sie nicht ganz ohne Leidenschaft ist!“ fuhr Max Storf ernst zu reden
fort. „Verzeihen Sie mir, gnädige Frau, aber Sie tragen selbst die
Schuld daran, daß ich so zu Ihnen spreche!“ fügte er hinzu.
Adele Altwirth sah mit einem vollen Blick ihrer grauen, beseelten Augen
zu dem Arzte auf.
„Warum sprechen Sie von mir?“ frug sie dann. „Es handelt sich doch gar
nicht um mich!“ sagte sie abweisend.
„Nein, sondern wohl um mich ...“ pflichtete er nachsichtig lächelnd
bei. „Ich soll als das räudige Schaf ...“
„Können wir nicht ernst bleiben, Herr Doktor?“
„Ja. Aber dann sprechen wir von Ihnen, gnädige Frau!“ sagte Max Storf
fest.
Wiederum herrschte eine Weile tiefes Schweigen zwischen den beiden.
Dann sagte Adele nachdenklich: „Was hat diese Frau nur an sich, daß sie
alle Männer wie im Sturm erobert?“
„Dasjenige, was den einen fehlt und was die andern in falschem Stolz zu
überwinden trachten ... Leidenschaft!“ erwiderte Max Storf bestimmt.
„Ja ... das mag es wohl sein ...“ sprach Adele mit einem träumerischen
Blick. Dann erhob sie sich und reichte dem Arzt die Hand. „Und nun
haben Sie dasjenige mit mir getan, was ich eigentlich Ihnen tun wollte.
Sie haben mich auf die richtige Bahn gewiesen. Ich fürchte nur, Sie
kommen zu spät ...“ fügte sie leise hinzu.
Es klang Traurigkeit in ihren Worten. Eine Resignation, die zu hören
dem Arzt wehe tat. Max Storf war gleichfalls aufgestanden und führte
die Hand der jungen Frau ehrfurchtsvoll an seine Lippen.
„Sie sind mir doch nicht böse, Herr Doktor?“ frug Adele warm.
„Nicht im mindesten, gnädige Frau!“ versicherte der Arzt. „Ich habe
allen Grund, dankbar zu sein.“
„Dankbar? Wieso?“
„Weil ich in die Seele einer reinen Frau schauen durfte!“ entgegnete
Max Storf mit Nachdruck. „Ich habe Sie jetzt erst kennen gelernt.“
Adele Altwirth überkam ein Gefühl des Dankes. Es war lange her, seitdem
sie ein gutes, anerkennendes Wort gehört hatte. Es tat ihr wohl. So
wohl, daß wieder nach langer Zeit jenes strahlende Lächeln ihr Gesicht
verklärte, das ihr ganzes Wesen so warm und innig erscheinen ließ ...
Max Storf und Frau Adele sprachen von dieser Zeit an oft und gern
miteinander. Sie wichen einander nicht mehr aus wie früher, sondern
freuten sich darauf, sich zu sehen und wie alte, gute Freunde zu
plaudern. Es lag eine Reinheit in dieser Freundschaft. Eine Reinheit,
die auf der Grundlage einer gegenseitigen Wertschätzung beruhte. Sie
waren beide glücklich darüber. Glücklich, daß sie sich gefunden hatten
und einander etwas bedeuteten im Leben.
[Illustration]
Fünfzehntes Kapitel.
Drunten am Saggen, in dem vornehmen Villenviertel Innsbrucks, wohnte
Doktor Valentin Rapp mit seiner Frau nun schon seit einigen Jahren in
einer kleinen Villa, die er sich nach seinem Geschmack hatte bauen
lassen. Das erste Stockwerk dieses Hauses hatte der Rechtsanwalt für
sich behalten, während er das Erdgeschoß vermietet hatte.
Es war ein entzückendes kleines Haus in freier, herrlicher Lage, mit
einem großen Garten ringsherum, den der Rechtsanwalt in den Stunden
seiner Erholung selbst bebaute und pflegte. Da stand er oft wie ein
Arbeiter, hemdärmelig mit Spaten und Schaufel. Wühlte in der Erde,
setzte Blumen und Sträucher ein und legte sich auch eine kleine
Obstzucht an. Valentin Rapp hatte viel Liebe zur Natur und fühlte den
gesunden Trieb zu körperlicher Betätigung in sich.
