„Ja, mir auch!“ stimmte die Patscheiderin eifrig bei. Sie freute sich,

daß sie die Apothekerin ärgern konnte mit ihrem Lob über die Frau des

Malers. „Und wenn sie nit gerade die Frau vom Felix Altwirth wär’, dann

hätt’ mein Mann nix dagegen, daß ich mit ihr verkehren tät’. So gut

g’fallt sie mir!“ behauptete sie.

„Was hat denn Ihr Mann gegen den Altwirth einzuwenden?“ forschte die

Professorin erstaunt.

„Es ist doch auch ein Innsbrucker!“ sagte die Frau Robler.

„Natürlich!“ stimmte die Baurätin bei. „Da kann man schon verkehren

damit! Man weiß ja, wo er her ist!“ beruhigte sie dann selber ihr

Gewissen.

„Mein Mann halt nix vom Altwirth seiner Malerei!“ sagte die

Patscheiderin hochfahrend. „Das hab’ ich Ihnen schon g’sagt. Und

deshalb will er auch nix weiter zu tun haben mit ihm!“ erklärte sie im

bestimmten Ton.

Es trat für einen Augenblick Schweigen ein in der Gesellschaft.

Die Apothekerin ärgerte sich innerlich so wütend, daß sie in ihrer

Aufregung eine Schale Kaffee nach der andern hinunterstürzte. Sie

wußte gar nicht, daß sie es tat, sondern schluckte und schluckte nur

immer krampfhaft, bis ein lustiges Lachen der Professorin sie darauf

aufmerksam machte.

„Um Gotteswillen, Frau Tiefenbrunner! Sie trinken uns ja den ganzen

Kaffee weg!“ rief die Professorin neckisch und zwinkerte der

Apothekerin schalkhaft zu. „Krieg’ ich noch ein Schalerl, oder darf ich

jetzt einen Wein trinken?“

„Einen Wein natürlich!“ sagte die Apothekerin und erhob sich

geschäftig, um dem Dienstmädchen beim Verteilen der Gläser behilflich

zu sein.

Die heitere, harmlose Art der Professorin hatte bewirkt, daß Frau

Therese ruhiger geworden war. Und nicht ohne Dankbarkeit schenkte sie

jetzt der Frau Haidacher als der allerersten von dem guten Tropfen ein.

Das war eigentlich gegen das herkömmliche Zeremoniell. Denn da ging’s

in solchen Fällen strenge zu, je nach Alter und Rang der einzelnen

Damen.

Die Frau Direktor Robler stocherte mit der Gabel nachdenklich in dem

Kuchen herum, der vor ihr auf dem Teller lag, und sagte zu ihrer

Nachbarin laut, so daß es alle hören konnten: „Der Patscheider ist doch

ein recht g’scheiter Mann! Mein Mann sagt’s immer, wenn wir den nit

hätten in Innsbruck, nacher wär’s g’fehlt!“ sprach sie anerkennend.

„Ja, das ist wahr!“ bestätigte die Baurätin. „Viel’ haben wir nit wie

den Patscheider!“

„Ja, aber der Doktor Rapp ...“ warf die Patscheiderin mit spöttischer

Miene ein. „Der ist ja alleweil noch der G’scheiteste!“

„Nein. Jetzt nimmer!“ Die Frau Haidacher schüttelte ernst den Kopf.

„Das mit der Sophie hat ihm doch etwas geschadet. Ist’s eigentlich nit

wert, das Frauenzimmer!“ fügte sie bedauernd hinzu.

„Wär’ er ledig blieben!“ sagte die Patscheiderin bissig.

Frau Haidacher sah die Frau Patscheider einen Moment scharf an, dann

meinte sie ruhig: „Ja ... für +ihn+ wär’s auch besser g’wesen ... Aber

für Ihren Mann ist’s besser so, wie’s ist!“

Die Frau Professor Haidacher spielte darauf an, daß der Einfluß und

die Macht, die Valentin Rapp einmal in der Stadt besessen hatte, jetzt

langsam, aber sicher im Abnehmen begriffen war ... und daß Johannes

Patscheider heute mehr als je eine mächtige Stellung innehatte.

[Illustration]

Siebzehntes Kapitel.

