+Gerste+ (~Hordeum vulgare~) angepflanzt, die die Hauptnährfrucht der
Indogermanen war und bei ihnen wenigstens in das 4. vorchristliche
Jahrtausend zurückreicht. In Europa scheint sie die älteste überhaupt
angepflanzte Getreideart gewesen zu sein, die in der frühneolithischen
Zeit ausschließlich angebaut wurde, bis schließlich von Osten her
aus Asien auch der Weizen hinzukam, den wir dann in der späteren
neolithischen Zeit neben der älteren Gerste als Brotfrucht antreffen.
Die Kulturgerste stammt von der von den Kaukasusländern bis Persien und
Beludschistan einerseits und Mesopotamien andererseits verbreiteten
wilden Gerste (~Hordeum spontaneum~) ab. Diese steht der zweizeiligen
Gerste am nächsten und unterscheidet sich von ihr fast nur durch
die brüchige Spindel der Ähre, die der Mensch mit der Zeit durch
entsprechende Kulturauslese in eine zum Zwecke der leichteren Ernte
notwendige zähe Spindel umwandelte. Bei dieser Kornfrucht sind
im Gegensatz zum Weizen und Roggen, bei welchen jeder Absatz der
Ährenspindel nur ein einziges Ährchen trägt, stets drei Ährchen
nebeneinander gestellt, um welche die Hüllspelzen eine Art Manschette
bilden. Sind nun sämtliche Ährchen voll ausgebildet, so erhält man
sechs Reihen derselben, die sich entweder deutlich voneinander abheben,
dann haben wir die sechszeilige Gerste vor uns, oder von denen
nur die Mittelzeile deutlich hervortritt, während die Nebenzeilen
ineinander fließen, wie bei der gemeinen, auch vierzeiligen Gerste.
Bleiben dagegen die seitlichen Ährchen unentwickelt, so resultiert die
zweizeilige Gerste.
Von einer zweizeiligen Urform haben sich die vier- und sechszeiligen
Gerstearten schon in sehr früher vorgeschichtlicher Zeit ausgebildet;
denn letztere treten uns nicht bloß in den neolithischen
Pfahlbauten Mitteleuropas, sondern auch in den Grabbeigaben der
ältesten ägyptischen Dynastien aus dem vierten vorchristlichen
Jahrtausend entgegen. Ja, die sechszeilige Gerste war, in der Abart
~H. pyramidatum~ mit pyramidenförmig zugespitzten Ähren, im ganzen
Altertum bis in junge historische Zeiten hinein die gewöhnlichste
Kulturart, während die vierzeilige erst in neuerer Zeit wenigstens in
Europa größere Bedeutung erlangte. Heute ist letztere wohl hier die
verbreitetste Saatgerste.
Neben dem allerdings viel häufiger angepflanzten Weizen finden wir
auch die Gerste, im Altägyptischen ~ati~ genannt und in einer weißen
und roten Sorte unterschieden, im Niltal schon zur Zeit der ältesten
Dynastien kultiviert. Doch scheint sich hier namentlich die arme
Bevölkerung damit ernährt zu haben und daraus hergestelltes Brot oder
Brei ihren Toten ins Grab mitgegeben zu haben. In den ungebrannten,
nur an der Sonne getrockneten Backsteinen der Stufenpyramide von
Daschur aus dem Ende des vierten vorchristlichen Jahrtausends
fanden sich außer langgeschnittenem Stroh, Unkraut und den Blättern
mehrerer Sumpfpflanzen Überreste der vierzeiligen und sechszeiligen
Gerste neben solchen von Weizen. Als Beigabe aus Gräbern des alten
Reiches kam in Sakkara eine Schale mit zertrümmerten Gerstenähren,
im Gräberfeld von Theben dagegen erhärtete Breiklumpen von grob
zerriebenen Gerstenkörnern zutage. Auch in Wandmalereien finden wir
Ähren dargestellt, die in äußerst schematischer Weise den Charakter der
Gerstenähre zeigen.
