inneren Zwiespalt entspringen. Bis jetzt hatte sie ihr Leben mit
Leichtigkeit bestimmt und geleitet. Ohne Kampf war das alles gegangen.
Was sie wollte, hatte sie stets erreicht. Wie auf leichten, blumigen
Wegen war sie dahingeglitten, heiter und froh und lebenslustig. Bis er
kam ... der den Durst zu stillen verstand und ihr ganzes Sein für sich
in Anspruch nahm.
Jetzt aber litt Sophie um ihrer Liebe willen heiße Seelenkämpfe. Und es
gab manchen Morgen, der sie noch mit offenen Augen im Bett liegen fand.
Eine nervöse Überreiztheit war die natürliche Folge dieses Zustandes.
Sie sah jetzt öfters übernächtig aus, gequält und eingefallen. Auch ihr
heiteres Temperament litt unter diesen Qualen.
Ihrem Gatten entging es nicht, daß sie jetzt oft wegen geringfügiger
Ursachen aufbrauste, daß sie übellaunig war und häufig mit ernstem,
finsterem Gesicht vor sich hinzustarren pflegte, wenn sie sich
unbeobachtet glaubte.
Diese Veränderung verfehlte nicht die Rückwirkung auf Doktor Rapp. Sein
Mißtrauen erwachte und steigerte sich von Tag zu Tag. Zum ersten Male
seit seiner Ehe beobachtete er Sophie mit einer Art inneren Unbehagens
und legte ihren Worten, die sie ihm harmlos sagte, eine ganz andere
Bedeutung zugrunde.
Doktor Rapp war jetzt ernstlich beunruhigt. Er verfolgte seine Frau
heimlich auf ihren Gängen und belauerte sie. Sophie, die mit rascher
Klugheit dieses sich steigernde Mißtrauen bei dem Gatten bemerkt hatte,
gab sich alle Mühe, ihm eine Rolle vorzuspielen, um das zu scheinen,
was sie nicht mehr war ... ein zufriedenes, glückliches Weib. Aber
das Mißtrauen hatte sich nun einmal festgesetzt bei Valentin Rapp und
wollte nicht mehr aus seiner Seele weichen.
Es war eine harte Zeit für Sophie gekommen. Oft war ihr so schwer
zumute, daß sie ihre ganze Kraft aufbieten mußte, um die große Gefahr,
die sie von allen Seiten umgab, zu überwinden ...
Und in einem Anfalle innerer Verzweiflung ging Sophie Rapp zu Johannes
Patscheider. Ging mit bebendem Herzen und doch mutig und unerschrocken
und beschwor dasjenige herauf, vor dem sie in qualvollen Stunden
zurückgeschreckt war.
Sie trieb den Mann zu einer Entscheidung. Jetzt mußte er sich erklären,
mußte sich entschließen. Und dann ... wenn dieses Letzte, Schwerste
überwunden war, dann würde sie wieder ihre Ruhe und ihren Frieden
finden können. Das wußte sie.
Nun stand Sophie in dem großen, kostbar ausgestatteten Zimmer des
Kaufmanns. Es war derselbe Raum, in dem Felix Altwirth als ein
Bittender vor diesem Manne gestanden hatte, wo er ihn voll Empörung
einen Hund geheißen hatte. Diesen Schimpf verzieh ihm der Patscheider
niemals im Leben.
Und jetzt forderte Sophie in klaren, energischen Worten, daß er
sich für diesen selben Mann, der ihn mit seiner Beleidigung so
tief getroffen hatte, einsetzen solle. Daß er die Sache dieses ihm
verhaßten Menschen zu seiner eigenen machen solle. Daß er mit dem Namen
dieses Mannes seinen eigenen verknüpfen solle für alle Zeiten in der
Geschichte der Stadt.
Johannes Patscheider hatte stets ein offenes Herz und eine offene Hand,
wenn es galt, etwas im Interesse der Stadt zu unternehmen. Er war
dem Plane des Malers Altwirth im Prinzip nicht abgeneigt. Er wußte,
daß es dem Ansehen der Stadt nur nützen konnte, wenn sie über einen
Kunsttempel verfügte. Aber er sträubte sich anfangs im obstinaten
Eigensinn gegen diese Erkenntnis.
Erst durch Sophiens Einfluß wurde dieser Eigensinn besiegt. Aber nicht
ganz. Denn wenn er jetzt einlenkte, wenn er durch sein Geld ein Werk
ins Leben rief, das nicht nur ihn selber, sondern auch den Maler Felix
Altwirth gewissermaßen unsterblich machte im Land ... dann wollte er
auch diejenige sein eigen nennen, um derentwillen er seinen Starrsinn
gebrochen hatte.