Feierlich läuteten die Glocken der Stadt das Christfest ein. In

langsamen, getragenen Tönen, mächtig und gewaltig, freudig und traurig

zugleich. Denn es gab viel Trauer in den Familien der Stadt. Der Tod

hatte Einkehr gehalten in den Mauern und sich seine Opfer unter den

jüngsten der Menschenkinder geholt. Mit würgender Hand hatte er gewütet

und die kleinen Lieblinge aus den Armen ihrer Mütter gerissen.

Es gab viel Trauer in der Stadt ... Und da, wo noch Lust und Freude

herrschten, da lauerte die Angst in den Augen der Mütter, die um das

Leben ihrer Kinder bangten.

Weicher Schnee fiel in dichten, großen Flocken sachte zur Erde,

vermischte sich mit der unendlichen weißen Decke, die nun schon seit

Wochen über das Tal gebreitet war. Eine heilige Stille, die zur Andacht

stimmte, lag in der frischen Bergluft. Die kahlen Äste der Bäume

seufzten mit leisem Knarren unter der neuen Schneelast und beugten

ihre Arme, als wären sie dankbar für die überreiche Himmelsgabe. Wie

in einem unermeßlichen weichen Teppich, so lautlos und tief sanken die

Tritte der Fußgänger ein. Kein Luftzug bewegte den fallenden Schnee.

Kerzengerade und dicht fielen die Flocken vom Himmel.

Mit weit ausholenden Schritten eilte Doktor Max Storf nach Wilten

hinauf in die Wohnung der Altwirths. Frau Adele hatte ihn schon am

frühen Morgen rufen lassen, da die kleine Dora an hohem Fieber erkrankt

zu Bette lag. Mit banger Sorge harrte Adele der Ankunft des Freundes,

der sie von der lähmenden Angst befreien sollte.

Als Doktor Storf das Zimmer betrat, saß Adele an dem Bettchen des

Kindes und hielt dessen brennend heiße Händchen in ihrer eigenen Hand.

Mit kurzem Gruß bot sie dem Arzt ihren Platz an.

„Herr Doktor!“ Sie sah ihm flehend in die Augen. „Sagen Sie mir die

Wahrheit! Ist’s Scharlach?“

Der Arzt hatte mit ernster Miene das kleine Mädchen gründlich

untersucht. Nun schüttelte er erleichtert den Kopf. „Gott sei Dank,

nein!“ sagte er.

„Und? ...“ frug Adele zögernd, „sind auch keine Anzeichen? ...“

„Bis jetzt nicht. Eine heftige Angina!“ konstatierte Doktor Storf. „Ich

hoffe, daß es dabei bleibt.“

Adele atmete erlöst auf. „Ich danke Ihnen, Doktor!“ sagte sie herzlich.

„Ich hatte solche Angst ...“ gestand sie dann und fuhr dem Kind

liebkosend über die glühenden Wangen.

„Dummes Mutti, liebes!“ sagte das kleine Mädchen dankbar. „Immer bangst

du dich so! Wenn ich huste oder niese, dann wird gleich der Onkel Storf

geholt!“ berichtete sie wichtig.

„Das ist schon recht von der Mama!“ gab Doktor Storf zur Antwort.

„Kleine Mädchen machen öfters Dummheiten und erschrecken ihre Eltern

durch schwere Krankheiten. Da ist’s gut, wenn der Doktor gleich zu dir

kommt, Dora!“ scherzte er.

Die kleine Dora sah ihm mit ihren großen, fieberglänzenden, blauen

Augen forschend ins Gesicht. „Du, Onkel Storf,“ fragte sie, „ist

Scharlach eine böse Krankheit?“

„Ja, mein Kind! Warum fragst du?“

„Ach, weil die Elsa Müller in unserer Klasse Scharlach hat. Und da

sind wir alle so erschrocken, weil wir denken, daß es sehr weh tut!“

erzählte sie bedeutungsvoll.

Die kleine Dora war jetzt schon ein großes Schulmädchen geworden und

ging bereits den zweiten Winter zur Schule. Sie war aber noch immer

dieselbe liebe kleine Plaudertasche wie früher, als Altwirths noch

droben bei der Weiherburg hausten.

Nun kam Felix Altwirth ins Zimmer und erkundigte sich besorgt nach dem

Befinden des Kindes. Es lag eine gereizte, nervöse Angst in seinem

Wesen. Doktor Storf beruhigte ihn.

„Kannst getrost sein, Felix! Kein Grund zu Besorgnissen!“ sagte er.

„Dora! Dorele!“ schmeichelte jetzt der Vater ganz glücklich dem Kinde.

