zuliebe verzichtete er gern auf die Verschönerung seines äußeren
Menschen. Jede Kleidung mußte ihm weit genug sein, durfte in keiner
Weise beengen. Aus diesem Grunde trug er stets niedere, unmoderne
Umlegekragen und machte darin einen ärmlichen und bescheidenen
Eindruck. Seine Hosen, die ihm immer zu weit waren, verloren bald
ihre Form, schlotterten und machten Falten wie der Fächer einer
Ziehharmonika. Seine von Natur aus kleinen, wohlgeformten Füße staken
nach den Grundsätzen seiner Bequemlichkeit in viel zu weiten Schuhen,
die schon nach kurzer Zeit schäbig und abgetragen aussahen. Der
Gegensatz zwischen Doktor Rapp und Sophie war so augenfällig, daß es
sogar der alten Schwester Salesia auffiel.
Infolge der inneren Erregung war das Gesicht des Rechtsanwalts ganz
besonders rot und aufgedunsen und hinterließ unwillkürlich den
Eindruck, als habe er dem Wein etwas zu viel zugesprochen. Der blonde
Vollbart und das blonde Haar schimmerten in der frühen Morgensonne, die
durch die hohen, buntgemalten Kirchenfenster fiel, strohgelb und sahen
struppig aus.
Ob diese beiden so ungleichen Menschen wohl glücklich werden würden?
Schwester Salesia mußte sich immer und immer wieder diese Frage
stellen. Es ist ein langer Weg, der durchs Leben führt. Ein Weg, der
gar hart und mühselig werden kann. Schwester Salesia, die wissende alte
Schwester, hatte nicht umsonst den Frieden im Kloster gesucht. -- -- --
Ob Doktor Valentin Rapp sein Glück in dieser Ehe gefunden hatte?
... Ganz Innsbruck beobachtete das junge Ehepaar mit scharfen Augen.
Und was die einen nicht sahen, das wußten die andern. Sie hatten gar
vieles auszusetzen an der Sophie. Kleine Fehler und Mängel, die der
Gatte nicht zu bemerken schien. In den Augen der andern jedoch, die nun
einmal diese Ehe von vornherein mit Mißtrauen betrachteten, fielen sie
schwer ins Gewicht.
Doktor Valentin Rapp war nicht der Mann, um es zu dulden, daß seine
Gattin nicht jene Stellung eingenommen hätte, die seinem eigenen
Ansehen gebührte. Als wäre sie von guter Familie, gerade so führte
der Rechtsanwalt seine junge Frau in der Gesellschaft ein. Und mit
süßsauren Gesichtern mußten die Damen der ehemaligen Kellnerin beim
Weißen Hahn den Besuch erwidern.
Sie kamen alle zu ihr. Alle, die Namen und Stellung hatten in der
Stadt. Auch Doktor Storf kam und Frau Hedwig. Seit mehr als einem Jahr
war Doktor Storf nun mit Hedwig Eisenschmied vermählt, und ihr erstes
Kindchen zählte schon etliche Wochen.
Nicht alle, die sie besuchten, waren gut zu Sophie. Und es fehlte
nicht an boshaften kleinen Seitenhieben. Aber Sophie verstand es ganz
meisterhaft, alle Anzüglichkeiten zu parieren und sie wo möglich mit
kleinen Bosheiten zu vergelten. Überhaupt war es im höchsten Grade
erstaunlich, wie rasch sich die junge Frau Rechtsanwalt in ihre
Stellung zu schicken wußte.
Die geborne Dame ... rühmte die Frau Professor Haidacher einmal von
ihr. Dafür wurde sie aber von den andern Damen, die behaupteten, das
besser beurteilen zu können, ganz energisch zurechtgewiesen. Eine
geschickte Komödiantin nannten sie die Sophie in ohnmächtiger Empörung.
Zu den wenigen Damen, die gut gegen Sophie waren, gehörten die
Professorin und Frau Therese Tiefenbrunner. Auch Frau Hedwig war nett
zu der jungen Frau. Aber es war mehr eine schüchterne, unentschlossene
Haltung. Sie wollte gut sein, wurde aber doch wieder zu sehr von ihrer
Schwester beeinflußt, die sie davor warnte, nicht allzu vertraut mit
„so einer“ zu werden. Das dürfe man um keinen Preis tun. So viel
Rücksicht und Würde sei man seiner Abstammung schuldig. Sophie sei eben
doch nur eine Kellnerin; und woher sie eigentlich komme, das wisse man
ja gar nicht.
