Die Mohrenhirse nimmt mit trockenem, magerem Boden vorlieb und eignet

sich deshalb besser als irgend eine andere Pflanze zum Anbau in solchen

tropischen und halbtropischen Gegenden, wo auf eine kürzere Regenzeit

eine langanhaltende Trockenzeit folgt. Deshalb bildet sie nicht nur in

Afrika, wo sie heimisch ist und zuerst in Kultur genommen worden zu

sein scheint, sondern auch in Indien und China die Hauptbrotfrucht,

die in zahlreichen Spielarten gezogen wird. Aus ihrer Heimat Afrika

gelangte sie schon zur Zeit der ältesten Dynastien um die Mitte

des 4. vorchristlichen Jahrtausends nach Ägypten, wo sie neben den

älteren hier eingeführten Getreidearten als ~boti~ ziemlich häufig

gepflanzt wurde; wenigstens wird ihre Frucht ziemlich häufig unter

den Grabbeigaben gefunden, auch ist sie mehrfach deutlich erkennbar

an den Wänden der Grabkammern abgebildet worden. So findet sich auf

einem Wandgemälde im Grabe des Amenembe eine Ernteszene der Mohrenhirse

dargestellt. Die mannshohen, unten hellgrün und oben gelb mit rotem,

kolbenförmigen Fruchtstand gemalten Halme werden dabei aus dem Boden

gezogen, in Garben gebunden und nach der Tenne getragen, wo sie

vermittelst einer Hechel von ihren Körnern befreit werden.

[Illustration: Bild 8. Die Mohrenhirse (~Andropogon sorghum~). Nach

Hegi.]

Später drang die Mohrenhirse auch nach Westasien vor, ohne daß wir

allerdings geschichtliche Dokumente dafür besäßen. Noch heute wird sie

wie in Oberägypten, so in Palästina und Vorderasien ziemlich häufig

angebaut. In der Folge kam sie auch nach Indien, wo sie um die Wende

der christlichen Zeitrechnung bereits bekannt war, doch fehlt ein

Sanskritname für sie. Nach China soll sie angeblich im 4. Jahrhundert

nach Chr. als „Hirse aus dem Lande Shu“ eingeführt worden sein.

Heute nährt sich ein großer Teil der ¾ Milliarden Einwohner Indiens

und Chinas vorzugsweise von dieser Hirseart statt von Reis, wie man

gewöhnlich annimmt.

In ihrer alten Heimat Afrika ist sie, wie schon der Name Mohrenhirse

oder Kafferkorn besagt, die weitaus wichtigste Getreidefrucht

geblieben, aus welcher nicht nur fladenartiges Brot und Brei, sondern

auch ein als ~merissa~ bezeichnetes, sehr beliebtes Bier hergestellt

wird. Zu dem Zwecke werden die Körner der Mohrenhirse zuerst in Wasser

aufgeweicht, sodann vorübergehend in die Erde vergraben, um das Keimen

derselben zu bewirken. Ist dies erreicht, so werden sie zu einem groben

Mehl zerstampft, in einem irdenen Topf gekocht und die durch Filtration

daraus gewonnene klare, zuckerhaltige Flüssigkeit in Kalabassen einer

langsamen Gärung unterzogen. Nach 1-2 Tagen ist das leicht berauschende

Getränk fertig.

Die ältesten Griechen und Römer haben die Mohrenhirse nicht gekannt.

Der erste römische Autor, der uns von ihr berichtet, ist der 79

n. Chr. beim Vesuvausbruch umgekommene ältere Plinius, der in seiner

Naturgeschichte schreibt: „Vor etwa zehn Jahren ist in Italien eine

aus Indien stammende Hirseart (~milium~) eingeführt worden, welche

dunkelfarbig und großkörnig ist und einen rohrartigen Halm hat. Sie

wird bis sieben Fuß hoch. Ihre Blütenrispe wird Mähne (~phoba~)

genannt; sie gibt von allen Getreidearten den höchsten Ertrag,

von einem einzigen Halme 3 Sextarien (= 1,54 Liter).“ Trotz ihres

außerordentlichen Ertrages fand sie aber in Italien damals nicht recht

Eingang, wahrscheinlich weil das dem Roggen ähnliche, schwärzliche

Mehl den verwöhnten Römern nicht behagte. Kein späterer Autor spricht

mehr von ihr, so daß wir annehmen müssen, daß sie bald wieder völlig

aus Italien verschwand. Erst durch die Araber wurde sie wieder in

die Mittelmeerländer eingeführt. So erwähnt sie aus Italien zuerst

wieder Petrus de Crescentiis ums Jahr 1300 unter dem Namen ~milica~.