„Bist ein rechter Schlingel! Dem Papa solche Angst einjagen!“ schalt

er sie im Scherz. „Es sollen ja tatsächlich mehrere Scharlachfälle mit

tödlichem Ausgang vorgekommen sein?“ wandte er sich dann zu dem Arzt.

„Leider!“ stimmte Max Storf bei. „Die Krankheit tritt heuer bösartig

auf.“

„Am liebsten ließe ich das Kind überhaupt nicht mehr zur Schule gehen!“

sagte Felix Altwirth aufgeregt.

„Oh, Papa! Lieber Papa!“ bat die kleine Dora flehend und sah ihren

Vater ganz erschrocken an. Sie hatte sich im Bettchen aufgesetzt und

hielt bittend ihre beiden Hände empor. Ihr goldblondes Haar fiel ihr in

weichen Locken bis auf die schmalen Schultern herab, so daß sie in dem

weißen Nachtkleidchen aussah wie ein lebender kleiner Engel. In ihrem

hochroten Gesichtchen zuckte es wie von verhaltenem Weinen. „Wo ich so

gern zur Schule gehe!“ bat sie. „Ich will ja gewiß brav sein und ruhig

und will achtgeben! Tu mir nur das nicht an!“

Adele und Max Storf beschwichtigten gemeinsam das erregte Kind und

versprachen ihm, daß sie gleich wieder zur Schule dürfe, sobald sie

erst ganz gesund sei.

„Man muß in solchen Fällen Fatalist sein, Felix!“ sagte der Arzt. „Es

bleibt nichts anderes übrig. Die Krankheit ist ja gefährlich und höchst

ansteckend. Aber ich kenne Fälle, wo ängstlich behütete Kinder ihr

zum Opfer fielen. Kinder, die nie mit einem andern Kind in Berührung

kamen. Und gerade solche Kinder, scheint es, bieten einen fruchtbaren

Keimboden für derartige Krankheiten.“

Solange die kleine Dora krank lag, kam Doktor Storf täglich ins Haus.

Mitunter sogar zweimal. Er fühlte es, daß es Frau Adele eine Beruhigung

gewährte, wenn er bei dem Kinde Nachschau hielt. So kam er gern.

Weniger als Arzt wie als Freund.

Und einmal traf er zufällig mit Frau Sophie Rapp zusammen. Es war

eine flüchtige Begegnung in dem geräumigen Vorhaus der Altwirths.

Adele geleitete den Freund bis an die Tür des Hausganges und plauderte

fröhlich und angelegentlich mit ihm. Sie verstanden sich gut, diese

beiden und wußten einander immer etwas zu erzählen.

Doktor Storf empfand eine tiefe Verehrung für die Frau seines Freundes,

die sich, je näher er sie kennen lernte, immer mehr steigerte und

befestigte. Je mehr er in der Seele dieser Frau lesen gelernt hatte,

desto deutlicher empfand er es, daß gerade Adelens Wesen und Art die

Ergänzung seines eigenen Charakters bildete. Diese ruhige, heitere,

sich stets gleich bleibende Art, die von einer großen inneren

Ausgeglichenheit zeugte, hatte er sich ja immer ersehnt.

Es war kein leidenschaftliches Aufflackern der Gefühle, das ihn zu

Adele drängte. Es war die bewußte Erkenntnis, daß gerade Adele und

er selbst in ihren ganzen Anlagen, in ihrem Geschmack und in ihrer

Lebensauffassung wie füreinander geschaffen waren.

Mit keinem Wort verriet Doktor Storf sein innerstes Empfinden. Es war

eine stumme, warme Huldigung, die er ihr darbrachte und die Adele

fühlte und dankbar annahm.

Eine Weichheit des Denkens und Empfindens war über Adele Altwirth

gekommen. Und der eisige Ring, der ihr warmes Herz wie ein fester

Panzer umklammert hielt, löste sich allmählich. Ihr neu erwachtes

Innenleben verschönte sie und machte sie unsagbar glücklich. Adele war

ihrem Schicksal dankbar für das, was es ihr bestimmt hatte. Für die

echte und ehrliche Freundschaft eines ritterlich denkenden Mannes, an

dem sie einen Halt und eine Stütze gefunden hatte.