Weiter nördlich und westlich finden wir in den neolithischen
Fundplätzen Kleinasiens und Süd- bis Mitteleuropas neben verkohlten
Überresten des Zwergweizens auch solche von Gerste, deren Körner
durch außerordentliche Kleinheit ausgezeichnet sind. Eine schon etwas
großkörnige Gerstenart finden wir in den schweizerischen Pfahlbauten,
in denen neben dem kleinen Pfahlbauweizen die kurze sechszeilige Gerste
nach den Untersuchungen von Oswald Heer weitaus das häufigste Getreide
war. Neben ihr wurde auch die dichte sechszeilige und die zweizeilige
Gerste angepflanzt, aber sehr viel seltener als die kurze sechszeilige
Gerste, die als das eigentliche Pfahlbaugetreide bezeichnet werden
kann. Jedenfalls nahm sie den weitaus größten Raum in den primitiv
genug mit der Holzhacke in gerodeten Waldlichtungen angelegten und
niemals gedüngten Hackfeldern der Pfahlbauern ein, die, sobald ihr
Ertrag durch Erschöpfung des Bodens nachließ, verlassen wurden, um auf
frisch gerodetem, jungfräulichem Boden durch neue ersetzt zu werden.
Auch in den Überresten der jüngeren Steinzeit Nordeuropas wie in
denjenigen der ganzen Bronze- und Eisenzeit finden wir die Gerste
durch ganz Mitteleuropa von Ungarn bis Frankreich recht häufig.
Besonders im Norden hat sie sich in der Folge so gut eingebürgert, daß
sie beispielsweise in Schweden bis tief ins 15. Jahrhundert hinein
überhaupt das einzige dort angebaute Getreide war, während Roggen und
Weizen bis in die Mitte jenes Jahrhunderts als für jene Gegenden neue
und ungewöhnliche Getreidearten bezeichnet wurden. Kürzlich fand man,
wie schon früher wiederholt, in der Fundschicht einer dem 5. oder
6. Jahrhundert n. Chr. angehörenden Ansiedlung in der schwedischen
Provinz Östergötland einen kleinen halbkugeligen verkohlten Gegenstand,
der sich bei genauerer Untersuchung als ein grobgemahlenes, mit
Steinsplitterchen des Mahlsteines vermischtes vorgeschichtliches
Gerstenbrot erwies.
Meist läßt sich allerdings an den vorgeschichtlichen Gerstenkörnern
nicht sicher bestimmen, welcher Art von Gerste sie angehören, und
auch die Schriftsteller des Altertums sprechen sich in der Regel
nicht deutlich genug über die Verschiedenheit der Gerstensorten aus.
Stets ist es die kurze sechszeilige Gerste, das Hauptgetreide der
Pfahlbauern, welche wir neben dem Weizen deutlich erkennbar auf den
griechischen Münzen abgebildet finden. Sie ist es, die wir auf den
ältesten, nur auf einer Seite geprägten Münzen aus dem 6. Jahrhundert
v. Chr. (Münzen der griechischen Stadt Metapontion am Meerbusen
von Tarent in Unteritalien) in Form einer prächtig ausgeführten,
langen, begrannten Ähre als das Symbol der ~pólis~, des städtischen
Gemeinwesens, abgebildet finden. Ein Vierdrachmenstück einer andern
griechischen Stadt, nämlich Leontinon auf Sizilien, aus dem fünften
vorchristlichen Jahrhundert zeigt um einen Löwenkopf herum vier
einzelne Körner derselben Getreideart. Zwei Münzen aus Skotussa und
Methydrion in Thessalien geben Abbildungen eines einzelnen Ährchens des
grannenlosen Winterweizens wieder, während ein Obolos von Orchomenos in
Böotien ein einzelnes Weizenkorn derjenigen Abart des gemeinen Weizens
zeigt, welche gegenwärtig als englischer Weizen bezeichnet und heute
noch vorzugsweise in den Mittelmeerländern angebaut wird.
