Nachdem der alte Herr mit seinen eingehenden Betrachtungen des Mondes

zu Ende war, fing er plötzlich mit der Nase zu schnauben an. Schnaubte

und pustete und spuckte um sich, als befände er sich in der höchsten

Erstickungsnot. Manchmal unterbrach er diese sonderbare Beschäftigung

dadurch, daß er sich plötzlich um seine eigene Achse drehte. Einmal,

zweimal und dreimal, wie ein Kreisel. Dabei neigte er stets seinen Kopf

auf eine Seite und schielte ganz ingrimmig und erbost zum Mond hinauf,

als habe dieser ein Verbrechen begangen, das nun den alten Herrn aus

seinem seelischen Gleichgewicht brachte.

Der Apotheker, der an alle Eigenheiten des Herrn Rates gewöhnt war,

fand nichts Außerordentliches mehr an diesen Rundtänzen mit Spucken und

Hustenanfällen. Dieses Spucken und Hüsteln hielt an, bis die beiden

schon ein Stück des Weges über den Marktgraben zurückgelegt hatten.

Da blieb der Herr Rat plötzlich stehen, sah nach rechts und sah nach

links, steuerte dann mit dem Aufgebot seiner ganzen Energie hastig auf

einen Laternenpfahl los, lehnte sich dort mit dem Rücken an und rieb

den Rücken an dem Pfahl aus Leibeskräften. Es mußte den Rat Leonhard

offenbar ganz gehörig am Rücken jucken, weil er gar nicht mehr mit

Reiben aufhören wollte.

Der Apotheker, der geduldig auf den Rat wartete, bis dieser ihm

endlich seine Mitteilungen machen würde, dachte unterdessen mit großer

Sehnsucht an sein Heim, das er draußen am Innrain hatte, und überlegte,

unter welchem Vorwand er wohl am ehesten dem Herrn Rat entwischen

könnte.

Aber es gab kein Entrinnen. Der alte Herr, der jetzt ersichtlich alle

einleitenden Zeremonien beendigt hatte, fing nun auf einmal ganz

unvermittelt zu reden an. „Sie müssen Ihnen um Ihnere Verwandten besser

kümmern!“ sagte er in seiner mürrischen Art. „Der Altwirth, der hat

kein Leben nit. Verdient nix und hat nix. Von was soll er denn leben?“

fragte der alte Herr brüsk.

Der kleine Apotheker befand sich wieder einmal in einem Stadium

ratlosester Verzweiflung: „Den Felix meinen Sie?“ stotterte er

verlegen. „Ja ...“

„Ja, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Ich weiß schon, ich weiß

alles! Ich weiß überhaupt alles!“ unterbrach ihn der alte Herr

mürrisch. „Aber ich sag’ Ihnen, daß das mit den Altwirthischen nit so

weiter gehen kann. Verstehen’s mich? +Kann+, hab’ ich g’sagt! Die haben

ja bald nix mehr zum Leben!“ Und wiederum blieb der alte Herr stehen

und sah so sprühgiftig auf den kleinen Apotheker, als hätte er gute

Lust, diesen schon in der nächsten Minute anzufallen und tüchtig zu

beuteln, um seiner Empörung einigermaßen Luft zu verschaffen.

„Aber ich bitte, Herr Rat, ich ...“

„Ja, ja, ja!“ unterbrach ihn der alte Herr grimmig. „Alles

Entschuldigungen, alles Ausflüchte! Der Maler Altwirth braucht Geld,

sag’ ich Ihnen, und das muß er kriegen! Das geht nit, daß man ihn

mit Weib und Kind verhungern laßt! Das ist keine Wirtschaft nit!“

Der alte Herr stieß plötzlich seinen grauen Regenschirm, von dem er

unzertrennlich war, mit voller Wucht auf das Steinpflaster, daß es

klirrte. Und immer wieder stieß er den Schirm gegen das Pflaster und

machte dabei ein ganz verbissenes, obstinates Gesicht. „Unerhört ist

das da, sag’ ich Ihnen! Hocken auf ihre Geldsäck’ die Leut’ und kümmern

sich an Schmarrn um einen Künstler!“ rief der alte Herr aufgebracht.

In seiner furchtbaren Empörung hustete und spuckte der Herr Rat in

so grimmiger Weise um sich, daß der Apotheker, so schnell er konnte,

einige Schritte nach rückwärts machte, um von diesem Zornausbruch

seines Begleiters nicht getroffen zu werden ...