Mit scharfem, erkennendem Blick durchschaute es Sophie Rapp, wie es mit

Adele und Max Storf stand. Es waren nur wenige Augenblicke, die sie

die beiden zusammen sah. Aber sie, die Meisterin der Liebe, erkannte

es, daß in den Gefühlen der beiden eine Glut schlummerte, die nur des

Zufalls bedurfte, um zur Flamme entfacht zu werden.

Es war ein kurzer, scharfer, spöttischer Blick, mit dem sie den Arzt

ansah. Dann wandte sie sich in ihrer heiteren Weise ruhig und ungeniert

der Künstlersfrau zu.

„Ja, Frau Adele, daß man Ihnen einmal zu Gesicht kriegt!“ neckte sie

die junge Frau. „Sonst sind’s ja immer verschwunden. Sperren Ihnen ein

wie eine Heilige im Schrein. Aber freilich, wenn man so einen Besuch

kriegt!“ Sie deutete neckisch mit dem Finger auf den Arzt. „Dann

steigen auch die Heiligen aus ihren Höhen herab!“

Lustig und ausgelassen lachte sie. Wiegte sich, wie es ihre Art war,

kokett in den Hüften und betrachtete abwechselnd bald Adele und bald

den Doktor.

Max Storf sah verlegen auf Adele, in deren blasse Wangen ein leichtes

Rot gestiegen war. Daß Sophie Rapp so resolut und mit so dreisten

Händen in das zarte Gewebe ihrer Freundschaft griff, verletzte sie

beide. Doktor Storf nahm, so rasch er konnte, Abschied von den Damen.

Sein Gruß klang gezwungen und etwas steif.

Adele wollte Sophie ins Atelier führen, aber Sophie lehnte ab.

„Lassen’s mich doch zuerst einmal nachschau’n beim Dorele!“ sagte sie

munter. „Es geht ihr besser, hab’ ich g’hört. Und da hab’ ich ihr ein

paar Zuckerln mitgebracht. Die möcht’ ich ihr geben.“ Sie enthüllte

eine hübsche Bonbonniere, die einen lieblichen Engel darstellte.

„Ach, wie schön!“ sagte Adele. „Der wird die Dora aber freuen!“ Und sie

ging voran, um Sophie zu dem kranken Kind zu führen ...

„Jetzt sagen’s mir einmal, Frau Altwirth ...“ fing Sophie plötzlich

ganz unvermittelt an, als sie beide wieder aus dem Kinderzimmer

getreten waren. „Wie können denn Sie das aushalten? Ich mein’, das

mit dem Doktor Storf?“ fragte sie neugierig und sah der blonden Frau

forschend ins Gesicht.

„Ich verstehe Sie nicht, Frau Doktor!“ erwiderte Adele abweisend.

„Ah, geh’! Stellen’s Ihnen nit so!“ sagte Sophie. „Sie wissen recht

gut, was ich mein’! Ein jed’s Kind kann’s ja sehen, daß der in Ihnen

vernarrt ist! Und ... na ja ... ganz gleichgültig ist er Ihnen auch

nit! Das hab’ ich schon g’sehen!“

„Doktor Storf ist mein Freund!“ wies Adele Frau Sophie in etwas

hochfahrendem Ton zurecht. „Wie Sie dazu kommen, Unrat zu wittern ...“

Nun lachte Sophie hell und lustig auf. „Sie Patscherl, Sie! Wenn ich

das tät’, dann wüßt’ ich ja, wie’s steht mit Ihnen. Aber das ist’s ja

gerad’, was ich nit begreif’! Diese keusche Zurückhaltung!“ sagte sie

in mokantem, pathetischem Ton. „Das hat ja gar keinen Zweck! Wenn er

Ihnen g’fallt, so nehmen’s ihn doch!“

Adele war abwechselnd blaß und rot geworden bei den Reden dieser Frau.

„Ich denke nicht daran!“ sprach sie energisch und abweisend. „Ich will

mich rein halten, nicht der Spielball sein in dem Leben eines Mannes!“

Es lag eine tiefe Härte in ihren Worten. Sie wollte Sophie treffen ...

aber sie traf sie nicht.

„Spielball?“ sagte Sophie mit ehrlichem Bedauern. „Wenn Sie das

wirklich glauben, dann tun’s mir leid! Sie sind doch keine Klosterfrau

und dürfen Ihr Leben genießen! Warum tun Sie’s nit?“

„Weil ich verheiratet bin und meinem Gatten Treue geschworen habe!“

sagte Adele fest.

