Erst nach mehreren Wochen, als Valentin Rapp sich ruhiger gab, wurde

Sophie kühner.

Es war im Dezember ... die Zeit kurz vor Weihnachten. Valentin Rapp

hatte eine geschäftliche Reise zu machen. Eine Reise nach Wien. Sophie

wußte schon längst von dieser Fahrt und freute sich auf die Freiheit

dieser Tage, wie ein eingesperrter Vogel sich aus seinem Käfig sehnt.

Sie wußte es, daß es sich um die Vertretung in einem Prozeß handelte,

der einige Tage dauern konnte.

Als der Gatte von ihr Abschied nahm, fragte ihn Sophie im

gleichgültigsten Ton: „Sag’, Mannderl, wie lang bleibst denn aus?“

„Höchstens zwei Tag’. Übermorgen in der Nacht komm’ ich!“ erwiderte

Doktor Rapp.

Sophie atmete auf. Zwei Tage ... es war wenig. Aber sie würde ihre

Freiheit genießen!

Der Rechtsanwalt beobachtete seine Frau mit argwöhnischen Blicken. Er

sah, daß sie zu Boden schaute, und er glaubte später in ihren dunklen

Augen einen Schimmer von aufleuchtender Freude zu bemerken.

Die Falle war also gut. Übermorgen wollte er kommen ... sagte er. Der

Prozeß in Wien war aber erst in zwei Tagen fällig.

Mit großer Zärtlichkeit und Liebe nahm Sophie auf dem Bahnhof zu

Innsbruck Abschied von dem Gatten. Sie sah, wie Valentin Rapp den

direkten Wagen nach Wien bestieg. Und sie winkte ihm mit ihrem kleinen

feinen Spitzentaschentuch so lange nach, bis der Eilzug ihren Blicken

entschwunden war.

Dann lief sie, so schnell sie konnte, hinauf nach Wilten, in die

Wohnung der Altwirths. Alle Abkürzungswege benützte sie, um nur so

rasch als möglich bei dem Geliebten zu sein ...

„Felix ...“

„Ja ... Schatz!“

Sie lagen sich in den Armen und konnten sich kaum fassen vor Freude.

„Heut’ nacht ... Felix ...“ flüsterte Sophie heiser vor Erregung.

Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. So sehr sehnte sie sich nach dem

Geliebten.

„Nach Mitternacht?“ frug Felix leise.

„Um eins. Sei pünktlich!“ ...

Es war eine finstere Nacht. Neumond. Die Sterne glitzerten am schwarzen

Firmament unruhig und unstet. Ab und zu fegte ein heftiger Windstoß mit

ungestümer Gewalt dem einsamen Wanderer frostige, schneidende Luft ins

Gesicht. Den Pelzkragen aufgestülpt und den weichen, dunklen Hut tief

in die Stirn gedrückt, so legte Valentin Rapp in der kalten Winternacht

zu Fuß den Weg von Hall nach Innsbruck zurück.

In Jenbach schon war der Rechtsanwalt umgekehrt. Hatte den nächsten

Zug nach Innsbruck benützt und war abends in Hall angekommen. Von dort

wanderte er bei Nacht zu Fuß, um von keinem Bekannten gesehen zu werden.

Doktor Rapp war innerlich ruhig geworden. Fast ohne jede Aufregung, mit

einer Art kühlen Interesses sah er den Stunden entgegen, die er nun auf

seinem einsamen Beobachtungsposten verbringen würde. Er wußte ... wenn

er auch heute nacht und morgen noch vergebens auf diesem Posten stand,

daß er dann wieder ruhig und zufrieden leben konnte wie bisher.

Diese beiden Nächte sollten ihm die Entscheidung bringen über sein

ferneres Leben. Und sie würden sie auch bringen. Valentin Rapp fühlte

das klar und deutlich. Und deshalb war diese große Ruhe über ihn

gekommen.

Als der Rechtsanwalt durch den Bogen des Bahnviaduktes schritt, der

die nach Mühlau führende Straße überspannt, da hörte er die Uhren

der Türme von Innsbruck elf Uhr schlagen. Eine nach der andern. Die

einen in hellen, kurzen Tönen und die andern in langsamen, feierlichen

Schlägen, als wollten sie den Lauf der Zeit eindämmen, auf daß er nicht

so schnell verrinne.

Elf Uhr ... Es war Zeit ... noch viel Zeit. Doktor Rapp würde noch

lange warten müssen ...

