bekannt, so daß wir nicht näher darauf einzugehen brauchen. Es
genüge hier zu bemerken, daß der Weinstock einer sorgfältigen Pflege
bedarf, viel Sonne und einen kalkreichen, steinigen, d. h. viel Wärme
verschluckenden Boden verlangt. Aber wenn auch alle diese Bedingungen
erfüllt sind, ist die Rebe, wie die Erfahrung gelehrt hat, nur dann
wirklich ertragreich und liefert wertvolle Trauben, wenn sie richtig
geschnitten wird. Die Fortpflanzung geschieht durch Stecklinge, die
meist mit drei Augen, d. h. Knospen zur Verwendung gelangen. Das
unterste derselben wird in die Erde gesteckt; die beiden andern treiben
aus und geben je nach der Kraft des Triebes mehr oder weniger lange
Schosse, die man im Herbst zurückschneidet, und zwar den oberen so,
daß 8-9 Augen bleiben, die anderen aber viel weiter zurück, so daß nur
zwei Augen bleiben. Jenes Reis ist das Tragholz für das nächste Jahr;
denn die an ihm befindlichen Augen entwickeln Triebe, welche nach dem
4. oder 5. Blatte Blüten erzeugen. Man läßt an diesen Trieben nur eine
bestimmte Zahl Blätter stehen, nach dem 2. oder 3. oberhalb der letzten
Blütentraube bricht man den Schoß ab, um nicht unnütz Nährstoffe nach
dem fernerhin nicht weiter brauchbaren Triebe gelangen zu lassen. Hat
das Tragholz, der sogenannte Schenkel, abgetragen, so schneidet man
dasselbe mit dem hakenförmig gekrümmten Rebmesser ab, das die Römer
der Kaiserzeit in Gallien und in den von den Legionären aus Gallien
und Hispanien am linken Rheinufer gepflanzten Rebbergen schon in
gleicher Weise besaßen wie wir heute noch, die wir ja einst die ganze
Rebkultur mit allen Geräten und diesbezüglichen Bezeichnungen von jenen
übernahmen.
Während das Tragholz im Sommer seine Früchte an den Seitentrieben
zeitigte, entwickelte der oben erwähnte, kurz auf zwei Knospen
zurückgeschnittene „Zapfen“ aus demselben wieder zwei lange Triebe, die
man bis zum Herbste auswachsen läßt. Sie können eine sehr beträchtliche
Länge erreichen und bringen Blätter und in den Achseln derselben
Knospen hervor. Von ihnen treiben in demselben Jahre alle, ausgenommen
die obersten, in Form von schwachen Zweigen aus, die „Geize“ genannt
werden. Da diese im ersten Jahre überhaupt nicht zum Blühen kommen,
und auch im zweiten Jahre, wenn sie zu Tragholz werden, auch nur
schwächlich blühen würden, schneidet sie der Weinbauer weg, läßt ihnen
aber meist 2-3 Blätter. Diesen letzteren kommt nämlich eine doppelte
Bedeutung zu. Es entsteht nämlich neben dem Geize eine zweite Knospe,
die sich als eine Achselknospe aus dem untersten Schuppenblatte äußerst
kräftig entwickelt und einerseits zu ihrer Ernährung der beiden Blätter
des bei ihr stehenden Geizes bedarf, andererseits aber auch leicht zum
Austreiben käme, wenn man den Geiz bis zum Grunde entfernen würde.
Im Herbst wird nun wieder an den beiden Schossen des Zapfens der
Schnitt in der Weise ausgeführt, daß der obere mit 8-10 Augen zum
Schenkel wird und im nächsten Jahre das Tragholz liefert; die untere
wird dagegen abermals zum Zapfen. An den in den Treibhäusern gezogenen
Reben schneidet man das Tragholz viel weiter zurück, so daß an dem bis
zu 15 Jahren tragfähigen Haupttrieb seitlich knorrige Stümpfe stehen
bleiben, aus denen dann eine neue Tragrebe gezogen wird. Hier läßt man
meist auch nur zwei Trauben zur Ausbildung gelangen. Durch Auspflücken
der zu reichlichen Beerenanlagen bringt man es dahin, daß die
bleibenden zuweilen eine ganz außergewöhnliche Größe erreichen. So hat
man in England durch die sorgfältigste Pflege und reichliche Düngung
Trauben von über 7,5 kg Schwere mit pflaumengroßen Früchten
gezogen, die jedenfalls diejenigen, die die Kundschafter der Juden aus
dem Lande Kanaan brachten, noch weit übertreffen.
