ihm einen lustigen Knicks. „Und jetzt kommt er gar von seiner Höhe
herunter wie ein Engerl. Aber a recht a großes, a ausgiebig’s!“ fügte
sie schalkhaft hinzu. „Und beehrt mich mit einer Ansprache. Das hat er
noch nie getan, der Herr Altwirth, seitdem er ein Maler geworden ist.“
Fröhlich und ungezwungen hielt sie Felix mit einer herzlichen Bewegung
ihre Hand entgegen. „Grüß’ Ihnen Gott, Herr Altwirth! Das freut mich,
daß uns der Zufall zusammenführt.“
Felix berührte verdrießlich und unwillig ganz leicht die fein
behandschuhten Fingerspitzen und warf einen flüchtigen Blick auf die
vornehme Erscheinung der jungen Frau.
Sophie trug ein eng anliegendes, dunkles Straßenkleid und einen großen,
eleganten Federhut. Sie hatte sich nicht viel verändert in all den
Jahren. Hübscher war sie geworden, rassig, und die volle, schöne Figur
etwas zu üppig.
Mit dem scharfen, prüfenden Blick des Künstlers bemerkte es Felix.
„Spotten Sie nur!“ sagte er dann ärgerlich. „Sie verhöhnen mich ja alle
hier!“ setzte er mit einem gleichgültigen Achselzucken hinzu.
Frau Sophie Rapp sah ihm überrascht in das Gesicht. „Ich wollte Sie
nicht kränken, Herr Altwirth ...“ sprach sie nun ernst. „Und es fällt
mir eigentlich erst jetzt auf, daß diese Arbeit wohl nicht ganz zu
Ihnen paßt.“
„Ja, das hab’ ich ihm auch g’sagt!“ bestätigte die Wirtin. „Damals, als
er mich angangen hat drum. Nit wahr, Herr Altwirth?“
„Ja!“ sagte Felix trocken. „Aber lieber, als daß man verhungert, tut
man eben alles!“ erklärte er laut und in bitterem Ton.
„Aber, Herr Altwirth ... Felix!“ rief da Sophie, und es lag so viel
echtes Mitleid in ihrem Ausdruck, daß es dem Maler ganz warm ums Herz
wurde. „So schlimm wird’s doch wohl nit sein?“
„Ja, so schlimm ist’s und noch viel schlimmer!“ kam es erregt von
Felix’ Lippen. „So weit haben sie mich gebracht hier ... so weit, daß
ich da oben steh’ und arbeite wie ein Handwerker.“
Sophie Rapp hatte mit ungewöhnlichem Ernst zugehört. Dann sagte sie mit
einem leichten Vorwurf: „Nie sind Sie zu mir gekommen, Herr Altwirth!
Haben sich nie blicken lassen bei mir, als ob ich nimmer existiert
hätt’ für Ihnen!“
„Das haben Sie auch nicht mehr, gnädige Frau!“ erwiderte Felix leise
und mit trotzigem Nachdruck.
Er hatte von Frau Therese Tiefenbrunner vieles gehört über Sophie.
So viel, daß er sich beinahe schämte, weil er diese Frau einmal wie
eine Heilige verehrt hatte. Und nie war es ihm auch nur entfernt in
den Sinn gekommen, sie zu besuchen. Wozu an Vergangenes anknüpfen? Es
hatte keinen Zweck, sagte er sich. Nur eine neue Enttäuschung würde es
bedeuten und eine neue bittere Erfahrung mehr.
Jetzt, da er dieser Frau gegenüber stand, da sie ihm mit so viel
ursprünglicher Heiterkeit und Güte über das Peinliche einer
ungewöhnlichen Situation hinweghalf, tauchte in ihm etwas auf von
jenem alten Gefühl, das er einst für sie gehegt hatte. Ein Gefühl der
Dankbarkeit war es, daß sie ihm eine Demütigung ersparte.
