unbedingt satyrische Ader besaß, machte einmal die Bemerkung: sie
glaube, der Herr Rat Leonhard wähle die dunkle Hemdenfarbe aus
Sparsamkeitsgründen und mit Rücksicht auf die Reinlichkeit.
Der böse Witz wurde viel belacht; denn alle wußten es, daß der Herr Rat
ziemlich ungezogene Manieren bei Tisch besaß und daß seine Kleidung nie
ohne die Spuren der genossenen Mahlzeiten blieb.
Daß der Herr Rat Leonhard zu den Damenabenden auch jedesmal ein
weißes Hemd anziehen mußte, war eine Prozedur, die der lustigen Frau
Professor sicher viel Vergnügen bereitet hätte, wenn sie dieselbe hätte
beobachten können. Im Geist stellte sie sich’s zwar genau so vor, wie
es in der Wirklichkeit sich immer ereignete. Und diese Vorstellung
ließ es ihr nur begreiflich erscheinen, daß der alte Junggeselle den
Damenabenden beim Weißen Hahn bloß Gefühle des Abscheus und der Furcht
entgegenbrachte.
Die lustige Frau Professor sah den kleinen Mann, wie er in seiner
Junggesellenbude nervös auf und ab trippelte, überall seine Wäsche
zusammensuchte und sie nicht finden konnte. Sie sah ihn, wie er nach
glücklich vollbrachtem Fund sich abmühte, in das steife, ihm ungewohnte
Wäschestück hinein zu schlüpfen. Sie hörte ihn ächzen und keuchen und
ingrimmig fluchen, wenn er den Ausweg für den Kopf nicht finden konnte,
da er vergessen hatte, oben die Knöpfe aufzumachen. Sie sah ihn in
ratloser Verzweiflung und mit ungeschickten, zitterigen Händen einen
Knopf annähen, der lose an einem Faden hing und auszubrechen drohte,
und sah noch viele kleine Unfälle, die ihm widerfuhren und die er zu
überstehen hatte.
Und das mußte der Herr Rat, wie die rundliche, gut genährte Frau
Professor mit innerer Befriedigung feststellte, alles zur Strafe dafür
durchmachen, weil er es versäumt hatte, sich rechtzeitig im Leben um
eine Gefährtin umzusehen, die ihm die kleinen Lasten des Alltags mit
liebevoller Sorge abgenommen hätte.
Als warnendes Beispiel hatte die Frau Professor den Rat Leonhard schon
oft dem Doktor Rapp vor Augen gestellt. Denn daß der Advokat so völlig
keine Lust bezeugte, in den Ehestand zu treten, das wollte ihr schon
gar nicht gefallen.
„Schauen’s, Herr Doktor, so viele hübsche junge Mädeln gibt’s in
Innsbruck. Mädeln mit Geld und Mädeln ohne Geld. Beißen’s doch an! Ein
Mann wie Sie! Ich bitt’ Ihnen!“
Auch heute abend hatte sich die Frau Professor den Doktor Rapp aufs
Korn genommen, um ihn abermals in ihrer lustigen Art für den Ehestand
zu kapern. Sie selber war eine äußerst glückliche Frau geworden,
hatte einen guten, etwas phlegmatischen Mann gefunden, der ihr willig
das Zepter der Regierung überließ und sich in alles fügte, was sie
bestimmte. Da Frau Anna Haidacher eine sehr vernünftige Dame war, so
bedurfte es auch keiner allzu großen Selbstverleugnung von Seite des
Herrn Professors, sich ihrem höhern Willen unterzuordnen.
Die Frau Professor war entschieden der Sonnenschein am Stammtisch. Sie
war die einzige, die es zustande brachte, die Sophie für den Abend
auszustechen. Ohne Absicht natürlich; denn sie befand sich nebst den
andern Damen in vollkommener Unkenntnis darüber, welchen Grad der
allgemeinen Aufmerksamkeit das junge Mädchen für gewöhnlich genoß.
Sophie trat für diesen einen Abend gerne zurück. Sie erfreute sich
gleich den andern an der sprudelnden Heiterkeit der jungen blonden Frau.
Sophie hatte eine ganz besondere Zuneigung zur Frau Professor gefaßt.
