unbarmherzig, machte sie erzittern. Aber sie tat ihr gut. Unwillkürlich
wurde sie wieder ruhig. Was nun? ... Sophie sah sich im Zimmer um. Sie
war allein ... ganz allein. Da war niemand mehr, der für sie dachte und
für sie sorgte. Allein ... und wieder diese beklemmende Angst ...
Warum war sie jetzt allein? Warum war er ... Felix ... fortgegangen?
Warum? ... Sie hielt sich mit zitternden Händen die Stirne. Sie mußte
denken ... ihre Gedanken sammeln.
Ja. So war’s. Sie hatte Felix fortgeschickt ... und er war gegangen. Er
hatte das Opfer angenommen, das sie bringen wollte.
Warum es ihr mit einem Male nur so schwer wurde? Sie hatte sich ja so
stark gefühlt ... so stark und nun ... nun war sie so todtraurig.
Und wieder schüttelte sie die Angst. Ihre Zähne schlugen aufeinander,
und ihr Körper krümmte sich zusammen. Und jetzt horchte sie ... horchte
mit der ganzen Spannung ihrer überreizten Nerven auf die Schritte, die
nun kommen würden ... um sie zu holen.
Nein ... Sie durften sie nicht holen ... Sie durften sie nicht finden
hier. Fort ... fort ... nur fort ...
In fliegender Hast raffte das Weib seine Kleider zusammen. Zog sich an
... so rasch sie konnte, und steckte sich das Haar zurecht. Dann warf
sie ein großes, dunkles Tuch über Kopf und Schultern und eilte hinaus
... hinaus ins Freie.
Ließ alles offen stehen ... Tür und Riegel ... Sie sollten den Toten
gleich sehen ... wenn sie kamen.
Durch die einsamen Straßen hallte ihr flüchtender Schritt und gab sein
Echo zurück von den Reihen der Häuser.
Von Straße zu Straße rannte sie, angstgetrieben. Bis in den dämmernden
Morgen hinein.
Allmählich regte sich das erste Leben des beginnenden Tages. Vereinzelt
eilten Arbeiter zu ihrem Tagewerk.
Von den Fenstern der dunklen Häuserreihen fiel ab und zu ein schmaler,
verträumter Lichtschein auf die Gestalt des gehetzten Weibes.
Immer irrte sie herum ... von Straße zu Straße ... und kam doch stets
in dieselbe Gegend zurück.
Auf dem Viadukt der Eisenbahn fuhr rasselnd ein Zug der Stadt entgegen.
Und in der Ferne tönte das müde, schlaftrunkene Gerassel eines
holperigen Wagens.
Der Tag erwachte ... schon dämmerte das erste Grau im Osten.
Da nahm Sophie Rapp ihre ganze Kraft zusammen. Es +mußte+ sein. Fest
zog sie das Tuch um sich ... ganz fest ... und dann eilte sie ... so
schnell ihre zitternden Füße sie zu tragen vermochten, hinein in die
Stadt.
Todbleich im Gesicht und mit einer Stimme, die heiser und hohl klang,
sagte Frau Sophie Rapp in dem nüchternen, kleinen Amtszimmer der
Polizei, daß sie in der heutigen Nacht während eines Streites ihren
Gatten ermordet habe.
[Illustration]
Einundzwanzigstes Kapitel.
Doktor Rapp war tot ...
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht durch die Stadt.
Gruppen von Menschen standen in den Straßen beisammen und besprachen
aufgeregt den Fall. Doktor Rapp ermordet ... von seiner eigenen Frau.
Es gab viele, welche die ungeheuerliche Tat nicht glauben wollten.
Denen man es immer und immer wieder versichern mußte, daß sich Frau
Sophie Rapp wirklich selber der Polizei gestellt habe und daß ein
Irrtum ausgeschlossen sei.
Eine solche Tat hätte man der Frau des Rechtsanwaltes niemals
zugetraut. Wenn sie auch leichtsinnig war, für bösartig hatte sie kein
Mensch in Innsbruck je gehalten.
