Unter den angestammten Getreidearten der Alten Welt ist der +Roggen+

(~Secale cereale~) mit dem Hafer entschieden der jüngste. Er kann

in Mitteleuropa erst in der Übergangsperiode von der Bronze- zur

Eisenzeit nachgewiesen werden. Den Pfahlbauten der Schweiz fehlte

er noch gänzlich, während er hier zur Römerzeit angebaut wurde,

wie mehrfache Funde und Angaben der Schriftsteller beweisen. In

Dänemark tritt er in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten auf;

doch findet er sich am allerhäufigsten in den frühmittelalterlichen

slawischen Niederlassungen. Die Slawen brachten ihn den finnischen

und germanischen Stämmen, bei denen er, die ältere Gerste überholend,

vielfach das Hauptbrotgetreide, das „Korn“ schlechthin, wurde.

Die Heimat des Roggens ist in der sarmatischen Ebene in Südrußland

zu suchen, von wo aus sein Anbau nach Norden zu den eben genannten

Volksstämmen, sowie westwärts nach Thrakien gelangte. Zuerst erwähnt

ihn der ältere Plinius (23 n. Chr. in Como geboren und 79 als

Befehlshaber der Flotte bei Misenum beim Vesuvausbruch umgekommen)

als die Hauptbrotfrucht der keltischen Bevölkerung der Poebene; doch

hat dem vornehmen Römer das kräftige, daraus bereitete Brot, das

„Schwarzbrot“, so wenig als den verweichlichten Kulturnationen unserer

Zeit behagt. Er schreibt in seiner Naturgeschichte: „Der Roggen

(~secale~), den die Tauriner am Fuße der Alpen ~asia~ nennen, ist das

geringste Getreide, kann nur zur Stillung des Hungers dienen, gibt

übrigens viele Körner, hat einen dünnen Halm und liefert ein dunkles,

schweres Mehl. Um diesen Geschmack zu verbessern, mischt man ihm Spelt

bei; aber dennoch ist er dem Magen im höchsten Grade zuwider. Er wächst

in jedem Boden, trägt etwa hundertfältig und schont den Boden“ --

was übrigens durchaus nicht der Fall ist. Auch der griechische Arzt

Galenos (131-200 n. Chr.), der uns das zweite bekannte Zeugnis über den

Roggen überliefert hat, kann sich mit ihm durchaus nicht befreunden.

Er sagt über ihn in seiner Schrift von den Eigenschaften der Speisen:

„Auf vielen Äckern Thrakiens und Makedoniens habe ich eine Getreideart

gesehen, die der Granne und dem ganzen Äußeren nach unserer asiatischen

~típhē~ (wahrscheinlich Einkorn) ähnlich war. Ich fragte die Leute

nach dem Namen, und sie antworteten, die ganze Pflanze wie auch der

bloße Samen heiße ~bríza~. Das daraus bereitete Brot riecht unangenehm

und ist schwarz.“ So wenig nun auch das Roggenbrot bei den Gebildeten

jener Zeit Anklang fand, so scheint sich doch die Roggenkultur

damals südwärts ausgedehnt zu haben; denn in einem diokletianischen

Erlaß aus dem Beginne des 4. Jahrhunderts wird der Roggen unter den

Getreidepflanzen an dritter Stelle gleich hinter Weizen und Gerste

genannt.

In Oberitalien und den Alpengegenden wird er heute noch ziemlich

viel gepflanzt; doch ist sein Hauptverbreitungsgebiet Deutschland

und Westrußland, wo er das „Korn“ schlechthin genannt wird. In

diesen Ländern ist das schwarze Roggenbrot ein Hauptnahrungsmittel

der Landbevölkerung. Ist es auch etwas weniger nahrhaft als das aus

Weizenmehl hergestellte Weißbrot, so ist es dafür schmackhafter und

hält sich viel länger weich und genießbar als letzteres, das leicht

austrocknet und dadurch seinen Wohlgeschmack verliert. Enthält der

Weizen 64 Prozent Stärkemehl und gegen 13 Prozent Eiweißstoffe, so

enthält das Roggenkorn nur 60 Prozent Stärkemehl und 11 Prozent Eiweiß.