So sehr sich der Rechtsanwalt in früheren Zeiten gegen eine
Verheiratung und gegen ein eigenes Heim gesträubt hatte, so viel Sinn
und Verständnis für die Ausgestaltung eines solchen bewies er in den
Jahren seiner Ehe. Er liebte sein Heim, das für ihn so viel trauliches
Glück barg, schmückte es mit Liebe und Hingebung aus und hielt es wie
ein Heiligtum.
Vor diesem kleinen Reich, wie er seinen Besitz nannte, mußte die Sorge
Halt machen. Dort durften Mißgunst und hämischer Neid nicht einkehren.
Mit aller Energie hatte sich der Rechtsanwalt Ruhe vor dem Gerede der
Leute verschafft. Er wollte sein Glück und sein Leben genießen, wie es
sich ihm darbot. Nicht in quälende Zweifel verloren und ohne Trübung
wollte er die Stunden der Ruhe und Erholung ausnützen.
Doktor Rapp hatte es noch nie bereut, daß er die Sophie zur Frau
genommen hatte. Er freute sich über sie. War stolz auf ihre Fähigkeit,
sich den veränderten Lebensbedingungen so geschickt anzupassen, und
war selig über das Maß der Liebe, das sie ihm noch immer gewährte.
Wohl war auch zu ihm das Gerücht gedrungen von der Untreue seiner Frau.
Aber Valentin Rapp glaubte den Leuten nicht. Er wußte, wie viel Unheil
Mißgunst und Neid in den Ehen der Menschen anzurichten vermochten.
Er wußte, daß es in solchen Fällen galt, reinen Tisch zu halten und
Freunden die Tür zu weisen, die an seinem Glück zu zweifeln wagten.
Er hielt sich für einzig dazu berechtigt, über Sophie zu urteilen,
und er hielt sich auch für den einzigen Menschen, der imstande war,
Sophiens Charakter und ihre Liebe richtig einzuschätzen.
Dem Rechtsanwalt war es kein Geheimnis, daß seine Frau viel
Verehrung und Bewunderung genoß, und er freute sich darüber. Es war
ihm willkommen, wenn man ihr huldigte. Es bedeutete für ihn eine
Genugtuung, sich um den Besitz dieser schönen Frau beneidet zu wissen.
Auch ihr kokettes Spiel mit den Männern kannte er von früher her,
wußte, daß sie damals rein geblieben war, und mißtraute ihr auch jetzt
nicht. Gerade dieses kokette Spiel war es ja gewesen, das ihn damals so
gereizt und ihn so weit gebracht hatte, daß er Sophie heiratete.
Warum sollte er von ihr verlangen, daß sie jetzt, da sie seine Frau
geworden war, anders werden müsse ... hausbacken und nüchtern? Warum
sollte sie ihrem Naturell Gewalt antun?
Der Rechtsanwalt hatte einen felsenfesten Glauben an die Treue seiner
Frau. Schon deshalb, weil er sich immer und zu jeder Zeit von ihrer
Liebe umsorgt fühlte und sich daher auch für den Mittelpunkt ihres
ganzen Lebens halten konnte. Sophie war klug genug, diesen Glauben
immer mehr zu stärken durch eine liebevolle, fast sklavische Hingebung
und durch vollständige Unterordnung unter den Willen und die Launen
ihres Mannes.
Diese Frau verstand es, gut und nachgiebig und sanft zu sein
und demütig. So schmeichelte sie seinem Ehrgeiz und seiner
Selbstherrlichkeit und befestigte in ihm auf diese Art das eingebildete
Bewußtsein, daß er Herr über sie sei, während er in Wirklichkeit ein
Werkzeug war in ihren Händen wie alle die andern.
Immer wieder zeigte sie es ihm und sagte es auch mit Worten, daß sie
ihm dankbar war für die Lebensstellung, die seine Liebe ihr gegeben
hatte. Und darin sagte sie die Wahrheit. Sie war ihm dankbar. Liebte
ihn deswegen und ertrug willig und ohne Murren die vielen kleinen
Launen, die sich mit der Zeit bei dem alternden Manne einstellten. Sie
umgab ihn täglich mit so zahlreichen kleinen Zärtlichkeiten, daß er
ohne besondere Illusion in der Überzeugung leben konnte, ihr einziger
Geliebter zu sein.
