Mit Widerwillen betrachtete er seine Studienbücher. Wie ein Sklave kam

er sich vor. Wie einer, der keinen freien Entschluß fassen durfte ...

der verurteilt war, um des lieben Brotes willen ein Leben zu führen,

das für ihn nur unsagbare Qual barg.

Seine Mutter und Max Storf sahen wohl die Veränderung, die mit Felix

vorgegangen war. Max Storf erkannte die Ursache, aber die Witwe

Altwirth konnte nicht das richtige Verständnis für den Seelenzustand

ihres Sohnes finden.

Für sie war es ein Schmerz, eine persönliche Demütigung ihrer Schwester

gegenüber, daß Felix seine Prüfungen nicht machte. Sie schämte sich

vor ihrer Schwester und vor ihrem Schwager. Und in ihrem Zorn tat

sie dasjenige, was sie hätte unterlassen müssen ... sie überhäufte

Felix mit Vorwürfen. Sie trieb ihn zu seinen Büchern, wie man faule

Schuljungen treibt, und machte ihm so das Leben zur Hölle.

Frau Susanne Altwirth mangelte jedes Verstehen für die künstlerischen

Neigungen des Sohnes, und von Künstlerfreiheit und Künstlerdrang hatte

sie keine Ahnung. Für sie war es der höchste Inhalt eines menschlichen

Daseins, wenn man sein sicheres Brot hatte und dabei ungetrübt und ohne

Nahrungssorgen leben konnte.

Max Storf allerdings verstand und begriff alles. Er war es auch, der

einmal mit dem Apotheker über die Sache sprach.

Einmal nach einem Abend, als sie beide beim Weißen Hahn gewesen waren,

begleitete der junge Arzt den Apotheker nach Hause und redete mit ihm

über den Freund.

Herr Tiefenbrunner tat sehr erschrocken. „Ja, aber um Gotteswillen, er

hat ja alles, was er braucht. Es geht ihm doch nix ab!“ sagte er und

sah ganz verstört zu dem jungen Manne auf.

„Das ist’s ja auch gar nicht, Herr Tiefenbrunner!“ entgegnete Doktor

Storf. „Sie lassen ihm nichts abgehen. Das ist richtig. Aber Felix

eignet sich nun einmal nicht zum Beamten. Er ist ein Künstler und

sollte die Mittel bekommen, um sich als solcher auszubilden.“

„Sie meinen, ein Maler werden?“ fragte der kleine Apotheker und starrte

mit nachdenklichem Gesicht vor sich hin.

Die beiden waren gerade durch die breite Herzog Friedrich-Straße

gegangen und blieben an der Ecke der Maria Theresia-Straße stehen. Der

helle Schein einer Straßenlampe fiel auf das kleine, fahle Gesicht des

Apothekers und beleuchtete scharf die tiefen Denkerfurchen auf seiner

niedern Stirn.

Der Apotheker Tiefenbrunner mußte tatsächlich nachdenken. Angestrengt

nachdenken. Was ihm da Doktor Storf sagte, war keine Kleinigkeit, war

eine ernste Sache. Da ließen sie nun, er und seine Frau, diesen Buben,

den Felix, studieren aus gutem Herzen, aus reiner Gutmütigkeit, damit

er einmal sein anständiges Auskommen habe und geachtet dastehe auf

der Welt. Und mehr geachtet denn als Beamter konnte man im Leben doch

unmöglich sein.

Der Apotheker wurde ganz zapplig, als er seinen angestrengten

Gedankengang so weit verfolgt hatte. So zapplig, daß sich sein Gesicht

nach allen Seiten verzog. Dabei erbebte seine Nase vor innerer Erregung

so sehr, daß der Zwicker, der ohnedies nur wackelig darauf saß, in

ernstliche Gefahr geriet, herabzugleiten.

Ganz ängstlich und hilflos sah der Apotheker Tiefenbrunner über die

Gläser hinweg zu Max Storf empor, und mit zitterigen Händen rückte er

sich immer und immer wieder seinen Zwicker zurecht. Aber er wollte

nicht passen. Er wollte überhaupt nicht passen, wenn Herr Tiefenbrunner

eine Erschütterung seines Seelenzustandes erlitt.