Sogar der Richter hatte einen Augenblick Zweifel, als er die Frau zum
erstenmal verhörte. Er sah sie fest und durchdringend an und zweifelte
an ihrer Zurechnungsfähigkeit. Aber nur für einen Augenblick. Denn dann
überzeugten ihn die klaren Antworten und das ruhige Benehmen der Frau,
daß ein Zweifel ausgeschlossen sei. Sophie blieb dabei stehen, daß sie
in einem Anfall von Wut und Zorn ihrem Gatten unversehens den Dolchstoß
versetzt habe.
Es waren keine Zeugen da für die Tat. Die Hausbewohner hatten wohl Lärm
und erregte Stimmen gehört, aber sie hatten sich nicht weiter darum
gekümmert.
Das veränderte Benehmen des Rechtsanwaltes war ihnen schon lange
aufgefallen, und sie hatten immer gedacht, daß es einmal zwischen den
Ehegatten zu einem Auftritt kommen würde. Auch das Dienstmädchen bei
Rapps sagte ähnlich aus.
Daß noch eine Person bei der Tat im Spiel sei, war bei dem eingehenden
Geständnis der Frau gänzlich ausgeschlossen. Niemand hatte Felix
Altwirth gesehen oder gehört. Und keines hatte die Stimme oder den
Schritt eines Dritten gehört.
So blieb Felix Altwirth vom Verdacht befreit. Kein Mensch mißtraute
ihm. Sie bedauerten ihn alle, die von seinen Beziehungen zu Sophie Rapp
wußten.
Nur in der Seele eines einzigen Menschen hatte der Verdacht gegen Felix
Wurzel gefaßt. Das war Adele Altwirth.
Eine beklemmende Angst war über sie gekommen. Von dem Augenblick an,
als sie von der Schreckenstat erfuhr, peinigte sie die Furcht. Die war
so stark, daß sie es nicht wagte, ihren Gatten anzusehen, um nicht die
Wahrheit von seinem Gesicht lesen zu müssen. Auch Felix mied es, seine
Frau anzuschauen. Er scheute sich vor ihr. Geduckt ... demütig und
gequält schlich er umher.
Damals, in jener Schreckensnacht, war er noch stundenlang herumgeirrt,
bis ihn das erste Leuchten des Tages in seine Wohnung trieb.
Adele hatte sein Kommen gehört. Sie wußte also, daß er fort gewesen
war. Und sie sah sein bleiches, verzerrtes Gesicht und sah sein
verstörtes Benehmen.
Erst spät am Tage hörte sie von dem Mord. Die Magd brachte ihr die
Kunde. Die ganze Stadt spreche von nichts anderem als von der Ermordung
des Doktor Rapp, berichtete sie. Und daß die Frau Rapp so grundschlecht
sei, das habe ihr nicht einmal ihr ärgster Feind zugetraut.
„Aber ...“ sagte das Mädchen, „weil sie’s selber eing’steht
und nit amal leugnet, so muß es wohl so sein. So a Weibsbild,
a spottschlecht’s!“ ereiferte sich das nicht mehr ganz junge
Dienstmädchen, das stets voll Freundlichkeit gegen Sophie gewesen war,
wenn diese zu Felix kam.
Immer war Sophie gut und lieb zu dem Mädchen gewesen und hatte ihr
manche kleine Freude gemacht. Daran mußte Adele jetzt denken, als sie
die empörte Rede hörte. Wie schnell doch die Gunst bei den Leuten
verscherzt ist und wie wandelbar der Sinn der Menschen. Sie fragen
nicht einmal nach der Ursache der Tat. Sie heben den Stein auf und
steinigen die Sündige.
Warum wohl die Tat geschehen war. Der Gedanke überkam Adele und
marterte sie. Eine namenlose Angst befiel sie ... eine unsagbare Furcht
... die den Gatten in den Augen der Frau zum Mörder werden ließ.
Sie wichen einander aus ... der Mann und die Frau. In den Räumen ihrer
eigenen Wohnung vermieden sie es, sich zu treffen. Sie hatten beide
Angst voreinander.
So waren einige Tage vergangen. Tage, die sich ausdehnten wie
Ewigkeiten ... in denen die Stunden schlichen ... langsam ... traurig
und voll Pein und Qual.
