Jahrhunderts gesät und kam dann bald auch als Rarität in manche Gärten
Mitteleuropas, ohne daß man wußte, daß die Pflanze aus der Neuen Welt
stamme. Zuerst wird die Pflanze in dem 1537 in Basel erschienenen
lateinischen Pflanzenwerke des Ruellius: ~De natura stirpium~ als aus
Griechenland oder Asien gekommenes „türkisches Getreide“ genannt; aber
die erste genauere Beschreibung derselben findet sich in dem 1543
in Basel gedruckten deutschen Kräuterbuche des Tübinger Botanikers
Leonhard Fuchs. Auch nach ihm ist der Mais aus der Türkei gekommen,
wächst gerne und war damals schon in Deutschland ganz gemein. Erst
spätere Autoren, wie der Nürnberger Joh. Joachim Camerarius in seinem
1590 in Frankfurt a. M. erschienenen Kräuterbuch und der Regensburger
Apotheker J. Wilhelm Weinmann in seinem vierbändigen, von 1737-1745
herausgegebenen Pflanzenatlas sprechen mit Text die Ansicht aus, der
Mais stamme aus Amerika. „Dieses Korn“, so schreibt der Erstgenannte,
„wird unbillich Türkisch genannt; denn es wächst nicht in Asia in
der Türkei, sondern in India, so gegen Mitternacht liegt, von
dannen man es zu uns gebracht und gewehnet. Die Indianer nennen dies
Korn in ihrer Sprache Maiz. Sie machen Gruben mit dem Pfahl und werfen
4-5 Körner hinein und machen es wieder zu, um es vor den Papageien
zu schützen. Die Samen werden vorher in Wasser gequellt. In wenigen
Tagen schießt es auf und ist in vier Monaten zeitig.“ Camerarius kennt
bereits vier Sorten desselben, darunter die buntscheckige.
[Illustration:
Tafel 13.
(~Copyright by F. O. Koch.~)
Maisscheune der Zulukaffern.]
[Illustration:
Tafel 14.
Zulufrauen Mais mahlend.
(~Copyright by F. O. Koch.~)]
Erst im 17. Jahrhundert gelangte der Mais aus den Gärten, wo er
mehr als Zier-, denn als Nutzpflanze gehalten wurde, auf die Felder
und wurde hier auch in Europa als Getreidefrucht gezogen. Besonders
waren es die Venezianer, die ihn überall auf ihren Handelsreisen im
Orient verbreiteten. Der jetzt noch gebräuchliche Name „türkischer
Weizen“ soll wohl nur andeuten, daß der Mais aus weiter Ferne zu uns
gekommen sei, wie die englische Bezeichnung ~turkey~ für den ebenfalls
aus Mexiko zuerst nach Europa gelangten Truthahn. In den Pyrenäen
heißt er spanisches Korn und die Türken nennen ihn ägyptisches Korn,
die Deutschen aber Welschkorn. Durch die regen Handelsbeziehungen
der Europäer mit Asien gelangte dann der Mais schon während der
im Jahre 1644 zu Ende gegangenen Mingdynastie zu Anfang des 17.
Jahrhunderts nach China und bald darauf auch nach Japan. Heute wird er
in ausgedehntem Maße in Afrika bei den verschiedensten Negerstämmen
angebaut und ist wie in den Tropen und Subtropen, so auch in alle
Länder mit gemäßigtem Klima vorgedrungen, so daß man sagen kann, daß er
nächst dem Reis die größte Anzahl Menschen ernährt und als Riesenmais
und Bandmais, d. h. einer Abart mit weißgestreiften Blättern, auch als
Zierpflanze bei den Kulturvölkern der Erde Eingang gefunden hat.
Der Mais, wie er uns heute in gegen 60 Varietäten entgegentritt, ist
ohne Zweifel eine schon erheblich veränderte Kulturform, von der
sich die Urform vermutlich durch verzweigte weibliche Blütenstände
unterschied. Als solche Rückschläge in die alte Form kommen auch
heute noch gelegentlich fingerartig geteilte Kolben vor. Er ist eine
Riesenform unter den Gräsern, die eine Höhe von 5-6 m erreichen kann
und mit großen, bis fast 2 m langen und 10 cm breiten Blättern versehen
ist. Je nördlicher er angebaut werden soll, um so niedriger zur Reife
gelangende Sorten muß man wählen, wenn man Korn von ihm zu ernten
beabsichtigt. Bei uns reift er meist nur in den wärmeren Jahren seine
Früchte; doch lohnt sein Anbau gleichwohl als nahrhaftes Grünfutter.