Und eine Erschütterung war das unbedingt. Eine starke Erschütterung

sogar. Jetzt um Mitternacht. Der Apotheker machte ganz vorwurfsvolle

Augen. So eine Roheit ... das hätte er dem Max Storf gar nicht

zugetraut. Ihn derart aus seiner behaglichen Ruhe zu stören! Und das

noch dazu allein ohne seine Frau! Und hier, ausgerechnet hier, an der

Ecke der Maria Theresia-Straße, sollte er sich entschließen in einer so

wichtigen Angelegenheit. Wenn doch seine Frau in der Nähe gewesen wäre!

Ein Maler wollte der Felix werden. Schau, schau! Eigentlich ein

interessanter Fall. Der Felix und ein Künstler. Was da nur seine Frau

sagen würde?

Bei diesem Gedanken überkam den Apotheker ein Gefühl, als spürte er die

kleinen, nervösen Trittchen einer Maus über seinen Rücken huschen. Es

war entschieden eine höchst ungewöhnliche Situation. Ganz entschieden!

Und es war eine Roheit von dem Doktor Storf, ihm mit so was bei der

Nacht zu kommen. Ein ganz gemeiner Überfall war es, der ihn eigentlich

erzürnen sollte.

Aber Herr Tiefenbrunner erzürnte sich nicht. Schon aus Prinzip nicht.

Er beschwichtigte immer und in jeder Lebenslage. So beschwichtigte er

sich jetzt auch selber. Eine Zumutung blieb es aber deswegen doch.

Der kleine Apotheker hatte endlich einen Ausweg aus seiner unangenehmen

Lage entdeckt. „Ja,“ sagte er sehr langsam, als müßten sich seine

Gedanken erst allmählich aus dem tiefen Labyrinth der innersten

Seelenforschung erholen. „Ja, ein Künstler, sagen’s, möcht’ der Felix

werden?“

„Jawohl!“ bestätigte Max Storf. „Ein Maler. Und dazu braucht er Mittel,

Herr Tiefenbrunner. Er muß die Akademie besuchen, muß ...“

„Wissen’s was, Herr Doktor ...“ versetzte der Apotheker, und sein

Gesicht glättete sich deutlich vor Freude über den gefundenen Ausweg.

Er legte den Zeigefinger seiner rechten Hand an die Nasenspitze und sah

furchtbar klug aus. „Wissen’s was, i red’ mit meiner Frau darüber.“

Herr Tiefenbrunner war nie ein großer Redner gewesen und mußte sich

stets jeden Satz gewaltsam von der Zunge ringen. Seine Sprache klang

leise und etwas heiser, als ob er an ständigem Rachenkatarrh leiden

würde.

„Der Felix ist ja meiner Frau ihr Neffe ...“ fuhr er langsam und

bedächtig fort. „Da soll +sie+ entscheiden, was das Gescheiteste in

dem Fall ist. Wissen’s, die Frauen sind in solchen Fällen immer die

Gescheitern!“ fügte er mit leisem Kichern hinzu. „So machen wir’s, Herr

Doktor, gelten’s?“

Ehe es sich der junge Arzt versah, hatte ihm der Herr Apotheker

Tiefenbrunner die Hand gedrückt und war um die Ecke gebogen, die zum

Marktgraben führte. „Kommen’s gut nach Haus!“ rief er ihm noch rasch

nach. „I bieg’ jetzt da heim ummi. Gute Nacht, Herr Doktor! Schlafen’s

g’sund!“

Etwas verblüfft schaute Max Storf dem Apotheker nach. Dieser Ausgang

der Unterredung war gar nicht nach seinem Geschmack. Wenn die Frau

Apotheker zu entscheiden hatte, dann war die Sache allerdings

verloren. Das wußte er bestimmt. Aber ein gerissener Schlaumeier war

der Apotheker. Das mußte man ihm lassen. Der geborene Diplomat. Kein

Wunder, daß es der verstand, sich so unentbehrlich zu machen ...

Frau Therese Tiefenbrunner fällte ihr Urteil, und das lautete, daß ein

Maler niemals nicht das Ansehen habe von einem Beamten, und daß das

nicht ginge, daß man von den Prüfungen davon laufe, und daß der Felix

seine Staatsprüfung zu machen habe, und daß nachher noch immer Zeit

genug sei, den Fall zu besprechen.

