Im Mittelalter waren, wie gesagt, die Klöster die Träger und

Überlieferer der altrömischen Kultur und ihrer Erzeugnisse. Sie

haben sich ein besonderes Verdienst um die Erhaltung und Ausbreitung

der von den Römern eingeführten Nutzpflanzen, besonders der aus dem

Süden importierten Obstbäume erworben. Selbstverständlich waren

die Klostergärten ebenso eingefriedigt wie diejenigen der Bauern.

In einem Weistum vom Jahre 1500 wird sogar vorgeschrieben, daß der

aus senkrechten Stöcken mit dazwischen geflochtenen Ruten oder

schräg aufgerichteten Brettern, von denen immer mehrere durch einen

senkrechten Pfahl gehalten wurden, hergestellte Zaun mannshoch sein

solle. Was dann noch an Hühnern und sonstigem Geflügel hinübersteige,

das dürfe der Bauer totschlagen. Nach den uns erhaltenen Zeichnungen

aber ist seine Höhe für gewöhnlich nicht mehr als 1 m gewesen.

In diesen Gärten wurde nicht sehr streng zwischen Gemüse- und

Obstgarten unterschieden. Oftmals wird erwähnt, daß Bäume im

Kohlgarten gestanden haben. War ein besonderer Baum- oder Obstgarten

vorhanden, so waren darin nur wenige Sorten vertreten, und zwar

meist Äpfel und Birnen, seltener Steinobst oder gar Nüsse. Noch der

römische Geschichtsschreiber Tacitus (54-117 n. Chr.) hielt in seiner

ethnographischen Schilderung Germaniens dieses Land für schon zu kalt

zum Obstbau, nur für Getreidebau geeignet. Die Einwohner desselben, so

schrieb er, nährten sich von ganz einfachen Speisen wie wilden Äpfeln

und Beeren, frischem Wildbret und saurer Milch.

Diese Lebensweise hat sich im Laufe des Mittelalters, als auch

Germanien das Erbe der altrömischen Kultur antrat, gründlich geändert.

Deutschland war nicht zu rauh für die Obstzucht; die Obstbäume gediehen

vielmehr ganz gut, soweit sie das gegenüber den Mittelmeerländern viel

rauhere Klima ertrugen. Und den Anstoß zu diesem Wechsel legten die

Römer selbst durch ihre Kolonisation, die die Schätze an wertvollen

Nutzpflanzen, die ihr Land durch den Import aus dem Morgenlande

aufwies, über den eisumgürteten Grenzwall der Alpen hinüber in die

durch ihren Reichtum an Wäldern und Sümpfen ausgezeichneten und

dadurch für die Römer zunächst nur abschreckenden Länder des Nordens

brachten. Auch Italien selbst war einst ein solch armes Waldland

gewesen, als es von den Italikern besiedelt wurde. Und als es durch

Rodung und nachfolgenden Ackerbau schon einigermaßen kultiviert war,

erschien es den älteren Griechen als ein Land, das im Vergleich schon

mit ihrem eigenen und noch viel mehr mit dem an Kultur viel weiter

fortgeschrittenen Orient einen nordischen, primitiven Charakter trug

und dessen Produktion in noch ziemlich später Zeit vorwiegend in Holz,

Vieh und Getreide bestand. Noch der im Jahre 286 v. Chr. in Athen

verstorbene Schüler des Aristoteles, Theophrastos von der Insel Lesbos,

der Begründer der antiken Pflanzenkunde, der eine uns noch erhaltene

„Naturgeschichte der Gewächse“ schrieb, rechnet Italien zu den wenigen

Ländern am Mittelmeer, wo noch Schiffsbauholz vorkommt. Und als der

prunkliebende König Hieron II. von Syrakus, der im Jahre 269 v. Chr.

