Tag, wenn die Uhr vom Turm zwei schlug, durch den Torbogen schritt,
der die Franziskanerkirche mit der Hofburg verbindet. Schlag zwei Uhr
war der alte Herr am Ende des Burggrabens zu sehen. Bei Regen und
Sonnenschein, bei Sturm und Schnee.
Täglich ging er den gewohnten Gang. Schritt langsam, fast schleichend,
mit vorgebeugtem Oberkörper, die Hände auf dem Rücken und einen
hellgrauen Regenschirm unter dem Arm, hinaus auf den breiten Rennweg
bis hinunter zum Inn.
Er hatte einen weichen, runden Hut auf dem Kopf, der ihm tief ins
Gesicht fiel. Einmal mochte der Hut ein ganz gutes Äußeres gehabt
haben. Das mußte aber gewiß schon recht lange her sein. Sicher war
der Hut einmal schwarz gewesen. Jetzt war er grünlich, bräunlich,
grau und von einer Ungebundenheit der Form, die schon geradezu etwas
Künstlerisches an sich hatte.
Dazu trug der Herr Rat einen langen, tiefbraunen Überrock, der auch
vor undenklichen Zeiten einmal modern gewesen war. Jedes Jahr trug
der Rat Leonhard denselben Hut und denselben Mantel. Man kannte ihn
in Innsbruck gar nicht anders als mit diesen Kleidungsstücken. Nur
während der heißen Sommermonate hatte der Herr Rat einen Hut und einen
Überzieher von ganz hellgrauer Farbe. Die waren aber beide so alt und
unmodern wie ihre Kollegen von der kälteren Jahreszeit.
Zwei Hüte und zwei Überröcke, die genügten dem alten Herrn vollständig
für eine lange Reihe von Jahren. Von seinem Regenschirm trennte er sich
nie. Nicht im Sommer und nicht im Winter, weder bei Schneegestöber noch
bei strahlend blauem Himmel.
Und tagtäglich wanderte der Herr Rat denselben Weg hinunter zum Inn,
bis zu der schmalen Brücke, dem sogenannten Kreuzersteg, die nach Sankt
Nikolaus hinüberführt. Der alte Herr schlich langsam und bedächtig
seines Weges und achtete kaum auf die Grüße der Leute, die ihn als
einen alten Innsbrucker nun schon jahrzehntelang gut kannten. Kaum,
daß er flüchtig den gebotenen Gruß erwiderte. Er liebte es gar nicht,
wenn man ihn kannte, und fühlte sich durch solche Begegnungen sofort in
seiner Gedankenwelt gestört.
Auf dem Innsteg blieb der Herr Rat stehen und sah eine Weile dem Spiel
der Wellen zu. Dann erst beschloß er, seinen Spaziergang fortzusetzen.
Von hier aus schlug der alte Herr die verschiedensten Wege ein. Je nach
dem Wetter. Aber am liebsten ging er hinauf zur Weiherburg, vorüber an
der Sankt Nikolauskirche, vorbei an dem ansehnlichen roten, breiten
Schloßbau von Büchsenhausen, und dann noch weiter hinauf, immer in
sachter Steigung bis zur Weiherburg. Bis zu diesem entzückenden kleinen
Schlößchen mit seinem spitzen Turm und mit der prachtvollen Fernsicht
auf die Stadt und auf die Berge des Unterlandes. Herrlich baut sich
dort gegenüber das Kellerjoch und das südliche Mittelgebirge mit der
Kuppel des Patscherkofels auf. Und rechts von ihm im Hintergrund
erhebt sich in ihrer vornehmen Ruhe die stolze Königin der Innsbrucker
Gebirgswelt, die Serles.
Es ist ein wundervoller Fleck Erde, auf dem dieses kleine, bescheidene
Schlößchen thront. Der alte Rat Leonhard liebte den Ausblick da droben
und erfreute sich oft und oft daran, und immer mit dem gleichen
frommen Gefühl der Andacht, die ihn angesichts dieser herrlichen Natur
stets wieder von neuem ergriff.