Doktor Max Storf mußte an sich halten, um dem Apotheker keine

grobe Erwiderung zu geben, als ihm dieser den Bescheid seiner Frau

überbrachte. Er wußte, daß er durch jedes unüberlegte Wort seinem

Freund nur geschadet hätte.

[Illustration]

Sechstes Kapitel.

Es blieb bei der Entscheidung der Frau Apotheker. Felix Altwirth mußte

sich, ob er wollte oder nicht, mit dem Ernst seiner Lage vertraut

machen. Tag und Nacht büffelte und studierte er und bläute sich die für

ihn so trockene Materie seines Faches ein.

Oft hatte er das Gefühl, als könne sein Kopf nichts mehr auffassen,

nichts begreifen und nichts behalten, was da vor ihm gedruckt

und geschrieben stand. Mit beiden Fäusten stützte er dann seinen

gemarterten Schädel. Wiederholte immer und immer wieder die gleichen

Stellen und dachte doch in innerster Seele an ganz was anderes ...

Felix Altwirth machte seine Staatsprüfung und fiel zweimal durch.

Es war schon das erstemal schrecklich. Nun war es aber der völlige

Zusammenbruch.

Max Storf hatte den Freund von der Universität abgeholt. An dem

todbleichen Gesicht des jungen Mannes erkannte er auf den ersten Blick,

wie die Sache stand. Abermals durchgefallen. Ruiniert. Die ganze

Existenz vernichtet.

Kein Wort konnte Felix Altwirth sprechen. Stumm und gleichgültig

schritt er neben dem Freunde und beachtete gar nicht, daß dieser durch

den alten Torbogen der Hofgasse einlenkte und die Richtung gegen den

Weißen Hahn nahm.

Es war Spätherbst, und die Abende waren früh und kühl. Der dämmerige

Schein der hereinbrechenden Nacht fiel über die hochgebauten,

altersgrauen Häuser der Hofgasse. Die Lichter der Straßenlampen

brannten noch nicht. Geschäftiges Treiben herrschte in der schmalen

Gasse. Kinder tummelten sich umher, schrien und pfiffen oder trugen

Milch oder Bier für den elterlichen Haushalt heim.

Schweigend schritten die beiden jungen Männer nebeneinander her. Felix

befand sich in einem Zustand so vollständiger Apathie, daß er wie

willenlos dem Freunde folgte. Erst als sie im Hausflur des Gasthofes

zum Weißen Hahn anlangten, fuhr er erschrocken zusammen.

„Da hinein ...“ machte er. „Du wirst doch nicht ... Ich kann nicht,

Max! Laß mich, ich kann heute nicht unter Menschen gehen!“

Max Storf nahm mit festem Griff den Arm des Freundes und zog ihn

gewaltsam mit sich fort.

„Es ist noch nicht spät, Felix. Es wird dir gut tun. Die Stammgäste

kommen ja erst später.“

Im Herrenstübel war es gähnend leer. Eine Lampe erleuchtete den Raum

nur sehr spärlich.

Der junge Arzt war dem Freund behilflich, den Hut und den Überzieher

abzulegen. Gleichgültig ließ Felix alles mit sich geschehen. Es

fröstelte ihn. Wie in einem Traumzustand befand er sich, aus dem er nie

wieder zu erwachen wünschte.

Für Augenblicke kam ihm seine ganze Lage zum Bewußtsein. Durchgefallen,

wieder durchgefallen! Was wohl jetzt mit ihm geschehen würde? Ob sich

die Verwandten nun von ihm abwenden würden? Nur nicht nachdenken, nur

jetzt nicht nachdenken!

Wie ein milder, alles verstehender Vater redete Max Storf mit guten

Worten auf Felix ein. „Nimm’s nicht so hart, Felix. Du kannst ja nichts

dafür. Es ging dir halt die ganze Sache gegen deine Natur. Vielleicht

ist’s zu deinem Glück, daß es so gekommen ist!“

„Glück!“ Mit bitterem Hohn wiederholte Felix dieses Wort. „Glück! Als

ob ich je ein Glück gekannt hätte im Leben!“

Und dann saßen die beiden jungen Männer schweigend nebeneinander, eine

ganze Weile lang.