Doch diente sie damals vorzugsweise als Viehfutter und nur in

Teuerungszeiten wurde das daraus gewonnene Mehl mit anderem gemischt

genossen.

Einzig der Umstand, daß diese Getreideart sieben Monate zu ihrer

Entwicklung bedarf, hat es bewirkt, daß diese sonst so wertvolle,

ertragreiche Körnerfrucht nicht weiter nordwärts in Europa Verbreitung

fand. Ihre Nordgrenze findet sie hier in Südtirol, wo sie unter dem

Namen Sirch gepflanzt wird. Hier scheint aber diese Getreideart früher

allgemeiner angepflanzt worden zu sein, da bis vor kurzem der Grundzins

in diesem Korn bezahlt werden mußte. Von hier kommen auch meist die

abgeernteten und vermittelst metallener Kämme entkörnten Fruchtrispen,

die man bei uns sehr viel zur Anfertigung von Besen und groben Bürsten,

die man fälschlicherweise als Reisbesen oder Reisbürsten bezeichnet,

benutzt.

In der Neuzeit hat sich die Mohrenhirse weitherum, so weit das Klima

warm genug für sie ist, verbreitet. Auch in Nordamerika wurde sie im

19. Jahrhundert vielfach angepflanzt, erwies sich aber empfindlicher

gegen nasse Kälte und bedarf einer höheren Sommerwärme zur Reifung

ihrer Samen als der dort einheimische Mais. Sie wird wie dieser, nur

noch enger gepflanzt, außerdem müssen die betreffenden Felder öfter

gejätet werden, da die jungen Pflänzchen der Mohrenhirse sich langsamer

als diejenigen des Maises entwickeln, weshalb sie in größerer Gefahr

sind, vom Unkraut unterdrückt zu werden. Später treiben sie nach dem

Abschneiden ein zweites Mal Halme, wodurch es möglich wird, nach einer

Grünfutterernte eine Körnerernte zu gewinnen, vorausgesetzt natürlich,

daß die klimatischen Verhältnisse es gestatten.

Eine ebenfalls aus Afrika stammende Abart der Mohrenhirse ist die

+Zuckerhirse+ (~Andropogon saccharatus~), die höher wird als jene und

eine weitschweifige Rispe besitzt. Auch sie wird weitherum in Afrika

und anderen Tropenländern ihrer Samen wegen angebaut, die indessen

nicht so gut schmecken wie diejenigen der Mohrenhirse. Dafür enthalten

ihre Stengel ziemlich viel Zucker, der sich daraus gewinnen läßt. In

den weniger heißen Ländern, wo sie ihre Früchte nicht mehr reifen

läßt, dient sie als nahrhafte Futterpflanze. Auch sie gelangte aus

ihrer zentralafrikanischen Heimat frühe nach Ägypten und Vorderasien

und von da nach China, wo sie heute noch als Kao-liang, d. h. große

Hirse, eine weite Verbreitung besitzt. In letzterem Lande wird sie

erst zu Beginn der christlichen Zeitrechnung erwähnt, hat sich aber

dadurch die besondere Gunst der Bevölkerung erworben, daß sich aus dem

von ihr ausgepreßten Zuckersafte, der dort niemals zur Zuckergewinnung

benutzt wird, ein beliebtes alkoholhaltiges Getränk herstellen läßt.

Besonders in der Mandschurei ist dieser Kao-liang das gewöhnliche Korn

und wird dort in sehr ausgedehntem Maße gepflanzt. In den Berichten

aus dem japanisch-russischen Krieg konnte man genug von diesen hohen

Kao-liangkulturen lesen, die den Soldaten gute Deckung und willkommene

Fourage bot. Zur Gewinnung von Zucker wird dieses Getreidegras

neuerdings auch in Nordamerika in größerem Maßstab angepflanzt.