Der alte Herr ging immer allein und konnte es gar nicht leiden, wenn
sich ihm ab und zu einmal ein Bekannter auf seinem Weg anschloß. Er
wollte allein sein ... allein mit der Natur und mit seinen Gedanken. Er
wollte allein genießen und allein sehen.
Und er sah viel, der alte Herr. Viel mehr als andere Leute. Und er
wußte auch viel, obwohl er nur für sich lebte und sich anscheinend um
nichts kümmerte, als um seine eigene Person. So wußte er doch vieles,
was um ihn vorging. Wußte es besser zu deuten und zu beurteilen als die
andern.
Der alte Rat Leonhard ging fast täglich diesen Weg zur Weiherburg
hinauf. Sommer und Winter. Und ganz besonders gern im Winter. Da
brannte die liebe Frau Sonne so herrlich warm, daß die Eiszapfen an den
Dächern der Häuser und Villen, die verstreut am Wege lagen, zu tauen
begannen und daß der festgefrorene Schnee unter den Füßen nicht so
unbarmherzig knirschte, sondern den Schritten der Menschen nachgab wie
das weiche Fell eines Eisbären.
Es war hier oben gleich einer trostvollen Verheißung der Natur, daß
dieser harte, starre Mantel aus Eis und Schnee, der alles in grausame
Kälte hüllte, Berge und Stadt, Gärten und Wiesen, der dem breiten
Fluß drunten im Tal einen immer dichter werdenden Eispanzer anzulegen
drohte, schwinden werde ... daß all dies gänzliche Absterben in der
Welt durch ein jähes, warmes Wunder plötzlich und über Nacht zu neuem
treibendem und keimendem Leben erwachen werde. Und deshalb liebte der
alte Herr diese Gegend von Innsbruck ganz besonders, weil dort droben
der Süden über der Stadt grüßte. Der herrliche, wärmende und das
Frühjahr verkündende Süden.
In einem Häuschen in der Nähe der Weiherburg, das mit seinem zierlichen
Garten und seinem putzigen Balkon so niedlich war wie ein Puppenheim,
wohnte der Maler Felix Altwirth seit zwei Jahren. Und die kleine
dreijährige Dora mit dem goldroten Lockenhaar und den ungewöhnlich
großen, blauen Augen spielte in dem Garten. Spielte und sang und
rodelte im Winter auf einem kleinen Schlitten die Anhöhe hinunter, die
von der Weiherburg zu ihrem Heim führte.
Fast täglich sah der alte Herr Rat das Kind. Und sie kannten sich auch
gut, diese beiden. Wenn die kleine Dora den alten Herrn kommen sah,
dann lief sie ihm jedesmal entgegen, hüpfte fröhlich an ihm empor und
fragte „Hast du mir was mitgebracht, Onkel Rat?“
Und dann untersuchte das freche kleine Persönchen mit ihren weichen
Patschhändchen die unförmigen großen Manteltaschen des Herrn Rates.
Der alte Herr blieb geduldig stehen und ließ sie gewähren. Ja, er half
ihr sogar dabei, daß sie besser hineinlangen und die Überraschung
finden konnte, die er für sie hatte. Eine Orange, ein Stück Schokolade
oder gebratene Kastanien. Mit leeren Händen kam der alte Rat Leonhard
jetzt nie mehr an dem kleinen Häuschen vorbei. Nie mehr, seit jener
Freundschaftsbund zwischen ihm und dem Kind gegründet wurde.
„Warum hast du immer den garstigen Schirm mit, Onkel Rat?“ hatte ihn
einmal das Kind gefragt. „Es regnet doch gar nicht. Da brauchst du ihn
nicht. Wart’, gib mir den Schirm, ich will damit spielen.“
Und lächelnd tat ihr der alte Herr den Willen. Er lächelte tatsächlich,
der alte Junggeselle mit dem stets verdrossenen Mopsgesicht. Lächelte
und sah dem kindlichen Spiel des kleinen Mädchens zu, wie sie eifrig
plappernd mit seinem Schirm auf und ab lief, stets erzählte und mit
der Spitze des Schirmes Figuren in die Erde zeichnete.
