Drunten auf der Straße, vor den verhüllten Fenstern des Kinderzimmers

schlich der alte Rat Leonhard auf und nieder. Ganz traurig und gebeugt

ging er, der alte Herr, und hatte gar keine Schrullen mehr. Sein jetzt

schneeweißer Kopf war tief gesenkt, und in der Hand hielt der Herr Rat

ein winziges Sträußchen der ersten Frühlingsblumen. Er hatte einen

weiten Weg machen müssen, um sie zu finden. Es waren Schneeglöckchen

und kaum erblühte Schlüsselblumen. Die wollte er seinem Liebling zum

Gruße senden.

Sehnsüchtig sah der alte Herr zu den Fenstern empor. Wenn er doch

hinauf dürfte ... Nur ein einziges Mal ... nur einmal noch im Leben das

Lachen der kleinen Dora hören und ihr ins liebe Gesichtchen schauen ...

in die guten, klugen Kinderaugen ...

Den alten Rat fröstelte es ... er stand schon lange hier ... sehr

lange ... und niemand kam, um ihm die Blumen abzunehmen ... Ob er

doch hinaufgehen sollte, um Einlaß bitten? Er hatte es schon öfters

vergebens versucht.

Niemand wurde eingelassen. Nicht einmal der Rat Leonhard. Der Arzt

hatte strenge Absperrungsmaßregeln angeordnet.

Jetzt fing es schon an zu dunkeln. Und noch immer kam niemand von den

Altwirths zu dem alten Herrn herab. Das Dienstmädchen wußte ja, daß er

kommen würde ... Warum ließ sie ihn warten? ...

Von den Bäumen des Gartens, an den die Straße grenzte, wo der Rat

Leonhard stand, sang eine Amsel ... ein kurzes, einförmig trauriges

Lied ... und dann verstummte sie plötzlich. Und wiederum tiefe Stille.

Nichts regte sich in der einsamen Straße.

Immer wieder eilte der alte Herr vor dem Haus auf und ab ... Sie mußten

doch kommen und ihm von dem Kinde erzählen ... Bald ... Sehr bald ...

Es konnte nicht mehr lange dauern ...

Da ... ein langsam verhallender Glockenton ... Sie läuteten zum Avegruß

drüben in dem großen Stift zu Wilten.

Dem alten Herrn klang es wie das Läuten einer Totenglocke ...

Warum war das Sterben so schwer ... Warum? Oder war es dem Kinde leicht

und erschien nur ihm, dem Alten, so hart?

Der Rat Leonhard bemerkte es gar nicht, daß ihm dicke Tränen über die

runzeligen, welken Wangen fielen ... Er lief auf und ab ... immer

schneller ... immer ungeduldiger ... rastlos ... und es fror ihn an dem

lauen Frühlingsabend ...

In dem Zimmer des sterbenden Kindes war die lautlose Stille gewichen

... Adele hatte mit heißem Schrecken das nahende Ende erkannt. Sie

sah es an dem fliegenden Atem des Kindes und hörte es an dem leisen

Röcheln ...

Da hatte sie Felix rufen lassen.

In tiefer Bewußtlosigkeit lag das kleine Mädchen da. Sie rührte sich

nicht. Gab kein Zeichen ...

Als Felix kam, wurde sie unruhiger ... Und dann mit einem Male schlug

sie ihre fieberglänzenden blauen Augen auf. Voll und weit ... Und sah

auf Vater und Mutter ... und lächelte ... lächelte so innig und schön,

daß Adele glaubte, laut aufschreien zu müssen vor wehem Leid.

„Mutti ...“ sagte das Kind leise.

„Dora ... Dorele ...“ schluchzte Adele.

„Weißt du nimmer das Lied ... das schöne Lied ...“ sagte das Kind

drängend.

„Welches Lied ... Dora?“ frug Adele mit zuckenden Lippen.

„Von Blumen und ...“ hauchte das Kind kaum hörbar.

Und dann neigte es sein Köpfchen ... ganz ... ganz wenig ... wie ein

müder kleiner Vogel, der sich nach Ruhe sehnt ...

Und als der alte Rat, von banger Sorge getrieben, doch heraufgekommen

war ... da legte er den ersten Blumengruß des Frühlings auf die

gefalteten Hände des toten Kindes.

[Illustration]

Achtzehntes Kapitel.

