwa wie sich

ein Teil Deutschlands das „Land der Eichen“ nennen kann. In ihrem

Schatten lebten die Lebenden und aßen ihre Früchte, die auch den Toten

die liebste Opfergabe war, so daß sich ganze Körbe davon getrocknet

in den Grabkammern fanden. Zweige und Blätter derselben dienten zum

Schmucke der Mumien, die in Särgen aus Sykomorenholz ruhten. Und nicht

nur stand als „Baum des Lebens“ nach dem Totenbuch der alten Ägypter

eine Sykomore am Eingang zum Reiche der Seelen, sondern im Laube

dieser Bäume dachte man sich die Geister der Verstorbenen mit Vorliebe

hausend. Darum ist es nach dem Zeugnis so vieler Steleninschriften der

heißeste Wunsch des Abgeschiedenen, unter einer Sykomore zu wohnen.

Deshalb pflegte man diese Bäume in eigenen Grabgärtchen, die wenn

möglich von Wasser aus dem Nilstrom umflossen waren, zu pflanzen. Noch

zur Zeit der 18. und 19. Dynastie, d. h. im neuen Reiche (von 1550

bis 1200 v. Chr.), wünscht sich der Tote in stehender Formel: „Möge

meine Seele (~ka~) sitzen auf den Zweigen des Grabgartens, den ich

mir bereitet habe; möge ich mich erfrischen tagtäglich unter meiner

Sykomore.“ So war einst dem anspruchloseren Bewohner des Landes die

Sykomore auch im Diesseits ein „Baum des Lebens“, zugleich Obdach

gegen die sengende Hitze des Mittags und Nahrungsspenderin. Erst in

späterer Zeit nahm ihre Wertschätzung gegenüber anderen Fruchtspendern

ab und ihre Früchte, die Eselsfeigen, galten jüngeren Geschlechtern

für weniger schmackhaft. Dem gibt der jüdische Prophet Amos im 8.

vorchristlichen Jahrhundert Ausdruck, indem er zu König Amazia sagt,

daß jene Früchte nur noch die dürftige Nahrung der Kuhhirten bilden:

„Ich bin kein Prophet, noch eines Propheten Sohn, sondern ich bin ein

Kuhhirt, der Maulbeerfeigen ablieset.“ Auch bei den übrigen Völkern

des Altertums waren die Eselsfeigen wenig geschätzt. So schreibt der

griechische Geschichtschreiber Strabon: „In Ägypten gibt es einen

Maulbeerbaum (~sykáminos~), dessen Frucht ~sykómōron~ heißt; sie

ist einer Feige ähnlich, schmeckt aber nicht sonderlich gut.“ Und

Dioskurides beschreibt ihn, wie schon 300 Jahre vor ihm Theophrast,

sehr ausführlich: „Der ägyptische Maulbeerbaum (~sykáminos~), der,

wie dessen Frucht, auch ~sykómōron~ heißt, ist ein großer Baum, dem

Feigenbaum ähnlich, sehr saftreich, hat dem Maulbeerbaum (~mōréa~)

ähnliche Blätter und trägt drei- bis viermal des Jahres Früchte, die

aus dem Stamme selbst kommen. Sie sind denen des wilden Feigenbaums

ähnlich, haben aber keine Kerne und werden nur reif, wenn man sie mit

den Fingernägeln ritzt oder mit eisernen Nägeln kratzt. Die meisten

Bäume dieser Art wachsen in Karien, auch auf Rhodos, überhaupt an

Orten, welche arm an Weizen sind; sie geben dort einigen Schutz gegen

Hungersnot. Die Frucht gibt übrigens nur wenig Nahrung. Die Rinde des

Baumes verwundet man absichtlich, fängt den ausfließenden Milchsaft

mit einem Badeschwamm (~spóngos~) oder mit Wolle auf, trocknet ihn und

braucht ihn innerlich und äußerlich zu Heilzwecken.“

Wie das gemeine Volk im Niltal seit alters gerne die Sykomorenfrüchte,

trotz ihres etwas faden Geschmackes ißt, so schmausen südlicher

wohnende Eingeborenenstämme Afrikas die Früchte nahe verwandter Arten.