Sie zog sie allen übrigen Damen vor und machte sich gerne um sie zu
schaffen. Das kam daher, weil Frau Haidacher ganz anders zu dem Mädel
war als die übrigen Damen. Frau Anna hatte eine gute, freundliche
Art, mit dem Mädchen zu reden. Sie sprach mit ihr, als wäre sie eine
ihresgleichen, und kehrte mit keinem Wort, mit keinem Blick und
keiner Gebärde die Dame vom Stande heraus; und dafür hatte Sophie ein
besonders feines Empfinden.
Die Damenabende waren für Sophie eigentlich stets Stunden der
Selbstüberwindung und Selbstbeherrschung. Ihre Stellung beim Weißen
Hahn war mit der Zeit eine derartige geworden, daß sie das Gefühl, eine
Dienerin zu sein, ganz verloren hatte. Die Wirtin hielt sie wie ihr
eigenes Kind. Die Gäste bewunderten sie und feierten sie und ließen
sich von ihr hofmeistern. Das Dienstpersonal nahm eine Art scheuen
Abstandes von ihr ein, der nicht frei von Neid war.
Mit dem Auftreten der Damen in der Stammtischgesellschaft änderte sich
für Sophie das Bild, und sie empfand deutlich den sozialen Unterschied
zwischen sich und jenen. Da war keiner der Männer, der es gewagt
hätte, in Gegenwart der Frauen einen Witz mit ihr zu machen. Sogar die
jungen Herren am andern Ende des Zimmers verhielten sich ruhiger und
zurückhaltender. Sophie war stets froh, wenn so ein Damenabend wieder
glücklich überstanden war. In diesem Punkt stimmte sie mit dem alten
Herrn Rat vollkommen überein.
Mit heimlicher Genugtuung bemerkte sie es, wie die übrigen Damen es
der Frau Professor neideten, daß diese der Mittelpunkt der Gesellschaft
war und sich der allgemeinen Gunst erfreute. Die Professorin war
hübsch, jung, übermütig und besaß einen sich stets gleichbleibenden
Humor. Eigentlich war Frau Professor Haidacher gar keine Innsbruckerin.
Sie war nur eine „Eingeheiratete“ und von Geburt eine Linzerin.
Es dauerte auch geraume Zeit, ehe die Innsbrucker Damenwelt sich mit
ihr anfreunden konnte. Die herzliche, heitere Art der jungen Frau
bezwang aber doch schließlich die kühle, beobachtende Zurückhaltung der
Damen. Jetzt allerdings war sie schon längst eine der Ihren geworden,
und sie fanden sich ab mit ihrer überquellenden Lustigkeit und mit der
für ihre Begriffe zu extravaganten Kleidung der Professorin.
Frau Haidacher liebte es, sich stets nach der allerneuesten Wiener
Mode zu kleiden. Und die Art und Weise, wie sie sich trug, wie sie
sprach und ging, verriet die Dame von Welt, die in ihre gegenwärtige
spießbürgerliche Umgebung nicht so ganz hineinpassen wollte.
Daß sie nicht ganz zu ihnen paßte, das fühlten die Innsbrucker Damen
besser, als es Frau Haidacher selbst bewußt wurde. Die Professorin
hatte sich rasch eingewöhnt in der Stadt. In ihrer leichtlebigen
Art fand sie sich gleich mit allem zurecht und sehnte sich keinen
Augenblick nach ihrer alten Heimat zurück.
Sophie Zöttl war, während die Professorin den Rechtsanwalt wieder
einmal neckte, in der Nähe geblieben und hatte scharf auf jedes Wort
geachtet, das gesprochen wurde.
Sie stand hinter dem Stuhl der Professorin und hatte die rechte Hand
leicht auf die Lehne gestützt. Es war eine vertrauliche Haltung, die
sie einnahm, während sie ihr Gesicht gegen eine andere Seite wandte,
als erwarte sie von dort her einen Auftrag oder als achte sie gar
nicht darauf, was in ihrer allernächsten Nähe verhandelt wurde.