Manchmal, in den ersten Jahren ihrer Ehe hatte ihn ihr heißes
Aufflammen erschreckt und ein wenig besorgt gemacht. Dann aber war
sie ruhiger geworden, steter und gleichmäßiger. Und Doktor Rapp war
es zufrieden. Er glaubte, daß es ihm gelungen sei, ihr aufloderndes
Temperament in ruhigere Bahnen zu leiten, und war froh, diese Klippe so
geschickt überwunden zu haben.
Dann kamen die guten Freunde und sprachen ihm von der Untreue der Frau,
und Valentin Rapp wurde unruhig. Ein leises Mißtrauen blieb zurück.
Sophie fühlte es und verscheuchte mit ihrer Liebe die aufkeimenden
Zweifel und machte ihn so sicher, daß er resolut und fest allen die Tür
wies, die ihm von seiner Frau nachteilig sprechen wollten.
„Haben Sie sie gesehen?“
„Nein!“
„Nicht? Dann sind es nur Vermutungen. Auf bloße Vermutungen hin
fällt man kein Urteil, auch wenn der Schein dafür spricht!“ sagte er
entschlossen. „Kommen’s wieder, wenn Sie was Gewisses wissen. Nit
früher!“ setzte er lakonisch hinzu.
Durch diese unerschütterliche Festigkeit hatte sich der Rechtsanwalt
Ruhe verschafft. Die Leute gaben es auf, ihn zu warnen. Und Sophie
ihrerseits war zu schlau, um sich bei der Tat erwischen zu lassen.
Wie ein Aal entglitt sie immer und immer wieder selbst den schärfsten
Beobachtern. Niemand konnte es mit Bestimmtheit beweisen, daß sie
untreu war. Nur die beiden Frauen, Hedwig und Adele. Und diese zeugten
nicht gegen sie.
Es war zum erstenmal, daß Sophie Rapp so frei und ungeniert mit einem
Manne verkehrte wie jetzt mit dem Maler Felix Altwirth. Diesmal hatte
sie den Kopf verloren, sagten die Leute. Und neuerdings machten sie den
Gatten aufmerksam, daß seine Frau ein Verhältnis mit dem Maler habe.
„So?“ fragte der Rechtsanwalt kurz und stocherte gleichgültig mit dem
Spaten in der weichen Gartenerde herum. Er war wieder einmal bei seiner
Lieblingsarbeit und stand in gebückter Haltung hemdärmelig und ohne
Weste im Garten.
Neben ihm war ein alter Herr, ein Rechtskollege, der gekommen war, um
sich mit dem Doktor Rapp in einer besonders schwierigen Prozeßsache zu
beraten, deren Vertretung sie beide gemeinsam übernommen hatten. Bei
dieser Gelegenheit hielt es der befreundete Advokat für seine Pflicht,
dem Kollegen ein Wort der Warnung zu sagen.
„Woher wissen’s denn das so g’wiß, Herr Kollege?“ frug Doktor Rapp
sarkastisch. „Meinen’s, wenn eine schöne Frau sich gern von einem
Künstler malen laßt, muß gleich was Schlechtes dahinter stecken?
Naa, naa! Meine Frau kenn’ ich besser wie Sie alle miteinander. Und
auf Indizienbeweise hin wird nicht verurteilt!“ sagte Doktor Rapp
unerschütterlich.
„Manchesmal doch, Herr Kollege!“ widersprach der andere mit leichtem
Nachdruck.
Die Warnung hatte trotzdem einige Wirkung bei dem Rechtsanwalt
hinterlassen. Eben weil sie von ernster und, wie er annehmen mußte,
auch wohlmeinender Seite kam, dachte er darüber nach. Und als Sophie
sich ganz kurze Zeit darauf in dem Garten zu ihm gesellte, frisch,
lebendig, heiter und unbefangen wie immer, sah er ihr forschend und mit
etwas Mißtrauen in die Augen.
Es war ein lauer Sommerabend. Vom Inn herüber, in dessen Nähe die
Villa des Rechtsanwalts lag, kam eine erquickende Luft. Es war ruhig
und still da draußen. Kein Lärm, kein Wagengerassel der inneren Stadt
drang in diese Ruhe, und kein lautes, mißtöniges Stimmengewirr von
vorüber wandernden Menschen. Nur einzelne Liebespärchen schritten eng
aneinander geschmiegt durch die einsame Villenstraße, und ganz von
ferne hörte man das dumpfe Rollen des Bahnzuges. In den Bäumen der
sorgsam gepflegten Gärten sangen die Vögel ihr andächtiges Abendlied,
zwitscherten schmelzend von Liebe und Frieden.