Dafür eignet sich auch noch für Mittel- und Norddeutschland der große
badische Mais von 2-2,5 m Höhe. In Oberitalien, Ungarn, Südfrankreich
und Spanien ist er wie im wärmeren Amerika fast das wichtigste
Volksnahrungsmittel geworden, indem aus seinem Mehle durch Kochen
mit Wasser eine in Italien als Polenta, an der unteren Donau jedoch
als Mamaliga bezeichnete Art Pudding hergestellt wird, von dem sich
Hunderttausende von Bauern und Arbeitern Tag für Tag ernähren. Ist aber
das Maismehl durch Feuchtwerden verdorben, indem sich ein bestimmter
Pilz darin angesiedelt hat, so wirkt die aus solchem hergestellte
Polenta giftig, so daß dann häufig Massenerkrankungen entstehen. Diese
in Italien als +Pellagra+ bezeichnete Vergiftung, deren Symptome
übrigens der durch den Genuß verdorbener Kicher- und Platterbsen
erzeugten, in Südeuropa und Nordafrika heimischen Erkrankung ähneln,
nimmt einen chronischen Verlauf mit alljährlichen, meist im Frühjahr
erfolgenden Nachschüben. Sie beginnt mit heftigen Magen- und
Darmstörungen und einem eigentümlichen Ausschlag, bei welchem die Haut
sich rötet, anschwillt und schließlich in Fetzen abgeht. Später treten
dann Nervenlähmungen und Verbiegungen der Gelenke als Folge einer
Rückenmarkserkrankung auf, desgleichen allgemeine Ernährungsstörungen,
geistige Verwirrung und schließlich geht der davon Betroffene an
Entkräftung zugrunde. Wegen dieses tückischen „Maidismus“, der
gelegentlich auch an Tieren, besonders an Pferden, beobachtet wird, ist
die Aufbewahrung der Maiskörner an einem trockenen, gut gelüfteten Orte
und die Verwendung unverdorbenen Mehles für die Ernährung des Volkes
von größter Bedeutung.
[Illustration: Bild 11. Der Mais (~Zea mais~), bei ~a~ eine der
männlichen, am Scheitel der Pflanze befindlichen Blütenähren
vergrößert. (Nach Hegi.)]
Für Tiere, namentlich das Federvieh, aber auch für Rinder und Schweine,
die gemästet werden sollen, gibt es kein besseres Nahrungsmittel als
den Mais, der noch mehr nährende Bestandteile als andere Getreidearten,
Weizen eingeschlossen, enthält. Es ist nur schade, daß die Keime ein Öl
enthalten, das dem Maismehl einen wenig angenehmen Geschmack verleiht.
Es kommt vor, daß selbst Pferde nach einiger Zeit einen Widerwillen
gegen Mais zeigen, namentlich wenn er ihnen als Mehl vorgesetzt wird.
Die aufgeweichten und geschroteten Körner scheinen aber den Tieren
weniger schnell zu widerstreben.
Aber auch für den Menschen ist der Mais wegen seiner
Leichtverdaulichkeit besonders in Form des +Maizena+, eines fein
gemahlenen und entfetteten Maismehles, von größter Bedeutung und
eignet sich besonders für die Ernährung von Kindern, Schwachen und
Rekonvaleszenten. Nur für das Brotbacken ist er ungeeignet, da er
nicht aufgeht, sondern eine kompakte Masse bleibt. Wird ihm jedoch 25
Prozent Weizenmehl hinzugesetzt, so verliert er diesen Fehler. Aus
einer solchen Mischung gebackenes Brot ist besonders in der Türkei sehr
beliebt.