Und doch entging ihr kein Wort, nicht ein einziges. Auch nicht
die geringste Nuance im Tonfall eines Wortes. Sie war so voll
Aufmerksamkeit, daß sie es nicht einmal bemerkte, wie einige Damen sich
über ihre gemütliche und ungezwungene Art sich zu geben beschwerten.
Die Frau Patscheider, die sich, wenn ihr Gatte anwesend war, ganz
besonders dazu berufen fühlte, über Schickliches und Unschickliches
zu urteilen, wandte sich mit schlecht verhehlter Empörung an ihre
Nachbarin, die Frau Baurat Goldrainer: „Finden Sie nicht, Frau Baurat,
daß die Sophie jetzt anfangt, gar a bissel zu vertraut zu werden. Das
gehört sich schon gar nicht. Ein Unterschied muß doch sein. Sie ist ja
doch bloß a Kellnerin!“ meinte sie, und ihre vollen Lippen verzogen
sich geringschätzig.
Die Frau Patscheider war eine Frau in den schönsten Jahren. Groß,
schwarz und üppig, ein bißchen zu üppig. Die schwere, goldene Uhrkette,
die sie doppelt um den Hals geschlungen trug, lag straff gespannt über
der schwarzseidenen Bluse, die den prallen Busen nur noch mehr zur
Geltung brachte. Die Frau Patscheider machte den Eindruck, als hätte
sie sich ganz besonders eifrig der Prozedur des Schnürens unterzogen.
Sie atmete schwer, und wenn sie sprach, schöpfte sie immer erst tief
Atem, als verursache ihr das Sprechen eine ungeheure Anstrengung.
Die Damen saßen alle in einem Kreis beisammen. Männlein und Weiblein
waren streng geschieden. Nur die Professorin bildete hier abermals eine
Ausnahme. Sie mußte an ihrer Seite stets ein Mannsbild haben, wie sie
sich ausdrückte. Sonst fühlte sie sich nicht wohl. „An +einer+ Seite
wenigstens!“ lachte sie. „Damit ich auch einmal was anderes zu hören
krieg’, als Kinder, Dienstboten und den andern Klatsch.“ Die Damen
lachten ihr dann immer mit süßsaurer Miene zu. Die Professorin war halt
einmal so. Daran konnte man nichts ändern.
Auch Frau Therese Tiefenbrunner hatte einen Tischnachbar. Sie hatte
sich ihn zwar nicht ausgesucht, sondern er war für sie bestimmt worden.
Nämlich der Herr Rat Leonhard.
Da der Herr Rat diese Abende als eine ihm von Gott auferlegte Prüfung
ansah, in die er sich mit Würde und Anstand zu schicken wußte, so
erachtete er es auch für seine Pflicht, bei diesen Gelegenheiten als
Tischältester zu präsidieren. Und daß er dies nur an der Seite einer
Dame konnte, war klar.
Da die Wirtin an den Damenabenden stets den Platz zu seiner Rechten
innehatte und keine der Damen zu bewegen war, ihr diesen Platz zu
nehmen, so blieb nur noch der Platz zur Linken des Herrn Rat frei. Eine
jede der Damen hatte aber eine ganz bestimmte Abneigung dagegen, neben
dem Herrn Rat zu sitzen.
Der Herr Rat pflegte an den Damenabenden einen völlig andern Menschen
aus sich zu machen und allen ihm lieb gewordenen Angewohnheiten zu
entsagen. Er verzichtete sogar mit Rücksicht auf die Vertreterinnen
des schönen Geschlechtes auf seine ihm sonst unentbehrliche Pfeife.
Der Herr Rat hatte in seiner frühen Jugend einmal gehört, daß es nicht
anginge, in Gegenwart von Damen Pfeife zu rauchen; und das hatte er
sich wohl gemerkt. Er wollte nicht unhöflich sein. Um keinen Preis! Und
er wußte auch, was sich gehörte.
Daher rauchte der Herr Rat Leonhard an den Damenabenden nur Zigarren.
Sie schmeckten ihm zwar nicht. Beileibe nicht! Aber er tat’s doch aus
purer Höflichkeit und kam sich dabei als das größte Opferlamm vor, das
je gelebt hatte.
