mehr als Durchgang zu der großen Promenade, die draußen am Rennweg vor
dem Theater war. Dort spielte die Stadtmusik, oder die Militärkapelle
ließ mit Schneid und Schmiß ihre lockenden Weisen ertönen. Und im
lebhaften Geplauder traf sich hier alles, Zivil und Militär, jung und
alt, Kinder und Greise. Wie ein fröhlicher, lustiger Bienenschwarm
war’s. Auf und ab ... in Reih und Glied ... Lachen und Schäkern ...
heimlicher und offener Flirt.
Wem’s zu bunt wurde hier draußen am Rennweg, der flüchtete aus dem
Gewimmel hinein in den stilleren Hofgarten. Die mächtigen Bäume da
drinnen breiteten ihre weiten, schneebedeckten Äste wie schützend über
die im Winterschlaf ruhende Erde. Und so heimlich und still war’s da
drinnen, trotz der vielen Fußgänger, die jetzt die sonst einsamen Wege
belebten.
Die Frau Baurat Goldrainer und die Frau Professor Haidacher hatten
sich auch in den Hofgarten hereingeflüchtet. Sie kamen dem Ehepaar
Tiefenbrunner gerade entgegen, und auf ihren Gesichtern war ehrliche
Bestürzung und Teilnahme zu sehen. Die Frau Goldrainer war eine von den
ersten gewesen, die von dem Ende des Malers Altwirth erfahren hatte.
Und nun wollte sie der Apothekerin ihr Beileid aussprechen und erkannte
auf den ersten Blick, daß diese noch gar keine Ahnung von dem Unglück
hatte.
Die Apothekerin, die zuerst ein recht vergnügtes Gesicht machte, als
sie die beiden Damen begrüßte, sah jetzt recht hilflos drein und wußte
gar nicht recht, wie ihr geschah.
„Beileid ... sagen Sie ... Frau Goldrainer?“ fragte sie verwundert.
„Ich muß schon sagen ... daß ich ...“
„Ja, wissen’s denn noch nix ... Frau Tiefenbrunner?“ fiel ihr die Frau
Goldrainer ins Wort. „Ihr Neffe ... der Felix Altwirth ...“
„Der Felix?“ machte der Apotheker.
„Was ist denn mit dem Felix?“ frug die Apothekerin mit einem Gemisch
von Neugierde und Schrecken.
„Tot. Erschossen!“ sagte die Frau Goldrainer.
Nun wurde es der Apothekerin tatsächlich schwindelig. Sie mußte sich
fest an ihren Mann halten. Es drehte sich alles vor ihren Augen wie ein
Wirbel.
„Tot?“ sagte sie ganz fassungslos.
„Tot?“ wiederholte der kleine Apotheker, und ein nervöses Zucken ging
über sein Gesicht. „Täuschen Sie sich auch nicht, gnädige Frau? Wir
wissen ja noch gar nichts davon ...“
„Nein. Leider täusche ich mich nicht!“ sagte die Frau Goldrainer
ehrlich betrübt. „Gestern abend haben sie ihn erschossen aufgefunden im
Wald droben bei Natters.“
„Selbstmord?“ fragte Simon Tiefenbrunner und sah ängstlich auf die
Damen.
„Ja. Selbstmord!“ bestätigte die Baurätin. „Erst heut’ in der Früh’
ist die Sache bekannt g’worden in der Stadt ...“ erzählte sie dann
weiter. „Auch seine Frau hat noch nichts gewußt davon. Jetzt ist meine
Schwester bei ihr droben!“ berichtete sie noch.
„Die arme Frau Adele!“ sagte Frau Haidacher mitleidig.
Frau Therese Tiefenbrunner raffte sich zusammen. Die bloße Erwähnung
dieses Namens brachte wieder Lebendigkeit und Frische in ihren Körper.
„Die? Die braucht Ihnen nit leid zu tun, Frau Haidacher!“ sprach sie
erregt. „Wenn die nit g’wesen wär’ ...“
„Tun’s der Frau nicht Unrecht, Frau Apotheker!“ unterbrach sie die
Professorin energisch. „Mir scheint eher ... daß eine andere die ganze
Schuld trifft ... eine ... die wir einmal haben unter uns dulden
müssen. Die Mörderin!“
Frau Haidacher sagte das hart und mit einem ehrlichen inneren Abscheu.
