geworden. Die Sophie fühlte einen ausgesprochenen körperlichen
Widerwillen, als sie ihr die Hand zum Gruße bot. Beinahe reute es sie,
daß sie sich von Neugierde hieher hatte treiben lassen.
„Grüß Gott!“ sagte die junge Frau leise, und ihre Stimme klang etwas
gezwungen und unsicher. „Kennst du mich, Benedikta Zöttl?“ frug sie.
Die Karrnerin nickte gleichgültig. „Die Sophal ...“ sagte sie tonlos.
„Freilich. Kenn’ di schon. Hab’ di oft g’sehen. Hab’ dir aufgepaßt,
wenn der Gaudenz nit dabei war!“ kicherte das Weib leise und
schadenfroh in sich hinein. „Unseroans freut si aa, wenn’s a noble
Tochter hat!“ meinte sie. „Aber der Gaudenz hätt’s nit wissen dürfen
... der ...“
„Mag er mich noch immer nit?“ forschte die Sophie und sah sich
schaudernd in dem engen Raum der Zelle um. Eine mäßig große Pritsche
war da an die Wand gerückt, und das stark vergitterte Fenster, durch
welches das Tageslicht hereinfiel, war so hoch oben angebracht, daß
man es nicht einmal mit den Händen erreichen konnte. Eine bange,
abergläubische Furcht überkam die junge Frau, und fest schmiegte sie
sich an den Gatten, der neben ihr stand.
„Er mag di nit!“ bestätigte die Karrnerin gleichgültig und zog die
magern Achseln empor. „’s macht aa nix. Ist guat so!“ nickte sie mit
dem Kopfe. „Hast an braven Mann kriagt! An noblen, ha?“ Ein stechender
Blick aus den schwarzen Augen des Weibes traf den Rechtsanwalt. „Hast
es g’schickt g’macht, Madel! Besser wie i!“ lobte sie dann.
Sophie stand schweigend vor der Karrnerin und hielt sich fest an dem
Arm ihres Gatten. Sie schämte sich ein wenig über das Lob der Benedikta.
„Aber der Gaudenz woaß nix davon!“ berichtete das Weib kichernd und
wiegte sich schaukelnd hin und her. Sie hielt ihre Knie umschlungen und
sah listig und schlau zu dem Rechtsanwalt auf. „Er kennt sie nit amal
mehr!“ erzählte sie Doktor Rapp und deutete mit dem Kopf auf Sophie.
„Niemand kennt sie. Koans von die Kinder woaß eppas von ihr!“ lachte
sie schadenfroh.
Sophie atmete befreit auf. Es war ihr recht, daß sie niemand kannte und
niemand von den Karrnerleuten etwas von ihr wußte.
Eine ganze Weile saß die Karrnerin schweigend da und stierte
stumpfsinnig vor sich hin. Dann sah sie plötzlich zu Valentin Rapp auf
und fragte: „Wird er g’hängt, der Gaudenz, ha?“ Es lag eine heiße Angst
in ihrem Blick.
„Die Anklage lautet auf Totschlag ...“ sagte der Rechtsanwalt
ausweichend.
„Totschlag! Dann ist er hin, der Hund!“ stieß die Benedikta wild
hervor. „Recht ist’s! Hat ihn alleweil erzürnt, den Gaudenz!“
Darauf sank sie wieder in sich zusammen, und ihr Gesicht wurde ganz
eingefallen vor sorgenvollem Gram. „Der Gaudenz ...“ kam es stöhnend
über ihre Lippen. Es war ein weher Schmerz, der in diesem Ton lag.
„Totschlag ist nit Mord!“ versuchte sie der Rechtsanwalt zu trösten.
„Er wird Zuchthaus kriegen.“
„Eing’sperrt ...“ Das Weib atmete erleichtert auf. Dann wiederholte sie
leise: „Eing’sperrt ... fort ... alloan ... Was nutzt’s mi ... hab’ ihn
nimmer, den Gaudenz!“
„Hast ihn so gern ... Mutter?“ frug Sophie fast flüsternd. Ein weiches
Erbarmen gab ihr diese Anrede als etwas Selbstverständliches in den
Mund.
„Gern?“ Die Benedikta flammte auf. „Jahr und Tag bin i mit ihm
gezogen!“ sagte sie leidenschaftlich. „Und hab’ Kinder g’habt von ihm,
oans nach dem andern. I werd’ ihn wohl gern g’habt haben!“ fügte sie
dann wieder gleichgültig werdend hinzu.