Da der Herr Rat im Zigarrenrauchen keine Übung besaß, so behandelte
er die Zigarren äußerst schlecht. Er biß darauf, kaute sie zur
Abwechslung, entblätterte sie, schnitt sie auseinander, damit sie
besser ziehen sollten. Kurz, er befand sich den ganzen Abend in einem
unausgesetzten Kriegszustand mit seiner Zigarre.
Dies trug absolut nicht zur Besserung seiner Laune bei und vermochte
auch nicht, sein Behagen zu erhöhen. Seine ganze Aufmerksamkeit wurde
von dem tückischen, leblosen Gegenstand in seinem Munde in Anspruch
genommen. Und wenn er sich auch noch so viel Mühe gab, möglichst
unbefangen zu erscheinen und ein freundliches Gesicht zu schneiden, so
brachte er es doch über eine verzerrte, griesgrämige Grimasse nicht
hinaus.
Sprechen tat der Herr Rat überhaupt nichts. Nur ab und zu nahm er sich
einen Anlauf und öffnete seinen Mund zu einer Rede. Da wurde dann
immer nur eine Frage daraus. Und es war auch stets dieselbe Frage,
die er von Zeit zu Zeit wie eine Offenbarung an seine Nachbarin zu
richten pflegte. Für ihn war es auch eine Offenbarung. Das Resultat
einer angestrengten Gehirntätigkeit, eine Erlösung von der Pein des
Nachdenkens. Denn alles Nachdenken half nichts, es wollte ihm nie ein
Gesprächsstoff einfallen.
Wenn der Herr Rat nach der gestellten Frage abermals in tiefes
Nachdenken versank, schloß er die Augen und tat, als schliefe er. Nur
ein heftiges Zucken gab Zeugschaft, daß er noch munter war und den
Kampf mit seinem heimtückischen Glimmstengel auf eine andere Weise
fortzusetzen suchte.
Wie ein feiner Sprühregen ergoß es sich aus seinem Mund fortwährend
und ohne Unterbrechung. Fast lautlos setzte er den Kampf mit den
Tabakblättern fort, die sich wie Kletten an seine Zungenspitze
festzukleben suchten.
Daß die Damen es vorzogen, so weit als möglich von dem sonderbaren
Herrn zu sitzen, war ihnen gewiß nicht zu verdenken.
Die lustige Frau Professor hatte einen Kriegsrat abgehalten. Ganz im
geheimen und mit Ausschluß der Apothekerin. Da die Apothekerin unter
den anwesenden Damen die älteste war, wurde beschlossen, ihr ein für
allemal den Ehrensitz neben dem Herrn Rat abzutreten. Und mit viel
Würde und unsagbar huldvoller Miene thronte Frau Therese Tiefenbrunner
seither neben dem Herrn Rat Leonhard am Stammtisch beim Weißen Hahn ...
Es war tiefinnerstes Interesse, das Sophie Zöttl so genau aufpassen
hieß bei der Unterredung zwischen der Professorin und dem Doktor Rapp.
Sophie besaß keinerlei Zuneigung für den Rechtsanwalt, und ihr
Interesse an ihm war einzig und allein schlau durchdachte Berechnung.
Doktor Valentin Rapp besaß alles, was Sophie begehrte. Er war reich,
angesehen und nicht zu alt. Schön war er ja nicht, aber doch immerhin
nicht häßlich. Und zur Not konnte sie sich ja gerade einreden, daß sie
ihn ganz gern habe.
Verliebt war sie nicht. Das gestand sie sich selber vollkommen ehrlich
ein. Denn dazu steckte ihr der Student, der Felix Altwirth, doch zu
sehr im Kopf.
Sophie Zöttl wußte, daß diese Neigung zu dem mittellosen Studenten bei
ihr vergehen würde. Sie mußte eben vergehen. Koste es, was es wolle.
Jetzt galt es für sie, alle Karten auf +ein+ Spiel zu setzen. Und
dieses Spiel war Doktor Rapp.
Mit der geriebenen Schlauheit, die ihr und ihresgleichen im Blute lag,
begann sie das Spiel. Wie eine Spinne fing sie an, feine, unsichtbare
Fäden zu weben. Dichter und immer dichter, bis die Fäden zu einem Netz
wurden, aus dem ein Entrinnen fast unmöglich war.