Sophie Rapp trug ein helles Sommerkleid und darüber ein weißes, zartes
Spitzenschürzchen. Eine grellrote Schleife in dem dunkeln Haar verlieh
ihrem Rassegesicht einen eigenen künstlerischen Reiz. Ganz unbefangen
frug sie den Gatten, ob er das Abendbrot in dem Sommerhäuschen
einzunehmen wünsche, das am andern Ende des Gartens stand.
Der Rechtsanwalt nickte stumm und sah ernst auf seine Frau. Sophie
stutzte ein klein wenig. Sie dachte über die Ursache seiner plötzlichen
üblen Laune nach und erriet sofort, daß diese Veränderung mit dem
Besucher in irgendeinem Zusammenhang stehen mußte.
„Du hast Besuch gehabt, Manni?“ fragte sie und legte ihren Arm zärtlich
in den seinen. „Schau, wirf einmal die Schaufel da weg und ruh dich
ein bissel aus! Du schaust ja so müd’ drein. Wir wollen ein bissel im
Gartenhaus sitzen und plauschen!“ forderte sie ihn munter auf.
Doktor Rapp warf die Schaufel beiseite, daß sie klirrte, und folgte
seiner Frau in das lauschige, behaglich ausgestattete Sommerhaus.
„Du ... Sophie ...“ fing er dann mißmutig an.
„Ja, Mannderl, was gibt’s denn?“ lachte Sophie und schälte ihm eine
große, saftige Birne, die das Dienstmädchen auf einem Teller gebracht
hatte. „Ist die nit herrlich?“ fragte sie, ihm die Birne zur Ansicht
hinhaltend. „Die mußt du gleich kosten. Noch vor dem Essen. Damit du
mehr Hunger kriegst.“ Dann steckte sie ihm eine Scheibe in den Mund und
biß selbst von der Frucht ab. Übermütig lachte sie: „Gut war’s! Gelt?“
Der Rechtsanwalt hatte auch lachen müssen, denn bei der Teilung hatte
sie den Löwenanteil abbekommen. „Kannst mir noch eine in den Mund
stecken!“ sagte er jetzt, schon bedeutend freundlicher gestimmt.
„So ist’s recht!“ Sie nickte zufrieden mit dem Kopf und sah ihn dann
neckisch an. „Gelt, Manni, der hat wieder einmal g’schimpft über mich?“
Sie deutete mit dem Finger nach dem hohen eisernen Gartentor, durch das
der Besucher verschwunden war.
„G’schimpft nit!“ sagte der Advokat, an der Birne kauend, die sie ihm
nun zum Abbeißen hinhielt. „Er hat nur gemeint, ich soll dich warnen
...“
„Das heißt, er wollte +dich+ warnen, nicht mich!“ korrigierte sie ihn.
„Mit wem hat er mich denn schon wieder im Verdacht?“ forschte sie und
lachte dabei ausgelassen.
„Mit Felix Altwirth, dem Maler.“
Nun platzte Sophie geradezu vor Lachen. Konnte sich gar nicht mehr
halten vor lauter Übermut. „Nein, so was, Schatz! Ist das ein Esel,
dein Kollege! Das ist ja köstlich! Und so was will ein Menschenkenner
sein! Ach, und du, du Dummerl, du lieb’s, du ungeschickt’s, du blödes,
du hast’s ihm geglaubt! Ach du!“ Sie fiel ihm wie närrisch um den Hals
und küßte ihn so heftig, daß er ihr sanft wehren mußte, da er keine
Luft mehr bekam.
„Fressen könnt’ eins so ein Mannsbild, so ein dummes, vor lauter
Lieb’!“ sagte sie und preßte sich innig an ihn. „Und immer wieder
glaubt er so einen Schmarrn, so einen unsinnigen! Ich lauf’ dir schon
noch davon, dir!“ drohte sie ihm scherzhaft. „Wenn du so eifersüchtig
bist! Aber naa!“ meinte sie dann schalkhaft. „G’scheiter nit!“ Sie sah
ihn sehr verliebt an. „Da müßt’ ich dich ja mitnehmen, dich Tschapperl,
dich!“
Und alle Bedenken, die Valentin Rapp gehabt hatte, waren mit einem Male
wie weggeblasen. Er lachte nun auch recht herzlich und schämte sich vor
ihr, daß er so mißtrauisch gewesen war.