„Das ist ja recht lieb von Ihnen!“ sagte jetzt Sophie lustig nach
einer kleinen Pause des Nachdenkens. „Und deswegen sollt’ man Ihnen
eigentlich bös sein. Aber ich will ein guter Kerl sein und alles
vergessen. Da schlagen’s ein, Herr Altwirth! Aber herzhaft! Drucken’s
nur mei’ Hand a bissel! Macht nix, wenn sie schmutzig wird!“ lachte
sie, da sie bemerkte, daß Felix in einer gewissen Verlegenheit zuerst
auf seine farbenbeklecksten Hände sah und dann auf den tadellos weißen
Handschuh, der ihre große, gutgeformte Hand bekleidete.
Nun war das Eis bei Felix gebrochen. Frei und offen, wie er es schon
lange nicht mehr getan hatte, sprach er mit Frau Sophie, die ihm
teilnahmsvoll zuhörte. Es war merkwürdig ... Sie hatte jetzt auf einmal
gar keine Eile mehr. Sie hatte sogar so viel Zeit übrig, daß sie Felix
aufforderte, mit ihr ein bissel ins Extrazimmer zu kommen, damit sie
doch wenigstens gemütlich miteinander plaudern könnten.
Die beiden Frauen gingen voraus, während Felix sich wusch und seinen
Arbeitskittel gegen seinen gewöhnlichen Straßenanzug vertauschte.
Lange saßen die zwei, Felix und Sophie, dann allein nebeneinander.
Recht lange. Und gleich einem alten Liebespärchen, das sich plötzlich
wiedergefunden hat, plauderten sie und lachten und tuschelten sie wie
vor Jahren. Felix erzählte der jungen Frau offen und unverhohlen, wie
er es in früheren Zeiten getan hatte. Erzählte von seinem Leid und
seinem Groll und von der ganzen Verbitterung, die ihm sein Dasein
vergällte.
Mit großen, erstaunten Augen hörte die junge Frau zu. Nachdenklich
stützte sie den Kopf in ihre Hand und sagte dann in einem warmen,
innigen Ton: „Wenn ich das alles g’wußt hätt’! So viel hätt’ ich Ihnen
ersparen können. Wirklich viel!“ fügte sie leise und bescheiden wie
entschuldigend hinzu. „Ganz g’wiß! Aber sehen Sie, es geht noch alles!
Sie werden’s sehen! Das muß einfach anders g’macht werden!“ erklärte
sie in ihrer alten, resoluten Weise. „Das wär’ nit aus! Und wissen’s
was, damit fangen wir jetzt gleich an!“ Dann sprang sie plötzlich von
ihrem Sitz auf, lebhaft und lustig, und ergriff Felix an beiden Händen.
„Jetzt schauen’s mich einmal an! Aber gut!“ forderte sie ihn auf.
„G’fall ich Ihnen?“
„Natürlich, gnädige Frau!“ stimmte Felix heiter bei. „Sie gefallen ja
jedem!“
„Das will ich aber gar nicht!“ lachte sie und zeigte kokett ihre
blendend weißen Zähne, die gegen das tiefe Braun ihrer Gesichtsfarbe
ganz besonders abstachen. „Ich will wissen, ob ich recht schön
werd’, wenn Sie mich malen tun?“ frug die junge Frau und wiegte sich
herausfordernd in den Hüften. „Wissen’s, extra schön, meine ich. Sonst
hilft’s nix. Denn nur, wenn Sie mich so schön malen, daß die andern
Weiber einen Neid kriegen, dann sind Sie ein g’machter Mann. Sie
wissen gar nit, was das ausmacht, wenn die Weiber aufeinander einen
Neid kriegen. A jede möcht’ doch die Schönste sein, nit wahr? Und da
kommen’s g’laufen zu Ihnen, scharenweis! Und bitten tun’s Ihnen, daß
Sie’s nur ja malen tun. Sie werden’s sehen, ich kenn’ meine Leut’!“
Laut und lustig lachte Frau Sophie über ihren Einfall. Dieses Lachen
übte auf den Mann, der vor ihr saß, einen solchen Zauber aus, daß er
unbedingt mitlachen mußte. Und dann lachten sie beide wie Kinder und
hielten sich an den Händen.
