Je mehr sich die Apothekerin in Zorn schrie, je mehr sie es unternahm,

Felix und Adele zu erniedrigen, desto freier, ruhiger und sicherer

überlegte Adele. Und ohne die Spur einer inneren Erregung frug sie ganz

ruhig: „Du glaubst also nicht an Felix, Tante?“

Frau Therese Tiefenbrunner schüttelte den Kopf, so fest sie konnte.

„Naa!“ sagte sie dann. Das klang so ehrlich, so energisch, so

überzeugt, daß ein Irrtum unmöglich war.

„Dann war es ein großes Unrecht von uns, daß wir Geld von dir nahmen,

Tante!“ fuhr Adele mit ihrer schönen, weichen Stimme zu reden fort.

„Wir glaubten, du schätztest den Künstler, du wolltest ihm helfen, über

die Zeit der Not hinweg. Darum durften wir dein Geld nehmen, aber ein

Almosen nehmen wir nicht!“

Ruhig und gelassen schritt Frau Adele zur Tür ihres kleinen Wohnzimmers

und öffnete dieselbe. „Denk von uns, was du willst! Schlechter, als du

schon gedacht hast, kannst du nicht mehr denken. Aber so erbärmlich

sind wir nicht, daß wir auch nur mehr +ein+ Stück Brot von dir nehmen

würden. So, jetzt geh ... geh und komme nie wieder! Nie ... hörst du,

Tante!“

Mit ruhiger, fast königlicher Haltung stand Adele vor der Apothekerin,

die ganz kleinlaut und ohne ein Wort der Erwiderung zu finden an ihr

vorüber durch die Tür ging. Schnell und hastig ging sie, und einen

scheuen, flüchtigen Blick, der beinahe etwas Demütiges an sich hatte,

warf sie noch auf die junge Frau.

Frau Therese Tiefenbrunner begriff den eigentlichen Grund nicht, warum

Adele ihr die Tür gewiesen hatte. Sie empfand es jedoch instinktiv, daß

dies jetzt ein Bruch fürs Leben war. Und da es so ruhig und vornehm

geschah, hatte sie das unangenehme Gefühl eines gezüchtigten Hundes.

Das empörte sie und stachelte sie auf zu namenloser Wut und tiefem

Ingrimm. Das machte sie Adele und Felix hassen, wie sie noch nichts

gehaßt hatte im Leben.

Je länger und je mehr sie darüber nachdachte, um so empörter wurde sie.

Mochten sie verkommen, das Pack! Ihr, der Wohltäterin, hatten sie in

krassem Undank die Tür gewiesen!

Überall schrie es Frau Therese Tiefenbrunner in Innsbruck herum.

Stellte fest, daß Felix und Adele eine hochmütige Bagasch seien, und

daß sie sich von ihnen habe lossagen müssen, da man mit „solchenen“

doch unmöglich weiter verkehren könne ...

Auch dem Rat Leonhard kam die Sache zu Ohren. Der hörte alles ruhig an,

mit der unbeweglichen Miene eines Untersuchungsrichters, und erwiderte

kein Wort. Er wollte sich kein Urteil bilden, der alte Herr. Wie er

es hörte, sprach es gegen die Altwirths. Es würde aber doch wohl

anders sein, dachte er bei sich. Der Rat Leonhard nahm sich vor, von

nun an ganz besonders scharf aufzupassen auf das Paar da droben bei

der Weiherburg. Jetzt war er ja der einzige Freund, den die Altwirths

besaßen ...

Felix und Adele atmeten auf, wie von einem schweren Alp befreit. Gott

sei gelobt! Nur nicht mehr diese Frau um sich dulden zu müssen! Danken

müssen, wo man am liebsten ingrimmig geflucht hätte!... Felix fühlte

sich erlöst. Trotz der drohenden Not befreit von schwerer Last. Einige

Tage hindurch lebten die beiden in einem wahren Freudentaumel und

dachten gar nicht daran, daß sie noch immer von den Gaben der Frau

Therese Tiefenbrunner zehrten ...

