einfachen Decke, in die buntgewirkte Blumen eingewebt waren. Eine
große Blumenvase thronte auf dem Tisch, stets gefüllt mit Blumen
oder verschiedenfarbigen Waldzweigen. In einer Ecke, knapp neben
dem breiten Doppelfenster, war der bequeme Lehnstuhl, in dem Frau
Tiefenbrunner Platz genommen hatte. Davor stand ein kleiner Teetisch,
ein Hockerl und noch ein Stuhl. Ein Teppich, ein Büfett, ein Klavier
und einige Bilder an den Wänden vervollständigten die ganze Einrichtung.
Eine geraume Weile hindurch herrschte tiefe Stille zwischen den
beiden Frauen. Das Ticken der kleinen Wanduhr war deutlich vernehmbar
und tönte lauter und, wie es der nachdenklich sinnenden jungen Frau
erschien, auch rascher als sonst ... als wollte es der kommenden Zeit
entgegeneilen. Ob diese Zeit wohl eine bessere für sie werden würde?
Adele Altwirth dachte es mit schwerem Herzen. Sie dachte an die
sorgenvollen Tage und Monate, die sie hier in dieser Stadt hatte
erleben müssen. Denn wie schlecht es ihnen eigentlich erging und schon
ergangen war, davon hatte die Frau Therese Tiefenbrunner doch keine
genaue Kenntnis. Felix und Adele hielten mit der vollen Wahrheit stets
zurück aus Stolz und aus Furcht vor neuen demütigenden Gaben, vor
bittern Reden und Vorwürfen.
Da waren Tage gewesen, an denen das junge Paar ängstlich und mit bangem
Zagen die letzten Geldmünzen zusammengesucht hatte ... Tage, an denen
sie einander ratlos gegenüberstanden und nicht wußten, wie es in der
nächsten Zeit gehen würde. Sie lebten ja so bescheiden, begnügten sich
abends mit Brot und Käse und teilten gemeinsam eine kleine Flasche
Bier. Es war ja so wenig, was sie zum Leben benötigten. So wenig ...
Und dieses karge Brot war getrübt durch die Sorge für den morgigen Tag.
Tatsächlich von der Hand in den Mund lebten sie. Sie mußten oft um jede
kleine Gabe der Apothekerin froh sein und waren es auch, waren dankbar
dafür und bäumten sich doch wieder dagegen auf, da sie sich innerlich
schwer gedemütigt fühlten. Sie schämten sich voreinander, schämten
sich, daß sie so tief gesunken waren.
Frau Therese Tiefenbrunner hatte von all dem keine Ahnung. Felix und
Adele verstanden es gut, ihre große Armut selbst vor diesen scharfen
Blicken zu verstecken. Sie schämten sich dieser Armut und wären beide
mit ihrem Kinde eher zugrunde gegangen, als daß sie die Wahrheit
zugestanden hätten. Nur nicht hineinsehen lassen, wie’s eigentlich
stand! Um keinen Preis. Niemanden! Nicht einmal die Tante.
Bis jetzt war stets, wenn die Not am ärgsten war, eine Rettung
gekommen. Allerdings von außen her. In München wurden immer noch Bilder
von dem jungen Maler gekauft. Nicht viele, aber der Ertrag war doch so
gewesen, daß ihnen stets für den Augenblick geholfen wurde. Dann aber
ging die Sorge und das Leben ins Ungewisse hinein von neuem los.
Auf die Schaffenskraft des jungen Künstlers hatte dieses
nervenaufreibende Dasein eine unheilvolle Wirkung. Die schwere
Enttäuschung, die ihm die Heimat brachte, der Kampf ums tägliche
Brot für sich und die Seinen, das drückende Gefühl, jetzt noch
als herangereifter Mann ebenso abhängig zu sein von der Gnade der
Verwandten wie früher ... all dieses wirkte lähmend auf Felix Altwirth
und raubte ihm die Lust zum Schaffen.
Oft ging er verzweifelt in seinem kleinen Arbeitszimmer, das ihm
als Atelier diente, auf und ab und hielt sich mit beiden Händen den
Kopf. „Ein Lichtstrahl, Adele! Nur ein einziger Lichtstrahl in dieser
grauenhaften Öde!“ klagte Felix dann vollkommen entmutigt. „Ein
einziger Lichtstrahl, und ich bin gerettet, ich kann wieder arbeiten.