Sophie zitterte an allen Gliedern, als sie jetzt in ihrem eleganten
Straßenkleid vor Patscheider stand. Sie mußte ihre ganze Kraft
aufwenden, um ihrer Stimme die nötige Festigkeit zu geben.
„Aber heute, Herr Patscheider, heute schicken’s mich ohne ein Resultat
nit fort von da! Das sag’ ich Ihnen!“ meinte sie mit erzwungener
Lustigkeit. „Heute sagen’s ja oder nein!“ erklärte sie resolut. „Wenn
Sie nein sagen, dann wissen wir wenigstens, woran wir sind!“
„Aber liebe ... schöne Frau Doktor ...“ sagte der Kaufmann ausweichend
und nötigte Sophie gewaltsam, Platz zu nehmen. „Sind’s doch nit so
grausam! Ja oder nein! Zu Ihnen kann man doch nur ja sagen!“ scherzte
er, indem er näher an sie heranrückte und ihr mit verliebten Augen
dreist ins Gesicht starrte. „Sie sind ja ...“
Sophie überlief ein Schauder. Fast ängstlich rückte sie von ihm ab, um
ihn ja nicht zu nahe an sich kommen zu lassen.
„Nein ... nein ...“ erklärte sie entschlossen und ohne ihn anzusehen.
„So fangen’s mich heut’ nimmer ein! Ich frag’ jetzt, und Sie antworten
nur mit ja oder nein!“
„Einverstanden!“ sagte der Patscheider höflich. „Also fragen’s!“
„Soll das Projekt vom Maler Altwirth ausgeführt werden?“
„Ja!“
„Bald?“
„Ja!“
„Übernehmen Sie die ganze Angelegenheit?“
„Ja!“
„Und die materielle Seite? Wie steht’s mit der?“ fragte Sophie
stockend. Sie wußte, daß er nun ausweichend antworten würde.
„Gnädige Frau müssen dafür aufkommen!“ erklärte der Patscheider im
bestimmten Ton.
„Unsinn!“ Sophie erhob sich erregt und sah den Mann, der mit zynisch
boshaften Blicken auf sie schaute, mit zornigen Augen an. „Sie wissen,
daß ich das nit kann. An diesem Punkt scheitert ja alles. Die Stadt muß
aufkommen dafür. Die Stadt muß Gründerin sein. Verstehen Sie mich, Herr
Patscheider?“
„Ja, Frau Doktor!“ sagte der Patscheider gelassen und starrte sie
unverwandt an.
„Na ... und?“ fragte Sophie ungeduldig.
„Die Stadt hat andere ... dringendere Auslagen zu decken. Der Stadt
kann so was nit zugemutet werden!“ versetzte der Patscheider ruhig.
„Sie ... Herr Patscheider ...“ Sophie war jetzt ganz nahe an ihn
herangetreten, „Sie wissen ganz genau ... was für einen Einfluß Sie
haben ...“
„Da soll doch der Herr Gemahl seinen Einfluß ...“
„Damit Sie alles wieder hintertreiben. Ja!“ sagte Sophie erregt. „Wie
Sie’s immer gemacht haben. Heimtückisch und ...“
„Und ... Frau Sophie?“ fragte der Patscheider und legte zärtlich seinen
Arm um ihren Hals. Sie gefiel ihm in ihrer Aufregung noch viel besser
als sonst.
„Lassen’s mich aus!“ wehrte ihm Sophie mit unverhohlenem Abscheu.
„Reden’s anständig mit mir!“
„Ja ... Frau Sophie. Gern!“ sagte der Kaufmann leise. „Aber zuerst
setzen’s Ihnen da neben mir her. Da ... ganz nahe!“
Er deutete mit seinem dicken, wulstigen Zeigefinger auf ein Sofa, das
an der Wand stand, und setzte sich dann selber in recht gemütlicher und
ungenierter Weise darauf.
„Wollen’s Ihnen nit niedersetzen, Frau Sophie?“ meinte Johannes
Patscheider über eine Weile, als Sophie noch immer zögerte.
„Nein!“ sagte Sophie abweisend.
„Nit?“ Der Kaufmann zog bedauernd seine Brauen hoch. „Das tut mir aber
leid, weil wir sonst noch ein bissele miteinander unterhandeln hätten
können.“
„Das können wir so auch!“ stieß Sophie atemlos vor innerer Erregung
hervor.