Der Tod seines Kindes war Felix Altwirth nahe gegangen. Bittere Reue

quälte ihn, daß er sich um das Kind so wenig gekümmert hatte. Es

schmerzte ihn jetzt, daß er nur sich und seinen Neigungen gelebt hatte,

und er verurteilte die selbstische Sucht des Künstlers, sich und seine

Kunst, seine Wünsche und Ziele stets an erster Stelle zu setzen.

War er denn tatsächlich so glücklich geworden? War dies mit Sophie

nicht nur ein Rausch, der einmal eine innere Leere zurücklassen würde?

Hätte er nicht besser daran getan, sein Temperament mehr im Zaum zu

halten, es zu überwinden und sich mehr Adele und dem Kind zu widmen?

Er dachte an das zarte, kleine Mädchen, wie dankbar sie ihm war für

jeden flüchtigen Liebesbeweis, den sie von ihm erhielt. Wenn er ihr

dann und wann einmal zärtlich über das blondgelockte Köpfchen fuhr,

dann sah sie jedesmal mit strahlenden Augen zu ihm auf. „Papi! Lieber

Papi!“ sagte sie dann jubelnd und küßte ihn stürmisch.

Dieser strahlende, dankbare Blick des Kindes verfolgte jetzt Felix und

traf ihn als ein schwerer Vorwurf. Wie liebesbedürftig war das Kind

gewesen, und wie wenig Liebe hatte er für sie übrig gehabt. Es tat ihm

so weh, fortwährend an die hellen, freudigen Augen der kleinen Dora

denken zu müssen. Gerade das Glück und die Seligkeit, die aus ihnen

gesprochen hatten, verwundete ihn bis ins Innerste.

Das kleine Mädchen dankte dem Vater für die Abfälle seiner Liebe, die

er in so reichlichem Maße für eine Fremde empfand. Aber war denn Sophie

eine Fremde? War sie nicht die Verkörperung seiner höchsten Wünsche und

Ideale? War sie nicht sein ... sein Weib ... obwohl nach Recht und

Gesetz die Gattin eines andern? Und Adele ...

Felix Altwirth hatte tiefstes Mitleid mit dem Schmerz seiner Frau. Er

wußte, daß ihr Leben nun ganz zertreten war ... ein Leben, das so reich

hätte sein können und so glücklich, wenn es nicht seine Bahn gekreuzt

hätte ...

Warum paßten sie gar nicht zueinander ... er und Adele?

Felix dachte jetzt in den vielen Stunden einer grüblerischen Reue

darüber nach. Sie hatten einander doch lieb gehabt, als sie sich

heirateten, und waren zueinander gestanden, als die Not kam. Nein ...

das war er nicht. Felix war gerecht genug, es jetzt einzusehen, daß

Adele es war, die aufrecht blieb, zu ihm hielt und ausharrte. Er hatte

sie gequält und mit Vorwürfen gepeinigt.

In der Not hatte er sie und ihr Kind als eine Last empfunden ... als

eine schwere, eiserne Kette, die den Künstler niederzog und gewaltsam

festhielt. Er hatte es gesehen, wie sie innerlich litt, und er liebte

sie ... vielleicht gerade deshalb. Er wußte es nicht genau, warum. Er

wußte es jetzt nur noch, daß er sie damals noch liebte, als er sie

demütigte. Sie war ihm alles, bis Sophie in sein Leben trat.

Und jetzt, jetzt liebte er Adele nicht mehr. Dies Gefühl war klar und

deutlich. Seine Liebe hatte aufgehört von jenem Augenblick, da die Frau

in stolzer, vornehmer Würde ihren Gatten der Liebe eines andern Weibes

überließ, ohne einen Vorwurf für ihn zu haben.

Ohne Bitterkeit und ohne Kampf hatte diese Übergabe stattgefunden. Es

war sein Wille gewesen, die andere zu besitzen, und Adele hatte sich

gefügt. Die Art, wie sie es tat, brachte es mit sich, daß das warme und

ehrliche Gefühl, das Felix für sie stets empfunden hatte, langsam in

eine Gleichgültigkeit gegen sie überging.

Felix liebte seine Frau nicht mehr. Auch jetzt nicht, nach dem großen,

gemeinsamen Leid, das sie beide vielleicht hätte einander näher bringen

sollen. Er hatte nur Mitleid für sie. Ein großes, namenloses Mitleid,

das ihm so wehe tat, daß er hätte weinen mögen. Er fühlte sich so

schuldig in ihren Augen ... schuldig daran, daß seine Frau nun wie eine

lebendige Tote herumwandelte.