So wächst beispielsweise in Ostafrika eine besondere Maulbeerfeigenart,

die ~Ficus capensis~, deren Früchte in allen Ortschaften der

Landschaft Usambara auf den Markt kommen, aber an Wohlgeschmack

diejenigen der echten Sykomore lange nicht erreichen. Übrigens findet

man auch in Südpersien zwei wilde Feigenarten (~Ficus persica~ und

~Ficus iohannis~) mit haselnußgroßen, eßbaren Früchten, die von den

anspruchslosen Eingeborenen gerne gegessen werden.

Wie der süßfrüchtige Feigenbaum ist auch der edle +Ölbaum+ (~Olea

europaea~) ein Gewächs des südlichen Vorderasiens, das in dieser seiner

eigentlichen Heimat von den dort wohnenden semitischen Volksstämmen

früh veredelt und durch Kulturauslese zu lohnendem Fruchtertrage an dem

für alle vorzugsweise von fettarmer Pflanzenkost, besonders Getreide,

lebenden Menschen so wertvollen Öle gebracht wurde. Die älteste Öl

liefernde Kulturpflanze der Menschheit scheint der +Sesam+ (~Sesamum

indicum~) gewesen zu sein, ein heute noch von Westafrika bis Japan

in umfangreichem Maße angebautes einjähriges Kraut mit schön hellrot

gefärbten, an den Fingerhut gemahnenden Blüten, das Indien zu seiner

Heimat hat. Hier wurde es zur Kulturpflanze erhoben und gelangte von

da schon sehr früh nach Babylonien, wo im Altertume alles Öl aus

Sesam bereitet wurde. In den erst später zu höherer Kultur gelangten

Ländern am Mittelmeer ist diese ältere Ölpflanze durch den jüngeren

Ölbaum verdrängt worden, der im nördlichen, nahe dem Meere gelegenen

Syrien oder Kilikien von den dort wohnenden Stämmen, vermutlich aus

der engeren Verwandtschaft der Chethiter, schon im 3. vorchristlichen

Jahrtausend zur Kulturpflanze erhoben wurde. Die wildwachsende Form mit

kleinen, nur mit einem sehr dünnen Fruchtfleisch umgebenen Früchten

findet sich seltener als Baum, meist als Strauch durch ganz Westasien

und wurde schon in vorgeschichtlicher Zeit durch Vögel, die seine

Früchte verzehrten, durch das ganze Mittelmeergebiet verbreitet.

Noch heute tritt er uns überall bis zu den Azoren und Kanaren in

den Macchien als +Oleaster+ entgegen. Wie die Feige gedeiht auch

der zur wertvollen Kulturpflanze erhobene edle Ölbaum am besten auf

Kalkboden in nicht zu großer Entfernung vom Meere. Schon sehr früh

hat er sich über ganz Syrien verbreitet. Jedenfalls war er überall in

Kanaan angepflanzt, als die Juden ums Jahr 1250 das Land eroberten,

und ihre späteren Herrscher, besonders David und Salomo, beförderten

dessen Anbau in jeder Weise. Das aus den Oliven gewonnene Öl wurde

von den Juden in der mannigfaltigsten Weise verwendet: zum Schmälzen

der Mehlspeisen, zum Opfer, zum Brennen in der Lampe und zum Salben

des Haupthaares und Körpers überhaupt. Es galt auch als wertvolles

Tausch- und Zahlmittel. So erfahren wir, daß König Salomo, der von 993

bis 953 v. Chr. regierte, die am Tempelbau beschäftigten phönikischen

Arbeiter teilweise mit Olivenöl entlohnte. Den Überschuß ihrer

Ölproduktion verkauften die Juden nach den Zeugnissen der Bibel an

die Phönikier und nach dem reichen, stark bevölkerten Ägypten, das

allerdings schon längst eigene Ölbaumkulturen besaß. Der Begründer der

Botanik, Theophrastos im 4. vorchristlichen Jahrhundert, berichtet

von ausgedehntem Olivenbau in der Thebais, vermutlich den Oasen der

libyschen Wüste, wo der Baum heute noch vielfach gepflanzt wird, sagt

aber, daß auch das übrige Ägypten ein an Ölbäumen reiches Land sei.