Gleicherweise afrikanischen Ursprungs und hier seit sehr alter Zeit als

Getreide angepflanzt ist die +Negerhirse+ (~Pennisetum spicatum~) --

nicht mit der Mohrenhirse zu verwechseln.

Diese 1-2 m hohe Hirseart mit 8-10 cm langer und 2-4 cm dicker,

kolbiger Fruchtrispe spielt heute noch in ihrer Heimat als Nährfrucht

eine große Rolle und ist bei den Negerstämmen Zentralafrikas ein

Hauptgegenstand des Hackbaues. Im letzten vorgeschichtlichen

Jahrtausend muß sie auch nach Ägypten und von da später weiter nach

Vorderasien gekommen sein; denn zu Beginn des sechsten vorchristlichen

Jahrtausends erwähnt sie der jüdische Prophet Hesekiel unter dem Namen

~dochan~ als eine Getreideart Babyloniens, aus der man Brot bereite.

Dieser Ausdruck hat sich bis heute in der arabischen Bezeichnung

~duchn~ für Negerhirse erhalten. Sie wird ebenfalls im Orient,

besonders in Südarabien und in Indien angebaut, und aus ihren Samen

stellen die Araber ihren Kuskus genannten Fruchtbrei her, der, wenn

möglich, mit Hammelfett oder Hammelfleisch gekocht wird und so beliebt

ist, wie anderwärts der damit gekochte Reis.

In höheren Gebirgslagen Abessiniens heimisch und daselbst im großen

unter dem Namen +Tef+ angebaut, ist eine Art von Liebesgras,

~Eragrostis abessinica~, die nur 0,5 m hoch wird. Die sehr kleinen,

kaum hirsekorngroßen, aber sehr zahlreichen Samen liefern der

gesamten Bevölkerung Abessiniens das allgemeinste und beliebteste

Brot, das gewöhnlich in eine gepfefferte Fleischsauce getaucht oder

mit Erbsenbrei, sonst auch nur mit Salz, Pfeffer und Butter gegessen

wird. Dieses Getreide wurde nach den zahlreichen auf uns gekommenen

Überresten einst im alten Ägypten häufig angebaut, wird aber dort nicht

mehr gepflanzt. Heute wird es nur noch in Abessinien bis zu 2200 m über

Meer in verschiedenen weißen, grünen und roten Spielarten kultiviert.

Die Ernte geschieht schon 3-4 Monate nach der Aussaat, was ein großer

Vorzug dieser Brotfrucht ist.

[Illustration:

Tafel 7.

Mohrenhirse (~Andropogon sorghum~) in Deutsch-Ostafrika (nach Karsten &

Schenck, „Vegetationsbilder“).]

Endlich ist noch eine rasenartig wachsende, durchschnittlich 1 m hoch

werdende Getreideart zu erwähnen, der +Korakan+ (~Eleusine coracana~),

der in Indien seine Heimat hat, aber heute außer dort besonders auch

im tropischen Afrika bei den Negervölkern als ~uimbi~ sehr viel zur

Gewinnung von Brot und Bier angepflanzt wird. Auch von ihr gibt es

eine Menge von Kulturformen, die sich in den verschiedenen Gegenden

ihres Kulturgebietes ausbildeten. In Ostafrika wird sie in höheren

Lagen, oft mit größerer Sorgfalt als es sonst zu geschehen pflegt, in

wohlbewässerten Feldern angebaut.

[Illustration:

(Nach Photographie von Apotheker Max Dietrich, Rietschen O. L.)

Buchweizenfeld.]

[Illustration:

Tafel 8.

Landschaft auf Sumatra mit als Sawahs bezeichneten Reisfeldern; rechts

unten befindet sich ein Wächterhäuschen. Im Hintergrund führt eine aus

Bambusrohr errichtete Brücke über den Fluß.]

[Illustration: Bild 9. Der Buchweizen (~Fagopyrum esculentum~).]