Ich werde ja verrückt hier. Keine Anerkennung, keine Stimmung! Nichts!
Ich weiß es schon bald selber nimmer, daß ich ein Künstler bin.“
„Wir wollen wieder nach München zurück, Felix. Bald ...“ versuchte die
junge Frau den aufgeregten Mann zu trösten.
„Um Gotteswillen, München, die Großstadt! Ich brauche Erholung, Erfolg,
Anerkennung! Von was würden wir denn leben dort? Von was übersiedeln?
Das kostet Geld. Wir haben kein Geld, Adele!“ Wie ein Rasender lief
Felix im Zimmer umher und raufte sich die Haare. Er war hilflos gleich
einem Kind.
„Ich will mit der Tante sprechen, ihr anvertrauen ...“ meinte Adele.
„Um Gotteswillen!“ rief Felix entsetzt. „Willst du mich denn um
alles bringen, was ich habe! Auch um meine Ehre, um den letzten Rest
von Ansehen, den ich noch genieße! Soll ich mich demütigen, bitten,
betteln? Ist es nicht genug, daß du von dieser protzigen Frau dich wie
ein Schulmädel mußt behandeln lassen? Nein! Eher gehe ich zugrunde, als
daß ich das tue!“
Und Frau Adele schwieg, blieb ruhig und stark und aufrecht, wie
sie es bisher gewesen. Nie hatte sie ihrem Manne Vorwürfe deswegen
gemacht, daß sie von München hatte fortziehen müssen. Es war ihr schwer
geworden. Recht schwer. Aber sie hatte geschwiegen und seinem Wunsche
gehorcht.
Sie hatte nicht fröhlich werden können in Innsbruck. Ohne Licht und
Wärme schien ihr diese Stadt, dumpf und grau und traurig und öde. Und
dieses war auch der erste Eindruck gewesen, den sie von Innsbruck
bekommen hatte.
Es war damals ein klarer, blauer Frühlingstag gewesen. Warm und lau die
Luft. So mild und doch wiederum so drückend, wie im Inntal der Südwind
den nahenden Frühling anzumelden pflegt. Gleich einem schweren Alp
legte es sich auf die Sinne der jungen Frau, umspannte ihren Kopf wie
mit eisernen Klammern, so daß ihr das Sehen schwer wurde. Wie im Traum
wandelte sie befangen an der Seite ihres Mannes, traurig und müde. Es
drückte sie alles, die Luft, die Sonne, die Fremde und die Sehnsucht
nach der Isarstadt.
Und Felix war froh gewesen, so froh. Sie hatte ihn selten so heiter
gesehen. Überall mußte sie mit ihm hingehen. Durch die alte Stadt zum
Goldenen Dachl. Hinüber nach Sankt Nikolaus und in die Kothlacken.
Hinunter am Saggen und hinaus nach Pradl und über die Felder hinüber
nach Wilten. Mehrere Stunden dauerte die Wanderung, und die junge Frau
konnte sich kaum mehr weiterschleppen vor Müdigkeit. Er wollte ihr
alles zeigen von seiner geliebten Heimat. So viel wie möglich schon am
ersten Tag. Und in immer größeres Entzücken geriet er, wenn er wieder
einen neuen Ausblick auf die wundervolle Landschaft hatte, in der die
Stadt lag.
„Schau, Adele, ist das nicht großartig? Schau hinauf ins Oberinntal!
Siehst du die steile Felswand? Das ist die Martinswand, und gleich
dahinter geht’s nach Bayern. Da kannst du dann hinaufsteigen. Zu Fuß
wollen wir wandern nach München. Das wird herrlich sein. Und siehst du,
da drunten im Unterland den breiten Bergrücken in der Ferne? Das ist
das Kellerjoch, und da drüben an der Nordkette, das ist das Brandjoch
und da die Frau Hitt und da ...“
„Ja, Felix, ja ...“ sagte sie müde. „Und das, was ist das?“ Sie deutete
auf das große, ansehnliche Gebäude des Klosters Wilten und auf die
knapp daneben stehende Pfarrkirche von Wilten. Breit und wuchtig
stand der alte Bau in dem Talkessel von Innsbruck, umgeben von einer
einzigartigen, grandiosen Natur, von einer Natur voll ernster Majestät
und unnahbarer Vornehmheit.