Es war mitten im Januar, und es herrschte die größte Kälte des ganzen

Winters. Hartgefrorner Schnee lag überall, glitzerte im Sonnenschein

und wollte sich nicht erweichen lassen durch die verheißungsvollen

Strahlen. Dichte Schneehauben hatten die Dächer der Häuser und Häuschen

aufgesetzt, welche an dem zur Weiherburg führenden Abhang verstreut

lagerten. Der Weg zur Weiherburg war stark vereist. Nur schrittweise

konnte man da vorwärts kommen und mußte achtgeben, daß man nicht

ausglitt auf dem eisigen Boden.

Der alte Rat Leonhard wanderte aber trotzdem den gewohnten Weg. Langsam

und vorsichtig, Schritt für Schritt berechnend, als ob er auf Eiern

ginge. Heute hielt er jedoch Einkehr in dem kleinen Häuschen, um bei

den Altwirths einmal Besuch zu machen.

Das hatte er noch nie getan. Er war auch gerade kein unterhaltender

Besuch. Sprach wenig und wetzte unausgesetzt auf seinem Sessel hin und

her. Felix und Adele wunderten sich, was der alte Herr eigentlich bei

ihnen wollte. Adele gab sich alle Mühe, die Unterhaltung, so gut es

ging, in Fluß zu bringen. Aber es wollte ihr nicht recht glücken.

Endlich gab sich der alte Herr einen Ruck. „Sie werden Ihnen gewiß

wundern, warum ich da bin, Herr Altwirth!“ sagte er und machte alle

Anstrengung, deren er fähig war, um eine freundliche Miene aufzusetzen.

„Die Sach’ ist die. Ich weiß, daß der Patscheider eine Stiftung für

Tiroler Künstler errichtet, so eine Art Stipendium. Ich versteh’ die

Sach’ nit, aber ich hab’ mir gedacht, vielleicht interessieren Sie

Ihnen dafür.“ Der alte Herr sah mit einem kurzen, scharfen Blick

zuerst auf Felix und dann von diesem weg zu Adele, die neben ihm saß.

Felix machte eine zustimmende Verbeugung. „Ich danke sehr, Herr Rat!“

sagte er dann. „Natürlich ...“

„Der Patscheider hat’s Geld und macht sich gerne wichtig. Sie verstehen

schon!“ sprach der alte Herr, sich ziemlich jäh erhebend. „Es wird gut

sein, wenn Sie Ihnen gleich bekümmern drum. Wer zuerst kommt, mahlt

zuerst. Ist a alte G’schicht’!“

Und dann begab sich der Rat Leonhard mit langsamen, schleichenden

Schritten gegen den Ausgang und verbeugte sich einige Male sehr

linkisch und hölzern vor Adele. Die junge Frau hielt ihm herzlich die

Hand entgegen. Sie erriet es, daß ihnen an dem alten Herrn ein echter

Freund erstanden war. „Wir danken Ihnen aufrichtig, Herr Rat!“ sagte

sie warm. „Sie sind gut zu uns.“

Einen Augenblick sah der alte Herr scharf zu der blonden Frau empor.

Es war ein fast stechender Blick, der sie aus seinen kleinen, dunklen

Augen traf. Eigentlich war es heute das erstemal, daß der Herr Rat mit

ihr sprach. Sonst hatte er es stets bei einem flüchtigen Gruß bewenden

lassen.

Der Rat Leonhard gab auf den Dank der jungen Frau keine Antwort,

sondern wandte ihr plötzlich den Rücken zu. Das geschah so jäh und

unvermittelt, als habe ihn Adele durch ihren Dank beleidigt. Die

junge Frau konnte sich unmöglich darüber klar werden, ob die kurze,

blitzartige Musterung, der sie der alte Herr unterworfen hatte, zu

seiner Zufriedenheit ausgefallen war oder nicht.

„Was ich noch sagen wollte, Herr Altwirth ...“ sprach der Rat Leonhard.

„Sie werden jetzt keine Zeit haben, ha?“

„Ich? O gewiß, Herr Rat. Leider nur zu viel Zeit!“ entgegnete Felix mit

ironischem Lächeln.

„So! Hm! Nacher ist’s schon recht!“ meinte der alte Herr und nickte

zustimmend mit dem Kopf. Dann sah er den Maler mit einem recht

süßsauern Gesicht an und schluckte wiederholt krampfhaft, als ob

ihm etwas im Halse stecken geblieben wäre. „Dann können’s ja gleich

anfangen mit einem Porträt von mir ...“ kam es etwas gepreßt heraus.