Noch jetzt ist jenes den Israeliten bei ihrem Zuge durch die Wüste
gelobte Land, Palästina, ein vorzügliches Weinland, wo die Kultur der
Rebe heute noch wohl in derselben Weise wie vor 4000 Jahren betrieben
wird. Die Weinberge sind meist auf hügeligem Gelände angelegt, weil die
terrassenförmig aufsteigenden Hänge dem Weinbau günstig sind und dieses
Terrain sich weniger für Getreidebau eignet. Doch ist auch viel flaches
Gebiet mit Reben bepflanzt und zahlreiche Namen von Ortschaften, die
heute keinen Rebbau mehr haben, weisen darauf hin, daß dies früher, vor
der dem Wein feindseligen muhammedanischen Invasion noch der Fall war.
Zum Schutze gegen Menschen und Tiere, unter welch letzteren besonders
die Füchse zu nennen sind, die sich bei der Traubenreife als ungebetene
Gäste zum Schmause einstellen, werden die Weinberge im Orient mit
1-2 m hohen trockenen Steinmauern, die noch mit Dornen bewehrt sein
können, oder mit lebenden Hecken von dem aus Amerika eingewanderten
Feigenkaktus umgeben. Mitten darin baut man aus losen, unbehauenen
Steinen einen 5-6 m hohen Turm, der oben eine von Laubwerk oder Matten
beschattete Hütte trägt, wo der Weinbauer bei der Traubenreife sein
Lager aufschlägt, um den Weinberg, den er von hier aus gut zu übersehen
vermag, Tag und Nacht zu überwachen. Da diese Hütten häufig erneuert
werden müssen, so erscheinen sie schon einem Hiob (27, 18) als Bild der
Vergänglichkeit.
In den Weinbergen Palästinas werden nicht nur Reben, sondern auch
andere Fruchtträger, wie Feigen-, Aprikosen-, Pfirsich- Apfel-,
Birn-, Mandel-, Quitten- und Granatbäume gepflanzt, deren Früchte
verführerisch locken. Da bleibt dem Fellachen, d. h. Bauern, bei der
diebischen Natur seiner Volksgenossen nichts anderes übrig, als diese
Schätze sorgfältig zu bewachen; denn was er nicht hütet, erntet er
auch nicht. Schon die unreifen Trauben und Früchte überhaupt liebt der
Morgenländer wie unsere Kinder sehr, indem er sie entweder roh oder
mit Essig und reichlich Olivenöl angemacht als Salat ißt. So zieht der
Winzer bei der Fruchtreife mit Sack und Pack in die Weinbergshütte
hinaus, um hier mit seiner Familie so lange zu hausen -- das Kleinvieh
bringt er in den kühlen Nächten im dunkeln Raum des Wachtturmes unter
dem Turmabschluß, wo er Wache hält, unter --, bis alles aufgegessen
oder verkauft ist.
Bei der Neuanlage eines Rebbergs werden die Stecklinge als etwa
1,3 m lange Ruten gewöhnlich Ende Februar in 50 cm tiefe und 20 cm
breite Gruben in 2-4 m allseitiger Entfernung versenkt. Eine solche
Neupflanzung trägt dann im dritten Jahre die ersten Trauben. In manchen
Gegenden, besonders in der Ebene, läßt man die Reben am Boden liegen,
in andern zieht man sie aufrecht an Fruchtbäumen irgend welcher Art
oder an Pfählen in die Höhe. Schon im Februar wird der Rebberg,
nachdem die Erde durch mehrmaligen Regenfall genügend erweicht ist,
mit dem schon von den Vorfahren vor einigen tausend Jahren gebrauchten
primitiven hölzernen Hakenpflug gepflügt oder, wo dieser nicht
hinkommen kann, mit der Hacke gelockert und die Reben bis auf wenige
kurze Ruten mit kräftigen Augen beschnitten. Im Laufe des Frühjahrs
wird das Land noch zwei- bis dreimal zur Beseitigung des Unkrauts und
zur Auflockerung des Bodens gepflügt oder behackt. Nach vollendeter
Traubenblüte entwickelt sich dann üppiges Laubwerk und es treiben bis
3 m lange Schößlinge, deren Spitzen nach Bedarf entfernt werden.
Die Trauben, die in der Ebene schon im Juni, im Gebirge erst im Juli zu
reifen beginnen, erlangen nach ihrer Reife eine Länge von zwei Spannen
und ein Gewicht von 1,5 kg mit großen, feinhäutigen, saftigen Beeren.