Noch in derselben Nacht weckte der Apotheker seine Gattin Therese und

berichtete ihr den Vorfall. Frau Therese Tiefenbrunner setzte sich

schlaftrunken in ihrem Bette auf. Sie verstand es zuerst gar nicht, was

der Simon ihr erzählen wollte. Sie rieb sich die Augen aus, knöpfte

ihre Nachtjacke auf und dann wieder zu, machte sich ihre Haare zurecht,

die sie unter einer weißen, gehäkelten Haube trug, und schüttelte

verständnislos den Kopf. Dann aber hatte sie den Sinn der Rede mit

einem Male erfaßt, und ein ehrlicher Zorn bemächtigte sich ihrer.

Das war eine Gemeinheit, eine Unverschämtheit! Zum Rat waren sie

gelaufen, der Felix und die Adele, und hatten sich über die Verwandten

beklagt. So was! Sicher war es nur die Adele gewesen, das eingebildete

Frauenzimmer, das hochnasige! Als ob die nicht zur Tante hätte kommen

können und sie bitten. Ein Wort nur hätte genügt! Aber nein, zu stolz,

zu eingebildet war sie dazu. Nachrennen sollte man ihr wohl und ihr das

Geld noch nachtragen! So eine unverschämte Gemeinheit! Kein Auge konnte

die Apothekerin mehr schließen in dieser Nacht vor lauter Wut.

In heller Empörung lief sie gleich am frühen Morgen hinauf zu Felix

und Adele und machte ihnen einen fürchterlichen Krach. Es waren harte

Worte, die sie den beiden sagte, Worte, die so wehe taten, daß sie mit

nichts mehr gut zu machen waren.

Es war das Mundwerk der echten Kothlacknerin, das da zum Vorschein kam.

Beide Arme in die Hüften gestemmt und hochrot vor Zorn im Gesicht, so

pflanzte sich die Apothekerin vor dem jungen Paar auf und schrie Felix

mit lauter Stimme an.

Ganz schrill klang diese sonst so behagliche, fettige Stimme, und

rasch und überstürzend kamen die Worte aus dem Munde der Frau Therese

Tiefenbrunner ... „Was glabst denn du, ha? Vom Dreck hab’ i di außer

zogen, di und dei’ Muatter! Nix hast g’habt! Nix bist! Alles, was du

bist und hast, verdankst du mir und mein’ Mann! An Herrn haben wir aus

dir g’macht, an Maler, an feinen! Freilich, daß der Herr Neffe nix

zu arbeiten braucht! Warst a Schreiber g’worden oder a Schuster oder

a Schneider, dös war g’scheiter g’wesen! Da hattest immer an Arbeit

g’funden. Oder warst an Apotheker g’worden! Aber natürlich, dös hat ihm

nit gepaßt, dem Herrn, dem noblen! Arbeiten, dös ...“

„Hinaus! Auf der Stelle hinaus aus meinem Zimmer!“ rief nun Felix in

höchster Erregung. „Ich werf’ dich hinaus, wenn du nicht freiwillig

gehst! Ich ...“

„Felix, lieber Felix, ich bitte dich!“ Es war Adele, die sich ins

Mittel legte. „Sie meint’s ja nicht so! Schau, sie ist ja nur zornig.

Es reut sie ja alles wieder, was sie gesagt hat. Nicht so bös sein.

Nicht so bös reden. Es muß ein Mißverständnis vorliegen. Irgendetwas,

das ...“

„Gar kein Mißverständnis liegt vor!“ sagte die Apothekerin, die jetzt

bedeutend ruhiger geworden war. Die vernünftige Sprache der jungen Frau

hatte auch ihr wieder die Besinnung gegeben.

Adele hatte schmeichelnd und wie schützend ihren Arm um den Hals des

Gatten gelegt und umschlang ihn nun mit beiden Armen weich und innig,

als wollte sie durch ihre warmherzige Güte das bittere Weh dieser

Stunde aus seinem Leben bannen.

Mit guten Worten und viel Zureden erreichte sie es auch, daß der

endgültige Bruch zwischen Tante und Neffe verhindert wurde ...

Frau Adele hatte sich durch ihre Vermittlung kein besseres Leben

eingetauscht. Wohl hatte sie jetzt nicht mehr mit der Not zu kämpfen.

