Dynastie (2000-1788 v. Chr.) in regere Verbindung mit Syrien traten,
gelangte der Feigenbaum von dort nach dem Niltal, wo wir seine
Darstellung in einem Grabe eben jener 12. Dynastie in Beni Hassan
antreffen. Dort ist unter anderem eine Feigenernte dargestellt.
Auf einem niederen, seine Zweige weit ausstreckenden Feigenbaum,
dessen gelappte, blaugrüne Blätter sehr deutlich erkennbar wieder
gegeben sind, sehen wir drei durch ihre Körperfarbe als Hundsaffen
(~Cynocephalus ursinus~), die im uralten Ägypten besondere Verehrung
genossen, charakterisierte Affen, die sich die Feigen schmecken lassen,
während unter dem Baume ein Mann damit beschäftigt ist, die braungelben
Feigen von den Zweigen zu pflücken und sie in einen aus Papyrus
geflochtenen viereckigen Korb zu legen. Ein anderer ist eben im Begriff
seinen mit Tragriemen versehenen, ganz mit Feigen gefüllten Korb vom
Boden aufzuheben, um ihn von dannen zu tragen. Unter den Opferspenden
und als Grabbeigabe werden die Feigen nur selten angetroffen, doch
waren sie im Niltal eine wichtige Medizin und wurde aus ihnen eine
Art Wein hergestellt. Sie hießen im Ägyptischen ~dab~ und der sie
liefernde Feigenbaum ~nuhi net dab~, d. h. Feigensykomore. Auch bei
den Juden wurden übrigens die Feigen, die eine wichtige Volksnahrung
bildeten, medizinisch verwendet. So wird uns berichtet, daß Hiskias,
der König von Juda, der von 728-697 regierte und den Jahvekult
wiederherstellte, 701 von den Assyrern unter Sanherib hart bedrängt,
einen lebensgefährlichen Karbunkel bekam und von diesem durch den
Propheten Jesaias geheilt wurde, indem er durch ein Feigenpflaster die
Geschwulst zum Aufbrechen brachte. Noch Plinius berichtet, daß in Wein
gesottene Feigen das beste Mittel zum Reifwerdenlassen von Karbunkeln
und Furunkeln seien.
[Illustration: Bild 13.
Feigenernte im alten Ägypten. Grabgemälde in Beni Hassan. (Nach
Woenig.)]
Von Syrien verbreitete sich die Feigenkultur früh nach Kleinasien, wo
später besonders in Karien eine so gute Sorte gezogen wurde, daß diese
in Menge exportiert wurde. Auch in Lydien galten die Feigen neben
dem Wein so sehr als die ersten Güter des Lebens, daß nach Herodot
diejenigen, die dem Könige Kroisos (Crösus) den Zug gegen den Perser
Kyros abrieten, sich darauf beriefen, jene Menschen tränken nicht
einmal Wein, sondern Wasser, und hätten auch keine Feigen zur Nahrung.
Das homerische Zeitalter Griechenlands zu Ende des 2. vorchristlichen
Jahrtausends kannte die westasiatische Feige noch nicht. An den
wenigen Stellen, an denen vom Feigenbaum die Rede ist, handelt es sich
unverkennbar um den als ~erineós~ bezeichneten wilden Feigenbaum,
der schon in vorhistorischer Zeit über das ganze Mittelmeergebiet
verbreitet war. So berichtet die Ilias von einem großen wilden
Feigenbaum, der vor Troja stand, und die Odyssee von einem solchen,
der über dem Strudel der Charybdis (bei Messina) sich erhob. Noch in
augusteischer Zeit berichtet der um 25 n. Chr. verstorbene, aus Amasia
in Pontos gebürtige griechische Geograph Strabon, daß zu seiner Zeit
bei Troja, wo der Simoïs und Skamander zusammenfließen, eine rauhe,
mit wilden Feigenbäumen besetzte Stelle sei, und damals noch der vom
Dichter Homeros erwähnte wilde Feigenbaum (~erineós~) gezeigt werde.