Die Fama hatte sich der jungen Frau Doktor Rapp angenommen; und was es
nur über sie zu erzählen gab, das wurde eifrig herumgetratscht. Bald
munkelte man sich in Innsbruck zu, die Sophie sei gar kein Bauernmädel
aus dem Unterland, sondern ein Karrnerkind. Wer zuerst das Gerücht
verbreitet hatte, wußte kein Mensch.
Und noch ein anderes Gerücht lief durch die Stadt, anfangs langsam und
zweifelnd aufgenommen, dann immer lauter und bestimmter. Es hieß, daß
Frau Sophie es mit der ehelichen Treue nicht allzu genau nehme, daß sie
auch Augen und Herz für andere besaß. Wer „die andern“ waren, das wußte
allerdings kein Mensch zu sagen. Und trotzdem gab es bald niemand mehr,
der dem Gerede nicht Glauben geschenkt hätte. Sie hatten keine Beweise
dafür, und doch fand sich niemand, der für die Ehre der jungen Frau
Rechtsanwalt eingetreten wäre.
Eine große Veränderung war mit Sophie seit ihrer Verheiratung vor sich
gegangen. Sie sahen es alle und mußten es sehen. Es sprang zu sehr in
die Augen. Auch Doktor Rapp sah es ... und freute sich darüber. Er
freute sich und hatte den festen Glauben, daß er die richtige Wahl
getroffen habe.
Die junge Frau gab sich freier und selbstbewußter. Ihre ganze Haltung,
ihr Gang und ihre Sprache hatten etwas Sieghaftes an sich. Ihre
Anpassungsfähigkeit war geradezu hervorragend. Sie benahm sich bald
ganz so, als hätte sie stets unter Damen gelebt, und fiel in keiner
Weise durch irgendeine Ungeschicklichkeit auf. Ihre Sprache hatte einen
leichten Dialektanflug, der den Innsbruckerinnen eigen ist und auf den
sie auch stolz sind.
Was aber Doktor Rapp ganz besonders glücklich machte, das war, daß
er beobachtete, wie Sophie fast mit jedem Tag mehr Temperament, mehr
Heiterkeit und mehr Humor entwickelte. Jetzt, da die bange Sorge um
ihre Zukunft von ihr gewichen war, die ja stets wie ein Alp auf ihr
gelastet hatte, da sie unabhängig war und ihre Ziele erreicht hatte,
brauchte sie nicht mehr gegen ihre eigenste Natur zu kämpfen. Sie
konnte ihrer innersten Anlage nachgeben und durfte das sein, was sie
im tiefsten Grunde war: ein heißes, leidenschaftliches Weib, das mit
Heißhunger das Leben begehrte und auch genoß.
Doktor Rapp war so vollständig in ihrem Bann, daß er es nicht bemerkte,
wie der Weg, den Sophie einschlug, ein schiefer wurde. Noch immer
glaubte Sophie daran, daß sie ihren Gatten liebe. Sie umgab ihn täglich
mit tausend kleinen Zärtlichkeiten, sorgte für ihn, war arbeitsam und
machte ihm sein Heim so behaglich, daß er sich in all den Stunden des
Tages nach ihr sehnte, wo sie getrennt sein mußten.
Es war ein großer Sinnenrausch über den Mann gekommen. Jetzt, da
er beständig mit diesem entflammten Weibe zusammenlebte, war der
Taumel noch mächtiger als zuvor. Sein ganzes Empfinden, sein ganzer
Wille, alle Wünsche und Gefühle hatten ihren Höhepunkt in Sophie. So
glücklich war Doktor Rapp in seiner Ehe, daß er es nicht sah, wie ein
unersättlicher Lebenshunger von dem jungen Weib Besitz ergriff und ihre
aufgepeitschte Leidenschaft Befriedigung außerhalb der Ehe suchte.
Ein sinnliches Fluidum strömte von dem Weibe aus. Überall, in jeder
Gesellschaft hatte sie die Männer zu ihren Füßen. Sie beherrschte alle,
ganz so wie ehedem, als sie noch die Kellnerin war beim Weißen Hahn.