„Und jetzt?“ frug Sophie weiter.
Die Karrnerin duckte sich noch enger in ihrem Winkel zusammen.
„Den ... dein’ Vater ... weißt ...“ sagte sie zögernd, „den hab’ i gern
g’habt. So gern ... Nachg’rennt bin i ihm wie a Hunderl, Tag und Nacht
... Hab’ g’moant, i kann nit leben ohne ihn ... bis er mich sitzen hat
lassen ... verschwunden ist ... Nacher ist der Gaudenz kommen ... Du
woaßt’s ja, warum er di nit mögen hat ... Und wenn der Gaudenz stirbt
... nacher ist alles aus ...“ sprach sie tonlos.
Es lag eine unsagbare Traurigkeit in ihrem Wesen, die so trostlos war,
daß sie nicht nur Sophie, sondern auch den Rechtsanwalt bedrückte.
Valentin Rapp mahnte zum Aufbruch. Ohne Rührung und ohne Schmerz
trennten sich Mutter und Tochter, um sich nie mehr zu sehen im Leben ...
Nach einigen Wochen der Haft verließ Benedikta Zöttl das Gefängnis
zu Innsbruck. Valentin Rapp hatte ihr eine größere Summe Geldes
ausgehändigt. Die Benedikta starrte gleichgültig auf das Geld. Kaum,
daß sie dem Rechtsanwalt dafür dankte. Aber dieser verstand ihre Art
und wußte, daß die Karrnerin nur mehr ein einziges Empfinden hatte, das
sie vollständig beherrschte. Das war die Angst um Gaudenz Keil, den
Karrner ...
Seit ihrer Begegnung mit der Mutter hatte Sophie Rapp Schluß gemacht
mit ihrer Vergangenheit. Die Erinnerung an ihre trübe Kindheit, an
die Jahre des Elends und der rohen Grausamkeit hatten die junge Frau
seelisch so gedrückt, daß es ein paar Wochen brauchte, bis sie ihre
unbefangene Heiterkeit wiederfand.
Und als ihr Gatte ihr erzählte, daß Gaudenz Keil zu schwerer
Zuchthausstrafe verurteilt worden war und daß die Benedikta gleich
nach dem Urteil spurlos verschwunden sei, da atmete Sophie auf wie von
schwerer Last befreit.
Sie fühlte sich jetzt, nachdem sie von diesen Menschen ganz losgelöst
war, zu denen sie einmal gehört hatte, aufs neue dem Dasein
zurückgegeben. Fühlte, daß die alte, sprühende Lebenslust wieder
Einkehr hielt bei ihr, daß sie wie früher frei und ungezwungen scherzen
und lachen konnte und dem Glück ihrer Liebe leben durfte, das ihr ein
gütiges Schicksal beschieden hatte.
[Illustration]
Sechzehntes Kapitel.
In dem stillen, behaglichen Heim des Apothekers Tiefenbrunner herrschte
heute ein reges Leben. Es war nicht oft der Fall, daß Frau Therese
Gäste bei sich sah. Nur einmal oder zweimal im Jahr. Da bat sie alle
jene Damen zu sich, denen sie eine Einladung schuldete.
Von Zeit zu Zeit kamen die Damen bald bei dieser und bald bei einer
andern Bekannten zusammen. Es war immer derselbe Kreis von Damen, und
es waren stets die gleichen Meinungen und Lebensauffassungen, die da
geäußert wurden. Gute, gesunde Ansichten, allerdings etwas rückständig
und spießbürgerlich. Das konnte auch gar nicht anders sein. Neue
Elemente hatten so gut wie gar keinen Zutritt in diesem exklusiven
Zirkel.
Ab und zu traf man bei der Frau Professor Haidacher eine fremde,
unbekannte Dame. Die wirkte dann jedesmal wie eine Erscheinung aus
einer andern Welt, die man kaum vom Hörensagen kannte.
Die Professorin war nicht so wählerisch in ihrem Umgang. Sie liebte
es, mit neuen Menschen bekannt zu werden und ihre Ansichten kennen zu
lernen. Wenn Frau Haidacher einmal eine wirklich nette Frau traf, so
führte sie dieselbe gerne in ihrem Bekanntenkreis ein. Meistens waren
das die Frauen von Berufskollegen ihres Gatten oder die Offiziersdamen
der Garnison.