nach einem entscheidenden Siege über die sogenannten Mamertiner in

seiner Vaterstadt zur Herrschaft gelangte, die er als tüchtiger Regent

und Bundesgenosse der Römer bis zu seinem Tode im Jahre 215 ausübte,

sich ein riesiges Getreideschiff baute, so fand sich nach dem Berichte

des um 200 n. Chr. in Alexandrien und Rom lebenden griechischen

Grammatikers Athenaios aus Naukratis in Ägypten nur im brettischen

Gebirge in Italien ein Baum, der als Hauptmast dienen konnte. Es war

dies im heutigen, aus Laricio-Kiefern bestehenden Nilawalde, der aber

damals auch mit Eichen oder Buchen untermischt gewesen sein muß, da

ein Sauhirt, der seine Herde zur Eichel- oder Bucheckernmast in den

Wald trieb, der Auffinder dieser damals schon bemerkenswerten Rarität

war.

Von ungeheuren, unwirtlichen Wäldern auf der italischen Halbinsel

hören wir auch durch die römische Überlieferung. Den ciminischen

Wald beim heutigen Viterbo nördlich von Rom beschreibt der römische

Geschichtsschreiber Livius (59 v. bis 17 n. Chr.) unter dem Jahre 308

v. Chr., also nach der Zeit Alexanders des Großen, als so schrecklich,

wie nur die später von den Römern betretenen Wälder Germaniens. Von

einem ähnlichen Grauen vor diesem entsetzlichen Waldgebiete muß auch

der im 2. Jahrhundert n. Chr. lebende römische Geschichtsschreiber

Florus erfaßt gewesen sein, der wie Livius eine Geschichte Roms von

der Gründung der Stadt bis zu Kaiser Augustus schrieb. Er berichtet,

daß damals der Prätor C. Manlius zu Anfang des von 218-201 v. Chr.

dauernden zweiten punischen Krieges zum Entsatze des von den Bojern,

einem teils in Oberitalien, teils zwischen Alpen und Donau seßhaften

keltischen Volksstamme, bedrängten Mutina (dem heutigen Modena)

herbeirückte, sein Heer in den unwegsamen Wäldern fast aufgerieben

wurde. Noch schlimmer erging es nach demselben Autor dem Prätor L.

Postumius in dem litanischen Wald, aus welchem von seinem ganzen Heere

nur wenige Mann den Ausweg fanden.

Und dieses Waldland Italien, das ursprünglich außer Haselnüssen,

Holzäpfeln, Schlehen, Holzbirnen, Eicheln, Bucheckern und Waldbeeren

keinerlei eßbare Früchte trug, schildert uns der im Jahre 116 v. Chr.

geborene und 27 v. Chr. verstorbene bedeutendste Gelehrte Roms, Marcus

Terentius Varro, es sei dermaßen mit aus dem Morgenlande eingeführten

Fruchtbäumen besät, daß es wie ein großer Obstgarten erscheine! Edle

Äpfel und Birnen, Quitten und Mandeln, Kirschen, Pflaumen, Pfirsiche,

Feigen, Granaten, Oliven, Maulbeeren, Kastanien, Walnüsse, Pistazien

wurden zur römischen Kaiserzeit in Menge auf jener einst aller eßbaren

edleren Früchte mangelnden Halbinsel gezogen.

Die Vermittler dieser Umwandlung, von deren Reichtum in der Folge ganz

Europa bis auf unsere Tage solch großen Nutzen zog, bildeten Sklaven

und Freigelassene aus Syrien, Kilikien und den verschiedenen Ländern

Kleinasiens. Nach den glücklich durchgeführten asiatischen Kriegen, die

eine Fülle Kriegsgefangener auf den römischen Markt brachten, wimmelte

Italien von ihnen lange vor dem großen römischen Sittenmaler Juvenalis

(47-130 n. Chr.), der sich in einer Satire beklagt, es sei so weit

gekommen, daß der syrische Fluß Orontes sich in den Tiber ergieße.