Und doch wieder anders. Damals lockte ihre herbe Zurückhaltung, die so
seltsam abstach gegen das leidenschaftliche Rassegesicht.
Es gab niemand, der diesem eigenen Reiz des jungen Weibes widerstand.
Auch die alten, vertrockneten Herren, die eingesessenen Bürger und
Bureaukraten der Stadt fühlten ein prickelndes Etwas, wenn Frau Sophie
mit flüchtigen, leichten Schritten an ihnen vorüberging. Und wenn sie
mit ihnen sprach, so waren sie schon nach wenigen Worten vollständig in
ihrem Bann.
Frau Sophie war die lachende Freude und Lebenslust, wo immer sie
auch hinkam. Und je größeres Gefallen sie bei den Herren fand, desto
zurückhaltender und feindseliger wurden die Frauen. Sie durften nicht
offen gegen sie auftreten. Dazu gab sie ihnen keine Gelegenheit. Alles,
was sie von Sophie zu sagen wußten, waren eben nur Gerüchte, denen der
Boden der Wirklichkeit und des Beweises fehlte.
Sophie benahm sich in der Öffentlichkeit tadellos in jeder Hinsicht.
Ihre Heiterkeit war nie ausgelassen, ihre Rede witzig, doch anständig,
und ihre Koketterie einwandfrei. Und doch wußten es alle, Mann wie
Frau, daß dieses Weib den Teufel im Leib hatte, daß sie den Gatten
belog und betrog und ihn trotzdem unbändig glücklich machte ...
Es dauerte gar nicht lange, so spielte Frau Sophie Rapp eine führende
Rolle in der Innsbrucker Gesellschaft. Sie war sogar tonangebend
geworden. Beteiligte sich bei den verschiedenen Vereinen und übernahm
selbst die Leitung eines von ihrem Gatten gegründeten wirtschaftlichen
Verbandes.
Mit viel Geschick, mit Takt und Anstand füllte sie ihre Stellung aus.
Sie mußten es alle anerkennen, auch die Frauen, unter denen sich bald
keine einzige mehr befand, die ihr wohlgesinnt war. Nicht einmal die
gutmütige, lustige Frau Professorin. Auch diese hatte sich von ihr
zurückgezogen und fühlte sich solidarisch mit den übrigen Damen.
Die Professorin wußte es selbst nicht, warum sie sich von der jungen
Frau immer mehr abgestoßen fühlte. Sie hatte keinen eigentlichen Grund
dazu. Es war ein unbestimmtes Element, das sie sich nicht zu erklären
vermochte.
Frau Haidacher war der Sophie in der allerersten Zeit mit ganz
besonderer Herzlichkeit entgegengekommen. Gerade weil alle gegen die
junge Frau waren, gerade deshalb tat sie der Professorin leid. Frau
Haidacher war ihr eine Freundin geworden und hatte ihr mit Rat und Tat
beigestanden. Ihr Verdienst war es zum größten Teil, daß Sophie sich so
rasch in die Rolle einer Dame einlebte.
Die Professorin hatte anfangs auch nur mit Selbstüberwindung gehandelt.
Ihrem innersten Empfinden widerstrebte es, die ehemalige Kellnerin
als ihresgleichen anzuerkennen. Aber das Mitleid und ihre angeborne
Gutmütigkeit errangen den Sieg. Und Frau Haidacher ging so weit, daß
sie der jungen Frau Doktor sogar das Duwort anbot.
Sophie hatte wenig Sinn für Frauenfreundschaft. Sie nahm es deshalb
auch gar nicht sonderlich schwer, als sich die Professorin immer
mehr von ihr lossagte. Es war ihr sogar recht; denn sie hatte schon
angefangen, die Freundin und deren Besuche lästig zu finden.
Nun sahen sich die beiden Frauen nur mehr in Gesellschaft, wo sie
liebenswürdig und zuvorkommend gegen einander waren. Es war aber nur
der Firnis einer schlecht verborgenen Abneigung. Nicht auf Sophiens
Seite; denn sie fühlte weder Liebe noch Abneigung für die Professorin.