Außer den bisher betrachteten Grasarten, die bekanntlich alle monokotyl

sind, hat auch eine dikotyle Pflanze aus der nächsten Verwandtschaft

der Knöteriche, der +Buchweizen+ (~Fagopyrum esculentum~), ein

naher Verwandter von Sauerampfer und Rhabarber, einige Bedeutung

als Getreidefrucht erlangt. Mit zwei anderen Polygonumarten, deren

Kultur auf Zentralasien beschränkt blieb, hat er seine Heimat in der

nördlichen Mongolei und Mandschurei, dann um den Amur- und Baikalsee

herum, wo er heute noch wild gefunden wird. Er ist ein einjähriges,

bis 60 cm hoch werdendes Kraut, mit gestielten, herzförmigen Blättern,

weißen oder rötlichen Blüten und dreikantigen, glänzendbraunen Nüßchen,

die den Bucheckern ähnlich sind und deshalb diesem Getreide den Namen

Buchweizen verschafften. Er ist höchst anspruchslos in bezug auf den

Boden und wächst noch im magersten Sande. Dann hat er entsprechend

seiner asiatischen Heimat mit kurzen, warmen Sommern und langen, kalten

Wintern eine kurze Vegetationsperiode und empfiehlt sich durch seine

schmackhaften Früchte, während die Blüten eine gute Bienenweide liefern.

Als Kornfrucht wird der Buchweizen besonders in Rußland viel

angepflanzt und daraus Grütze und Kuchen bereitet. Wer je jenes Land

bereist hat, dem werden die besonders zu Festzeiten in gewaltigen

Mengen verspeisten ~blini~, d. h. Pfannkuchen aus Buchweizenmehl,

aufgefallen sein, die in recht viel Butter dünn wie Papierblätter oder

auch dicker gebacken werden. Mit saurer Sahne und ausgelassener Butter

vorgesetzt, bilden sie einen Leckerbissen hocheleganter Diners wie der

einfachsten Bauernkost. Wer es vermag, leistet sich als Zukost dazu

geräucherten Lachs und Kaviar.

Wie in ganz Rußland, so hängt heute noch auch in Norddeutschland der

gemeine Mann von alters her an seiner Grütze aus Buchweizen, dessen

Körner als Mastfutter denselben Wert wie Gerste und als Pferdefutter

einen größeren als Hafer besitzen. Da die Buchweizenkörner mit einer

sehr harten Schale umgeben sind, so müssen sie immer zuerst geschrotet

werden, bevor sie als Futter dienen. Gemahlen werden sie, meist mit

Weizenmehl vermischt, zu Brot verbacken. Auch als Grünfutter wird der

Buchweizen angebaut und dient sehr häufig als Gründünger.

Im nördlichen China und in Japan wird er viel angebaut, erst seit

kurzem auch in Nordindien und auf Ceylon. Die alten Kulturvölker in

Vorderasien und am Mittelmeer kannten ihn nicht. Erst zu Ausgang des

Mittelalters kam er nach Europa. Seine früheste Erwähnung findet sich

im Zinsregister des mecklenburgischen Dorfes Gadebusch (bekannt durch

den Heldentod des Dichters Theodor Körner) vom Jahre 1436, und 1546

gab Hieronymus Bock eine genaue Beschreibung der damals noch nicht

allgemein in Deutschland bekannten Pflanze. In Süddeutschland nennt

man ihn gewöhnlich Heidekorn, d. h. ein von den Heiden gekommenes

Getreide. Ein anderer deutscher Name ist Taterkorn, was so viel

bedeutet als Brotfrucht der Tataren. Jedenfalls haben diese den

Buchweizen nach Rußland übermittelt und hat Viktor Hehn Unrecht, wenn

er das seltsame, aus Nordindien stammende und erst im Jahre 1417 in

Mitteleuropa auftauchende Wandervolk der Zigeuner, das ums Jahr 1000

aus seiner ursprünglichen Heimat zunächst nach Persien und Armenien

auswanderte, dann längere Zeit in Ländern griechischer Zunge, und

zwar wahrscheinlich Kleinasien, umherzog, in diesen Tatern erblickt.

Da diese ruhelos umherschweifenden Stämme keinen Ackerbau treiben, so

können sie auch unmöglich Verbreiter einer besonderen Kornart gewesen

sein, das zudem in ihrer ursprünglichen Heimat ganz unbekannt war.

Während der Buchweizen im Norden über Rußland nach Deutschland kam,

scheinen ihn die Franzosen erst durch die Vermittlung der Araber

(Sarazenen) erhalten zu haben, da sie ihn als ~blé sarasin~ bezeichnen.