Außer zum Brotbacken wird der Roggen noch zum Branntweinbrennen

verwendet. Die Kleie, welche beim Mahlen des Roggenkorns als Abfall

zurückbleibt, dient, wie auch das ganze geschrotene Korn, als

Viehfutter; außerdem wird der Roggen als voluminöse Halmfrucht oft vor

seiner Reife als Grünfutter geschnitten und an das Vieh verfüttert. Das

Stroh findet als Häcksel und zur Einstreu für das Vieh, beim Dachdecken

und in der Papierfabrikation, ebenso zur Herstellung von Strohmatten,

Flaschenmuffen und ähnlichen Gebrauchsgegenständen Verwendung.

Der Roggen stellt weit geringere Ansprüche an die Güte des Ackerbodens

und ist auch mit einer geringeren Sommerwärme zufrieden als der Weizen.

In Skandinavien gedeiht der Roggen selbst noch am Nordkap, und in den

Alpen steigt er so hoch hinauf als die höchsten Felder reichen. So

findet er sich bei Findelen im Kanton Wallis noch bei 2075 m und

bei Lü im Münstertal bei 1900 m Höhe neben der Gerste angebaut.

Er wird sowohl einjährig als Sommerroggen, als auch zweijährig als

Winterroggen angebaut, indem man die Saat frühzeitig im Herbst

anpflanzt und den Keimlingen dadurch Zeit zu reichlicher Bestockung

gewährt. Die Roggenähre ist in ihrer Zusammensetzung derjenigen des

Weizens sehr ähnlich, doch hüllen die beiden viel kleineren Hüllspelzen

nicht wie dort das ganze Ährchen ein. In jedem Ährchen entwickeln

sich nur zwei Blüten, so daß die reifen Körner in der Ähre in vier

Längsreihen angeordnet sind.

Als einziger Rispenträger unter unseren Getreidegräsern kann der

+Hafer+ (~Avena sativa~) nicht leicht mit einer anderen Getreideart

verwechselt werden. Er stammt höchst wahrscheinlich vom Flughafer

(~Avena fatua~) ab, den noch die Römer nur als unbrauchbares

Feldunkraut kannten. Als Kulturform unterscheidet er sich von der

wilden Stammform hauptsächlich dadurch, daß, abgesehen von den

größeren Körnern, die Spindel der Ährchen nicht mehr so brüchig ist

und die Früchte deshalb nicht so leicht abfallen. Diese Veredelung

wurde gleichfalls durch zielbewußte Kulturauslese erreicht, und zwar

vermutlich in Südostrußland, in der kaspisch-kaukasischen Ebene oder

in dem daran angrenzenden turkestanischen Tiefland. Von hier drang er

schon in vorgeschichtlicher Zeit westwärts, wo wir ihn nördlich der

Alpen in den schweizerischen Pfahlbauten und in etwa gleichzeitigen

Landansiedelungen Deutschlands schon zur Bronzezeit antreffen. Hier

lernten ihn später die Römer als menschliches Nahrungsmittel kennen.

Sie staunten über das „barbarische Brotkorn“ der Germanen, wie sie es

nannten; denn sie sahen in dem Kulturhafer nur den ihnen als lästiges

Ackerunkraut bekannten Flughafer, den sie höchstens als Viehfutter und

Arzneimittel gelten ließen.

Die Griechen der homerischen Zeit kannten den Hafer noch nicht. Der

erste griechische Schriftsteller, der ihn erwähnt, ist der Arzt

Dieuches aus dem Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr., der sagt, man