Frau Haidacher hatte die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben, einen
freieren und frischeren Zug in ihren Gesellschaftskreis zu bringen.
Ein jeder dieser Versuche scheiterte jedoch stets kläglich. Die Damen
waren wohl immer artig und freundlich gegen die Fremden, bewahrten aber
doch eine so steife Zurückhaltung, daß ein herzlicher Ton unmöglich
aufkommen wollte.
So kam es, daß Frau Haidacher gezwungen war, ihren Bekanntenkreis in
zwei Teile zu trennen. Der eine bestand aus den Vertreterinnen der
alten Familien der Stadt, der andere aus denen der eingewanderten
Familien. Diese völlig verschiedenen Elemente einander näher zu
bringen, sie gesellschaftlich zu vermischen, war ein Ding der
Unmöglichkeit. Sie lebten so ganz und gar getrennt voneinander, daß sie
sich selbst nach vielen Jahren des gemeinsamen Aufenthaltes kaum dem
Namen nach kannten.
Bei Frau Therese Tiefenbrunner war man stets vollkommen sicher, nur
ganz intime Bekannte zu treffen. Frauen, von denen man alles haarklein
wußte, deren Gesinnung einem genau vertraut war, die zu einem paßten
und deren Familien, Väter, Großväter und Urgroßväter Innsbrucker waren
und zum Teil eine Rolle in dieser Stadt gespielt hatten.
Es waren die Angehörigen der Patrizierfamilien Innsbrucks, die sich da
trafen. Frauen, die stolz waren auf ihre bürgerliche Abkunft und die
ihre gesellschaftliche Stellung um keinen Adelstitel vertauscht hätten.
Sie waren Bürgerinnen, Töchter altangesehener Familien. Als solche
fühlten sie sich, wollten nicht mehr sein und strebten nach keinem auch
noch so hoch stehenden Bekanntenkreis. Die Gesinnung dieser Frauen war
vererbt, pflanzte sich fort von den Eltern auf die Töchter und wurde
von den Männern dieser Frauen bestärkt und genährt.
Ein stolzer Zug von Freiheit und Unabhängigkeit lebte in diesen
Männern. Sie waren Männer, die aufrecht gingen, ohne Strebertum,
selbstbewußt, zufrieden und selbstherrlich. Sie alle liebten die alte
Stadt am Inn mit ehrlicher, aufrichtiger Begeisterung. Liebten sie,
weil es ihre Heimat war, ein deutsches, berggekröntes Juwel, wie ein
zweites wohl nicht mehr zu finden war. Und sie hielten diese Stadt
hoch, ehrten sie und vertraten ihre Interessen nach bestem Wissen und
Gewissen.
Diese starke Gesinnung der Männer spiegelte sich wider in der Art
der Frauen. Da gab es keine unter ihnen, die auch nur das leiseste
Verlangen gehabt hätte, aus ihrem Kreis herauszukommen. Sie waren
zufrieden miteinander, klatschten manchesmal ein wenig unter sich und
belächelten mit Nachsicht ihre Schwächen und Eigenheiten. Aber sie
hielten fest und unerschütterlich zusammen und duldeten kein Eindringen
eines fremden Elementes.
Wenn Frau Therese Tiefenbrunner eine Einladung gab, dann verursachte
das jedesmal eine kleine Umwälzung in ihrem Hausstand. Die
Tiefenbrunners hatten eine altmodische, aber recht gemütliche Wohnung
am Innrain. Die Zimmer waren klein und für große Gesellschaften nicht
geeignet. Da aber Frau Tiefenbrunner den Ehrgeiz besaß, genau so viele
Damen auf einmal bei sich zu sehen, wie das die andern taten, so mußte
jedesmal eine Umgestaltung ihrer Wohnräume stattfinden.
Da wurde gerückt und geändert, und die Möbel wurden umgestellt, bis der
nötige Platz für so viele Menschen gefunden war. Alle die überflüssigen
kleinen Gegenstände, die Tischchen, Truhen, Blumenständer und
Vogelkäfige, welche die Zimmer so behaglich erscheinen ließen, mußten
weichen, um nur der notwendigsten Einrichtung Platz zu machen.
Trotzdem waren die Damen so eng aneinander gepfercht wie die Sardinen
in der Büchse. Sie unterhielten sich aber ganz vortrefflich, schwatzten
und lachten miteinander, tranken Tee oder Kaffee und verzehrten den
herrlichen Kuchen, den die Apothekerin selbst gebacken hatte.