Unwillkürlich schlug der Rechtsanwalt jetzt eine langsamere Gangart

ein. Fast gemächlich ging er den Rest des Weges. Die Hände auf

dem Rücken, als mache er nur zu seinem Vergnügen einen nächtlichen

Spaziergang.

Er achtete nicht auf die eisige Luft, auf den starken Wind, der ihm

schneidend durch die Kleider fuhr. Er ging weiter ... immer gerade aus

... bis zur Kettenbrücke ...

Viele Hunderte von blitzenden Lichtern erleuchteten die schlafende

Stadt. In dem heftigen Wind schienen sie unruhig zu flackern, als

trieben sie mit den Milliarden glitzernder Sternchen droben am

Nachthimmel ein lustiges Wettspiel.

Auf der Kettenbrücke blieb Doktor Rapp stehen. Es war so still

und ruhig da ... kein Mensch ... kein Laut ... nichts. Fast etwas

Unheimliches lag in dieser Stille und bedrückte den einsamen Wanderer.

Das Dunkel der Nacht lastete schwer auf der Stadt. Trotz der weißen

Schneedecke und den flackernden Lichtern war es dem Rechtsanwalt, als

brütete eine tiefe Traurigkeit über der Stadt. Oder erschien es ihm nur

so ... weil er selber so traurig war ... so unsagbar traurig ...

Je näher er seinem Hause kam, desto langsamer ging Doktor Rapp. Und

ganz ruhig war er ... ganz ruhig ... Er mußte ja ruhig sein ... ruhig

und geduldig ... und warten ... noch lange ... lange Stunden vielleicht.

Valentin Rapp ging langsam und immer langsamer auf sein Haus zu. Als er

es sah, umschlich er den Garten der Villa, die sein eigen war, wie ein

Dieb. Lauerte und spähte umher ... Er sah nichts. Gar nichts.

In einem Zimmer des ersten Stockwerkes brannte ein Licht. Es war das

Wohnzimmer. Und droben im Giebel war noch ein Fenster beleuchtet. Das

war am andern Ende des Hauses. Das Mädchenzimmer. Sonst überall Dunkel.

Im Erdgeschoß des Hauses regte sich nichts. Die Mieter waren alte Leute

und liebten die Nachtruhe.

Einige Male umschlich der Rechtsanwalt sein Haus. Dann gab er sich

einen Schwung, kletterte über den nicht sehr hohen Eisenzaun des

Gartens und ließ sich sachte und lautlos zur Erde gleiten. Er hatte den

Schlüssel des Gittertores bei sich, aber er scheute den Lärm, den das

Öffnen desselben vielleicht verursachen konnte.

Langsam und sorgsam stapfte er durch den Schnee des Gartens dem kleinen

Gartenhäuschen zu. Morgen würden sie die Fußspuren sehen, dachte er.

Vom Gartenhäuschen aus konnte er den Eingang der Villa genau im Auge

behalten, und er sah auch das erleuchtete Fenster des Wohnzimmers.

Konnte beobachten, wie lange Sophie noch wach war.

Was sie wohl jetzt gerade tat? Vielleicht las sie oder schrieb an ihn?

Einen ihrer kleinen, zärtlichen, stillosen Briefe, die ihm immer so

viel Freude bereitet hatten. Doktor Rapp stellte sich sein Weib vor,

wie sie droben saß, einsam, und an ihn schrieb. Er sah sie, wie sie

mit ernsthaftem Gesicht über dem Papier saß und kritzelte. Sie sah

so drollig ernsthaft aus, wenn sie schrieb. Zog die Stirne kraus und

preßte die Lippen zusammen. Wie ein Kind.

Eine große Sehnsucht nach Sophie überkam den Rechtsanwalt bei diesen

Gedanken. Am liebsten wäre er jetzt zu ihr hinaufgegangen, um sie

bei ihrer einsamen Tätigkeit zu überraschen. War sie denn einsam?

Vielleicht war sie es nicht ... vielleicht ...

Deshalb war er doch hierher gekommen zu so später Stunde, um sich

Gewißheit zu verschaffen. Und nun fingen die quälenden Fragen schon

wieder an.

Doktor Rapp hatte sich auf eine der hölzernen Gartenbänke gesetzt, die

den Winter über in dem Häuschen untergebracht waren. Und jetzt wartete

er ... wartete ...