In Felix regte sich das Gewissen. Folterte ihn bis zum Wahnsinn. Immer
mußte er an den brechenden Blick des Mannes denken, dessen Leben er
vernichtet hatte. Aber noch schlimmer als jene Tat erschien ihm seine
Feigheit.
Ja. Er war feige. In diesen einsamen Stunden der Qual und der
Gewissensbisse gestand es sich Felix ehrlich ein. Er hatte das Opfer
von Sophie angenommen aus Feigheit. Das war die nackte Tatsache. Er
fürchtete sich vor den Folgen seines Verbrechens ... fürchtete sich vor
der Schande und Strafe.
In seinem Innern erhoben sich leise, schmeichlerische Stimmen. Betörten
ihn mit schönen, entschuldigenden Worten ... und trotzdem erkannte es
Felix klar und deutlich, daß er ein Elender war ... ein Feigling.
Es trieb ihn hin ... zu bekennen ... seine Schuld auf sich zu nehmen
und zu büßen. Er durfte doch das Opfer einer übergroßen Liebe nicht
annehmen. Durfte nicht ein zweites Leben vernichten ... das schuldlos
an der Tat war.
Und wenn er sich stellte ... wenn er bekannte ... dann gab er nicht nur
sich selber der Schande preis, sondern er zerstörte auch den ehrlichen
Namen, den Adele vor der Welt trug. Durfte er das? Mußte er nicht um
ihretwillen schweigen und die Qual der Reue für sich tragen?
Felix fühlte es, daß seine Frau ihm mißtraute. Er zitterte bei dem
Gedanken, daß sie ihn zur Rede stellen würde und daß sie fragen würde.
Dann würde er ihr die Wahrheit sagen. Das wußte er. Dann konnte er
nicht lügen.
Einem Menschen ... ihr ... Adele, seiner Frau ... würde er beichten und
bekennen. Und sie würde ihn reinsprechen ... würde ihn entsündigen und
ihm die Last der Schuld tragen helfen.
Er sehnte sich geradezu nach dieser Aussprache mit Adele und wünschte
sie herbei. Es würde ihm dann leichter werden ... viel leichter. Und
oft war er nahe daran, zu Adele zu gehen und ihr alles zu bekennen.
Dann aber überlegte er wieder. War es wirklich so gewiß ... daß ihn
Adele entsündigen würde? Sie ... die Reine ... an der kein Makel und
keine Schuld haftete ... würde sie ihn verstehen und ihm verzeihen
können? Und Felix Altwirth wußte es klar und bestimmt, daß ihm Adele
nur einen Weg weisen würde ... den Weg der Wahrheit.
Er konnte ihn nicht gehen, diesen Weg. Je mehr die Stunden schwanden
... je langsamer die Tage dahinschlichen ... desto weniger fand Felix
den Mut des Bekenntnisses.
In der ersten Aufwallung der Reue ... da hätte er es noch tun können.
Damals ... ehe Sophie zu ihm gesprochen hatte. Aber dann ... als sie
ihm mit rettender Hand den Ausweg wies, da klammerte er sich daran wie
ein Ertrinkender.
Warum sollte das Leben zu Ende sein ... so zu Ende gehen? Es war doch
nur ein Zufall gewesen ... diese unglückselige Tat. Nicht Vorsatz.
Sollte er deswegen wie ein Verbrecher enden müssen?
Und Sophie? Er durfte nicht an sie denken. Im tollen Wirbel
durchkreuzten die Gedanken sein Gehirn und marterten ihn. Wenn er nur
einen vertrauten Menschen auf Erden hätte ... nur einen einzigen ...
der ihn jetzt führen und leiten würde ...
In einem Anfall von Verzweiflung und Zerknirschung kam Felix zu Adele
und beichtete ihr seine Schuld. Sagte ihr alles ... wie es gekommen war
und daß er zum Mörder an dem Rechtsanwalt geworden war.
Es war am frühen Nachmittag. Hell und freundlich schien die Sonne durch
die Fenster und lugte neugierig auf die schneeweißen Züge der blonden
Frau ... die so steif und aufrecht und wie leblos in ihrem Stuhle saß,
gleich einer Statue.
Sie hatte ja alles ... alles gewußt. Auch ohne daß der Mann es ihr
gesagt hatte. Und trotzdem ... da waren doch immer Zweifel gewesen.