Sie werden, weil den Einwohnern als rechtgläubigen Muhammedanern der
Genuß des Weines verboten ist, entweder an Ort und Stelle gegessen
oder auf den nächsten Markt zum Verkaufe gebracht, wo sie nicht mehr
als höchstens 8 Pfennige das Kilogramm kosten. Mancherorts wird der
Überschuß zu Rosinen, Traubenhonig und Traubenkuchen verarbeitet,
um als solche in den Handel gebracht zu werden; die Beeren mancher
nichtreifender Sorten dagegen werden zur Herstellung einer süßen
Limonade, wie sie sonst aus Zitronensaft bereitet wird, verwendet.
Die zu Rosinen bestimmten Trauben werden korbweise in ein Gefäß mit
geklärtem Laugenwasser, dem etwas Öl beigegeben ist, getaucht und auf
einem geebneten Dörrplatz im Weinberg oder auf Matten ausgebreitet
10-15 Tage lang zum Dörren der Sonnenhitze ausgesetzt. Die Benetzung
mit Lauge und Öl hat den Zweck, daß die Rosinen schön weich und von
der Sonne nicht allzusehr verbrannt werden, sie zugleich auch einen
gewissen Glanz erhalten. Zuletzt werden sie von den Stielen abgelesen
und nach der Größe sortiert.
Der Traubenhonig wird in der Weise gewonnen, daß der ausgepreßte
Traubensaft mit einer weichen Kalksteinmasse vermischt, umgerührt und
über Nacht stehen gelassen wird. Dabei verbindet sich die Weinsäure mit
dem Kalk zu einer unlöslichen Verbindung und wird bei diesem Vorgange
zugleich der aus Pektin bestehende, die Lösung trübende Pflanzenschleim
niedergeschlagen. Der so durch den Kalk geklärte und in seiner Herbe
gemilderte Saft wird dann abgeschöpft und bis zu Sirupdicke eingekocht.
100 Teile Trauben geben etwas mehr als 20 Teile Traubenhonig, der sehr
gern als Zukost zum Brot verspeist wird und pro Kilogramm nur 20-30
Pfennige kostet.
Die Traubenkuchen werden teilweise ähnlich wie der Traubenhonig
bereitet. Den durch den kohlensauren Kalk der Kalksteinmasse abgeklärte
und von der Säure befreite Traubensaft läßt man etwas einkochen und
rührt Mehl oder Gries und hernach Pinien- oder Kiefernsamen hinein.
Der so entstandene dicke Brei wird auf Tücher gestrichen, an der Sonne
getrocknet, um als dünne Fladen abgenommen und verspeist zu werden. 1
kg kostet in Palästina etwa 1.50 bis 1.80 Mark.
Auch die christlichen Araber produzieren wenig Wein, um so mehr aber
die in Palästina niedergelassenen Europäer, besonders die als höchst
wertvolle Erwerbung des Landes daselbst ihre Kolonien gründenden
Templer, die meist aus dem Schwabenlande stammen und das solide
deutsche Bauerntum nach dem Morgenlande verpflanzten. Der Palästinawein
ist ein sehr kräftiges Getränk von etwas herbem Geschmack. Weinkeltern
(vom lat. ~calcatura~), wie sie die Kanaaniter und Israeliten hatten
und wie man sie noch in manchen Weinbergen sieht, werden nicht mehr
benutzt. Es waren dies zwei in Felsen gehauene Becken, von denen das
größere, in welchem die Trauben mit den Füßen ausgetreten wurden,
etwa 4 m auf jeder Seite mißt. Dasselbe wurde gelegentlich auch zum
Ausdreschen von Getreide benützt. Sein flacher Boden neigt nach einer
Ecke, wo eine Rinne es mit dem kleineren, tiefer liegenden Becken zur
Aufnahme des Mostes (aus dem lateinischen ~mustum~) verbindet. Von
da aus wurde dieser in mit nach innen gekehrtem Fell gebildete und
mit Harz oder Pech verstrichene Schläuche aus Tierhaut gefaßt, oder
man goß ihn, wie die christlichen Araber noch immer tun, in irdene
Gefäße und leerte ihn nach der Gärung mit Zurücklassung der Hefe in
andere Gefäße. Der Araber, der alles Süße liebt, zeigt eine Vorliebe
für süßen und starken Wein, den er aus Trauben keltert, die 14 Tage
lang schön ausgebreitet in der Sonne lagen. Der daraus gepreßte Saft
ist süß, zugleich aber stark berauschend. Wenn die Araber Weinmost
lange aufbewahren wollen, so pflegen sie ihn zu kochen und dann erst in
Tonkrüge zu füllen, in die oben am Halse etwas Olivenöl als Verschluß
hinzugefügt wird. Das Weinbereitungsgeschäft vollzieht sich im
Morgenlande noch rascher als im Abendlande, da die zerdrückten Trauben
schon nach 6-12 Stunden in Gärung übergehen und also nicht lange stehen
bleiben dürfen.