„Wissen’s, mei’ Schwester, die drängt alleweil, ich soll mich malen

lassen. Ich tu’s nit gern,“ bekannte er ehrlich, „aber einmal muß es

doch sein. Sagen’s mir halt, wann ich kommen soll zur Sitzung.“

Es war dem Rat Leonhard wirklich sauer geworden, Felix Altwirth

diesen Auftrag zu geben. Mit Schaudern hatte er schon auf dem ganzen

Weg her überlegt, ob sich nicht doch noch ein anderes Mittel finden

ließe, den Altwirths zu helfen. Aber es war ihm nichts eingefallen.

So entschloß er sich zu diesem äußersten, für ihn ganz besonders

entsetzlichen Ausweg. Er malte es sich schon in den schwärzesten Farben

aus, wie endlos und öde diese täglichen Sitzungen sein würden, und wie

schmerzhaft für ihn diese fortgesetzt aufrechte Haltung wäre.

„Naa, lieber an Zahn reißen lassen!“ hatte er auf dem ganzen Weg ein-

über das anderemal vor sich hingemurmelt. „Lieber zwei Zähn’ reißen

lassen!“ Dann entschloß er sich aber doch dazu, allen Qualvorstellungen

zum Trotz.

Es würde schrecklich werden. Er wußte es. Und noch dazu würde er

stets freundlich dreinschauen müssen und nicht einmal seine geliebte

Pfeife rauchen dürfen. Der Altwirth würde das in seinem Leben wohl nie

begreifen können, zu welcher Tortur so eine Malerei unter Umständen

werden konnte ...

Nun hatte ja Felix Altwirth wenigstens einen Auftrag und eine Arbeit,

die ihm über die nächste Zeit hinweghelfen konnte. Wenn der Auftrag

auch ein bescheidener war, so hob er doch das Selbstbewußtsein bei

Felix und ließ ihn die Zukunft in rosigerem Lichte sehen.

Der wortkarge alte Herr versäumte jetzt keine Gelegenheit, bei den

Sitzungen stets darauf hinzuweisen, daß Felix sich mit dem Patscheider

gut stehen müsse, wenn er etwas erreichen wollte. So hart es ihn ankam,

entschloß sich Felix endlich doch, dem Kaufmann seine Aufwartung zu

machen.

Es war ein hohes, düsteres und kahles Haus, in dem der Patscheider

wohnte. Mitten in der Stadt und nur wenige Minuten von der

Hauptverkehrsader entfernt.

Geräumig, kühl und nüchtern waren die Zimmer, aber mit so viel breiter

Behaglichkeit ausgestattet, so gediegen und wertvoll eingerichtet, daß

sie einen beinahe vornehmen Eindruck erweckten. Nur daß ein gewisses

Übermaß diesem Eindruck widersprach. Es war zu viel Reichtum mit

unverkennbarer Absicht zur Schau gestellt.

Da waren schwere, geschnitzte Eichenmöbel. Und ein prunkvoller,

echter Perserteppich bedeckte fast die ganze Bodenfläche des großen,

viereckigen Wohnzimmers. Altes Zinn verzierte in Fülle die Gesimse

der drei hohen Flügeltüren, die von diesem Zimmer nach den übrigen

Räumen führten. Blinkendes Silbergerät stand auf der Kredenz, und

hohe, silberne Armleuchter flankierten beide Seiten eines prachtvollen

Flügels, der in der Mitte des Zimmers Platz gefunden hatte.

An den Wänden hingen große Gemälde in schweren, wuchtigen und

aufdringlichen Goldrahmen. Die Bilder verrieten, daß der Besitzer wohl

Geld, aber keinen erlesenen Geschmack besaß. Dieser große, zur Schau

gestellte Aufwand störte den feinen Kunstsinn des Malers Felix Altwirth

und machte auf ihn einen fast widerlichen Eindruck.

Johannes Patscheider ließ geraume Zeit auf sich warten, ehe er

seinen Besuch empfing. Dann erst trat er in das Zimmer, wo Felix in

beklommener Stimmung auf den Gewaltigen harrte.