Eine leise Hoffnung, an die sie sich klammerte ... daß alle ihre Angst
doch grundlos sein konnte. Durch diese leise Hoffnung ... so schwach
und gering sie auch war ... hatte Adele sich aufrecht gehalten.
Jetzt, da ihr Felix alles bekannte ... da auch der letzte Rest von
Hoffnung geschwunden war ... da fühlte die Frau, wie etwas in ihrem
Innern langsam erstarb.
Sie konnte nicht schreien ... sie konnte nicht beten ... sich nicht
rühren. Es war kein Entsetzen in ihr und keine Anklage. Sie starrte nur
vor sich hin ... mit leeren Blicken. Und war bleich und reglos und ohne
Wort und Gefühl.
„Hast du kein gutes Wort für mich, Adele?“ bat Felix schüchtern über
eine Weile. Er sah die totenähnliche Starrheit seiner Frau ... die er
nicht deuten konnte. „Ich bin zu dir gekommen ... in meiner Not. Du
sollst mich leiten ... mich führen.“
Aber Adele gab keine Antwort. Sie konnte ihre Gedanken nicht sammeln
... sie konnte nicht sprechen. Sie fühlte nichts als ein inneres
Erkalten ... das ihr wehe tat.
„Adele ...“ Nun näherte sich Felix zaghaft der stillen Frau. „Kannst du
so grausam sein? Kannst du mir nicht verzeihen?“ bat er leise.
Sie hörte gar nicht, was er sprach. Sie erlebte jetzt im Geiste jede
Einzelheit jener Nacht, von der ihr Felix berichtet hatte. Und dann
dachte sie an Sophie.
„Adele ...“ bat Felix noch einmal mit demütig schüchterner Stimme und
sah angstvoll auf seine Frau. „Hast du kein Wort mehr für mich?“
Nun sah ihn Adele an. Leer und kalt war ihr Blick.
„Sophie ...“ sagte sie mit tonloser Stimme. „Hast du an sie gedacht?“
„Tag und Nacht denk’ ich an sie. Immerfort. Das treibt mich ja zum
Wahnsinn ... dieser Gedanke ...“
„Und kannst doch weiterleben?“ frug Adele leise.
„Adele ...“ sprach Felix mit heiserem Ton. „Ist das alles, was du
sagst? Ist das ... soll ich ...“ Er war jetzt vor sie hingesunken und
barg seinen Kopf wie ein Verzweifelter in ihrem Schoß. Ein rauhes
Schluchzen erschütterte seinen Körper. Er weinte ... weinte laut und
ohne Tränen.
Allmählich wich die innere Starrheit von Adele. Sie sah auf den Mann,
der hier in seinem wilden Schmerz vor ihr lag ... bei ihr Trost und
Kraft und Zuflucht suchte.
Sie hatte kein Mitleid für ihn und keine Liebe. Aber ein anderes
Gefühl regte sich in ihr. Das war das Bewußtsein einer Pflicht. Sie
wußte, daß sie dem Manne jetzt eine Stütze sein mußte.
Nicht seine Richterin durfte sie werden ... sondern der gute Kamerad,
der ihn zu leiten und zu lenken hatte. Dieses Bewußtsein gab ihr Kraft
und Stärke und ließ sie gut und ruhig zu ihm sprechen.
„Nein ... Felix. Das sollst du nicht ...“ sagte Adele jetzt mit klarer
Stimme. „Jetzt nicht ...“ fügte sie leiser hinzu. „Dann ... später ...
wenn du ruhiger geworden bist ... Dann gibt es für dich nur einen Weg
... den Weg zur Wahrheit! Und den mußt du gehen ... Felix ... mußt
stark sein um ihretwillen ... wie Sophie es für dich gewesen ist.“
Und lange noch kniete Felix zu Füßen seiner Frau. Das trockene
Schluchzen, das seine Brust erschüttert hatte, löste sich, und
allmählich wurde er gefaßter.
Leise legte Adele ihre Hand auf das Haupt des Gatten. Er fühlte es und
nahm es hin wie einen Segen.
Ob er den Mut zur Wahrheit finden würde?
