Sehr merkwürdig ist, daß, nachdem die Griechen eine solche richtige

Vorstellung der Reispflanze gehabt hatten, der gelehrte Römer Plinius

der Ältere (23-79 n. Chr.) eine solch falsche Beschreibung derselben,

die nach ihm fleischige Blätter haben soll, in seiner Naturgeschichte

liefern konnte. Bei den Griechen und Römern war der Reis eine für

die bürgerliche Küche durchaus ungebräuchliche Speise, obschon er in

späterer Zeit, um die Wende der christlichen Zeitrechnung, infolge der

regen Handelsverbindungen mit dem Osten zu recht billigem Preise zu

haben war. Rät doch der Dichter Horaz (65-8 v. Chr.) in einer seiner

Satiren einem Geizigen: „Ist dein Magen leer, so fülle ihn noch mit

einem Reisbrei (~ptisanarium oryzae~, d. h. Abkochung von Reis), der

nicht teuer ist; für acht As (etwa 32 Pfennig) bekommst du eine

Portion, mit der du den Bauch gehörig füllen kannst.“ Selbst bei den

nach fremdländischen Erzeugnissen begierigen Reichen fand er keinen

rechten Beifall. Er wurde vielmehr von den griechischen Ärzten, die

zwar selbst keine sehr hohe Meinung von seiner Verdaulichkeit und

seinem Nährwerte hatten, hauptsächlich als Krankenspeise verordnet. So

nennt ihn Dioskurides im 1. Jahrhundert n. Chr. mäßig nahrhaft, und

Galenos im 2. Jahrhundert n. Chr. als schwerer verdaulich als Graupen

(~chóndros~), dabei weniger nahrhaft und nicht so wohlschmeckend wie

diese.

Wie im Altertum blieb der Reis das ganze Mittelalter hindurch erst

recht eine Luxusnahrung der südeuropäischen Bevölkerung, die auch nur

spärlich als Leckerei in die Länder nördlich der Alpen gelangte, wo

diese Kornfrucht bis in unsere Zeit bei der großen Menge, namentlich

bei der ländlichen Bevölkerung, einen nur bei Krankheit oder als

Festspeise mit Milch, Mandeln und Zucker verspeisten Luxusartikel

bildete. Auch haben weder die Römer, noch die Byzantiner je den

Versuch gemacht, die Reispflanze im Abendlande selbst zu kultivieren.

Dies taten erst die Araber, die ihn zu Ende des 7. Jahrhunderts, als

sie erobernd nach Westen bis an die Gestade des Atlantischen Ozeans

vordrangen und den unterjochten Ländern ihre Kultur aufzwangen, aus

Syrien nach Ägypten und ganz Nordafrika, und im 8. Jahrhundert auch

nach Spanien und Sizilien brachten. Bei ihrem Bestreben, die von

ihnen gewonnenen Länder nach dem Abbilde derer, aus denen sie kamen,

einzurichten, führten sie überall, wohin sie erobernd gelangten, die

Reiskultur als diejenige ihres Lieblingskornes ein. Überall legten sie

Kanäle und Rieselfelder zur Anpflanzung dieser Sumpfpflanze an und

verhandelten den Überschuß ihrer Ernten an die umwohnenden christlichen

Völker.

[Illustration:

Tafel 9.

Singhalesen auf Ceylon beim Pflügen eines unter Wasser gesetzten

Reisfeldes mit Hilfe von Büffeln.]

[Illustration:

Tafel 10.

Unter Wasser gesetzte Felder mit angepflanztem Reis auf Sumatra.

Links auf einer Erhöhung die aus Palmblättern erbaute Hütte des die

Reispflanzungen bei der Fruchtreife hütenden Malaien.

Das Pflanzen der Reissetzlinge in Japan.]