könne aus dessen Körnern einen Brei kochen, der leichter verdaulich

als der gewöhnlich genossene Gerstenbrei sei. Der ausgezeichnete

griechische Botaniker Theophrastos (371-286 v. Chr.) kennt ihn nur

als ein Ackerunkraut, ebenso der ältere Cato (234-149 v. Chr.), der

in seiner Schrift über den Landbau sagt, man müsse den Hafer beim

Hacken und Jäten des Getreides als lästiges Unkraut ausreißen. Auch

die römischen Dichter Vergil (70-19 v. Chr.) und Ovid (43 vor bis 17

nach Chr.) kennen ihn nur als solches. Ersterer sagt in einer seiner

Eklogen, d. h. ausgewählten Gedichte: „Meine Felder liegen öde; da, wo

ich Gerste gesät, wächst der unglückselige Taumellolch (~lolium~) und

unfruchtbarer Hafer (~sterilis avena~)!“ Und in seiner Georgika, einem

Gedicht über den Landbau, klagt er: „Gar mancher sät zu früh, seine

Saat verdirbt und sein Feld trägt dann nichts als unnützen Hafer (~vana

avena~).“

Erst der römische Ackerbauschriftsteller Columella aus Spanien im 1.

Jahrhundert n. Chr. spricht von seiner Verwendung als Viehfutter:

„Hafer wird gesät, um grün oder als Heu verfüttert zu werden; man läßt

auch welchen stehen, um wieder Samen zu bekommen.“ Sein Zeitgenosse

Plinius (23-79 n. Chr.) meint: „Der Hafer (~avena~) ist ein unter

dem Getreide vorkommendes Unkraut und entsteht durch Entarten der

Gerste. Die germanischen Völker säen ihn und essen keinen anderen Brei

als Haferbrei.“ Der 131 n. Chr. in Pergamon in Kleinasien geborene

griechische Arzt Claudios Galenos, der zuerst in seiner Vaterstadt

und dann in Rom, wo er um 200 starb, die Heilkunst ausübte, schreibt

über den ~brómos~, was man bisher mit Hafer übersetzte, da Plinius

an einer Stelle die eßbaren Samen einer Getreideart so bezeichnet,

das aber wahrscheinlicher eine Wickenart bedeutet, da Galenos ihn

ausdrücklich als Hülsenfrucht bezeichnet: „Der ~brómos~ wird in großer

Menge in Asien angebaut, besonders in Mysien, das über Pergamon liegt.

Er dient als Futter für das Zugvieh; von Menschen wird nur zur Zeit

von Hungersnot daraus gebackenes Brot gegessen. Außer einer Hungersnot

wird er nur selten, und dann in Wasser gekocht und mit süßem Wein

oder eingekochtem Most oder Honigwasser gegessen. Er gibt nicht gar

viel Nahrung und das aus ihm bereitete Brot schmeckt nicht angenehm,

bekommt aber gut.“ Wenn wir nun auch diese Notiz nicht für den Hafer

verwenden können, so ist uns doch aus späterer Zeit der Anbau von Hafer

als Viehfutter wenigstens im oströmischen Reiche verbürgt. Als solcher

erscheint er zwar noch nicht als Getreide für den Menschen, wohl aber

unter den Futterkräutern fürs Vieh im bereits erwähnten Erlaß des

Kaisers Diokletian (239-313) und der Kirchenvater Hieronymus (340-420)

sagt an einer Stelle, der Hafer werde wie die Wicke von den weidenden

Tieren gefressen. So dient er auch heute noch in Norditalien wie in

Griechenland nur als Grünfutter, während als Pferdefutter allgemein

Gerste benutzt wird.

[Illustration: Bild 6. Flugbrand des Getreides (~Ustilago segetum~).

~a~ Vom Flugbrand befallener Hafer.

Der Parasit dringt in die junge Haferpflanze ein und entwickelt

sich in derselben unsichtbar weiter, bis bei der Blütenbildung das

mitgewandelte Pilzmyzel in die jungen Fruchtknoten eindringt und

dort, reichlich ernährt, das ganze Korn zerstört, indem es ihn in

einen Haufen winzigster Brandsporen umwandelt.

~b~ In Wasser keimende Brandspore bei 800facher Vergrößerung.]