Er meint damit: Rom und seine Umgebung sei dermaßen von Syriern

überschwemmt, daß man sich an den Orontes versetzt glauben könne. Diese

syrischen Sklaven waren durch Arbeitsamkeit, Ausdauer und Ergebenheit

gegen ihre Herren ausgezeichnet. Schon der römische Komödiendichter

Plautus (254-184 v. Chr.) nennt sie das allergeduldigste Geschlecht

der Menschen. Dem Kriegshandwerke abgeneigt, waren sie als Träger

einer überaus alten Kultur aufs beste vertraut mit dem Aufziehen und

Pflegen von Pflanzen, besonders Obstbäumen, die sie durch sachkundige

Beschneidung und Düngung zu ergiebigster Fruchtbildung veranlaßten.

Aufs beste verstanden sie sich auf das Veredeln, dessen Methoden uns

schon von altgriechischen Autoren eingehend geschildert werden, von den

späteren römischen Schriftstellern über Obstbau nicht zu reden, die

sich sehr eingehend über diese Materie aussprechen. Sagt doch bereits

der ältere Plinius (23-79 n. Chr.): „In der Veredelung der Bäume haben

die Menschen schon längst das Höchste erreicht“, bemerkt aber dazu,

daß man eine Sünde begehen würde, alles auf gut Glück durcheinander

veredeln zu wollen; „denn Dornsträucher (~spina~) darf man nicht

pfropfen, weil sich sonst die Blitze nicht leicht sühnen lassen und

jeder Blitzschlag mit zwei-, drei- oder vierfacher Gewalt einschlägt,

wenn man zwei-, drei- oder vierfach veredelt hat.“ An einer anderen

Stelle meint derselbe Plinius: „Auf die Veredelung (~inserere~, d. h.

einsäen) mag wohl die Natur selbst den Menschen aufmerksam gemacht

haben, indem durch Vögel oder Winde öfter Samen auf Bäume gebracht

werden und auf diesen gedeihen. So habe ich z. B. einen Kirschbaum auf

einer Weide, eine Platane auf einem Lorbeer, einen Lorbeer auf einem

Kirschbaum und allerlei der Art gesehen. Auch Kerne, die von Dohlen als

Vorrat in Ritzen alter Mauern gesteckt werden, geben Veranlassung zu

dergleichen Erscheinungen.“ -- Das +Okulieren+ (~inoculatio~) besteht

darin, daß man von einem Baume ein Auge mit etwas Rinde abschneidet

und in einen anderen Baum einsetzt, von dem man ein eben solches Stück

Rinde weggeschnitten hat, Vergil (70-19 v. Chr.) lehrt auch, in dem

Knoten, auf dem eine Knospe sitzt, ein Loch zu machen und eine fremde

Knospe in dieses zu setzen. Beim +Pfropfen+ (~insitio~) schneidet man

den Stamm mit der Säge durch, glättet die Wunde mit der Hippe (dem

gekrümmten Rebmesser), schiebt das Pfropfreis zwischen Holz und Rinde,

wie es von altersher geschieht, oder spaltet den Stamm und setzt die

Reiser in den Spalt. Nach Cato (234-149 v. Chr.) soll man die Wunde

„mit einer Mischung von Ton, Kreide, Sand und Kuhmist verstreichen.“

Ein ungenannter Grieche der klassischen Zeit schreibt in den Geoponika,

einer ums Jahr 912 n. Chr. veranstalteten Sammlung von Auszügen aus

guten alten griechischen Schriften über Land- und Gartenwirtschaft:

„Es sind drei Arten der +Veredelung+ (~enkentrismós~ von ~kéntron~

Gerte, Reis, also zu deutsch Reiseinfügung) im Gebrauch. Veredelt man

so, daß man den Stamm durchschneidet, von der Wunde aus einen Keil

zwischen Rinde und Holz treibt und in die so entstandene Höhlung das

Reis (~énthema~) einfügt, so nennt man dieses Verfahren ~emphyllismós~

(von ~phýllon~ Blatt). Spaltet man aber den Stamm, nachdem er quer

durchschnitten ist, in der Mitte und setzt das Reis in den Spalt ein,

so heißt dieses Verfahren insbesondere ~enkentrismós~.