Nach der Eroberung der maurischen Königreiche, deren letzten Rest,

Granada, Ferdinand V., der Katholische, von Aragon im Jahre

der Entdeckung Amerikas, 1492, gewann, gingen die ausgedehnten

arabischen Reisfelder in den Besitz des letzteren über. Und da

glücklicherweise keine religiösen Bedenken die Fortsetzung der Werke

der Ungläubigen verboten, wurde von der christlichen Bevölkerung

Spaniens auch der muhammedanische Reisbau übernommen. Und als zu

Anfang des 16. Jahrhunderts sich die spanische Macht in Neapel und

bald auch in Oberitalien festsetzte, wurde der Anbau des Reises auch

dahin verbracht und bald ebenfalls nach Südfrankreich ausgedehnt;

um so mehr, als er einträglicher war als die bisher hier gebaute

gewöhnliche Körnerfrucht. Bloß das dadurch bedingte Überhandnehmen

des Sumpffiebers, der Malaria, ließ in der Folge mehr und mehr eine

Einschränkung seines Anbaus durch die Obrigkeit aufkommen. So durften

die Reisfelder nicht zu nahe bei den menschlichen Wohnungen sein.

[Illustration:

Tafel 11.

Das Entkernen des Reises in Japan.

Das Dreschen zur Enthülsung des Reises in Japan.]

[Illustration:

Tafel 12.

Singhalesinnen auf Ceylon mit einem zum Enthülsen des Reises dienenden

Holzstampfer, mit einer Worfel zum Säubern und einem Tonkrug zum Kochen

des enthülsten Reises.]

Ziemlich spät erst gelangte die Reiskultur nach Nordamerika. Als

erster erhielt im Jahre 1647 der englische Gouverneur des Staates

Virginia, Sir William Berkeley, aus seiner Heimat einen halben Bushel,

d. h. 18 Liter Reissaat, die 16 Bushel, d. h. 576 Liter guten Reis

lieferten; jedoch währte es bis zum Jahre 1694, bis die Reiskultur in

Nordamerika als wirklich eingeführt gelten konnte. In diesem Jahre

lief ein holländisches Schiff, von Madagaskar kommend, den Hafen von

Charleston in Südkarolina an. Bei dieser Gelegenheit machte der Kapitän

dem Gouverneur Thomas Smith einen Besuch und schenkte ihm auf dessen

Bitte einen kleinen Sack Reissaat, den er zufällig an Bord hatte. Smith

wollte versuchen, auf einem sumpfigen Stück Land, das ihm gehörte, den

Reis anzupflanzen; und dieser Versuch fiel glänzend aus. Er war der

erste Anfang der blühenden Reiskultur in Südkarolina, das heute noch

das Renommee besitzt, den besten Reis zu pflanzen. Allerdings stammt

heute ein großer Teil dessen, was als Karolinareis im Handel verkauft

wird, aus Java. Schon im Jahre 1724 wurden etwa 18000 Faß Reis aus dem

Staate Karolina ausgeführt, doch blieben hier auch später Mais und

Weizen das wichtigste Nahrungskorn der Bevölkerung, während er in Asien

fast das ausschließliche Nahrungsmittel der Reis bauenden Bevölkerung

bildet. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kam die Reiskultur auch nach

Brasilien, wo die Pflanze in der Folge teilweise verwilderte.

Heute wird der Reis in allen Weltteilen gebaut, soweit die sommerliche

Hitze wenigstens vier Monate andauert und 29° C. erreicht, wenn auch

immer noch Südasien den Löwenanteil an seinem Anbau aufweist und drei

Viertel allen im Welthandel vorkommenden Reises von Bengalen und

Burma geliefert werden. Das Anbaugebiet, das nur von einigen Ländern

genau bekannt ist, kann man für die ganze Erde auf etwa 700000 qkm

abschätzen, eine Jahresernte auf 120 Milliarden kg und deren Wert auf

6000 Millionen Mark veranschlagen. Davon erntet Britisch-Ostindien

jährlich 25 Milliarden kg, von denen es 1700 Millionen kg jährlich

exportiert. Auf Java beträgt die Produktion etwa 3 Milliarden kg;

Kochinchina führt etwa 700 Millionen kg und Siam 500 Millionen kg aus.