Das eigentliche Kulturgebiet des Hafers als Getreidefrucht des Menschen

ist das Europa nördlich der Alpen, so weit es nicht zu kalt für ihn

wird. Bezüglich seiner Ansprüche an die Beschaffenheit des Ackerbodens

ist er genügsamer als alle übrigen Getreidearten. Er kann ebensogut

auf geringem Sandboden, als auf schwerem Tonboden oder auf Moorboden

angebaut werden. Trotzdem ist seine geographische Verbreitung nicht

so groß als diejenige von Weizen und Gerste, weil sein Anbau ein

wärmeres Klima erfordert und er sich langsamer als jene entwickelt.

Im Norden erreicht seine Kultur den 70. Breitengrad nicht und in den

Alpen steigt er nicht über 1670 m Meereshöhe. Man baut ihn

als Sommergetreide mit früher Aussaat. Er leidet wie die übrigen

Getreidearten vornehmlich durch den Flugbrand, der in nassen Jahren

große Verheerungen anrichtet.

Den meisten Hafer produzieren die Vereinigten Staaten von Nordamerika,

dann folgen Rußland und Deutschland mit Mengen, welche die

Weizenproduktion der betreffenden Länder noch weit übersteigen. Auch

Frankreich und Österreich liefern beträchtliche Mengen. Im Verhältnis

zur Größe des bebauten Landes ist die Haferproduktion in den nordischen

Ländern: Schweden, Norwegen, Dänemark, Schottland und Kanada besonders

groß; in Schweden liefert z. B. der Hafer mehr als die Hälfte alles

überhaupt gewonnenen Getreides. Dort und in Norwegen wird aus ihm ein

trockenes, jahrelang haltbares Fladengebäck, das Fladbrot -- eine Art

Zwieback -- verfertigt, das als Volksnahrung eine große Rolle spielt.

Auch in Schottland bäckt man aus dem Hafermehl harte, ungesäuerte

Kuchen. Das nationale Frühstücksessen der Schotten, Iren und vieler

Engländer aber ist die mit Milch gekochte Hafergrütze, der ~porridge~,

der vor dem Aufkommen des Kaffees auch bei uns in Süddeutschland und

der Schweiz als „Habermus“ als solches figurierte und neuerdings sich

glücklicherweise immer mehr als äußerst rationelles erstes tägliches

Essen einbürgert. Sonst wird der Hafer zu Schleimsuppen, Grütze, Grieß

und Brei verwandt, besonders aber an Pferde verfüttert. Haferstroh

dient wie dasjenige der übrigen Getreidearten in der Landwirtschaft als

Streu und wird zu Häcksel verschnitten.

[Illustration: Bild 7. Rispenhirse (~Panicum miliaceum~). (Nach Hegi.)]

Weiter sind die +Hirse+arten wichtige Getreidegräser. Diese ein- bis

zweiblütigen Rispengräser sind leicht daran zu erkennen, daß die Deck-

und Vorspelze hart und häufig glänzend sind. Eine der größten der

gegen 500 bekannten Arten ist die +Rispenhirse+ (~Panicum miliaceum~),

deren Stammform bisher unbekannt ist. Jedenfalls ist sie irgendwo in

Zentralasien zur Kulturpflanze erhoben worden und hat von da schon

sehr frühe ihren Eroberungszug über die ganze Alte Welt angetreten.

So gelangte sie schon in der neolithischen Zeit nach Mitteleuropa

und wurde hier von den Stämmen der jüngeren Steinzeit neben Gerste

und Weizen angepflanzt. In den neolithischen Pfahlbauten der Schweiz

finden wir die Hirsekörner so verquetscht und zu brotähnlichen Massen

verknetet, daß eine Bestimmung der Art nach den Körnern unmöglich ist.

Auch aus den antiken Schriftstellern werden wir nicht klug, welche

Hirseart von den von ihnen beschriebenen fremden Völkern verzehrt

wurde. Im ganzen scheint die Rispenhirse darunter verstanden worden

zu sein: doch ist daneben damals schon in Mitteleuropa eine zweite

Art nachweisbar. Es ist dies die +Kolbenhirse+ (~Panicum italicum~),

deren Stammform als ~Panicum viride~, ein durch die gemäßigte Zone

der alten Welt verbreitetes Unkraut bildet. Sie unterscheidet sich

von der kultivierten Form nur durch geringere Größe und das spontane

Abfallen der Fruchtähren bei der Reife. Auch diese Wildhirse scheint

in Innerasien zuerst als Getreide in die Pflege des Menschen genommen

worden zu sein und hat sich früh nach allen Richtungen verbreitet.