Bleich und aufrecht ging Adele ihren einsamen Weg. Sie hatte keine

Tränen mehr ... Mit heißen, brennenden, todestraurigen Augen sah sie

jetzt auf den Gatten. Felix hatte eine Scheu vor ihrem Blick. Er

fürchtete sich davor. Er fürchtete mit fast abergläubischer Angst, daß

sie nun von ihm gehen würde. Er wollte sie nicht von sich lassen ...

er liebte sie nicht ... aber er hatte das Bedürfnis, daß sie bei ihm

bleiben müsse.

Und einmal sprach Adele davon, daß sie fortzugehen wünsche. Jetzt

konnte sie es ja tun. Nun war sie frei ... Das letzte Bindeglied

zwischen ihr und dem Gatten lag droben in dem stillen Friedhof zu

Wilten.

Adele sprach ihren Wunsch ruhig und klar aus, ohne Erregung und mit

tonloser Stimme.

Tötlich erschrocken sah Felix seine Frau an.

„Fort willst du, Adele? Geh’ ... nicht!“ bat er herzlich. „Wir sollten

jetzt nicht voneinander gehen. Wir sind doch gute Kameraden!“

Um Adelens Mund zuckte es wehe. „Sind wir das wirklich, Felix?“ frug

sie bitter.

„Nein, Adele. Du hast ja recht. Ganz recht hast du. Aber geh’ trotzdem

nicht von mir! Ich bitte dich darum!“ sagte Felix leidenschaftlich.

„Mein guter Engel geht ... wenn du gehst!“

Adele saß in einem weichen Lehnstuhl ihres hübschen Wohnzimmers

in derselben Haltung wie stets, wenn sie nachdenklich war. Leicht

nach vorne gebeugt und mit dem Arm aufs Knie gestützt. Sie sah mit

ernstem, forschendem Blick auf Felix, der mit geducktem Kopf wie ein

schuldbewußter Knabe vor ihr stand.

Felix hatte noch immer etwas Weiches, Knabenhaftes an sich. Etwas in

seinem Wesen, das die unselbständige Art seines Charakters verriet und

das um eine feste, energische Hand förmlich zu bitten schien.

Oft schon hatte sich Adele gefragt, ob Felix wohl ein anderer geworden

wäre, wenn er Sophie Rapp zur Gattin genommen hätte. Und immer hatte

sie diese Frage bejahen müssen. Hatte sich sagen müssen, daß gerade

Sophiens Temperament und Leidenschaft den richtigen Ausgleich für Felix

bedeutet hätte.

Adele war einsichtsvoll genug und besaß auch jenen Grad der

Selbsterkenntnis, um es sich zu gestehen, daß sie selber nicht ganz

ohne Schuld war. Ihre ruhige, vornehme Art paßte eben nicht zu dem

Künstler. Da paßte ein wildes, aufgeregtes Blut, ein Temperament, das

zügellos sein konnte und sofort wieder gefügig, willig und zahm wie ein

kleines Kind.

Das alles war Sophie. Ihr selber fehlte es vollständig. Das wußte sie.

Und gerade diese Erkenntnis war es, die Adele so gerecht urteilen ließ.

Sie wollte nicht hart gegen Felix sein. Wenn sie ihm wirklich noch

etwas bedeutete im Leben, dann war sie froh.

Sie wollte ihn nicht strafen durch eine Härte, die ihr gar nicht eigen

war. Und wenn er sie jetzt bat, daß sie bei ihm bleiben sollte, so war

dieser Wunsch ehrlich und aufrichtig gemeint. Er entsprang vielleicht

einem künstlerischen Sehnen nach Reinheit und mildem Verstehen ... und

das wollte sie ihm erfüllen. Sie litt ja jetzt nicht mehr unter seiner

Untreue. Dies Gefühl für ihn war gestorben ... tot ... wie ihr Kind.