In den Vereinigten Staaten ißt man die jungen, unreifen Fruchtkolben,
geröstet oder in Salzwasser abgekocht, als schmackhaftes Gemüse, oder
die noch weichen Maiskörner werden, mit Streuzucker und Zimt oder
einem anderen Gewürz versetzt und zu Törtchen oder Kuchen verbacken,
verzehrt. Auch anderwärts werden die unreifen Früchte auf verschiedene
Weise zubereitet, auch eingemacht. Die Eingeborenen Südamerikas stellen
dagegen auf äußerst primitive Weise aus reifen Maiskörnern ein als
~chicha~ (sprich ~tschitscha~) bezeichnetes gegorenes Getränk dar,
das einst überall beliebt war, heute sich aber nur noch in Bolivien
besonderer Wertschätzung erfreut. Allerdings ist seine Bereitung wie
diejenige der Kawa der Südseeinsulaner keine für uns Europäer sehr
appetitliche, so daß man es begreift, daß mit dem Kulturfortschritt,
der auch in Südamerika seinen Einzug hält, dieses altväterliche
Getränk an Beliebtheit zusehends einbüßt. Es wird nämlich in der
Weise hergestellt, daß Frauen -- selten Männer -- die weichgekochten
Maiskörner kauen und dann in einen Behälter speien, worin der Speichel,
mit warmem Wasser verdünnt, das Stärkemehl des Mais in Dextrin und
Zucker verwandelt, deren Lösung durch die allgegenwärtigen Hefepilze
schließlich in alkoholische Gärung übergeführt wird. So war es noch
bis vor kurzem üblich, daß, wie man bei uns einem Gaste ein Glas
Limonade oder Wein vorsetzt, der Indianer dem bei ihm Einkehr
haltenden Fremdling einen Krug ~chicha mascada~, d. h. selbstgekaute
~chicha~ anbot, um ihm seine Freundschaft zu beweisen. In Mexiko wird
die ~chicha~ etwas appetitlicher aus Gerstenwasser und Maismehl unter
Zusatz von Ananasscheiben, welches man zusammen gären läßt, Zucker,
Nelken und Zimt bereitet.
Die unreifen Maisstengel sind so reich an Zucker, daß man diesen daraus
fabrikmäßig zu gewinnen versucht hat. In Mexiko bereitet man durch
Gärung des zuckerreichen Saftes ein als ~pulque de mahiz~ bezeichnetes
berauschendes Getränk. Man entkörnt die Maiskolben von Hand, im großen
aber durch besondere Maschinen und benutzt die Spindeln als Brennstoff.
In Afrika dienen letztere wie bei uns das Klosetpapier und aus den
Körnern wird mit Vorliebe ein süßes, schwach alkoholhaltiges Bier
bereitet. Bei uns wird der Mais vielfach zu Stärkemehl und Spiritus
verarbeitet. Wenn die Körner nicht zu Mehl vermahlen und in Brei-
oder Kuchenform gegessen werden, so läßt man sie im Wasser aufquellen
und ißt sie geröstet, wobei sie aufspringen. Dermaßen behandelt und
mit Zucker bestreut, genießt man sie in Menge besonders auch in
den muhammedanischen Ländern. Die Hüllen der Fruchtkolben dienen
zum Polstern und Flechten und liefern ein wertvolles Material zur
Papierbereitung. In vielen Gegenden Amerikas dient auch ein daraus
herausgeschnittenes zartes Stück unmittelbar als Zigarettenumhüllung.
Die Malaien kochen diese Häutchen in einer Zuckerlösung und bringen sie
getrocknet als Zigarettenpapier in den Handel.
Die Maiskultur bleibt sich überall ziemlich gleich und ist sehr
einfach, da man nach der Aussaat im wesentlichen nur dafür Sorge zu
tragen hat, daß das Unkraut nicht zu sehr überhand nimmt. Nachdem der
Boden gedüngt und tüchtig umgepflügt ist, werden in einem Abstande
von 25-40 cm Löcher in den Boden gemacht, mit je 3 bis 5 Samenkörnern
belegt und wiederum geschlossen. Der Mais wächst dann heran und bedarf
bis zur Reife 3½-4 Monate. Gegen das Ende der Vegetationsperiode bildet
sich dann oben an dem mit Zuckersaft gefüllten, nicht hohlen Stengel
ein Büschel männlicher Blüten, deren in großer Menge gebildete leichte
Pollen ausstäuben und durch den Wind auf die in den Achseln der Blätter
verborgenen, einzig ihre klebrigen Narben herausstreckenden weiblichen
Blüten übertragen werden. Nach der Befruchtung verwendet die Pflanze
allen in ihr angesammelten Zuckersaft, um die Samen mit Nährstoffen für
den Keimling zu füllen, und schließlich stirbt sie völlig ausgesogen
ab. Sie wird dann meist als Brennmaterial verwendet, wobei die so
erlangte Asche zur Düngung des Bodens dient. In den nichttropischen
Ländern, wo das Vieh nachts in die Ställe getrieben wird, benutzt
der Landmann den vertrockneten Mais auch als Streu für das Vieh.