Schon ums Jahr 2800 v. Chr. treffen wir sie neben Weizen, Gerste, Reis

und Sojabohne in China angebaut. Noch früher muß sie in Nordindien

kultiviert worden sein, wo sie die Arier bei ihrer Einwanderung

als die gewöhnliche Brotfrucht der Eingeborenen überall angebaut

fanden. Doch verschmähten sie selbst zunächst dieses Korn, das ihnen

minderwertig erschien. Wie im Sanskrit treffen wir eine Bezeichnung

für sie im Altägyptischen, doch ist ihre Kultur weder im Niltal, noch

in Mesopotamien zu größerer Bedeutung gelangt, da hier offenbar schon

ältere Getreidearten so gut eingebürgert waren, daß sie sie nicht aus

ihrer herrschenden Stellung zu verdrängen vermochte. Dagegen war sie

von jeher bei den Negern in Afrika das Hauptgetreide. Wie der spätere

Plinius, sagt der um 25 n. Chr. verstorbene weitgereiste griechische

Geograph Strabon aus Amasia im Pontusgebiet: „In Äthiopien leben die

Leute (Neger) von Rispenhirse (~kénchros~) und von Gerste (~krithḗ~)

und machen aus beiden ihren Trank.“ Auch bei den Steppenvölkern

Südrußlands war die Hirse die wichtigste Nährfrucht. So sagt derselbe

Autor: „Das Tal des ins Schwarze Meer fließenden Thermodon ist feucht,

mit frischem Grün bedeckt, ernährt Herden von Rindern und Pferden und

die meisten Felder sind mit Kolbenhirse (~élymos~) und Rispenhirse

(~kénchros~) bestellt. Noch nie haben die Leute in diesem Tale

Hungersnot erlebt.“ Auch im Hochlande von Armenien fanden die Griechen

im Jahre 400 v. Chr. auf ihrem Rückzuge nach der unglücklichen Schlacht

von Kunaxa laut dem Berichte ihres Führers Xenophon, der ihn in seiner

Anabasis beschrieb, die Kolbenhirse (~élymos~) als Hauptgetreide

angepflanzt.

Die ältesten Griechen bauten die Hirse nicht an. Nirgends wird sie in

den homerischen Epen erwähnt. Von den griechischen Schriftstellern

nennt sie zuerst Hesiod im achten vorchristlichen Jahrhundert, aber an

einer wahrscheinlich später eingeschobenen Stelle. Erst den späteren

Griechen war sie wohlbekannt, sowohl die Rispenhirse ~kénchros~,

als auch die Kolbenhirse ~élymos~ oder ~melínē~. Der griechische

Pflanzenkundige Theophrast (390-286 v. Chr.) erwähnt beide als Getreide

(~sítos~) und sagt, daß man sie im Sommer säe. Besonders die Spartaner

werden uns als Hirseesser bezeichnet; auch in Athen war der Hirsebrei

ein gewöhnliches Gericht. Doch urteilt der aus Anazarbos in Kilikien

gebürtige griechische Arzt Dioskurides um die Mitte des 1. Jahrhunderts

n. Chr. in seiner Arzneimittellehre: „Die Rispenhirse (~kénchros~)

hat, wenn sie in Brot verwandelt wird, weniger Nährkraft als anderes

Getreide. Als Brei wird sie arzneilich gebraucht, auch legt man sie

geröstet in Säckchen auf schmerzende Stellen. -- Die Kolbenhirse

(~élymos~) heißt auch ~melínē~; sie ist ein der Rispenhirse ähnliches

Getreide, wird ebenso zu Speise und Arznei gebraucht, hat aber weniger

Nährkraft als jene.“

Eine etwas größere Rolle als in Griechenland, wo sie im ganzen nur

geringe Bedeutung erlangte, spielte die Hirse bei den Volksstämmen

Italiens. Auch bei ihnen wurden beide Arten gepflanzt, die Rispenhirse

als ~milium~ und die Kolbenhirse als ~panicum~. Letzterer Name hängt

mit ~panis~ = Brot zusammen und beweist, daß das Mehl der Kolbenhirse,

wie schon bei den neolithischen Pfahlbauern, vorzugsweise zu

fladenartigem, nicht getriebenem Brot verbacken wurde, während man aus

dem gemahlenen Korn der Rispenhirse mit Vorliebe einen in der Regel

nur mit Wasser, ausnahmsweise mit Milch gekochten Brei herstellte.