„Dann will ich bleiben, Felix!“ sagte Adele über eine Weile, während

der sie Felix mit ängstlichen Augen beobachtet hatte. „Bleiben ...

solange du willst!“

„Ich danke dir, Adele!“ Fast ehrfürchtig zog der Gatte die schöne,

wohlgepflegte Hand Adelens an seine Lippen. „Vielleicht ... vielleicht

...“ sagte er zögernd und sah etwas schüchtern und unbeholfen auf seine

Frau, „vielleicht kommen wir uns doch wieder näher ... vielleicht ...“

„Wir wollen nicht davon sprechen, Felix!“ sagte Adele ruhig. „Ich will

dir immer ein guter Kamerad bleiben, auf den du dich verlassen kannst.

Wenn dir das genügt, soll mir’s recht sein!“

„Ja, Adele, es ist mir recht!“ Unsicher schaute Felix nach seiner

Frau. Das war wieder die Art an ihr, die er nicht verstand und nicht

begreifen konnte. Dieser Mangel an Wärme und Weichheit, die Sophie in

so reicher Weise besaß. Und gerade diese stolze Würde und Ruhe war es,

die ihn auch jetzt wieder zu Sophie trieb ...

Sophie Rapp hatte unter der trüben Stimmung ihres Geliebten schwer

zu leiden. Fast glaubte sie, daß sie ihn verlieren würde. Aber

sie wollte ihn nicht verlieren ... Sie liebte ihn und kämpfte mit

ihm um seine Liebe. Und meisterhaft verstand sie es, auch diese

Gefahr zu überwinden. Geschickt und klug brachte sie ihn auf andere

Gedanken, entwickelte Pläne mit ihm und Zukunftsträume. Alle seine

melancholischen Bedenken überwand sie und führte ihn so langsam, aber

sicher wieder auf den Pfad, wo sie ihn haben wollte.

Daß Adele bei dem Gatten blieb, war ihr äußerst erwünscht. Sie selber

hatte gar keinen Wunsch, sich von Doktor Rapp scheiden zu lassen. Das

Verhältnis zu Felix paßte ihr so, wie es war, und sie erstrebte keine

Ehe mit ihm.

Daß Felix aber, wenn Adele fortgegangen wäre, im Lauf der Zeit diese

Forderung an sie gestellt hätte, das wußte Sophie ganz genau. Und sie

wußte es auch, daß es dann zwischen ihr und dem betrogenen Gatten zu

einer Katastrophe gekommen wäre. So begünstigte sie das Einvernehmen,

das zwischen Felix und Adele herrschte, nach ihren Kräften. Sie brachte

es auch zustande, daß Felix aus Rücksicht für seine Gattin den eigenen

Schmerz überwand, daß er um ihretwillen, deren Leben er zertreten

hatte, dasjenige tat, was er in seiner bedrückten seelischen Stimmung

um seiner selbst willen niemals getan hätte.

Sophie sprach mit dem Künstler viel von der Verwirklichung seiner

großen Pläne. Seit Monaten schon war sie dem Kaufmann Patscheider

in den Ohren gelegen, daß er sich der Gründung einer Tiroler

Nationalgalerie annehmen möge. Sie hatte es nicht gerne getan.

Patscheider war ihr nicht entgegengekommen, sondern hatte die

Angelegenheit abweisend behandelt. Sophie war sich diesem Manne

gegenüber dann immer sehr klein und gedemütigt vorgekommen.

Mit großer Selbstüberwindung hatte sie ihn trotzdem bei jeder

Gelegenheit, die sich ihr bot, aufs neue bearbeitet. Aber damals war

Felix noch der treibende Faktor gewesen. Jetzt, nach dem Tode des

Kindes bezeigte er keine Lust mehr, sich weiter für seine eigenen

Ideen zu interessieren. Sophie fühlte es, daß nur eine große, neu

erwachte Begeisterung jetzt imstande wäre, Felix seiner Lethargie zu

entreißen. Und deshalb sprach sie ihm nun immer dringender von seinen

Zukunftsplänen und zwang ihn förmlich dazu, auf ihre Gedankenwelt

einzugehen.

Traurig und mißmutig wehrte Felix ihr ab. „Laß mich, Sophie!“ sagte er

trübsinnig. „Das hat ja jetzt alles keinen Zweck mehr! Für wen soll ich

jetzt noch arbeiten? Ich bin froh, wenn das Leben zu Ende ist.“

Da stellte sich Sophie resolut vor ihn hin. „Felix! Mensch! Schämst

dich nit!“ sagte sie mit blitzenden Augen. „Ist das ein Mann, frag’

ich! Es ist ja recht, wenn man um sein Kind trauert. Und ’s Dorele ...

das war ein lieber Schneck. Da darf man schon trauern drum. Aber gleich

das ganze Leben wegwerfen ... dazu, Felix, hast du kein Recht nit! Ein

Künstler gehört nicht nur sich selber, sondern der ganzen Welt, hab’

ich oft von dir g’hört! Und jetzt raffst dich auf, sag’ ich ... und

arbeitest und schaffst! Tag und Nacht, wenn’s sein muß! Aber arbeit’!