Sonst bilden die Blätter und Halme (auch getrocknet) ein geschätztes
Viehfutter und die Scheiden der Kolben finden nach der Ernte für die
Papierfabrikation und als Zigarettenhüllen usw. vielfache Verwendung.
Man unterwirft sie auch einem einfachen Hechelprozesse und benutzt die
isolierten Fasern als Polstermaterial u. dgl.
Infolge seines überaus kräftigen und ausgiebigen Wachstums, welches
ihn gegen äußere Einflüsse widerstandsfähig macht, wird der Mais
von relativ wenigen Schädlingen angegriffen. Am bekanntesten unter
denselben ist der Maisbrand, der aber selten eine wirklich bedrohliche
Form annimmt. Junge Maispflanzen tötet er, ältere schwächt er und regt
die von ihm befallenen Stellen des Stengels zu kropfigen Anschwellungen
an. Weniger bekannt ist die bisher nur auf Java beobachtete
Lijer-Krankheit, welche die jungen Pflanzen befällt und tötet und
wegen ihres epidemischen Charakters gefährlicher ist als die anderen
Krankheitsformen des Maises. Der Erreger dieser Krankheit ist ein
Peronospora-Pilz, dessen Sporen durch den Wind von Maisfeld zu Maisfeld
getragen werden und so rasch ausgedehnte Maiskulturen zum Absterben
bringen. Bekanntlich sind es auch Peronospora-Arten, die den von den
Landwirten so gefürchteten „falschen Mehltau“ der Reben und eine der
schlimmsten Kartoffelkrankheiten hervorrufen, wobei die von ihnen
befallenen Blätter zuerst wie Schimmel aussehende Flecken bekommen, die
sich rasch ausdehnen und das Blattgewebe zerstören, so daß die Blätter
sich bräunen.
Auch wenn der Mais geerntet ist, sind seine Samenkörner allerlei
Schädlingen ausgesetzt. Besonders suchen sie kleine Kornwürmer
heim, die in vier Arten vorkommen und durch ihre riesige Vermehrung
ungeheuren Schaden anrichten können. Die Weibchen legen bis 6000 Eier,
von denen jedes auf ein Maiskorn geklebt wird. Nach 4-5 Tagen kriecht
daraus eine winzige Larve hervor, die sich in das Innere hineinbohrt,
um den Inhalt in etwa 14 Tagen zu verzehren. Dann puppt sie sich ein
und wird zum geflügelten Insekt, um nach der Paarung ihren Kreislauf
in derselben Weise zu vollenden. Am besten werden diese schädlichen
Insekten durch fortwährendes Umschaufeln des Maises verscheucht. In den
Schiffsräumen wird der Mais mit dem giftigen Claytongas desinfiziert,
mit welchem auch die Ratten und das andere Ungeziefer getötet werden.
Der größte Teil des geernteten Maises wird in den Produktionsländern
selbst verbraucht. Erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
begannen die Vereinigten Staaten von Nordamerika und die Republiken
Südamerikas, besonders Argentinien, ihn in zunehmendem Maße nach
Europa zu exportieren, wo er heute, obschon nahrhafter, um ein Drittel
billiger als Weizen zu haben ist. Deshalb wird vielfach das Weizenmehl
mit dem billigeren Maismehl „verfälscht“. Obschon das Maismehl zur
Hälfte aus reinem Stärkemehl besteht, eignet es sich wegen seiner
graugelben Farbe doch nicht zur Stärkefabrikation. Doch gewinnt man
aus den zum Keimen gebrachten Samen das zu etwa 20 Prozent in ihnen
enthaltene hellgelbe, nicht leicht ranzig werdende Maisöl, das nur
teilweise zur Vermengung mit den teueren Sorten von Tafelöl, der
Hauptsache nach jedoch in den Seifen- und Farbenfabriken verwendet
wird. Im vergangenen Jahr wurden nicht weniger als 160000 Hektoliter
desselben produziert. Die bei der Auspressung des Öls zurückbleibenden
Kuchen finden großen Absatz als Viehfutter. Daneben wird das
verzuckerte Stärkemehl des Maises, wenn auch bisher nur in beschränktem
Maße, zur Spiritusfabrikation verwendet, wobei als Nebenprodukt
ebenfalls etwas Maisöl gewonnen wird.