Ihr war jede Frau mehr oder minder gleichgültig. Und sie hatte sich
auch nie zu einem warmen Gefühl für die Professorin aufschwingen
können. Aber Frau Haidacher empfand mit der Zeit einen immer größeren
Widerwillen gegen Sophie. Das steigerte sich derart, daß sie es
endlich vorzog, bei geselligen Veranstaltungen oder Festlichkeiten
fernzubleiben, um nicht mit Sophie zusammentreffen zu müssen.
Die andern Damen verstanden es besser, als die Professorin, ihre wahren
Gefühle zu verbergen. Aber Sophie kannte sie trotzdem ganz genau. Sie
wußte, wie hoch sie die süßfreundlichen Mienen einzuschätzen habe.
Da war ihr die immer mehr zutage tretende Abneigung der Professorin
entschieden lieber.
Es kümmerte Sophie im Grunde gar nicht, ob man sie leiden mochte oder
nicht. Sie gab sich auch darüber gar keine Rechenschaft, und sie
erstrebte es auch nicht, sich das Wohlwollen der Damen zu erhalten.
Was sie erstrebte, das hatte sie. Eine Stellung, die in kurzer Zeit
diejenige der andern weit überragte ...
Obwohl Sophie der Wirtin damals versprochen hatte, recht oft zum
Weißen Hahn zu kommen, so war sie doch nur ein seltener Gast geworden.
Sie hatte als Dame der Gesellschaft so viel zu tun, daß sie für die
bescheidene kleine Stammtischgesellschaft nur wenig Zeit erübrigen
konnte. Und vielleicht fühlte sie es auch, daß sie ihrem Ansehen
nur hinderlich war, wenn sie sich allzu häufig an der Stätte ihres
einstigen Wirkens zeigte.
Frau Doktor Rapp war mit der Zeit den Gästen des Weißen Hahn eine
Fremde geworden. Eine Dame, von der man sprach, weil sie viel in
der Öffentlichkeit tätig war, und auch deshalb, weil sie eine
außerordentlich interessante Persönlichkeit war, die Geist, Rasse und
Temperament besaß wie selten eine in Innsbruck.
Sie verkehrten noch alle beim Weißen Hahn. Genau so wie früher.
Und saßen auch in derselben Rangordnung. Doktor Rapp führte seinen
lustigen Krieg weiter mit der dicken Wirtin. Und Herr Tiefenbrunner
lauerte wie immer mit ängstlicher Miene auf den Augenblick, wo er als
Friedensvermittler zwischen die Gegner Rapp und Patscheider treten
mußte.
Die alte Gegnerschaft zwischen diesen beiden war besonders in der
letzten Zeit ziemlich scharf zutage getreten. Ihre Unversöhnlichkeit
war bereits so weit gediehen, daß jeder von beiden den andern haßte.
Das kam daher, weil der Einfluß, den Doktor Rapp in der Stadt besaß,
die Selbstherrlichkeit des Herrn Patscheider ernstlich verdunkelte.
Dafür haßte Patscheider den Rechtsanwalt. Haßte ihn glühend und
leidenschaftlich. Und je größer das Ansehen des Rechtsanwalts wurde,
desto tiefer wurde der Haß des Kaufmanns Patscheider.
In Doktor Rapp sahen viele Innsbrucker ihren zukünftigen Führer. Seinem
Geist, seinem Willen und seiner Energie vertrauten sie. Patscheider,
der sein ganzes Leben nur dem Aufblühen und Gedeihen der Stadt gewidmet
hatte, fühlte es mit innerem Grimm, daß ihm in Doktor Rapp derjenige
Gegner erstanden war, der seine Verdienste für immer in den Schatten
stellte.
Aber weder Patscheider noch Doktor Rapp ließen es sich für gewöhnlich
anmerken, daß sie einander ehrlich und vom Grunde ihrer Seele aus
haßten. Nur bei seltenen Gelegenheiten kam der unterdrückte Groll und
Haß zum Vorschein und warf plötzlich grelle Schlaglichter auf ihre
wahre Seelenstimmung.
Der Rat Leonhard saß noch immer als Ehrenpräsident am Stammtisch
beim Weißen Hahn. Er schnitt sein zuwiderstes Gesicht, aß, was ihm
schmeckte, rauchte seine Pfeife und sprach gar nichts.