Frau Tiefenbrunner sorgte gut und anständig für die Altwirths. Sie gab

ihnen alles Geld, das sie zu ihrem Unterhalt brauchten, und sie bestand

darauf, daß sie es nahmen.

Es war hart für die Altwirths, diese Gaben von der Apothekerin

anzunehmen. Sie fühlten es tief. Es demütigte sie beide, und doch

forderte es die Not und der Selbsterhaltungstrieb, daß sie es taten.

„Wir werden es ihr zurückzahlen, wenn wir einmal Geld haben!“ versuchte

die junge Frau ihren Gatten zu trösten.

Felix aber schüttelte traurig den Kopf: „Wir werden nie Geld haben,

Adele. Gar nie!“ sagte er niedergeschlagen. „Es ist wie ein Fluch, der

auf mir lastet.“

Diese tiefe Melancholie wechselte bei Felix mit den Ausbrüchen

wildester Verzweiflung. Dann wurde er hart und ungerecht auch gegen

Adele. Überhäufte sie mit Vorwürfen und bedachte nicht, daß es gerade

ihm nicht zukam, ihr Vorwürfe zu machen.

„Hätte ich doch nie geheiratet!“ fing Felix dann wohl zu klagen an.

„Wie frei wäre ich! Könnte herumwandern, ungebunden, nicht gefesselt

und gedemütigt, wie ich es jetzt bin. Die Ehe ist nichts für einen

Künstler. Sie ist ein Hemmnis und ein Unglück. Ein Künstler muß frei

sein! In erster Linie frei! Nur dann, als freier, ungebundener Mann,

kann er sich entwickeln, kann schaffen und arbeiten. Und wenn er Not

leidet, so darbt er für sich allein. Jetzt habe ich für drei zu sorgen

... für drei zu arbeiten. Eine Fessel ist es, eine Zuchthauskette, die

ich durchs Leben schleifen muß!“

In immer größere Wut redete sich Felix hinein. Er war von all dem,

was er sagte, überzeugt. Wenigstens für den Augenblick. Wenn diese

Verzweiflungsanfälle und der Zorn über sein unverdientes Schicksal

verraucht waren, dann war er wieder lieb und gut zu Adele und weich und

biegsam wie Wachs.

Die Witwe Altwirth, seine Mutter, hatte ihr Kind genau gekannt. Ihre

große Sorge um ihn war nicht unbegründet gewesen. „Ist a guater Bua,

aber a schwacher Mensch ...“ hatte sie von ihm noch wenige Stunden vor

ihrem Tod gesagt. „Er braucht a Leitung, a starke Hand ...“

Adele besaß diese starke Hand nicht. Darin hatte Frau Therese recht.

Adele war zu nachgiebig, zu rücksichtsvoll und aufopfernd. Sie

vergaß sich selber ihrem Gatten zuliebe. Sein Wille war bestimmend

für sie. Jetzt erst sah sie es ein, daß sie damals, als sie ihr

kleines, sicheres Heim in München aufgab, um einer unsicheren Existenz

entgegenzugehen, den größten Fehler begangen hatte.

Sie hätte nicht nachgeben dürfen. Sie hätte ihrem innersten Gefühl, das

sie bleiben hieß, folgen müssen. Hätte mit ruhiger Sicherheit ihren

Willen den Plänen ihres Gatten entgegensetzen sollen.

Jetzt, da es zu spät war, reifte in Adele diese Erkenntnis. Jetzt erst,

da die graue Sorge die Gatten immer mehr entfremdete, statt sie inniger

zueinander zu führen, kam die junge Frau zu der Überzeugung, daß es ein

schwerer Irrtum von beiden gewesen war, sich fürs Leben aneinander zu

ketten.

Adele war gerecht genug, in all den Vorwürfen, die Felix in seiner

Erregung gegen sie schleuderte, auch die Wahrheit zu erfassen. Sie

wußte, daß er in vielem recht hatte, und trotzdem sträubte sie sich in

tiefster Seele gegen diese Auffassung. Sie war ihm gefolgt, bewußt, als

freies, erkennendes Weib. Eine Gefährtin wollte sie ihm sein und war

ihm eine Last geworden.

Ihr ganzer Frauenstolz bäumte sich dagegen auf. Fort wollte sie von

Innsbruck. Fort mit dem Kind, wieder zurück nach München. Allein sein

wollte sie und Felix wieder jene Freiheit geben, nach der er sich

sehnte.