Ganz zaghaft warnte er sie dann: „Aber weißt, Sophie, vorsichtig mußt
schon ein bissel sein mit deine Atelierbesuch’. Es ist wegen die Leut’.
Ich hab’ ja nichts dagegen, wenn dich der Altwirth malt. Aber schön muß
er mein Weiberl machen!“ sagte der Rechtsanwalt verliebt und küßte mit
zufriedenem Behagen den vollen Mund des jungen Weibes ...
Es war noch immer der gleiche Sinnenrausch wie vordem, in dem Sophie
den alternden Mann gebannt hielt. Sie bezauberte ihn stets aufs neue,
belustigte und erheiterte ihn durch ihre losen Einfälle und den ihr
eigenen gesunden Mutterwitz und verblüffte ihn öfters durch ungekannte
und unberechenbare Seiten ihres Charakters.
Daß sich Sophie jetzt auf einmal so sehr für die Kunst begeisterte,
hielt Valentin Rapp für eine kindliche Freude und gönnte ihr das
Vergnügen, sich von einem Maler verehrt zu wissen. Ja, er freute sich
mit ihr, wie schön sie auf den Bildern geworden war, als sie ihn einmal
gewaltsam mit in Felix Altwirths Atelier schleppte. Dort konnte sie der
Gatte in verschiedenen Skizzen bewundern.
Da Doktor Rapps Kunstverständnis gleich Null war, konnte er die Bilder
nicht so einschätzen, wie das Storf getan hatte. Er sah nur, daß die
Skizzen gut ausgefallen waren und daß seine Frau darauf in Schönheit
prangte. Aus diesem Gefühl heraus beglückwünschte er den Maler zu
seinen Erfolgen und meinte anerkennend, daß Felix bald größere Werke
zur Ausstellung bringen möge.
„Ja ...“ erwiderte der Künstler nicht ohne eine leichte Anzüglichkeit
in seinem Ton. „Wenn ich dann aber wieder keine Anerkennung finde, wie
das erstemal? Ich könne ja überhaupt nichts, sagten damals die Leute.“
„Ach was!“ mischte sich Sophie resolut ein. „Damals und jetzt! Das ist
ein Unterschied! Jetzt ist es anders! Heute sind Sie wer! Und das blöde
Gewäsch, den Unsinn, den hat ja nur der Patscheider aufgebracht. Sonst
niemand.“ --
Seit jenem Atelierbesuch bei dem Maler Altwirth waren auch die letzten
Reste eines Mißtrauens gegen Sophie in der Seele des Rechtsanwaltes
geschwunden. Er hatte die beiden genau beobachtet und hatte nicht das
geringste Zeichen eines näheren Einverständnisses, das auf Liebe hätte
schließen lassen, entdeckt. Das, was er sah, war Freundschaft und eine
herzliche Kameradschaft. Valentin Rapp war überzeugt, daß seine Frau
den Maler nur förderte, weil das ihrem warmherzigen und impulsiven
Temperament entsprach.
Daß Sophie warmherzig sein konnte, dankbar, anhänglich und hilfsbereit,
dafür hatte der Rechtsanwalt schon viele Beweise erlebt. Ganz besonders
rührte es ihn immer wieder, wenn seine Frau von Zeit zu Zeit nach
Rattenberg hinunter fuhr, um ihre alte Pflegemutter aufzusuchen. Mit
voll beladenen Armen wanderte sie dann jedesmal ins Unterland und
brachte der Ennemoserin alles dasjenige, womit sie glaubte, ihr eine
Freude bereiten zu können.
Sie hätte die alte Frau gerne zu sich ins Haus genommen. Aber die
Ennemoserin sträubte sich dagegen mit aller Entschiedenheit. Ein
einzigesmal war die alte Frau nach Innsbruck zu Besuch gekommen.
Sie fühlte sich jedoch äußerst unbehaglich in dem feinen Haus ihrer
Pflegetochter und war froh darüber, daß sie schon nach wenigen
Tagen wieder heimfahren konnte ins Unterland, in ihr kleines,
blumengeschmücktes Felsennest.