Die ums Jahr 1225 unter dem Drucke der Mongolen aus Zentralasien

nach Vorderasien ausgewanderten Türken werden diese Kornfrucht nach

Armenien gebracht haben, von wo aus sie bei der Ausdehnung der

Türkenherrschaft nach Kleinasien und in die Länder am östlichen

Mittelmeer gelangte. Durch die im späteren Mittelalter als Seeräuber

das ganze Mittelmeer unsicher machenden Araber, die gewöhnlich als

Sarazenen bezeichnet wurden, scheint der Buchweizen an die Gestade

des westlichen Mittelmeers verbreitet worden zu sein; daher rührt

wohl die französische Bezeichnung her. Zu Ende des 16. Jahrhunderts

bildete er schon ein ziemlich allgemeines Nahrungsmittel der Armen

in manchen Gegenden Frankreichs. Im 18. Jahrhundert wurde er durch

ganz Europa und seit dem 19. auch in Nordamerika kultiviert. Wie

in Norddeutschland und bei den Slawen ist er in manchen Tälern der

Ostalpen eine beliebte Brotfrucht, so besonders in Tirol, wo er Plent

heißt (aus dem Italienischen ~polenta~) und das aus seinem nahrhaften

Mehl hergestellte Gericht Sterz genannt wird.

Kräftiger, dauerhafter und im Ertrag sicherer, wenn auch mit weniger

ausgiebigem, dickschaligem und nicht so wohlschmeckendem Korn, das

zudem auch leichter bei der Reife ausfällt, ist der aus Sibirien

stammende +tatarische Buchweizen+ (~Fagopyrum tataricum~). Er besitzt

wie der gemeine Buchweizen saftige, ästige, meist rotgefärbte Stengel

mit herzförmigen, gestielten Blättern, aber in schlaffe Trauben

geordnete grünliche Blüten und an den Kanten buchtig gezähnte Nüßchen.

Deutsche Botaniker brachten ihn im 18. Jahrhundert aus Sibirien, wo er

schon lange kultiviert wird, nach St. Petersburg, von wo aus er über

Europa verbreitet wurde. Da er aber ein bitteres und schwärzeres Mehl

als der gemeine Buchweizen liefert, wird er meistens nur zu Grünfutter

verwendet.

III.

Die Getreidearten.

Reis und Mais.

So wichtig die bisher von uns betrachteten Grasarten als Körnerfrüchte

für die Existenz des Menschen waren, so kann doch keine dieser

Nährpflanzen es an Bedeutung und weiter Verbreitung mit dem +Reis+

(~Oryza sativa~) aufnehmen, von dem reichlich die Hälfte aller

Menschen, d. h. etwa 750 Millionen, mehr oder weniger lebt. Vor allem

sind es die Asiaten, die vorzugsweise oder fast ausschließlich von

ihm leben, indem sie seine in kochendem Wasser erweichten Körner fast

ohne Zutat, mit fettem Hammelfleisch als Pilau in Vorderasien, oder

mit allerlei scharfen Gewürzen und Fisch- oder Hühnerfleisch in Süd-

und Ostasien, verzehren. Aus gemahlenem Reis werden in Indien die

verschiedensten Speisen, auch Brot, zubereitet. In Ostasien, besonders

in Japan, werden die drei täglichen Mahlzeiten nach dem Worte für

gekochten Reis als Morgen-, Mittag- und Abendreis bezeichnet. In

Japan setzen arme Gebirgsbewohner, die sich mit Buchweizen, Gerste

und Weizen begnügen müssen, wenigstens Greisen, Kindern und Kranken

Reis als Speise vor. Während in China, Korea und Japan der Reis die

hauptsächlichste Körnerfrucht ist, heißt er in Indien und Hinterindien

das Getreide schlechtweg.