Japan erntet etwa 3 Milliarden kg, die Vereinigten Staaten dagegen nur

64 Millionen kg, wovon 10 Millionen kg als Karolinareis zur Ausfuhr

gelangen. In Europa wird in der Poebene etwa 1 Milliarde kg Reis von

200000 Hektaren geerntet, dann kommt Spanien mit 20000 und Portugal mit

4000 Hektaren Reisland. Auch in Griechenland wird etwas Reis gebaut,

und sogar im Rhonetal in Frankreich. Doch ist diese Kultur nur von

geringer Bedeutung.

Infolge der mehrtausendjährigen Kultur in den verschiedensten Klimaten

und Nährböden hat der Reis zahllose Varietäten gebildet, die sich gar

nicht überblicken lassen. Im Museum von Kalkutta findet man nicht

weniger als 1104 verschiedene Sorten Reis, die in Britisch-Indien

kultiviert werden; außerdem figurieren dort noch weitere 300

verschiedene Arten Reis aus anderen Gegenden. Auf Ceylon allein sollen

161 verschiedene Arten Reis angepflanzt werden, und in Hinterindien,

China und Japan sollen mehr als 1400 Sorten desselben existieren. Alle

diese Arten sind aber nur Kulturvarietäten einer einzigen botanischen

Spezies, die von den Gelehrten eben ~Oryza sativa~ genannt wird.

Bei der edelsten Sorte desselben bleiben die einzelnen Körner nach

dem Dämpfen getrennt und verkleben nicht, im Gegensatz zu dem außer

Stärkemehl einen hohen Gehalt an Amylodextrin besitzenden Klebreis,

dessen längliche, durch hellrote Farbe ausgezeichneten Körner beim

Garwerden zusammenkleben und bald in Brei übergehen. Doch kommt diese

letztere Sorte kaum je zu uns und wird dann vorzugsweise zu Backwerk

verwendet. Was wir als Reiskleister essen, ist nur der in der Küche

durch falsche Zubereitung verdorbene gute, nicht klebende Reis. Um

dieses herrliche Nahrungsmittel mit Genuß essen zu können, muß es in

der richtigen Weise zubereitet werden, was folgendermaßen geschieht:

Nach gründlicher Waschung wird die betreffende Menge Reis mit reichlich

Wasser aufs Feuer gesetzt und darin gekocht, bis er gar ist, d. h.

man nimmt von Zeit zu Zeit einzelne Körner desselben heraus und sucht

sie zwischen den Fingern zu zerdrücken. Sobald dies geschehen kann,

wird das Wasser abgegossen, der Reis gut durcheinander gemischt und

der betreffende Topf mit dem Deckel geschlossen, um den Inhalt noch

durch den heißen Dampf gar werden zu lassen. Solchermaßen zubereiteter

Reis wird nie klebrig oder gar kleisterig und ist erst das, was die

Reiskenner unter gut zubereitetem Reis bezeichnen, der als Bestandteil

der indisch-holländischen Reistafel oder nach indischer Art nur mit

Fleisch und Curry versetzt gegessen wird und eine Delikatesse ersten

Ranges ist, die einem den Speichel im Mund zusammenfließen macht, wenn

man nur daran denkt.

Alle Reisarten, mögen sie von zwergigen oder hochwachsenden Sorten

stammen, begrannte und grannenlose Früchte mit kleinen oder großen

Körnern tragen, früh oder spät reifen, weiße, gelbe, rote, braune oder

schwarze, behaarte oder unbehaarte Früchte mit weichen oder harten

Körnern erzeugen, verlangen wenigstens eine periodische Bewässerung,

welche die Reiskultur treibenden Gegenden so stark versumpft und

in ihnen die Entstehung von Wechselfieber begünstigt, daß diese

Körnerfrucht beispielsweise in Italien nur in größerer Entfernung von

bewohnten Ortschaften gebaut werden darf.