„Weißt du, das ist ein Bild. Ein schönes Bild!“ erklärte sie dann
wichtig. „Das hab’ ich gemalt, ganz wie der Papa malt, nur noch viel
schöner. Und das mußt du jetzt kaufen!“ Und plötzlich sah das Kind
nachdenklich zu dem alten Manne auf und sagte: „Kauf! Du mußt es
kaufen, Onkel Rat, damit ich Geld bekomme! Dann bring’ ich es der
Mama, und dann lacht die Mama. Und meine Mama ist so lieb. So lieb ...
und ich hab’ sie so lieb!“ erklärte das kleine Mädchen und machte mit
beiden Armen einen großen Kreis, um anzudeuten, wie lieb sie ihre Mama
habe. „Hast du meine Mama auch lieb, Onkel Rat?“ fragte sie dann den
alten Herrn und sah ihn forschend an. „Zeig, wie lieb du meine Mama
hast!“
Der Rat Leonhard mußte unwillkürlich lachen über die Rede des Kindes.
Dabei fuhr er mit ungeschickten Händen über das blonde Lockenköpfchen.
Die alten Hände des Rates Leonhard waren es nicht gewöhnt zu liebkosen.
Als er mit seinen plumpen Fingern das erstemal streichelnd über das
Kinderköpfchen fuhr, fast ängstlich und zaghaft, als könne er das
kleine Ding irgendwie verletzen, da durchrieselte es den alten Herrn
ganz merkwürdig. Eine Rührung überkam ihn, ein nie gekanntes Gefühl,
das er auch schleunigst niederzukämpfen trachtete.
Das Kind hatte den alten Herrn liebgewonnen und wartete täglich am
Gartentor, bis es seine gebeugte Gestalt den Berg herauf kommen sah.
Dann lief es ihm entgegen und begleitete ihn ein Stück des Weges. Hand
in Hand gingen sie dann nebeneinander her, und das fröhliche, sorglose
Kind zwitscherte und plauderte und erzählte dem alten Herrn alles, was
ihm gerade durch den Sinn kam.
Fast ein Jahr schon dauerte die Freundschaft. Von Tag zu Tag freute
sich der alte Herr Rat auf das Wiedersehen mit dem Kinde. Freute sich
auf den Lichtblick, der in sein einsames Dasein fiel.
Von Felix Altwirth und dessen Frau bekam der Rat Leonhard nur wenig zu
sehen. Aber er wußte durch die Erzählungen des Kindes ziemlich genau
Bescheid, wie es bei dem kleinen Mädchen daheim zuging ...
Gleich nach seiner Übersiedlung von München war Felix Altwirth am
Stammtisch beim Weißen Hahn aufgetaucht und hatte auch seine junge
Frau den Herren dort vorgestellt. Felix Altwirth war ziemlich kühl
aufgenommen worden. Er war ein Fremder geworden in diesem Kreis ...
einer, mit dem sie nicht recht wußten, was beginnen. Und Felix wiederum
hatte das beklemmende Gefühl, daß die Herren ihn als Künstler nicht
einzuschätzen verstanden, daß er für sie trotz der Erfolge, die er doch
in seiner Kunst zu verzeichnen hatte, derselbe Felix Altwirth geblieben
war, der arme Schlucker und verbummelte Student, auf den sie mehr oder
weniger geringschätzig herabsahen.
In Wirklichkeit verhielt sich die Sache jedoch anders. Die Herren am
Stammtisch wollten gut und entgegenkommend gegen Felix sein, aber
nicht einer von ihnen fand den richtigen Ton, der über das beklemmende
Gefühl hinweggeholfen hätte, das sie schließlich in ganz gleicher Weise
beherrschte wie den jungen Künstler.
Adelens Gegenwart mochte vielleicht auch daran Schuld tragen. Die
junge Frau paßte so gar nicht in dieses Milieu. Sie, die den freien,
herzlichen und ungezwungenen Ton der Münchener gewöhnt war, fühlte
sich durch die wortkarge Art der Herren beleidigt. Sie verstand diese
Eigenart nicht. Woher sollte sie es auch wissen, daß die Herren sich
mit jedem Fremden, der in ihre Kreise kam, erst abfinden mußten. Daß
sie ihn zuerst von ferne beobachten mußten, ehe sie ihn näher an sich
herankommen ließen. Adele hatte den Eindruck, als ob eine persönliche
Abneigung gegen sie vorhanden sei, als ob man sie in diesen Kreis nicht
aufzunehmen wünschte.