Ungefähr zwanzig Damen hatte Frau Tiefenbrunner zu sich gebeten. Sie
saßen alle um einen großen runden Tisch, der in der Mitte des Zimmers
stand. Und vor ihnen lagen wahre Berge der verschiedensten Bäckereien
und delikaten Brötchen. Auf dem Büfett, das in seinem behaglichen
Ausbau fast eine ganze Wand einnahm, standen große verkorkte Flaschen
neben fein geschliffenen Weinkelchen und harrten geduldig des
Augenblicks, in dem sie zur Erhöhung der allgemeinen Stimmung beitragen
durften.
Ein fröhliches Plaudern und Lachen erfüllte den nicht sehr hohen
viereckigen Raum des Zimmers. Wenn die Damen unter sich waren, dann
konnten sie fast ausgelassen lustig sein, und von der ihnen sonst
eigenen steifen Zurückhaltung war nichts mehr zu bemerken.
Frau Therese Tiefenbrunner strahlte vor innerer Zufriedenheit. Sie
war froh, wenn es ihren Gästen gut bei ihr gefiel und diese den
dargebotenen Genüssen nach Herzenslust zusprachen. Immer wieder bot sie
den Damen an und nötigte sie mit etwas ungeschickter Aufdringlichkeit
zum Essen und Trinken.
„Aber so essen’s doch! Nehmen’s doch, Frau Patscheider!“ Die
Apothekerin hielt der Frau Patscheider, die neben ihr saß, eine große
Platte belegter Brötchen hin. Das Dienstmädchen hatte sie gerade wieder
neu gefüllt auf den Tisch gestellt.
„Ich bitt’ Ihnen, Frau Tiefenbrunner,“ lachte die Frau Patscheider,
„ich kann ja schon bald nimmer schnaufen vor lauter Essen!“ Und sie
biß herzhaft mit ihren gesunden weißen Zähnen ein großes Stück von dem
Kuchen herunter, den sie in der Hand hielt.
„Kochen kann sie, unsre Apothekerin! Das muß man ihr lassen!“ rühmte
die Frau Direktor Robler. „Nirgends in der ganzen Stadt kriegt man so
einen guten Kuchen zu essen.“
„Und die Bröterln! Die erst!“ sagte die Frau Professor Haidacher und
nickte der Apothekerin lustig zu. „So was Feins! Ich halt’ mich am
liebsten bei die Bröterln auf. Her damit!“ kommandierte sie heiter.
Die Apothekerin reichte ihr dienstbeflissen die Platte über den Tisch.
Zur Feier des Tages hatte Frau Tiefenbrunner ein schwarzes Kleid von
ganz besonders schwerer Seide angezogen und sah darin sehr vorteilhaft
aus. Es war merkwürdig mit Frau Therese Tiefenbrunner. Die Zeit
vermochte ihr nichts anzuhaben. Blieb bei ihr stehen und ließ sie
aussehen wie vor zehn Jahren.
Die Frau Baurat stellte innerlich diesen Vergleich an und war der
Apothekerin fast etwas neidisch. Frau Tiefenbrunner war ja niemals eine
schöne Frau gewesen. Sie war stets robust und von derber Gesundheit
gewesen. Eine einfache, simple Frau, die sich immer gleich blieb und an
deren Äußerem das Alter keine Verheerung anrichten konnte.
Frau Goldrainer gestand es sich ein, daß sie froh gewesen wäre, wenn
sie sich wenigstens noch einen Schimmer ihres einstigen blühenden
Aussehens mit in das Alter gerettet hätte. Aber das lag wohl nicht in
ihrer Familie, beruhigte sie sich dann selbst. Die alterten alle rasch.
Auch ihre Schwester, die Frau Doktor Storf, war eine schon vor der Zeit
gealterte Frau geworden. Kein Mensch hätte geglaubt, daß diese blasse,
verfallene, kleine Frau kaum Mitte dreißig zählte.
Frau Hedwig Storf war seit einiger Zeit bedeutend ruhiger geworden.
Ihre Schwester bemerkte es mit Befriedigung, und sie kannte auch die
Ursache dieser Besserung. Doktor Storf hatte seine Beziehungen zu
Sophie Rapp nun vollständig aufgegeben, und die Frau des Rechtsanwaltes
schien jetzt tatsächlich nur mehr für den Maler Altwirth zu schwärmen.