Schon an den Nährsalzen der Frucht erkennt man, daß der Reis von einer

Wasserpflanze stammt, die sich im Gegensatz zu den übrigen Körner-

oder gar Knollenfrüchten dem Leben auf dem Lande durchaus noch nicht

angepaßt hat. Wie alle Tiere, sind auch alle Pflanzen, die einst in

frühester Urzeit dem Meere als dem Ursprung alles Lebens entstiegen

und sich, von Luft statt Wasser umgeben und in Licht gebadet, dem

Leben am Lande anpaßten, ursprünglich, der salzigen Flut, in der sie

einst lebten, entsprechend, sehr kochsalz- und dadurch natronreich.

Die Pflanzen haben sich nun als sehr viel früher dem Leben am Lande

angepaßte und durch ihre Assimilation überhaupt erst den Tieren die

Existenz daselbst ermöglichende Lebewesen sehr viel mehr von ihrer

natronreichen Urheimat, dem Meere, emanzipiert und das Natron in ihren

Geweben durch das Alkalimetall des Erdbodens, das Kali, ersetzt, und

zwar um so weitgehender, je landfester sie wurden. Nun ist der Reis das

kaliärmste und dadurch das für die Nieren reizloseste Nahrungsmittel,

das wir kennen, das besonders allen Nierenkranken nicht warm genug kann

anempfohlen werden. Milch enthält schon 5mal, Mehlspeisen 6mal, Erbsen

12mal, Rindfleisch 19mal, Bohnen 21mal und Kartoffeln gar 26-28mal mehr

Kalisalze als der Reis.

Trotz dieses großen Vorzuges spielt aber der Reis leider in

unserer Ernährung nicht die Rolle, die ihm gemäß seiner großen

Leichtverdaulichkeit und Nahrhaftigkeit zukommen sollte. In letzter

Zeit ist zwar darin eine erhebliche Besserung eingetreten; denn noch

vor hundert Jahren galt der Reis als Luxusartikel, den man höchstens

etwa bei festlichen Anlässen zu einer süßen Platte verwendete.

Damals war der jährliche Verbrauch nicht mehr als 100 g pro Kopf der

Bevölkerung Deutschlands, während er heute doch wenigstens auf 2,5 kg

jährlich für jeden Einwohner dieses Reiches gestiegen ist. Aber das ist

wahrhaftig nicht viel, im Vergleich mit der Unmenge von Kartoffeln,

die die Deutschen genießen. Der Engländer, der die Kartoffeln auch

nicht verschmäht, ißt dreimal mehr Reis als der Deutsche. Deutschland

führt jährlich Reis im Werte von 40-50 Millionen Mark ein, davon

verzehrt es aber nur für 30 Millionen Mark; der Rest wandert, meist als

Reisstärke, wieder nach dem Ausland.

[Illustration: Bild 10.

Der Reis (~Oryza sativa~). Nach Hegi.]

Der Kulturreis ist wie alle Getreidearten eine einjährige Pflanze,

die auf einem durchschnittlich 1,2 m hohen, nicht sehr kräftigen,

hohlen Halme mit verhältnismäßig breiten, 30 cm langen, am Rande etwas

scharfen und an der Basis bewimperten Blättern eine endständige,

überhängende Rispe mit einblütigen Ährchen und 30-60, ja sogar 100 und

mehr Samenkörner entwickelt. Aus praktischen Gründen unterscheidet

man +Wasser+- und +Bergreis+, die abweichende Anforderungen an den

Boden stellen. Beide verlangen zu ihrer Entwicklung eine Wärme, wie

sie nur in der heißen Zone und in den wärmeren Gegenden der gemäßigten

Zone gefunden wird. Nur in Gegenden, in denen es ununterbrochen 4

Monate hindurch heiß ist, gedeiht der Wasserreis, der zwar viel

Bodenfeuchtigkeit, aber keine allzugroße Luftfeuchtigkeit verlangt.