Er hörte jeden Stundenschlag der Uhren. Es war immer eine und dieselbe

Turmuhr, die als erste den Verlauf einer Viertelstunde ankündigte.

Dann kamen die andern. Eine nach der andern, in melodischer,

abgestimmter Harmonie.

Wie langsam die Zeit verrann ... endlos ... Und draußen der kalte Wind

in seinen unruhigen Stößen.

Und immer noch das Licht im Wohnzimmer? Warum ging sie nicht schlafen

... warum?

Und wieder kämpfte die Sehnsucht nach dem Weibe mit dem lauernden

Verdacht.

Wenn sie nun doch unschuldig war?

Wie ein freudiger Schreck durchzuckte es den Mann.

Er würde Wache halten hier unten und dann ... dann ... morgen ... nicht

heute ... dann würde er zu ihr kommen als ein Reuiger. Niederknien

würde er sich vor ihr und ihr alles bekennen. Und sie würde ihn in ihre

Arme nehmen, weich und lind, und würde ihn küssen ... küssen ... wie

nur Sophie küssen konnte.

Vom Turm schlug der helle Glockenton halb ein Uhr. Das Licht im

Wohnzimmer erlosch. Gott sei Dank! Valentin Rapp atmete auf. Nun ging

sie schlafen.

Es war alles dunkel im Haus. Kein Laut. Und wieder harrte Valentin

Rapp und sah abwechselnd bald auf die dunklen Fenster seiner Wohnung

und bald auf den Garteneingang hin. Erwartungsvoll ... dann immer

gleichgültiger.

Valentin Rapp fröstelte. Es fiel ihm ein, daß er noch kein Obdach hatte

für die heutige Nacht. Später ... dann würde er nach Pradl gehen. Da

kannte er einen Gastwirt, der verschwiegen war. Der Rechtsanwalt hatte

ihm einmal Gutes tun können. Seither war ihm der Mann ergeben.

Ein Uhr ...

Horch ... Etwas regte sich ... Der Glockenschlag hatte den einsamen

Mann im Gartenhaus aufgeschreckt. Oder war es ein Laut gewesen, ein

Ton?

Sorgfältig spähte Valentin Rapp durch die Dunkelheit. Es war ihm, als

wäre oben im ersten Stock ein Fenster geöffnet worden. Er konnte es

nicht sehen ... es war zu dunkel.

Aber jetzt ... jetzt hörte er etwas ... Es war keine Täuschung. Von

der Straße her kam der gedämpfte Tritt eines Mannes. Der hartgefrorene

Schnee knirschte leise ... Die Schritte kamen näher und näher ...

Valentin Rapp hielt den Atem an vor erwartungsvoller Spannung. Er

spähte hinaus in die Dunkelheit, in die Richtung, woher der Schall der

Tritte kam.

Der Schein eines Lichtes fiel in den Garten. Plötzlich ...

unvermittelt. Erschreckt sah Valentin Rapp auf.

Da ... da ... er sah es deutlich. Im Rahmen des offenen Fensters ihres

jetzt hell erleuchteten Wohnzimmers stand Sophie und sah in den Garten

hinab. Einen Moment nur. Aber Valentin Rapp war es, als müßte sie ihn

gesehen haben. Unwillkürlich drückte er sich nach rückwärts noch tiefer

in das Innere des Häuschens hinein.

Es war wieder dunkel droben. Die Schritte von der Straße her kamen

näher. Mit dem Aufgebot seiner ganzen Nervenkraft horchte der

Rechtsanwalt. Er hörte, daß der Mann draußen sich jetzt langsam

heranschlich. Er konnte den Fremden nicht sehen ... er hörte ihn nur,

wie er leise und vorsichtig näher kam.

Dann hörte er den Schlüssel ... hörte das Öffnen des Tores und das

Geräusch des wieder zuschnappenden Schlosses.

Und dann wieder die leise schleichenden Tritte und das Öffnen der

Haustür. Sicher und wie selbstverständlich hatte der Fremde seinen Weg

gefunden. Er mußte ihn gut kennen.

Das Fenster im ersten Stock klirrte leise. Sophie hatte es also wieder

zugemacht.