Wenn Frau Sophie Rapp in Rattenberg war, dann versäumte sie es niemals,
auch hinüber zu wandern ins Kloster zu Mariathal, um ihre alte, liebe
Schwester Salesia wiederzusehen. Jetzt freilich hatte sie diese Besuche
einstellen müssen. Die alte Schwester war seit ein paar Jahren versetzt
worden, nach Schwaz ins „Schwarze Damenstift“. Die Sophie hatte es
ihrem Gatten mit großer Empörung erzählt und war so wütend gewesen über
die Veränderung, daß Doktor Rapp vor Belustigung fast einen Lachkrampf
bekam.
Es war aber auch zu komisch, sich die alte, dicke Schwester Salesia
vorzustellen, wie sie herumhumpelte bei all den vielen weiblichen
Sträflingen in dem Schwazer Frauenzuchthaus, dem der Volksmund den
Übernamen des Schwarzen Damenstiftes aufgebracht hat. Die heitere,
asthmatische alte Schwester Salesia, an die sich der Rechtsanwalt noch
gut erinnern konnte, paßte auch seiner Ansicht nach gar nicht dahin.
Die bloße Vorstellung davon erweckte immer wieder neue Heiterkeit in
ihm.
Sophie war so erzürnt über den Verlust der Schwester Salesia, daß sie
mit dem Gatten ernstlich zu zanken anfing, weil dieser noch dazu
schlechte Witze machte. „Und jetzt lachst du mich auch noch aus!“ sagte
sie vorwurfsvoll und hatte tatsächlich Tränen in den Augen. „Statt daß
ich dir erbarmen tät’, weil ich jetzt das liebe alte Weibele nimmer
sehen kann. Denn dahinein kann ich doch unmöglich auf Besuch gehen!“
sagte sie und hatte schon wieder den Schalk in ihrem rassigen, dunklen
Gesicht. „Und ich möcht’ sie auch nit sehen, so eing’sperrter unter
die grauslichen Weibsbilder. Pfui Teufel!“ entrüstete sie sich. „Wie
man nur auf so einen Gedanken hat kommen können! Die paßt ja nur nach
Mariathal zu die Blumen im Garten und ...“
„Sie wird da drunten in Schwaz schon auch bei die Blumen sein!“
tröstete der Rechtsanwalt seine Gattin. „Sei ganz ruhig, die hat schon
ein stilles Pöstele als Sakristanin in der Kirch’ oder bei die Blumen
im Garten. Da wird sie halt irgendwo herumhatschen, dei’ Alte.“
Diese ehrliche Trauer um die einstige Erzieherin gefiel dem Advokaten
ganz besonders gut bei seiner Frau. Und gerade deshalb, weil man dieses
tiefere Gefühl der Sophie nicht zugetraut hätte, weil ihr loses,
flatterhaftes Wesen, die leichtsinnige Art ihres Benehmens in so
seltsamem Gegensatz zu diesem Ernst standen, deshalb liebte ihn Doktor
Rapp an seiner Frau und schätzte ihn hoch ein ...
Einmal begab es sich, daß der Rechtsanwalt auch Gaudenz Keil, den
Karrner, und die Benedikta Zöttl kennen lernte. Droben im Oberinntal,
in der Nähe von Zirl, hatte es in einem Karrnerlager eine arge
Messerstecherei gegeben. Im jähen Zorn hatten zwei Karrner blindwütig
aufeinander losgestochen. Der eine von ihnen war tödlich verwundet
liegen geblieben, den andern hatten die Gendarmen abgeholt und nach
Innsbruck aufs Gericht geliefert.
Bei der Verhaftung hatte sich das Karrnerweib ganz rabiat gebärdet,
hatte die Gendarmen angefaucht wie ein gereiztes Raubtier und sich
schließlich auf sie gestürzt, um ihnen ins Gesicht zu schlagen und
sie zu kratzen. Den Gendarmen war nichts anderes übrig geblieben, als
beiden, Mann und Weib, die Handschellen anzulegen und sie gemeinsam
einzubringen.
Den ganzen Vorfall hatte der Rechtsanwalt seiner Frau erzählt. Er
wußte, daß sie sich für alles, was Karrnerleute betraf, riesig
interessierte.
Sophie hatte aufmerksam und mit glänzenden Augen zugehört. Es war ihr
bei der Erzählung des Gatten, als sähe sie den Streit leibhaftig vor
sich und als könnte sie die Karrnerin in ihrer leidenschaftlichen Wut
unmittelbar beobachten.