Die Wirtin, die wieder einmal in die leere Stube kam, um nachzusehen,
schlich leise davon und ging hinaus in die Küche, wo sie es der
Köchin erzählte, daß es die Sophie tatsächlich scharf auf die Männer
abgesehen habe. Und der Altwirth da drinnen habe schon wirklich Feuer
gefangen ...
Mit einem ganz andern Humor und als ein völlig aufrechter Mann kam
Felix nach Haus. Glückselig erzählte er Adele von der Begegnung, die er
mit der Frau des Rechtsanwaltes gehabt hatte. Er berichtete, daß Sophie
Rapp gleich morgen zu ihm kommen würde zur ersten Sitzung, und daß er
sich von dem Erfolg dieses Bildes viel für seine Zukunft verspreche.
Ein leises Unbehagen beschlich Adele bei der Erzählung ihres Gatten.
Sie wußte es selbst nicht, was es war, und vermochte sich keine
Rechenschaft darüber zu geben. Aber es war ihr unangenehm, daß Felix
mit Frau Sophie Rapp zusammengetroffen war.
Sie konnte sich nicht darüber freuen. Beinahe wäre es ihr lieber
gewesen, wenn Felix sein Handwerk beim Weißen Hahn wieder aufgenommen
hätte. So sehr sie sich anfangs dagegen gesträubt hatte und so
ungeheuerlich sie es gefunden hatte, so enttäuscht war sie jetzt, als
ihr Felix erklärte, daß er der Wirtin „den ganzen Krempel hingeworfen
habe“.
„Und der Herr Rat? Was ist’s mit diesem Auftrag?“ fragte Adele leise
und beklommen und sah ängstlich auf ihren Gatten.
„Der Rat Leonhard muß eben warten!“ erklärte Felix in festem Ton.
„Ich bin jetzt nicht in der Stimmung ihn zu malen. Ein Künstler muß
seine Stimmung ausnützen. Frau Doktor Rapp mit ihrer lustigen Art ist
jetzt gerade recht für meinen Seelenzustand. Adele, du wirst sie lieb
gewinnen, diese Frau. Sie ist wirklich reizend!“ schwärmte er.
Adele Altwirth saß, wie es ihre Gewohnheit war, in weicher Haltung,
mit weit nach vorn gebeugtem Oberkörper, und stützte einen Arm auf
das Knie. Sinnend sah sie auf den Gatten, und eine unbestimmte,
beklemmende Angst bemächtigte sich ihrer. Felix bemerkte es trotz der
freudigen Erregung, die ihn beherrschte und in der er sich vollauf nur
mit sich selber beschäftigte.
„Du, Adele ... du bist doch nicht etwa eifersüchtig?“ frug er über
eine Weile unvermittelt, indem er vor seiner Frau stehen blieb. Er
war in dem Wohnzimmer erregt auf und ab gegangen und machte nun ein
zufriedenes und erwartungsvolles Gesicht.
Adele schüttelte traurig den Kopf. „Nein, Felix ...“ sagte sie ruhig.
„Ich dachte nur ... du weißt, es ist mir peinlich ... ich habe doch
schon eine Anzahlung angenommen vom Rat Leonhard.“
„Ja, ja, ja,“ machte Felix ungeduldig. „Immer dieses gewaltsame
Herabdrücken! Immer diese graue, graue Stimmung! Dieser Realismus!