Doktor Rapp konstatierte das alles mit einer Ruhe, über die er sich

selbst wunderte. Nun war er wieder ganz ruhig geworden. Unheimlich

ruhig. Er mußte es ja auch sein. Nun hatte er ja die Gewißheit ...

die Erlösung aus der Qual des Zweifels. Und nun mußte er handeln ...

abwarten, bis die beiden da droben sich vollkommen sicher fühlten. Er

konnte ja jetzt warten ... jetzt noch viel mehr als zuvor ...

Es war eine heiße Liebesnacht für Felix und Sophie. So heiß und glühend

hatten sie sich beide schon lange nicht mehr geliebt wie heute.

Wie in einem tollen Rausch verbrachten sie die Zeit.

„Sophie ...“

„Felix ...“

Es war der Ausbruch eines neuen, unendlichen Vergehens ineinander ...

Und leise durchschlich Valentin Rapp die dunklen Räume seiner Wohnung

... von Tür zu Tür ...

Er hatte die Schuhe ausgezogen und tastete sich nun sachte und lautlos

vorwärts.

An der Tür des Schlafzimmers machte er halt. Er horchte ... Er hörte

das unterdrückte Flüstern erregter Stimmen.

Valentin Rapp spürte einen wehen, stechenden Schmerz. So sehr hatte er

dieses Weib geliebt ... so ehrlich und warm. Und sie betrog ihn ... die

Dirne!

Das schwere Blut stieg ihm jäh zu Kopf, und ein Zittern und Beben

befiel ihn ... Ruhig ... er mußte ruhig sein ... nur jetzt noch ... bis

er sie getroffen hatte.

Schwer atmete der Mann ... fast keuchend. Und drinnen schmiegte sich

Sophie innig an die Brust des Geliebten ... umschlang ihn mit ihren

weichen Armen und küßte ihn.

„Felix ... lieber ... lieber Felix! Weil ich dich nur wieder hab’ ...

dich ... du ...“

Vorsichtig öffnete Valentin Rapp die Tür seines Schlafzimmers ...

Das matte Licht der Ampel mit dem gelben Seidenschirm fiel auf das

Weib, das in den Armen ihres Buhlen lag.

Valentin Rapp schaute nicht auf den Mann. Er sah nur sie ... das Weib

... die Dirne. Er sah sie in ihrer ganzen Schande. Und mit geballten

Fäusten stürzte er sich auf sie wie ein gereiztes Tier und züchtigte

sie. Ohne ein Wort zu sagen ... jäh und plötzlich riß er sie aus den

Armen ihres Geliebten. Zerrte sie zu Boden und schlug ihr ins Gesicht.

Brutal ...

„Dirne!“ stieß er keuchend hervor. „Jetzt hab’ ich dich!“

Zitternd krümmte sich das Weib unter den Schlägen des Mannes. Sie

fühlte sie nicht. Sie hatte nur eine Angst ... Felix. Nur an ihn dachte

sie ... nicht an sich.

Felix war mit jähem Schreck emporgefahren. Einen Augenblick starrte er

wie betäubt auf den Mann ... Dann sah er, wie Valentin Rapp in blinder

Wut auf das Weib einhieb ... brutal und roh ... Und jeder Schlag

durchzuckte ihn ... peitschte ihn auf und versetzte ihn in namenlose

Wut.

Von rückwärts fiel er dem Rechtsanwalt in den Arm, umkrampfte ihn mit

Macht, um Sophie zu befreien.

„Rette dich ... Sophie ...“ rief er ihr zu. „Schnell ... vorwärts ...“

Aber Sophie rührte sich nicht. Wie betäubt lag sie auf dem weichen

Teppich und hielt die Hände vors Gesicht.

Doktor Rapp befreite sich mit einem kräftigen Ruck und schleuderte

Felix in eine Ecke des Zimmers, daß er zu Boden fiel. Die Aufregung

hatte Valentin Rapp Riesenkräfte verliehen.

„Zuerst kommt sie dran ... dann du ... Bube ...“ schrie er jetzt vor

Wut brüllend.

Jäh schnellte das Weib empor ... von Angst getrieben. Aber nicht um

sich ... sondern um Felix.

„Fort ... fort ... Felix ...“ rief sie ihm mit schriller Stimme zu.

„Fort ...“

Doktor Rapp hielt das Weib gepackt. Fest ... an der Kehle ... Die Zähne

knirschten ihm ... dann ...

Sophie sah den Dolch in seiner rechten Hand ... Scharf glitzerte das

Ding ... da ... sie schrie auf.

„Felix ... hilf ... Felix!“ Es war wie ein Todesschrei.