Nicht ohne Bitterkeit zählte Felix Altwirth die Minuten des Wartens,

die so langsam verstrichen. Ärgerte sich über diese offenbare

Mißachtung dem Künstler gegenüber und begann schon zu bereuen, daß er

dem ihm so unsympathischen Menschen seine Aufwartung gemacht hatte.

Das Herz schlug Felix erregt und unregelmäßig, und ein nervöses

Zucken ging über sein noch immer sehr zartgefärbtes Gesicht. Dieses

Herwarten wurde ihm von Minute zu Minute peinlicher und verschärfte die

Demütigung, die für ihn in diesem Besuche lag.

Johannes Patscheider hielt sich unterdessen in einem Nebenzimmer auf

und verzehrte in aller Ruhe und Behaglichkeit sein zweites Frühstück,

Würsteln mit Krenn. Dazu trank er einen extrafeinen Südtiroler Wein.

Den Besuch des Malers Altwirth empfand er als eine Belästigung, da

er mit Sicherheit annahm, daß der nur zu ihm gekommen war, weil er

etwas von ihm wollte. Vielleicht gar Geld. Na, sollte halt warten, der

Altwirth, bis sich der Herr Patscheider gestärkt hatte. Da konnte er

die Sache eher mit Gleichmut ertragen.

Von diesem sehr löblichen Gedankengang ließ er aber seinen Besucher

nichts merken, nachdem er sich endlich entschlossen hatte, in das

Wohnzimmer zu treten. Er begrüßte den Maler freundlich, hielt ihm die

Hand entgegen und frug, indem er seine bogenförmigen Augenbrauen noch

mehr in die Höhe zog: „Nun, Herr Altwirth, was verschafft mir die Ehre?“

Die beiden Herren saßen sich in den behaglichen und reichgeschmückten

Lehnstühlen gegenüber. Der Kaufmann aufrecht und selbstbewußt. Felix

unsicher und schüchtern. Sein feines, fast mädchenhaftes Gesicht

bedeckte eine tiefe Röte innerer Erregung. Felix Altwirth war ein

hübscher Mann, nur etwas schwerfällig und langsam in seinen Bewegungen.

„Es ist eine persönliche Angelegenheit, Herr Patscheider ...“ begann

Felix jetzt die Unterredung. „Man hat mich an Sie gewiesen ... es

handelt sich ... Sie wissen, ich bin Künstler ... und ... Es fällt mir

schwer, Herr Patscheider ... es ist ... nämlich ... ich habe gehört,

daß Sie eine hochherzige Stiftung für Tiroler Künstler ...“

„Ja, woher wissen denn Sie das?“ erkundigte sich der Patscheider jetzt

wirklich erstaunt. Die ganze Zeit her hatte er den Maler mit einem

leicht ironischen Seitenblick beobachtet. Rechnete er doch sicher

damit, daß die Geschichte mit einem Pumpversuch enden würde. Den

Kaufmann interessierte nur das eine, wieviel Geld der Altwirth von ihm

verlangen würde. Jetzt aber, da Felix von dem Stipendium sprach, war

der Patscheider tatsächlich verblüfft. „Es ist ja noch gar nicht zur

Ausschreibung kommen!“ fuhr er fort. „Nur ein Eingeweihter kann Ihnen

die Sache verraten haben!“ fügte er etwas ärgerlich hinzu.

„Ja!“ erwiderte Felix nun ebenfalls mit einem leicht ironischen

Lächeln. „Es war ein Eingeweihter. Ein Freund von mir.“

„So, so, ein Freund von Ihnen? Etwa der Doktor Storf?“ forschte der

Patscheider mißtrauisch.

„Nein, Doktor Storf und ich sehen einander nur noch selten. Wir sind

nur mehr dem Namen nach Freunde!“ sagte Felix bitter.

„Wer kann denn das gewesen sein?“ frug der Patscheider nachdenklich. Es

war ihm sichtlich unangenehm, daß Felix von der Sache wußte. Für das

Stipendium hatte sich schon längst ein Bewerber gefunden. Einer, dem

der Patscheider seine Gunst geschenkt hatte.

„Wie ich sehe, darf ich meinen Freund nicht verraten!“ meinte Felix.

„Ich soll offenbar nichts von dem Stipendium wissen.“

„O ja, das können’s schon wissen!“ platzte da der Kaufmann grob heraus.