Diese unerträgliche Nüchternheit! Der Rat wird’s ja hoffentlich noch
erwarten können, bis er zu seinem Bilde kommt!“
Adele erwiderte kein Wort mehr. Sie erhob sich lautlos von ihrem Sitz
und ging hinaus in den kleinen Garten, wo ihr Töchterchen spielte.
Und dann warteten sie beide, Mutter und Kind, und sahen die Anhöhe
hinunter, über die der Rat Leonhard heraufkommen mußte ...
Es waren lustige Sitzungen bei dem Maler Altwirth, die nun folgten.
Und immer länger dehnten sie sich aus. Ein regelrechter Flirt war
zwischen Sophie und dem Maler entstanden. Adele sah es wohl. Sie
bemerkte es nicht allein an dem völlig veränderten Wesen ihres Mannes,
sondern auch an seinem Eifer, mit dem er bei der Sache war, und an der
liebevollen Ausarbeitung des Werkes. Jeder Pinselstrich zeugte von
einem eingehenden Studium, zeugte, daß der Künstler sein Bestes geben
wollte und sein Bestes gab.
Adele Altwirth wußte es selbst nicht, was sie innerlich so unruhig
machte. Denn sie war nicht nur unruhig, sondern in tiefster Seele
unglücklich über die täglichen Besuche der jungen Frau Doktor Rapp.
War es Eifersucht? ... Adele Altwirth hatte in dem Wahn gelebt, daß sie
über diese Empfindung erhaben sei. Sie hatte bisher mit ihrem Gatten
in einem gegenseitigen selbstverständlichen Vertrauen gelebt. Und
ihre ruhige Sicherheit fußte zum größten Teil auf der Grundlage einer
gewissen Selbstachtung, auf dem Bewußtsein des eigenen Wertes.
Diese Selbstsicherheit hatte nun mit einem Male eine Erschütterung
erlitten. Die auffallende Veränderung in Felix, sein ungewöhnlicher
Fleiß und sein Schaffensdrang, die Freude und die Lust an seiner Arbeit
und die fröhliche, strahlende Art, die sie so lange an ihm vermißt
hatte, bewirkten eine zunehmende Angst in Frau Adele.
Felix war jetzt stets lieb und freundlich zu ihr. Sprach viel und
hoffnungsfroh und kümmerte sich auch wieder um die kleine Dora, die
in den letzten Wochen fast ganz unbeachtet von ihm geblieben war.
Das Kind war ihm schon ausgewichen, und nur mit scheuen und etwas
verschüchterten Augen hatte sie den Vater betrachtet, der ihr in diesen
Wochen so fremd geworden war.
Sophie Rapp und Adele Altwirth wußten wenig miteinander anzufangen.
Es war keine Abneigung, die sie einander fern hielt. Aber es war auch
kein Gefühl der gegenseitigen Sympathie vorhanden, das eine Annäherung
ermöglicht hätte. Adele war jedesmal froh und dankte es Felix, wenn er
der höflichen Begrüßung zwischen den beiden Frauen ein rasches Ende zu
bereiten suchte.
„Denken’s nur, Frau Altwirth,“ sagte die Sophie einmal, als sie neben
der blonden Frau das kleine Atelier betrat, „Ihr Mann hat g’sagt,
gleich wie er das Porträt fertig hat, will er mich noch einmal malen.
Als Studie!“ lachte sie heiter und sah kokett nach Felix, der
schweigend hinter den Damen ging.
Es war ein schönes Bild, diese beiden großen und gut gewachsenen
Frauen nebeneinander zu sehen und zu vergleichen. Adele schlank, weich
und edel in jeder Bewegung, blond und hell und von ruhigem, sich
gleichbleibendem Ernst. Und neben ihr die üppige Gestalt der dunklen
Frau, lebhaftig und lustig und feurig, wie erfüllt von verhaltener Glut.