Vom Turm der Wiltener Pfarrkirche tönte dumpfes Glockengeläute, langsam
und schwer und unaufhörlich. Schon den größten Teil des Weges, den sie
über die Felder von Pradl kommend zurückgelegt hatten, mußte Adele
immer auf dieses Glockengeläute hören. Je näher sie kamen, desto mehr
bedrückte es die junge Frau. Es erschien ihr so unsagbar traurig, wie
ein Grabgeläute, und beklemmte sie gleich einer düsteren Vorbedeutung.
Dieses Gefühl der seelischen Schwere hatte Adele auch nie mehr
verloren, seit sie in Innsbruck lebte. Wenn die Glocken der Stadt zu
ihr herauftönten in ihr kleines, sonnenbeschienenes Heim, dann stiegen
ihr heiße Tränen in die Augen. Tränen des Heimwehs, der Sehnsucht nach
dem heitern Glockenklang der Türme von München; Tränen einer großen,
unbestimmten Angst vor der Zukunft ...
Die kleine Dora saß noch immer am Boden und herzte ihre Puppe. Die
ungewohnte Stille, die in dem Zimmer herrschte, machte das Kind
erstaunt aufschauen. Unruhig rutschte sie hin und her und fing nun laut
mit sich selber zu plappern an. Aber nicht lange, dann lief sie hin zu
der Mutter, die noch immer ganz versunken ihren Gedanken nachhing, und
umschlang die Knie der jungen Frau.
„Mutti, schon wieder traurig? Dora hat dich lieb! So lieb!“ Weit
breitete das goldhaarige kleine Mädchen seine dünnen Ärmchen aus und
küßte stürmisch die leise zuckenden Lippen der Mutter. Die Erinnerungen
hatten Adele wehmütig gemacht. Beinahe hätte sie ihre Beherrschung
verloren und in Gegenwart der Tante geweint.
Die Apothekerin sah auch nachdenklich aus. Aber es war eine andere
Gedankenwelt, in der sie lebte. „Ich hab’ mir’s jetzt gerade überlegt,
wie man das mit die Bilder vom Felix machen könnte!“ sagte Frau Therese
Tiefenbrunner über eine Weile. „Das geht nicht so weiter mit euch. Das
seh’ ich schon selber ein. Ausstellen muß er schon können, der Felix.
Da darf halt jetzt der Simon, mein Mann, nicht mehr nachgeben. Ich
werd’ das schon veranlassen, daß er nicht mehr nachgibt. Es ist halt
ein Kreuz! Aber du weißt ja, daß dem Patscheider, der da einen großen
Einfluß hat, die Bilder vom Felix nicht gefallen tun.“
„Das ist ja das Unerhörte!“ brauste jetzt Adele auf. „Daß von diesem
Menschen soviel abhängt!“
Die junge Frau, die das Kind zu sich auf den Schoß genommen hatte,
stellte es nun in ihrer Erregung wieder auf den Boden. Erschrocken und
scheu sah das kleine Mädchen auf Adele. Dann holte es sich die Puppe
und ließ sich zu den Füßen der Mutter nieder, als fühlte sie es, daß
schon ihre Nähe allein der Mutter eine Beruhigung sein müsse.
„Und noch dazu kennt er überhaupt kein Werk von Felix!“ fuhr Frau Adele
fort.
„Wohl, kennen tut er schon etwas!“ berichtete die Frau Tiefenbrunner.
„Vorig’s Jahr, da hat doch der Felix in einem Schaufenster drunten in
der Stadt etwas ausg’stellt g’habt. Ich glaub’, es war ein Weibsbild.“
„Ja, eine Studie, eine Aktzeichnung war’s. Die konnte doch unmöglich
wirken hinter der blanken Spiegelscheibe!“ verteidigte Adele das Werk
ihres Mannes.