Weitere aus Asien zu uns gelangte Fruchtbäume sind die mit den Ulmen-,
Nessel- und Feigengewächsen verwandten +Maulbeerbäume+. Lange vor
dem aus Ostasien stammenden weißen ist der westasiatische +schwarze
Maulbeerbaum+ (~Morus nigra~) ins Mittelmeergebiet und von da aus nach
Mitteleuropa eingeführt worden. Seine ursprüngliche Heimat deckt sich
mit derjenigen der Kulturrebe und erstreckt sich vom Gebirgsland von
Armenien bis gegen Persien. Er erschien zu Ende des 6. vorchristlichen
Jahrhunderts in Griechenland und von da ein Jahrhundert später auch
in Italien. Schon der Dichter Aeschylos, der im Jahre 456 v. Chr.
in Sizilien starb, spricht in zweien seiner Tragödien von ~môra~
(~plur~. von ~môron~), die später auf Maulbeeren bezogen wurden, aber
im gewöhnlichen Sprachgebrauch Brombeeren heißen. Im Volksgebrauch
sind nämlich die Maulbeeren wegen ihrer Gestalt und Färbung zunächst
als Brombeeren bezeichnet worden. Dem diese Früchte tragenden
Baum aber gaben die Griechen, weil er völlig verschieden von der
Brombeerstaude war, den Namen ~sykáminos~. Dies war aber eigentlich
ihre Bezeichnung für die +Sykomore+ oder den +Maulbeerfeigenbaum+
(~Ficus sycomorus~), der ursprünglich in Ägypten zu Hause war, aber
früh in Westasien von Palästina, Syrien und Cypern bis nach Karien und
die Insel Rhodos angepflanzt wurde. Die Griechen lernten ihn dort auf
ihren Handelsfahrten kennen und bildeten aus dem syrischen Namen der
Früchte ~schikmim~, einem Pluralis, mit Anlehnung an die griechische
Bezeichnung für Feige ~sýkos~ ihr ~sykáminos~ als Namen für den Baum.
Als nun der Maulbeerbaum bei seinem Vordringen nach Westen zu den
Griechen der kleinasiatischen Küste gelangte, nannten sie ihn wegen
der Ähnlichkeit der Blätter und seiner ganzen Gestalt mit der
Sykomore eben auch ~sykáminos~. Nicht nur in der Naturgeschichte
der Pflanzen des Theophrastos (390-286 v. Chr.), sondern noch bei
späteren Schriftstellern werden beide Bäume mit demselben Worte
bezeichnet. Der zur Zeit Cäsars und Augustus lebende griechische
Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien unterschied zuerst die beiden
Fruchtbäume, indem er erklärte, es gebe zwei Arten ~sykáminos~:
die eine trage brombeer-, die andere feigenähnliche Früchte. Zum
Unterschiede von der eigentlichen Brombeere (~môron~) nannte man die
Früchte der brombeerfrüchtigen ~sykáminos sykómōron~. So entstand
der jüngere Name des Maulbeerbaums ~sykómoros~, welcher bald als
vollkommen gleichbedeutend mit ~sykáminos~ gebraucht und auch auf den
ägyptischen ~sykáminos~, den Maulbeerfeigenbaum, ausgedehnt ward, der
davon heute noch Sykomore heißt. Das gemeine Volk aber blieb bei der
Bezeichnung ~môron~ (Brombeere) für Maulbeere und unter diesem Namen
kam die Frucht von den Griechen Unteritaliens zu den Römern, die den
Namen um so williger annahmen, als ~morum~ auch bei ihnen die von den
Griechen übernommene Benennung der Brombeere war. Später drang auch das
Wort ~sycomorus~ ein, das für Maulbeere und Brombeere gleicherweise
gebraucht wurde; da unterschied man die Maulbeere als Baumbrombeere
von der gewöhnlichen oder Waldbrombeere. Auch im Lateinischen des
Mittelalters hieß der Baum ~morus~ und die Frucht ~morum~ (~plur.
mora~). Unter diesem Namen wird er im ~Capitulare de villis~ und in
den beiden Garteninventaren Karls des Großen aus dem Jahre 812 und
im Entwurf zum St. Galler Klostergarten aus dem Jahre 820 unter den
anzupflanzenden Obstbäumen angeführt.