Da sie aber einen trockenen Boden lieben, gedeihen diese aber hier

nur soweit, als die Überschwemmung von seiten des Niles fehlt. Aus

demselben Grunde fehlte der Ölbaum auch in den Niederungen von Euphrat

und Tigris, wo als Fettspender ausschließlich die Sesampflanze angebaut

wurde.

Über Kleinasien gelangte der Ölbaum in der ersten Hälfte des 2.

vorchristlichen Jahrtausends zu den Griechenstämmen am Ägäischen Meer.

Während noch Hehn bestritt, daß in homerischer Zeit der Ölbaum in

Griechenland selbst angebaut wurde, und annahm, daß alles Olivenöl,

das damals vornehmlich zum Salben des Körpers von den Griechen

gebraucht wurde, als Importware durch die Phönikier aus Syrien gebracht

worden sei, wissen wir heute mit Sicherheit, daß der Ölbaum schon in

mykenischer Zeit um die Mitte des vorletzten Jahrtausends v. Chr. in

Griechenland selbst angebaut wurde. Nicht nur hat man auf mehreren

bildlichen Darstellungen aus jener Zeit unverkennbare Darstellungen

von Ölbäumen und in verschiedenen der Paläste Kretas und auf der Insel

Thera steinerne Ölmühlen aus mykenischer Zeit gefunden, sondern in den

Königsgräbern von Mykene fanden sich auch eine Anzahl Olivenkerne. Also

muß der Baum damals schon im Lande selbst kultiviert worden sein und

haben seine Früchte als Speise gedient.

Was in den homerischen Epen als phönikischer Import angeführt wird,

war nicht sowohl reines, als parfümiertes Olivenöl, mit dem die Helden

nach dem Bade von den Mägden eingerieben wurden. Mit solch duftendem

Öle salbten sich nach Homer nicht nur die Menschen, sondern auch die

unsterblichen Götter, so Hera, die sich dem Zeus angenehm machen

wollte. In der Schatzkammer des Odysseus wie des Telemachos lag neben

Gold, Silber, Erz, Kleider und Wein auch Olivenöl (~élaion~). Wie

Telemachos nach dem Bade mit Öl gesalbt und mit schönen Kleidern

angetan wurde, „daß er aussah wie ein unsterblicher Gott“, salbte

Patroklos auch die Mähne seiner Streitrosse, wenn sie gewaschen

worden waren, mit Olivenöl. Desgleichen tat Achilleus mit den Mähnen

seiner Pferde, die als Söhne des Windgottes Zephyr unsterblich waren.

Und wie die liebreizende Aphrodite nach Homer auf Cypern, dem Orte

ihrer besonderen Verehrung, von den Chariten mit ambrosischem Öle

gesalbt wurde, dessen Duft, wenn es bewegt wurde, Himmel und Erde

durchdrang, so salbte sie damit auch den Leichnam ihres von Achilleus

gefällten Lieblings Hektor. Mit ihm reinigte Athene gleicherweise das

gramerfüllte Gesicht von Odysseus treuer Gattin Penelope während des

Schlafes, damit es bei ihr, die sich in Trauer um ihren verschollenen

Gemahl weder gewaschen noch gesalbt hatte, mit der unsterblichen

Schönheit leuchte, die die schönbekränzte Liebesgöttin umgibt, wenn sie

damit gesalbt zum lieblichen Reigen der Chariten geht. Aber nicht nur

das Olivenöl, auch das Holz des Ölbaums, und zwar des ~elaíē~ genannten

Kulturbaums, spielt in den homerischen Epen eine nicht unbedeutende

Rolle. Nicht nur standen im Garten des Phäakenkönigs Alkinoos reichlich

Frucht tragende Ölbäume, sondern aus Olivenholz waren die Keule des

Kyklopen Polyphem, der Stiel der Streitaxt des Peisandros und das

Bettgestell, das sich Odysseus in seiner Heimat Ithaka eigenhändig

gezimmert hatte, angefertigt.