„Willst du mit mir gehen ... Adele ...“ bat Felix leise. „Daß ich nicht
so allein bin.“
„Ja ... Felix. Ich gehe mit dir. Ich verlass’ dich nicht!“ sagte Adele
ruhig.
Es lag ein heiliger Ernst in ihren Worten. Ihre stille Sicherheit hatte
einen tröstenden Einfluß auf den Mann. Und um vieles ruhiger war er
jetzt in den nächsten Tagen. Ruhiger und gefaßter ...
Und wieder kamen die Tage der Weihnacht. Wieder läuteten die Glocken
um Mitternacht ... riefen die Andächtigen zur Mette in der heiligen
Christnacht.
Es war still bei den Altwirths. Kein Baum ... und kein Lichterglanz ...
keine Festesfreude und keine Hoffnung.
Vor einem Jahr ... da lebte noch die kleine Dora ... das blonde Kind
... mit seinen sonnig blauen Märchenaugen.
Adele hatte heute nachmittag ein kleines goldglitzerndes Christbäumchen
auf das Grab des Kindes getragen.
Und jetzt stand sie am Fenster ihres Wohnzimmers und sah hinaus in die
sternenhelle, funkelnde Winterpracht des Himmels. Feierlich läuteten
die Glocken um Mitternacht von der Wiltener Kirche herüber. Ernst und
mächtig klangen sie ... anders wie bei Tage.
Friede auf Erden ... Die blonde Frau in ihrem schwarzen Trauerkleid
sprach die Worte leise vor sich hin ... Friede auf Erden ... Friede den
Menschen, die eines guten Willens sind ...
Sie wollte eines guten Willens sein ... wollte den Frieden auf Erden
halten, so gut sie es vermochte.
Mit ruhigem Blick sah Adele in das sternenfunkelnde Glitzern des
Nachthimmels. Sie dachte an ihr totes Töchterchen ... und eine große,
übergroße Sehnsucht nach dem Kind erfüllte sie.
Jetzt ... nachdem alles so gekommen war ... fühlte sie nicht mehr jene
tiefe Trauer um den Verlust des Kindes. Wie eine Erlösung war es fast.
Wie gut, daß das Dorele hatte sterben dürfen! Die einsame Frau neidete
ihrem Kinde die Todesruhe.
War denn das Leben wirklich wert, gelebt zu werden? Es brachte ja doch
nur Jammer und Unglück.
Seit ihrer Aussprache mit Felix hatte Adele es versucht, milder und
gerechter über den Gatten zu denken. Sie wußte, daß sie recht getan
hatte, ihm den Weg der Wahrheit zu weisen. Aber nun fühlte sie mehr
Mitleid mit ihm ... Mitleid mit der hilflosen Schwäche dieses Mannes.
Sie hatte ihn mit keinem Wort und mit keinem Blick zur Erfüllung seiner
Pflicht gemahnt. Er sollte erst ruhig werden ... ganz ruhig und dann
handeln.
In dieser einsamen Christnacht stieg der ganze Jammer ihres zertretenen
Lebens in Frau Adele auf. Aber sie klagte nicht an. Sie suchte zu
verstehen, und sie verzieh dem Gatten.
Ein warmes, echtes Mitleid mit Felix hieß Adele in das Schlafzimmer
ihres Mannes gehen, um nach ihm zu sehen. Sie wollte ihm jetzt ... in
dieser heiligen Weihnacht gute, verzeihende Worte sagen. Warme Worte
... die sie noch vor wenigen Tagen nicht hatte sprechen können.
Als Adele das dunkle Schlafgemach des Gatten betrat ... war das Zimmer
leer. Sie drehte das Licht auf. Das Bett lag unberührt. Felix war nicht
da gewesen.
Eine innere Unruhe bemächtigte sich der Frau. Ließ sie die Nacht bis
zum Morgen durchwachen. Was war es nur? Warum war Felix fortgegangen?
Immer mehr wuchs die Sorge in dem Herzen der Frau.
Als auch die ersten Stunden des Tages ihr keine Kunde von dem Manne
brachten ... da eilte sie in ihrer Angst zu ihrem alten Freund, dem Rat
Leonhard. Der mußte ihr helfen ... ihr beistehen.
