den Zeitpunkt herbeisehnte, wo er als freier, unabhängiger Mann vor
seine Verwandten hintreten würde, als ein Mann, der etwas erreicht
hatte im Leben.
Allzu lange brauchte Felix nicht zu warten auf die Erfüllung seines
Wunsches. Der junge, talentvolle Künstler hatte Glück mit seinen
Arbeiten. Es gelang ihm, seine Bilder in den Münchener Kunstsalons zur
Ausstellung zu bringen und auch einzelne von ihnen zu verkaufen. In
verhältnismäßig kurzer Zeit hatte er sich einen ganz geachteten Namen
erworben.
Felix Altwirth schrieb selten an seine Tante. Und wenn er schrieb, so
waren seine Briefe trocken und formell. Trotz aller Dankbarkeit, die
er empfand, wollte kein herzliches Gefühl gegen Frau Therese in ihm
aufkommen. Dazu hatten ihn ihre plumpen Ermahnungen, die ihm stets als
Vorwürfe erschienen, innerlich zu sehr erbittert.
Auf Frau Therese Tiefenbrunner machten jedoch gerade diese einfachen,
sachlichen Briefe einen gewaltigen Eindruck. Sie imponierten ihr, weil
sie sich den Ton dieser Briefe nicht zurechtzulegen verstand. Und als
Felix eines Tages schrieb, er sei nun in der Lage, allein für sich zu
sorgen, und er sei dem Onkel und seiner Tante recht herzlich dankbar
für alles, was sie für ihn getan hätten, und was dergleichen schöne
Redensarten noch mehr waren ... da war die Apothekerin so glücklich und
stolz auf ihren Buben, wie sie ihn jetzt stets zu nennen pflegte, daß
sie schnurstracks zur Post lief und eine ansehnliche Geldanweisung nach
München sandte. Als Glückwunschgabe für seine großen Erfolge, schrieb
sie dazu mit klobigen, ungelenken Buchstaben.
Es waren etliche hundert Kronen. Und Felix Altwirth, der es schon
gelernt hatte, Künstlerlos und Künsterschicksal als ein wankelmütiges
Ding zu betrachten, legte sich das hübsche Geschenk der Tante als einen
Notpfennig beiseite.
Felix Altwirth war jetzt ein glücklicher und zufriedener Mann geworden.
Ganz glücklich, seit er sich ein kleines, bescheidenes Heim gegründet
hatte, in dem die stille, feinsinnige Adele als seine Frau waltete.
Draußen im Isartal, auf einem der einsamen Wege hatten sich die beiden
jungen Menschenkinder kennen und lieben gelernt.
So oft er nur konnte, wanderte der junge Maler ins Isartal. Es war
nicht allein die herrliche, farbenprächtige Natur, die ihn allmächtig
hinauslockte, sondern auch eine namenlose Sehnsucht nach den Bergen.
Es waren die Tiroler Berge, die ihn aus der Ferne unwiderstehlich
anzogen. Er wußte es ja, daß er sie nicht erblicken konnte, aber es
genügte ihm schon, daß er in dem leichten, blauen Nebeldunst überhaupt
Berge sah ... Berge, die seiner geliebten Heimat so nahe und verwandt
waren.
Nach jeder solchen stillen Wanderung ins Isartal kehrte Felix neu
gestärkt und erfrischt in die Großstadt zurück. Die Natur da draußen
hatte ihn seiner Heimat näher gebracht, hatte ihm Kraft verliehen zu
neuem Schaffen.
Der junge Maler hätte es nie geglaubt, daß er jemals mit so heißer
Liebe und Sehnsucht nach seiner Vaterstadt zurückverlangen würde, als
das jetzt in immer stärkerem Grade bei ihm der Fall war. Alles Üble,
was er dort erlebt hatte, war gedämpft oder ganz erloschen in seiner
Erinnerung. Er fing jetzt an, sich nach Innsbruck zu sehnen, mit der
gleichen brennenden Begierde, wie er einstmals von dort fortgestrebt
hatte.
Zwei Jahre war Felix Altwirth nun mit Adele verheiratet. Und ein
kleines, blondlockiges Mädel machte just die ersten drolligen
Gehversuche und übte sich mühsam und mit wichtigem Gesichtchen, um die
Kunst des Redens zu erlernen.