Ein neuer Gast war jetzt schon seit geraumer Zeit an dem
Honoratiorentisch. Das war Doktor Storf, der sich selbständig gemacht
hatte und ein sehr gesuchter Arzt geworden war. Böse Mäuler behaupteten
zwar, dies verdanke er keineswegs seiner ärztlichen Kunst, sondern
seinem hübschen Äußeren.
Tatsächlich hatte Doktor Storf vorwiegend Damen zu Patienten. Weil die
Menschen schon einmal bösartig sind und gerne Unrat wittern, auch dort,
wo keiner zu finden ist, so hieß es allgemein: seit Doktor Storf seine
Praxis ausübe, gebe es ungewöhnlich viele kranke Damen in Innsbruck.
In Wirklichkeit konnte man jedoch dem jungen Arzt nichts Schlechtes
nachsagen. Selbst die schärfsten Beobachter und Beobachterinnen hätten
ihre schwere Mühe gehabt, auch nur den geringsten Anhaltspunkt dafür
zu entdecken, daß Doktor Storf für eine andere Frau, außer für seine
eigene, Sinn und Auge gehabt hätte.
Trotzdem machte Frau Hedwig jedermann den Eindruck, als habe sie
Schweres in ihrer Ehe zu erdulden, als trüge sie das Leben wie eine
harte Bürde, von der sie bald Erlösung hoffte. So glücklich der
Rechtsanwalt durch seine Heirat geworden war, so elend und unglücklich
fühlte sich Max Storf.
Das stille, gleichförmige Glück, das er erhofft hatte, als er Hedwig
Eisenschmied zur Gattin nahm, war so still und so gleichmäßig geworden,
daß ihm das Leben neben dieser Frau erschien wie eine endlose graue
Wüste. Ohne Freude, ohne Glück, ohne Empfinden und ohne Gemüt.
Sie waren nun schon sechs Jahre miteinander verheiratet, und der
kleine, schwarzäugige Junge, der dem Vater so ähnlich sah, daß es fast
lächerlich wirkte, hatte erst vor kurzem ein Schwesterchen bekommen.
Schwarz und dunkeläugig wie er selber. Diese beiden Kinder waren das
Glück des Vaters und die stete nervöse Sorge der Mutter.
Frau Hedwig lebte nur für ihre Kinder. Sie ging vollständig auf in
ihren Mutterpflichten und Hausfrauensorgen und hatte wenig Sinn für
andere Dinge, die außerhalb dieser Sphäre lagen.
Doktor Storf hatte sich redlich bemüht, seiner Frau innerlich nahe zu
kommen. Er hatte eine große, drängende Sehnsucht, nicht allein durchs
Leben zu gehen, sondern seine Frau als Weggenossin zu besitzen. Sie
sollte ihm nicht nur Weib, sondern auch Freund und Kamerad sein. Aber
Frau Hedwig verstand den Wunsch ihres Gatten nicht.
Sie lebte ja für ihn, jedoch auf ihre Weise. Vom frühen Morgen bis zum
späten Abend sorgte und schaffte sie. Es war ein tadellos geführter
Haushalt, in dem das junge Paar weilte. Ein feines, geschmackvolles
Heim, das so recht den Eindruck von Gemütlichkeit und Behaglichkeit
machte.
So behaglich jedoch die Räume anzusehen waren, so ungemütlich war es in
ihnen, wenn Mann und Frau sich allein gegenüber saßen. Der Zeitpunkt,
wo die beiden jungen Leute sich nichts mehr zu sagen hatten, war schon
recht bald gekommen. Eine gähnende Langeweile und Öde herrschte da in
den Abendstunden, wenn die Kinder schliefen und sich die Gatten allein
überlassen waren.
Die Müdigkeit, die sich bei der rastlos tätigen Frau einstellte, war ja
erklärlich, erregte aber den Mann derart, daß er Hut und Stock nahm und
ins Gasthaus lief. Oder er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Frau
Hedwig konnte sich die Ursache dieser Gereiztheit nicht deuten.
Als er sich ihr gegenüber nach einer heftigen Auseinandersetzung einmal
in ziemlich unverblümter Weise aussprach, da begriff sie ihn nicht.
Sie stand vor ihm wie ein verschüchtertes Kind, das man mit Unrecht
gescholten hat und das sich nicht zu verteidigen wagt.