Dieser Eindruck verstärkte sich bei ihr noch mehr durch die Haltung der
Damen, denen sie vorgestellt wurde. Da war auch nicht eine einzige,
die für die Fremde ein warmes Wort des Willkommens gefunden hätte.
Nicht eine einzige, die sie mit guten Worten in ihr Heim geladen hätte.
Die Professorin, die in solchen Fällen sonst stets die warmherzigste
unter allen gewesen, war durch ihre Erfahrung mit Frau Sophie Rapp
gewitzigt worden und zog es vor, gleich den andern Damen eine gemessene
Zurückhaltung zu bewahren.
Nur bei der Familie des Arztes Doktor Max Storf war eine Art
Freundschaftsverkehr zustande gekommen. Aber dieser Verkehr war auch
nur äußerst oberflächlich und kam nie über das Niveau der gegenseitigen
Anstandsbesuche hinaus. Auch zwischen Felix und Max war die alte
Jugendfreundschaft nicht mehr wie früher. Dazu mangelte es dem
vielbeschäftigten Arzt an Zeit. Und auch die beruflichen Interessen der
beiden waren so verschiedener Art, daß sich die zwei Freunde nicht mehr
in der innigen Weise zusammenfanden, wie das früher der Fall gewesen
war.
So waren denn Felix und Adele so ziemlich allein auf sich selber
angewiesen. Für Felix war die Heimat, die er mit so heißem Verlangen
ersehnt hatte, eine schwere Enttäuschung geworden. Er war ein Fremder
geworden in der Heimat ... einer, den man dort leben ließ, aber ohne
daß er Anteil nehmen durfte an dem Aufstreben und Gedeihen der Stadt.
Adele erkannte es schon nach ganz kurzer Zeit, daß die Übersiedelung
aus der lieben alten Kunststadt an der Isar ein Unglück für Felix
war. Sie teilte nicht die Begeisterung ihres Mannes für die herrlichen
Naturschönheiten seiner Heimat. In ihr wurde jedes erhebende Gefühl
durch die kalte, frostige Art der Menschen, die sie umgaben, ertötet.
Und dann drückten sie schwere Sorgen. Die Sorge ums tägliche Brot war
es, die mit voller Wucht auf der jungen Frau lastete.
Sie hatte darauf gerechnet, daß sie auch in Innsbruck Musikunterricht
werde geben können, daß sie gerade so, wie sie es in München getan
hatte, die Hauptlast des Hausstandes tragen würde. Aber auch darin
hatte sie sich getäuscht. Es fanden sich keine Schüler für die
unbekannte Münchener Pianistin. Und der Umstand, daß sich Adele
überhaupt mit dem Plane trug, für Geld Unterricht zu erteilen, machte
sie für die Damen der Innsbrucker Gesellschaft von vornherein unmöglich.
Frau Therese Tiefenbrunner und ihr Gatte waren die einzigen, die dem
jungen Künstlerpaar mit Freundschaft und Wärme entgegenkamen. Sie taten
alles, was sie konnten; und trotzdem wurde in Felix bald wieder der
alte Groll gegen seine Verwandten rege, und auch in Adele bäumte sich
alles gegen die Art der Apothekerin. Bald kostete es sie die gleiche
Überwindung und die nämliche Selbstbeherrschung wie ihren Mann, gut,
freundlich und dankbar gegen die Tante zu sein.
Es verging fast kein Tag, an dem die Apothekerin nicht den weiten Weg
bis zur Weiherburg hinaufkeuchte. Es wurde ihr recht hart. Frau Therese
Tiefenbrunner hatte es stark mit der Atemnot zu tun. Aber sie keuchte
unentwegt über die Anhöhe und langte dann ganz ermattet und erschöpft
oben an.
Sie kam selten mit leeren Händen. Seit sie mit scharfem Kennerblick
es bemerkt hatte, daß bei dem jungen Paar Sparhans Küchenmeister war,
seitdem schleppte sie immer noch einige Päckchen mit sich herauf.