In Schwabing, dem Eldorado aller jungen Künstler und Künstlerinnen,
hatte das junge Paar sein Heim aufgeschlagen. Eigentlich gehörte Frau
Adele auch der Gilde der Schwabinger an. Sie war eine Beamtentochter
aus einer größeren Stadt in Mitteldeutschland und früh verwaist. In
München hatte sie Musik studiert und die Prüfung als Klavierlehrerin
mit gutem Erfolg bestanden.
Adele hatte es frühzeitig lernen müssen, sich zu behaupten. Und in
strenger Selbstzucht hatte sie sich stets von allen lockern Sitten des
Künstlervölkleins, das sie umgab, fern zu halten gewußt. Als Felix sie
kennen lernte, war sie ein reifes Mädchen von fünfundzwanzig Jahren
und schon einige Jahre als Klavierlehrerin tätig. Auch in ihrer Ehe
wollte sie nicht darauf verzichten, ihren Teil zur Aufrechterhaltung
des Hausstandes beizutragen.
So war das Leben des jungen Paares ein zwar bescheidenes, aber
ein immerhin behagliches geworden. Felix konnte sich ganz seinen
künstlerischen Neigungen widmen. Er brauchte nicht zu malen um des
lieben Brotes willen, da ja Frau Adele zum großen Teil die Sorgen für
den Haushalt übernommen hatte.
Felix Altwirth hatte all dieses seiner Tante nach Innsbruck
geschrieben. Seine Briefe waren, seit er das Glück genoß, von einer
feinen und gebildeten Frau liebend umsorgt zu sein, viel heiterer und
ausführlicher geworden. Er hatte es gelernt, milder und gerechter zu
urteilen, und hatte es sogar so weit gebracht, seine Verwandten zu sich
nach München einzuladen.
Daß sich die beiden alten Leute zu diesem Unternehmen wirklich
entschließen würden, daran war natürlich nicht zu denken. Sie nahmen
es sich zwar stets vor, entwickelten eingehend und umständlich ihre
Reisepläne bis in jede Kleinigkeit und verschoben die Ausführung von
Monat zu Monat.
Und einmal, da schrieb der Felix, daß er es nicht mehr aushalten könne
in der Großstadt. Das Heimweh habe ihn gepackt mit solcher Macht, daß
es seine ganze Schaffenslust zu untergraben drohe. Er müsse fort,
hinein nach Tirol mit Weib und Kind. Dort in seinen heimatlichen Bergen
werde er allein die Kraft finden können, das Höchste in seiner Kunst zu
erreichen.
Es sei ihm nicht bange vor der Zukunft. Nachdem es ihm in München unter
viel schwierigeren Umständen gelungen wäre, sich einen angesehenen
Namen zu gründen, so zweifle er nicht daran, daß er auch in seiner
Vaterstadt sein Glück und sein Fortkommen finden werde. Er hoffe sogar,
daß es ihm vergönnt sein möge, Großes auf dem Gebiete der Kunst nicht
nur für sich, sondern auch für die Stadt zu leisten.
Die Kunst müsse hoch kommen in seiner Heimat. Es fehle nicht an
Künstlern und Leistungen, aber an dem Zusammenhalt der einzelnen. Die
feste, energische Leitung fehle, das einheitliche Zusammenarbeiten
aller, um das Ansehen Innsbrucks auch als Kunststadt im ganzen Reich zu
Ehren zu bringen.
Er, Felix Altwirth, fühle in sich die Kraft, diese Ideale zu
verwirklichen. Er fühle sich dazu berufen, die künstlerische Führung
zu übernehmen. Er gedenke, alle Künstler Tirols um sich zu scharen und
einen Kunsttempel zu gründen, der vorbildlich werden solle im engern
Heimatlande und im ganzen Reich.
Frau Therese Tiefenbrunner verstand nicht viel von den Zielen und
Absichten des jungen Künstlers. Aber sie machte doch ein sehr
gescheites Gesicht, während sie den Brief las. Schon deshalb, weil sie
jetzt überhaupt große Stücke auf ihren Neffen hielt. Sie war überzeugt
davon, daß alles das, was er schrieb, auch richtig sein müsse und
ausgeführt zu werden verdiene.