Und dann wand sie sich unter seinem Griff. Kämpfte mit ihm ... hielt

ihm den Arm mit der Kraft der Verzweiflung ... Er durfte nicht stechen

... sie wollte leben ... leben ...

„Hilf, Felix! Hilf!“ schrie sie verzweifelt.

Felix Altwirth hatte den Mann angefallen, und mit wuchtigem Schlag hieb

er ihm den Dolch aus der Hand. Die Waffe fiel zu Boden ...

Der Rechtsanwalt ließ von dem Weibe ab ... Jetzt standen sich die

beiden Männer als Todfeinde gegenüber.

Sie kämpften miteinander ... stumm und wortlos ... Sie kämpften um die

Waffe ... Es war ein kurzer, heißer Kampf ... Da ... Felix lag zu Boden

... er hatte die Waffe ... Der Rechtsanwalt sah es nicht, daß er zum

Stich ausholte.

Valentin Rapp wälzte sich in blinder Wut über seinen Gegner ... er

beugte sich über ihn ... ein Ruck ... Felix drückte den Dolch, den er

fest in der Hand hielt, in die Brust des Mannes ...

„Ah ...!“ Es war ein Stöhnen ... ein unterdrückter Schrei, der sich

dem Munde des Rechtsanwaltes entrang. Die Hand hielt er an die Brust

gepreßt ... die Augen geschlossen ... den Kopf nach hinten. Dann fiel

er mit Gepolter zur Seite. --

Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen starrte das Weib auf ihren

Gatten ... sie konnte sich nicht rühren ... kein Glied bewegen ...

Sie sah das Todeszucken des Mannes, und sie hörte sein Röcheln ... Sie

hielt den Atem an ... starrte ... wollte schreien ... um Hilfe rufen

... und konnte nicht. Sie sah nur immer hin auf das Opfer, das zu Boden

lag ... Ein Dehnen ... ein Recken ... Dann ... dann war er ruhig ...

Und nun löste sich die lähmende Spannung in Sophiens Gliedern. Langsam

und lautlos kniete sie sich nieder ... und auf den Knien kroch sie zu

dem Gatten hin ... langsam ... von Angst und Entsetzen erfüllt ...

Sie tastete ihm mit zitternder, fieberheißer Hand ins Gesicht ... er

bewegte sich nicht und hatte die Starre des Todes.

Sachte ließ sich das Weib an der Seite der Leiche nieder und bettete

den Kopf des toten Mannes in ihren Schoß. Und dann weinte sie ... leise

... fast lautlos ...

In einer Ecke des Zimmers stand Felix. Das Entsetzen über seine Tat

hatte ihn betäubt ... er konnte es noch nicht fassen ... Tot ... Er

hatte den Mann getötet ... ein Mörder ... nun war alles vorbei ...

Eine tiefe, unheimliche Stille herrschte in dem kleinen Raum. Sie

konnten einander nicht in die Augen schauen ... die beiden Schuldigen

... sie starrten nur immer wie gebannt auf das wachsbleiche Gesicht des

Toten.

Mit sanftem Druck hatte Sophie dem Gatten die Augen geschlossen ... Sie

konnte diesen brechenden Blick nicht mehr sehen. Es tat ihr so wehe ...

wehe ...

Sie hatte ihn lieb gehabt ... die Frau ... ehrlich lieb. Und sie

war ihm dankbar gewesen ... und trotzdem hatte sie ihn betrogen ...

betrogen ... weil sie nicht anders konnte.

Zögernd und scheu näherte sich Felix.

„Sophie ...“ flüsterte er heiser.

Sophie sah zu ihm auf. Ruhig und ohne Vorwurf. Aber ihre Tränen rannen

unaufhörlich über die todbleichen Wangen.

„Ja ... Felix!“ sprach sie mit schluchzender Stimme.

„Nun ist alles aus!“ sagte Felix gebrochen. „Jetzt ... ich werd’ mich

stellen müssen.“

„Du?“ Entsetzt starrte ihn das Weib an. „Flieh’!“ stieß sie wild hervor.

Felix schüttelte den Kopf. „Nein!“ sagte er. „Das nützt nichts. Sie

bekommen mich doch.“

Ein eisiger Schauder durchfuhr den halb entblößten Leib des Weibes.

„Ins Gefängnis ...“ stieß sie hervor. Sie krümmte sich zitternd und sah

mit scheuem Blick auf Felix. „Ins Gefängnis ...“ wiederholte sie.