Er spreizte seine Beine auseinander und trommelte mit den großen,

behaarten Händen ungeduldig auf den Knien herum. „Und ich sag’s

Ihnen gleich, aufs Stipendium, das meine eigene und ganz persönliche

Angelegenheit ist, brauchen’s nit zu rechnen. Das ist schon so gut wie

vergeben.“

„Vergeben?“ frug Felix ungläubig. „Noch ehe es zur Ausschreibung kam?“

„Wenn ich sag’, es ist vergeben, dann ist’s vergeben!“ erwiderte der

Patscheider kurz und im energischen Ton. „Ich habe allein darüber zu

bestimmen. Aus +meinem+ Beutel geht’s!“

Felix biß sich auf die Unterlippe, um gewaltsam eine sarkastische

Bemerkung zu unterdrücken. Der Kaufmann zog jetzt seine schwere goldene

Uhr aus der Tasche, warf einen flüchtigen Blick darauf und fragte in

kurzem, gebieterischem Ton: „Noch etwas?“

Auch Felix hatte sich erhoben. Die beiden Männer standen sich in einem

weiteren Abstand gegenüber. Der Patscheider war um ein gutes Stück

größer als Felix Altwirth und nahm sich im Vergleich zu der schlanken

Erscheinung des Künstlers nur noch wuchtiger und massiver aus.

„Ja, Herr Patscheider, noch eine Bitte!“

Jetzt sah ihm der Kaufmann voll ins Gesicht. Es lag ein Gemisch von

Mißtrauen, Verachtung und persönlicher Abneigung in diesem Blick. Felix

fühlte es deutlich und hätte am liebsten gar nichts mehr gesagt. Und

trotzdem bezwang er sich. Der alte Rat, den er in dieser Zeit schätzen

gelernt hatte, sagte ihm einmal in seiner kurzen Art: „Und wenn auch

der Patscheider a bissel grob sein sollt’, macht nix. Es hat ein jeder

von uns einmal im Leben einen bittern Weg gemacht. Schlucken’s die

Pill’n! Es muß sein!“

An diese Worte mußte Felix nun denken, und er wußte, daß der Rat

Leonhard recht hatte und daß es ihm nicht zukam, jetzt empfindlich

zu sein. „Ich wollte Sie ersuchen,“ fuhr er fort, „ob Sie mir nicht

Verbindungen verschaffen könnten ... Porträtaufträge? Ich bin

verheiratet, habe Frau und Kind. Ein Künstler hat, wie es scheint, hier

selten Gelegenheit, Bilder zu verkaufen ...“

„Das finde ich nicht!“ unterbrach ihn Johannes Patscheider und spielte

ungeduldig mit seiner goldenen Uhrkette. „Im Gegenteil. Mehr wie genug

wird gekauft hier!“

„Dann habe ich eben wenig Glück ...“ sagte Felix leise.

„Das kann schon sein. Das geb’ ich gern zu. Und ich weiß auch nit, ob

Sie mit dem Porträtieren mehr Glück haben werden.“

„Deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen, Herr Patscheider. Ein Wort von

Ihnen ...“

„Ein Wort von mir nützt Ihnen einen Schmarrn!“ polterte jetzt der

Patscheider los. „Wären Sie geblieben, wo’s g’wesen sein! Das wär’

g’scheiter g’wesen. Wir haben keinen Mangel an Malern in Tirol. Und die

z’erst da waren, die haben ’s erste Recht. Und wenn ich Ihnen einen

guten Rat geben soll, dann ist’s der, daß Sie wieder schauen sollen,

so schnell als möglich fortzukommen von da! Ihnere Malerei g’fallt uns

einmal nit! Da kann man nix machen!“

Felix zitterte am ganzen Körper bei den rohen Worten dieses Mannes, der

in seiner breiten Wucht da vor ihm stand. Felix Altwirth hielt seinen

Hut in der rechten Hand und trat jetzt einige Schritte näher an den

Kaufmann heran. „Ist das alles, was Sie einem Künstler zu sagen haben,

Herr?“ frug er mit bebender Stimme.

„Ja!“

„Auch dann, wenn dieser in bitterster Not wäre?“

„Ach was, lassen’s mir jetzt mei’ Ruh’!“ sagte der Patscheider

ungeduldig und mit einer verächtlichen Handbewegung.