Überall da, wo in den Tropen während 10 Monaten eine ziemlich

gleichmäßige Temperatur herrscht, können 2 Jahresernten von demselben

Felde eingeheimst werden. Der Bergreis verträgt eine kühlere Temperatur

als der sonst ertragreichere und ausschließlich in den Welthandel

gelangende Wasserreis. Daher sehen wir in Südasien sein Anbaugebiet

im Gebirge aufwärtssteigend da beginnen, wo dasjenige des letzteren

aufhört. Es ist dies bei einer Erhebung von 1000 m der Fall. Von da bis

zu 1600 m Höhe liefert er sichere Erträge; denn sein Anbau wird in die

warme Jahreszeit verlegt und seine Entwicklung nimmt im Gegensatz zum

Wasserreis, der meist 5 bis 6 Monate zur Vollendung seines Wachstums

bedarf, nur 4 Monate in Anspruch. Unter 1000 m würde der Bergreis zwar

auch noch gedeihen, aber bei vorhandenen Wachstumsbedingungen wird der

Wasserreis vorgezogen, der mehr und bessere Frucht gibt.

Ein leichter, etwas sandiger Boden in ebener Lage ist dem Bergreis

am förderlichsten, während der Wasserreis tonigen Boden mit schwach

sandiger Krume vorzieht. Ein Reisfeld darf nicht die geringste

Beschattung, weder von Bergen, noch Bäumen haben, sondern muß tagsüber

dem vollen Sonnenschein ausgesetzt sein. Da aller Reis in künstlich

unter Wasser gesetzten Feldern angepflanzt werden muß, legt man die

Reisfelder im gebirgigen Gelände terrassenförmig übereinander an,

indem man sie von oben herab der Reihe nach berieselt und durch Dämme

von etwa 60 cm Höhe mit Durchstichen voneinander trennt. Diese in

Indonesien als +Sawahs+ bezeichneten Reisfelder, die oft bis zu großer

Höhe ins Gebirge hinaufsteigen und zu oberst künstliche Teiche, die

sie speisen, tragen, folgen den Konturen der Berge und verleihen

dadurch der tropischen Landschaft, in der sonst das Wirken des Menschen

gegenüber der Fülle der Vegetation vollkommen verschwindet, ein

bestimmtes, als Zeichen menschlicher Tätigkeit angenehm berührendes

Gepräge.

Infolge dieser starken Bewässerungsnotwendigkeit wird manchenorts,

namentlich in China und Japan, aber auch in Südungarn und Italien,

mit dem Reisbau zugleich Fischzucht verbunden, wobei die Fische,

gewöhnlich Karpfen, sich dadurch nützlich erweisen, daß sie die den

jungen Reispflanzen schädlichen Insektenlarven, Würmer und Schnecken

wegfressen. Müssen dann später die Reisfelder trocken gelegt werden, so

finden diese Fische ihre Zuflucht in den tiefen Abzugsgräben, die zu

diesem Zweck in den Reisfeldern angelegt sind.

Nachdem die übrigens gut zu düngenden Felder bewässert sind, setzt man

die jungen Reispflanzen, die man vorher in einem Saatbeete gezogen hat

und etwa 30-40 Tage wachsen ließ, auf sie in gewissen Abständen über.

Sind die Stecklinge festgewachsen, so wird wieder Wasser ins Feld

geleitet und damit fortgefahren, bis die Pflanzen anfangen gelb zu

werden; dann läßt man das Wasser ab, um das Reifwerden der Körner zu

befördern.