Felix lebte ja nun in München. In der Großstadt hatte er es sicher
gelernt, wie man das, was er da sagte, ins Werk setzen mußte. Und eine
Frau hatte er auch, die was von Kunst verstand. So würde es schon recht
werden. Für Frau Therese Tiefenbrunner bedeuteten die künstlerischen
Ideale und Phantasien ihres Neffen ungefähr so viel, als ginge dieser
mit dem Plane um, irgendein neues Geschäft in Innsbruck zu errichten.
Mit einer beinahe herablassenden Handbewegung übergab die Apothekerin
ihrem Gatten den Brief ihres Neffen. „Da tu das einmal lesen, Simon!“
sagte sie in ihrer langsamen, singenden Tonart. „Und dann bringst den
Brief heut’ auf die Nacht dem Herrn Patscheider. Der soll ihn nur auch
lesen. Das schadet ihm gar nicht, wenn er sieht, daß andere Leute
auch noch Einfälle und Ideen haben tun, nicht nur er alleinig. Und
den Doktor Rapp kannst es auch lesen lassen. So etwas muß man nämlich
unterstützen, was die Kunst anbetrifft. Das kannst ihnen sagen, Simon.
Nit wahr, du verstehst mi schon, Alter?“ sagte sie freundlich und fuhr
ihm dabei streichelnd über den jetzt schon stark ergrauten Kopf ...
Beinahe zehn Jahre waren vergangen, seitdem der Apotheker jene
denkwürdige Unterredung mit Felix Altwirth gehabt hatte, die dem
jungen Mann die Künstlerlaufbahn sicherte. Zehn Jahre ... Die Menschen
altern rasch in kleinen Städten. Die Zeit war nicht spurlos an Simon
Tiefenbrunner vorüber gegangen. Er war alt und gebeugt geworden, als
hätte er eine schwere Sorgenlast im Leben zu tragen gehabt.
Herr Tiefenbrunner sah gar nicht darnach aus, als ob er viel von
dem Auftrag seiner Gattin verstünde. Aber er nickte zustimmend und
brachte auch abends gehorsamst den Brief von Felix zur Vorlesung beim
Stammtisch im Weißen Hahn. Der Apotheker Tiefenbrunner las ihn lieber
gleich selber vor, damit sie’s alle hörten und ihre Meinungen darüber
abgeben konnten.
Der Rat Leonhard hatte sich gerade über sein Beuschel mit Tiroler
Knödeln hergemacht, um es sich mit gebührender Andacht zu Gemüte zu
führen. Wenn der Herr Rat beim Essen war, dann liebte er es gar nicht
gestört zu werden. Als daher der Apotheker mit viel Umständlichkeit den
Brief des jungen Künstlers entfaltete und sich seinen Zwicker mit dem
blühweißen Taschentuch reinigte, um dann mit wichtiger Miene darüber
hinwegzusehen, traf ihn ein bitterböser Blick des alten Herrn.
Der Herr Rat zog mit einem unsagbar verdrießlichen Ausdruck seines
Mopsgesichtes sein Taschenmesser hervor, befühlte die Schneide
desselben, ob sie wohl scharf genug sei, und sah dabei so grimmig
aus, als wäre er am liebsten dem Apotheker zu Leibe gegangen. Dann
ließ er sich einen Wecken Brot bringen, schnitt ein großes Stück
davon herunter, beroch es, legte es hin und führte darauf den ganzen
Wecken an seine Nase, offenbar, um sich von der Güte und Frische des
Roggenbrotes zu überzeugen.
Simon Tiefenbrunner, der Apotheker, war von seiner Mission so erfüllt,
daß er gar nicht auf den alten Herrn achtete, sondern zu sprechen
begann. Langsam und bedächtig ...: „Ich hab’ da eine Zuschrift
bekommen, meine Herren,“ fing Simon Tiefenbrunner seine Rede an, „die
mir nicht ohne Wichtigkeit zu sein scheint. Sie ist von meinem Neffen,
dem Felix Altwirth, den Sie ja alle kennen.“
„Ah so, der Felix!“ machte der Rechtsanwalt erfreut. „Laßt der auch
wieder einmal was von sich hören.“
„Was will er denn?“ frug der Kaufmann Patscheider mit leisem Mißtrauen.