Aber Felix gab nicht nach. Er war so gereizt, daß er sich kaum mehr

halten konnte. „Da könnte ich also von Ihnen aus verrecken wie ein

Vieh!“ stieß er hervor.

„Ja, von mir aus verrecken’s!“ sagte der Patscheider gleichgültig.

Da trat Felix Altwirth ganz dicht an den Kaufmann heran und warf ihm in

namenloser Empörung und mit voller Wucht den Hut, den er in der rechten

Hand trug, mitten ins Gesicht.

„Hund!“ stieß Felix keuchend vor Zorn hervor. „Das will ich dir

heimzahlen!“ ... Und dann rannte er wie von Sinnen in atemloser Hast

über die Treppe hinunter und warf krachend die schwere Haustür ins

Schloß ...

Eine furchtbare Verbitterung war über Felix Altwirth und seine Frau

gekommen. Noch mehr über Felix. Ein Haß, ein bodenloser Haß gegen

alles, was um ihn war, bemächtigte sich seiner.

Er haßte alles, sogar den alten Rat Leonhard, der es doch so gut mit

ihm meinte. Er weigerte sich, auch nur einen einzigen Pinselstrich mehr

an dem Porträt zu machen. Er konnte jetzt nicht daran arbeiten. Um

keinen Preis. In seiner krankhaften Erregung verdächtigte er den alten

Herrn, daß ihn dieser mit Absicht zu dem Kaufmann Johannes Patscheider

geschickt habe, um ihn zu demütigen.

Es war eine Art Verfolgungswahn, in dem Felix Altwirth lebte.

Er glaubte es fest und steif, daß sich in Innsbruck alles gegen

ihn verschworen habe, und daß man es darauf abgesehen habe, ihn

systematisch zu demütigen und zugrunde zu richten. Überall um sich her

witterte er Verrat und vergiftete durch seinen Argwohn auch die reine,

vertrauungsvolle Seele Adelens, so daß diese nur noch mit dem Aufgebot

ihrer ganzen inneren Kraft all den schweren Prüfungen standhalten

konnte.

Durch gutes Zureden versuchte sie es, den Gatten von der Haltlosigkeit

seiner Befürchtungen zu überzeugen. Aber Felix verstand es meisterhaft,

den Wahn, in dem er lebte, mit so vielen triftigen Gründen zu

rechtfertigen, daß selbst Adele stutzig wurde und innerlich zu zweifeln

begann.

Felix Altwirth lebte jetzt nur mehr diesem Wahn, der ihn bis zur

Raserei aufpeitschte und ein grenzenloses Gefühl des Hasses und der

Rache in ihm erzeugte. Und aus diesem Gefühl heraus, aus dem Gefühl

des Verkanntseins, des Elends, der Demütigung und der unbefriedigten

Rachgier ging er zu der Wirtin vom Weißen Hahn und bewarb sich

bei dieser um die Dekorationsarbeit des neuen Saales, der gerade

fertig ausgebaut war und schon in der nächsten Zeit mit einer großen

Festlichkeit eröffnet werden sollte.

Er tat es hinter dem Rücken seiner Frau und in dem bestimmten

Empfinden, daß er durch diese Selbsterniedrigung des Künstlers seiner

Heimat eine große Schmach zufügte.

So kam es, daß Felix Altwirth, der Künstler, im Arbeitsrock eines

Anstreichers auf den Stufen einer Leiter stand und den neuen Saal beim

Weißen Hahn ausmalte. Und hier, bei dieser entwürdigenden Arbeit sah

ihn Frau Sophie Rapp nach langer Zeit zum erstenmal wieder.

[Illustration]

Dreizehntes Kapitel.

Wie ein Wirbelwind so eilig sauste Frau Sophie Rapp durch die weite

Halle des neuen Saales, der so kahl und zugig und unlustig war, daß die

junge Frau unwillkürlich fröstelnd die schöne, breite Pelzstola, die

sie um den Hals geschlungen trug, enger an sich drückte. Es roch nach

Farbe und Kalk in dem Raum, der hoch und düster war und wohl nur bei

festlicher Beleuchtung einen gastlichen Eindruck machen konnte.