Um so merkwürdiger muß es uns erscheinen, daß Herodot berichtet, der

Ölbaum sei erst zur Zeit des attischen Gesetzgebers Solon (639-559

v. Chr.) nach dem griechischen Festlande gebracht worden. Damals kann

nicht der Kulturölbaum an sich, sondern nur eine höher gezüchtete

Abart mit größeren Früchten nach Hellas gekommen sein. In der Tat

weisen die in mykenischen Fundschichten zutage getretenen Steinkerne

auf eine noch recht kleinfrüchtige Olivenart hin. Nach der attischen

Sage soll Athene selbst dem Könige Theseus auf der Burg den Ölbaum

geschaffen haben, und nach der Erzählung der Bewohner von Elis soll

ihn Herakles von den Hyperboräern im äußersten Nordwesten dorthin

gebracht haben. In zahlreichen griechischen Mythen ist vom Ölbaum die

Rede, und mit Zweigen von ihm bekränzte man nach uralter Sitte die

Sieger der Wettkämpfe in Olympia. Mit Vorliebe nahm man sie von den

Bäumen in den heiligen Bezirken, die teilweise ein sehr hohes Alter

aufwiesen. So stand auch auf dem Marktplatze der Stadt Megara, westlich

von Athen, ein uralter Ölbaum, dessen Jugend bis in die Heroenzeit

hinaufgereicht haben soll. Von solchen als heilig und unverletzlich

gehaltenen Ölbäumen ist auch in Athen die Rede. So waren im Garten der

Akademie solche der Athene geweihte und daher unantastbare Ölbäume,

die von dem alten, durch die Stadtgöttin selbst auf der Akropolis

einst hervorgezauberten und später nach der Verbrennung durch die

Perser im Jahre 481 v. Chr. durch Wurzelschößlinge verjüngten Baume

stammten und das Öl lieferten, von dem ein Krug voll beim gymnischen

Agon während des großen, von Peisistratos um 540 v. Chr. gestifteten

Panathenäenfestes den Siegespreis bildete.

Über die Erschaffung des Ölbaums auf der Akropolis in Athen berichtet

uns ein ungenannter griechischer Autor, jedenfalls ein Athener, in

den Geoponika, dessen 9. Buch ausschließlich vom Ölbaume und seinen

Früchten handelt: „Anfänglich war die Erde ganz mit Wasser bedeckt.

Da tauchte zuerst Attika aus dem großen Meere hervor, und es entstand

ein Streit zwischen dem (Meergott) Poseidon und (der aus dem Haupte

des Zeus entsprungenen) Athene, nach wessen Namen die da zu gründende

Stadt benannt werden sollte. Zeus entschied, sie sollte dem gehören,

der ihr das beste Geschenk gäbe. Poseidon gab der Stadt einen Hafen

und Schiffswerften, Minerva aber schuf auf der Burg einen an Blüten

und Früchten reichen Ölbaum, bekränzte sich mit dessen Zweigen, ward

als Siegerin erklärt und nach ihrem Namen wurde die Stadt Athen

genannt. Infolge dieser Begebenheit werden die Sieger in öffentlichen

Wettkämpfen mit Ölzweigen bekränzt. Übrigens hat sich noch gefunden,

daß ein Ölblatt auch anderweitig gute Dienste leisten kann; schreibt

man nämlich darauf ~Athēná~ und bindet es um den Kopf, so

vergeht das Kopfweh.“

Schon zu Beginn des 6. vorchristlichen Jahrhunderts hatte der weise

Gesetzgeber Solon, der einer der sieben Weisen war, eingehende

Bestimmungen über den Oliven- und Feigenbau in Attika erlassen.