Doktor Rapp war es sich noch nicht bewußt, daß er den Mittelpunkt
dieses fein angelegten Kunstwerkes bildete. Sophie wollte erfahren,
in welchem Grade der Rechtsanwalt seine Unbefangenheit bewahrt habe.
Und deswegen verfolgte sie die Unterredung mit der Professorin mit so
gespannter Aufmerksamkeit. Sie wußte, daß es einzig und allein darauf
ankam, den Doktor tunlichst lange in dieser Unbefangenheit zu erhalten,
bis zu einem Zeitpunkt, wo ein Entkommen dann ausgeschlossen sein würde.
Hätte Doktor Rapp auch nur den leisesten Verdacht geschöpft, welches
Attentat Sophie auf seine persönliche Freiheit plante, so wäre er mit
groben, unbarmherzigen Fäusten dazwischen gefahren und hätte das ganze
Gespinst weiblicher Schlauheit vernichtet.
Der Rechtsanwalt dachte mit keinem Gedanken ans Heiraten. Wenn man ihn
damit neckte, so lachte er und sagte, er wolle sich’s noch überlegen.
Es sei ja noch Zeit. Es könne ja sein, daß er noch auf den Geschmack
komme. Bis jetzt halte er noch nicht viel vom Ehestand.
Die Professorin meinte dann jedesmal mit komischer Verzweiflung, daß
der Doktor eine ganz außergewöhnliche Art von Ehefeind sei. Einer von
jenen allerschlimmsten, die das Heiraten nicht „verschreien“ wollen, um
der Ehe desto sicherer zu entrinnen.
In Wirklichkeit hielt sich der Rechtsanwalt Doktor Rapp zu Besserem
berufen, als sich, wie er sich in ganz intimen Kreisen auszudrücken
pflegte, mit Weib und Kindern ein Leben lang herum zu streiten. Er
wußte, daß er hohe geistige Fähigkeiten besaß, und erachtete es für
seine Pflicht, diese Fähigkeiten zum Wohle seiner Heimatstadt und
seines Landes fruchtbringend anzulegen.
Doktor Max Storf hatte sich für diesen einen Abend zu den Herrschaften
am Stammtisch gesellt und saß neben Fräulein Hedwig Eisenschmied und
deren Schwager, dem Baurat Goldrainer.
Hedwig Eisenschmied war ein stilles, etwas verschüchtert aussehendes
Mädchen, Mitte der Zwanziger. Der Altersunterschied zwischen ihr und
Max Storf betrug höchstens zwei oder drei Jahre. Sie war klein und
zierlich, hatte ein fein geschnittenes, blasses Gesichtchen und dunkle
Haare, die sie in schlichter Art gescheitelt und tief im Nacken zu
einem Knoten geschlungen trug.
Ihre hellen Augen standen in einem seltsamen Gegensatz zu dem
tiefdunklen Haar. Sie verliehen ihr einen leicht ätherischen Anstrich.
Ihre Bewegungen waren so langsam und bedächtig wie ihre Sprache. Sie
machte den Eindruck, als hielte sie stets in ihrer Rede mit etwas
zurück, als fürchtete sie durch ihre Offenheit sich zu schaden oder
mißverstanden zu werden.
Völlig entgegengesetzt war das Äußere ihrer um viele Jahre älteren
Schwester. Die Frau Baurat hatte schon leicht ergrautes Haar und sah
älter aus, als sie war. Frau Goldrainer besaß ein Gesicht, das von
Sorge erzählte, aber auch von Mut und Energie. Der schmale, scharf
gezeichnete Mund verriet es, daß die Frau Baurat sich im Leben zu
behaupten verstand. Sie machte keinen schüchternen Eindruck wie ihre
Schwester, sprach resolut und mit etwas spitzer, schriller Stimme. Sie
war groß und knochig, und das Hagere ihrer Erscheinung stach neben der
üppigen, molligen Figur der Frau Patscheider ganz besonders unangenehm
ab.