„Was das anbelangt, das entzieht sich meiner Beurteilung. Ich weiß nur,
daß der Patscheider sich allzeit gewehrt hat gegen eine Ausstellung,
und daß der Simon gemeint hat, daß das nackte Frauenzimmer daran schuld
sei. Der Felix soll halt nimmer solche Sachen malen. Er muß doch
bedenken, daß wir hier alles anständige Frauen sind!“
Adele Altwirth hatte es schon längst aufgegeben, über Kunst und
Kunstbegriffe, über Erlaubtes und Unerlaubtes in der Kunst mit Frau
Tiefenbrunner zu sprechen. Sie wußte, daß jedes Wort vergebens gewesen
wäre. Und sie war gerecht genug, es einzusehen, daß die kleinliche
Umgebung, in der die Tante lebte, auch ein Verstehen ihrerseits
unmöglich machte. Sie verargte es der Apothekerin nicht. Um so weniger,
da sie bestimmt wußte, daß selbst die Äußerung, die sie soeben von ihr
gehört hatte, nur das Echo einer fremden Meinung gewesen war.
Was Adele empörte, war, daß der Einfluß eines Ignoranten, dem jeder
Begriff und jedes Verständnis für Kunst fehlte, ein so mächtiger sein
konnte. Frau Adele erfaßte die ihr günstig scheinende Gelegenheit,
um der Tante wieder einmal tüchtig zuzureden, sie möchte doch die
Ausstellung erwirken. Oft hatte sie es ja schon getan, und Frau
Tiefenbrunner hatte auch stets ihren Mann in diesem Sinne bearbeitet.
Aber der Erfolg bei dem Kaufmann Patscheider war immer ein negativer
gewesen.
„Wir können das verrückte Zeug nit brauchen, Herr Tiefenbrunner!“ hatte
der Patscheider den Apotheker brüsk abgewiesen. „Lassen Sie’s Ihnen
g’sagt sein, so was ist nix für uns. Wir sind zu g’sund dazu!“ Und
kleinlaut war dann der Apotheker zu seiner Frau gekommen und hatte ihr
das Resultat seiner Unterredung mitgeteilt.
„Wann halt ich selber einmal mit dem Patscheider reden tät’!“ sagte
Frau Tiefenbrunner nachdenklich. „Vielleicht nutzt es mehr, wenn ich
red’!“ meinte sie gutmütig.
„Ja, Tante, tu’ das! Ich bitte dich darum!“ sagte Adele fast flehend.
Sie hatte in diesem Punkt vollste Zuversicht auf die Apothekerin und
traute ihrem Geschick entschieden mehr als jenem des Herrn Simon
Tiefenbrunner.
[Illustration]
Elftes Kapitel.
Frau Therese Tiefenbrunner brachte es tatsächlich zustande, daß der
Herr Patscheider seine Mithülfe zusagte. In einem der größten Säle
wurde endlich die Ausstellung veranstaltet.
Felix schwelgte in Glückseligkeit. Auf den Rat seiner Frau war er mit
der Wahl seiner Werke sehr vorsichtig gewesen. Es waren hauptsächlich
Landschaften und einzelne Porträtstudien. Lauter gute und wertvolle
Bilder. Bilder, die ein großes Können, eine feine Beobachtung und
kühne Auffassung verrieten. Aber sie gefielen dem Patscheider trotzdem
nicht. Weder ihm, noch den meisten der andern, die zur Besichtigung der
Ausstellung sich eingefunden hatten.
„Es ist doch ein verrücktes Zeug!“ behauptete der Patscheider. „Wär’ er
g’scheiter in München blieben, er paßt nit herein zu uns!“
Auch die Kritik der Lokalblätter verhielt sich kühl und ablehnend, und
der Erfolg, den die Ausstellung hatte, war gleich Null.
Ein einziges Bild wurde verkauft, und das am allerletzten Tag der
Ausstellung, da Felix und Adele schon jede Hoffnung auf einen
materiellen Ertrag aufgegeben hatten.
Das Bild war eine feine Landschaft, und der Erlös daraus sicherte die
Existenz des jungen Künstlerpaares für die nächsten Monate. Es war
ein großer Freudentag für Felix und Adele. Ein Tag, an dem ihnen die
Hoffnung auf kommende bessere Zeiten wieder Kraft und Mut verlieh.