Auf einer zweiten Münze von Metapontion aus späterer Zeit als
die erstgenannte, sitzt auf der dichtgedrängten kurzen Ähre der
sechszeiligen Gerste eine Wanderheuschrecke, auf der Rückseite aber ist
Apollon mit dem Lorbeerzweig, der die Gerstenfelder vor der furchtbaren
Heuschreckenplage bewahrende Gott, dargestellt. Auf einer anderen
Münze aus dieser unteritalischen Stadt ist neben der Gerstenähre eine
Zwergmaus auf einem Gerstenblatte dargestellt und auf der Rückseite
Ceres, die Beschützerin der Gerstenfelder vor der Mäuseplage, in
deren Haar die Ähren derselben Gerstenart geflochten sind. „Selbst in
diese kleinen Ähren, wie in die fast ebenso kleinen auf campanischen
Münzen -- neben dem Pferdekopf --“ sagt der verstorbene Züricher
Botaniker Oswald Heer 1865, in einer Arbeit über die Pflanzen der
Pfahlbauten, „wußte der Künstler den Charakter der heiligen (kurzen,
sechszeiligen) Gerste zu legen, während auf modernen Münzen, so denen
der französischen Republik von 1848, kein Mensch zu unterscheiden
vermag, ob Gerste, oder Weizen, oder Roggen dargestellt sein soll.“
Auf einer andern Münze von Metapontion ist der Sperling, dieser stete
Begleiter des Getreides, auf einer weiteren die Getreidemücke neben der
Gerstenähre deutlich erkennbar abgebildet. Daraus können wir schließen,
daß das Getreide schon damals unter denselben tierischen Feinden wie
heute zu leiden hatte. Wenn nun auch aus den metapontischen Münzen
nicht zu entscheiden ist, welche Art von Gerste gemeint sei, so zeigen
uns diejenigen von Leontinon nach der Gestalt der einzelnen Körner,
daß wir es hier mit der kleinen, kurzen, sechszeiligen Gerste zu tun
haben, wie sie schon von den neolithischen Pfahlbauern angebaut wurde,
die also der Urtypus der heiligen, auf den altgriechischen Silbermünzen
dargestellten Gerste ist.
Die Griechen der homerischen Zeit, zu Ende des vorletzten Jahrtausends
v. Chr., übten schon längst den Anbau dieser Gerste neben demjenigen
von Weizen aus. In der Ilias und Odyssee ist neben dem Weizen (~pyrós~)
vielfach von der Gerste (~kri~), bei den späteren Griechen ~krithé~
genannt, die Rede, die fast stets den schmückenden Beinamen „die weiße“
(~leukón~) trägt. So werden in beiden Epen die Pferde mit Gerste und
~ólyra~, das ist eine Art Spelt, gefüttert. Dioskurides sagt uns
nämlich in seiner Arzneimittellehre, daß die ~ólyra~ zu derselben
Pflanzenart wie der Spelt (~zeiá~) gehöre, aber etwas weniger als
dieser nähre. Auch aus ihm werde Brot gebacken. Der eigentliche Spelt
(~zeiá~) kommt nicht in der Ilias, sondern nur in der jüngeren Odyssee
vor. Als der Atride Agamemnon, dem Sohn des Odysseus, Telemachos, bei
seinem Besuche in Mykene als übliches Gastgeschenk Pferde schenken
wollte, sagt dieser zu ihm: O Sohn des Atreus, willst du mir ein
Geschenk machen, so möge dies klein und wertvoll sein. Die Rosse, die
du mir schenken willst, möchte ich lieber nicht annehmen. Sie bleiben
besser bei dir, denn du herrschest über weite Gefilde, wo viel Klee
wächst und Weizen, Spelt (~zeiá~) und weiße Gerste; Ithaka dagegen ist
(weil gebirgig) nicht für Rosse passend, dagegen für Ziegen.