„Das werden Sie gleich hören, meine Herren!“ fuhr der Apotheker fort.
„Ich will Ihnen den Brief gleich vorlesen.“
„Alsdann los mit der G’schicht’!“ forderte ihn der Doktor Rapp lustig
auf, lehnte sich mit dem Rücken bequem in seinen Stuhl zurück und legte
die beiden Arme gerade ausgestreckt auf den Tisch vor sich hin. „Also
los! Dann wollen wir’s angehen!“ sagte er mit frischer, munterer Stimme.
„Muß das jetzt gleich sein?“ ließ sich da der Herr Rat vernehmen. „Ich
möcht’ meine Knödel essen!“ sagte er brummig.
„Das können’s ja, wenn Sie wollen!“ meinte Patscheider. „Die werden nit
kalt vom Vorlesen!“
Da die Herren von der Tischgesellschaft alle zu lachen anfingen,
mußte sich der Herr Rat wohl oder übel fügen. Man sah es ihm aber an,
wie unlieb ihm diese Störung war. Beim Essen wünschte der Herr Rat
unbedingt in Ruhe gelassen zu werden. Er hatte dann für nichts auf der
Welt Auge und Sinn als für die Schüsseln, die vor ihm standen. Sein
ganzes Sein war dann hingebungsvolles Erwarten und völliges Aufgehen in
diesem, alles andere in den Schatten stellenden leiblichen Genusse.
Sogar die Nase hatte ihren ganz hervorragenden Anteil bei den
Mahlzeiten des Herrn Rates und entfaltete eine rege Tätigkeit. Von
Zeit zu Zeit führte der Rat Leonhard seinen Gesichtsvorsprung ganz zu
dem Teller herab und beschnupperte sorgfältig das Gericht, das vor ihm
aufgetischt war. Er befühlte mit den Spitzen seiner knochigen Finger
liebevoll und zärtlich die Speisen, beroch die Finger und erhöhte
diesen raffinierten Genuß seines Geruchsinnes noch dadurch, daß er von
Zeit zu Zeit die ganze Schüssel mit beiden Händen ergriff und sie in
enge Fühlung mit seiner Nase brachte.
Während er auf diese Weise den Inhalt der Schüssel sorgfältig prüfend
besichtigen und beriechen konnte, kaute er eifrigst und unaufhörlich
darauf los. Dabei sperrte er seine Kiefer möglichst weit auseinander,
schmatzte, schnaubte wie eine Dampfmaschine und zog gleichzeitig den
feinen Duft der Speise ein.
Die Wirtin, die stets jede Miene des alten Herrn mit einiger Angst
beobachtete, wußte es dann jedesmal, wenn der Herr Rat wiederholt die
Schüssel an seine Nase geführt hatte, daß der alte Herr mit dem Gericht
auch zufrieden war und daß es seinen ungeteilten Beifall gefunden hatte.
Das Lesen des Briefes verursachte dem Herrn Rat entschieden Mißbehagen.
Er wollte nicht darauf achten und hörte trotzdem zu. Es machte ihn
schon nervös, daß überhaupt an seine geistigen Fähigkeiten andere
Anforderungen gestellt wurden, als jene der tiefsten Versunkenheit bei
der Einverleibung von Speise und Trank in seinen Magen.
Da es dem Herrn Rat nicht gelungen war, die Verschiebung der Vorlesung
auf einen spätern Zeitpunkt zu erreichen, so beeilte er sich, mit
seiner Mahlzeit so rasch als möglich fertig zu werden. Er aß daher das
Beuschel mit Knödeln so hastig und mit so viel Aufwand von Energie und
Lärm, daß seine Tischgenossen, die sich im Laufe der Jahre an seine
Unarten doch schon einigermaßen gewöhnt hatten, jetzt trotzdem stutzig
wurden.
Sie beobachteten ihn unwillkürlich, wie er sich zuerst große Stücke
Brotes mit seinem Taschenmesser in das Beuschel schnitt, dann die
Gabel in die rechte Hand nahm und Brot und Knödel in dem Beuschel
durcheinander arbeitete, als habe er ein großes Fuder Heu vor sich, das
er schleunigst abladen müsse. Dabei schnob der alte Herr ordentlich vor
Anstrengung und kaute mit so starkem Verbrauch von Kraft und Geräusch,
daß er einem förmlich hätte erbarmen können.