„Nein, das können wir nit!“ erklärte der Patscheider bestimmt.
Er saß auf dem Sofa, und mit beiden Händen stützte er sich auf den
weichen Polstersitz. Mit lauernden Blicken sah er auf Sophie, sah ihre
zitternde Erregung und sah den inneren Kampf, der sich in ihrem Gesicht
widerspiegelte. Aber er hatte kein Mitleid mit ihr. Er weidete sich an
ihrer Angst. Und dieses Gefühl steigerte seine Begierde nach ihr. Warum
sollte er sie nicht besitzen? War der Preis, den er ihr bot, nicht hoch
genug für eine Nacht? Eine Nacht nur ... aber die wollte er genießen.
„Wir hätten sonst vielleicht davon reden können ... daß ich als Gründer
... mit einem Kapital von Fünfzigtausend ...“ fuhr der Kaufmann langsam
fort.
„Wollten Sie das ... Herr Patscheider?“ brachte Sophie aufgeregt hervor.
„Es ist möglich ...“ erwiderte der Patscheider mit ruhiger, langsamer
Stimme. „Wenn nämlich gewisse Vorbedingungen erfüllt werden.“ Er sah
sie frech und herausfordernd an.
„Und ...“ stieß Sophie keuchend hervor, „die sind?“
„Wollen Sie Ihnen nit doch jetzt ein bissel da neben mir hersetzen ...
Sophie?“ fragte er über eine Weile.
Die beiden hatten sich wie ebenbürtige Gegner mit ihren Blicken
gemessen. Sie verstanden einander ohne Rede.
„Nun ... wird’s bald?“ fragte der Patscheider dann nach einer großen
Pause, während der sich Sophie nicht von ihrem Platz gerührt hatte ...
„Oder soll ich die schöne Frau zu mir herholen?“
Langsam und mit gesenkten Blicken kam Sophie näher. Schritt für
Schritt. Sie wußte, daß es jetzt kein Entrinnen gab.
Johannes Patscheider erhob sich und ging ihr entgegen. Und dann umfing
er sie mit gieriger Hast und sog sich an ihren Lippen fest.
Mit beiden Fäusten stieß ihn Sophie von sich fort.
„Ich will nicht!“ schrie sie, sich leidenschaftlich gegen ihn zur Wehr
setzend. „Ich will nicht!“
„Nicht?“
„Nein!“ Sie stampfte mit dem Fuß in ohnmächtiger Wut.
Der Patscheider hielt sie mit beiden Armen fest umklammert.
„Eine Nacht ... Sophie ...“ flüsterte er heiser. „Eine einzige Nacht
...“
„Schuft!“ fauchte sie ihn wie eine Wildkatz an. „Ich bring’ dich um,
wenn du dein Wort nit hältst!“
„Ich halt’ mein Wort. Aber zuerst der Preis!“
Wie mit Eisenklammern hielt sie der Mann in seinen Armen. Sie fühlte
seinen heißen, erregten Atem, und sie dachte an Felix, dem sie dieses
Opfer bringen mußte.
Eine Nacht ... eine einzige Nacht nur ... Dann war’s vorbei ... Die
Qual überwunden ... Sie konnte wieder glücklich sein ...
„Ja!“ stieß sie zitternd hervor und wand sich verzweifelt unter seinen
Küssen.
„Lass’ dich küssen ... Weib ...“ sagte der Patscheider zynisch. „Ich
zahl’ gut ... es ist nix umsonst!“
Wie von Sinnen eilte Sophie Rapp aus dem Hause des Kaufmanns. Sie irrte
durch ganz entlegene Gassen, hinüber nach Hötting, dem Walde zu ...
Sie konnte jetzt nicht unter Menschen gehen mit dieser flammenden Röte
der Scham in den Wangen. Jeder würde ihr die Entehrung und Schande vom
Gesicht ablesen können ... Sie mußte fort ... allein sein ... konnte
niemanden sehen ... bis alles vorbei war ...
* *
*
Einige Tage war Sophie jetzt nicht zu Felix gekommen. Sie schrieb ihm
auch nicht und ließ nichts hören von sich. Da kam Felix Altwirth von
banger Sorge getrieben zu ihr.
„Sophie ... Liebste ... Einzige ...“ sagte er zärtlich, als sie allein
waren. „Hab’ ich dir weh getan? Hab’ ich dich beleidigt? Bist du krank
gewesen?“ Ganz unglücklich sah der Maler drein, als er leise und sanft
ihr immer wieder liebkosend über die heiße Stirn fuhr.