In beiden Fällen der Veredelung muß man rasch zu Werke gehen, damit

weder die Wunde des Stammes, noch das Reis austrocknet. Die Reiser,

welche man einsetzt, müssen zweijährig sein und die Dicke eines

kleinen Fingers haben und sich in zwei oder drei Enden teilen; die

einjährigen wachsen zwar leicht an, sind aber unfruchtbar. (Im

Mittelalter dagegen verwendete man gleich heute, wie beifolgender

alter Holzschnitt zeigt, stets einjährige Edelreiser, die natürlich

vollkommen fruchtbar sind. Man schneidet sie im Winter, in der Zeit der

Knospenruhe, ab und bewahrt sie meist in feuchtem Sand, damit sie nicht

zu stark eintrocknen, und pfropft damit beim Trieb im Frühjahr.) Die

Reiser werden zehn oder mehr Tage vor der Veredelung von ihrem Baume

geschnitten und in einem gut zugedeckten Topfe aufbewahrt, damit sie

nicht zu sehr eintrocknen. Die Knospen müssen an ihnen noch geschlossen

sein, an dem zu veredelnden Baume aber eben aufbrechen wollen, wenn

man die Reiser einsetzt, und eben deswegen müssen die Reiser schon

vorher abgeschnitten sein. Es zeigt auch die Erfahrung, daß sie weit

leichter anwachsen, wenn sie nicht mehr frisch sind. Der Grund dieser

Erscheinung ist darin zu suchen, daß sie in ganz frischem Zustande,

weil voll Saft, auch dicker sind; würde man sie so einsetzen, so würden

sie in der ersten Zeit, ehe sie anwachsen, noch schwinden, wodurch

Ritze entstehen würden, in welche die Luft eindringen kann. -- Werden

Reiser in die Ferne verschickt, so tut man sie in einen Topf, dessen

Boden mit feuchtem Ton bedeckt ist. Man steckt sie in den Ton, schließt

den Topf und verstreicht gut alle Fugen am Deckel.“

Die Technik des Pfropfens war bei den alten Griechen und Römern zu

einer in der Jetztzeit kaum wieder erreichten Virtuosität ausgebildet.

Man glaubte damals, soweit man sich nicht durch abergläubische

Erwägungen, von denen Plinius eine erwähnt, bestimmen ließ, jedes

beliebige Reis auf jeden beliebigen Baum pfropfen zu können, und

erreichte damit auch in der Tat Erstaunliches. So will derselbe Plinius

einen Baum gesehen haben, der an seinen verschiedenen Ästen mehrere

Äpfel- und Birnensorten, Granaten, Feigen, Weintrauben, Oliven und

Nüsse zugleich trug; doch soll er nicht lange gelebt haben. Schon beim

römischen Dichter Vergilius Maro (70-19 v. Chr.) trägt die Platane

Äpfel, die Esche Birnen, der Erdbeerbaum Nüsse und die Ulme Eicheln,

und bei Palladius, um 380 n. Chr., ist in seinem Buche über den Landbau

kein Baum, von dem nicht ausgesagt würde, er könne die und die fremden

Früchte zu tragen gezwungen werden.

[Illustration: Bild 12. Das Pfropfen der Obstbäume im Mittelalter mit

einjährigen Reisern. (Nach einem Baseler Holzschnitt von 1548.)

Die mit Baumharz verstrichene Wunde ist noch vorsorglich mit einem

Leinwandlappen umbunden, was heute nicht mehr üblich ist und auch im

Altertum nicht angewendet wurde.]