In der Ilias wird „auf der Tenne die weiße Gerste leicht von den
Füßen der darüber getriebenen Ochsen ausgedroschen“, und im ganzen
griechischen Altertum galt die „weiße Gerste“ als besser als die
„rötliche Gerste“, wie schon Theophrast unterscheidet. Und der
griechische Arzt Dioskurides im 1. Jahrhundert n. Chr. sagt: „Die
Gerste ist am besten, wenn sie weiß und rein ist. Sie enthält zwar
weniger Nahrungsstoff als der Weizen, doch ernährt ein aus gerösteter
Gerste gekochter Trank (~ptisánē~, woraus bei den Römern z. B. Plinius
~tisana~, und daraus unsere Bezeichnung Tisane nicht nur für eine
Gerstenabkochung, sondern für jede durch Abkochen von Arzneistoffen
hergestellte Flüssigkeit wurde) doch stark, weil sich beim Kochen viele
Teile der Gerste ablösen. Man braucht übrigens die Gerste (auch als
Arznei) in verschiedenen Zubereitungen innerlich und äußerlich.“
Im ganzen Altertum war vornehmlich +geröstete Gerste+ ein
außerordentlich wichtiges und verbreitetes Nahrungsmittel; ja
sie dürfte überhaupt eine der frühesten, wenn nicht die früheste
Zubereitungsart des Getreides zur Nahrung des Menschen darstellen,
von der wir Kunde haben. So hat schon der vorhin genannte
Züricher Botaniker Oswald Heer zu Anfang der 1860er Jahre bei der
wissenschaftlichen Untersuchung der aus den schweizerischen Pfahlbauten
herrührenden Getreideüberreste festgestellt, daß in der neolithischen
und noch zur Metallzeit aus der Gerste keinerlei Brot hergestellt
wurde, sondern daß dieses so überaus häufig kultivierte Getreide, das,
wie gesagt, die wichtigste pflanzliche Nahrung jener vorgeschichtlichen
Mitteleuropäer bildete, stets nur geröstet gegessen worden sein muß.
Erst durch das Rösten wurden die Grannen und Hülsen der Gerste so
brüchig, daß sie leicht entfernt werden konnten. Dies ließ sich auf
keine andere Weise bewerkstelligen. Das ist auch der Grund, weshalb
die geröstete Gerste noch im ganzen Altertum eine so überaus wichtige
Rolle spielte, und, als sie die Menschen nicht mehr aßen, sie dieselbe
nach altgeheiligter Sitte noch ihren Verstorbenen in die unterirdische
Behausung als Totenspeise mitgaben und den Göttern opferten.
Während also die Gerste von den Pfahlbauern stets geröstet gegessen
wurde, verfertigten sie aus den übrigen Getreidearten Brei und flaches,
nur 1,5-2,5 cm hohes, fladenartiges Brot, und zwar außer Weizen-
auch Hirsebrot, welch letzterem meist auch zerquetschte Weizenkörner
mit Leinsamen zur Erhöhung des Wohlgeschmacks beigemischt wurden.
Diese rundlichen Brotfladen der Pfahlbauern, von denen sich mehrere
Überreste bis auf unsere Tage erhielten, sind auf der oberen Seite
ganz unregelmäßig runzelig, auf der unteren Seite dagegen, wo sie
auf dem heißgemachten Stein auflagen, glatt und hohl. Die sonst kaum
zu schälende Gerste aber wurde durch Rösten genießbar gemacht und so
gegessen; aus ihr verfertigte man keinerlei Brot, sonst hätte man
Überreste davon finden müssen. Auch die ältesten Ägypter aßen die
Gerste geröstet und gaben sie geröstet ihren Toten zu deren Speisung
im Geisterlande mit, wie uns zahlreiche Gräberfunde kundtun. Auch bei
den alten Juden spielte die geröstete Gerste, ~kali~, d. h. Geröstetes
genannt, eine sehr wichtige Rolle neben dem aus Weizen und Spelt
gebackenen Brot, das auch bei ihnen gebräuchlich war. Die uns allen von
Jugend auf bekannte, idyllische Geschichte der Moabiterin Ruth, die
nach dem Tode ihres Mannes nach Bethlehem (d. h. Brotstadt) kam und
durch ihre Verheiratung mit Boas die Stammutter des Davidschen Hauses
wurde, spielt zur Zeit „da die Gerstenernte anfing.“ Auch ihr wurde
wie den anderen an der Einheimsung der Ernte Beteiligten ~kali~, also
geröstete Gerste verabreicht. Der junge David, der seines Vaters Herden
weidete, brachte seinen im Felde lagernden Brüdern Brot aus gerösteter
Gerste (~kali~), und auch dem vor Absalon fliehenden David, wird außer
Weizen, Gerste, Mehl, Saubohnen und Linsen, geröstete Gerste (~kali~),
gebracht, und auch von den Linsen wird ausdrücklich gesagt, daß sie
geröstet gewesen seien.