Der Maulbeerbaum erreicht eine ansehnliche Größe und trägt ein dunkles
Laub, das im Frühling spät hervorbricht. Daher bezeichnet ihn Plinius
im 1. christlichen Jahrhundert als den weisesten unter den Bäumen, der
sich erst hervorwage, wenn kein Frühlingsfrost mehr zu fürchten sei.
Die süßsäuerlichen, dunkelroten Beeren munden erst, wenn sie völlig
reif sind, und müssen dann rasch verzehrt werden, da ihr Saft leicht
in saure Gärung übergeht. Man pflückt sie daher im Süden frühmorgens
und genießt oder verkauft sie, ehe die Hitze des Tages sie verdorben
hat, heute noch wie in alter Zeit, da der römische Dichter Horaz
im augusteischen Zeitalter solches in einem Gedichte aussprach.
Mit ihrem roten Safte bemalten sich üppige Weiber und lose Männer
beim Mummenschanz die Wangen und färbten vielfach auch ihren Wein
dunkelrot. Der als Zeitgenosse des Horaz um die Wende der christlichen
Zeitrechnung lebende, im Jahre 17 n. Chr. in der Verbannung in der
Stadt Tomi in der heutigen Dobrudscha am Westrande des Schwarzen Meeres
verstorbene römische Dichter Ovid erzählt uns im vierten Buche seiner
Metamorphosen, woher die rote Farbe der Maulbeeren stamme, nämlich vom
Blute des Pyramus, als dieser sich wegen seiner von einem Löwen getötet
geglaubten Geliebten Thisbe unter dem Maulbeerbaume den Tod gab. Es
ist dies eine durchaus kleinasiatische, auch bei anderen Pflanzen mit
rotsaftigen Früchten wiederkehrende Sage, die diesmal in Babylonien vor
sich gegangen sein soll, wohl als Erinnerung an die Herkunft des Baumes
aus dem fernen Osten.
Plinius sagt vom Maulbeerbaum: „Die Gärtnerkunst hat an diesem Baum
nicht viel ausgerichtet, auch durch Veredeln nicht; doch zeigen sich
die Früchte an Größe verschieden.“ Nach Athenaios um 200 n. Chr.
labten sich an letzteren besonders die Kinder. In der Geoponika,
einer wahrscheinlich ums Jahr 912 n. Chr. veranstalteten Sammlung
von Auszügen aus alten griechischen Schriften über Land- und
Gartenwirtschaft, wird gesagt, daß man die Maulbeere auf Kastanie,
Speiseeiche, Apfel- und wilden Birnbaum, auf Terpentin-Pistazie, Ulme
und Silberpappel pfropfe; in letzterem Falle würden die Maulbeerfrüchte
weiß.
Der +weiße Maulbeerbaum+ (~Morus alba~) war dem Altertum und dem
Mittelalter vollkommen fremd; denn erst im 15. Jahrhundert gelangte
dieser im zentralen und östlichen Asien heimische Baum von kleinerem
Wuchse, glatteren und zarteren Blättern als sein Schwesterbaum, die
schwarze Maulbeere, und süßen, etwas faden, weißen Früchten mit der
Einführung der ostasiatischen Seidenraupenkultur aus China nach
Südeuropa. Diesem Insekte behagen die viel rauheren und gröberen
Blätter des schwarzen Maulbeerbaumes nicht, und so führte man mit
seiner Zucht auch den ostasiatischen weißen Maulbeerbaum bei uns ein.
Überall in Norditalien und Südfrankreich, wo die Seidenraupenzucht
in großem Maßstabe betrieben wird, treffen wir diesen Baum in langen
Reihen angepflanzt an, um ihn seiner Blätter zu berauben, die jenem
Tiere verfüttert werden, damit es daraus groß werden und schließlich
seine Seidenhülle bei der Verpuppung spinnen könne. In Deutschland
bemühte sich besonders Friedrich der Große um die gewinnbringende
Zucht desselben und damit um die Anpflanzung des weißen Maulbeerbaums,
dessen Laub das einzige Futter ist, das den Seidenraupen gereicht
werden kann. Doch hatte er dabei nur geringen Erfolg, da das Klima zu
rauh für das Gedeihen jener Tiere ist.