Jetzt erst glaubte sie es zu verstehen, warum sie sich damals innerlich
so abgestoßen von Sophie gefühlt hatte. Sie hielt sich für die einzige,
die es instinktiv geahnt hatte, daß Sophie Rapp einmal zu jeder
schlechten Tat fähig sein werde.
Simon Tiefenbrunner, der Apotheker, sah ratlos von seiner Frau auf die
Professorin und von dieser auf die Frau Goldrainer. Er begriff nicht
recht, warum die Damen sich über die Schuld und Unschuld der einen oder
der andern ereifern konnten. Schließlich war doch der Felix schuld an
allem, wie’s gekommen war. Der war ja immer ein unklarer Kopf gewesen.
Und das sagte der Apotheker jetzt auch den Damen und begann ihnen, ganz
gegen seine sonstige Gewohnheit, eine lange Rede zu halten. Aber diese
fand ein rasches Ende dadurch, daß Frau Therese mit einem Male so laut
und fassungslos zu schluchzen anfing, als habe sie soeben die Kunde von
dem Tode eines eigenen Kindes erfahren.
[Illustration]
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Was nun? Das Leben hatte seinen tollen Reigen zu Ende getanzt ... hatte
Menschen zertreten und Blüten vernichtet. Was nun? Warum ertrug Adele
noch die Last dieses Lebens? Was erwartete sie noch? Es war ja zu Ende
jetzt ... alles zu Ende ... hoffnungslos.
Adele Altwirth wußte es selbst nicht, warum sie noch weiterlebte. Sie
gab sich keine Rechenschaft darüber ... sie dachte überhaupt nichts
mehr.
Wie eine lebendig Tote verbrachte sie die Tage. Ertrug die Nächte, die
schlaflos waren und währten wie Ewigkeiten. Sie ertrug die Menschen,
die zu ihr kamen und gute Worte sprachen. Sie antwortete ihnen ... aber
sie verstand nicht den Sinn ihrer eigenen Rede. Sie war so ruhig ... so
gefaßt ... so kühl und so unempfindsam geworden. Die Leute wunderten
sich über sie und sagten ihr nach, daß sie kein Herz haben müsse.
Die Innsbrucker waren jetzt gut zu der Frau. Sie kamen alle zu ihr,
um sie zu trösten. Sogar die Tiefenbrunnerischen waren gekommen.
Hatten die alte Feindschaft begraben und wollten sich wieder der
alleinstehenden Verwandten annehmen. Schließlich war sie doch die Witwe
von Felix Altwirth, den Frau Therese Tiefenbrunner, wie sie jetzt immer
wieder fest und feierlich erklärte, gleich einem eigenen Kind geliebt
hatte.
Innerlich war die Apothekerin ja überzeugt davon, daß Adele die
Hauptschuld an dem Tode ihres Mannes trug. Und trotzdem überwand
sie sich und ging zu ihr hin. Bot ihr die Hand, und Adele erwiderte
den Gruß mit leichtem Druck. Sie sprach nicht viel mit den
Tiefenbrunnerischen. Nicht mehr und nicht weniger, als was sie mit
allen den andern gesprochen hatte. Sie war auch gar nicht verwundert
oder erfreut darüber, daß die Verwandten zu ihr kamen. Es war ihr
alles so gleichgültig.
Die Tiefenbrunners gingen von ihr fort mit dem unangenehmen Gefühl,
eigentlich ein recht überflüssiger Besuch gewesen zu sein. Mit keinem
Wort hatte ihnen Adele gedankt oder sie aufgefordert, wieder zu kommen.
Sie war artig gewesen, ruhig und gefaßt und gab klare Antworten auf
das, was man sie fragte.
Es war immer dasselbe, was die Leute von ihr wissen wollten. Immer
die gleichen Fragen nach Felix Altwirths Ende. Und auch manchmal halb
versteckte Anspielungen auf seine Beziehungen zu Sophie Rapp. Ob denn
Adele gar keine Ahnung habe, warum er in den Tod gegangen sei? Ob er
ihr denn keine Zeile hinterlassen habe ... keine Spur einer Aufklärung?
Nichts. Gar nichts. Immer wieder sagte es Adele. Immer wiederholte sie
das gleiche.
Nichts. Sie wisse nichts ... habe keine Ahnung von der eigentlichen
Ursache der Tat.