In seiner Naturgeschichte sagt Plinius: „Die Rispenhirse (~milium~)

gedeiht vorzüglich in Kampanien, man kocht dort aus ihr einen weißen

Brei (~puls~) und bäckt aus ihr ein recht süßes Brot. Die sarmatischen

Völker (Nomadenvölker im Norden des Schwarzen Meeres, ein Teil der

Skythen) leben vorzugsweise von solchem Hirsebrei, mischen auch

rohes Mehl mit Pferdemilch oder mit Blut aus den Schenkeladern des

Pferdes und essen es so. Die Neger kennen keine andere Feldfrucht als

Rispenhirse und Gerste. -- Die Kolbenhirse (~panicum~) ist in ganz

Gallien gebräuchlich; in Italien pflanzt man sie in der Landschaft, die

der Po durchfließt, und mischt (gemahlene) Saubohnen hinzu, ohne welche

man dort überhaupt nichts zubereitet. Die pontischen Völker (besonders

in Kaukasien und dem nördlichen Kleinasien) ziehen die Kolbenhirse

jeder anderen Speise vor.“ Auch die iberischen Volksstämme bauten ihn

mit Vorliebe an. So sagt der überaus gelehrte Marcus Terentius Varro

(116-27 v. Chr.) in seiner Schrift über den Landbau: „In den Erdgruben,

die man in Spanien zur Aufbewahrung des Getreides anlegt, hält sich

die Rispenhirse (~milium~) mehr als 100 Jahre lang gut.“ Und der aus

Spanien stammende Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert

n. Chr. schreibt: „Zum Getreide kann man auch die Kolbenhirse

(~panicum~) und die Rispenhirse (~milium~) rechnen. Sie verlangen einen

leichten, lockeren Boden und gedeihen selbst auf magerem Sand, wenn

er nur feucht ist und Regen darauf fällt; trockenen und tonigen Boden

scheuen sie. Vor dem Frühjahr darf man sie nicht säen, weil sie die

Wärme lieben; die beste Zeit der Aussaat ist Ende März. Die Aussaat ist

an sich wohlfeil, weil man dem Maß nach nicht viel streut; später macht

sich aber ein oftmaliges Behacken und Jäten nötig. Die Ernte geschieht,

bevor die Samen ausfallen, indem man die Samenrispen (~spicae~) mit

der Hand abpflückt. Man hängt sie alsdann in die Sonne, trocknet sie,

hebt sie dann auf dem Kornboden auf, und so halten sie sich länger

als anderes Getreide. Aus der Rispenhirse bereitet man Brot, das

sich gut essen läßt, solange es noch warm ist. Die Kolbenhirse wird

durch Stampfen (in Holzmörsern) von der Schale befreit und gibt dann,

besonders mit Milch gekocht, einen Brei, der nicht übel schmeckt. Die

Rispenhirse kann ebenso zu Brei gekocht werden.“

Trotzdem die Hirse bei den Volksstämmen Italiens gebaut wurde,

trat sie, gleich der Gerste, vor dem Spelt und später dem Weizen

zurück. Nur wenn die letzteren nicht gut gerieten, war man über jene

mindergeschätzten, aber ausgiebigeren Getreidearten froh. Speziell in

der Poebene und im südlichen Gallien wurden sie noch lange von den

dort wohnenden keltischen Stämmen bevorzugt. Als Cäsar die Hafenstadt

Massalia (das heutige Marseille) belagerte, ernährten sich die

Einwohner mit alter Hirse und verdorbener Gerste, die sie für derartige

Zeiten der Not aufgespeichert hatten. In ähnlicher Weise wurden noch zu

Anfang des 6. nachchristlichen Jahrhunderts während einer Hungersnot zu

Pavia und Tortona große Mengen von Hirse aus den städtischen Magazinen

zu sehr niedrigen Preisen an das Volk abgegeben, ein Beweis dafür, daß

der Hirsebau sich im keltischen Oberitalien auch unter römischer und

gotischer Herrschaft behauptete.