Es geschah nicht oft, daß der Rat Leonhard Besuch bekam. Und zu so
früher Tagesstunde schon gar nicht. Er war just fertig geworden mit
seinem Frühstück und gerade zum Ausgang gerüstet, als Adele hastig,
erregt und kreidebleich seine kleine altmodische Junggesellenbude
betrat.
Ziemlich verdutzt sah sie der alte Mann an. In seiner Zerstreutheit
vergaß er sogar, ihr einen Platz anzubieten. Er wäre auch in einige
Verlegenheit gekommen, wohin er sie hätte sitzen lassen können.
Da lagen überall Sachen umher. Bücher, die schon ganz verstaubt waren,
lagerten aufgestapelt auf den paar Rohrstühlen und zeugten davon, daß
der Rat Leonhard wohl eine ansehnliche Zahl guter Bücher besaß, daß er
sich aber noch nie dazu hatte entschließen können, Ordnung unter ihnen
zu halten. Auch ein großer Bücherschrank stand an der Längsseite der
einen Wand zu Füßen des bescheidenen Bettes.
Es war alles vollgeräumt in dem Zimmer und so wenig Platz, daß
zwei Leute sich kaum darin bewegen konnten. Ein altes, schon ganz
verblichenes und herabgekommen aussehendes Sofa war belegt mit
Kleidern und Wäsche. Der Tisch war vollgekramt mit vielerlei Sachen,
die in harmonischer Ruhe und Eintracht beieinander lagen. Pfeifen,
große und kleine, Tinte und Schreibzeug, daneben die Überreste eines
Frühstücks, Tassen, Teller mit Brotkrumen und Brot und Butter.
Kleiderbürsten, Tabaksasche, Federkiele und Hühnerfedern, Briefpapier
und eine Wasserflasche breiteten sich in wahrhaft künstlerisch genialer
Unordnung auf dem Tische aus.
Das Zimmer des Herrn Rates besaß nur ein breites Doppelfenster. Und
obwohl draußen die Sonne hell und freundlich schien und die Luft klar
und frisch war, so war es hier drinnen doch dumpf, stickig und düster.
Der Rat Leonhard liebte es nicht, viel Luft und Sonne in sein Gemach
einzulassen. Er war für strenge Absperrung der Luft und betrachtete
dies als eine Vorsichtsmaßregel gegen den verderblichen Einfluß des
Südwindes, der die Stadt den größten Teil des Jahres beherrscht und die
Nerven vieler Bewohner foltert.
Hinter dem Kleiderschrank, der in einer Ecke des Zimmers stand, war
eine große Bilderkiste. Sie war so breit und massig, daß der Kasten
ziemlich weit in das Zimmer hereingerückt stehen mußte, um für sie
Raum und Platz zu schaffen. Dadurch machte das Zimmer selbst in seinen
besten Zeiten einen unordentlichen und unaufgeräumten Eindruck. In
der großen Kiste aber befand sich das Bild von Felix Altwirth, das
der Herr Rat damals nach jener verunglückten ersten Ausstellung in
Innsbruck erstanden hatte.
Als Adele das Zimmer des alten Herrn betreten hatte, wußte es der Rat
Leonhard sofort, daß etwas ganz Außerordentliches vorgefallen sein
mußte.
Es war lange her, daß er die junge Frau gesehen hatte. Fast solange,
als das Dorele tot war. Nur einige Male hatten sie sich bald darauf am
Grabe des Kindes getroffen und gesprochen. Und das nur flüchtig.
Der alte Mann wich Adele aus. Er scheute sich davor, ihr Ratgeber zu
werden. Denn nun wußte er, daß er keinen Grund mehr anzugeben hatte,
warum Adele bei dem Gatten bleiben sollte, im Falle sie ihn deswegen
befragen würde.
Er hatte sich schon immer gewundert, der alte Herr, daß Adele jetzt
nach dem Tode des Kindes noch bei Felix geblieben war. Und doch hatte
er es im stillen gutgeheißen. Auch er empfand es wie einen Segen für
Felix Altwirth, solange die Frau in seiner Nähe weilte.