Auch bei den Griechen der homerischen Zeit spielte die geröstete
Gerste, von ihnen ~álphiton~ genannt, eine wichtige Rolle und wurde,
wie in der Odyssee geschildert wird, in ledernen Schläuchen (meist
aus Ziegenfell) statt des Brotes auf die Reise mitgenommen. Auch
Odysseus Sohn Telemachos befiehlt, als er seine weite Reise nach Mykene
antreten will, der Dienerin Eurykleia (der „weithin Berühmten“) 20 Maß
~alphiton~, d. h. von den Hüllen befreite und grob gemahlene, geröstete
Gerste in wohlgenähte Lederschläuche zu tun, um sie zur Wegzehrung für
sich und seine Begleiter mitnehmen zu können. Stets wird in der Odyssee
beim feierlichen Opfer geröstete Gerste auf das zu schlachtende Rind
oder sonstiges Opfertier als Opfer an die Gottheit gestreut, und als
die Gefährten des Odysseus auf den Rat des Eurylochos frevelhafterweise
einige dem Sonnengotte gehörige Rinder schlachten und den Göttern
als Opfer darbringen wollten und es ihnen dazu an „weißer Gerste“
gebrach, so bestreuten sie dieselben wenigstens mit Eichenblättern.
Als Nestor einen Ochsen schlachten wollte, brachte Aretos in einem
Becken Weihwasser herbei und hielt in der anderen Hand ein Körbchen
mit gerösteter Gerste. Da nahte auch Thrasymedes mit einer scharfen
Axt in den Händen, um den Ochsen niederzuschlagen, und so begann der
alte Nestor die feierliche Handlung, indem er seine Hände wusch und
geröstete Gerste auf das Tier streute.
Noch in viel späterer Zeit bildete geröstete Gerste auch bei den
Griechen eine wichtige Nahrung des Menschen. So bestand noch in der
klassischen Zeit in Athen eine vom berühmten Gesetzgeber der Athener,
Solon (639-559 v. Chr.), einem der sieben Weisen, erlassene Verordnung,
wonach jede junge Frau bei ihrer Verheiratung ein ~phrýgetron~
genanntes Gefäß zum Rösten der Gerste in den jungen Hausstand
mitzubringen hatte. Und als die Griechen sich nach und nach von
dieser altertümlichen Nahrung emanzipierten, durfte geröstete Gerste
wenigstens bei keinem Opfer fehlen. In den Traditionen des uralten
Kultes der Demeter (soviel als ~Gē-mḗtēr~, d. h. „Mutter Erde“ als
Hervorbringerin der Brotfrucht) auf Kreta wie in Eleusis bei Athen
galt die Gerste als das „älteste Korn“ und „geröstete Gerste“ als die
einst von den Ahnen gegessene wichtigste Speise aus dem Pflanzenreiche
als die unerläßliche Grundlage im Opferritual. Dabei wurde die meist
schwach geröstete Gerste, zwischen den Mahlsteinen enthülst und grob
zerkleinert, mit Wasser angerührt und allein oder mit Zutat von
Leinsamen oder Olivenöl gegessen.
Noch der 79 n. Chr. beim Vesuvausbruch, der Pompeji und Herculaneum
verschüttete, als Befehlshaber der beim Kap Misenum, bei der
gleichnamigen Stadt stationierten Flotte umgekommene ältere Plinius
sagt in seiner Naturgeschichte: „Schrot (grobes Mehl) von gerösteter
Gerste (~polenta~) ziehen die Griechen dem aus anderem Getreide
hergestellten Schrote vor. Sie übergießen die Gerste mit Wasser,
trocknen sie eine Nacht hindurch, rösten sie am folgenden Tage und
schroten (~frangere~, d. h. brechen) sie auf der Mühle. Manche rösten
die Gerste stärker, besprengen sie dann nochmals mit Wasser und
trocknen sie wieder, bevor sie dieselbe auf die Mühle bringen. Zu
20 Pfund Gerste werden 3 Pfund Leinsamen, ½ Pfund Koriander und ein
~acetabulum~ (ein kleines, auf dem Ständer mit Essig und Öl stehendes
Salzschälchen) voll Salz genommen. Das alles wird geröstet und in der
Mühle mit der Gerste vermengt. -- In Italien wird die Gerste nicht
angefeuchtet, nur geröstet und dann zu feinem Mehl (~farina~, im
französischen ~farine~ noch erhalten) gemahlen (~molere~); man gibt
ihr dieselben Zusätze und fügt noch Rispenhirse (~milium~) bei. Die
Alten aßen Gerstenbrot; jetzt dient es fast nur noch zu Viehfutter;
dagegen wird eine Gerstenabkochung (~tisana~) für stärkend und heilsam
gehalten. Der berühmte Arzt Hippokrates (460 v. Chr. auf der Insel
Kos geboren, bereiste Griechenland, Kleinasien, Skythien, starb 364
in Larissa in Thessalien, führte die Geheimnisse der Ärzteschule der
Asklepiaden ins Leben ein, begründete die Lehre von den Krisen und die
Diätetik) hat dieser Gerstenabkochung ein eigenes Buch (Schriftrolle)
gewidmet.“
[Illustration:
Tafel 5.