In Argentinien nahm im vorletzten Jahre die Maiskultur gegen drei
Millionen Hektare in Anspruch und die Ernte wurde auf 3500 Millionen
kg geschätzt, während die Weizenernte 4500 Millionen kg betrug. In
Nordamerika macht die Maisernte nicht weniger als 75000 Millionen kg
aus. Die mit Mais bebaute Fläche beträgt in den Vereinigten Staaten
nicht weniger als 40 Millionen Hektar gegen 18 Millionen Hektar Weizen
und 74 Millionen Hektar gesamtes Getreideland. Der Hauptsitz der
Maiskultur, die natürlich im großen mit Maschinen der verschiedensten
Art betrieben wird, liegt in dem flachen, fruchtbaren Staate Kansas,
das von zahlreichen, in den Mississippi mündenden Flüssen und von
verschiedenen miteinander konkurrierenden Eisenbahnen durchzogen
wird. Dadurch besitzt jener Staat billige Transportwege nach der als
Hauptstapelplatz dafür dienenden Hafenstadt New Orleans.
Wie in Spanien, Italien, Griechenland und den Balkanstaaten bildet auch
in zahlreichen Gegenden Afrikas der Mais eines der Hauptnahrungsmittel
der Eingeborenen. In den deutschen Kolonien wird er nur in Togo
und Ostafrika seit längerem angebaut. Togo führte im Jahre 1907 20
Millionen kg im Werte von 1199000 Mark aus, während Ostafrika nur
für 21000 Mark exportierte. In der Regel wird er hier überall zweimal
geerntet. Nach Kamerun, Südwestafrika und den Südseeinseln ist er erst
in neuerer Zeit gelangt, doch bürgert er sich auch hier schon ein. Die
Regierung sucht möglichst solche Spielarten einzuführen, die sich dem
Klima und Boden anpassen und sichere Ernten liefern.
Seinen Hauptbedarf an Mais bezieht Deutschland heute aus Nordamerika,
nämlich für 50397000 Mark, sodann aus Argentinien für 22951000 Mark.
Die gesamte Maiseinfuhr Deutschlands im Jahre 1906 hatte einen Wert von
112,7 Millionen Mark.
IV.
Die Fruchtbäume.
Erster Teil.
Noch viel mehr als die Getreidearten, die verhältnismäßig rasch ihre
Vegetationsperiode vollenden und nach der Ernte den Menschen wieder
frei geben, binden ihn die Obstbäume an die Scholle. Diese wachsen
langsam und müssen lange gezogen, getränkt und vor Beschädigungen
durch den Sturm und Angriffe wilder Tiere beschützt werden, bis sie --
dann aber auch jährlich ganze Menschenalter hindurch -- eßbare Früchte
liefern. Deshalb vermochte der vorgeschichtliche Mensch erst nachdem er
sein unstetes Leben ganz aufgegeben und für mehr oder weniger dauernd
festen Wohnsitz bezogen hatte, auch die für ihn wahrscheinlich die
älteste Nahrung spendenden Fruchtbäume in Kulturpflege zu nehmen und
ihre Früchte nach und nach durch zielbewußte Auslese der besten Sorten
zur Nachzucht zu vervollkommnen.