Adele sagte es so ruhig und selbstverständlich und überzeugend. Und sie
glaubten schließlich alle daran, daß Felix Altwirth aus unglücklicher
Liebe zu Sophie Rapp sich das Leben genommen habe.
Mochten sie es glauben. Es war Adele recht so.
Adele Altwirth wußte es, daß sie durch ihr Schweigen zur Mitschuldigen
ihres Gatten geworden war. Wenn sie sprach, war Sophie Rapp frei. Aber
sie konnte nicht sprechen. Sie hatte nicht den Mut, zur Anklägerin des
Toten zu werden. Sein Geheimnis war gut verwahrt bei ihr. Sie würde den
Weg der Wahrheit, den sie dem Lebenden gewiesen hatte, nicht gehen.
Zu niemandem hatte Adele darüber gesprochen. Zu keinem Menschen hatte
sie auch nur eine Andeutung gemacht. Nicht einmal zu dem alten Rat
Leonhard. Der war vielleicht der einzige von allen, welcher der
Wahrheit am nächsten kam. Aber er sagte nichts. Sprach seinen Verdacht
nicht aus.
Warum sollte er das Andenken eines Toten schänden? Sophie Rapp war
es in seinen Augen wirklich nicht wert, daß man sich um ihretwillen
Skrupel machte. Das Weib hatte gesündigt genug und viel verbrochen.
Der Rat Leonhard war felsenfest davon überzeugt, daß Sophie Rapp die
Schuldige sei. Er hegte nur für sich den Verdacht, daß Felix von
der Tat wußte oder vielleicht auch daran beteiligt war. Aber diese
Mutmaßung behielt er für sich. Und auch Adelen gegenüber verriet er
sich mit keiner Silbe, um sie nicht zu beunruhigen.
Wenn sie das Andenken ihres Gatten rein haben wollte, so war das ihre
Sache. Ging keinen Menschen etwas an. Und um die andere, die Sophie
Rapp, war kein Schade. Wirklich nicht. So hielt es der Rat Leonhard.
Er kam jetzt fleißig zu Frau Adele. Jeden Tag. Sie sprachen nie viel
miteinander ... diese beiden. Aber sie verstanden sich. Noch genau
so gut wie damals in den ersten Jahren des Elends droben auf der
Weiherburg.
Auch Doktor Storf und Frau Hedwig kamen zu Adele. Als ob es die Frau
des Arztes gewußt hätte, daß sie ihr bescheidenes Glück, welches sie
nun genießen durfte, nur dem Takt und der Ehre dieser Frau verdankte,
so rührend benahm sich die kleine Frau in dieser schweren Zeit. Sie
sorgte für Adele, so gut sie konnte, lud sie zu sich ein und tat alles,
um ihr Freude zu machen und sie aufzuheitern.
Und wirklich waren auch jene Stunden die einzigen, in denen das starre
Gefühl in der Seele der einsamen Frau sich etwas zu lösen begann.
Hier in diesem Kreise konnte sie wenigstens einiges sprechen. Konnte
sprechen von ihrer Zukunft und von ihren Plänen.
Und doch war es ihr, als spräche sie dann von einer andern, einer
fremden Frau. Von einer Frau, deren Schicksal sie eigentlich gar nicht
interessierte. Sie sprach von ihr, weil sie sah, daß sie dadurch den
Freunden eine Freude bereiten konnte.
Mit inniger Besorgnis hatte Max Storf die Wandlung wahrgenommen, die
in Frau Adele vorgegangen war. Da er sie besser kannte als alle die
andern, so fürchtete er für ihre Gesundheit. Er wußte, daß diese Kälte
und Gleichgültigkeit unnatürlich waren und daß das Schwere, das sie
erlebt hatte, imstande war, ihr ganzes Leben zu zerstören.
Noch nie war es zu einer Aussprache zwischen den beiden gekommen. Aber
sie wußten und fühlten es trotzdem, daß sie einander noch immer alles
bedeuteten.
Adele Altwirth war nicht trennend zwischen Mann und Weib getreten. Sie
hatte ihre Macht über Max Storf dazu benützt, ihn seiner Frau wieder
zuzuführen. Und wenn es auch kein großes Glück war, das die beiden
Gatten jetzt zusammen genossen, so war doch ein Behagen und eine stille
Zufriedenheit bei ihnen eingekehrt.