Über diese Virtuosität, die Natur zu vergewaltigen und zu mißbrauchen,

wie er sich ausdrückt, entsetzte sich zwar mancher, wie der biedere

Plinius, als über einen den Zorn der Götter wachrufenden Frevel. So

aberwitzig auch solche Künsteleien erscheinen mochten, so hatten sie

doch das Gute, die Mannigfaltigkeit und Vollkommenheit der einst in

Italien fremden, nun aber durch die regen Verbindungen mit dem an

Fruchtbaumsorten so reichen Orient hier eingebürgerten Früchte immer

weiter zu steigern. Wenn die römischen Aristokraten nach Ablauf ihres

Jahres aus Syrien oder einer anderen der an der Ostgrenze des Reiches

gelegenen Provinzen heimkehrten und manche angenehme Frucht, die dort

auf ihre Tafel gekommen war, nach Italien und auf ihre Villen zu

versetzen wünschten, so hatten sie in ihren syrischen, kleinasiatischen

und persischen Sklaven außerordentlich erfahrene und geschickte

Gärtner, die ihnen beim Großziehen und Veredeln der mitgebrachten

Pflanzenschätze behilflich waren und zur Belohnung dafür die goldene

Freiheit oder wenigstens eine gnädige, milde Behandlung erwarten

durften.

So hat der Orient, dem wir die Gewinnung der meisten Fruchtsorten,

die Kaprifikation der Feige, die Füllung der Rosen, Violen und

anderer Blumen und die Hochzuchten zahlreicher Gemüsearten verdanken,

durch seine infolge Kriegsunglückes in den letzten vorchristlichen

Jahrhunderten nach dem Herrenlande Italien verbrachten gartenkundigen

Einwohner diese ihre neue Heimat aufs weitgehendste mit neuen

gärtnerischen Zuchtprodukten befruchtet. Und aus Italien brachten

die Römer die ihnen zu Hause liebgewordenen Fruchtarten in ihre

nördlichen und westlichen Provinzen, die sie damit beschenkten, indem

sie dieselben dort anpflanzten und heimisch werden ließen. So war es

mit den verschiedenen Äpfel- und Birnensorten, wie noch mit so mancher

anderen Fruchtart, mit der wir uns im folgenden zu beschäftigen haben,

der Fall.

Welchen Fortschritt die Kultur dieser beiden so wichtigen Fruchtbäume

im Altertum gemacht hat, lehrt uns folgende von F. Unger aufgestellte

Zusammenstellung, die wir allerdings nicht belegen. So kannten

Theophrast (um 300 v. Chr.) von Äpfeln 2, Birnen 3 Sorten,

Cato d. ältere (um 160 v. Chr.) „ „ 7, „ 6 „

Plinius d. ältere (um 70 n. Chr.) „ „ 36, „ 41 „

Palladius (um 380 n. Chr.) „ „ 37, „ 56 „

Diese sind dann in der Folge um mehr als das Dreißigfache vermehrt

worden, so daß man gegenwärtig von jeder Art über 1500 Spielarten

zählt, die sich durch Größe, Gestalt, Farbe, Konsistenz, Geschmack und

Zeit der Reife oft außerordentlich voneinander unterscheiden.