Nur in einer offenkundig ganz späten Stelle der an sich gegenüber
der Ilias ziemlich jüngeren Odyssee wird der süße Feigenbaum (~sykéē
glykerḗ~) als neben anderen Fruchtbäumen im Garten des Phäakenkönigs
Alkinoos stehend erwähnt. Diese Stelle wird allgemein als ein
Einschiebsel aus späterer Zeit aufgefaßt. Die Forschung hat sicher
festgestellt, daß die Griechen an der kleinasiatischen Küste erst
im 9. Jahrhundert v. Chr. mit dem von ihnen als ~sykḗ~ bezeichneten
Feigenbaume mit eßbaren Feigen, ~sýkoi~ genannt, von Osten her bekannt
wurden. Der im 8. Jahrhundert in Böotien lebende Dichter Hesiod kennt
diesen edlen Feigenbaum noch nicht; erst Archilochos ums Jahr 700
v. Chr. erwähnt Feigen als Erzeugnis seiner Heimatinsel Paros.
In Attika soll die Personifikation der Frucht hervorbringenden
mütterlichen Erde, Demeter (eigentlich ~Gē mḗtēr~) den Feigenbaum
als Geschenk dem Phytalos, der sie gastlich aufnahm, aus der Erde
haben hervorsprießen lassen, wie bei anderer Gelegenheit Athene den
Ölbaum. Der griechische Geschichtschreiber Pausanias berichtet in
seiner zwischen 160 und 180 n. Chr. verfaßten Reisebeschreibung durch
Griechenland, er habe noch die Inschrift auf dem Grabe des Heroen
gelesen, die folgendermaßen lautete:
Hier hat Phytalos einst, der Held, die hehre Demeter
Gastlich empfangen, und hier zuerst erschuf sie die Frucht ihm,
Die von dem Menschengeschlecht die heilige Feige genannt wird;
Seitdem schmückt des Phytalos Stamm nie alternde Ehre.
Wein und Feigen wurden in Griechenland bald allgemeines
Lebensbedürfnis, das arm und reich gleichermaßen zum täglichen Mahle
verlangte. Wohl jeder Athener war, wie es Plato von sich aussagt,
~philósykos~, d. h. ein Feigenfreund. Neben Sikyon, der Gurkenstadt im
Peloponnes, nahe der Meerenge von Korinth, rühmte sich die Landschaft
Attika der besten Feigen; und wie stolz gerade die Athener auf dieses
Produkt ihrer Kulturen waren, lehrt die von einem aus ihrem Kreise
erfundene Sage, der mächtige Perserkönig Xerxes habe sich nach seiner
Niederlage gegen die griechische Flotte bei Salamis im Jahre 480
v. Chr. bei jeder Mittagstafel durch ihm vorgesetzte attische Feigen
daran erinnern lassen, daß er das Land, in welchem sie wüchsen, noch
nicht sein nenne und jene Früchte, statt sie sich von den Einwohnern
als seinen Untertanen steuern zu lassen, als ausländische Ware kaufen
müsse.
Mit der griechischen Kolonisation gelangte der Feigenbaum schon früh
auch nach Sizilien und Unteritalien. Von hier aus wurden dann die
Bewohner Mittelitaliens mit ihm bekannt und aus dem griechischen
~sýkos~ wurde das lateinische ~ficus~. Ja, er findet sich sogar in
die Sage von der Gründung Roms verflochten, indem die ausgesetzten
Zwillinge, Romulus und Remus, von der Wölfin unter dem ruminalischen
(von ~rumen~, Zitze) Feigenbaum sollen gesäugt worden sein. Es ist
ganz derselbe Zug der Sage, der den den Juden der späteren Zeit ganz
unentbehrlichen Feigenbaum in den Garten Eden, das Paradies, versetzen
ließ.
Noch zur Zeit des Kaisers Tiberius wurden nach Plinius wie heute edle
Feigenarten direkt von Syrien nach Italien verpflanzt. Besonders
beliebt in Rom waren nach ihm die kaunischen, die überall auf den
Straßen der Weltstadt von fahrenden Obsthändlern ausgerufen wurden.
Diese kaunischen Feigen haben einmal dem Marcus Crassus, als er gegen
die Parther zu Felde ziehen und an Bord des Schiffes gehen wollte,
Verderben prophezeit, indem ein Feigenverkäufer kaunische Feigen mit
dem Geschrei: ~cavneas~ ausbot, worin die Worte ~cave ne eas~ „hüte
dich zu gehen!“ lagen. Es war dies im Jahre 53 v. Chr., als der wegen
seines ungeheuren Reichtums von 30 Millionen Mark mit dem Beinamen
~dives~, d. h. der Reiche belegte Triumvir (neben Cäsar und Pompejus)
sich als Prokonsul nach Syrien begab, um die Parther zu bekriegen,
wobei er bei Carrhae besiegt und dann hinterlistig getötet wurde.