Beginnt der Reis reif zu werden, so gilt es die meist gewaltigen

Scharen von diebischen Reisvögeln und andere Körnerfresser, die sich

hungrig hinter das ihnen willkommene Futter hermachen wollen, durch

allerlei Scheuchapparate zu vertreiben. Ist er reif geworden, so

werden die Fruchtrispen kurz abgeschnitten und getrocknet, dann --

soweit er nicht verkauft wird -- in Scheunen aufbewahrt, aus welchen

die Frauen den täglichen Bedarf holen und dreschen, d. h. gewöhnlich

in hölzernen Mörsern mit Holzkeulen stampfen, bis die Körner sich

aus den Spelzen lösen. Die leeren Ähren und das Stroh werden dann

mit der Hand entfernt und die enthülsten Körner auf einen Korbteller

geschüttet und geworfelt, wobei sich im Winde die Spreu von den Körnern

scheidet. Zuletzt wird der Reis zur Entfernung des ihn noch umgebenden

Silberhäutchens geschält, d. h. nochmals gestampft, was von den

wechselweise zustoßenden Frauen im Takte geschieht. Bei allen diesen

Manipulationen werden in den verschiedenen Ländern die verschiedensten

Gebräuche beobachtet, da dem Asiaten der Reis ein heiliges Gewächs ist,

bei dessen Behandlung alles leichtsinnige Lachen und Schwatzen verboten

ist. Nach Europa gelangt der Reis meist noch in den Hülsen; als solcher

heißt er in Südasien ~paddy~, in Amerika dagegen ~rough rice~, d. h.

rauher Reis. Bei uns wird er dann in besonderen Mühlen geschält und

außerdem poliert, indem die Körner in einen Zylinder geschüttet werden,

in welchem sich eine mit Wolle überzogene Rolle rasch dreht; dabei wird

durch einen kleinen Zusatz von Öl der gewünschte appetitliche Glanz zu

erhöhen gesucht.

Vermöge seiner vorhin hervorgehobenen großen Leichtverdaulichkeit

in Verbindung mit hohem Nährwert ist der Reis besonders für die

Bewohner der Tropen, die leicht an Verdauungsstörungen und Leberleiden

erkranken, von der größten Bedeutung. Deshalb fühlen sie sich auch bei

dieser Kost so überaus wohl und genießen täglich gewaltige Portionen

davon, nämlich ungefähr 1 kg, indem sie ihn mit Zugabe von Gemüse,

allerlei scharfen Gewürzen und kleinen Mengen tierischer Nahrung,

besonders getrockneten Fischen genießen. Trotzdem sie jahraus, jahrein

täglich dreimal denselben Reis, auf dieselbe Weise bereitet, genießen,

entleidet er ihnen niemals.

Aber auch alkoholische Getränke wissen sie aus ihm zu bereiten, indem

sie ihn zuerst zwölf Stunden in Wasser aufweichen, dann die Körner

kochen bis sie weich geworden sind, sie abkühlen und durch Hinzufügen

einer Hefe in alkoholische Gärung kommen lassen. Das so gewonnene,

leicht an Sherry erinnernde berauschende Getränk, das die Japaner

~sake~ nennen, wird in Fässer gefüllt, die ihrerseits wieder in einer

Strohhülle stecken. Das gewöhnlich 13 Prozent Alkohol enthaltende

Getränk gelangt in glasierten Ton- oder Porzellanflaschen in den Handel

und wird heiß aus winzigen Porzellantäßchen, und zwar beim Beginn der

Mahlzeit, getrunken. Auf ähnliche Weise erlangen die Chinesen aus

Reis, der mit verschiedenen Gewürzen versetzt wurde, einen ~samschu~

genannten Branntwein, der etwa 36 Prozent Alkohol enthält. In Ostindien

dient gemälzter Reis zur Herstellung von Arrak, der sonst aus Melasse

bei der Gewinnung des Rohrzuckers, mancherorts, wie in Goa, auch aus

Palmensaft gemacht wird. Die Abfälle vom Polieren des Reises, bestehend

aus zerbrochenen Körnern und Schalenresten, wie auch der auf dem

Schiffstransport durch das Meerwasser zu Schaden gekommene Reis, der

als Nahrungsmittel nicht mehr zu verwenden ist, wird zu Stärkemehl

verarbeitet. Solches Reismehl, das reicher an Fett ist als der

geschälte Reis, ist ein sehr gutes Futter- und Mastmittel für Rindvieh.