Zu den durch die Vermittlung der Römer dem Europa nördlich der Alpen

verschafften Obstbäumen des Orients gehört auch die mit den Äpfeln nahe

verwandte +Quitte+ (~Cydonia vulgaris~), die heute noch in den Wäldern

des nördlichen Persien beim Kaspischen Meer, südlich vom Kaukasus

in Armenien und Kleinasien wildwachsend mit kleinen, unscheinbaren,

gelben Früchten gefunden wird. In ihrer Heimat ist sie schon im

zweiten vorchristlichen Jahrtausend von einem uns unbekannten Volke in

Pflege genommen und zu einer großfrüchtigen Kultursorte umgewandelt

worden. Dem babylonisch-ägyptischen Kulturkreise blieb auch dieser

Obstbaum fremd, schon weil er als die Kühle liebender Gebirgsbaum die

anhaltende Wärme der Niederungen nicht ertrug. Schon zu Beginn des

letzten christlichen Jahrtausends muß er westwärts gewandert und in

Kleinasien gepflanzt worden sein. Seine früheste urkundliche Erwähnung

findet er bei dem aus Lydien gebürtigen griechischen Dichter Alkman ums

Jahr 650 v. Chr. Dann nennt ihn ums Jahr 600 v. Chr. der griechische

Dichter Stesichoros aus Sizilien in seinem Stücke Helena und 50 Jahre

später der durch Schillers Ballade uns allen wohlbekannte Dichter

Ibykos aus Rhegion in Unteritalien. Also war diese Frucht und der

sie hervorbringende Baum schon im 7. vorchristlichen Jahrhundert den

Griechen allgemein bekannt. Sie bezeichneten ihn als ~mḗlon kydṓnion~,

d. h. kydonischen Apfel (woher der noch heute geltende botanische

Gattungsname ~Cydonia~ herrührt), weil sie ihn zunächst aus dem Gebiete

der Kydonen an der Nordwestküste Kretas bezogen. Dahin war er einst von

der karischen Südküste Kleinasiens als ein der Liebesgöttin heiliger

Fruchtbaum gelangt. Als dann die Griechen den Fruchtbaum in Pflege

nahmen, weihten sie seine von ihnen meist nur als „goldene Äpfel“

bezeichneten Früchte gleichfalls ihrer Liebesgöttin Aphrodite und

benutzten sie als Geschenk bei Liebesspielen und als bräutliche Gabe.

Bei der Hochzeit trug die Griechin der alten Zeit die der Liebesgöttin

geweihte Quitte als Unterpfand einer glücklichen Ehe in der Hand und

brachte sie ihrem Gatten als Zeichen dafür, daß sie sich nunmehr dem

Dienste der Aphrodite weihe, ins Haus, eine Sitte, die der berühmte,

zu den sieben Weisen gerechnete Gesetzgeber der Athener, Solon (639

bis 559 v. Chr.), zum offiziellen Hochzeitsritus erhob und die sich in

Attika im Laufe der Jahrhunderte durch allen Wechsel der Zeiten bis auf

den heutigen Tag erhielt.