Derselbe Plinius berichtet, daß die Feigen so groß wie Birnen werden,
und daß man zu seiner Zeit nicht weniger als 29 verschiedene Sorten
derselben unterschieden habe, die in Italien angepflanzt wurden; doch
seien die besten Eßfeigen von den Römern aus Kleinasien und Nordafrika
bezogen worden. „Wo es Feigen von vorzüglicher Güte gibt,“ sagt er,
„da trocknet man sie an der Sonne und bewahrt sie in Kästchen auf. Die
Insel Ebusus (jetzt Iviza, die größte der Pityusen- oder Fichteninseln
bei den spanischen Balearen) liefert ausgezeichnete Ware, auch das Land
der Marruciner (in Latium). Wo sie in größerer Menge vorhanden sind,
füllt man große Fässer damit, wie in Asien; in der afrikanischen Stadt
Ruspina füllt man sie in kleinere. Getrocknete Feigen werden statt Brot
gegessen. Der Genuß frischer Feigen dagegen ist der Gesundheit nicht
zuträglich.“ Außer als beliebte Volksnahrung, die sie überall im Süden
bis auf den heutigen Tag geblieben sind, verwandte man sie auch zur
Essigbereitung. Der aus Gades (dem heutigen Cadix) in Spanien gebürtige
römische Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr.
rühmt solchen besonders. Er schreibt: „Es gibt Gegenden, die Mangel
an Wein und also auch an Essig haben. In solchen muß man die Feigen
so reif als möglich sammeln, namentlich, wenn schon Regen eingetreten
ist und sie von selbst vom Baume fallen. Man tut sie in große Töpfe
und läßt sie da gären. Ist die Gärung so weit vorgeschritten, daß die
Feigen sauer geworden sind, wird alle Flüssigkeit, die nun aus Essig
besteht, sorgsam geseiht und in ausgepichte, wohlriechende Gefäße
gegossen. Solcher Essig ist ausgezeichnet gut und scharf, und wird nie
trübe und schimmelig, wenn er nicht an einem feuchten Orte steht.“
Wie Plinius, meint auch sein Zeitgenosse, der aus Kilikien gebürtige
griechische Arzt Dioskurides: „Frische Feigen sind, wenn auch reif,
dem Magen schädlich, erregen Ausschlag und Schweiß, beschwichtigen
Durst und Hitze. Trocken sind sie nahrhaft, erwärmen auch, erregen
Durst, bekommen dem Magen gut.“ Die reifen Früchte müssen gleich nach
dem Abpflücken gegessen werden und dürfen nicht viel mit den Fingern
gedrückt werden; daher soll nach Plinius der ältere Cato, der im Jahre
149 v. Chr. verstorbene unversöhnliche Gegner des wieder aufblühenden
Karthago, im römischen Senat eine frühreife (~praecox~) Feige aus
Karthago vorgewiesen und gesagt haben: „Ich frage euch, wann glaubt
ihr, daß diese Frucht vom Baume gebrochen wurde?“ Wie nun alle sie als
frisch anerkannten, fuhr er fort: „So wisset denn, daß sie vorgestern
in Karthago gepflückt wurde; so nahe an unseren Mauern haben wir den
Feind, daher stimme ich für die Vernichtung desselben.“ Als er diese
Worte gesprochen -- fährt Plinius fort -- ward der Krieg gegen Karthago
beschlossen, welcher mit der Zerstörung jener Stadt endete. Jedenfalls
wird jenes fanatisch die gefürchtete Rivalin Roms hassende Original,
das als Zensor die altrömische Sittenstrenge und Einfachheit der
Lebensweise aufrecht zu erhalten bestrebt war, eine unreif in Karthago
gepflückte und erst unterwegs durch Liegen zum Reifen gebrachte Frucht
in der Kurie vorgezeigt haben, um die Kriegserklärung durchzudrücken.