Ihre hellen Augen füllten sich mit Tränen. Sie konnte es nicht fassen,
daß Max unzufrieden mit ihr war. Daß er noch mehr von ihr erwartete,
als eine brave, tüchtige, arbeitsame Frau und eine aufopferungsvolle
Mutter ihrer Kinder, war ihr ein Rätsel.
Es kränkte sie, daß er ihren Wert nicht richtig einschätzte, und es tat
ihr weh, als sie sah, wie er sich ihr mehr und mehr entfremdete.
Sie tat jedoch nichts dagegen. Sie suchte nicht die Ursachen zu
ergründen, weil sie dieselben überhaupt nicht verstehen konnte. Sie war
so vollständig davon überzeugt, daß sie vom Schicksal dazu ausersehen
sei, in einer unglücklichen Ehe zu leben, daß sie ohne Murren still und
ergeben ihr Los ertrug.
Hedwig Storf war eine phlegmatische Natur. Träumerisch, wie sie als
Mädchen war, so lebte sie auch als Frau. Sie hatte keinen Funken
Leidenschaft in sich; denn sonst hätte vielleicht die Eifersucht sie
auf die richtige Fährte gelenkt. So fehlte ihr auch der feine Instinkt
des Weibes, der ihr das Gefühl dafür verliehen hätte, daß sie durch ihr
Benehmen den Gatten geradewegs in die Arme einer andern Frau trieb.
Sie bemerkte es auch gar nicht, daß Max Storf sich in allerneuester
Zeit sehr zu seinem Vorteil veränderte. Er war nicht mehr so
unfreundlich zu ihr wie früher und nicht mehr so gereizt. Er sprach gut
und nachsichtig mit ihr, wie schon lange nicht.
Aber Frau Hedwig hatte auch dafür kein Gefühl. Sie war herzlich froh,
daß ihr Gatte nun wieder eine bessere Laune besaß und daß er offenbar
zufriedener mit ihr geworden war. Das genügte ihr.
Wenn Max Storf jetzt abends mit einem flüchtigen Kuß von ihr Abschied
nahm und lustig pfeifend aus dem Haus ging, so war sie herzlich erfreut
darüber. Froh, daß sie nun ruhen und sich erholen durfte. Sie wollte
nichts als Ruhe. Sie war ja so müde. Und im Gefühl des grenzenlosen
Ruhebedürfnisses vergaß sie darauf, sich zu kränken, daß Max sie nun
jeden Abend, den Gott gab, allein ließ und seinem Vergnügen nachging.
Frau Doktor Rapp aber, die Gattin des Rechtsanwalts, wartete weit
draußen vor der Stadt im Schutze der Dunkelheit auf ihren Geliebten
Doktor Max Storf.
[Illustration]
Neuntes Kapitel.
Felix Altwirth war ein richtiger Künstler geworden. „Einer von die
ganz G’scheiten, wissen’s ...“ wie sich die Apothekerin auszudrücken
pflegte, wenn man sich bei ihr nach dem Neffen erkundigte. Sie sprach
jetzt gern und mit Stolz von Felix und machte sich mit Vorliebe
wichtig, wenn sie ihre Kenntnisse in künstlerischen Angelegenheiten
auskramte. Ihre Stimme hatte dann jedesmal einen ganz besonders tiefen
und speckigen Klang. Das kam von der inneren Selbstzufriedenheit, die
Frau Therese Tiefenbrunner empfand. Sie bildete sich ordentlich etwas
ein auf ihren Neffen.
Seit ihre Schwester drüben in der Kothlacken so plötzlich gestorben
war, fühlte Frau Therese Tiefenbrunner sich verpflichtet, Mutterstelle
an Felix zu vertreten. Das hatte sie ihm auch gleich gesagt, als er
damals nach dem Tode seiner Mutter zu kurzem Besuch gekommen war.
Es war schnell gegangen mit der Witwe Altwirth. Eine heftige
Lungenentzündung hatte die robuste Frau aufs Krankenlager geworfen,
und der Tod hatte brutal sein Opfer gefordert. Es war ein Ende, wie es
sich die einfache Frau stets gewünscht hatte. Ohne viel Aufhebens, ohne
lange Qual, rasch und gut.