„Treue?“ Sophie Rapp war auf einmal ernst geworden. „Frau Adele,“

sprach sie, „ist das wirklich der Müh’ wert, daß Sie Ihr ganzes Leben

umsonst gelebt haben? Wollen Sie nit lieber ehrlich sein mit sich

selber? Treue? ... Wissen Sie überhaupt, was Liebe ist? Glauben Sie

nit, daß es Sie einmal reuen wird, daß Sie Ihr Leben vertrauert haben

... einem einzigen leeren Wort zulieb! Nein, Frau Adele, das ist nit

recht! Das ist gegen die Natur!“

Adele Altwirth sah mit nachdenklichem Gesicht vor sich hin. Sie konnte

nicht gleich die rechten Worte finden zu einer Erwiderung. Auch fühlte

sie, daß das, was ihr Sophie Rapp da sagte, ein Körnchen Wahrheit barg.

Diese Lebensanschauung war ihrer eigenen vollständig entgegengesetzt.

Sie war brutal egoistisch. Niedrig wollte Adele sie nennen. Aber

bei dem bloßen Gedanken an diese Bezeichnung hielt sie inne. War es

wirklich niedrig? War es gemein? War es nicht doch die ureigenste

Stimme der Natur, die Sophie vertrat?

Vielleicht hatte die Frau da doch recht. Es war vielleicht nur

mißverstandene Moral, eine Tugend, die in Wirklichkeit nur Eitelkeit

und Feigheit war. Feigheit und Mangel an innerer Kraft, dasjenige auch

durchzuführen, das man vor sich selber als sein persönliches Recht

erkannt hatte.

Warum sollte nur das allein richtig sein, was durch althergebrachte

Gewohnheit als ein Sittengesetz aufgestellt war? Sprachen nicht die

vielen Tausende der unglücklichen Ehen gegen dieses Gesetz? Warum

sollte der eine verkümmern und der andere in Überfluß schwelgen? Sprach

sich nicht die Natur selbst dagegen aus? Und Sophie Rapp? War es

wirklich ein so schweres Unrecht, das sie beging, weil sie dem eigenen

Trieb folgte?

Sophie Rapp sah den Zwiespalt, der sich in der Seele des jungen Weibes

abspielte. Frau Adele erbarmte ihr. Sie hatte ehrliches Mitleid mit der

Frau, die so früh aufgehört hatte, Weib zu sein.

Sie dachte nicht daran, daß ja sie selber ihr den Gatten entfremdet

hatte. Daß sie es war, die mit leichtsinnigen Händen diese Ehe

zertrümmert hatte. Für Sophie galt nur das Recht der Liebe. Sie genoß

in vollen Zügen. Warum sollten andere sich zurückhalten und nicht auch

ihren Anteil an dem Glück haben?

„Das Leben ist kurz, Frau Altwirth!“ sagte Sophie über eine kleine

Weile. „Und hat nit viel Schönes für die Menschen übrig. Wir müssen es

uns selber schön machen, so gut es geht.“

„Ist das schön ... wenn ich meine Frauenehre mit Füßen trete?“ frug

Adele herb.

Da neigte sich Sophie Rapp ganz nahe zu der blonden, hohen

Frauengestalt, die neben ihr stand, und flüsterte ihr leise zu: „Das

Schönste im Leben ist das Vergessen in Liebe! Es ist das einzige wahre

und echte Gefühl, weil es die Natur gegeben hat. Wer diese Stimme nicht

kennt, der hat sein Leben nicht gelebt!“

Adele Altwirth preßte fest die Lippen aufeinander. Ein Sturm von

unterdrückter Leidenschaft tobte in ihrem Innern. Warum wies sie

dieser Frau nicht die Tür? Warum ließ sie es zu, daß sie in einer

solchen Sprache mit ihr redete?

„Ich werde nichts bereuen!“ stieß Adele gepreßt hervor. „Ich werde mich

nie erniedrigen!“

Sophie Rapp nahm die eisig kalte Hand der jungen Frau zwischen ihre

brennend heißen Hände und sagte warm: „Vielleicht denken’s noch

einmal anders, Frau Altwirth! Ich hoff’s ... für Ihnen! Aber merken

Sie sich’s, wenn man ehrlich liebt ... wissen’s ... so recht heiß und

von ganzem Herzen ... dann gibt’s nur ein Verlangen, nur ein Sehnen

... und das, Frau Adele ... das ist dann kein Wegwerfen nit! Das ist

Menschenrecht ... weiter nix!“ --

Adele Altwirth stand noch lange, nachdem Sophie von ihr gegangen war,

in dem Zimmer ... stand nachdenklich und mit sinnendem Blick da.