Denk’! Auch deiner Frau zulieb mußt du’s tun!“

Sophie hatte sich neben ihn gesetzt und hatte sich innig an ihn

geschmiegt. „Schau, Felix,“ fuhr sie dann mit weicher, überredender

Stimme fort, „du hast mir oft erzählt, wie rührend Adele damals an

deine Kunst geglaubt hat, als sie dich alle verachtet haben. Und

diesen Glauben mußt du ihr jetzt lohnen. Daß ihr zwei, du und sie, nit

zusammen paßt, da könnt’s ihr ja beide nix dafür. Das ist halt amal so.

Da kann man nix machen! Und sie ist ja eine recht vernünftige Frau. Die

versteht’s und kann’s entschuldigen. Aber das ist g’fehlt von dir ...

daß du deswegen hergehst und Tag und Nacht a G’sicht schneidest wie

zehn Tag’ Regenwetter und dich am liebsten aufhängen tätest vor Kummer

... Das ist blöd und hat kein’ Sinn und kein’ Zweck. Ihr zulieb raff’

dich auf! Sie soll wenigstens auf deine Kunst und auf deine Erfolge

stolz sein. Das ist auch eine Freud’ für sie!“

So und ähnlich sprach Sophie Rapp, und sie hatte viel zu tun, ehe es

ihr gelang, den Trübsinn von der Stirn des Geliebten zu scheuchen.

Aber es gelang schließlich doch. Und Sophie schürte die neu erwachte

Lebenslust des Malers, wo sie konnte. Sie spornte seine Phantasie an

und erhielt ihn in atemloser Spannung wegen der Durchführung seines

großen Planes.

Mit Feuereifer hatte sie sich jetzt der Sache angenommen. Es war

schwer, den Patscheider zu gewinnen. Felix Altwirth kam es manches Mal

fast unerreichbar vor. Er wußte es wohl, daß er damals, als er seine

zornige Empörung nicht hatte bemeistern können, sich den Kaufmann zum

Todfeinde gemacht hatte. Es hieß jetzt für Sophie, den einflußreichen

Mann zu umschmeicheln und so einzufädeln, daß er ein Werkzeug wurde in

ihrer Hand.

Felix Altwirth ahnte es nicht, daß Sophie ihre ganze weibliche List zu

diesem Kampfe aufbot. Daß sie alle Künste der Koketterie spielen ließ,

um sich den Patscheider gefügig zu machen. Sophie hatte es eingesehen,

daß es nur durch dieses eine Mittel möglich sein würde, den Kaufmann

für ihre Absichten zu gewinnen.

So spielte sie denn mit dem alternden Mann, wie sie so oft schon mit

Männern gespielt hatte. Nur mit dem einen Unterschied, daß dieses Mal

der Patscheider es war, der das Spiel bestimmte.

Johannes Patscheider bemerkte es mit einer Art grimmiger Freude,

daß die Frau seines Gegners sich allmählich an ihn heranschlich. Er

wußte, daß nur die Liebe zu Felix Altwirth sie ihm zutrieb, und er

haßte den Maler ehrlich und vom Herzen. Er war nicht gesonnen, auch

nur einen Finger zu rühren, um dem Altwirth bei der Verwirklichung

seiner ehrgeizigen Pläne behilflich zu sein. Im Gegenteil tat er alles

dawider, um die Ausführung zu verhindern.

So plante Sophie Rapp ein großes Wohltätigkeitsfest, dessen Ertrag für

den Baufond der Tiroler Nationalgalerie bestimmt gewesen wäre. Doktor

Rapp setzte sich dafür ein, und Patscheider vereitelte die Sache, legte

Hindernisse und Schwierigkeiten in den Weg und hintertrieb die ganze

Veranstaltung schließlich durch Intrigen. Endlich blieb Sophie nichts

anderes übrig, als den direkten Weg zu dem Kaufmann anzubahnen.