Allerhand brachte sie, Kaffee, Fleisch, Zucker, Kuchen, Schürzen oder
ein Kleidchen für das Kind, und was ihr sonst gerade einfiel. Sie gab
und wollte geben. Aber sie tat es in einer Weise, die den feinen Sinn
der jungen Frau verletzte. Frau Adele hatte das Gefühl, Almosen zu
empfangen, und ihr ganzer Stolz bäumte sich dagegen. Die Art und Weise,
wie sie die gut gemeinten Geschenke der Apothekerin aufnahm, kränkte
wiederum die Geberin.
So kam es, daß Tante und Nichte sich bald schroff gegenüberstanden.
Umsomehr, da Adele sich einmal in ganz energischer Form die taktlosen
Einmischungen der Apothekerin in ihren Haushalt verbeten hatte.
Nach und nach kam die Apothekerin seltener, aber sie dehnte ihre
Besuche doch immerhin noch so lange aus, stellte so eingehende Fragen
und besah sich alles im Haushalt mit so prüfenden Blicken, daß Adele
jedesmal nach einem solchen Besuch einem Weinkrampf nahe war.
Die Frau Apotheker hatte es bald losgehabt, daß es mit dem Einkommen
ihres Neffen nicht weit her war. Mit dieser Erkenntnis war aber
auch der Nimbus, der den jungen Maler in der Fremde umgab, für sie
geschwunden. Felix war ihrer Meinung nach ein Mensch, der ein wenig
einträgliches Gewerbe betrieb. Ein Mann, der stets in allen sieben
Himmeln schwebte und der keinen festen Boden unter sich hatte. Einer,
dem man forthelfen mußte, wollte man ihn nicht zugrunde gehen lassen.
Mit Adelens Art konnte sich Frau Therese Tiefenbrunner gar nicht
zurecht finden. Eine Frau wie diese war ihr in ihrer Praxis überhaupt
noch nicht vorgekommen. Die Apothekerin gestand es sich schon nach
kurzer Zeit ganz ehrlich ein, daß sie die junge Frau nicht leiden
konnte. So ehrlich war sie. Und trotzdem versuchte sie es nach Kräften,
gut mit ihr zu sein, ihr mit Rat und Tat zu helfen, wo sie nur konnte.
Frau Therese war fest davon überzeugt, daß die schlechte Geschäftslage,
in der sich Felix befand, zum großen Teil die Schuld seiner Frau sei.
„Siehst, Adele ...“ meinte sie, als sie wieder einmal bei dem jungen
Paar zu Besuch weilte, „das tät’ ich an deiner Stell’ anders machen wie
du. Ich muß schon sagen, ganz anders.“
Die junge, hochgewachsene, schlanke Frau sah ängstlich auf die Tante,
die in ihrer ganzen Breite in dem einzigen bequemen Lehnstuhl saß, den
der bescheidene Haushalt aufzuweisen hatte.
Frau Tiefenbrunner saß breitspurig vor Adele und hielt sich steif
aufrecht. Dabei zog sie den ohnedies dicken Hals vollständig ein und
schob die Achseln hoch. Sie dachte, daß sie in dieser Haltung besonders
imponierend aussehe. Ein feistes Doppelkinn bildete sich durch die
zusammengezogenen Fettwülste des Halses. Die Lippen klemmte die
Apothekerin fest gegeneinander und sah mit runden, vorwurfsvollen Augen
auf die junge, blonde Frau.
„Wie anders machen? Was meinst du eigentlich, Tante?“ frug Adele mit
ihrer tiefen, weichen Altstimme, die so schmelzend klang wie Glockenton
aus edelstem Metall.
Frau Therese lehnte sich steif zurück und kreuzte die dicken Arme unter
dem Busen. „Ich mein’, das mit dem Felix seiner Malerei!“ fuhr sie
fort. „Das ist doch gar nicht klug, wie er jetzt malt, wenn er nichts
verkaufen kann davon!“ sprach sie in ihrer langsamen Redeweise, Wort
für Wort betonend.
„Doch, Tante, Felix verkauft schon. Erst in der vorigen Woche wieder
hat er ein Bild in München verkauft!“ erzählte Adele.