„Ich hatte Kopfschmerzen,“ sagte Sophie ausweichend und vermied es,
Felix in die Augen zu sehen. Seine warme Zärtlichkeit tat ihrer wunden,
zertretenen Seele ungemein wohl. Sie lehnte sich in ihrem Schaukelstuhl
zurück und schloß die Augen.
Sophie sah elend aus. Tatsächlich krank. Sie hatte auch ihr inneres
Gleichgewicht noch nicht wiedergefunden. Immer von neuem tauchten die
schrecklichen Stunden in ihrer Erinnerung auf. Es war ein Glück, daß
Doktor Rapp für einige Zeit hatte verreisen müssen. So brauchte sie
diesem wenigstens keine Komödie vorzuspielen. Und bis er kam, so hoffte
sie, würde sie wohl wieder ganz hergestellt sein.
Sie fühlte sich jetzt, da Felix sie mit seiner achtungsvollen Liebe
umgab, bereits wohler. Sie lachte ihn an und plauderte mit ihm, und er
mußte ihr erzählen, was er geschaffen hatte, seit sie sich nicht sahen.
Wie eine lange Zeit der Trennung kam es den beiden jetzt vor. Und Felix
gestand ihr, wie er von Stunde zu Stunde auf sie gewartet und geharrt
hatte, und wie er schließlich so unruhig wurde, daß er diesen Besuch
bei ihr wagte.
„Bei hellichtem Tag!“ neckte er sie. „Da bin ich ganz fremd bei dir.
Gelt, Schatz?“
„Ja!“ sagte Sophie trocken.
„Na ... Schatz ... was hast du denn?“ fragte Felix verwundert.
„Nichts!“ Sophie schüttelte den Kopf und wiegte sich schaukelnd in dem
Stuhl. Sie hatte ein ungewöhnlich ernstes Gesicht.
„Doch!“ beharrte Felix. „Du hast etwas. Du ...“
„Ach ...“ sagte Sophie ausweichend, „es ist mir nit ganz recht, daß du
zu mir gekommen bist.“
„Wegen deinem Mann?“
„Ja! Du weißt ja ... daß er jetzt so eigen ist ... so mißtrauisch. Ich
möcht’ ihn erst wieder ruhiger werden lassen ... dann ...“
„Ja ... aber er ist ja jetzt gar nicht da?“ fragte Felix verständnislos.
„Nein! Aber wenn er’s erfährt?“
„Ach Kind ... du bist krank. Beim hellichten Tag! Was ist denn dabei?“
„Nix. Aber du sollst jetzt doch lieber gehen!“ drängte Sophie.
„Also geh’ ich halt gehorsamst!“ sagte Felix. „Aber ... dann mußt du
morgen zu mir kommen. Willst du?“
„Ja ... Felix ...“ Sie hielt ihm ihren Mund entgegen und küßte ihn
innig.
„Aber Kind ... du weinst ja?“ rief Felix erstaunt. „Was ist denn?“
Nun weinte Sophie wirklich. Ein kurzes, leidenschaftliches Schluchzen.
„Kind ... Sophie ... Schatz!“ tröstete sie Felix zärtlich. „Was ist dir
denn widerfahren? Schau, sag’ mir’s doch! Quält er dich recht ... dein
Mann?“
Sophie schüttelte den Kopf. „Nein!“ stieß sie hervor.
„Nicht? Ja, weshalb weinst du denn dann?“
Da barg Sophie ihren Kopf wie Schutz suchend an der Brust des Geliebten
und schluchzte laut auf in wildem Schmerz. Und je länger sie weinte,
desto gefaßter wurde sie. Felix beschwichtigte sie, wie man ein Kind zu
trösten sucht.
Als sie ruhiger geworden war, frug er sie ernst: „Er quält dich also
doch ... nicht wahr?“
Sophie nickte. Sie war froh, daß er die Lüge glaubte. Und dann war es
ihr leid um den Gatten, den sie verleumdet hatte. -- -- --
Mit keinem Wort hatte Sophie dem Maler von dem Zustandekommen der
Nationalgalerie sprechen können. Erst viel später, als die Sache schon
nahe vor der Veröffentlichung war, sagte sie es ihm ...
„Und das sagst du mir erst jetzt, Sophie?“ frug Felix verwundert.
„Du hast mich ja nimmer g’fragt drum!“ gab sie ihm lustig zur Antwort.