Gemäß der volkstümlichen Ansicht, die Dioskurides und Plinius
vertreten, daß nämlich frische Feigen der Gesundheit nicht zuträglich
seien, wohl aber getrocknete, wurden tatsächlich auch vorzugsweise
getrocknete Feigen gegessen. Nach Columella wurden sie in der Sonne
gedörrt und, in gut gepichte, weite Tonkrüge festgetreten und unten
und oben mit Fenchel bestreut, gut verschlossen an einem trockenen
Orte aufbewahrt. So erhielten sie sich sehr lange gut. „Andere suchen
die saftigsten frischen Feigen aus, teilen sie mit einem aus Rohr
verfertigten Messer oder mit den Fingern, lassen sie an der Sonne
einschrumpfen und kneten sie dann zur Mittagszeit, wenn sie von der
Sonne durchwärmt sind, nach Sitte der Afrikaner und Spanier zu Kuchen
zusammen, die Sterne, Blumen oder Brote darstellen, trocknen sie
dann vollends in der Sonne und legen sie endlich in Gefäße.“ Welche
Mengen dieser getrockneten Feigen gelegentlich von einzelnen verzehrt
wurden, läßt uns der Geschichtschreiber Julius Capitolinus ahnen, wenn
er schreibt: „Clodius Albinus, welcher von dem in Gallien stehenden
römischen Heere zum Kaiser ausgerufen wurde (als Gegenkaiser des
Septimius Severus, von dem er alsbald 196 n. Chr. bei Lyon geschlagen
wurde, wobei er umkam), war, wie Cordus in seinem Werke erzählt,
so gefräßig, daß man es kaum für möglich halten sollte. So z. B.
verzehrte er nüchtern 500 getrocknete Feigen von der Sorte, welche die
Griechen ~kallistruthia~ nennen, oder 100 kampanische Pfirsiche oder
10 hostiensische Melonen oder 20 Pfund lavikanische Trauben oder 100
Feigendrosseln oder 400 Austern.“
Der gelehrte Varro (116-27 v. Chr.) schreibt: „Die Samen der Feigen
sind so klein, daß kaum Pflänzchen aus ihnen entstehen können. Man
pflanzt daher in der Baumschule (~seminarium~) lieber junge Reiser
von Feigenbäumen, als daß man Samen sät. Letzteren wendet man nur an,
wenn man keine frischen Reiser haben kann, wie z. B. dann, wenn man
sich ausländische Feigensorten will über das Meer kommen lassen. In
diesem Falle werden reife Feigen an Bindfäden gebunden, getrocknet,
verschickt und so in die Erde gelegt. Auf diese Weise sind die
Feigensorten, welche jenseits des Meeres heimisch sind, nach Italien
gekommen.“ Nach einem griechischen Schriftsteller der Geoponika wurde
die Feige auch auf Maulbeerbäume und Platanen gepfropft, und zwar
nicht bloß wie andere Bäume im Frühjahr, sondern auch im Sommer bis
zur Wintersonnenwende. Columella schreibt: „Den Feigenbaum darf man
bei Kälte nicht pflanzen. Er liebt sonnige, steinige und felsige
Stellen. Er gedeiht schnell, wenn man ihn in eine weite Grube setzt.
Alle Feigensorten werden, obgleich sie sich durch Geschmack und Ansehn
unterscheiden, auf einerlei Weise gepflanzt. An kalte Standorte, die im
Herbste wasserreich sind, bringt man Frühsorten, damit die Ernte vor
eintretendem Regen eingebracht werden kann. An warme Stellen pflanzt
man Spätsorten. Will man eine Frühsorte künstlich in eine Spätsorte
verwandeln, so bricht man die ersten Früchte, wenn sie noch klein sind,
ab, worauf der Baum andere treibt, welche dann erst im Winter reifen.
Zuweilen ist es nützlich, den Feigenbäumen, wenn das Laub bei ihnen
hervorbricht, die Spitzen abzuschneiden und hierdurch die Fruchtbarkeit
zu steigern. Jedenfalls bekommt es dem Baume sehr gut, wenn man ihm zur
Zeit, da die Blätter treiben, mit rotem Ton nebst dem Preßrückstand
von Oliven und Menschenkot, so weit seine Wurzeln reichen, begießt.