Erst nach geraumer Zeit kam Sophie ins Herrenstübel. Die Kellnerin von

der Schwemme hatte sie darauf aufmerksam gemacht, daß im Herrenstübel

Gäste seien. Die Schwemme befand sich auf der rückwärtigen Seite des

breiten, gewölbten Hausflurs und war das Gastzimmer derjenigen Besucher

des Weißen Hahn, die im sozialen Leben eine oder auch zwei Stufen

niedriger standen als die Gäste des Herrenstübels.

Es geschah nicht oft, daß die Schwemmkellnerin ihrer Kollegin einen

Gefallen erwies. Ganz im Gegenteil. Wenn sie ihr einen Possen spielen

konnte, so tat sie es. Teils aus Neid auf deren bevorzugte Stellung und

teils aus persönlicher Abneigung.

Die Sophie war daher äußerst erstaunt über die ungewohnte

Liebenswürdigkeit der andern. „Bist ja heut’ gar amal nett zu mir,

Kathl!“ meinte sie scherzend. „Wo muß i denn das hinschreiben?“

„Von mir aus, wohin du willst!“ erwiderte die andere schnippisch. Sie

trug einige Biergläser in der Hand und stieß im Vorbeigehen mit Absicht

an die Sophie an, so daß ihr der braune Saft über die blendend weiße

Schürze spritzte.

„Macht nix!“ sagte die Sophie scherzhaft. „Bin jung g’nug. Das kann i

schon aushalten!“

Dabei zeigte sie im Lachen die zwei Reihen großer, schöner, weißer

Zähne, die in dem braunen, gesund geröteten Gesicht den Eindruck

kräftigster Lebensfrische nur noch erhöhen halfen. Die Sophie wollte

darauf anspielen, daß die Kathl sich schon den Dreißigern näherte,

während sie selber ja noch in der ersten Blüte der Zwanziger stand.

Mit flinken Schritten lief sie dann ins Herrenstübel. „Ja, Herr

Altwirth und der Herr Doktor!“ machte sie erstaunt und hielt den beiden

die Hand zum Gruße hin. „Was ist denn das, daß Sie schon da sind so

zeitlich?“

Die Sitzungen im Herrenstübel gingen immer erst viel später an. Vor

sieben Uhr war noch wenig Leben in der Bude.

Ein feines Rot bedeckte das zarte Gesicht von Felix Altwirth, als er

zu dem hübschen Mädchen aufsah, das vor ihm stand und ihn forschend

anschaute. Seine großen, etwas träumerischen blauen Augen leuchteten

auf. Es tat ihm wohl, ihr frisches, teilnehmendes Gesicht zu sehen.

„Ich hab’ Prüfung gemacht, Fräul’n Sophie ...“ sagte er dann zögernd.

„Ja ... und?“ Er glaubte etwas wie eine geheime Sorge in dem Klang

ihrer Stimme zu vernehmen. „Wie ist’s denn ausgangen?“

„Wie die frühere auch. Durchgefallen!“ Der junge sprach es leise, kaum

hörbar. Seine Stimme verschleierte sich, als habe er mit aufsteigenden

Tränen zu kämpfen. Er hielt den Kopf tief nach vorne gesenkt, und in

seinem weichen Kindergesicht zuckte es gewaltsam.

Sophie hatte mehr Licht gemacht. Der helle Schein fiel auf das blonde,

volle Haar des jungen Mannes. Es lag etwas Rührendes in seiner ganzen

Haltung. Fast noch etwas knabenhaft Unberührtes.

Wie er so da vor ihr an dem mit einem farbigen Tuch gedeckten

viereckigen Tische saß, war es der Sophie, als hätte Felix Altwirth

eine Ähnlichkeit mit ihrem toten Brüderchen, dem Karrnerbübel. Und

ganz ähnlich, wie sie jenen so oft in seinem kindlichen Leid getröstet

hatte, machte sie es nun mit dem durchgefallenen Prüfungskandidaten.

Mit der ganz gleichen resoluten Energie, in demselben mütterlich

tröstenden Ton sprach sie jetzt zu Felix, wie sie es in ihren frühen

Kinderjahren so oft getan hatte.

Sophie Zöttl setzte sich auf die Bank an die Seite des jungen Mannes,

ergriff mit warmem Druck seine eisigkalte Hand und hielt sie fest

in der ihren. „Und jetzt, jetzt sind’s natürlich recht unglücklich!