Dann war es ihr mit einem Male ganz seltsam zumute. Es war ihr, als
müsse es die Benedikta gewesen sein, die wie ein Raubtier auf die
Gendarmen losgegangen war. Ganz leise und mit klopfendem Herzen frug
Sophie ihren Gatten nach den Namen der Karrnerleute und sah ihm
erregt und mit atemloser Spannung ins Gesicht. „Wie heißen denn die
Karrnerleut’, Mannderl? Weißt nit?“
Valentin Rapp schaute verwundert auf seine Frau. „Aha!“ sagte er dann
heiter, „Karrnerblut! Hat’s dich wieder! Gelt? So was interessiert uns
halt!“ scherzte er.
„Wie heißen sie?“ frug Sophie dringend und ohne auf seinen Scherz
einzugehen. In gespannter Erwartung schaute sie auf den Gatten.
„Ich weiß es nicht, Sophie. Ich hab’ mich nicht danach erkundigt!“
gestand er ehrlich. „Aber ich werd’ nachfragen bei Gericht und ...“
fügte er lustig hinzu, „dir zulieb’ die Verteidigung der Karrner
übernehmen.“
Sophie schüttelte heftig den Kopf.
„Nein!“ sagte sie gepreßt. „Nit von ihm.“
„Aber von ihr, gelt, Weiberl?“ neckte sie der Rechtsanwalt.
„Ja!“ erwiderte Sophie ernst. „Wenn es die Benedikta Zöttl ist. Dann
schon.“
Es war tatsächlich der Gaudenz Keil, der in viehischem Jähzorn das
Messer gegen seinen Kameraden gezogen hatte. Die Sophie frohlockte, als
sie es hörte. Ganz unbändig vor Freude war sie darüber, daß der Gaudenz
im Gefängnis saß.
„Wirklich, Mannderl? Ist’s wahr? Gaudenz Keil heißt er?“ fragte sie
immer und immer wieder. „Wie sieht er denn aus? Und was sagt er denn?
Das g’schieht ihm recht! G’hängt soll er werden ... der ...“ grollte
sie. Ihre Augen hatten einen tiefen, feurigen Glanz. Sie haßte ihren
ehemaligen Feind noch mit der gleichen Leidenschaft, wie sie es als
Kind getan hatte.
„Ja ...“ sagte der Rechtsanwalt. „Und sie ist die Benedikta Zöttl.“
Etwas verlegen und unsicher sah er dabei auf seine Frau.
Sophie merkte es ihm an, daß er über die neu aufgetauchte
Verwandtschaft wenig erbaut war. „Hast du mit ihr gesprochen?“ fragte
sie den Gatten.
Valentin Rapp nickte. „Ja. Ich habe die Verteidigung übernommen!“ sagte
er fast barsch.
Sophie fiel ihm um den Hals und küßte ihn stürmisch. „Mannderl, gut’s!“
lobte sie ihn und fuhr ihm streichelnd über sein rotes, aufgedunsenes
Gesicht. „Und jetzt hab’ ich noch eine Bitt’ ... Du? ... Ja? ... Darf
ich?“
„Was?“ fragte der Gatte kurz.
„Ich möcht’ reden mit ihr ...“ bat sie schüchtern.
„Muß es sein?“ fragte der Rechtsanwalt. „Ich möcht’ mir die Leut’ nit
ins Haus zügeln.“
Sophie biß sich auf die Lippen. Die Rede tat ihr wehe.
„Nein!“ sagte sie dann traurig. „Wenn du nit willst ...“
„Na, also in Gottes Namen, red’ halt mit ihr!“ willigte Valentin Rapp
ein. „Und der Karrner ... willst du den auch sehen?“ fragte er über
eine Weile.
„Den!“ Sophie drehte sich blitzschnell um und sah den Gatten sprühend
an. „Wenn er am Galgen hängt, ja! Sonst nit!“ --
Es war eine ganz kurze Szene des Wiedererkennens, die sich zwischen
Mutter und Tochter abspielte. Apathisch, ohne Freude und ohne Liebe
begrüßte die Karrnerin die junge Frau. Sie saß in einen Winkel gekauert
und ganz in sich versunken da, als Sophie in Begleitung ihres Gatten,
der ihr die Erlaubnis des Gerichtes für diesen Besuch erwirkt hatte,
die Zelle des Gefängnisses betrat.