Dadurch werden die Feigen größer, fleischiger, besser.“
Schon in der römischen Kaiserzeit kamen die Feigen von der karischen
Küste Kleinasiens als eine besonders vorzügliche Sorte unter dem
Namen ~caricae~ nach Rom, obschon auch in Italien ganz gute Sorten
wuchsen. Feigen nebst Datteln und Honig bot man am Neujahrstage
den Göttern als Opfer und den Freunden als Geschenk dar. Schon im
Altertum wurde der Feigenbaum in Spanien und Nordafrika, wie auch im
südlichen Frankreich angepflanzt. Heute reicht sein Kulturgebiet von
der Bretagne bis zum Kap der guten Hoffnung. Nach China gelangte er
erst nach dem 8. Jahrhundert, in der Neuzeit nach Australien und bald
nach der Entdeckung des neuen Weltteils auch nach Amerika, wo er heute
besonders in Kalifornien im großen gezogen wird. In den eigentlichen
Tropen wächst der Feigenbaum zwar ganz gut, wenigstens da, wo das Klima
nicht zu feucht ist, jedoch erreichen seine Früchte daselbst nirgends
dieselbe Vollkommenheit wie in den Subtropen.
Der Feigenbaum wird selten höher als 6 m. Überall im Orient wird
er meist in Gärten gezogen, die höchstens einigemal gehackt oder
umgepflügt werden. Man vermehrt ihn dort durch Ableger. Will man von
einem Baum eine andere Sorte Feigen erzielen, so schneidet man den
Stamm unmittelbar am Boden ab und vollzieht die Veredelung durch
Einsenken von Pfropfreisern in je einen Spalt. Die Edeltriebe können
schon im ersten Jahre über mannshoch werden und sogar einige Früchte
tragen. Zuerst kommen die Frühfeigen, die im April noch unreif mit Salz
als Delikatesse verspeist werden. Im Mai treiben die Sommerfeigen, die
Anfang Juni reifen und als schöne, große, grünhäutige, sehr saftige
Erstlinge auf den Markt kommen. Von Ende Juli bis November reifen die
verschiedenen anderen Sorten in ununterbrochener Reihenfolge, bis im
Dezember, wenn schon alle Blätter durch die Winterstürme weggefegt
sind, die letzten Spätfeigen gepflückt werden. Ein guter Teil der
Feigen wird in Palästina frisch verzehrt, ein bedeutend größerer aber
an der Sonne getrocknet. Wenn die Feigen eines Baumes infolge des
welk gewordenen Stieles schlaff herabhängen, so schüttelt man den
Baum, liest die abgefallenen Früchte zusammen und breitet sie auf
der Erde aus, um sie etliche Tage an der Sonne trocknen zu lassen.
Zur Aufbewahrung für den Winter werden sie in weithalsige Tonkrüge
fest zusammengepreßt, damit die Luft keinen Zutritt habe und sie sich
weich und gut erhalten. Getrocknete Feigen werden auch vermöge ihres
reichen Zuckergehaltes zur Schnapsfabrikation verwendet. In Gegenden,
in denen die Sonnenwärme nicht zum Dörren der Feigen genügt, werden
sie in besonderen Öfen getrocknet und gelangen dann in Kisten verpackt
zum Versand. Die sehr große, weißlichgelbe Smyrnafeige läßt sich sehr
gut dörren und gibt im Jahre zwei Ernten. Von ihr werden jährlich 35
Millionen kg im Werte von 6,5 Millionen Mark ausgeführt. Viele Sorten
eignen sich jedoch nicht zum Trocknen und müssen roh verzehrt werden.
Besonders im Sommer halten sie sich nicht lange, sondern gehen bald in
Gärung über und sind dann an ihrem säuerlichen Geschmack erkenntlich.
Man bewahre sie deshalb auch getrocknet an einem möglichst kühlen Ort
auf, lasse sie in fester Verpackung und schütze sie vor dem Zutritt
der Luft. Der weiße Staub, der an der Oberfläche getrockneter Feigen
zu bemerken ist, rührt von ausgetretenem Traubenzucker her. In manchen
Gegenden Italiens überstreut man die Feigen mit Kastanienmehl, wodurch
ihnen Feuchtigkeit, aber auch Zucker entzogen wird. Vielfach wird auch
Mus aus den Feigen gemacht. In Spanien macht man daraus einen Käse, dem
man geschälte Mandeln, Haselnüsse, Pinien- und Pistaziennüsse, feine
Kräuter und Gewürze zusetzt. Getrocknet und braun geröstet liefern sie
den Feigenkaffee.