Der alte Rat Leonhard war der Käufer dieses Bildes gewesen. Es gefiel
ihm zwar nicht, aber er kaufte es trotzdem. Er kaufte es, weil es
das teuerste unter allen Bildern war. Er wußte auch nicht, was er
damit anfangen sollte. Aufhängen mochte er es nicht, und er hätte
auch keinen Platz dafür gehabt. Um es in einen Kasten zu legen,
dafür war das Bild entschieden zu groß. Die Frage der Aufbewahrung
kostete dem alten Herrn viel Kopfzerbrechen. Fast soviel, als es ihm
Selbstüberwindung und schwere Seelenkämpfe verursacht hatte, sich zu
dieser entscheidenden Tat aufzuraffen.
In dem geheimsten Winkel seiner Seele war der Herr Rat nämlich ein
alter Geizhals. Er sparte, sparte für sich selbst und gönnte sich nur
das Allernotwendigste. Für so etwas wie Kunst hätte er unter normalen
Umständen keinen Kreuzer übrig gehabt. Aber der alte Herr Rat war
nicht mehr ganz geistig normal. Wenigstens fing er das jetzt selber zu
glauben an, nachdem er sich zu dieser kühnen Tat durchgerungen hatte.
Er kaufte das Bild einzig und allein wegen seines kleinen goldblonden
Lieblings und freute sich schon im vorhinein auf das glückliche
Jauchzen des Kindes ... „Papa hat ein Bild verkauft, Onkel Rat! Denk
nur einmal, so viel Geld!“ Und dann würde sie ihre zierlichen, magern
Ärmchen auseinanderbreiten, wie das ihre Art war, um damit zu zeigen,
daß ihre Eltern eine ganze Welt von Geld ihr eigen nannten ...
Das kleine Mädchen war es auch, das unbewußt die ganze Not ihrer
Eltern dem alten Herrn verriet. Dora war eine kleine Plaudertasche.
Sie mußte immerzu plappern. Alles Mögliche und Unmögliche. Der Rat
Leonhard kannte gar bald alle ihre Spielsachen, wußte, wie ihre Puppen
hießen, und erhielt jeden Tag genauen Bericht über die eingenommenen
Mahlzeiten. Ohne daß er sie fragte, erzählte es ihm das Kind.
Dieses Redebedürfnis des kleinen Mädchens mochte wohl daher stammen,
daß Dora fast den größten Teil des Tages sich selber überlassen blieb.
Die gedrückte Stimmung, in der die Eltern lebten, ließ sie nicht dazu
kommen, sich viel mit ihrem Kinde zu beschäftigen. Felix schon gar
nicht. Der war zu nervös, zu aufgeregt und zu verzweifelt, um dem Kinde
viel Beachtung zu schenken. Und Adele, die von Natur aus ohnedies sehr
schweigsam war, hing jetzt viel ihren eigenen sorgenvollen Gedanken
nach. Sie spielte wohl mit dem Kinde, aber Dora fühlte es instinktiv,
daß ihre Mutter nie ganz bei der Sache war ... daß es ihr nicht Freude
machte wie dem Onkel Rat, wenn sie immerzu ihre kindlichen Fragen
stellte und drauflos plapperte.
Vor der Tante Therese hatte Dora eine Art Scheu. Sie ging ihr nicht zu.
Und Frau Therese, die nie ein eigenes Kind gehabt hatte, verstand es
auch nicht, sich mit Dora abzugeben.
Der alte Rat Leonhard aber verstand das viel besser und lebte mit
dem kleinen Mädchen in ihrem Phantasiereich. Redete mit ihr in ihrer
eigenen Sprache, interessierte sich für ihren Gedankenkreis, lachte mit
ihr und tat, was sie ihn hieß.
So wurde der alte Herr der einzige Spielgefährte des Kindes. Immer
länger wurden die Ständchen, die er droben auf dem Weg zur Weiherburg
mit dem kleinen Mädchen abhielt. Es war schwer zu sagen, wer von den
beiden sich mehr auf diese tägliche Zusammenkunft freute.
Adele sah es gerne, daß ihr Kind so viel Anwert bei dem alten
Sonderling gefunden hatte. Aber davon, daß Dora zur Verräterin ihrer
verschämten Armut wurde, hatte die junge Frau keine Ahnung ...
Das Geld, das Felix durch den Verkauf seines Bildes eingenommen hatte,
ging zur Neige. Die alte Not hielt Einkehr in dem kleinen, sonnigen
Häuschen und lastete noch drückender und schwerer auf Felix und Adele.