Immer wieder schob er neue Ladungen in seinen Mund hinein, und das
geschah in so rascher Aufeinanderfolge, daß die dünnen Backen des Herrn
Rats hoch geschwollen aussahen und es fast unerklärlich schien, wie er
stets wieder Platz für neue Zufuhr in seinem Munde fand.
Die Wirtin hatte einen Augenblick lang ernstlich Angst, der Herr Rat
könne durch einen plötzlichen Hustenreiz ersticken. Und so entsetzt war
Frau Maria Buchmayr über die rasende Freßgier des Herrn Rates, daß sie
ein über das andere Mal besorgt den Kopf schüttelte und leise vor sich
hinmurmelte: „Naa, in Gottsnamen ... in Gottsnamen, daß es grad möglich
ist!“
Der Herr Rat hörte aber gar nicht auf sie. Er hatte alles zu tun, um
seine volle Aufmerksamkeit nach dem Genuß seiner Knödel auf die nun
lebhaft gewordene Unterhaltung zu richten. Jetzt, da er mit dem Essen
fertig war, schob er den leeren Teller mit einer beinahe großartigen
Gebärde weit von sich fort, rieb sich energisch mit der Serviette den
Mund und Bart ab, zerknüllte sie und warf sie achtlos neben den Teller.
Die Serviette sah aus wie ein schwer mißhandeltes Lebewesen, dem man
aus Zorn wegen seiner eigentlich überflüssigen Dienste den Garaus
gemacht hat.
Zwischen der eingenommenen Mahlzeit und dem Rauchen pflegte der Herr
Rat sich einer Erholungspause hinzugeben. Diese füllte er damit
aus, daß er sein Taschenmesser hervorzog, es sorgfältig an dem
Tischtuch reinigte und sich dann mit einiger Umständlichkeit damit
die Nägel putzte. Diesen feinsinnigen Abschluß seiner Mahlzeit nahm
der alte Herr auch jetzt vor. Während er anscheinend ganz seinem
Reinlichkeitsbedürfnis huldigte und auf nichts achtete, was um ihn
vorging, hörte er doch in Wirklichkeit auf jedes Wort, und es entging
ihm auch nicht die kleinste Rede.
„Das ist doch großartig, so ein Einfall!“ lobte der Apotheker
Tiefenbrunner, indem er den Brief wieder sorgfältig in seine linke
Brusttasche steckte. „Was sagen’s jetzt da dazu, Herr Patscheider?“
Fast ängstlich sah der kleine Mann auf den Kaufmann, der an seiner
Seite saß.
Patscheider füllte sich zuerst sein Weinglas nach, tat einen tüchtigen
Schluck daraus, schenkte sich wieder ein und erklärte dann mit lauter,
fester Stimme: „Ich sag’, das ist ein Blödsinn!“
„Wieso ein Blödsinn?“ frug der Apotheker bestürzt. „Die Kunst und ein
Blödsinn!“
„Nein, nit die Kunst, aber der Brief von Felix Altwirth. Das ist alles
für die Katz’, was er da schreibt!“ sagte der Kaufmann bestimmt.
„Ja ... aber ...“ entgegnete der Apotheker hilflos.
„Schreiben’s dem Felix, er soll bleiben, wo er ist!“ fuhr der
Patscheider in entschiedenem Tone fort. „Wenn er in München ein
G’schäft macht, nacher ist’s gut. Bei uns da macht er doch kein
G’schäft. Das kann ich ihm schon zuerst sagen.“
Den Doktor Rapp trieb es wieder, den Patscheider zu hänseln. „Also Sie
täten ihm kein Bild abkaufen, Herr Patscheider, nit wahr?“ frug er
anzüglich.
„Etwa Sie?“ versetzte der Patscheider trocken.
Nun mußten sie alle lachen am Stammtisch. Es war allgemein bekannt ...
so tüchtig Doktor Rapp als Rechtsanwalt in jeder Hinsicht war, so wenig
Zeit und Sinn hatte er für die Kunst. Im Theater war er nur höchst
selten zu sehen, und eigentlich nur dann, wenn er aus Rücksichten der
Repräsentation hineingehen mußte. Von der bildenden Kunst verstand
er überhaupt nichts und machte auch kein Hehl daraus. Seine einzige
Lektüre waren die politischen Tageszeitungen und die Neuerscheinungen
auf dem Gebiete der Rechtspflege.