Die Eßfeigenbäume sind die nur Fruchtblüten enthaltenden weiblichen
Feigenstöcke, während die nichtkultivierten männlichen Stöcke die
nichteßbaren +Bocksfeigen+ liefern. Letztere hießen im Altertum bei den
Griechen ~erinón~, bei den Römern ~caprificus~ und dienten damals schon
zur Befruchtung der in der Kultur zu eßbaren Früchten ausgebildeten
Früchte der weiblichen Pflanze. Diesen Vorgang nennt man Kaprifikation.
Damit hat es folgende Bewandtnis: Die als Bocksfeigen bezeichneten
Früchte der nicht durch Kultur veredelten männlichen Feigenbäume
stellen Urnen dar, die bloß an der Mündung männliche Pollenblüten,
sonst aber ausschließlich sogenannte Gallenblüten tragen. Letztere
sind von einer winzigen Inquiline oder Gallwespe, der +Feigenwespe+
(~Blastophaga grossorum~) mit dem Legestachel angebohrte und mit je
einem Ei belegte Fruchtblüten, deren Fruchtknoten zur Galle wird, indem
die weiße, fußlose Larve des Insekts die ganze Samenanlage zu ihrem
Wachstume verbraucht. Wenn die kleinen Wespen herangewachsen sind,
verlassen sie die Gallen. Und zwar schlüpfen die flügellosen Männchen
zuerst aus, indem sie durch Zerbeißen der sie beherbergenden Galle ein
Loch in ihrer Kinderwiege zum Ausschlüpfen herstellen. Später tun dies
auch die beflügelten Weibchen, die alsbald von den Männchen noch in der
Urne der Bocksfeige befruchtet werden. Nun streben sie in die Weite.
Indem sie zu diesem Zwecke zur Urnenmündung emporklettern, beladen
sie sich am ganzen Körper mit dem Blütenstaub der dort gelegenen
Pollenblüten, den sie beim Aufsuchen neuer Urnen an die Narben der
der Befruchtung harrenden Fruchtblüten abstreifen. Sie suchen nämlich
ausschließlich diejenigen Urnen auf, die sich in einem jüngeren
Entwicklungsstadium befinden, um dort ihre Eier in die Fruchtknoten zu
legen. In die normalen Fruchtblüten der gewöhnlichen Feige können diese
Wespen keine Eier legen, da ihr Legestachel zu kurz ist, um bis an die
Fruchtknotenhöhle hinabgestoßen zu werden. Die dort hineingesenkten
Eier bleiben in einer für ihre Weiterentwicklung ungünstigen Stelle des
Griffels liegen und gehen zugrunde. Der dabei auf die Narben gebrachte
Pollen aber befruchtet diese Blüten, während der auf die Gallenblüten
gelangte wirkungslos bleibt, da deren Narben mehr oder weniger
verkümmert sind. Diese letzteren dagegen besitzen einen kurzen Griffel
und sind zur Aufnahme des Insekteneies vorzüglich geeignet. Sie bringen
nun auch die jungen Wespen hervor, welche jeweilen die Befruchtung der
Feigen zu übernehmen haben.
[Illustration: Bild 14. 1 urnenförmiger Blütenstand der Eßfeige von
aus Gallen der nicht eßbaren Bocksfeige ausgeschlüpften winzigen
Feigenwespen besucht, 2 langgriffelige Fruchtblüte der Eßfeige, 3 die
aus einer kurzgriffeligen Fruchtblüte der Bocksfeige hervorgegangene
Galle, 4 aus einer solchen ausschlüpfende Feigenwespe, in 5 das Tier
ganz dargestellt.]