Moderner Dampfpflug von J. Kemna in Breslau, der eine Leistung von bis
zu 100 Morgen im Tag erzielt.]
[Illustration:
Tafel 6.
Siebenschariger Dampfpflug von J. Kemna in Breslau, der eine
Arbeitsbreite von 2,5 m besitzt und mit einer Geschwindigkeit
von ca. 2,5 m in der Sekunde gezogen wird.]
Wie bei den Griechen und Römern war ihrem ganzen Stamme, den ältesten
Indogermanen, die Gerste das „Korn“ schlechthin, dessen einzelne Körner
bei ihnen das kleinste Gewicht und Längenmaß bildeten. Wäre der Weizen
damals deren Hauptkornart gewesen, so wäre das Weizenkorn und nicht das
Gerstenkorn zu einem solchen Zwecke herangezogen worden. Nur bei einem
Zweige derselben, bei den Römern, wurde die Gerste sehr frühzeitig aus
ihrer Rolle als Hauptnahrungsmittel durch den von ihnen ~far~ genannten
Spelt verdrängt, und so diente bei ihnen tatsächlich das Speltkorn als
Maßeinheit. Doch wurde bei ihnen neben dem Spelt auch noch in späterer
Zeit die zweizeilige Gerste als Sommerfrucht, die sechszeilige Gerste
dagegen als Winterkorn gebaut. Die zweizeilige Gerste preist schon
der römische Ackerbauschriftsteller Columella im ersten christlichen
Jahrhundert wegen ihres Gewichts und der Weiße ihres Mehls. Heute ist
sie in einer großkörnigen Sorte die am meisten kultivierte Sommergerste
Mitteleuropas und Englands. In den gebirgigen Gegenden Oberbayerns
und der Schweiz geht sie mit dem Roggen bis zur obersten Grenze des
Getreidebaus.
Irgendwo in Vorderasien ist die wild wachsende Gerste nicht nur
zur Kulturpflanze mit festerer Spindel, sondern auch mit größeren,
mehlreicheren Körnern und so allmählich ausgiebigerem Ertrage gezüchtet
worden und drang mit der Zeit von ihrer ältesten Anbaustätte, wo wir
sie jedenfalls schon vor mehr als 10000 Jahren als angepflanzt annehmen
dürfen, wie zu den Neolithikern der Mittelmeerländer, so auch östlich
nach China, wo sie uns auch schon sehr frühe, nämlich zu Beginn des
dritten vorchristlichen Jahrtausends, entgegentritt.
Die Gerste erfordert für einen erfolgreichen Anbau einen ziemlich
guten Boden; hingegen macht sie in bezug auf die Sommerwärme nur
geringe Ansprüche und durchläuft ihren Entwicklungsgang von der Keimung
bis zur Kornreife in verhältnismäßig kurzer Zeit. Eine mittlere
Sommertemperatur von 8° C. genügt schon, um sie zur Reife zu bringen.
So geht ihr Anbau wie derjenige des Roggens bis zum Nordkap und in
den Alpen bis gegen 2000 m über Meer. Sie gedeiht noch im nördlichen
Schottland, auf den Orkney- und Faröerinseln, am Weißen Meer wie in
Nordamerika und Australien. In Nordeuropa mit Einschluß des nördlichen
Deutschlands, wo nach den neuesten Forschungen die Urheimat der
Indogermanen gelegen haben muß, ist sie von den ältesten Zeiten bis in
die Gegenwart die Hauptbrotfrucht geblieben, so daß sie dort noch heute
als „Korn“ schlechthin bezeichnet wird.