Nach ihm hat besonders Peisistratos sich den Anbau des nützlichen

Ölbaumes auf der kahlen und damals schon durch Entwaldung baumlosen

Landschaft Attikas angelegen sein lassen. Und als die Griechen ihre

Kolonisation nach Westen ausdehnten, nahmen sie selbstverständlich

den Anbau des Olivenbaums so gut als denjenigen des Weinstocks und

des Feigenbaums als für sie unentbehrliche Nutzpflanzen mit sich. So

bedeckten sich im Laufe des 7. und 6. vorchristlichen Jahrhunderts die

Gestade Siziliens und Süditaliens mit jenen Pflanzen. Plinius sagt,

daß nach Fenestella (der unter der Regierung des Kaisers Tiberius, die

von 14-37 n. Chr. währte, lebte) es zur Zeit des Lucius Tarquinius

Priscus (des 5. römischen Königs, eines Etruskers, der von 616-578

regierte) in Italien, Spanien und Afrika noch keine kultivierten

Ölbäume gegeben habe. Erst unter der Regierung von dessen Sohn Lucius

Tarquinius Superbus (der seinen Schwager Servius Tullius stürzte, um

von 534-510 zu regieren) sei der erste Ölbaum nach Latium gekommen.

Von da verbreitete er sich dann allmählich nach Norden bis an den

Südabfall der Alpen, soweit ihm das Klima überhaupt vorzudringen

gestattete. Diese Periode des Aufblühens des römischen Gemeinwesens war

eine Zeit des lebhaftesten Verkehrs mit den griechischen Ansiedelungen

Campaniens. Daß nun Griechen die Vermittler der Ölbaumkultur bei den

Römern waren, beweisen schon die lateinischen Bezeichnungen ~oliva~ und

~oleum~ (Öl), die dem Griechischen ~elaíā~ und ~élaion~ entlehnt sind,

wie übrigens auch sämtliche auf die Ölbereitung bezüglichen Ausdrücke.

Schon im 1. Jahrhundert v. Chr. war Italien bis auf die Gegend nördlich

vom Apennin, deren Klima bis heute keinen Ölbau duldet, so reich an

Ölbäumen, daß es damals hierin allen übrigen Ländern am Mittelmeer den

Rang ablief.

Der aus Spanien nach Rom gekommene römische Ackerbauschriftsteller

Columella schreibt in seinem Buche über den Landbau: „Von allen Bäumen

ist der Ölbaum dem Range nach der erste und erfordert dennoch den

geringsten Aufwand. Für gewöhnlich trägt er nur ein Jahr ums andere,

aber sein Fruchtertrag verdoppelt sich, wenn man ihn gut pflegt;

andererseits bringt er doch auch dann einigen Nutzen, wenn man ihn

viele Jahre hindurch vernachlässigt, und läßt sich durch bessere Pflege

innerhalb Jahresfrist wieder in guten Stand bringen. Es gibt viele

Olivensorten und im allgemeinen gilt bei ihnen die Regel, daß die

großen besser zum Verspeisen, die kleinen dagegen besser zur Gewinnung

von Öl sind. Große Hitze und große Kälte ist allen Sorten schädlich.

Man pflanzt daher in heißen Gegenden diese Bäume am besten an nach

Norden gelegenen Abhängen, in kälteren aber gegen Süden. Tiefe Täler

und hohe Berge passen nicht für sie, sondern mäßige Hügel, wie man

sie im Sabinerlande und im ganzen südlichen Spanien antrifft.“ Dann

gibt er ausführliche Anleitung über die Anlage von Ölbaumpflanzungen

(~olivetum~), auf die wir hier nicht näher eintreten wollen.

Columellas Zeitgenosse Plinius berichtet, daß im 505. Jahre Roms (249

v. Chr.) unter dem Konsulat des Appius Claudius und Lucius Iunius 2

Pfund Olivenöl 10 Asse (über 5 Mark) kosteten, daß im Jahre 74 v. Chr.

dagegen 10 Pfund Olivenöl bloß 1 As (etwa 47 Pfennige) zu stehen

kam, und 22 Jahre später unter des Gnäus Pompejus drittem Konsulat

Italien einen solchen Überfluß daran besaß, daß noch welches in die

Provinzen ausgeführt werden konnte. Dazu bemerkt er: „Zur Zeit des

Hesiodus (im 8. Jahrhundert v. Chr.) muß man es mit der Olivenzucht

(in Griechenland) noch nicht weit gebracht haben; denn er behauptet,

niemand habe damals von seinen Ölbaumpflanzungen Nutzen gehabt. Jetzt

aber besitzt man für diese Bäume eigene Baumschulen und erntet schon

zwei Jahre, nachdem man sie aus ihnen herausgenommen hat, Früchte.