Es kamen Tage, an denen Adele ihrem Kind das Brot vorzählen mußte. Sie
mußte sich jedes Stückchen Brot, jeden Schluck Milch, den sie Dora
gab, berechnen, um mit dem wenigen Geld, das sie noch übrig hatten, so
lange als möglich wirtschaften zu können.
„Mutti, warum gibst du mir jetzt so wenig Brot?“ fragte das Kind einmal
und sah betrübt auf die dünne Scheibe, die sie in ihren Händchen hielt.
„Ich hab’ mehr Hunger, ich will noch ein Brot.“
Und Adele schnitt ein größeres Stück für das Kind herunter. Sie konnte
den Klageton nicht hören. Jetzt noch nicht. Auf sich selbst vergaß die
junge Frau. Es war lange her, seit sie sich das letztemal sattgegessen
hatte. Aber das machte nichts, wenn nur Felix und das Kind genug hatten.
„Mutti, gibst du mir nicht gerne Brot?“ frug Dora und sah mit großen,
forschenden Augen in das ernste Gesicht der Mutter.
„Doch, mein Liebling, mein Schatz, mein süßer!“ versicherte Adele und
küßte mit stürmischer Zärtlichkeit ihr kleines Mädchen. Dabei fielen
ihr heiße Tränen über das blasse Gesicht.
„Warum weinst du denn?“ fragte die kleine Dora. „Hast du wieder kein
Geld?“
„Nein, Schatzi, bald gar keines mehr. Wir müssen den lieben Gott
bitten, daß er uns wieder welches schickt!“ sagte Adele.
Das kleine Mädchen nickte verständig mit dem goldlockigen Köpfchen.
Dann biß sie heißhungrig in das große Brotstück. Die Luft da droben
auf der Weiherburg ist besonders frisch und macht kleinen Kindern
einen gesunden Appetit. Ernst und nachdenklich sah Dora mit ihren
großen blauen Augen auf die Mutter, die noch immer leise vor sich hin
weinte ...
„Du, Onkel Rat,“ sagte Dora am Nachmittag desselben Tages zu dem alten
Herrn, „hast du Kuchen mitgebracht?“
Der Rat Leonhard mußte bei solchen Fragen des Kindes stets laut
lachen. Dora stellte diese Fragen in einem so drollig gebieterischen
Ton und machte dabei ein so ernstkomisches Gesichtchen, daß der alte
Rat ein lautes Lachen nicht unterdrücken konnte.
„Nur zwei Orangen,“ sagte er dann, „in jedem Sack eine. Such’ sie dir
nur!“
Das kleine Mädchen besorgte das Suchen mit einer Gründlichkeit und
mit einem Eifer, daß die Manteltaschen des Herrn Rat Gefahr liefen,
aufgerissen zu werden.
„Morgen mußt du viel Kuchen mitbringen, Onkel Rat!“ sagte das Kind.
„Die Mama hat kein Geld, weißt du, und kann mir kein Brot mehr geben.
Und der liebe Gott hat kein Geld geschickt, und ich hab’ Hunger!“
erzählte Dora und sah mit ihrem zarten Gesichtchen, das so weiß und
rosig war wie die feinste Blüte eines Apfels und einen ungewöhnlich
innigen Ausdruck besaß, ernsthaft zu dem alten Herrn empor.
Bei der Rede des Kindes war der Rat Leonhard tief erschrocken. Stand
es wirklich so schlimm bei den Altwirths? Hunger ... das Kind hatte
Hunger. Ganz verstört war der alte Herr geworden. Er konnte sich
für den Augenblick gar nicht fassen und hörte nur zerstreut auf die
Neuigkeiten, die ihm Dora noch mitzuteilen hatte. Lauter liebe, kleine
Angelegenheiten von den Puppenkindern waren es.
„Bringt dir die Tante Therese nie Kuchen?“ forschte dann der Rat
Leonhard.
„Oh ja, manchmal schon, aber ich darf sie nicht bitten. Mama hat’s
verboten.“
„Und mich, mich darfst du schon bitten?“
Das Kind schüttelte das Köpfchen und sah schalkhaft zu dem alten Manne
auf. „Weißt du, das weiß die Mama ja gar nicht. Die weiß nicht, was ich
dir erzähle. Darum tu’ ich’s ja!“ lachte Dora listig.