Schon die Mitteleuropäer der jüngeren Steinzeit hatten außer
verschiedenen Getreidearten wenigstens eine Art von Obstbäumen in
Kulturpflege. Es waren dies +Apfel+bäume (~Pirus malus~), deren kleine,
fast nur aus Kerngehäuse mit wenig, wohl noch recht säuerlichem
Fruchtfleisch bestehenden Früchte sich verkohlt in den Überresten der
meist durch Brand untergegangenen Pfahldörfer am Rand der Schweizer
Seen vorfanden. Dank der konservierenden Moorerde, in der sie 5000
Jahre und mehr lagen, sind sie noch so vorzüglich erhalten, daß wir
über diese älteste bei uns kultivierte Obstsorte recht gut unterrichtet
sind. Es war ein überaus kleinfrüchtiger, noch sehr wenig durch
Domestikation verbesserter Apfel, der neben dem Holzapfel des Waldes
in ziemlichen Mengen geerntet wurde und mit den Haselnüssen und den
Getreidearten als Vorrat für den Winter diente. Seltener ganz, meist
halbiert müssen die Früchte an der Sonne gedörrt worden sein, um sie
als willkommene Zukost zum Brot zu genießen.
Dieser noch kaum durch Kultur veredelte kleine Apfel der neolithischen
Pfahlbauten war aber nicht etwa ein Abkömmling unseres wilden,
sogenannten Holzapfels, der sich durch völlige Kahlheit der Blätter
von allen Kulturformen unterscheidet, sondern gleichfalls wie die
übrigen Kulturgüter jener Menschen ein Import aus Westasien. Und zwar
scheinen vorzugsweise zwei Arten von Wildlingen durch Zuchtwahl und
Kreuzung zur Bildung der ältest nachweisbaren Äpfelsorten beigetragen
zu haben, nämlich einerseits der Strauchapfel (~Pirus pumila~) dem
man noch häufig im Kaukasus und den südlichen Altaigebirgen wild
wachsend begegnet, und andererseits eine Form aus Vorderasien, die
auch noch in Kleinasien vorkommt, der filzigblätterige Apfel (~Pirus
dasyphylla~). Dieser letztere gilt speziell als die Stammpflanze
unserer Reinetten. Als weitere wichtige Stammeltern unserer heute zu so
ansehnlicher Größe gediehenen und mit vorzüglichem, süßem bis saurem
Fruchtfleisch versehen, auch wegen ihrer Haltbarkeit sehr geschätzten
Speiseäpfel kommen noch der glattblätterige Apfel (~Pirus silvestris~)
aus Westasien und der pflaumenblätterige Apfel (~Pirus prunifolia~)
aus Mittelasien in Betracht. Letzterer, der in Nordchina, Südsibirien
und der Tatarei seine Heimat hat und durch seine gelben bis blutroten
Früchte ausgezeichnet ist, gilt als Stammform des Astrachaner Apfels
und des russischen Eisapfels.
Der Kulturapfel, von dem heute über 600 verschiedene Arten bekannt
sind, bildet in seiner ältesten Heimat Westasien gelegentlich kleine
Wälder. Diese erstrecken sich nördlich von Kleinasien bis nach
Zentralasien hinein. Er gedeiht nur in einem mäßig warmen Klima und
konnte deshalb nicht allzuweit südlich vordringen. In kühleren Lagen
Syriens gedeiht er noch, aber kaum mehr in Ägypten. So hat er im Lande
der Pharaonen keinerlei Rolle gespielt und findet sich nirgends unter
den Obstarten abgebildet, auch haben sich keinerlei Überreste von
ihm in Gräbern gefunden. In den Hieroglyphentexten kommt nun einige
Male das Wort ~dappich~ für eine Frucht vor, die man nur als Apfel
deuten kann, um so mehr als der Apfel im Hebräischen ~tappuch~ und im
Arabischen ~taffach~ heißt. Nun muß der Apfelbaum zur Zeit der 19.
Dynastie (1350-1205 v. Chr.), also im neuen Reiche von Syrien her nach
Ägypten eingeführt worden sein; denn Tempelinschriften in Theben tun
uns kund, daß König Ramses II. (1292-1225), dessen wohlerhaltene
Mumie sich im Museum von Bulak bei Kairo befindet, Apfelbäume in
seinen Gärten im Delta pflanzen ließ. Und noch von Ramses III. der
20. Dynastie (1198-1167 v. Chr.) erfahren wir, daß er den Priestern
des großen Ammontempels in Theben nicht weniger als 848 Körbe voll
Äpfel als Opfergabe überreichen ließ. Aber was die königlichen Gärtner
zustande brachten, das konnte nicht dem gemeinen Volke gelingen. Und so
blieb der Apfelbaum dem ägyptischen Volke bis auf den heutigen Tag ein
Fremdling, da er dort infolge der andauernden übergroßen Wärme keine
Früchte mehr zeitigt.