[Illustration:
Tafel 19.
Reihe von weißen Maulbeerbäumen, deren Blätter den Seidenraupen als
Futter dienen, im Kanton Tessin.
Uralter Feigenbaum in Roscoff (Finisterre). Der Baum bedeckt eine
Fläche von 600 qm.]
[Illustration:
Tafel 20.
Ein Hain alter Ölbäume bei Arco in Südtirol.]
Nahe verwandt mit dem Maulbeerbaum ist, wie wir übrigens schon aus der
Ähnlichkeit der Maulbeeren und Maulbeerfeigen schließen können, der
+Feigenbaum+ (~Ficus carica~), der sehr gern wild in Felsspalten wächst
und von Nordwestindien bis in die Mittelmeerländer vorkommt. Verwildert
begegnet man ihm hier überall sehr häufig, aber wahrhaft wildwachsend
fand ihn Th. Kotschy an den Ufern des nördlichen Euphrat. Der Stamm ist
strauch- bis baumartig, kann bei einem Durchmesser von 40-50 cm bis
10 m hoch werden. Das Holz ist leicht und porös und hat ein schwammiges
Mark wie dasjenige des Holunders. Der Bast, die Blätter und Früchte
sind mit Milchgefäßen versehen. Die Frucht ist eine Scheinfrucht von
grünlicher, purpurroter, brauner oder fast schwarzer Farbe, innen
fleischig, gelb bis rot und besteht aus dem fleischig gewordenen,
urnenartig vertieften Fruchtboden, auf welchem -- von außen unsichtbar
-- die winzigen Blüten und später die sehr kleinen Samen sitzen. In
Südeuropa gibt ein völlig ausgewachsener Feigenbaum jährlich etwa 100
kg frische Feigen, die im getrockneten Zustande etwa 30 kg schwer
sind. Diese bilden in den südlichen Ländern ein Hauptnahrungsmittel
für Menschen und Tiere und werden frisch und gedörrt als gesundes
Obst gegessen. Infolge der mehrtausendjährigen Kultur gibt es eine
große Menge von Varietäten. Alle werden am besten durch Stecklinge
fortgepflanzt, durch Samen nur dann, wenn neue Spielarten gewonnen
werden sollen.
Der Feigenbaum verlangt nasse Winter mit nur 2° C. Kälte und trockene
Sommer mit bis zu 55° C. in der Sonne, eine gegen Nord- und Ostwinde
geschützte Lage und sandigen Humusboden mit kalkigem Untergrund. Da nur
die jungen Zweige Früchte hervorbringen, werden die Spitzen der jungen
Triebe abgekneift, wenn sie etwa 12 cm lang sind, damit sie im nächsten
Jahre reichlich tragen. Ist die junge Pflanze 3 m hoch geworden, so
spitzt man sie ein, um ihr Wachstum in die Breite zu veranlassen.
Wächst ein Zweig zu üppig ins Holz, so drückt man seine Spitze gegen
das Ende hin mit dem Finger so zusammen, daß die weiche, saftige
Substanz dem Drucke nachgibt, wodurch das Längenwachstum aufhört und
der Saft in die Teile zurückgeht, in denen er notwendig ist. Dadurch
und durch das Biegen der Zweige in Bogen, die Spitze nach abwärts,
werden diese Teile sehr fruchtbar. Im Frühjahr müssen die Bäume
gedüngt werden; dabei werden sie bis über 100 Jahre alt.
Irgendwo im semitischen Westasien ist der Feigenbaum in grauer Vorzeit
in Kulturpflege genommen worden, und zwar soll nach der Lautgestalt
der semitischen Bezeichnungen ~tinu~ für Feigenbaum und ~balasu~ für
Feige nach Lagarde im Wohngebiet des Bachrâstammes im südöstlichen
Arabien die engere Heimat der Kulturfeige sein, eine Annahme,
die der Straßburger Botaniker Graf H. von Solms-Laubach auch aus
naturgeschichtlichen Gründen für glaubhaft hält. Schon sehr früh wurde
der Feigenbaum in Syrien und Palästina heimisch und ließ hier eine
Fülle süßer Früchte reifen, die den Bewohnern eine wichtige Nahrung
lieferten. Das Alte Testament erwähnt ihn oft, namentlich in Verbindung
mit dem Weinstock. So bedeutete bei den Juden Palästinas die Redensart:
unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, so viel als ein ruhiges,
friedliches Dasein genießen.