In den Tagen der allerersten Aufregung nach der Ermordung des Doktor
Rapp hatte der Rat Leonhard ein unbestimmtes Gefühl, als ob er zu Adele
gehen müßte, um nach ihr zu sehen. Er unterließ es aber. Wozu sich
einmischen? Vielleicht kamen sich die beiden Gatten jetzt in dieser für
Felix zweifellos schweren Zeit näher ... lernten sich mehr verstehen
... wenn kein störendes drittes Element dazwischen trat.
Störend aber war in den Augen des alten Herrn jeder Mensch, ob Mann
oder Frau, der auch nur den Versuch machte, vermittelnd auf Ehegatten
einzuwirken. Die mußten von selber wieder den Weg zueinander finden.
Auch die beste Absicht eines Fremden konnte mehr verderben als nützen.
So blieb der Rat Leonhard den Altwirths fern. Ging nicht zu ihnen,
sondern wartete auf den Zufall, der ihn wieder mit Adele zusammenführen
würde.
Und jetzt war Adele zu ihm gekommen. Voll heißer Angst und Sorge war
sie gekommen und bat ihn, ihr beizustehen in ihrer Bedrängnis.
Der Rat Leonhard warf einen kurzen, stechenden und forschenden Blick
auf die junge Frau. Er sah, daß sie ihm nicht alles gesagt hatte, daß
sie den eigentlichen Grund ihrer Angst ihm nicht gestehen wollte.
Da sie nicht von selber redete, drang er auch nicht in sie. Er wirkte
nur mit guten Reden beruhigend auf sie ein und bat sie, wieder nach
Hause zu gehen und dort auf ihren Mann zu warten.
„Vielleicht ist er schon daheim ... wenn Sie kommen!“ versuchte er sie
zu trösten. „Was soll ihm denn auch passiert sein? Sie sind halt noch
alleweil ein bissel aufgeregt. Wunder ist’s ja keins!“ machte er dann.
„Helfen Sie mir ... Herr Rat ...“ bat Adele flehend. „Er kommt nicht
wieder. Ich weiß es!“ sagte sie angstvoll.
„Jetzt gehen’s nach Haus!“ befahl der alte Herr kategorisch. „Und
überlassen’s alles andere mir! Ich werd’ schon für alles sorgen ... und
dann ... später ... komm’ ich nachschauen ... wie’s geht.“
Der Rat Leonhard hatte selber das Gefühl, daß es besser sei, in Adele
nicht Hoffnungen zu erwecken, an die er selbst nicht glaubte. Sie
mußte es ja wissen, warum ihre Angst und Sorge so begründet waren. So
ging denn der Rat Leonhard und veranlaßte alles Nötige, um über das
Verschwinden des Malers Altwirth Erkundigungen einzuziehen.
Aber erst am nächsten Tag wußte man es mit Bestimmtheit, was geschehen
war. Droben im Mittelgebirge ... in einem der schönen, herrlichen
Wälder, die sich von Natters gegen das Oberinntal erstrecken, da hatten
sie den Maler Altwirth erschossen aufgefunden ...
Die Frau Therese Tiefenbrunner erfuhr die Nachricht am Vormittage des
zweiten Weihnachtstages. Ahnungslos wandelte sie am Arme ihres Gatten
durch den Hofgarten mit langsamen, bedächtigen Schritten. Sie hatte ein
neues schwarzes Kleid von schwerem, kostbarem Seidenstoff an. Das mußte
sie heute zum ersten Male spazieren führen. Sie mußte dabei sorgsam
darauf achten, was wohl die andern der ihr bekannten Damen Neues an
Hüten, Pelzen und Kleidern aufzuweisen hatten.
Der Hofgarten war in den Vormittagstunden der Sonn- und Feiertage der
Treffpunkt der Innsbrucker vornehmen Welt. Im Sommer spielte da die
Musik in dem viereckigen luftigen Pavillon, der den Mittelpunkt des
Gartens bildet. Da hüpften und sprangen die Kinder ein und aus. Und im
bunten Durcheinander bewegte sich hier alt und jung im frohen, heiteren
Geplauder. Andere wieder standen abseits und ließen bei den Klängen der
Musik die Reihen der Menschen vorbeiziehen. Oder sie zerstreuten sich
auf den weiten und gutgepflegten Wegen der schönen, blumengeschmückten
und von alten Bäumen flankierten Gartenanlagen.