Im tropischen Australien, durch ganz Südasien bis nach Westafrika kommt

in sumpfigen Gebieten, selbst in Gegenden, wo der Mensch ihn nicht

anbaut und auch nie angebaut hat, so daß ein Verwildern ausgeschlossen

ist, der wilde Reis vor, der sich nur darin vom langbegrannten

Kulturreis unterscheidet, daß seine Früchte nach dem Reifen abfallen,

eine Eigenschaft, die fast alle wilden Getreidearten im Gegensatz zu

den Kulturformen besitzen. Im oberen Niltale, wo er nach Schweinfurth

die Gewässer massenhaft bedeckt, werden die von den Eingeborenen

hochgeschätzten Früchte des wilden Reises aus dem Wasser geschöpft,

um als willkommene Speise zu dienen. Auch sonst überall werden seine

abfallenden Früchte von den auf der Stufe der Sammler lebenden

Naturvölkern regelmäßig gesammelt und nach leichter Röstung im Feuer,

wodurch der mehlige Inhalt der Körner aufquillt und so der Verdauung

leichter zugänglich gemacht wird, als beliebte Zukost zur tierischen

Nahrung gegessen. Ganz in derselben Weise wird in Nordamerika der in

seichten Gewässern, wie am Ufer der Seen und Ströme der Nordweststaaten

der Union und im südlichen Kanada wildwachsende +Tuscarora+- oder

+Wasserreis+ (~Zizania aquatica~), der 2-2,5 m hoch wird und eine

beliebte Nahrung für die Fische und Wasservögel bildet, auch von den

Indianern gesammelt und verspeist. Doch ist die Pflanze nicht wie der

Reis durch Veredlung zur Kulturpflanze erhoben worden, obwohl sie

dieselben guten Eigenschaften wie jener aufweist.

Welches Volk den Reis zuerst in seine Pflege nahm und durch zielbewußte

Kulturauslese die große Brüchigkeit seiner Ährenspindel beseitigte, so

daß die Frucht am Halme geerntet zu werden vermochte, das können wir

nicht mehr feststellen. Nur das eine wissen wir, daß diese bedeutsame

Kulturtat irgendwo in Südasien geschah, und zwar wahrscheinlich

in Hinterindien. In Südchina finden wir dieses Getreide zuerst in

größerem Maßstabe angebaut. Schon im Jahre 2800 v. Chr. hat nach dem

altchinesischen Werke Schu-King der bereits erwähnte Kaiser Schen-nung

die fünf heiligen Erntegewächse, außer Hirse, Weizen, Gerste und

Sojabohnen auch den Reis als eines der wichtigsten Nahrungsmittel

des Menschen beim Frühjahrsfeste selbst gepflanzt, um durch diese

feierliche Handlung dem Volke die Wichtigkeit des Anbaues derselben

vor Augen zu führen. Im Jahre 2356 v. Chr. ließ dann der Kaiser Jao am

Jang-tse-Kiang ausgedehnte Bewässerungsanlagen zur Erleichterung der

Reiskultur anlegen und regelte durch bestimmte Gesetze die Verteilung

der Einkünfte von den Reisfeldern. Von China gelangte der Reisbau früh

schon nach Korea und Japan, wie er von Hinterindien aus nach Indien

gebracht wurde, um von da auch nach den Sundainseln und Philippinen,

wie auch nach Ceylon zu wandern. Auf der Insel Java soll der Legende

zufolge der Reis bereits im Jahre 1084 v. Chr. angepflanzt worden

sein. Aus Indien kam die Reiskultur während der ersten Hälfte des

letzten vorchristlichen Jahrtausends nach Persien, von da westwärts

in die durch ihren Wasserreichtum zu seinem Anbau sehr geeignete

Euphratniederung und erst spät in die Länder am Mittelmeer. Auf dieser

Wanderung veränderte sich die indische Sanskritbezeichnung dieser

Nährfrucht ~vrîhi~ in ~brizi~ der iranischen Sprachen, und, aus dem

Altpersischen entstellt, erhielten die Griechen ihre Benennung ~óryza~,

aus dem sich dann die verschiedenen neusprachlichen Benennungen, auch

das deutsche Reis, herausbildeten.

Die alten Babylonier und Ägypter kannten dieses südasiatische Getreide

so wenig als die Juden des Alten Testaments. Erst durch die Feldzüge

Alexanders des Großen trat es in den Gesichtskreis der Kulturvölker am

Mittelmeer, nachdem manche weitgereiste Griechen, wie beispielsweise

Herodot, schon vorher unbestimmte Kunde von einer in Indien wachsenden

Pflanze erhalten hatten, deren Körner von der Größe eines Hirsekorns in

einer Hülse stecken, mit der letzteren gekocht und so gegessen werden.