Frau Hedwig hatte keine Ahnung davon, in welchem Maße sie das alles
Adele verdankte. Adele Altwirth hatte es im Laufe der Zeit verstanden,
den Freund zu begütigen ... hatte es verstanden, die Schwächen, die
er an seiner Gattin auszusetzen fand, zu beschönigen und ihn auf ihre
guten Eigenschaften aufmerksam zu machen. Und ohne daß es Frau Hedwig
bemerkte, übte Adele auch auf sie einen wohltuenden Einfluß aus. Wirkte
auf sie ein, daß sie gar manches unterließ, von dem Adele wußte, es sei
dem Freunde nicht angenehm.
So konnte Adele mit reinem Gewissen und ehrlichem Auge der Arztensfrau
gegenübertreten. Sie konnte deren Freundschaft annehmen und die
rührende Liebe und Anhänglichkeit genießen, die sie ihr jetzt zuteil
werden ließ. Sie hatte nichts getan ... nichts gesagt, was ihr hätte
ein Vorwurf werden können.
Sie hatte ihre Liebe zu dem Freunde bezwungen ... hatte gerungen und
gekämpft und war rein geblieben.
Ob sie recht daran getan hatte? Manches Mal warf Adele sich selber
diese Frage auf.
War es recht ... daß sie so entsagt hatte?
Hatten nicht vielleicht doch jene Frauen recht ... jene von der Art der
Sophie Rapp ... die ihre Natur nicht bezwangen und ihrer Liebe lebten?
Daß Sophie Rapp trotz allem ein echtes Weib geblieben war ... ja
sogar innere Größe und Seelenstärke besaß ... das wußte Adele nun mit
Bestimmtheit. Nicht viele Frauen ... das wußte Adele ... hätten um
ihrer Liebe willen ein so großes Opfer auf sich nehmen können.
Waren nicht jene Frauen ... zu denen sie selber gehörte ... in
Wirklichkeit sehr arm zu nennen? Was hatte sie von ihrer reinen
Frauenehre? Ein Leben ... umsonst gelebt ... ungeliebt und ungenossen.
Wie hatte Sophie Rapp damals zu ihr gesagt? ... Das Schönste im Leben
ist das Vergessen in Liebe. Es ist das einzige wahre und echte Gefühl
... weil es die Natur gegeben hat. Wer diese Stimme nicht kennt ... der
hat sein Leben nicht gelebt.
Das war damals gewesen ... vor einem Jahr.
Und jetzt?
Jetzt war sie eine einsame Frau ... liebeleer und überflüssig auf der
Welt.
Ungenützt war sie ihre Bahn geschritten ... hatte redlich versucht, gut
zu leben und gut zu sein. Und es war doch alles zum Unheil geworden.
Des Weibes einzig wahre Bestimmung ist es, die Ergänzung im Leben des
Mannes zu bilden. Und diese Bestimmung hatte Adele Altwirth nicht
erfüllt.
Ihre Ehe war eine Täuschung gewesen, ein Verkennen der Gefühle. Sie
wußten es beide nicht besser damals, weder sie noch Felix. Sie hielten
die Neigung, die sie füreinander empfunden hatten, für Liebe. Und es
war doch nur Freundschaft gewesen ... nichts anderes. Ein Aufflackern
ihrer Sinne ... wie es Freundschaften zwischen den beiden Geschlechtern
vorauszugehen pflegt.
Sie aber glaubten ... es sei die Liebe ... Es sei jenes heilige,
übermächtige und starke Gefühl, das immer währt ... nie vergeht und
stets gleich voll und tief und innig bleibt, ein Leben lang.
Jetzt aber hatte Adele die wahre ... große Liebe erkannt. Und sie wußte
es auch, daß sie sich beide, Felix und sie selbst, in ihren Gefühlen
getäuscht hatten.
Jetzt kannte sie das Verlangen und das Sehnen nach dem Manne. Und da
sie es erkannte ... erwürgte sie das, was echt war in ihrer Natur ...
entsagte und hielt sich rein.
War es recht von ihr? Immer und immer wieder regten sich dieselben
Zweifel und Selbstvorwürfe. Adele war irre geworden ... irre an der
Welt und an ihren Moralbegriffen und irre an sich selber.
Und noch ein Gedanke ... ein bitterer Vorwurf quälte die einsame Frau.
War sie nicht doch mit schuld daran ... daß Felix in den Tod gegangen
war?