Der Gedanke an Felix Altwirth war es bei der Frau Baurat, der sie die
Rede auf den Maler bringen ließ.
„Da fallt mir grad’ ein, Frau Patscheider,“ sagte die Frau Baurat,
„Sie haben Ihnen ja gar noch nit einmal von dem Altwirth malen lassen!“
„Ich? Was fallt denn Ihnen ein!“ rief die Frau Patscheider entsetzt.
„Da tät’ mir mein Mann schön kommen!“
„So? Warum denn?“ forschte die Baurätin neugierig.
„Mein Mann halt nix von dem Altwirth seiner Malerei!“ erwiderte die
Patscheiderin ausweichend.
„Konsequent liebe ich den Mann!“ spottete Frau Haidacher mit lustigem
Hohn.
„Aber Felix Altwirth ist ein großer Künstler!“ versuchte Hedwig Storf
mit schüchterner Stimme den Freund ihres Gatten zu verteidigen. „Er hat
jetzt so schöne große Bilder ausg’stellt!“
„Haben Sie die Ausstellung g’sehen?“ wandte sich die Frau Patscheider
nicht ohne Bosheit an die Apothekerin.
„Nein!“ sagte Frau Tiefenbrunner mit Würde. „Wenn ich einmal mit einem
Menschen fertig bin, dann bin ich fertig! Dann gehe ich auch nicht hin
und beseh’ mir seine Kunstwerke.“ Das Wort „Kunstwerke“ betonte die
Apothekerin doch nicht ganz ohne Stolz.
„Sie haben auch nix versäumt, Frau Tiefenbrunner!“ tröstete sie die
Patscheiderin. „Mein Mann sagt ...“
„Aber,“ fiel ihr Frau Storf jetzt resolut ins Wort, „die Kritik ist
doch ganz begeistert von den Werken!“
„Hm! Die Zeitungen!“ machte Frau Robler verächtlich. „Was die sagen, da
kann man sich auch nicht darnach richten.“
„O ja!“ kam nun die Baurätin ihrer Schwester zu Hilfe. „Da muß ich
schon bitten. Dazu ist die Kritik da, und die versteht’s auch!“ sagte
sie mit einer Schärfe im Ton, die keinen Widerspruch zuließ.
„Die Hauptsache ist,“ stellte die Professorin fest, „daß der Altwirth
jetzt ein Heidengeld verdient. Drei Bilder sollen ja schon wieder
verkauft sein von der Ausstellung. Und die ist ja erst seit einer
Woche.“
„Was das betrifft,“ meinte nun die Apothekerin, „so ist meinem Neffen,
dem Maler Altwirth, dieser Erfolg schon zu vergönnen. Es kommt halt
doch immer als das heraus, als was ich es gesagt habe ...“ behauptete
Frau Tiefenbrunner mit bescheidener Würde. „Und ich hab’ immer gesagt
zu meinem Mann ... Simon, hab’ ich gesagt, wirst sehen, unser Felix
wird noch ein großer Künstler werden. Und der Simon hat mir auch
geglaubt!“ versicherte die Apothekerin.
„Ich hätt’ ihm auch nit anders g’raten, dem Siemanndl!“ flüsterte die
Professorin ihrer Nachbarin boshaft ins Ohr und stieß sie leise an, so
daß diese vor unterdrücktem Lachen einen leichten Hustenanfall bekam.
Frau Tiefenbrunner sah mit vorwurfsvollem Blick in dem Kreis der
Damen herum, die ihr jetzt alle aufmerksam zuhörten. „Es hat da in
Innsbruck Leute gegeben,“ fuhr sie in ihrer langsamen Redeweise fort,
„die für die Kunst des Felix Altwirth kein richtiges Verständnis haben
aufbringen können. Aber das hat nix geschadet, wie Sie sehen, meine
Damen!“ meinte die Apothekerin mit nachsichtigem Lächeln. „Und was ein
Künstler ist, das bleibt halt eben ein Künstler!“ fügte sie weise hinzu.
„Besonders wenn sich eine Frau Doktor Rapp für so eine Kunst zu
interessieren anfangt!“ sagte Frau Patscheider boshaft. Sie fühlte, daß
die Apothekerin darauf ausging, ihren Gatten in den Augen der Damen
herabzusetzen.