„So, in München, das freut mich. Wieviel hat er denn da verdient
dabei?“ erkundigte sich die Apothekerin nach einer kleinen Pause,
während der sie ihre Augen forschend überall im Zimmer herumschweifen
ließ, ob sie nicht irgendein Zeichen von Unordnung entdecken könnte.
„Zweihundertundfünfzig Mark ...“ berichtete Adele. Die junge Frau
ärgerte sich innerlich, daß sie sich noch immer nicht so weit gebracht
hatte, der Tante ihres Mannes energische Antworten zu geben. „Es war
eine kleinere Landschaft ...“ fügte sie entschuldigend hinzu.
„So!“ Frau Therese nickte sehr verständnisvoll mit dem Kopf. „Das
ist aber nicht viel, zweihundertundfünfzig Mark. Gar nicht viel. Da
werdet ihr nicht lange auskommen damit in Innsbruck, wo die Sachen
alle so teuer sind. Zum Beispiel der Blumenkohl, den hab’ ich neulich
um dreißig Kreuzer haben müssen. Wieviel hast denn du bezahlt dafür?“
forschte sie, und ein verstecktes Mißtrauen lauerte in ihren Augen.
Wenn die Apothekerin von Wirtschaftsfragen anfing, dann überkam
ein Gefühl tiefster, innerster Hilflosigkeit die junge Frau. Adele
verstand nicht viel vom Wirtschaften. Es fehlte ihr der Sinn dafür
und, wie sie sich ausdrückte, auch die Begabung. Die junge Frau war
sparsam. Sie überlegte sich jede, auch die kleinste Ausgabe. Aber sie
konnte sich um keinen Lohn der Welt dazu bringen, ihren Kopf nur mit
Haushaltungssorgen anzufüllen. Und schon gar für die verschiedenen
Preise der Waren hatte sie nicht das geringste Gedächtnis. Sie vergaß
alles sofort wieder.
Adele empfand das selber wie einen Mangel. Dieser Fehler war ihr
eigentlich erst jetzt, da sie gewissermaßen unter der ständigen
Kontrolle der Tante ihres Mannes stand, so recht zum Bewußtsein
gekommen. Die junge Frau fühlte es auch, daß Frau Therese Tiefenbrunner
sie durchschaute und sie innerlich wegen dieses Mangels verurteilte.
Adele lenkte daher stets das Gespräch mit einiger nervöser Hast von der
Hauswirtschaft auf einen andern Gegenstand. So auch jetzt wieder.
„Ich habe in letzter Zeit keinen Blumenkohl gekauft, Tante,“ entgegnete
die junge Frau. „Und was das Geld anbetrifft, da hast du ganz recht. Es
ist wenig. Felix sollte eben hier in seiner Heimatstadt Anwert finden.
Es ist doch einfach ein Skandal, daß sich gar niemand um ihn kümmert!“
sagte sie erbittert.
„Was das Bekümmern anbelangt,“ entgegnete die Apothekerin in ihrer
ruhigen Weise, „so kann ich dir sagen, daß das gar nicht so schlimm
ist. Die Leute müssen eben erst etwas Gemaltes sehen vom Felix. Dann
werden die Innsbrucker schon kaufen. Die sind nicht so, wie du dir
einbildest. Die haben Geld und haben auch ein Kunstverständnis. Aber
natürlich, die Katz’ im Sack kaufen, das kann man von keinem Menschen
nicht verlangen. Von gar keinem!“ fügte sie mit Nachdruck hinzu.
Frau Tiefenbrunner fühlte sich stets persönlich gekränkt, wenn die
junge Frau sich über die Stadt und deren Verhältnisse im ungünstigen
Sinne äußerte.
„Das verlangen wir auch nicht, Tante,“ meinte Frau Adele. „Wir
verlangen nur, daß Felix endlich einmal die Möglichkeit geboten wird,
seine Bilder auszustellen. Aber es ist ja hier geradezu, als lebten wir
wie Ausgestoßene, wie ...“
„Du, Adele, tu’ mir nicht immer so schimpfen über Innsbruck! Das möcht’
ich mir schönstens verbeten haben. Du bist eben keine Hiesige nicht
und verstehst das alles halt nicht besser!“ sagte Frau Tiefenbrunner
entschuldigend.