Statt daß Sie Ihnen freuen täten, daß Sie kein so langweiliger Beamter

zu werden brauchen. Gelten’s? Und möchten wohl am liebsten gleich in

Inn eini springen, ha? Und stellen Ihnen vor, wie schön ’s wär’, wenn

man an jedem Ersten sein schäbiges G’haltel einstecken könnt’, wie

man vertrocknen dürft’ vor lauter Aktenstaub. Und dann hinaus kommen

tät’ aufs Land als k. k. Bezirksrichter. Ja, ja!“ nickte sie mit einem

komisch ernsten Gesicht, als Felix sie unterbrechen wollte. „Es ist

schon so, wie ich sag’! Und wenn man dann am Land draußen den großen

Herrn spielen könnt’ ... und wenn man dann alt und katzgrau und so

schäbig ist, daß si’ g’wiß koa Madel mehr nach einem umdreht, da darf

man wieder in die Stadt z’ruck. Da kriegt man an schönen G’halt und

bildet sich an Batzen drauf ein. Stackelt umanander, recht breit und

recht behäbig, Bauch voran und die Füß’ auseinander, daß ja a anderer

Mensch koan Platz mehr hat, da wo man selber geht. Denn am Land

draußen, da hat man’s erst begriffen, daß man wer ist, und da bildet

man sich nacher aa was ein drauf, weil man sonst nix hat, auf was man

sich was einbilden könnt’. Ja, ja ... mei’ Lieber, so ist’s! Und das

möchten Sie werden, akrat das? Aber z’schad sein Sie für so eppas, sag’

i Ihnen, viel z’schad dazu! Grad recht ist’s, daß Sie durchg’fallen

sein. Justament recht ist’s, und mi g’freut’s. Jatz muß die Apothekerin

nachgeben, ob sie will oder nit! Gelten’s, Herr Doktor?“

Felix Altwirth hatte bei dem Redeschwall des jungen Mädchens

unwillkürlich lachen müssen. Sie hatte das alles mit so viel

Entschlossenheit und drolliger Urwüchsigkeit gesagt, daß es ihn

erheitern mußte.

Ein gutes Korn Wahrheit steckte ja in dem allen, was sie sagte. Diese

ganze Schilderung des alternden Beamten hatte er sich oft genug selbst

gemacht, und mit Schaudern hatte er sich vorgestellt, wie wohl sein

ganzes Leben da draußen am Land mitten unter den Bauern sich gestalten

würde.

Vielleicht hatte die Sophie doch recht. Vielleicht war’s trotz allem

nicht gar so schlimm, daß er durchgefallen war. Vielleicht durfte er

nun doch sein Leben ... Ja, wenn nur die Tante und der Onkel nicht

wären und seine Mutter. Seine Mutter ... die wußte ja noch gar nichts,

wie’s um ihn stand.

Bei diesen Erwägungen machte Felix Altwirth ein recht trauriges Gesicht

und unterdrückte nur mit Mühe einen Seufzer.

Auch Max Storf dachte an die Verwandten seines Freundes und sagte

ziemlich mutlos: „Das stellen’s Ihnen doch leichter vor, als es ist,

Fräul’n Sophie. Die Frau Apotheker ...“

„Ach was, die Frau Apotheker! Die nimm einfach i mir z’leihen. Der

sag’s einfach i. Die kommt ohnedies heut’ auf d’Nacht her. Da kommt’s

mir grad recht. Da red’ i damit!“ meinte die Sophie resolut.

Mit einem jähen Ruck war Felix Altwirth von seinem Sitz emporgeschnellt.

„Was? Die Tant’ kommt? Ja da muß i gleich ...“ Und mit Blitzeseile

hatte er nach seinem Hut und nach seinem Überzieher gelangt, um sich

vor der ihm drohenden Gefahr zu flüchten.

Lachend hielt ihn Max Storf mit beiden Händen an den Schultern fest.

„Ob du dableibst oder nit, du Hasenfuß! Vor einem Weib davon laufen,

schämst di nit?“

„Nein, ich schäm’ mich nit! Bleib du und red’ mit ihr, wenn du die

Schneid’ hast!“ Felix Altwirth mußte jetzt über sich selber lachen.

Die Erinnerung an seine Tante bewirkte, daß sich sein Humor entschieden

besserte. Es war eine Art komischer Furcht, die er vor seiner Tante

hatte. Er wußte, daß diese Frau allein sein Schicksal in Händen trug.