Johannes Patscheider war im Anfang wenig liebenswürdig zu der Frau

seines Rivalen. Da Sophie die mehr oder minder großen Bosheiten, die

er ihr sagte, nicht zu verstehen schien, sondern ihren gewöhnlichen

lustigen Ton gegen ihn anschlug, so änderte Patscheider seine Taktik

insoweit, daß er wenigstens zum Schein auf ihre Vorschläge einging.

Er ließ sie erzählen und beriet sich mit ihr in unverbindlicher Weise.

Dabei war er schlau genug, sich jedesmal, wenn sie ihn in einer Falle

glaubte, mit Geschick aus der Schlinge zu ziehen. Das Spiel unterhielt

ihn um so mehr, als der Reiz dieses Weibes nicht ganz ohne Wirkung auf

ihn blieb.

Der Patscheider war keine verliebte Natur. In Weibergeschichten hatte

er sich selten eingelassen. Seit er auf der Höhe seines Ansehens stand,

schon gar nicht. Er wahrte den Eindruck des schlichten, ehrbaren

Bürgers. Und wenn er einmal die Lust verspürte, auch außerhalb seiner

Ehe ein kleines Erlebnis zu haben, so wußte er es so einzurichten, daß

niemand in Innsbruck jemals eine Ahnung davon bekam.

Die Spannung, die in der stets wechselnden Haltung des Kaufmanns

lag, blieb nicht ohne Einfluß auf Felix und Sophie. Von Tag zu Tag

wuchsen die Aufregungen. Einen Tag wußte Sophie davon zu berichten,

der Patscheider wolle selbst eine größere Summe Geldes stiften zur

Gründung der Galerie, um dann den Tag darauf alles zu widerrufen.

Diese stete Spannung schuf sowohl bei Felix wie bei Sophie eine fast

leidenschaftliche Erregung.

Bei Felix steigerte sie sich dermaßen, daß er, je größer die

Schwierigkeiten schienen, desto zäher auf der Erfüllung seines Wunsches

bestand. Er hatte sich jetzt geradezu hinein verbissen in seinen Plan,

und es schien ihm, als ob sein ganzes Wohl und Wehe von dieser einen

Sache abhängen würde.

Sophie verdoppelte ihr Spiel mit dem Kaufmann, bezauberte und

bestrickte ihn derart, daß der Rest von Leidenschaft, der in dem

alternden Manne noch übrig geblieben war, zur Glut entfacht wurde.

Johannes Patscheider gewahrte es mit einem gewissen Zynismus, daß sein

Begehren nach dem Besitz dieses Weibes ging. Wenn sie zu ihm kam, dann

umlauerte sie sein Blick, frech, begehrlich und fordernd. Sophie fühlte

es. Sie kannte die Blicke der Männer und verstand, in ihren Augen zu

lesen. Sie wußte, daß jetzt der Zeitpunkt gekommen war, wo sie ihr

Spiel gewinnen mußte. Sie kannte jedoch den Einsatz, den er fordern

würde. Davor aber schreckte das Weib in ihr zurück.

Sophie Rapp fühlte einen körperlichen Widerwillen gegen Johannes

Patscheider. Wenn er sie mit begehrlichen, verliebten Blicken

anschaute, so überlief es sie dabei eiskalt. Galant küßte er ihr

jedesmal beim Abschied die Hand. Sophie Rapp war es, als hätten seine

Lippen eine laue, schlutzige Wärme. Und ihr Ekel vor ihm war so groß,

daß sie sich dann stets lange noch mit dem Taschentuch die Hand abrieb,

die er geküßt hatte.

Am liebsten wäre sie nie mehr zu ihm gegangen. Sie hatte jetzt eine

ausgesprochene Angst vor ihm bekommen und fürchtete sich von Tag zu

Tag, daß er den letzten Preis von ihr fordern würde. Und immer wieder

schob sie es hinaus, ließ sich von ihm mit leeren Versprechungen

hinziehen, nur um diesem einen Schrecklichen zu entgehen.

Felix wurde ungeduldig und reizbar. „Ich sehe ja, Sophie, daß du mich

nicht mehr liebst!“ sagte er übellaunig. „Dir fehlt das richtige

Verständnis. Du begreifst nicht, daß so ein Zustand des Hangens

und Bangens einem jede Lust zum Schaffen benimmt und benehmen muß.