Die Witwe Altwirth hatte ihren Sohn nicht mehr gesehen. Sie erlebte
auch das Ende seiner künstlerischen Studien nicht mehr. Die Berichte,
die sie von ihm erhielt, waren ja immer günstig. Es ginge vorwärts
mit seiner Kunst, schrieb er, nur noch kurze Zeit, dann würde er
selbständig sein. Diese kurze Zeit hatte Frau Susanne Altwirth nicht
mehr abwarten dürfen.
Es war eine stete Sorge um das Schicksal des Sohnes, die insgeheim an
der Frau zehrte. Und ohne bange Sorgen um die Zukunft ihres einzigen
Kindes war sie auch nicht gestorben. In den Stunden, die ihrem
Todeskampf vorangingen, hatte sie ihre Schwester zu sich rufen lassen
und Frau Therese ihre Seelenangst gebeichtet.
Angesichts des Todes löste sich die starre Zurückhaltung, die
sie immer gewahrt hatte, und schwand auch die letzte Spur eines
Mißverständnisses, das die Schwestern je im Leben getrennt hatte.
Susanne Altwirth wußte, daß sie in ihrer Schwester den einzigen
Menschen auf Erden besaß, auf den sie sich verlassen konnte.
Es war erschütternd, wie das knochige, hagere Weib sich mühsam in
ihrem bescheidenen Bette aufrichtete und bittend ihre schwieligen
Arbeitshände faltete, als Frau Therese Tiefenbrunner in die Stube trat.
„Gelt, Thres,“ sagte sie flehend, und ihr Atem keuchte, „versprich
mir’s, daß du mir’n nie verlaßt, den Felix. Nie ... verstehst!“
Angstvoll sahen die fieberglühenden Augen der Todkranken auf die
Schwester. „Weißt, i muß dir’s sagen, bevor i sterb’. Es laßt mir koa
Ruh nit. Der Felix ist wie sein Vater. Hat koan Halt nit im Leben und
braucht a Führung und a Leitung. Mi hat ja nur der Tod vor viel Unglück
beschützt. I hab’ mir’s oft denkt, aber zugeben hab’ i’s nit wollen,
woaßt wohl! Aber jetzt bekenn’ i’s. I bin glücklich g’wesen mit mein’
Mann, recht glücklich! Aber i hab’s g’wußt, es war nur deswegen, weil
der Tod uns rechtzeitig getrennt hat. Oft hab’ i’s kommen sehen, wie’s
werden könnt’, wenn der Mann koan Halt und koa Einsicht hat.“
Ermattet von der gewaltsamen Anstrengung und inneren Erregung ließ die
Kranke sich in ihre Kissen sinken. Mit ruhiger, leichter Hand fuhr Frau
Therese ihrer Schwester über die glühendheiße Stirn und sprach mit
guten, tröstenden Worten auf sie ein.
Die Witwe Altwirth nahm ihre ganze Kraft zusammen, um noch sprechen zu
können. Sie mußte die bange Sorge noch los werden, die schwer auf ihr
lastete ... „Der Felix braucht a Leitung, a starke Hand ...“ fuhr sie
fort. „Ist a guater Bua, aber a schwacher Mensch. I sorg’ mi oft um
ihn, Tag und Nacht, und kann oft nit schlafen vor Angst. I weiß nit,
was noch aus ihm werden soll. I hab’ dir’s nur nie sagen wollen ...
aber i begreif’s nit, was er will.“
Und in ihrer Herzensangst um den Sohn, und weil sie in ihrer einfachen
Weise nicht imstande war, ihre Sorge eingehend zu erklären, fing sie
bitterlich zu weinen an. -- -- --
Frau Therese Tiefenbrunner hielt ehrlich, was sie der toten Schwester
versprochen hatte. Sie sorgte für Felix und ließ ihm nichts abgehen.
Schickte ihm Geld und Kleider und Wäsche, und flickte und schaffte für
ihn, als wäre er ihr eigenes Kind gewesen. Sie ließ es in ihren Briefen
an ihn auch nicht an guten Ermahnungen und Ratschlägen fehlen. Dazu
hielt sie sich geradezu für verpflichtet und betrachtete es als ihre
heiligste Aufgabe, den jungen Mann auf den Ernst des Lebens und auf die
Pflicht des Sparens hinzuweisen.