Fräulein Hedwig Eisenschmied nahm sich neben ihrer großen Schwester
aus wie ein schüchternes kleines Vöglein, das sich Schutz und Schirm
suchend eng an einen festen Halt schmiegt. Hedwig Eisenschmied fühlte
es wohl, daß sich der junge Arzt um sie bewarb, und sie wußte es
auch, daß es für eine ernste Verbindung kein Hindernis gab. Als die
Tochter eines angesehenen Kaufmanns besaß sie Vermögen genug, um einen
Hausstand gründen zu können.
Aus freiem Willen war sie bis jetzt ledig geblieben. Sie hatte keine
rechte Lust zum Heiraten und war sich auch heute noch vollständig im
unklaren, wie sie sich dem Doktor Storf gegenüber zu verhalten habe.
Da sie mutterlos war, besaß ihre ältere Schwester den größten Einfluß
auf sie, und diese riet ihr, die Partie nicht auszuschlagen. Doktor
Storf sei zwar mittellos, aber dafür ein schöner Mann, einer von jenen,
um den sie einmal alle beneiden würden.
Doktor Storf war in der Tat eine äußerst angenehme Erscheinung. Er war
nicht gerade schön, jedoch in seinem ganzen Auftreten ritterlich und
elegant. Auf den ersten Blick sah man ihm den ehemaligen Korpsstudenten
an. Sein Gesicht war ernst und sein Benehmen, besonders im Verkehr mit
Damen, von außerordentlicher Zuvorkommenheit. Es war daher kein Wunder,
daß er den Beifall der Frau Baurat fand und daß sie ihn gerne als
Schwager gesehen hätte. Ihr eigener Gatte war gerade das Gegenteil von
dem jungen Doktor, in seinem ganzen Wesen und auch in seinem Charakter.
Zu wundern war es nur, daß Hedwig keine tiefere Neigung für den jungen
Mann bezeugte. Sie blieb kühl und gleichgültig, wie sie es eben bei
allen früheren Bewerbern auch geblieben war. Auch jetzt hörte sie
in ihrer ruhigen Art dem jungen Manne zu, wie er auf sie einredete,
und sah ihn nur manchmal mit großen, scheuen Augen an. Es lag etwas
Angstvolles in ihrem Blick, als fürchtete sie sich davor, den jungen
Arzt näher kennen zu lernen.
Sie ist ganz gewiß das Gegenteil von Sophie, sagte sich Max Storf.
Das Wilde, Unbändige des Temperaments ist bei ihr nie zu fürchten. Es
wird ein stilles, gleichmäßiges Glück werden. Dabei stellte er aber
im Geheimen doch Vergleiche an zwischen Hedwig Eisenschmied und der
Sophie. So auch am heutigen Abend.
Sophie achtete nicht auf den jungen Arzt. Sie bemerkte es auch nicht,
daß Max Storf sie nun schon seit geraumer Zeit nicht aus den Augen ließ
und sie scharf beobachtete. Es entging Max keineswegs, daß Sophiens
Aufmerksamkeit auf den Rechtsanwalt gerichtet war; und zum ersten Male
fiel es ihm auf, daß das Mädchen anders zu Doktor Rapp war, als zu den
übrigen Herren.
Mit den Augen des Kenners ließ er Sophiens ganze Erscheinung auf sich
wirken. Er sah ihre große, volle Figur, sah die fast königliche Art
ihrer Kopfhaltung, sah die Grazie in ihren Bewegungen, das Weiche,
Schmeichelnde in ihrem Gang. Sah das derbe, dunkle Gesicht und die
blutroten Lippen, die nach Küssen zu lechzen schienen, und sah, wie sie
langsam und lässig ihre Hand von der Stuhllehne der Professorin nahm
und sie leicht und wie unabsichtlich auf eine Hand des Rechtsanwalts
legte, während sie sich jetzt mit anmutiger Gebärde zu ihm herunter
neigte, um ihn nach etwas zu fragen.
Der junge Arzt sah auch, daß sie länger mit Doktor Rapp sprach, als
es sich geziemte, und daß sie ihm mit einer Innigkeit in die Augen
schaute, wie er es von diesem Mädel noch nie gesehen hatte. Und er sah
es auch, wie Doktor Rapp sich leicht nach rückwärts neigte, dem Mädchen
entgegen, und wie eine tiefe Röte sein ohnedies stets gutgefärbtes
Gesicht überzog.