Adele, die früher vor der Tante gestanden war, hatte sich jetzt
auf einen Hocker der Apothekerin gegenüber gesetzt und ihren Kopf
nachdenklich in ihre schlanken, weißen Hände gestützt. Diese weißen,
untadeligen Hände, die so wenig nach Arbeit aussahen, waren der Frau
Therese Tiefenbrunner ein großer Dorn im Auge. So oft sie diese Hände
nur sah, schaute sie sie fest und lange an. Sie wollte wenigstens durch
ihre Blicke Adele darauf aufmerksam machen, daß es sich für deren Stand
absolut nicht schicke, so feine, gepflegte Hände zu haben. Adele hatte
zu arbeiten, zu putzen, zu kochen und zu scheuern. Auf diese Weise
hätte sie das Wohlgefallen der Apothekerin gefunden.
Überhaupt gefiel Frau Therese Tiefenbrunner die ganze Erscheinung der
jungen Frau nicht. Frau Adele war schlank von Gestalt, graziös in jeder
Bewegung und von der weichen Biegsamkeit eines sehr jungen Mädchens.
Sie hatte so gar nichts Frauenhaftes an sich. Auch ihre Kleidung, so
einfach und bescheiden sie war, verriet den künstlerischen Anstrich
in Farbe und Schnitt. Adele sah jugendlich aus und liebte es, diesen
Eindruck noch zu erhöhen.
Die junge Frau hatte ein blasses, ernstes Gesicht. Sie besaß eine herbe
Schönheit, die aber erst, wenn man sie näher kannte, zur vollen Geltung
kam. Nur selten lösten sich die schmalen, streng geschlossenen Lippen
zu einem weichen Lächeln. Das war dann aber von einer wunderbaren
Innigkeit und Wärme, verklärte ihr ganzes Wesen und brachte in die
hellgrauen Augen, die von dunkeln Wimpern beschattet waren, einen
feuchten, bezaubernden Glanz. Mit ihrem seidenweichen, aschblonden
Haar und der stets leichtgesenkten Kopfhaltung machte Frau Adele dann
den Eindruck einer Madonna, einer Gottesmutter in der Auffassung eines
germanischen Künstlers.
Die Apothekerin hatte wenig Sinn für die herbe Schönheit der jungen
Frau. Sie fand „gar nichts Besonderes“ an ihr und konnte es nicht
begreifen, daß sich der Felix in der großen Stadt keine bessere und
schönere „aufgegabelt“ hatte. Sie fand Frau Adele kalt, unfreundlich,
undankbar und leichtsinnig. Jedenfalls gar nicht geeignet, den
flatterhaften Sinn ihres Mannes zu bändigen und ihn auf vernünftige
Bahnen zu leiten. Dabei war Frau Adele in den Augen der Apothekerin
auch noch hochmütig und ungelehrig, wollte nichts annehmen, was man ihr
sagte, und verstand alles immer viel besser.
Es war ein später Nachmittag im Dezember, als sich die beiden Frauen
in dem kleinen Wohnzimmer gegenübersaßen. Eine große Hängelampe
sandte ihren Schein durch die Stube. Und der Schein fiel auch auf das
goldlockige Kind, das in einem Winkel saß und mit einer Puppe spielte.
Es war einfach, aber gemütlich in dem nicht sehr hohen Zimmer. Das
breite Doppelfenster hatte lichte Vorhänge. Ein Blumentischchen aus
weißlackiertem Holz mit blühenden Geranienstöckchen stand unmittelbar
vor dem Fenster, und neben dem Fenster hing ein Vogelkäfig, in dem
ein gelber Kanarienvogel zwitscherte, im lustigen Wettkampf mit dem
goldlockigen kleinen Menschenkind.
Ganz besonders hell und licht war es hier drinnen bei Tag, wenn die
Sonne ihre glänzenden Strahlen sandte. Da lachte und grüßte es durch
die Fenster herein und lockte hinaus ins Freie zu Wanderungen durch das
Tal und über die Berge.