Als sie aber einmal davon sprach, da bat er sie so mild und weich: „Geh

nicht von mir, Adele! Ich bitte dich. Du bist mir ja das Liebste auf

Erden, du und das Kind. Bleibe bei mir! Ich bin ein Narr! Ich weiß,

daß ich dir weh getan. Ich will dir nicht weh tun, Adele. Verzeih es!“

Die junge Frau erkannte es immer deutlicher ... sie durfte den Gatten

nicht verlassen. Jetzt nicht ... er war haltlos. Wenn sie ihn jetzt

aufgab, jetzt nicht zu ihm hielt, dann verlor er die letzte Stütze im

Leben ...

So litt Adele schweigend und für sich allein. Aber oft und oft fragte

sie sich in den bittern Stunden ihrer seelischen Einsamkeit ... War das

die Ehe, ihre Ehe? ... War dieses das Endziel einer großen Liebe, die

sie und ihren Gatten als Mann und Weib zusammengeführt hatte ... das

Endziel, daß sie schließlich in seelischer Qual einander bekämpfen und

aufreiben sollten? ... Kameraden hätten sie werden sollen und waren

sich immer mehr zu Gegnern geworden ...

Aber Adele hielt an sich. Sie wollte tapfer sein ... ausharren,

so lange es ging. Der Gedanke an ihr Kind und ein starkes

Pflichtbewußtsein gab ihr Kraft und Lebensmut. Innerlich jedoch

entfremdete sich das Weib in ihr dem Gatten. Sie war keine Kampfnatur.

Sie liebte den Frieden um des Friedens willen. Sie stritt und kämpfte

nicht mit Felix; aber alles Unrecht, das er ihr in seinen quälenden

Vorwürfen antat, traf sie mit überwältigender Macht und Wucht,

zerstörte die starke Liebe, die sie zu dem Manne fühlte, und zehrte an

ihrem Lebensmark.

Felix merkte die innere Wandlung nicht, die sich mit der jungen Frau

vollzog. Und hätte er sie gesehen, so hätte er sie nicht richtig zu

deuten gewußt. Er besaß den Egoismus des Künstlers, jene Art, die

keinem andern Menschen außer sich selber das Recht zugesteht, seelische

Stimmungen zu haben und diesen nachzuhängen.

Und je deutlicher dieser selbstische Zug bei Felix zum Vorschein kam,

desto fremder wurde er der Seele seines Weibes. Ihre ganze Kraft nahm

sie zusammen, um dem Manne noch dasjenige zu sein, was sie ihm ehrlich

sein konnte ... ein guter und treuer Kamerad.

Sie stand für Felix ein und verteidigte ihn gegen alle hämischen

Angriffe der Tante, die immer mehr an ihm auszusetzen und zu bemängeln

fand. Und unerschütterlich und fest glaubte Adele an die hohe

Künstlerschaft ihres Gatten. Ein fast heiliger Glaube war es, der sie

erfüllte. Der Glaube, daß trotz aller Not das Große in ihm, seine

Kunst, sich unfehlbar Bahn brechen müsse.

Dieser unerschütterliche, feste Glaube an die Kunst ihres Mannes war es

auch, der Adele einmal so weit brachte, daß sie in hoher Empörung Frau

Tiefenbrunner die Tür wies. Stolz und aufrecht hieß sie die Apothekerin

nie mehr wieder kommen, nie mehr im Leben die Schwelle ihres Hauses

betreten.

Adele Altwirth wußte genau, was sie tat. Sie wußte, daß sie sich

und die Ihren nun endgültig einem bitteren, ungewissen Schicksal

ausgeliefert hatte. Sie wußte, daß die Not nun lauerte, düster und

grausam ...

[Illustration]

Zwölftes Kapitel.

Wieder einmal stand Frau Sophie Rapp an der Spitze einer öffentlichen

Veranstaltung. Schon seit Monaten wurden Vorbereitungen dazu getroffen,

Damenkomitees gebildet und Sitzungen abgehalten. Es sollte eine große

Feier werden, ein Wohltätigkeitsbazar, und die besten Kreise der

Stadt waren daran beteiligt. Auch Frau Patscheider und Frau Professor

Haidacher hatten führende Rollen. Die Apothekerin und noch einige

Damen machten sich dadurch sehr verdient, daß sie buchstäblich von

Haus zu Haus gingen und Geld und Gaben sammelten für den guten Zweck.