Die meiste Reisstärke dient aber als Appretur, um Baumwollstoffe

schwerer und haltbarer erscheinen zu lassen, und geht auf diese Weise

wiederum nach Indien, das den Reis lieferte, zurück. Endlich ist auch

das Reisstroh ein sehr wertvolles Produkt, welches namentlich in der

Papierfabrikation und in der Korb- und Hutflechterei eine vielfache

Verwendung findet.

Eine andere Grasart, die als Getreide für den Menschen eine ungemein

große Bedeutung erlangt hat, ist der +Mais+ (~Zea mais~). Sie ist die

einzige Körnerfrucht, mit der uns der amerikanische Kontinent beschenkt

hat. Nirgends mehr wird sie in wildem Zustande angetroffen; doch ist

es höchst wahrscheinlich, daß sie ursprünglich in Mexiko heimisch war

und dort zuerst von uns unbekannten, zu höherer Gesittung gelangten

Indianerstämmen in Zucht und Pflege genommen wurde; hat uns doch dieses

Land neuerdings eine zweite, wildwachsende Art der Gattung geliefert.

Bei der Entdeckung Amerikas fanden die Spanier diese für die dortige

Bevölkerung wichtigste Nährfrucht überall im Lande, soweit es das

Klima zuließ, in Kultur. Alle Indianersprachen hatten eine Bezeichnung

für sie, und speziell die Inselkaraiben, die Tainos, mit denen es

Kolumbus und die Spanier zuerst zu tun hatten und die sie dann durch

schonungslose Ausbeutung und strengen Frondienst auf den von ihnen

angelegten Gütern im Laufe von etwa 50 Jahren zum Aussterben brachten,

nannten sie ~mahiz~, ein Ausdruck, den dann die Spanier annahmen

und später mit der Nutzpflanze in den europäischen Sprachgebrauch

einführten. Bei allen Indianerstämmen, von den Inkas Perus bis zu

den Moundbuilders in Nordamerika östlich vom Mississippi wurde der

Mais als Hauptnahrungsmittel nebst Bohnen, Kürbis und Tabak in

verschiedenen Varietäten gepflanzt. Und wie seine Samenkörner den

Lebenden als wichtigstes Nahrungsmittel dienten, so wurden sie den

Toten als Wegzehrung in ihre unterirdischen Behausungen mitgegeben.

Im alten Mexiko hieß die Göttin des Ackerbaus Cinteutl nach der

Bezeichnung für Mais ~cintli~ und erhielt, wie die Demeter bei den

Griechen, oder Ceres bei den Römern, die ersten Fruchtkolben der

Maisernte als Weihegabe. Zur Entfernung der harten Schalen kochten die

Azteken Mexikos die Maiskörner zuerst mit Ätzkalk, um sie dann auf

dem dreibeinigen Mahlstein mit einer steinernen Walze zu zerreiben

und die Masse, mit Wasser zu einem steifen Brei angemacht, in runden

Fladen (altmexikanisch ~tlaxcalli~, spanisch ~tortilla~) auf flachen

Tontellern über dem Feuer zu backen. An Knollenfrüchten wurden Batate,

Mandioka und Yams gebaut, während der spanische Pfeffer (~Capsicum~)

das beliebteste Gewürz bildete. Ähnlich war es im alten Peru. In den

Tempeln von Cusco, der Hauptstadt des peruanischen Reiches der Inka,

bereiteten die Sonnenjungfrauen das Maisbrot für die Opfer, wie die

Frauen in den Haushaltungen es für ihre Familienangehörigen bereiteten.

Außer den Kartoffeln, die im Lande selbst aus Wildlingen zur

Kulturpflanze erhoben wurden, war auch hier der Mais die Hauptnahrung

der Bevölkerung. Die Ketschua, die Träger der Inkakultur, hatten ihn

aus ihrer Urheimat im Norden, dem Gebiete von Quito, mitgebracht. In

den tropischen Anden gedieh er noch sehr gut in 1900 m Höhe und fand

sich auch an dem Titicacasee im Süden Perus bis 3900 m und mehr Höhe

angepflanzt.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 6 / 77 段