Und Doktor Storf wußte es seit jener Stunde, daß der Doktor Valentin
Rapp, der eingefleischte Junggeselle, diesem Weibe verfallen war.
Es ging lustig her am Stammtisch. Die Frau Direktor Robler, die eine
zwar ungebildete, aber immerhin sehr gutklingende Singstimme besaß,
ließ sich die Guitarre bringen und begleitete ihre Lieder auf der
Laute. Es waren muntere Volkslieder, Couplets und Koschatweisen. Wie
sie ihr gerade in den Kopf kamen. Immerzu sang sie darauf los und
freute sich wie ein Kind über den allgemeinen Beifall, den sie erntete.
Frau Robler war nicht mehr ganz jung, aber sie war lustig und
sangesfroh. Gesellschaftliche Talente besaß sie außer ihrem
Gesang keine. Sie war ruhig, und in ihrem Wesen lag eher etwas
Unliebenswürdiges und Abstoßendes. Das verlor sich aber, wenn sie erst
in Stimmung kam und auftaute. Diese Stimmung konnte durch ein Glas
guten Weines am ehesten erreicht werden. Den Wein liebte sie genau so
wie ihr Gatte, der manchesmal recht gerne einen Tropfen über den Durst
trank.
Die Frau Apotheker Tiefenbrunner thronte mit dem Aufgebot ihrer ganzen
Würde neben dem Rat Leonhard. Sie war die einzige von den Damen, die
ihren Hut am Kopf behalten hatte. Es war ein runder, steifer Filzhut
mit einer großen Straußenfeder, deren Spitze ihr seitwärts herunterhing
und stets ihr rechtes Ohr zu kitzeln schien. Die Apothekerin hatte
ein breites, fast lederfarbiges Gesicht, eine stumpfe Nase mit einer
leichten Neigung nach oben, kleine, dunkle Augen und dichte, eng
aneinander gewachsene Brauen. Ihr Hals war kurz und ungewöhnlich dick,
so daß man hinter dem hochgeschlossenen Kragen unschwer einen Kropf
vermuten konnte.
Frau Therese Tiefenbrunner trug ein hellbraunes Kleid von steifer,
schwerer Seide, das durch den weißen Einsatz von echten Spitzen den
Beweis erbrachte, daß die Frau Apotheker wohl die Mittel, jedoch nicht
den nötigen Geschmack besaß, um sich gut zu kleiden. Schwere goldene
Ohrgehänge, eine goldene Kette und Brosche sowie schöne wertvolle Ringe
vervollständigten den Aufputz der Frau Apotheker.
Sie war eine kleine, gedrungene Gestalt, nicht zu dick, aber derb und
knochig, und machte, obwohl sie schon eine hohe Fünfzigerin war,
den Eindruck, daß sie sich durchaus gut erhalten hatte. Geduldig saß
sie neben dem Rat Leonhard und trug mit keinem Wort dazu bei, sein
Mißbehagen zu vergrößern.
Für so etwas wie für den Rat Leonhard und seine Schrullen besaß sie
unbedingt ein volles Verständnis. Sie tat, als bemerke sie den feinen,
lautlosen Sprühregen gar nicht, der unausgesetzt den erbitterten Kampf
des Herrn Rat mit seiner Zigarre begleitete. Frau Tiefenbrunner machte
dabei eine riesig wohlwollende und fast gönnerhafte Miene. Der Reihe
nach lächelte sie jeden Einzelnen am Tisch an und hielt die kleinen,
dicken, lederfarbigen Hände fest ineinander verschlungen vor ihrer
Brust.
Ab und zu wechselte sie hinter dem Rücken des Herrn Rat ein
freundliches Wort mit Frau Maria Buchmayr, der Wirtin, deren
fettglänzendes und faltenloses Gesicht heute sanft und zufrieden
strahlte wie der Vollmond in einer schönen Juninacht.
Öfters sah die Frau Apotheker auch hinüber zur Sophie, der Kellnerin.
Aber es war entschieden ein Ausdruck äußersten Mißtrauens in ihrem
Blick. Sie traute der Sophie nicht. Das konnte man deutlich sehen.