Ganz Innsbruck stand bereits im Zeichen dieses gesellschaftlichen

Ereignisses, das den Höhepunkt des Karnevals darstellen sollte.

Die Apothekerin konnte sich nicht genug tun, anläßlich ihrer Besuche

droben bei den Altwirths immer und immer wieder von dieser Festlichkeit

zu erzählen. Es interessierte da oben in dem einsamen Häuschen zwar

niemanden. Weder Felix noch Adele.

In Felix weckten diese Erzählungen nur neue Verbitterung. Sie brachten

es ihm noch mehr zum Bewußtsein, daß da, wo alle waren, für ihn, den

Künstler, kein Platz mehr übrig blieb. So fremd und unbeachtet ging er

nun schon seit zwei Jahren in seiner Vaterstadt herum. Und wenn man

Feste feierte in der Stadt, so drangen nur ganz verschollene Töne zu

dem Maler und seiner Frau herauf.

Es war nicht Böswilligkeit und kein absichtliches Versehen, daß

man Felix und seine Frau ausschloß. Man dachte gar nicht an das

junge Künstlerpaar. Man wußte, daß Felix Altwirth sich in Innsbruck

niedergelassen hatte, daß er zurückgezogen lebte, Bilder malte, die er

einmal ausstellte und die niemandem gefielen. Mehr wußte man nicht von

ihm und wollte auch nicht mehr wissen.

Auch Frau Sophie Rapp interessierte sich jetzt nicht mehr für den

Künstler Felix Altwirth. Nicht ein einziges Mal wäre es ihr in den Sinn

gekommen, ihn zu einer ihrer Veranstaltungen einzuladen. Wenn er kommen

wollte, dann sollte er den Weg zu ihr nur selber suchen.

Im Grunde genommen war doch auch gekränkte Eitelkeit dabei im Spiele.

Die junge, gefeierte Frau hatte es erwartet, daß Felix zu ihr kommen

würde, um ihr seinen Besuch zu machen. Er war nicht gekommen. Nur

einige Male war sie ihm am Weg begegnet und hatte flüchtig mit ihm

gesprochen. Das war alles. Sogar seine Frau hatte ihr Felix nicht

vorgestellt. Sophie kannte Frau Altwirth kaum dem Sehen nach. Sie

interessierte sich auch gar nicht für sie.

Aber in dem geheimsten Winkel ihres Herzens hatte Frau Sophie Rapp

stets gehofft, daß wenigstens noch ein Rest jener großen Verehrung

in Felix Altwirth zurückgeblieben sei, die er einmal für sie gehegt

hatte. Von jener Verehrung, die sie so warm umschmeichelt hatte und die

ihn eigentlich doch hätte zu ihr führen müssen. Da Felix nicht kam,

begrub sie die schöne Erinnerung an ihn. Kümmerte sich nicht um ihn und

beachtete ihn nicht, wie ihn die andern nicht beachteten.

Der Apotheker Tiefenbrunner und seine Frau fingen an, sich des Neffen

zu schämen. Seit er mit der Ausstellung jenen Mißerfolg gehabt hatte,

seitdem hatten sie den ganzen Glauben an sein Künstlertum verloren.

Sie waren beide nicht imstande, sich über seine Leistungen ein eigenes

Urteil zu bilden, und es gab niemand aus ihrem Bekanntenkreise, der

ihnen eine Aufklärung hätte geben können.

Was Adele sagte, das glaubte die Apothekerin schon gar nicht. Die

Adele! Mein Gott! Was die Person verstand! Die Apothekerin zuckte

mitleidig die Achseln, wenn sie einmal in ganz vertrautem Kreis sich

über ihre Nichte ehrlich aussprach. Denn nach und nach fing Frau

Therese Tiefenbrunner an, sich zu äußern. Es „kochte“, wie sie sich

ausdrückte, wirklich zu viel in ihr. Ein ganzer Vesuv von Gift und

Galle türmte sich mit der Zeit in der guten Frau auf.

Alles ging ihr bei Felix und Adele auf die Nerven. Daß der Felix nichts

verdiente, daß er nicht arbeitete, daß er sich nicht nach einem andern

Beruf umsah, wenn doch bei der Malerei nichts herausschaute ... So und

ähnlich redete sie fortwährend auch auf Adele ein.