In diesen nördlichen Ländern mit kurzem Sommer wird hauptsächlich
die vierzeilige Gerste als Sommerfrucht angebaut, da sie ihre
Vegetationszeit auf 90 Tage einzuschränken vermag. In Mitteleuropa und
der Schweiz dagegen wird die ertragreichere zweizeilige Gerste jener
in der Regel vorgezogen. Doch steht die produzierte Gerstenmenge fast
in allen Ländern hinter der Weizenmenge zurück; deshalb wird nur in
den nordischen Gebieten: Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland aus
klimatischen Gründen mehr Gerste als Weizen gebaut. Auf den britischen
Inseln ist der Ertrag der beiden Getreidearten annähernd gleich. Die
Hauptmasse der Gerstenproduktion kommt aus Rußland, an zweiter Stelle
müssen Deutschland und Österreich-Ungarn genannt werden, die ungefähr
gleiche Mengen davon hervorbringen. Von außereuropäischen Ländern
kommen als Gerstenproduzenten namentlich Nordamerika, Algerien und
Ägypten in Betracht. Auch in Chile und Australien wird ziemlich viel
Gerste gebaut. In wärmeren Gegenden, namentlich in Japan, pflanzt man
eine nackte Gerste, deren Früchte nicht von den Spelzen umschlossen
werden. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der dort als Würze zum
Reis genossenen Shojusauce; zu dem Zwecke wird sie mit zerquetschten
Sojabohnen vermengt und die Masse, wie wir später kennen lernen werden,
durch Hinzufügen eines bestimmten Pilzes gären gelassen.
Obschon das Mehl der Gerste zum Brotbacken weniger geeignet ist als
Weizen- und Roggenmehl, wird in den nördlichen Ländern wie Schottland,
Dänemark und Skandinavien dennoch das Brot meist daraus bereitet. Bei
uns in Mitteleuropa kommt der Gerste die größte Wichtigkeit für die
Malzgewinnung zur Bierbrauerei, sowie zur Herstellung von Malzzucker
und Malzextrakt zu. Man läßt zu diesem Zwecke die Früchte durch
Befeuchten mit Wasser keimen, bis sie etwa ein 5 mm langes
Würzelchen getrieben haben, wobei sich die Masse durch den dabei
entwickelten Lebensprozeß stark erwärmt. Ist durch die Mitwirkung eines
in den Samenkörnern enthaltenen, als Diastase bezeichneten Fermentes
bei der Keimung ein großer Teil der unlöslichen Stärke in löslichen
Zucker umgewandelt, so wird die Keimung durch starkes Erhitzen (Dörren)
unterbrochen, das Malz zur Extraktion des Zuckers gekocht und diese
Lösung zur Bierbereitung weiterhin in alkoholische Gärung gebracht.
Ein Zusatz von Hopfen gibt dann der Flüssigkeit den bittern Geschmack.
Außerdem wird die Gerste durch Abschälen zu Grütze, Grieß und Graupen
verarbeitet. Ferner dient sie als beliebtes Futtermittel für das
Federvieh, und geschrotet als Kraft- oder Mastfutter für größere
Haustiere. In Südeuropa werden auch die Pferde mit Gerste gefüttert.
So alt der Anbau von Weizen und Gerste in Asien und Europa ist, so
jungen Datums ist hier die Kultur von +Roggen+ und +Hafer+. Diese
beiden Getreidearten haben weder die alten Babylonier, Ägypter, Inder
und Chinesen, noch die homerischen Griechen gekannt. Selbst die
Griechen der klassischen Zeit und die Römer haben deren Anbau als
Feldfrucht noch nicht geübt. Diese beiden Nährfrüchte, die in der
Gegenwart bei uns eine so große Bedeutung erlangt haben, sind, wie
auch die Bluthirse im Süden Osteuropas, von den Slawen zuerst als
Feldfrucht angepflanzt und veredelt worden, und zwar zu einer Zeit, als
sich bereits die griechischen und römischen Stämme von der arischen
Gesamtfamilie, zu der auch die Slawen gehörten, getrennt und im Süden
Europas gesonderte Wohnstätten bezogen hatten. Nur die germanischen
Stämme, welche länger wie jene mit den Slawen in Berührung blieben,
nahmen von diesen frühzeitig den Bau der beiden neuen Getreidearten an.