Bis ins 18. Jahrhundert hinein war der Hirsebau in Mitteleuropa

ziemlich verbreitet, und bei unseren Vorfahren bildete der Hirsebrei

neben dem Hafermus die tägliche Morgenkost, die seither durch

Kaffee und Brot verdrängt wurde. Nur in Nordchina, Zentralasien und

Südrußland bildet diese Körnerfrucht heute noch eine der wichtigsten

Getreidearten, die als Brei und Kuchen von jedermann täglich genossen

wird. Vom Kaspischen Meer bis zur Donaumündung ist die Hirse sogar die

Hauptnährfrucht, und bis vor 50 Jahren war es in Südrußland allgemein

geübte Sitte, den Toten außer Brot und Branntwein einen Topf voll

Hirsebrei mit ins Grab zu geben.

Tiefer nach Afrika hinein drang der Anbau dieser nordischen Hirsearten

niemals vor, da hier verschiedene einheimische Hirsearten bereits große

Bedeutung erlangt hatten. Unter ihnen ist vor allem die +Negerhirse+

(~Pennisetum spicatum~) zu nennen, deren Heimat das tropische Afrika

ist. Von hier aus drang sie früh nach Ägypten und teilweise auch

Palästina vor, wo sie schon im Alten Testament als ~duchn~ genannt

wird, eine Bezeichnung, die heute noch bei den Arabern gebräuchlich

ist, während die Neger sie gewöhnlich ~mavele~ nennen. Sie wird 2 m

hoch und bildet walzenförmige Fruchtstände von über 30 cm Länge und

bis 4 cm Dicke, in denen die Körner sich dichtgedrängt finden. Das

daraus gewonnene feine Mehl wird, mit Wasser angemacht, zu einer

wohlschmeckenden Grütze gekocht, die in vielen Gegenden Afrikas die

Hauptnahrung der Eingeborenenbevölkerung bildet.

Allerdings ist in diesem Kontinente eine andere Hirseart noch viel

beliebter und deshalb verbreiteter. Es ist dies die +Mohrenhirse+ oder

das +Neger+- bzw. +Kafferkorn+ (~Andropogon sorghum~), von den Arabern

~durra~, von den Negern jedoch meist ~mtamma~ genannt. Von ihr gibt es

eine Menge Varietäten, die 2-7 m hoch werden, bis 1 m lange und 7-10 cm

breite Blätter treiben und schließlich eine mehr oder weniger gedrängte

endständige Rispe hervorbringen, an denen die 4-5 mm langen und

3-4 mm breiten Früchte sitzen. Bei der wilden Urform, dem aleppischen

Bartgrase (~Andropogon halepense~), die über die wärmeren Gebiete der

ganzen Erde verbreitet ist und in manchen Gegenden an Wasserläufen

große Dickichte bildet, fallen die die Ährenpaare tragenden Ästchen des

Blütenstandes nach der Fruchtreife ab, während sie bei den Kulturformen

stets erhalten bleiben. Auch werden die Früchte der wilden Form ganz

und gar von den Hüllspelzen umhüllt, während dies nur bei einer

einzigen, noch wenig durch Kulturauslese veränderten Kulturform der

Fall ist. Die zahlreichen Kulturvarietäten unterscheiden sich nun

durch Gestalt, Größe und Farbe der Hüllspelzen, die von Schneeweiß zu

Gelb, Rot, Braun und Schwarz wechseln, wie auch durch die Gestaltung

der Rispe, die bald weitschweifig und flatterig wie bei der Stammform

ist, bald mehr oder weniger gedrängte, elliptische bis kugelige Kolben

bildet.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte · 第 4 / 77 段