Die Apothekerin war, seitdem sie die vollen Lasten des Hausstandes der

Altwirths trug, zu einem rechten Hauskreuz für die junge Frau geworden.

Innerlich verachtete sie ja Adele vom Grunde ihres ganzen Herzens. Sie

verachtete sie, weil Adele noch immer nicht in ihren Wirtschaftssorgen

aufging. Weil sie trotz allem stets die Zeit fand, ihre Musik zu

pflegen, geistig frisch und rege blieb und für alle künstlerischen

Interessen ein tiefes Verständnis besaß.

Das ärgerte die Apothekerin und erzeugte in ihr ein häßliches,

neidisches Gefühl, das wohl seine Ursachen im Unterbewußtsein der

eigenen geistigen Minderwertigkeit haben mochte. Und um sich selber

in ein besseres Licht zu setzen, prunkte Frau Tiefenbrunner geradezu

mit der einzigen Eigenschaft, die sie vor Adele voraus hatte. Sie

protzte mit ihrem gründlichen Wissen in der Kunst des Haushaltens. Die

junge Frau empfand das um so peinlicher und quälender, als sie ja in

vollständiger Abhängigkeit von der Apothekerin lebte.

Eine wahre Knechtschaft übte Frau Therese gegen Adele aus. Sie

verlangte Rechenschaft für jeden verbrauchten Kreuzer und tat sich

keinen Zwang mehr an, Adele offen und in groben, wenig gewählten

Worten ins Gesicht zu sagen, was sie von ihr und Felix hielt.

„Ihr könnt halt auch nicht wirtschaften!“ sagte sie dann. „Der Felix,

der hat das ja eben nie gelernt. Hat nie sparen können, weil er’s nicht

nötig gehabt hat ... natürlich!“ Dieses eine Wort „natürlich“ betonte

die Apothekerin derart, daß es geradezu Bände der Anschuldigungen gegen

Felix sprach. „Der Felix hat halt immer klecksen müssen und klecksen

und mit Farben herumschmieren und viel Geld verbrauchen und ...“

„Aber Tante, so hör’ doch endlich damit auf, bitte!“ hatte Adele

einmal ganz entschieden geantwortet. „Ich kenne ja jedes Wort schon

auswendig!“ Und angeekelt von all dem Widerwärtigen hielt sie sich mit

beiden Händen die Ohren zu.

Die junge Frau brauchte wahrhaft ihre ganze Selbstbeherrschung, um die

täglichen Nörgeleien der Apothekerin zu ertragen. Frau Tiefenbrunner

schaute sich jetzt überall im Hause gründlich um. Da war kein

Winkelchen und kein Stäubchen, das ihrem Spürsinn entging. Mit dem

Aufgebot unsagbarer Überwindung ertrug Adele diese Frau, ertrug die

Reden und Vorwürfe solange, bis das Maß voll war. Und das geschah so ...

Frau Therese Tiefenbrunner kam strahlend hinauf zu Adele und eröffnete

ihr, es sei ihr nun gelungen, eine Arbeit für Felix zu finden. „Weißt,

Adele, für das Fest, von dem ich dir immer erzähl’!“ berichtete sie

mit wichtigem Ernst. „Da ist jetzt nämlich alles schon so weit fertig

gestellt. Der Saal ist schon gemietet; eigentlich sind es ja, wie du

weißt, mehrere Säle; und jetzt brauchen wir halt noch einen Maler zum

Ausmalen.“

„Tante, du wirst doch nicht ...“ Adele war kreideweiß im Gesicht

geworden. Sie zitterte und bebte am ganzen Leib. „Du wirst doch nicht

...“

Frau Therese Tiefenbrunner hatte sich in ihrer ganzen Breite vor Adele

aufgepflanzt und sah verständnislos auf die erregte junge Frau. Etwas

wie eine teuflische Freude über den Schrecken, den sie ihr offenbar

verursacht hatte, kam über die Apothekerin. Sie weidete sich geradezu

daran und sah mit ruhigem, aber boshaftem und schadenfrohem Blick zu

Adele empor. Weil sie diese unausstehliche, hochnasige Person nur

endlich einmal demütigen konnte! Sie verstand es zwar nicht, warum ihr

Angebot eine Demütigung sein sollte, aber sie fühlte, daß es Adele als

eine solche empfand, und das steigerte ihr inneres Behagen.