„Leb’ wohl ... Sophie ...“ sagte Felix tonlos. „Daß das so ein

Ende nehmen muß.“ Er hielt ihr die Hand hin. Unverwandt und mit

angsterfülltem Blick schaute das Weib zu dem Mann empor.

„Warum gehst du ...“ stieß sie hervor. „Bleib’!“

„Es ist besser, wenn ich geh’ ... Sophie. Deinetwegen ...“ fügte er

nach einer kleinen Pause hinzu.

Sophie erhob sich. Dann bettete sie sanft und weich das Haupt des toten

Gatten auf ein Kissen, das sie herbeiholte. Ganz allmählich gewann sie

ihre Fassung wieder. Sie zitterte noch an allen Gliedern ... aber sie

konnte wieder ihre Gedanken sammeln.

Und nun stand sie da in ihrem weißen Nachtgewand und streckte sich im

namenlosen Schmerz. Fest preßte sie die vollen Lippen aufeinander, die

so blaß und blutleer waren wie ihr totenbleiches Gesicht.

„Felix ...“ Sie sah ihn mit großen, wehen Augen an. „Du weißt, daß ich

dich lieb hab’?“ frug sie.

„Sophie ...“ Jetzt kniete sich Felix vor ihr nieder ... umschlang ihren

Leib mit beiden Armen und preßte seine Lippen auf ihre Hände.

„Siehst, Felix ...“ fuhr Sophie leise flüsternd fort ... als wollte

sie den Toten nicht aus seiner Ruhe stören ... „Den da hab’ ich auch

lieb g’habt. Sehr lieb ... Aber nit so wie dich ... anders ... Und

jetzt ... jetzt ist er nimmer ... Und du ... du bist auch nimmer ...

und alles ... alles ist meine Schuld ... Ich weiß es ... ohne mir ...

wär’s nit so weit kommen!“ Sie griff sich mit der Hand gegen die Stirn,

als müßte sie sich besinnen. Dann fuhr sie mit flüsternder und bebender

Stimme zu reden fort. „Ich hab’s Elend über euch gebracht ... über dich

und ihn ... und hab’ euch doch gern g’habt ... so gern ...“

Der Ton ihrer Stimme tat Felix so weh, daß er aufschluchzte vor Leid.

Sie fuhr ihm zärtlich über den Kopf und streichelte ihn.

„Ich will’s gutmachen ... Felix ...“ sagte Sophie kaum hörbar. „Ich bin

die Schuldige ... niemand soll’s wissen ... daß du’s getan hast.“

„Sophie ... du ... das geht nicht ... unmöglich. Ich bin’s gewesen,

und ich trag’s auch!“ Mit jähem Schreck war Felix emporgefahren und

sah scheu und verstört auf das Weib, das nun in ruhiger und gefaßter

Haltung vor ihm stand.

Sie hatte den Kopf tief gesenkt und ließ die Arme müde und matt

herabhängen. Wie eine ganz andere ... eine demütige, ergebungsvolle

Frau kam sie dem Mann jetzt vor, und mit achtungsvoller Ehrfurcht hörte

er auf die Worte, die sie leise flüsternd sprach.

„Nein, Felix ... ich muß es sein ... laß mich ... ich bitt’ dich drum

...“ Sophie faltete die Hände und sah ihn flehend an. „Für mich ist’s

Leben doch aus ... ich mag nimmer sein ... Jetzt nimmer ... jetzt ...

wo alles zu Ende ist und ich so glücklich war.“

„Glaubst du, daß ich noch leben könnte ... daß ...“ stieß er hervor.

„Ja ... du mußt leben ... Felix!“ sagte Sophie fest und beinahe

gebieterisch. „Du mußt arbeiten und für andere leben. Schaff’ und werd’

groß!“

Leise und ehrerbietig küßte der schuldige Mann die Hand des sündigen

Weibes. Und noch einmal fuhr sie ihm liebkosend über das tiefgebeugte

Haupt. Dann nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, mit

derselben mütterlichen Gebärde, wie sie es so oft getan hatte, neigte

sich tief über ihn und küßte ihn lange und innig ... Es war wie ein

letztes, unendliches Versinken ineinander.