War sie damals nicht doch zu hart gegen Felix gewesen? Hatte sie ihn
nicht zu streng auf den Weg des Rechtes gewiesen? Sie hätte versuchen
müssen, die Schuld mit ihm gemeinsam zu tragen ... die sie jetzt allein
trug. Warum hatte sie es nicht getan? Warum?
Adele fühlte sich so unendlich müde jetzt ... Sie wollte nur ruhen ...
ausruhen ... nicht mehr sehen und hören ...
Was sollte sie noch beginnen im Leben ... wo alles um sie herum tot war?
Der alte Rat Leonhard trat für Adele ein, als ob sie seine Tochter
gewesen wäre. Sie ließ ihn handeln und befolgte ohne Widerspruch, was
er für sie bestimmte. Der alte Herr bestand darauf, daß Adele fort
sollte von Innsbruck ... fort von der Stadt, die ihr so viel Leid
gebracht hatte ... Sie müsse gehen von hier ... gebot der alte Herr.
Nur dann ... in gänzlich veränderter Lebenslage ... würde es ihr
möglich sein, sich selber wiederzufinden. Und der Rat Leonhard bestand
darauf, daß dies bald geschehe.
Er hatte Angst für die Frau, daß durch den bevorstehenden Prozeß
gegen Sophie Rapp alle Erinnerungen in Adele aufs neue geweckt werden
könnten. Auch Doktor Storf teilte diese Sorge und war froh, daß Adele
sich in alles fügte, was man für sie vorkehrte.
Die Wohnung bei den Altwirths droben in Wilten wurde ausgeräumt. Adele
sollte ihre Möbel zur Aufbewahrung geben und fortreisen ... weit fort
und erst dann wiederkehren ... wenn sie sich eine neue Heimstätte
gewählt hatte.
Adele Altwirth ließ die Freunde reden. Sie interessierte sich gar nicht
für ihre fernere Laufbahn. Sie wollte nur Ruhe haben ... nichts als
Ruhe.
So gleichgültig war ihr alles, was sie selbst betraf, daß sie nicht
einmal wußte, wohin sie reisen würde. Wenn man sie fragte, so
antwortete sie, nach München. Sie tat es ... weil sie diese Angabe
von der Qual weiterer Fragen befreite. Aber sie konnte es sich nicht
vorstellen ... daß sie schon in den allernächsten Tagen in München
sein würde. Sie hatte keine Freude darüber und knüpfte keine Hoffnung
daran. Es war ja so gleichgültig, wo sie sich aufhielt und was mit ihr
geschah. So hoffnungslos gleichgültig.
Nicht einmal die Auflösung ihres Haushaltes hatte vermocht, sie aus
ihrer Lethargie zu reißen. Ohne Schmerzempfinden, ohne Bitternis und
ohne Wehmut packte sie die Sachen zusammen. Ordnete mechanisch dieses
und jenes an.
Manche liebe Erinnerung kam da wieder zum Vorschein ... Erinnerungen an
die kleine Dora. Die Tränen lösten nicht die Starrheit ihres Herzens.
Es war, als ob jedes Empfinden in ihr gestorben wäre, als ob es keine
Linderung und keine Heilung mehr für sie geben könnte.
Adele Altwirth packte mit großer Sorgfalt all die lieben Kleinigkeiten
des Kindes ein ... wickelte die Puppen sorgsam in weißes Seidenpapier
und umhüllte sie gewissenhaft. Sie bettete dieselben in eine Kiste ...
eine nach der andern. Das geschah mit einer so selbstverständlichen
Fürsorge, als ob die kleine Dora noch am Leben wäre, mit strengen,
kritischen Kinderblicken neben der Mutter stünde und darauf achtete,
daß den lieben kleinen Puppenkindern ja kein Leid geschehe.
Kiste stand jetzt an Kiste gereiht wohlgeordnet und wohlverpackt in der
Wohnung umher. Die Möbel waren aus ihrem gewohnten Platz gerückt, die
Vorhänge waren von den Fenstern genommen und alle die vielen Bilder in
Kisten eingepackt. In großen Rollen lagen die Teppiche am Boden. Die
Öfen in den Zimmern waren ohne Feuer, und die Türen der Zimmer standen
offen, die Verbindungstüren der einzelnen Gemächer und jene, die auf
den Hausflur führten.