„Ich hab’ die Damen vom Komitee gebeten,“ fuhr Frau Therese mit

langsamer, breiter Stimme zu reden fort, „daß sie dem Felix die

Malerarbeit übertragen ... und dieser meiniger Antrag ist auch

angenommen worden!“ fügte sie mit stolzer Genugtuung hinzu.

„Aber Tante, du wirst doch nicht glauben, daß Felix ...“ Adele war

so erregt, daß sie mit ihren Zähnen auf die Lippen biß, um ja kein

unüberlegtes Wort zu sagen. Ihre Hände krampften sich fest in die

Falten ihres Kleides.

„Daß es der Felix auch tun wird, das glaub’ ich allerdings!“ versetzte

die Apothekerin mit Nachdruck und sah kampfbereit zu der jungen Frau

empor. Ihre dunklen Augen wurden dabei immer größer und rundeten sich

wie die Augen einer fetten Henne, die einer andern ein Stückchen Futter

streitig machen will. „Denn, wenn man einmal eine Gelegenheit findet,“

fuhr Frau Therese jetzt energischer werdend fort, „sich ein Geld zu

verdienen, dann tut man halt eben arbeiten und nicht immer den noblen

Herrn spielen und spazieren gehen und ...“

„Aber Felix ist ein Künstler!“ stieß die junge Frau fast keuchend

hervor. „Begreifst du denn gar nicht, Tante, er ist doch kein

Anstreicher!“

„Künstler hin, Künstler her! Hör’ du mir mit der ganzen Künstlerschaft

auf! Ein Anstreicher ist besser dran und überhaupt ...“

Adele Altwirth trat jetzt mit ruhiger Entschlossenheit ganz nahe

vor die Apothekerin hin und sah mit stolzem Ernst zu der kleinen,

gedrungenen Gestalt herab. Es lag etwas hoheitsvoll Gebieterisches in

der Haltung der jungen Frau.

„Tante,“ sprach Adele mit einer unheimlichen Ruhe, „ich erkläre dir

hiermit, daß ich dem Felix kein Wort von dieser unerhörten Zumutung

sagen werde.“

„So? Das tust du also nicht? Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“

„Weil Felix ein Künstler ist! Weil ihn so ein Antrag entehrt, demütigt,

beschmutzt! Aber das verstehst du ja alles nicht!“ unterbrach sich

Adele selbst unwillig.

„Weißt aber, was ich versteh’?“ sagte da die Apothekerin und stemmte

ihre beiden Arme fest und herausfordernd in die Hüften. „Daß du a

überspanntes Frauenzimmer bist, a narrisches! Jetzt weißt du’s, was du

bist! Du Nocken, du eingebildete!“ fing die Apothekerin nun in ihrem

schönsten Kothlacknerdeutsch zu schimpfen an.

Die lange aufgespeicherte Galle brach sich jetzt mit elementarer

Kraft Bahn. Es war Frau Therese Tiefenbrunner ein dringendes

Herzensbedürfnis, sich einmal Luft zu machen und ihren ganzen Ärger und

ihre Enttäuschung herauszuschreien. In einem rasend schnellen Tempo,

das seltsam abstach zu ihrer sonstigen langsamen, breiten Redeweise,

schrie sie nun auf die junge Frau ein ... „A unverschämte Bande seid’s,

alle miteinander! Bettelvolk! Tagdiab’! Die nix haben und ander’ Leut

auf der Schüssel sitzen! Schamen muaß man si’ mit enk. Nix können tuat

er! Gar nix kann er! Daß du’s woaßt!“ Mit hämischer Freude betonte die

Apothekerin dieses noch besonders nachdrücklich: „Der Patscheider hat’s

aa g’sagt, daß er nix kann! Alle sagen sie’s in Innsbruck! Und wahr

ist’s!“

Adele stand jetzt ganz ruhig vor der Frau, die ihr in diesem Augenblick

so klein, so erbärmlich und so gemein vorkam. Fast mitleidig sah sie

auf Frau Therese Tiefenbrunner herab. Eine tödliche Blässe bedeckte noch

immer die strengen, regelmäßigen Züge der jungen Frau. Aber die große

Aufregung, in der sie sich befunden hatte, war mit einem Male vergangen

und hatte einer ruhigen Überlegung Platz gemacht.

Die Stadt am Inn · 第 15 / 28 段