Die erste sichere Nachricht über den Reis verdanken wir Aristobulos,

einem Begleiter Alexanders des Großen auf seinen Heerzügen in Asien von

334-324 v. Chr., der im hohen Alter eine Geschichte des ruhmreichen

Königs und seiner Feldzüge, verbunden mit einer Naturschilderung der

von jenem durchzogenen Länder verfaßte. Seine Schrift ist uns nicht

erhalten; aber der zur Zeit Cäsars und Augustus’ lebende griechische

Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien, daher Siculus genannt, teilt

uns folgenden Passus daraus mit: „Aristobulos sagt, der Reis (~óryza~)

stehe in Indien auf Beeten, die eingedämmt und mit Wasser bedeckt

sind. Die Höhe dieser Pflanze betrage vier Ellen; sie trage viele

Ähren und viele Körner, reife zur Zeit, da die Plejaden untergehen

und werde wie der Spelt durch Stampfen enthülst. Er wachse auch in

Baktriana, Babylonien, Susis und im unteren Syrien.“ Also nicht bloß

in Indien, sondern auch schon am oberen Oxus und in Vorderasien

wurde im 4. Jahrhundert v. Chr. diese wasserliebende Getreidepflanze

kultiviert. Auch des Aristobulos Zeitgenosse Theophrast (390-286), der

von Teilnehmern am berühmten Alexanderzuge diesbezügliche Mitteilung

erhielt, beschreibt uns die Nährpflanze ganz richtig: „Die Indier bauen

den sogenannten Reis (~óryzon~) in Menge an und kochen daraus Brei

(~hépsaina~). An sich sieht er dem Spelt (~zeiá~) ähnlich, enthülst

aber den Graupen (~chóndros~). Er ist leicht verdaulich (~éupeptos~).

Die Pflanze sieht dem Taumellolch (~aíra~) ähnlich, muß lange Zeit

hindurch im Wasser stehen, bildet aber keine Ähre, sondern eine Rispe

wie die Rispenhirse (~kénchros~) und die Kolbenhirse (~élymos~).“

Selbst sein, wie auch vordem Alexanders des Großen Lehrer, Aristoteles,

der ein Jahr nach des letzteren unerwarteten Tod in Babylon, nämlich

322 in Chalkis auf Euböa starb, also von dem 327 erfolgten Eindringen

seines vormaligen Zöglings in Indien noch Kenntnis erhalten hatte,

berichtet in seiner Tiergeschichte von einem aus Reis gewonnenen Wein,

indem er sagt: „Wenn die Elefanten von einem eisernen Geschoß verwundet

sind, so gibt man ihnen Öl zu trinken; wollen sie dieses nicht, so gibt

man ihnen eine abgekochte Mischung von Öl und Reiswein (~oínos orýzas~,

also nach unserem Sprachgebrauch Arrak).“ Später erwähnt solchen auch

Strabon. Er sagt nämlich: „Die Indier sind sehr mäßig, trinken nur bei

Festen Wein, und dieser ist aus Reis gemacht statt aus Gerste. Ihre

Hauptspeise ist Reisbrei.“ Dieser Geschichtschreiber berichtet auch bei

der Erzählung der Kämpfe zwischen Eumenes und Seleukos, daß ersterer

wegen Getreidemangels seine Truppen in der persischen Hochebene mit

Reis, Sesam und Datteln ernährt habe, mit welchen Produkten jene Gegend

reich gesegnet sei!

Der ums Jahr 200 n. Chr. in Alexandrien und Rom lebende griechische

Grammatiker Athenaios aus Naukratis in Ägypten schreibt in seinen 15

Büchern ~Deipnosophistai~, die wichtige Nachrichten über Leben, Sitte,

Kunst und Wissenschaft der alten Griechen enthalten, daß Megasthenes,

der unter dem 281 von Ptolemaios Keraunos ermordeten König Seleukos

Nikator von Syrien Agent und als solcher in Indien gewesen war, in

seinem von Indien handelnden Buche berichtet, daß dort bei Gastmählern

einem jeden ein Tischchen vorgesetzt werde. Auf dieses werde eine

goldene (tatsächlich wie Gold aussehende Messingschüssel) Schüssel mit

gekochtem Reis gestellt und dazu noch allerlei gute Gaben gereicht. Von

der dazu damals schon gebräuchlichen scharfen Currysauce berichtet er

uns nicht, obschon er wohl selbst an solchem Mahle teilgenommen hat.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 5 / 77 段