Die Kaprifikation der Feige wird in der Weise vorgenommen, daß man
vom männlichen wilden Feigenbaume Zweige mit Feigen oder einzelne
Feigen abschneidet und sie oben in kultivierte weibliche Feigenbäume
hineinhängt. Aus den bald verwelkenden wilden Feigen sind dann die
Gallwespen gezwungen, auszukriechen und die zahmen Feigen aufzusuchen
und zu befruchten. Diese Kaprifikation ist eine Erfindung der
Semiten Arabiens und Syriens, die diese Methode mit der Feigenkultur
weiter verbreiteten, um dem Abfallen der weiblichen Eßfeigen infolge
Nichtbefruchtung zu wehren. So wurde sie auch von den alten Griechen
geübt. Schon der Vater der griechischen Geschichtschreibung Herodot
erwähnt sie im 5. vorchristlichen Jahrhundert. Drei Generationen
später schreibt der treffliche Pflanzenkenner Theophrastos in seiner
Pflanzenkunde darüber: „Dem Abfallen der Früchte des Feigenbaumes
(~sykḗ~) beugt man durch die Kaprifikation (~erinasmós~) vor. Man
hängt nämlich, wenn es geregnet hat, an den zahmen Baum wilde Feigen,
Bocksfeigen (~erineós~), aus denen Gallwespen (~psḗn~) hervorkommen,
welche in die zahmen Feigen von deren Außenende aus hineinkriechen.
Daß eine Frucht kaprifiziert ist, erkennt man daran, daß sie rot, bunt
und derb wird, während die nichtkaprifizierte weiß und kraftlos ist.
Übrigens fallen die Feigen ohne Kaprifikation nicht überall ab; in
Italien z. B. sollen sie hängen bleiben und deshalb wird dort jenes
künstliche Mittel nicht angewendet. Auch in den nördlichen Gegenden
und auf magerem Boden Griechenlands soll die Kaprifikation nicht
nötig sein, wie bei Phylakos im Gebiet von Megara und in manchen
Gegenden bei Korinth. Auch bei Wind, namentlich bei Nordwind, fallen
die Feigen leichter ab, besonders wenn sie in großer Menge vorhanden
sind, desgleichen werfen Frühsorten leichter ab als späte, weshalb man
letztere nicht kaprifiziert.“
Einen Sinn hat die Kaprifikation in der Gegenwart nur dann, wenn
man keimfähige Samen zur Vermehrung der Feigenbäume zu erhalten
begehrt. Da aber die Feigenbäume heute nicht mehr aus Samen, sondern
aus Stecklingen gezogen werden, ist die Kaprifikation eigentlich
überflüssig; denn im Laufe der Zeit und durch die Kultur begünstigt,
hat die Feige die Eigenschaft erworben, auch ohne Bestäubung durch
die Wespen saftig und süß zu werden. Doch wird sie gleichwohl an den
meisten Orten, namentlich in Unteritalien, Sizilien, Griechenland
und den griechischen Inseln, Kleinasien, Syrien, Tripolis, Algier,
Südspanien und Portugal noch immer ausgeführt, indem man glaubt, daß
sie das Abfallen der unreifen Feigen verhindere und eine frühere Reife
herbeiführe, sowie daß ein kaprifizierter Baum sehr viel mehr Feigen
trage, als ein nichtkaprifizierter. Die Kaprifikation unterbleibt
dagegen in Nord- und Mittelitalien, Tirol, Sardinien, Südfrankreich,
Nordspanien, Portugal, Ägypten, auf den Kanaren und den Azoren. Diese
eigentümliche Befruchtungsart durch speziell angepaßte kleine Wespen
finden wir übrigens bei allen Ficusarten, deren die Tropen eine Fülle
oft sehr großer, baumartiger Formen beherbergen. Aber nur noch die
Sykomore -- von den alten Griechen so, d. h. Feigenmaulbeerbaum genannt
-- wird in Ägypten, wo ihre Früchte seit uralter Zeit ein beliebtes
Volksnahrungsmittel sind, kaprifiziert.
Die +Sykomore+ (~Ficus sycomorus~), der Maulbeerfeigenbaum, ist ein
13-16 m hoher Baum Afrikas mit dickem Stamm und immergrünen, fast
herzförmig eirunden Blättern. Seine walnußgroßen, gelblichen Früchte
von angenehm süßem und gewürzhaftem, maulbeerähnlichem Geschmack treten
in Büscheln oft zu Hunderten unmittelbar aus dem Stamm und werden von
Menschen und Tieren sehr gerne gegessen. Um vollkommen reif zu werden,
sticht oder ritzt man sie einige Tage vor der Reife an, wobei ein
bitter schmeckender Saft abfließt. Der Baum liebt feuchten Boden und
wächst deshalb mit Vorliebe am Wasser. Das weiche, schwer verwesliche
Holz war im Niltal das wichtigste einheimische Werkholz, das zu
allerlei Geräten, besonders aber zur Herstellung der Mumiensärge diente.