Gerade jetzt nahm Frau Sophie mit lebhafter Gebärde ihren Hut ab. Mit
beiden Armen streckte sie sich, dehnte sich, als müsse sie gewaltsam
gegen eine Überfülle von Kraft kämpfen, um sie einzudämmen. Hinter ihr
stand Felix und wartete darauf, ihr galant den Mantel abzunehmen.
Sein Gesicht war leicht gerötet, und ein vibrierendes Beben zuckte um
seinen vollen Mund, als er sich gegen Sophie beugte. Schmiegsam und
graziös neigte sich die junge Frau ihm entgegen, sah ihm nur für einen
Moment mit einem glühenden Blick in die Augen und wandte sich dann
vollständig ruhig wieder Adelen zu.
Adele Altwirth hatte mit klugen, beobachtenden Augen gesehen, und sie
erkannte mit einem Male, was der brennende Schmerz, den sie empfand,
bedeutete. Sie wußte, es war nicht nur weibliche Eifersucht, sondern
die Erkenntnis, daß sie nie in ihrem Leben dieses bebende Zucken um den
Mund des Gatten gesehen hatte. Und es wurde ihr klar, daß es heißes,
verlangendes Begehren nach dem Weibe war, in dessen lockende Netze er
sich verstrickt hatte.
Still und ruhig, aber mit wehwundem Herzen nahm Frau Adele ihr kleines
Töchterchen bei der Hand und ging mit ihr fort, weit hinunter über den
Berg, fast bis Sankt Nikolaus. Dort trafen die beiden mit dem alten
Rat zusammen, den Mutter und Kind nun alle zwei gleich lieb gewonnen
hatten. Sie nahmen ihn in ihre Mitte. Das Kind führte ihn bei der Hand,
und Adele sprach zu ihm, als wäre der alte, wunderliche Sonderling, der
mit verdrießlichem Gesicht, leise und geduckt, den Kopf leicht nach
der einen Seite geneigt, einherging, ihr eigener Vater, der beste und
einzige Freund, den die junge, blasse Frau besaß ...
In dem kleinen Atelier des Malers Felix Altwirth herrschte indessen
eine schwüle Luft. Es war ein einfaches, schlichtes, fast ärmliches
Zimmer, das sich Felix als seinen Arbeitsraum eingerichtet hatte.
Einige Stühle standen da in künstlerischer Unordnung herum. Bilder und
Zeichnungen, flüchtige Skizzen und Entwürfe hingen teilweise an den
Wänden, teilweise waren sie in einer Ecke aufgestapelt. Ein Vorhang
von hellgelbem, grobem Leinen verdeckte nur den obersten Teil des
Doppelfensters. Der Flügel des einen Fensters war geöffnet. Eine laue,
weiche Luft wehte herein und bewegte in leichtem Rhythmus den Vorhang.
Noch immer lagerte der Schnee auf Weg und Halde. Aber im Tal hatten die
wärmenden Sonnenstrahlen ihn schon da und dort zur Schmelze gebracht.
Es tropfte von den Bäumen und Dächern, und die kleinen, braunschwarzen,
feuchten Zweige und Äste sahen dunkel und sehnsüchtig aus und reckten
sich erwartungsvoll dem nahen Lenz entgegen.
Sophie Rapp saß in einem Lehnsessel in der Nähe des Fensters, leicht
und bequem. Es war eine fast liegende Stellung. Ihren rechten Arm
hatte die junge Frau als Stütze unter ihren Kopf geschoben, und ihre
Augen hielt sie geschlossen, als verspüre sie ein unüberwindliches
Ruhebedürfnis. In Wahrheit aber wollte sie mit Ruhe den Eindruck
genießen, den sie auf Felix Altwirth machte.
Die einstige Neigung zu Felix war in Sophie wieder mächtig
aufgelodert. Sie gab sich auch gar keine Mühe, diese neu erwachte
Leidenschaft zu bezwingen. Im Gegenteil freute sie sich darüber wie
über eine neue Sensation, nährte ihre Leidenschaft und tat alles, was
sie konnte, um die Sinne des Mannes aufzustacheln. Sie wollte ihn
reizen, bis er ihr verfallen war. Wie alle die andern, deren Liebe sie
ersehnt hatte.