Es war kalt und traurig in den Zimmern. Ohne daß eines der Fenster
geöffnet gewesen wäre, herrschte doch eine frostige Zugluft. Die
Schritte hallten laut und mißtönig wider in der leeren Wohnung, und die
Stimmen der Leute, die da aus und ein gingen, um das zu zerstören, was
einmal ein Heim gewesen war, gaben ein lautes, rauhes und unnatürliches
Echo zurück.
Adele Altwirth hatte nun alles hergerichtet und zum Transport
bereitgestellt. Einige Koffer, die sie mit auf die Reise nehmen
wollte, standen fast fertig gepackt in einem der halbleeren Zimmer.
Morgen früh sollten die Männer kommen und alles zum Spediteur bringen.
Und noch am gleichen Abend sollte sie von Innsbruck abreisen. So hatte
es der Rat Leonhard angeordnet.
Der alte Herr war soeben bei Adele gewesen und hatte ihr dies alles
mitgeteilt. Kurz und bündig und ohne Umschweife ... wie es seine
Art war. Und trotzdem hatte er eine bange Sorge um die junge Frau.
Sein Blick, mit dem er scharf beobachtend auf sie sah, hatte etwas
Angstvolles in seinem Ausdruck.
„I weiß nit ... ob man Ihnen überhaupt allein reisen lassen kann ...“
sagte er in seiner gewöhnlichen mürrischen Art. „Sie schauen mir nit
darnach aus ... als ob Sie überhaupt wissen täten, was Sie wollen!“
fügte er besorgt hinzu.
Adele lächelte wehmütig. „Doch ... Herr Rat ...“ sprach sie leise. „Ich
soll nach München fahren ... haben Sie gesagt.“
„Ja ... und noch weiter fort, wenn möglich!“ sagte er energisch. Er
entwickelte eine ganz ungewöhnliche Energie in dieser Zeit, der alte
Herr. Er hätte es sich selber gar nicht zugetraut, wieviel Kraft und
Interesse er noch imstande war, für ein anderes Wesen aufzubringen.
„Aber in München ... haben Sie da wohl jemand, der sich ein bissel
um Ihnen bekümmert?“ fragte er dann neuerdings besorgt nach einer
kleineren Pause. „Mir ist alleweil ... als wenn’s besser wär’ ... daß
jemand mit Ihnen fahren tät’. Vielleicht ... wenn’s nit gar so weit
wär’ ... dann könnt’ ich ...“ setzte er mit einiger Unsicherheit hinzu.
Eine Fahrt nach München und überhaupt eine Reise wäre für den alten
Sonderling ein ganz ungeheures Unternehmen gewesen. Schon seit
vielen, vielen Jahren war der Rat Leonhard nicht mehr aus Innsbruck
hinausgekommen. Daß er jetzt diesen Gedanken in Erwähnung zog,
bezeugte, in wie schwerer Besorgnis er wegen Adele war.
Adele Altwirth beruhigte den alten Herrn. Sie fühle sich ganz wohl ...
sagte sie ... und würde sicher auf sich selber achten. Und in München
habe sie schon ein paar Bekannte, zu denen sie gehen könne. Der Herr
Rat solle sich ihretwegen keine Sorge mehr machen. Sie werde sicher
ganz zurechtkommen und auch mit der Zeit wieder ganz ruhig werden. Aber
Adele glaubte das alles, was sie sagte, selber nicht. Und der Herr Rat
war auch nur für den Augenblick beruhigt.
Später ... als er von Adele gegangen war ... reifte der Entschluß immer
mehr in ihm, für alle Fälle einmal einen Koffer bereit zu halten, um
dann doch vielleicht mit ihr zu fahren. Vorderhand aber wollte er
diesen heroischen Entschluß nicht auf die Spitze treiben. Dazu war
ja morgen noch immer Zeit genug. Mußte nicht gerade jetzt sein ...
beschwichtigte er sich selber.
Und dann schlich er ... in tiefes Nachdenken versunken ... langsam
dahin. Den Kopf leicht zur Seite geneigt und die Hände am Rücken, und
machte ein unsagbar verbissenes und zuwideres Gesicht ... der alte
Herr ...
Es war am frühen Nachmittag, als der Rat Leonhard Adele verlassen
hatte. Nun war sie allein in der halbleeren Wohnung und sah sinnend auf
die Verwüstung, die in den letzten Tagen hier entstanden war.