„Ich sah, daß du nicht wohl warst, und da nahm ich mir vor ... dich
nicht auch noch zu quälen. Die Sache schien dich doch aufzuregen.“
„Jetzt ist’s überstanden!“ sagte Sophie ruhig. „Gott sei Dank!“
„Und der Patscheider?“
Alle Farbe wich bei der Nennung dieses Namens aus ihrem Gesicht.
„Der Patscheider zeichnet als Gründer Fünfzigtausend!“ sprach sie ruhig.
„Ja ... Sophie ... Sophele!“ In einer wahren Ekstase des Glückes
drückte sie Felix an sich. „Du bist ja eine Zauberin! Wie hast du nur
das zustande gebracht?“
Sanft löste sich Sophie aus den Armen des Geliebten und sah ihn mit
ernsten Augen an. Dann nahm sie seinen Kopf in ihre Hände und küßte ihn
lange und küßte ihn innig.
„Sophie ...“
„Wenn ich dich nit so gern hätt’ ...“ hauchte Sophie.
Aber nie erfuhr Felix Altwirth von dem Opfer, das Sophie Rapp um
seinetwillen gebracht hatte.
[Illustration]
Neunzehntes Kapitel.
In dem Festsaal beim „Weißen Hahn“ tagte heute die Versammlung zur
Gründung einer Tiroler Nationalgalerie in Innsbruck.
Johannes Patscheider hatte Wort gehalten. Mit seiner ganzen
Persönlichkeit stand er für die Sache ein. Vertrat sie mit Macht und
Energie und tat alles, um den großen Plan zur baldigen Ausführung zu
bringen. Für den heutigen Abend hatte er alle jene Männer eingeladen,
die Namen, Rang und Titel besaßen und die er für das Gelingen des
Werkes zu gewinnen hoffte.
Es war eine stattliche Anzahl von Herren, die der Aufforderung des
angesehenen Bürgers Folge geleistet hatten. Herren aus allen Ständen.
Hohe Beamte, Honoratioren, Professoren und Künstler des Landes.
Felix Altwirth war ebenfalls anwesend. Zwischen ihm und dem Kaufmann
Patscheider hatte eine förmliche Versöhnung stattgefunden. Felix
Altwirth war einmal zu Patscheider gegangen und hatte dort seine Karte
hinterlassen. Das war alles gewesen. Gesprochen hatten sich die beiden
nicht bis zum heutigen Abend. Und auch jetzt war die Unterredung kühl
und kurz gewesen.
Doktor Rapp hatte dieselbe herbeigeführt und war Zeuge, wie die
beiden Männer einander die Hände schüttelten. Es war eine so frostige
Begegnung, wie der Rechtsanwalt sie nur selten gesehen hatte. Felix
Altwirth dankte dem Kaufmann für sein Entgegenkommen und rühmte seine
Großmut, die er durch die Stiftung einer so hohen Summe bewiesen habe.
Johannes Patscheider wehrte mit kurzen, fast schroffen Worten ab.
„Ihnen zulieb hab’ ich’s nit getan, Herr Altwirth!“ sagte er mit seiner
lauten Stimme, so daß es alle, die es wollten, hören konnten. „Also
brauchen’s mir auch nit zu danken!“ Dann wandte er sich unvermittelt
von dem Maler ab und sprach mit einigen Herren, die hinzugekommen waren.
Simon Tiefenbrunner trippelte unruhig im Saale umher. Trippelte von
einer Herrengruppe zur andern und hielt sich dann wieder in der Nähe
von Felix auf, der abwechselnd mit Doktor Storf und Doktor Valentin
Rapp sprach.
Ängstlich wartete der Apotheker auf einen günstigen Augenblick, um sich
an Felix heranzumachen. Dabei rieb er sich unausgesetzt die Hände,
verbeugte sich geschäftig vor diesen und jenen Bekannten und schielte
dann wieder über seinen Zwicker hinweg zu Felix Altwirth hinüber.
Frau Therese Tiefenbrunner hatte dem Gatten den strengen Auftrag
erteilt, noch heute abend eine Versöhnung mit Felix anzubahnen. „Weißt,
Simon, jetzt wo der Felix, unser Neffe, so berühmt wird, jetzt geht das
nicht mehr, daß wir in Feindschaft von ihm getrennt leben. Jetzt müssen
wir uns schon mit ihm aussöhnen!“ hatte sie gesagt.