Felix Altwirth kämpfte tapfer gegen den Zauber, mit dem ihn Sophie
umgarnte. Und mehr als einmal widerstand er den Lockungen der Sirene.
Er wollte sich überwinden und seinem Weibe die Treue halten.
Trotz allen seinen Launen, trotz allen Vorwürfen, mit denen er Adele
in schweren Stunden gequält hatte, war er sich ihres Wertes vollkommen
bewußt. Hing mit achtungsvoller Liebe an ihr. War ihr dankbar für die
Nachsicht, die sie mit ihm hatte.
Jedoch mit der sensibeln Empfänglichkeit des Künstlers war Felix
Altwirth schon in ganz kurzer Frist dem Sinnenreiz erlegen, den Frau
Sophie Rapp auf ihn ausströmte. Ihre Gegenwart wirkte auf ihn wie
schwerer Wein, der ihm die Sinne zu umnebeln drohte.
Sie fühlte sein Beben und wußte, daß er sich nur mit dem Aufgebot
seiner ganzen Kraft bezwang, um sie nicht an sich zu reißen. Und
je stärker er sich zeigte, desto heißer entflammte sie, desto mehr
begehrte sie ihn zu besitzen.
Es war ein stummer Kampf zwischen den beiden. Ein Kampf, in dem das
Weib mit Bestimmtheit wußte, daß der Mann unterliegen würde ...
Wie Frau Sophie jetzt nachlässig in dem Lehnstuhl saß, öffnete sie ab
und zu leicht die Augen und sah hinüber zu dem Manne, der anscheinend
ganz vertieft in seine Arbeit war und nur den prüfenden Blick des
Künstlers für sie übrig hatte. Aber Sophie sah die hektische Röte in
seinem Gesicht und sah die leise bebenden Lippen, die er fest wie im
Schmerz aufeinander preßte. Seine großen blauen Augen leuchteten in
unnatürlichem Glanz, und das Herz klopfte ihm zum Zerspringen.
Da plötzlich dehnte sich Sophie langsam und müde. Dehnte die halb
entblößten, vollen Arme und reckte ihre Glieder weich und biegsam und
mit den geschmeidigen Bewegungen eines schönen Raubtieres.
„Ach, Felix, wenn nit Sie’s wären ...“ sagte sie dann träge, „ich tät’
wirklich nit so lang da herhalten. Es wird wirklich schon a bissel
fad’. Gehen’s, kommen’s zu mir da her a bissel! Gönnen’s mir a Ruh!“
bat sie mit leiser Stimme.
Felix warf seinen Pinsel beiseite und kam zögernd näher.
„Wir müssen das Licht ausnützen, gnädige Frau ...“ sagte er stockend
und sah sie mit unsicherem Blick an.
„Ja, freilich! Ich weiß schon.“ Sophie tat, als ob sie schlafen wollte,
und schloß die Augen. Dann sagte sie weich: „Ich will auch gleich
wieder brav sein. Nur ein bissel plauschen!“ bat sie. „Ich schlaf’
sonst ein.“
Felix holte sich einen Hocker, den er in der Nähe stehen hatte, und
setzte sich in einiger Entfernung der jungen Frau gegenüber.
Da richtete sich die Sophie empor, sah Felix mit einem seltsam
aufleuchtenden Blick in die Augen und lächelte. „Daß Sie mir ja nicht
zu nahe kommen ...“ sagte sie fast flüsternd.
Der laue Wind vom offenen Fenster her bewegte das weiße Spitzengeriesel,
das den Ausschnitt ihres Kleides leicht verhüllte. Sie trug ein
hellblaues Seidenkleid, das Hals und Nacken offen ließ. In feinem
Farbenton vermischte sich das zarte Blau mit ihrer sametweichen braunen
Haut.