Aus denselben Gründen ist der Apfelbaum auch den Bewohnern Palästinas
mehr oder weniger fremd geblieben. Auch dort scheint er früher, so
lange das Klima infolge der reicheren Bewaldung kühler war, in den
höheren Lagen gut gediehen und auch Frucht getragen zu haben, wie wir
verschiedenen Stellen des Alten Testaments entnehmen können. Aber mit
dem Wärmer- und Trockenerwerden des Klimas war sein Schicksal in diesem
Lande besiegelt. Dagegen sagten ihm die klimatischen Verhältnisse
des gebirgigen Armenien und Kleinasien gut zu und so gedieh er hier
vortrefflich und verbreitete sich über das ganze Land. Von Kleinasien
her gelangte er schon gegen das Ende des vorletzten Jahrtausends
v. Chr. nach Griechenland, wo er ziemlich viel kultiviert wurde. Nicht
bloß in den homerischen Epen wird er erwähnt, sondern seine als
~mḗlon~ bezeichnete Frucht spielt auch im Mythos eine gewisse Rolle.
So galt der aus dem Orient -- angeblich Indien -- über Kleinasien
nach Griechenland gekommene Gott des Natursegens, Dionysos, wie als
Schöpfer des Weinstocks, so auch als derjenige des Apfelbaums, den
er der Liebesgöttin Aphrodite schenkte. Dadurch wurde der Apfel zum
Sinnbilde der Liebe. Aphrodite ihrerseits schenkte drei goldene Äpfel
dem Hippomenes, mit denen dieser die schnellfüßige Atalante zum
Weibe gewann. Eris aber erregte durch den goldenen Apfel, den sie
an der Hochzeit des Peleus und der Thetis unter die Gäste warf, die
Eifersucht der drei ersten Göttinnen, woher der Ausdruck Erisapfel im
Sinne von Zankapfel stammt. Eine ähnliche Rolle spielte der Apfel in
der bekannten Geschichte, in welcher Paris, der Sohn des trojanischen
Königs Priamos, unter denselben drei Göttinnen die Wahl zu treffen
hatte und ihn als Siegespreis der Schönsten derselben, Aphrodite,
darbot. Die goldenen Äpfel der Hesperiden aber hatte Gäa, die Mutter
Erde, der Hera bei der Vermählung derselben mit Zeus als Symbol der
Fruchtbarkeit geschenkt. Herakles holte sie im Lande der Hyperboräer,
wo sie von drei der Hesperiden und vom hundertköpfigen Drachen Ladon
bewacht wurden.
Eine noch weitere Verbreitung als bei den Griechen fand die Kultur
des Apfelbaums bei den Römern, die die Frucht in Anlehnung an das
griechische ~mḗlon malum~ nannten. Schon der ältere Cato (234-149
v. Chr.) meldet uns in seiner Schrift über den Landbau, daß die
Apfelbäume in Pflanzschulen gesät und später gepfropft würden. Um die
Mitte des ersten christlichen Jahrhunderts sagt der ältere Plinius
in seiner Naturgeschichte: „Es gibt sehr viele Sorten Äpfel, die man
alle mit verschiedenen Namen bezeichnet, und manche haben den Mann,
der sie erzeugte, andere ihre Heimat berühmt gemacht. Die sogenannten
appianischen Äpfel hat ein Mann namens Appius, aus der Familie des
Appius Claudius (der 312 v. Chr. Zensor war und die berühmte, von Rom
nach Capua führende, später bis Brundisium, dem heutigen Brindisi,
verlängerte, nach ihm benannte Straße anlegte) dadurch erzeugt, daß er
Äpfel auf Quittenstämme pfropfte. Sie haben den Geruch der Quitten.
Es gibt auch Äpfel, die blutrot sind, was davon herrührt, daß sie auf
einen Maulbeerstamm gepfropft wurden. (Natürlich sind diese Erklärungen
falsch.) Im allgemeinen röten sich die Äpfel auf der Sonnenseite. Aus
allen Apfelsorten bereitet man Wein. Die wilden Äpfel haben einen
sauern Geschmack und jeder saure Apfel ist imstande, durch seine Säure
die Schärfe eines Schwertes stumpf zu machen.“