Am nächsten Tag brachte der Rat Leonhard einen großen Gugelhupf mit und
am übernächsten Tag eine mächtig große Torte. „Sagst der Mama, ich hab’
so viel Bäckerei geschickt bekommen von meiner Schwester, daß ich sie
nicht allein essen kann!“ trug er dem Kinde auf. Der Rat Leonhard besaß
zwar gar keine Schwester, aber das konnte Frau Adele doch nicht wissen.
Adele war aber trotzdem mißtrauisch geworden, hatte Verdacht geschöpft
und unterzog ihr kleines Töchterchen einem Verhör. Und mit hochrotem
Gesichtchen hatte dann die kleine Sünderin ihre Schuld gebeichtet.
„Ja, Mutti, wenn uns der liebe Gott doch kein Geld schickt ...“ hatte
sie entschuldigend hinzugefügt. „Der Onkel Rat ist so gut und kann
schon Kuchen bringen.“ --
In den nächsten Tagen machte sich der Rat Leonhard abends nach dem
Stammtisch beim Weißen Hahn an den Apotheker Tiefenbrunner heran. Das
war ganz gegen seine Gewohnheit. Denn für gewöhnlich pflegte sich der
alte Herr mit einem kurzen Gruß und beinahe fluchtartig vom Stammtisch
zu entfernen, damit es ja keinem der Herren einfiele, ihn etwa ein
Stück des Weges zu begleiten.
Heute aber wartete der Rat Leonhard sogar auf den Apotheker und war
freundlich mit ihm. Sprach mit ihm, bis sie aus dem Lokal gegangen
waren. Dann blieb der Rat stehen und sagte: „Begleiten jetzt Sie mich
oder muß ich mit Ihnen gehen?“ Der Entschluß, einen kleinen Umweg zu
machen, kam den alten Sonderling noch im letzten Augenblick recht hart
an.
„Aber ich bitte, ich bitte!“ beeilte sich Simon Tiefenbrunner zu
versichern. „Ich gehe gern mit Ihnen. Es tut mir gut, so ein kleiner
Rundgang in der Nacht.“ Innerlich war der Apotheker jedoch gar nicht
so begeistert von dem „kleinen Rundgang“. Er sehnte sich ganz gewaltig
nach Hause ins Bett.
Der Rat Leonhard wohnte ziemlich weit droben in Wilten. Er liebte es,
seinen Heimweg stets so einzurichten, daß er beim Gerichtsgebäude,
der Stätte seines einstigen Wirkens, vorüberkam. Teilweise aus
Anhänglichkeit und teilweise aus Gewohnheit.
Wenn der Herr Rat einmal auf der Straße neben einem Menschen zu gehen
hatte, so pflegte er dieses ungewohnte Ereignis stets mit allerhand
vorbereitenden Zeremonien einzuleiten. So einen Menschen neben sich
gehen zu hören, mit ihm Schritt halten zu müssen und ihn gar noch in
ein Gespräch zu verwickeln, das war dem alten Herrn im höchsten Grade
zuwider. Aber es mußte heute eben sein. Damit hatte er sich abzufinden.
Der Herr Rat und der Apotheker Tiefenbrunner wanderten eine Weile
schweigend nebeneinander her. Gingen durch die engen Gäßchen, die vom
Weißen Hahn auf den Marktplatz führten, und sprachen kein Wort. Das
heißt, der Apotheker wartete geduldig auf das, was ihm der Rat zu sagen
haben würde. Denn daß es etwas ungewöhnlich Wichtiges sein müsse, das
wußte Simon Tiefenbrunner sofort.
Der alte Rat Leonhard hatte aber vorderhand keine Zeit zum Reden. Er
mußte sich zuerst damit vertraut machen, daß ein Mensch neben ihm ging,
mit dem er sich jetzt zu unterhalten hatte. Daher wanderte der alte
Herr schweigend dahin. Die Hände auf dem Rücken und den Kopf in der
Höhe, als habe er angelegentlich den Mond zu studieren. Der goß sein
mildes Licht auf die hohen, schwarzgrauen Häuser und ließ die dunkeln
Scheiben der Fenster ab und zu aufleuchten, als ob dahinter die Geister
jener Menschen, die hier in alten Zeiten einmal gehaust hatten, im
fahlen Schimmer ihr nächtliches Spiel trieben.