Diese Frau mit ihren Reden hatte alles aufgewühlt in ihr. Sie trug die

Schuld daran, daß Adele nun viele schlaflose Nächte hatte. Nächte, die

sie in heißem Ringen mit sich selber zubrachte, in denen sie mit Macht

ankämpfte gegen eine Leidenschaft, zu deren voller Erkenntnis sie durch

die Worte der Frau Sophie Rapp gekommen war.

Erst nach vielen Wochen hatte sie ihr inneres Gleichgewicht

wiedergefunden, und sie konnte wie zuvor mit derselben unbefangenen

Herzlichkeit Max Storf entgegentreten. Adele Altwirth war selig

und stolz auf sich selber, daß sie den Sieg über die eigene Natur

davongetragen hatte. Sie freute sich darüber wie über ein großes,

unerwartetes Glück. Sie genoß dieses Glück, genoß die herzliche

Freundschaft und Verehrung des Freundes und liebte ihr Kind, dem sie

eine reine Mutter geblieben war, mit noch innigerer Liebe ...

Die kleine Dora war nun wieder ein ganz gesundes, frisches Mäderl

geworden. Sie hüpfte herum, munter und heiter, und zwitscherte wie ein

loser, übermütiger, kleiner Vogel in seiner goldenen Freiheit.

Der alte Rat Leonhard freute sich ganz besonders über seine lustige

kleine Freundin. Seit die Altwirths in Wilten wohnten, hatte der Herr

Rat eine kleine Veränderung in den Gepflogenheiten seines Lebens

treffen müssen. Jeden Tag, den Gott gab, stand der Rat Leonhard

vor den Toren der Schule und wartete geduldig, bis die kleine Dora

herausgesprungen kam und mit ausgebreiteten Armen auf ihn zulief.

Daß der Rat Leonhard sie jeden Nachmittag von der Schule abholen müsse,

das hatte sie sich von ihm ausgebeten. Sie hätten ja sonst gar nichts

mehr voneinander, meinte sie schmollend. Und was die kleine Dora

anzuordnen beliebte, das führte der alte Herr aus wie auf einen hohen

Befehl.

Er freute sich von Tag zu Tag auf das Zusammentreffen mit dem Kinde

und auf den kurzen Weg von der Schule bis zu ihrem Haus. Er freute

sich immer auf die lose, schalkhafte Art, wie sie dem Kreis ihrer

Mitschülerinnen behend entwischte und ihn dann wie ein junges, aus der

Gefangenschaft entlassenes Tierchen ansprang. Mit beiden Armen umhalste

sie ihn ungestüm, drehte sich mit ihm übermütig wie ein Kreisel herum

und rief immer wieder: „Onkel Rat! Onkel Rat! Lieber, alter Onkel Rat!“

Diese ungestüme Zärtlichkeit bereitete dem alten Junggesellen eine

innige Herzensfreude. Er lebte ganz in der Welt des Kindes, kannte ihre

Freundinnen und ihre kleinen Gegnerinnen in der Schule. Wußte von ihren

Aufgaben und von ihren Lehrerinnen. Alles erzählte sie ihm. Plapperte

ununterbrochen, bis sie sich dann vor ihrem Haus trennten. Denn die

Wohnung der Altwirths betrat der Rat Leonhard nur höchst selten. Er

hatte keinen Wunsch mehr, mit dem Maler Altwirth zusammenzutreffen.

Mit Frau Adele traf er sich im Winter jetzt öfters. Die kleine Dora

hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß der Onkel Rat an den schulfreien

Tagen mit ihr rodeln gehen müsse. Das tat sie nämlich leidenschaftlich

gern. Jauchzte laut auf vor Lust, wenn der Schlitten über die Berghalde

sauste. Und da es ihr so sehr gefiel, so glaubte sie, daß es ihrem

alten Freund gleichfalls gefallen müsse. Aber trotz Doras Bitten und

Betteln war der Rat Leonhard nicht zu bewegen, seine steifen, alten

Glieder einer Rodel anzuvertrauen. Er ging mit, um Dora bei ihrer

lustigen Schlittenfahrt zu bewundern und sich an ihrer Freude zu

ergötzen.