Die schön gelbe Frucht, die sich wegen ihrer Herbe roh nicht genießen

ließ, die aber mit Honig eingekocht eine von ihnen als Delikatesse

geschätzte, aromatisch duftende, feinschmeckende, ~mēlo~- oder

~kydōnomḗli~ genannte süße Speise lieferte, haben die Griechen schon

im Altertume sehr geschätzt. Die Hippokratiker bedienten sich ihrer

als Arznei gegen Durchfall. Gleichwohl scheint Viktor Hehn im Irrtum

zu sein, wenn er die goldenen Äpfel der griechischen Sage nicht als

idealisierte Äpfel, sondern als Quitten auffaßt, was ihm dann andere

kritiklos nachsprachen. Von den griechischen Kolonien Unteritaliens

gelangte dann die Quitte auch zu den Römern, die aus dem griechischen

~mḗlon kydṓnion~, d. h. kydonischer Apfel, ~malum cotoneum~ machten,

ein Ausdruck, aus welchem dann später das althochdeutsche Kutina

und schließlich das neuhochdeutsche Quitte hervorging, während die

Früchte heute noch im Italienischen ~mela cotogna~ heißen. Der aus

Spanien nach Rom gekommene Ackerbauschriftsteller Columella zählt drei

Sorten Quitten (~cydonium~) auf, nämlich ~struthium~, ~chrysomelinum~

und ~musteum~, letzteres offenbar eine Mostquitte. Nach ihm kennt

Plinius um 75 n. Chr. schon sechs Sorten, die nicht nur als Genuß-,

sondern auch als Heilmittel verwendet wurden, nämlich eine goldgelbe,

gefurchte, ~chrysomelum~ genannte, eine ausgezeichnet riechende

weiße einheimische, eine ebenfalls geschätzte neapolitanische, eine

~strutheum~ genannte kleinere und noch wohlriechendere Spätsorte und

eine ~musteum~ (d. h. Mostquitte) genannte Frühsorte. Unter ihnen

sind sowohl Äpfel- als Birnenquitten zu verstehen, die schon Cato ums

Jahr 150 v. Chr. unterschied. Zur letzten von ihm erwähnten Sorte

bemerkt Plinius: „Die mulvianische Quitte ist dadurch entstanden,

daß die gewöhnliche Quitte (~cotoneum~) auf ~strutheum~ gepfropft

wurde. Sie ist die einzige Sorte, welche roh gegessen werden kann.

Alle Quittensorten sieht man jetzt in den Empfangszimmern der Männer

aufgestellt und vor die Bildsäulen der Nachtgottheiten gelegt. In den

Zäunen wachsen auch kleine, wilde Quitten von vortrefflichem Geruch.“

Sein Zeitgenosse, der aus Kilikien gebürtige, in Rom tätige griechische

Arzt Dioskurides meint: „Die Quitten bekommen dem Magen gut, sind

gekocht milder als roh. Um Quittenwein zu machen, welcher ~kydonítēs~

und ~mēlítēs~ heißt, läßt man zerstoßene Quitten 30 Tage lang in Most

und seiht diesen dann durch. Um ~mēlomḗli~, auch ~kydōnomḗli~ genannt,

zu bekommen, legt man Quitten, denen die Kerne genommen sind, in Honig.

Um dem Olivenöl den angenehmen Geruch der Quitten zu geben, legt man

Quitten so lange hinein, bis der Zweck erreicht ist.“

Schon der Grieche Theophrast im 4. vorchristlichen Jahrhundert

wußte, daß „wie aus den Samen der Kulturbirne (~ápios~) die elende

wilde Birne (~áchras~) und aus dem Samen des edlen Apfels eine

schlechte, saure Sorte gezogen werde, so zieht man aus der edlen

Quitte (~strúthion~) die wilde Quitte (~kydṓnion~).“ Und Palladius

im 4. Jahrhundert n. Chr. sagt, daß man die Quitten durch Pfropfen

vermehre: „Die Quittenbäume (~cydonius~) lieben einen kühlen, feuchten

Standort. Man pfropft am besten Quitten auf Quitten. Aber auf diesem

Baume gedeihen auch Pfropfreiser von Granaten, Spierlingen und allen

apfelähnlichen Früchten, welche sogar dadurch verbessert werden. Man

hebt die geernteten reifen Quitten auf verschiedene Art auf, und will

man sie in Honig legen, so zerschneidet man sie vorher mit einem Messer

aus Rohr oder Elfenbein in vier Stücke.“

Mit den übrigen Obstarten brachten die Römer auch den Quittenbaum

in die nördlichen Provinzen des Reichs, wo er sich auch nach dem

Untergange der Römerherrschaft erhielt, so daß er im Inventare der

Gärten Karls des Großen aus dem Jahre 812 als ~cotoniarius~ figuriert.

Bei der heiligen Hildegard, Äbtissin von Rupertsberg bei Bingen

(1098-1197), wird er als ~quotanus~, beim Dominikaner Albertus Magnus,

Graf von Bollstädt, einem der größten Gelehrten des Mittelalters

(1193-1280), als ~coctanus~ oder ~citonius~ erwähnt. Da aber seine

Früchte nur mit Honig oder später Zucker eingemacht genießbar sind,

hat er beim Volke keine besonders große Bedeutung erlangt. In Italien

werden übrigens noch jetzt wie zur Zeit des Plinius reife Quitten in

den Zimmern aufgestellt, um diese mit deren angenehmem Duft zu erfüllen.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 9 / 77 段