Denk’ doch nur, was alles davon abhängt! Ich werde berühmt sein ...

unsterblich, Sophie! Unsterblich durch dich ... Auf immer wird mein

Name mit jenem des Kunsttempels verbunden sein, und alles werd’ ich

dir verdanken, alles! Du allein hast das zustande gebracht, du ...“

„Ach geh’, hör’ auf!“ sagte Sophie gereizt. „Wenn der Patscheider nit

so ein grauslicher Kerl wär’! Mit dem kann man ja nix G’scheit’s reden.

Alleweil schlüpft er einem durch die Finger durch, wenn man glaubt, man

hat ihn.“

„Du darfst ihn dir nicht entschlüpfen lassen, Sophie! Deine Liebe zu

mir muß dir die rechten Worte geben!“ sagte Felix drängend. „Geh’ ...

sprich mit ihm ... bitt’ ihn! Ich will ja auch zu ihm gehen und mich

entschuldigen ...“

„Was dir nit einfallt!“ rief Sophie entsetzt. „Du und zum

Patscheider gehen! Daß du mir alles verdirbst! Du darfst nit mit ihm

zusammenkommen! Sonst ist alles vorbei!“

Sophie sah sich nun in ihre eigenen Netze so verstrickt, daß ein

Entkommen daraus mit heiler Haut unmöglich war. Sie sah, daß sie jetzt

um jeden Preis ihren Zweck bei dem Patscheider erreichen mußte. Denn

sie fühlte es deutlich, daß Felix’ Liebe zu ihr im Erkalten war. Diese

Überzeugung aber erfüllte sie mit nur um so größerer Leidenschaft für

ihn.

Felix Altwirth bedeutete für Sophie alles. Er hatte ihr heißes Blut

gezähmt, hatte sie ruhiger und vernünftiger gemacht. Das Bewußtsein,

diesem Manne mehr zu bedeuten als ein bloßes Werkzeug seiner Lust, gab

ihr den innerlichen sittlichen Halt zurück, den sie verloren hatte.

Seit Doktor Storf damals seine Beziehungen zu ihr abgebrochen hatte,

war keinem andern Manne je wieder ihre Gunst zuteil geworden außer dem

Felix Altwirth.

Der Verlust des Doktor Storf traf sie kaum. Er war ihr im Gegenteil

recht. Nun konnte sie ganz ihrem Felix leben und ihre volle Glut und

Leidenschaft nur diesem einen geliebten Manne zuwenden. Und immer

rasender liebte sie den Maler. Es schien, als habe sie jetzt erst

kennen gelernt, was wahre Liebe sei.

Ein tötliches Erschrecken war es für die Frau, als sie erkannte, daß

Felix nicht mehr so heiß für sie fühlte wie vordem. Es kam über sie wie

ein Erkennen ... Sie durfte ihn nicht verlieren ... jetzt nicht ... um

keinen Preis!

Wie ein Abgrund ... öde und leer und schauderhaft gähnte ihr das Leben

ohne diese Liebe entgegen. Ohne Felix ... Es würde wieder so werden

wie zuvor. Von Genuß zu Genuß würde sie rasen und alles gierig nehmen,

was sich ihr bot. Von Mann zu Mann würde sie jagen, und keiner würde

darunter sein, der das Weib in ihr zu ehren verstand.

Das tat Felix Altwirth. Und weil er es tat, deshalb besaß er die Liebe

dieses Weibes im vollsten Maße, ganz und gar. Er entehrte sie nicht

... er war ihr dankbar für das, was sie ihm gab. Und auf die höchste

Stufe der reinen Frau stellte er das Weib, das andere nur nach ihrer

Sinnengier gewertet hatten.

Sophie Rapp wurde durch diese Liebe eine andere und eine bessere. Sie

war reiner geworden in ihrem Denken und edler in ihren Empfindungen.

Vielleicht wäre ihr das mit dem Patscheider in früheren Jahren nicht so

ungeheuerlich erschienen wie heute. Vielleicht hätte sie es mitgenommen

als eine unerfreuliche Episode ihres Lebens, als etwas ... an das sie

lieber nicht mehr denken wollte.

Heute fühlte sie anders. Sie empfand frauenhaft und rein. Sie empfand

rein, weil die große Liebe zu einem Mann sie geläutert hatte und sie

dazu befähigte.

Die Stadt am Inn · 第 22 / 28 段