Frau Therese Tiefenbrunner parierte den Hieb. „Was das anbetrifft,“
fing sie langsam und gemächlich an, „so muß ich da schon sagen, daß ich
es nicht unschön finden kann, wenn eine Dame ...“
„Dame!“ höhnte die Patscheiderin.
„Alsdann eine Frau,“ verbesserte die Apothekerin, „sich für einen
Künstler und seine Kunst begeistern tut!“ Frau Therese Tiefenbrunner
sah forschend in dem Kreise der Damen herum, um den Eindruck zu
ergründen, den ihre Rede hervorgerufen hatte.
„Begeistern!“ machte die Patscheiderin. „Die und sich für die Kunst
begeistern! Verliebt ist sie, und überg’schnappt ist sie, das närrische
Weibsbild! Vor lauter Lieb’!“
Die Damen lachten hellauf. Sie gönnten es der Tiefenbrunnerin, daß
die Patscheiderin sie so abfahren ließ. Sie kannten ja alle den
Gesinnungswechsel der Apothekerin und wußten, daß sie jetzt, da der
Erfolg für Felix Altwirth sprach, sich wieder zu ihm bekannte.
„Was glauben’s, was der jetzt eing’fallen ist!“ Die Patscheiderin
machte ein hochwichtiges Gesicht. „Jetzt rennt das Weibsbild mei’m
Mann nach. +Mei+’m Mann, sag’ ich Ihnen! Und wissen’s, warum? Weil sie
sich einbildet, mein Mann, +mein+ Mann ...“ die Patscheiderin wies, so
oft sie das Wort „mein“ betonte, mit dem Zeigefinger auf ihren vollen
Busen ... „soll dem Felix Altwirth eine Galerie bauen. Natürlich, damit
er da drinnen alleweil seine Bildlen aufhängen könnt’!“ sagte sie
eifrig. „Aber mein Mann will nix wissen von der Sach’ und sagt, daß der
Altwirth spinnt. Und das ist auch a so! Dem fehlt’s im obern Stübel.
Ich hab’ schon immer erzählen g’hört, daß alle Maler spinnen. Wird der
keine Ausnahm’ machen!“
Die Patscheiderin hatte sich in eine förmliche Aufregung hineingeredet
und sah jetzt wie eine Siegerin auf die Runde der Damen, die zum Teil
laut aufschrien vor Lachen.
„A Galerie! So was!“ sagte die Frau Robler kopfschüttelnd. „Ja, ja!
Unser Herrgott hat halt verschiedene Kostgänger!“ spottete sie dann.
„Wo soll denn die Galerie hinkommen?“ forschte die Baurätin neugierig.
„Daß du davon nichts weißt?“ wandte sie sich vorwurfsvoll an ihre
Schwester.
„Die kommt nirgends hin. Verlassen Sie sich drauf!“ erklärte die Frau
Patscheider mit Bestimmtheit. „Wenn einmal mein Mann nein sagt, nacher
bleibt’s auch dabei!“
Der Apothekerin war die Wendung, welche das Gespräch genommen hatte,
entschieden unangenehm. Sie hatte einen ganz roten Kopf bekommen und
meinte jetzt zu der Frau Baurat Goldrainer: „Überhaupt tu’ ich nit
gerne sprechen von meinem Neffen, dem Maler Altwirth. Seitdem ich mich
mit ihm überworfen hab’ ...“
„Ja, sagen’s mir einmal, Frau Tiefenbrunner,“ erkundigte sich die Frau
Robler teilnehmend, „hat sie sich denn gar nit entschuldigt bei Ihnen,
die Frau Altwirth?“
„Die?“ Frau Therese Tiefenbrunner blähte sich ordentlich auf in dem
Bewußtsein schwer gekränkter Würde. „Die ... Wenn mir die da bei der
Tür einer kommen tät’ ... wenn ...“
„Ah! Tun’s nit so, Frau Tiefenbrunner!“ lachte die Professorin. „Froh
wären’s, wenn sie wieder zu Ihnen käm’ und ...“
„Da tun Sie Ihnen aber doch recht gewaltig täuschen, Frau Professor!“
sagte die Apothekerin jetzt ganz bissig. „Mit der Person will ich nix
zu tun haben. Die ist an allem Schuld! Wenn die nit wär’ ...“ Frau
Tiefenbrunner verdrehte, als ob sie einen großen Schmerz zu erdulden
hätte, die Augen und zog dann ihr weißes Taschentüchlein heraus, um
sich damit die ohnedies schon sehr trockenen Augenwinkel noch ein wenig
trockener zu reiben.