Literatur und Kunst waren nach der Meinung des Advokaten Doktor
Valentin Rapp höchst überflüssige Dinge, mit denen sich Männer gar
nicht abgeben dürften. Die boshafte Gegenfrage des Kaufmanns war daher
sehr treffend und zeigte, wie genau der Patscheider seinen Gegner
kannte.
Aber Doktor Rapp wußte sich zu helfen. Er parierte geschickt den Hieb,
den ihm der Patscheider versetzen wollte, und sagte mit drolligem
Humor: „O ja, ich schon ... Ich tät’ mir den Herrn Patscheider
porträtieren lassen, und tät’ mir ihn übern Schreibtisch aufhängen,
damit ich ihn nit vergess’.“
Ein allgemeines schallendes Gelächter war die Antwort. Sogar der
Patscheider mußte über den Einfall lachen und verzichtete darauf, den
Gekränkten zu spielen, wie er es sonst bei solchen Redensarten zu tun
pflegte.
Die Herren am Stammtisch beim Weißen Hahn unterhielten sich noch lange
über Felix Altwirth und seine Pläne. Der Professor Haidacher meinte,
daß er für seinen Teil schon dafür wäre, die Angelegenheit einmal
näher zu erörtern. Der Herr Professor war ein älterer Mann. Groß,
glatt rasiert und ziemlich korpulent. Er war für gewöhnlich ein sehr
schweigsamer Gast und hörte gleich dem Herrn Rat lieber zu, wenn die
andern sprachen.
„Da gibt’s gar nichts zu erörtern!“ fiel ihm Herr Patscheider energisch
ins Wort. „So was ist ein Blödsinn, und damit basta! Der Felix Altwirth
soll bleiben, wo er ist!“ entschied er.
„Jetzt hören’s mir aber auf, Herr Patscheider!“ sagte da der Doktor
Rapp in bestimmtem Tone. „Das geht denn doch zu weit! Wie kommen denn
Sie überhaupt dazu, einem Innsbrucker Künstler seinen Heimatsort zu
verbieten? Das geht doch Sie gar nichts an, wenn der Maler Altwirth
daher kommen will. Das ist seine Sach’. Eine rein persönliche
Angelegenheit!“ Doktor Rapp betonte jedes Wort ausdrücklich, als
spräche er vor einem hohen Gerichtshof.
„Aber das ist unsre Sach’, die mit dem Kunsttempel!“ widersprach der
Patscheider hitzig. „Zügeln’s ihn nur her, Ihneren Maler, dann ...“
„Aber meine Herrn, meine Herrn!“ beschwichtigte der Apotheker
ängstlich. „Nur keine Aufregung! Nur keine Aufregung!“
Der Direktor Robler, ein großer, knochiger Mann mit schönem, weißem
Haar und Bart, einer goldumränderten Brille und dickem Hals, der durch
den niedern Umlegkragen ganz besonders voll zur Geltung kam, meinte in
ruhigem, überlegenem Ton: „Ja, so fangt’s doch nit zu streiten an! Es
wird ja schon bald ungemütlich!“
„Und überhaupt bin ich der Ansicht,“ ergriff jetzt der Baurat
Goldrainer das Wort, „daß es immerhin als eine Auszeichnung für eine
Stadt aufzufassen ist, wenn sich ein Künstler in ihr niederlassen will.“
„Ganz meine Ansicht! Ganz meine Ansicht!“ pflichtete ihm der Professor
Haidacher bei. Die beiden Herren erhoben ihre Gläser und nickten sich
gegenseitig Beifall zu.
Patscheider machte eine geringschätzige Handbewegung und sagte: „Das
kennen wir schon. Auszeichnung hin oder her. Ihr werdet’s alle noch an
meine Worte denken. So wird’s kommen und nit anders. Wenn der Altwirth
da ist, dann haben wir einen Raunzer mehr in der Stadt. Da hätten wir
alle Augenblick’ wen neuen, dem was eing’fallen ist. Das kennen wir
schon! Tut’s ihn nur her, euern Maler! Nacher könnt’s schauen, wie’s
ihn wieder loskriegt’s!“ sagte der Patscheider und machte ein Gesicht
und eine Bewegung mit der Hand, die andeuten sollten, daß er den Fall
für erledigt betrachte.