Felix Altwirth biß sich auf die Lippen. Sophie sah, wie er leicht die
Farbe wechselte. Sie lehnte sich noch behaglicher zurück, wandte ihm
ein wenig ihr Gesicht zu und schloß dann abermals die Augen.
„Felix ...“ sagte sie leise über eine Weile.
Der Maler hatte die Blicke gewaltsam auf den Boden gerichtet, um sie
nicht ansehen zu müssen.
„Gnädige Frau!“
„Wie wollen Sie mich denn dann eigentlich malen? Dann ... wissen Sie,
wenn dieses Bild fertig ist.“ Sie legte eine eigene Betonung auf das
Wort „dann“.
„Ich will Sie gar nicht malen!“ stieß Felix erregt hervor. Seine Stimme
erschien ihr etwas heiser.
„So? ...“ sagte Sophie mit einem raschen Blick auf Felix.
„Ich +kann+ Sie nicht malen. Ich ...“
„Nicht, Felix? ...“ frug sie weich.
„Nein!“ kam es rauh zurück.
„Felix! ...“ bat das Weib, und ihre Stimme hatte einen schmelzenden
Klang. „Und wenn ich Sie bitte, wenn ich ...“
„Sophie ... spiel’ nicht mit mir!“ sagte der Maler drohend. Er hatte
sich, seiner Erregung kaum mehr mächtig, erhoben und war wieder zu
seiner Staffelei gegangen.
Auch Sophie war von ihrem Sitz aufgesprungen. Blitzartig, wie eine
Natter, schnellte sie empor und hinüber zu dem Mann. Mit festem Druck
ergriff sie seine beiden Hände. Sie drängte sich an ihn ... so nahe,
daß ihr heißer Atem ihm wie eine verzehrende Flamme entgegenschlug.
Ihre Augen senkten sich verlangend in die seinen, und ihr üppiger, nach
Küssen lechzender Mund näherte sich dem seinen.
„Ich spiel’ nit mit dir, Mann!“ stieß sie erregt hervor. „Ich liebe
dich!“
„Sophie!“ Wie ein Schrei kam es über die Lippen des Mannes. „Sophie!“
„Felix!“
„Du ... du ...“ stöhnte er.
Da umschlang sie ihn mit ihren kräftigen Armen.
„Ich hab’ dich ja gern ... du ...“ jubelte sie. „So gern!“
Seiner Sinne nicht mehr mächtig riß Felix Altwirth das Weib mit so
rasender Glut an sich, daß es aufschrie vor Schmerz.
Sophie küßte ihn in wilder, gieriger Freude. Und unter seinen
ungestümen Küssen, die ihr fast weh taten, flüsterte sie keuchend: „Ich
hab’ dich lieb, Felix! Noch nie hab’ ich einen Mann so gern gehabt.“
Die Glut ihrer Leidenschaft loderte auf ihn über. Entfesselte seine
Sinne, wie sie niemals entfesselt worden waren ...
Nun folgten selige Wochen für Felix und Sophie. Ein schönes, mächtiges
Gefühl zufriedenen Glückes erfüllte den Künstler. Wie in einem Taumel
lebte er. Lebte nur für Sophie und in Sophie. Sie war sein ganzes
Denken und Empfinden, sein Begehren und seine Leidenschaft. Und in
diesem Gefühl, das ihn zur höchsten Arbeitskraft anspornte, schuf er,
wie er noch nie geschaffen hatte in seinem Leben.
Gleich einer Siegerin, stolz und frei und glückselig betrat Frau Sophie
Rapp jetzt täglich am frühen Nachmittag das kleine Häuschen droben bei
der Weiherburg. Auch in ihr war eine Wandlung vorgegangen. Was sie zum
Spiel angezettelt hatte als einen neuen Zeitvertreib, das ergriff sie
nun übermächtig. Erweckte ein neues, nie gekanntes Gefühl in ihr und
erfüllte sie mit stillem, seligem Glück.