Diese Frau, der gegenüber er sich stets wie auf einem Vulkan befand.

Keinen Augenblick fühlte er sich davor sicher, mit ihr ernstlich

zusammen zu krachen.

Ihre bornierte Anmaßung, die Beschränktheit ihrer Lebensauffassung und

ihre ungeheure Gönnermiene hatten ihn von jeher schon so gereizt, daß

er es stets vorzog, mit dem Onkel zu verhandeln ohne Beisein von dessen

Frau. Hauptsächlich aus diesem Grunde war er ursprünglich Stammgast

beim Weißen Hahn geworden. Bis dann später ein neuer Anziehungspunkt

hinzukam, der ihn dort fesselte. Das war seine heimliche Verehrung für

Sophie Zöttl.

„Ich bleib’ schon!“ sagte der junge Arzt. „Und ich red’ auch mit ihr.

Aber nit heut’, sondern erst morgen. Also heut’ ist wieder Damenabend?“

erkundigte er sich dann bei der Sophie. „Wer kommt denn alles?“

„Na also amal die Frau Apothekerin Tiefenbrunner, dann die Frau

Patscheider, die Frau Direktor Robler, die Frau Professor Haidacher,

die Frau Baurat Goldrainer und ihre Schwester ...“

Felix Altwirth hielt sich mit komischem Entsetzen die Ohren zu. „Um

Gotteswillen hören’s auf, Fräul’n Sophie! Da wird einem ja ganz damisch

bei die vielen Leut’. Da geh’ ich lieber!“

„Aber Sie wohl nit, Herr Doktor, hm?“ fragte Sophie mit schnippischer

Anzüglichkeit.

„Nein, ich nit, ich bleib’!“ erwiderte der junge Arzt fest, aber doch

mit einiger Verlegenheit in seinem Gesicht.

Die Sophie wußte es ganz genau, daß sich Doktor Max Storf nun schon

seit einiger Zeit für Fräulein Hedwig Eisenschmied, die Schwester der

Frau Baurat Goldrainer, interessierte. Daß der junge Arzt so bald schon

seine Aufmerksamkeiten gegen sie auf eine andere übertragen hatte, das

kränkte ihre weibliche Eitelkeit.

Sophie Zöttl war in gewisser Beziehung ein sehr verwöhntes Mädchen

geworden und verlangte es, ohne sich dessen bewußt zu sein, daß ihr

sämtliche männliche Mitglieder der Stammtischgesellschaft huldigten.

Sie hatte mit dem jungen Arzt ihr Spiel getrieben. Sie hatte mit ihm

kokettiert, wie sie mit jedem kokettierte. Aber nicht lange. Max Storf

eignete sich nicht, der Sklave eines Weibes zu werden oder sie in

scheuer Anbetung zu verehren, wie sein Freund dies tat.

Der junge Arzt hatte sich eine warme Verehrung für die reine Frau

bewahrt. Daß Sophie noch zu den reinen Frauen gehörte, das fühlte er.

Er hatte keine Ahnung von ihrer eigentlichen Abkunft und hielt sie für

ein Bauernmädchen aus dem Unterinntal.

Max Storf war Menschenkenner genug, um es zu wissen, daß ein wildes,

ungezügeltes Temperament unter der scheinbar gleichgültigen Art des

jungen Mädels lauerte. Ein Temperament, das er sich scheute zu wecken,

das ihm für ein loses Spiel zu gefährlich schien und für ein ernstes

Glück zu ruhelos und wild.

In Fräulein Hedwig Eisenschmied glaubte er das Mädchen gefunden zu

haben, das ihm für ein dauerndes Glück sichere Bürgschaft bieten konnte.

Sophie bemerkte sofort den Umschwung in seinen Gefühlen. Da sie ihn

nicht liebte, berührte es sie innerlich nur wenig. Einzig und allein

gekränkte Eitelkeit war es, die sie veranlaßte, dem jungen Arzt

schnippische und anzügliche Reden zu geben. Doktor Storf war kein

Neuling in der Beurteilung und Behandlung der Frauen, und sein Takt,

auch in diesem Falle, erregte die geheime Bewunderung von Felix ...

Es war schon beinahe halb acht Uhr abends, als Felix Altwirth das

Stammlokal beim Weißen Hahn verließ. Gerade noch rechtzeitig, ehe er

mit dem ersten der abendlichen Gäste im Hausflur zusammentraf.