Die Herren waren alle etwas nachdenklich geworden. Später dann fing der
Doktor Rapp an, die Wirtin zu necken wegen des neuen Fasses Wein, von
dem sie heute am Stammtisch die Kostprobe erhalten hatten.
„Wie viel Liter Wasser haben’s denn nachgossen, Frau Buchmayr?“ frug er
und hielt sein Glas gegen das Licht, um die Farbe zu prüfen.
„Naa, aber Herr Doktor!“ wehrte die Wirtin lachend. „Für Ihnen werd’ i
extra den Wein wässern lassen!“
„A Sauremus ist’s!“ konstatierte der Advokat und schnalzte mit der
Zunge. „Da muß Salz oder sonst ein Teufelszeug drin sein! Schlecht ist
er!“ meinte er mit neckischem Ernst.
Die Wirtin wußte es schon, wie hoch sie die Frozzeleien des
Rechtsanwalts zu bewerten hatte. Es verging kein Abend, an dem der
Doktor Rapp nicht einen neuen Grund zu fröhlicher Nörgelei gefunden
hätte.
„Ja, aber, um wieder auf den Felix Altwirth zurückzukommen,“ begann
der Direktor Robler dann nach langer Pause neuerdings. „Das mit dem
Kunsttempel, das will mir auch nicht ganz einleuchten. Das ist doch
eigentlich eine öffentliche Angelegenheit, über die noch ganz andere
Faktoren zu entscheiden haben. Nicht wahr, Herr Tiefenbrunner?“
„Das stellt sich der Herr Altwirth recht einfach vor!“ sagte der Baurat
Goldrainer, „das ist aber gar nicht so einfach. Nicht wahr, meine
Herrn?“
„Freilich, freilich!“ beeilte sich der Apotheker beizustimmen.
Es reute ihn schon längst, daß er den Brief seines Neffen überhaupt
hier öffentlich vorgelesen hatte. Das war nicht diplomatisch gewesen.
Gar nicht. Er hätte die Herren doch kennen müssen und hätte es wissen
sollen, daß sie in der Sache doch leicht ein Haar finden konnten, um
sich gegenseitig zu befehden. Er hätte einen jeden einzelnen von ihnen
vornehmen sollen, um mit ihm über die Angelegenheit zu sprechen. Das
wäre das einzig Richtige gewesen.
„Und überhaupt, meine Herrn,“ sagte der Apotheker, „ist’s ja bis
dorthin noch lange hin. Zuerst muß ja der Felix herkommen und sehen,
wie’s ihm da g’fallt. Dann kann man über das andere reden. Nit früher.“
Der alte Rat Leonhard, der jetzt schon längst wieder seine Pfeife
rauchte, legte seinen kleinen, grauen Kopf leicht zur Seite, klemmte
die Pfeife fest zwischen die Zähne, zog die Nase empor, so daß sich auf
ihr viele kleine Falten bildeten, und erhob warnend den Zeigefinger
seiner magern, runzligen Hand ... „Es wird ihm nit g’fallen da, dem
Felix. Es ist nit ’s Richtige bei uns da herinnen. Wir vertragen so was
nit. So was ... was außerhalb von uns liegt, das geht uns gegen den
Strich. Das wollen wir nit. Und das tut auch kein Gut nit, wenn’s zu
uns hereinkommt! Schreiben’s das dem Felix, Herr Apotheker!“
Der alte Herr erhob seine beiden Hände nach rechts und nach links, mit
den Handflächen nach auswärts wie ein Prediger, nickte bekräftigend mit
dem Kopf und meinte dann noch einmal in eindringlichem Ton: „Ich hab’s
g’sagt! Ich hab’s g’sagt!“
[Illustration]
Zehntes Kapitel.
Der alte Rat Leonhard hatte seine ganz bestimmten Lebensgewohnheiten
und seine genau festgesetzte Tageseinteilung. Davon wich er auch
nicht ab. Um keinen Preis. Diesen Gewohnheiten kam er nach mit einer
Pünktlichkeit und einer Sorgfalt, die den einstigen pflichtgetreuen und
exakten Beamten verrieten.