So wanderten die drei, Adele Altwirth mit ihrem Töchterchen und der

Rat Leonhard, ganz so, wie sie es in früheren Jahren getan hatten,

gemeinsam auf einsame Bergabhänge, von wo dann Adele mit dem Kind

hinunterrodelte.

Selig, jauchzend vor Freude und mit ganz blauem Gesichtchen saß das

Kind vor der Mutter auf dem Schlitten. Die schneidend kalte Bergluft

pfiff ihr um das sorgfältig vermummte Gesicht. Nur die Augen und das

Näschen waren unter der dicken, hochroten Samthaube zu sehen.

Die drei durchstreiften jetzt einen andern Teil von der Umgebung der

Stadt. Sie gingen jetzt nicht mehr hinauf zur Weiherburg, sondern

trieben sich mehr auf der Wiltener Seite herum, nahmen die Richtung

gegen Schloß Mentelberg und gegen das Oberinntal zu oder benützten die

sachte abfallenden Schneegelände, die von der Brennerstraße herunter

zur Stadt führten.

Da oben war es ganz besonders herrlich schön. So frei und weit schien

die Welt da zu sein. Und die Nordkette in ihrer stolzen Pracht

bedrückte nicht so wie drunten im Tal ...

So ging der Winter dahin. Und dem Winter folgten frühe Ostern, die

heuer so zeitlich fielen, daß der Schnee im Tal sich mit Eile daran

machte, dem sprossenden, nach Leben drängenden Grün der Wiesen zu

weichen.

Das blonde kleine Mädchen der Altwirths freute sich auf den Osterhasen.

Freute sich darauf wie noch nie. Immer schwärmte sie von den

Osterferien, die nun kommen sollten, und von den weiten Wegen, die sie

dann mit dem Onkel Rat machen würde. Überallhin, wo die liebe Sonne so

warm und hell schien. Überallhin, wo schöne, frische Blumen wachsen

würden, die sie alle, alle pflücken und dann sorgsam pflegen wollte.

Sie hatte solche Sehnsucht nach Blumen, die kleine Dora ...

Ostern kam ...

Ein krankes Kind lag in schweren Fieberträumen ... Scharlach ... Es

bäumte und wälzte sich auf seinem Lager und konnte kaum zur Ruhe

gebracht werden. Und vor ihm kniete Adele in heißer Angst und betete.

Sie betete zu Gott, daß er ihr das einzige und letzte Glück ... ihr

Kind lassen möge. Sie betete mit Inbrunst wie sie noch nie gebetet

hatte im Leben. Sie betete mit dem reinen Glauben ihrer Kindheit und

voll Vertrauen ...

Die Tage schlichen dahin in endloser Qual. Einer um den andern ...

Stunde um Stunde ... Minute um Minute ...

Adele geizte mit jeder Minute ... rang in ohnmächtiger Verzweiflung mit

dem Würger ihres Kindes.

Sie wußte, daß es keine Hilfe gab. Doktor Storf hatte es ihr sagen

müssen.

„Doktor ... helfen Sie ... retten Sie ...“ Wie eine Wahnsinnige hatte

Adele ihn angefleht, war auf den Knien vor ihm gelegen und hatte seine

Hand geküßt. „Doktor ... retten Sie ... ich darf mein Kind nicht

verlieren ... Doktor ... es ist das Letzte, was ich habe im Leben!“

Und Doktor Storf war erschüttert davongerannt mit rasend schnellen

Schritten. Fort ... fort ... wo er nicht helfen konnte ... fort ... um

den Schmerz der geliebten Frau nicht mehr zu sehen. Noch nie war ihm

sein Beruf so hart angekommen.

Einsam saß Felix Altwirth in seinem Atelier. Er konnte nicht arbeiten

... Die Angst lähmte ihm sein Denken ... machte ihn stumpf und

apathisch. Er konnte nicht zu dem Kind gehen und das Ringen des jungen

Lebens mit dem Tode sehen ... Warum mußte das kommen ... warum? ... War

es eine Strafe für ihn? ... Aber warum mußte dann sie leiden ... Adele

... die doch schuldlos war?

In dem dämmerigen Zimmer des Kindes herrschte eine lautlose Stille. Die

Vorhänge waren heruntergelassen und hielten die letzten Strahlen der

scheidenden Sonne ab ...

Die Stadt am Inn · 第 21 / 28 段