Es gibt verschiedene Sorten von Oliven. Vergil nennt sie ~orchites~,

~radius~ und ~posia~. Die Olivenernte folgt auf die Traubenernte und

die Behandlung des Öles ist anfangs schwieriger als diejenige des

Mostes. Je reifer die Olive (~bacca~, d. h. Beere), desto fetter ist

ihr Saft, aber desto schlechter schmeckt er. Die Zeit, in der Güte

und Menge des Öls am besten in ihr vereinigt sind, zu der man sie

also am liebsten erntet, ist die, da sie anfangen sich dunkel zu

färben, da die Römer sie ~drupa~, die Griechen ~drypetis~ nennen. Die

frühreifen Olivensorten erntet man gleich nach Beginn des Herbstes;

die dickschaligen läßt man bis zum März hängen, und mehrere von

diesen fangen nicht einmal vor dem 8. Februar an, eine dunkle Farbe

zu bekommen. Vom Baume genommene Oliven darf man nicht lange stehen

lassen, da jeder Verzug die Ölmasse in ihnen vermindert, dagegen die

Schleimmasse vermehrt. Frisches Öl ist zum Verspeisen am besten; wenn

es über ein Jahr alt ist, schmeckt es schlecht, was beim Weine nicht

der Fall ist. Außer dem Öl gewinnt man den Ölabgang (~amurca~), der zum

Düngen der Ölbäume, zum Einölen der Krüge, zum Tränken der Tenne, auf

welcher gedroschen werden soll, zum Bestreichen des Getreidespeichers,

um Holzwürmer und anderes Ungeziefer abzuhalten, und als Heilmittel gut

ist.“

Welche Bedeutung dem Olivenöl nicht bloß als Nahrungs- und

Beleuchtungsmittel, sondern vor allem auch zur Körperpflege bei den

Völkern des Altertums zukam, beweist der Ausspruch desselben Plinius,

der sagt: „Es gibt zwei Flüssigkeiten, welche dem menschlichen

Körper sehr willkommen sind; innerlich der Wein und äußerlich das

Olivenöl; beide stammen von Bäumen, aber der Wein ist jedenfalls

entbehrlicher als das Öl.“ Der griechische Philosoph Demokritos aus

Abdera in Thrakien (460-360 v. Chr.), der die Torheiten der Menschen

belächelte und das höchste Glück der Menschen in völlige Seelenruhe

setzte, erwiderte auf die Frage, wie man gesund bleiben und seine

Tage verlängern könne, mit der diätetischen Regel: „Innerlich Honig,

äußerlich Olivenöl.“ An einer anderen Stelle, an der er die Bedeutung

der Öleinreibung bespricht, meint Plinius: „Das Olivenöl hat die

Eigenschaft, in die Haut eingerieben den Körper zu erwärmen, gegen

Kälte zu schützen und die Hitze des Kopfes zu kühlen. Bei den Griechen

steht auf den für die Gymnastik bestimmten Plätzen Öl, mit dem sich

jeder umsonst salben darf. Auch der römische Staat erweist dem Ölbaum

hohe Ehre, indem sich die Ritterscharen am 15. Juli mit dessen Zweigen

bekränzen, was auch die siegreichen Feldherrn bei Ovationen tun.“

Wie schon in Griechenland ein Kranz aus Ölzweigen die höchste

Auszeichnung des bei den Wettkämpfen siegenden Volksgenossen

war, so trugen auch bei den Römern die im Felde gewesenen Diener

lorbeergeschmückter Feldherrn einen Kranz von Ölzweigen. Der Ölzweig

war den Alten überhaupt das Sinnbild des Friedens, und Besiegte, die um

Frieden zu bitten kamen, trugen Ölzweige in den Händen. Dies wurde dann

weiter auf den Frieden einer höheren Welt übertragen, wenn die frisch

aufgenommenen Mitglieder der samothrakischen Mysterien Ölzweige trugen,

oder wenn auf den Grabsteinen der ältesten Christen eine Taube mit dem

Ölzweig im Schnabel dargestellt wurde. Im Altertum müssen die Ölbäume

nur auf einem beschränkten Umkreis um die Ortschaften angepflanzt

worden sein, was aus dem lateinischen Sprichwort hervorgeht: ~extra

oleas vagari~, d. h. über die Ölbäume hinausschweifen, im Sinne von zu

weit gehen, übers Ziel schießen.