„Hm!“ machte die Patscheiderin und zuckte verächtlich mit den Achseln.
„Ist nit zu neiden, die junge Frau ... mit +dem+ Mann!“
Frau Therese Tiefenbrunner wurde jetzt lebendig. Sie vergaß die
ruhige Würde, die sie für gewöhnlich zur Schau trug, und fuhr die
Patscheiderin sprühgiftig an: „Das sag’ ich Ihnen, Frau Patscheider.
Mit der brauchen’s kein Mitleid nit zu haben. Das ist so ein
hochnasig’s, eingebildetes Ding ...“
„Nein! Das ist nit wahr!“ warf sich die kleine Frau Storf zur
Verteidigerin auf. „Frau Altwirth ist eine gute und auch eine gescheite
Frau!“ versicherte sie und gab ihrer schüchternen Stimme einen festen
Klang. „Die kennen Sie nur nit!“
„Ich will sie auch gar nicht kennen!“ sagte die Apothekerin obstinat.
„Und was die Gescheitheit von der anbetrifft, so glaub’ ich kaum, daß
sie’s jetzt gelernt hat, wie man ordentliche Kartoffel rösten tut. Der
Felix, das können’s mir glauben, der hat auch sein Kreuz mit ihr. Und
was für eins!“
Frau Tiefenbrunner seufzte schwer und laut hörbar, als sie von dem
Hauskreuz des Felix Altwirth sprach. „Überall fehlt’s da in der
Wirtschaft!“ erzählte sie weiter. „Was ich da überall hab’ nachschauen
müssen! Nit glauben täten Sie mir’s, wenn ich’s Ihnen auch erzählen
tät’. Keine Knöpf’ in die Hosen, Löcher in die Strümpf’ ... so
große!“ Frau Tiefenbrunner beschrieb mit beiden Händen einen Kreis,
der beiläufig den Umfang eines Suppentellers hatte. „Dann, wenn ich
zu ihr kommen bin und bei die Pfanndeln in der Küch’ nachg’schaut
hab’ ...“ Frau Tiefenbrunner machte jetzt noch nachträglich ein ganz
entgeistertes Gesicht vor lauter Entsetzen. „Wenn Sie die Pfannen
g’sehen hätten, Frau Patscheider ...“ wandte sie sich nun mit ihrer
Erzählung an diese, „wie die ausg’schaut haben! So was täten Sie nit
für möglich halten. Innen drein, da waren’s geputzt, als wenn a Katz
oder a Hunderl sie ausg’leckt hätt’. Aber ausg’waschen haben die nit
ausg’schaut, sag’ ich Ihnen. Und außen erst!“ Frau Tiefenbrunner
schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Kohlrabenschwarz sein die
g’wesen! Rußig und dreckig und ...“
„Ja mei!“ Die Patscheiderin zuckte sehr geringschätzig die Achseln
und tat sehr wissend. „Das beweist noch gar nix!“ sagte sie, die
Apothekerin in ihrem Wortschwall unterbrechend. „Gar nix, sag’ ich
Ihnen! Deshalb kann die Frau Altwirth doch a g’scheite Frau sein, wie
die Frau Doktor Storf behauptet.“
„Das mein’ ich auch!“ stimmte die Baurätin bei. „Und daß es ihr Mann so
treibt mit der Frau Rapp, das find’ ich einfach eine Gemeinheit!“
„Und ich kann Ihnen sagen, Frau Baurätin,“ widersprach jetzt die
Apothekerin, „daß mich in meinem ganzen Leben noch nie etwas so gefreut
hat, als wie mir das vom Felix und der Sophie zu Ohren gekommen ist.
Das g’schieht dem Weibsbild, der Adele, vollkommen recht! Der Simon
hat’s auch g’sagt!“ fügte sie zur Bekräftigung ihrer Ansicht hinzu.
„Sie, Frau Tiefenbrunner,“ ergriff nun die Professorin das Wort, „jetzt
will einmal ich Ihnen etwas sagen! Sind Sie in Ihrem Zorn und Haß nit
so ungerecht gegen die junge Frau! Ich kenn’ die Frau Altwirth so
wenig, daß ich eigentlich nit reden kann über sie. Aber es g’fällt mir
vieles an ihr, was ich hab’ beobachten können.“