„Ja ... aber ...“ wandte der kleine Mann zaghaft ein, „eigentlich muß
das doch vom Felix ausgehen. Er hat uns doch beleidigt!“
„Er hat uns nit beleidigt, Simon! Da tust du dich wieder einmal
täuschen!“ hatte die Gattin ganz energisch erwidert. „Das war sie ...
die Frau ... die Person ... die ...“
„Alsdann muß die kommen ...“
„Nein, Simon! Das tut die nit! Da kennst du sie schlecht. Wir müssen
halt denken ... das G’scheitere gibt nach! Und du schaust heut’ auf den
Abend, daß du den Felix allein erwischen tust, und sagst ihm, ich lass’
ihn schön grüßen, und er kann schon einmal auf ein’ Kaffee kommen, wenn
er mag!“
„Und wenn er nit mag?“ fragte der Apotheker.
Da wurde Frau Therese ungeduldig. „Ich weiß nit, Simon, wie du mir
heut’ vorkommst!“ meinte sie vorwurfsvoll. „Red’ halt zuerst einmal
mit ihm! Und wenn er nit kommt ... dann soll er’s bleiben lassen! Es
ist mir ja nur wegen die Leut’, daß die Feindschaft ein Ende hat. Und
daß man, wenn man dem Felix einmal am Weg begegnet, doch auch stehen
bleiben kann bei ihm. Damit man sieht, daß man doch verwandt ist mit
ihm.“
Das waren allerdings Argumente, die der Apotheker Tiefenbrunner
einsehen mußte, ob er wollte oder nicht. Deshalb schlich er jetzt auch
immer um die Gruppe herum, die sich nach und nach um Felix Altwirth
gebildet hatte, und wartete eine Gelegenheit ab, um sich dem Doktor
Storf zu nähern. Denn dieser sollte als ein alter Freund von Felix die
Versöhnung zwischen Onkel und Neffen herbeiführen. So hatte es sich
Simon Tiefenbrunner ausgedacht.
Der Saal füllte sich mit immer neuen Leuten. Es herrschte trotz der
vorgerückten Jahreszeit eine Bruthitze in dem Raum. Ein Gewirr von
Stimmen, ein Lachen und Plaudern von vielen Männern und mehr oder
minder erwartungsvolle Gesichter. In der Mitte des Saales war eine
kleine Tribüne errichtet. Von hier aus sollte Johannes Patscheider eine
Ansprache halten, der dann die Gründung des Vereins zur Erbauung einer
Tiroler Nationalgalerie folgen sollte.
Simon Tiefenbrunner glaubte jetzt den richtigen Moment gekommen, um
sich mit seinem Anliegen an Doktor Storf zu wenden. „Einen Augenblick,
Herr Doktor!“ Der Apotheker sagte es leise und zupfte den Arzt am Ärmel.
„Herr Tiefenbrunner?“ Doktor Storf sah erstaunt auf den Apotheker
herab, der in einiger Verlegenheit vor ihm stand. Die beiden
Herrn entfernten sich, um dann gleich darauf gemeinsam zu Felix
zurückzukommen.
„Du, Felix!“ sagte Max Storf. „Schau, wen ich dir da bring’!“
„Ach, Onkel Tiefenbrunner!“ Ehrlich erfreut bot der Maler dem alten
Herrn seine Hand. „Das ist schön, daß du auch gekommen bist. Willst
du auch Mitglied werden, und trittst du als Gründer bei?“ Als wenn es
zwischen ihnen nie eine Mißhelligkeit gegeben hätte, so unbefangen
sprach Felix mit dem Apotheker.
„Ja, freilich! Natürlich!“ versicherte Simon Tiefenbrunner eifrig. Der
kleine Mann freute sich innig darüber, daß Felix ihm die Versöhnung so
leicht gemacht hatte. „Bei so was muß man schon mittun!“ sagte er mit
wichtigem Gesicht. „Ein paar Tausender lassen wir da schon springen.
Ich und die Tant’!“
„Das ist recht, Onkel! Es ist wirklich ein edler und vornehmer Zweck!“
sagte Felix mit leuchtenden Augen.
Da trat mit einem Male Ruhe ein im Saal. Das Stimmengewirr
verflüchtigte sich. Die Gruppen lösten sich, gingen auseinander und
nahmen in den Sesselreihen Platz.
Johannes Patscheider hatte jetzt die Rednerbühne betreten und stand
droben, groß, wuchtig und knochig. Er machte einen schlichten Eindruck,
und schlicht und einfach waren die Worte, die er sprach.