In dem Egoismus der Glücklichen, die nur noch für einander lebten,
achteten Felix und Sophie nicht darauf, daß Adele und ihr Töchterchen
jetzt stets das Haus verlassen hatten, noch ehe Sophie zu Besuch kam.
Die einsame blonde Frau begleitete nun oft stundenlang den alten Rat
Leonhard auf seinen stillen Wegen. Er sprach nicht viel mit ihr, der
alte Herr. Aber er gab sich alle Mühe, gut und freundlich zu sein.
Es berührte ihn ganz eigentümlich, daß er, der wunderliche alte
Junggeselle, in dem Leben eines andern Menschen noch so viel bedeuten
sollte. Er fühlte es, daß er der jungen, fremden Frau ein Halt geworden
war. Der einzige Halt in ihrer Not.
Ruhig und anscheinend zufrieden schritt die hohe blonde Frau neben dem
kleinen alten Herrn. Sie achtete nicht auf seine Schrullen, tat, als
bemerke sie dieselben gar nicht. Sie war nur zufrieden darüber, daß sie
einen Menschen gefunden hatte, schweigsam wie sie selber war und doch
voll warmer, echter Teilnahme.
Adele erzählte dem alten Herrn nichts von den täglichen Besuchen der
Frau Sophie Rapp, und sie sprach ihm nichts von dem Kummer, der sie
drückte. Nur einmal sagte sie ihm, daß sie daran denke, fortzuziehen.
Sie und die kleine Dora. Fort nach München. Sie würde sich glücklicher
fühlen in der alten Heimat, meinte sie.
Da blieb der Rat Leonhard plötzlich stehen auf seinem Weg und stieß die
Spitze des grauen Regenschirmes heftig in die von der Sonne erweichte
Erde.
„So? Fort wollen Sie?“ fragte er, und sein Gesicht bekam einen ganz
verbissenen Ausdruck. „Davonlaufen!“ Er sah die junge Frau scharf an.
„Davonlaufen ist keine Kunst. Das kann a jed’s. Aber aushalten, das ist
die Kunst. Das kann nit a jed’s!“
Adele Altwirth war noch ein wenig bleicher geworden, als sie sonst war.
Sie wußte es nun, der alte Herr erwartete von ihr, daß sie um ihres
Kindes willen bei dem Gatten bleibe. Nicht ihr Glück stellte er voran,
sondern das Glück des Kindes.
Der Rat Leonhard hatte ihr öfters aus den Erfahrungen seiner
gerichtlichen Praxis erzählt. Sie kannte die hohen moralischen
Anforderungen, die er an ernste Menschen stellte. Für ihn gab es nur
eines: die Pflicht, Pflichterfüllung bis zum äußersten.
„A Kind, das ohne Vater aufwachst, ist für die Gesellschaft halb
verloren!“ hatte er einmal gesagt. „Es braucht den Vater und die
Mutter. Der Zusammenhang muß da sein. Sonst ist’s g’fehlt.“
Nach reiflicher Überlegung mußte Adele dem alten Rat beistimmen. So
sehr sich auch ihr Innerstes aufbäumte, so sehr sie sich gedemütigt
und entehrt fühlte, sie mußte aushalten ... aushalten um ihres Kindes
willen.
[Illustration]
Vierzehntes Kapitel.
Die materielle Lage bei den Altwirths hatte sich schon nach ganz kurzer
Zeit gebessert. Sophie Rapp hatte recht behalten. Das Porträt, das
Felix von ihr gemalt hatte, war zur Ausstellung gekommen und fand bei
der Kritik und beim Publikum so viel Beifall, daß es seinem Schöpfer
gleich einige neue Aufträge brachte.