Dann riß sie sich gewaltsam von ihm los. „Geh’ ... jetzt ... Felix ...“

bat Sophie leise und wandte sich mit müder Gebärde von ihm ab. „Geh’

... es soll dich niemand hier sehen. Kein Mensch soll’s je erfahren ...

daß du’s getan hast. Geh’ ...“ bat sie nochmals, da sie sah, daß Felix

noch zögerte. Aber sie schaute den Mann, der ihr das Höchste geworden

war auf der Welt, mit keinem Blick mehr an. Sie hatte nicht mehr den

Mut dazu.

Lautlos und unhörbar schlich sich Felix von dem Ort seiner Tat. Schlich

hinaus in die Dunkelheit und Stille der Nacht.

Lange noch stand Sophie regungslos in der Mitte des Zimmers und starrte

auf die Tür, durch die Felix gegangen war. Fort ... nun war er fort ...

Sie hatte ihn wohl zum letztenmal gesehen ...

Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust des Weibes. Allein ... nun

war sie allein ... ganz allein ...

Mit unsicheren, ängstlichen Blicken sah sie zu der Leiche hinüber die

am Boden lag. Wie unheimlich es hier war. Ein eisig kalter Schauer

durchfuhr ihre Glieder ... es fror sie ... Es war kalt in dem Zimmer

... still und kalt ... wie in einer Totengruft.

Mit vorsichtig zögernden Schritten schlich sich Sophie zu der Stelle

hin, wo ihr toter Gatte lag. Ganz nahe kam sie heran ... ganz nahe

... Und dann kniete sie nieder. Kniete sich zu ihm und fuhr ihm mit

bebender Hand tastend und suchend über den leblosen Körper, als müßte

sie doch noch ein Lebenszeichen in ihm entdecken.

Nichts ... alles still ... alles tot.

Und immer tiefer beugte sie sich über ihn, und ihre Augen erweiterten

sich immer mehr vor Angst ... je länger sie auf den Toten starrte.

Es war ihr ... als ob ein Fremder, ein Unbekannter vor ihr liegen würde.

„Valentin ...“ Sie flüsterte es ganz leise. „Valentin!“ Jetzt sagte sie

es lauter.

Der Ton ihrer Stimme erschreckte sie. Es hallte so unnatürlich wider

... so hohl und dumpf in der tiefen Stille des engen Raumes.

„Valentin!“ Nun schrie sie das Wort heraus.

Alles still ... nichts regte sich. Doch ... Dem geängstigten Weibe

schien es, als ginge ein leichtes Zittern durch den Körper des toten

Mannes. Mit starrem, gebanntem Blick sah sie auf die Leiche. Sollte er

... regte er sich ... sollte er nochmals zum Leben erwachen?

Sophie wagte es jetzt nicht mehr, neben ihm zu sein. Ein

abergläubischer Schrecken durchrüttelte sie ... peitschte sie empor ...

so daß sie wie gehetzt in das andere Ende des Zimmers flüchtete.

Wie trüb das Licht der gelben Ampel brannte ... Und wie düster und

beklommen es in dem kleinen Raum war ...

Horch! Rührte sich da nicht etwas ... ein Laut ... ein Atmen ...

Mit zusammengekrümmten Gliedern schlich das Weib an der andern Seite

des Doppelbettes entlang ... schlich ... leise ... auf nackten Sohlen.

Mit hochklopfendem Herzen horchte sie ... horchte ...

Wie unheimlich es hier war. Und wie ruhig ... wie tot.

Und immer länger starrte sie ... sich gewaltsam an dem Rande des Bettes

festhaltend ... zu dem Toten hinüber. Je länger sie schaute ... je

länger sie mit eingezogenem Atem angestrengt horchte und nichts hörte

als den Schlag des eigenen, wild pochenden Herzens ... desto mehr

steigerte sich ihre Furcht und ihr Entsetzen vor dem Toten.

Der kalte Schweiß stand dem zitternden Weibe auf der Stirn. Und dann

rannte sie wie von Furien gepeitscht fort ... hinaus aus dem Zimmer

... hinüber in das gleiche Zimmer, wo sie vor wenigen Stunden noch am

offenen Fenster auf das Kommen des Geliebten gelauscht hatte.

Licht ... Nur Licht ... Sie mußte sehen ... und frische ... erquickende

Luft schöpfen.

Wie eine Erstickende ... so lechzte das Weib nach Luft. Sie riß die

Fenster auf ... Das Klirren der Scheiben erschreckte sie.

Die Stadt am Inn · 第 25 / 28 段