Bei der großen Bedeutung des Olivenöls für die antike Welt, kann es

uns nicht wundern, daß von den Regierenden außer Brotkorn auch Öl dem

Proletariat der Stadt Rom umsonst gespendet wurde. So berichtet uns

Aelius Spartianus im Leben des Kaisers Septimius Severus, daß dieser

bei seinem Tode im Jahre 211 einen Getreidevorrat in der Hauptstadt

hinterließ, durch den der Bedarf auf sieben Jahre gedeckt war, so daß

täglich 75000 Scheffel (~modius~) verausgabt werden konnten -- es

ist dies eine Menge, die reichlich zur Ernährung von 600000 Menschen

hinreichte, so viele müssen also damals in Rom vom kaiserlichen

Getreide gelebt haben --, „von Olivenöl aber hinterließ er so ungeheure

Vorräte, daß sie auf fünf Jahre nicht bloß den Bedarf der Stadt Rom,

sondern für ganz Italien genügten“. Bei der gewaltigen Produktion

von Olivenöl ist es daher begreiflich, daß zur römischen Kaiserzeit

ziemlich große Mengen desselben, außer aus Italien, auch aus Istrien

und Dalmatien in die nördlich davon gelegenen Länder ausgeführt und

daselbst gegen Vieh, Häute und Sklaven ausgetauscht wurden. Von

Massalia, dem heutigen Marseille, aus, wohin die Griechen den Ölbaum

schon im Jahre 680 v. Chr. mit dem Weinstocke verpflanzt hatten,

rückte die Kultur dieser Nutzpflanzen in die durch ein warmes Klima

und Kalkboden besonders für den Ölbaum geeignete Provence vor, wo die

Ölbaumkultur bei der Eroberung durch die Römer bereits ausgedehnte

Verbreitung besaß. Unter der Römerherrschaft wurde sie über das ganze

südliche Gallien verbreitet. Im 7. Jahrhundert wird schon das Baumöl

von Burdigala (Bordeaux) erwähnt.

Von dem Ertrage der Ölbaumpflanzungen, die sich der ganzen ligurischen

Küste entlang erhoben, wurden die Volksstämme des Hinterlandes, wie der

griechische Geschichtschreiber Strabon sagte, gegen Vieh, Häute und

Honig mit dem zum Brennen der Öllampen nötigen Öle versorgt. Es als

Fett zum Kochen zu benutzen, damit konnten sie sich zunächst so wenig

befreunden, wie die übrigen Barbaren, auch die Griechen und Römer,

als sie zuerst damit bekannt gemacht wurden. Auch konnte es nicht

fehlen, daß die Küstengebiete Spaniens, soweit sie sich zum Anbau des

Ölbaumes eignen, zur Zeit der römischen Herrschaft Ölbaumpflanzungen

erhielten, die bis heute so gedeihen, als wären sie von jeher dort

heimisch gewesen. Ebenso wurden die windgeschützten sonnigen Abhänge

der norditalienischen Seen mit diesem nützlichen Fruchtbaume aus dem

nördlichen Syrien bepflanzt, der auch ganz Nordafrika besiedelte

und seit dem 15. Jahrhundert auf den Kanarischen Inseln, seit dem

16. Jahrhundert am Kap, ebenso in Mexiko und Peru, wohin ihn 1560

Antonio Ribero brachte, angebaut wird. Bald wurde er auch in Chile

und Kalifornien, das heute gewaltige Ölbaumplantagen aufweist, wie

auch in Australien heimisch. Er wird heute in etwa 40 Kulturvarietäten

angepflanzt, die aber leicht in die Urform zurückschlagen. An der

Nordgrenze seines Verbreitungsgebietes leidet er leicht durch Frost in

kalten Wintern.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 15 / 77 段