Langsam schlenderte Felix die Anlagen des rechtsseitigen Innufers

entlang. Er hatte den dunklen Hut tief in die Stirn gedrückt. Den

Rockkragen des hellen Überziehers hatte er aufgestülpt und die beiden

Hände in die weiten Taschen vergraben. So ging er mit lässigen

Schritten seines Weges, ohne jemand zu beachten. Er kam noch immer

früh genug nach Hause. Es eilte ihm gar nicht. Den bittern Reden und

Vorwürfen seiner Mutter würde er ja doch nicht entgehen. Daß sie damit

nicht sparen würde, das wußte er.

So nahe sich Mutter und Sohn in früheren Jahren gestanden waren, so

tief war die Kluft zwischen ihnen geworden. Unüberbrückbar erschien sie

dem Sohn. Wenn er nur fort könnte! Fort von hier ... weit fort!

In der Dunkelheit der Nacht bauten sich ihm die Berge der Nordkette auf

wie die Riesenmauern eines Gefängnisses. Hoch, mächtig und erdrückend

schwer. Da war kein Ausweg für Felix. Fast schien es ihm, als sei das

gigantische Gebirge in seiner trotzig herben Unnahbarkeit ein Symbol

für ihn.

Kein Ausweg! Sollte er tatsächlich hier in dieser Stadt ein kleines

Schicksal zu Ende leben müssen? ...

Am Himmel war kein Stern sichtbar. Stockfinster war die Nacht und

regenschwer die Luft. Immer weiter ging Felix Altwirth den Inn entlang

... viele Stunden ... weit hinunter ins breite Inntal. Erst der frühe

Morgen brachte ihn heim zu seiner Mutter.

[Illustration]

Siebentes Kapitel.

Es geschah nicht oft, daß die Herren von der Stammtischgesellschaft

beim Weißen Hahn ihre Damen mitbrachten. So alle heilige Zeiten

einmal kam es vor. Aber dann ging’s auch jedesmal hoch her. Da wurde

geplaudert, gelacht und gesungen, und die Sitzungen waren ausdauernder,

als wenn die Herren unter sich blieben.

Wenn so ein Weiblein einmal etwas Gutes genießt, dann will sie es

auch bis zur Neige auskosten. Das war gewöhnlich der Schluß der

philosophischen Betrachtungen, die der Herr Rat Leonhard immer und

immer wieder anstellte und durch die er die Notwendigkeit solcher

weiblicher Heimsuchungen zu ergründen bestrebt war. Dieser Schluß war

für ihn eine Art Selbstberuhigung. Besonders dann, wenn er in lauten

Selbstgesprächen, die er auf der Straße mit sich führte, sich diesen

Schluß stets von neuem wieder vorsagte und sich damit zu trösten suchte.

Für den Herrn Rat waren die Damenabende eine große Geduldprobe. Mit

geheimer Angst sah er jedesmal einen solchen Abend herannahen. Er

ertrug ihn als eine ihm vom Schicksal auferlegte Prüfung. Obwohl er

diese Prüfung als im höchsten Grade unverdient erachtete, wußte er

sie doch mit Anstand und Würde zu tragen. Der Anstand und die Würde,

die der Herr Rat bei solchen Gelegenheiten zur Schau trug, waren

allerdings etwas eigentümlicher Art. Alles, was er zur Verschönerung

seines äußeren Menschen tat, beschränkte sich darauf, daß er sich nebst

einem weißen Hemd einen steifen Kragen anlegte, einen breiten, niedern

Umlegkragen, und dazu eine helle, möglichst geschmacklose Krawatte, die

ihm selber aber außerordentlich gefiel.

Im gewöhnlichen Leben war der Herr Rat stets mit einem bunten oder auch

dunkelfarbigen Flanellhemd bekleidet, dessen weicher Kragen ihn nicht

drücken konnte. Die Stelle der Krawatte vertrat meistens eine Schnur

mit Quasten, wie sie bei den Touristenhemden üblich ist. Steife Kragen

oder gar Manschetten haßte der Herr Rat ehrlich und aufrichtig und

betrachtete diese „Futteraler“ als eine unerhörte Beschränkung seiner

persönlichen Freiheit.

Die Stadt am Inn · 第 7 / 28 段