Sophie behagte es gar nicht da drinnen, und so eilig hatte sie es, daß

die Wirtin vom Weißen Hahn mit dem hastigen Gang der jungen Frau kaum

Schritt zu halten vermochte.

„Wissen’s, Frau Buchmayr,“ sagte die Sophie fröhlich, „viel Zeit hab’

ich nit für Ihneren Saal. Aber aus alter Freundschaft hab’ ich doch

herschauen und mir die Sach’ ein bissel betrachten wollen. Schön ist er

und groß ist er und kalt ist er, der Saal!“ foppte sie dann die Wirtin

und schaute lachend und heiter um sich. „Und schöner einrichten müssen

Sie ihn noch. Das wär’ doch gar nix!“ fügte sie in neckischem Tadel

hinzu und deutete auf die vielen Farbentöpfe und Pinsel, die am Boden

verstreut waren und einzelne farbige Spuren zurückließen.

Am äußersten Ende des Saales stand Felix auf einer Staffelei und

malte eifrig. Er malte Blumen und Früchte in bunter Reihenfolge und

kümmerte sich nicht um die Frauen, deren Stimmen durch den leeren

Raum unnatürlich laut widerhallten. Nur einmal hatte er sich flüchtig

umgedreht und dabei auf den ersten Blick die junge Frau Doktor Rapp

erkannt. Sophie achtete nicht auf den Maler, der in einer dämmerigen

Ecke des Saales arbeitete.

„Ja, freilich wird’s anders!“ verteidigte sich die Wirtin. „Ich hab’

ja jetzt den Maler, wissen’s schon, Frau Doktor.“

Es kam der Wirtin nun gar nicht mehr hart an, zu ihrer einstigen

Kellnerin Frau Doktor zu sagen. Fast wie ein ferner Traum erschien

es ihr oft, wenn sie die elegante, gut gekleidete Dame sah und daran

dachte, daß diese einmal bei ihr im Dienste gestanden hatte.

Die Vergangenheit war so völlig entschwunden, daß Frau Buchmayr sich

sogar durch den Besuch, den ihr die Frau Doktor Rapp machte, geehrt und

ausgezeichnet fühlte. Die dicke Wirtin, die mit den Jahren noch immer

schwerfälliger geworden war, ließ es sich nicht nehmen, die junge Frau

selbst überall herumzuführen, um ihr eingehend alles zu erklären.

„Und Sie werden wohl doch nit fehlen, Frau Doktor, wenn wir den Saal

einweihen tun. Nit wahr, das versprechen’s mir. Sie und der Herr

Gemahl!“ meinte die Wirtin ungemein liebenswürdig.

„Natürlich kommen wir!“ versicherte die Sophie. „Da gibt’s nix, da muß

ich dabei sein!“ lachte sie lustig. „Wann ist denn die Feier?“

„Heut’ in drei Wochen!“ sagte die Wirtin.

„Was? Schon!“ rief die junge Frau erstaunt. „Ja, ist denn bis dorthin

alles fertig?“

„O ja, ich hoff’ schon!“ entgegnete die Wirtin. „Der Herr Altwirth hat

mir bestimmt versprochen, daß er’s fertig macht.“

„Altwirth ... den Felix Altwirth meinen Sie?“ frug Sophie, die für

einen Augenblick stutzig geworden war.

„Ja, den Maler Altwirth!“ nickte die Wirtin zustimmend. „Der malt bei

mir den Saal aus.“

„Das ist doch nicht ...“ Sophie war neugierig näher gekommen und sah zu

Felix Altwirth empor. Und auf einmal fing sie lustig und ausgelassen zu

lachen an. „Ja, richtig ist er’s! Nein, so was! Und ich hab’ geglaubt,

daß er ein Maler ist, und derweil streicht und pinselt er beim Weißen

Hahn an die Wänd’ herum!“

Das lustige Lachen der jungen Frau gab ein fröhliches Echo in dem

kahlen, getünchten, großen Raum. Verlieh ihm etwas Warmes, Belebtes und

wirkte so erheiternd und ansteckend, daß Felix, der trotzig und ohne zu

grüßen auf seiner Leiter stehen geblieben war, nun mit einem Male halb

ärgerlich den Pinsel von sich warf und mit einem kühnen Sprung von den

Stufen der Leiter auf den Boden setzte.

Die Stadt am Inn · 第 16 / 28 段