Durch die kahlen, verstaubten Fensterscheiben lugte die Sonne. Suchte
mit ihren Strahlen zu vergolden, was es an diesen traurigen Überresten
noch zu vergolden gab. Sie fand nichts als das weiche, aschblonde Haar
der jungen Frau. Und sie spielte mit ihm ... und wob einen feinen
Strahlenkranz um ihr Haupt.
Bleich und müde saß Frau Adele in der Nähe des Fensters, auf einem der
vielen Stühle, die verstreut und in Unordnung umherstanden. Tief nach
vorne gebeugt und die Arme auf die Knie gestützt ... so saß Adele lange
Zeit und starrte immer vor sich hin ...
Doktor Storf war zu ihr gekommen, um sie in sein Haus zu bitten. Sie
sollte bei den Storfs wohnen, solange sie noch in Innsbruck war. Jetzt
stand er vor ihr und brachte fast demütig seine Bitte vor. Auch Adele
hatte sich erhoben und sah mit einem langen, traurigen Blick auf den
Freund. Es war ihr mit einem Male so seltsam schwer zumute.
„Wollen Sie nicht zu uns kommen ... Frau Adele?“ bat Max Storf
neuerdings. „Jetzt ... heute können Sie doch nicht mehr hier bleiben
in dieser Wüste.“ Er versuchte es, einen leichten, scherzhaften Ton
anzuschlagen. Aber seine Stimme klang gepreßt, und sein Blick war
unruhig und unsicher.
„Ich reise morgen abend ...“ sagte Adele ruhig.
„Morgen schon?“ Erschrocken und bestürzt sah sie der Arzt an. „Schon
morgen ... können Sie nicht ... Adele ... ich bitte Sie ... noch ein
paar Tage ...“ fügte er verwirrt und stockend hinzu.
„Ein paar Tage ... und dann ... wir müssen uns ja doch einmal trennen
... Max.“ Adele sagte das weich und innig. Es war das erste Mal, daß
sie ihn bei seinem Vornamen nannte.
Doktor Storf sah mit tiefer Bewegung auf Adele. Es war ihm ... als
müßte er die Frau fest in seine Arme schließen ... und sie schützend
durchs Leben führen. Fast übermächtig stark wallte dieses Gefühl in ihm
auf.
Er durfte es nicht tun. Er wußte es. Er mußte an sich halten ... die
Zähne aufeinander beißen und überwinden. Aber er fühlte es klar und
deutlich ... daß mit Adele das echteste Empfinden ... das reinste und
beste, das er je für ein Weib gehegt hatte ... dahin ging.
Nun würde ihm nichts mehr bleiben als die Erinnerung. Er würde sein
Leben weiterführen ... nur seiner Pflicht leben ... seiner Familie und
seinen Kindern.
Sie sahen sich lange in die Augen. Sie sagten kein Wort und legten
nicht einmal die Hände ineinander. Aber es lag eine ganze Welt in ihren
Blicken ... eine Welt von Wünschen und Sehnen, von Leid und Entsagen.
„Dann wär’s ein Abschied ... jetzt ... Adele?“ sagte Max Storf leise,
und seine Stimme bebte.
„Ja.“ Sie hauchte das Wort kaum hörbar. Starr und aufrecht stand sie
vor ihm und mit einem Antlitz, das so bleich war und so regungslos wie
der Tod.
Und wieder trieben die Strahlen der Sonne ihr loses Spiel. Lugten in
alle Winkel und Ecken, hüpften auf und nieder und blieben an den beiden
Menschen haften ... die jetzt für ewig im Leben voneinander Abschied
nahmen.
Max Storf zog die weiße, noch immer schöne und wohlgepflegte Hand der
blonden Frau an seine Lippen und küßte sie. Küßte sie lange und küßte
sie innig. Und dann ging er.
Sie hatten kein Wort mehr miteinander gesprochen, und ihre Lippen ...
die sich zueinander sehnten ... hatten sich nicht gefunden.
Als Max Storf gegangen war ... da war es Adele ... als hätte die Sonne
sich versteckt ... als sei es mit einem Male dunkler und düsterer und
noch trauriger geworden im Zimmer.
Morgen ... schon morgen abend würde sie fort sein von hier ... Sie
sagte es leise ... kaum hörbar vor sich hin.