Vierzigern. Er war aber noch so prächtig erhalten und gab sich so
jugendlich, daß man ihn für höchstens Ende Dreißig hätte ansehen
können. Voll Temperament und Geist war er, einer der angenehmsten
Gesellschafter, die man sich wünschen konnte. Nur brauchte es immer
eine Zeit, ehe Doktor Rapp aus sich heraus ging. Fremden gegenüber
beobachtete er eine Art scheuer Zurückhaltung, die er erst bei näherer
Bekanntschaft und dann nur ganz allmählich abzulegen pflegte.
Der Doktor hatte blondes, volles Haar, scharf blickende dunkle Augen
und einen langen blonden Vollbart. Das Gesicht war regelmäßig, aber
etwas zu derb geformt und so sehr gerötet, daß es einen dicken,
aufgedunsenen Eindruck machte. Wer den Doktor nicht genau kannte,
hätte ihn seiner Gesichtsfarbe nach für einen Trinker halten können.
Aber Doktor Rapp war in Wirklichkeit ein sehr mäßiger Mann. Mit seiner
Halben Wein und einer oder zwei Virginias, die er mit Wohlbehagen
rauchte, konnte er sich stundenlang begnügen. Wenn er sprach, klang
seine Stimme hell, klar und etwas gebieterisch im Tonfall. Doktor
Valentin Rapp hatte seinen Platz stets neben der Wirtin, mit der er
fortwährend in einem lustigen Kriegszustand lebte.
Zur rechten Seite der Wirtin saß für gewöhnlich der Herr Kaufmann
Patscheider. Ein älterer Mann, groß und knochig, mit rotem Gesicht,
hellen Augen und einem kurz geschnittenen graumelierten Schnurrbart,
der die dicken, aufgeworfenen Lippen in unangenehmer Art zur Geltung
brachte. Die dunkeln, stark ergrauten Haare waren teilweise schütter
und standen straff empor. Seine bogenförmig geschwungenen Brauen über
den lichtblauen Augen hielt der Herr Patscheider stets emporgezogen,
was ihm einen naiv verwunderten Ausdruck verlieh.
Trotzdem hatte man es auf den ersten Blick los, daß dieser Ausdruck nur
Maske war. Herr Patscheider war ein kluger und gewiegter Geschäftsmann
und viel gescheiter, als er zu scheinen wünschte. Ein Mann, der es
verstanden hatte, sich zu dem ererbten väterlichen Vermögen einen ganz
ansehnlichen Haufen Geld zu sammeln.
Am Stammtisch beim Weißen Hahn führte Johannes Patscheider die lauteste
Sprache; und was er sagte, das galt als eine Art Evangelium. Sie waren
alle ruhig, wenn er mit lauter, gebieterischer Stimme seine Ansichten
kund tat. Und sie wagten es, ihm nur schüchterne Gegenreden zu geben,
wenn sie anderer Meinung waren.
Nur Doktor Rapp getraute sich, diesem ausgesprochenen Herrenmenschen
gegenüber seine Ansicht zur Geltung zu bringen. Das ging dann aber
jedesmal recht schief aus und endete regelmäßig damit, daß Patscheider
schweigend seinen Hut und Stock nahm und aus dem Zimmer ging. Er
erschien auch nicht mehr am Stammtisch, bis man ihn holte.
Die Vermittlerrolle zwischen den beiden Gegnern übernahm dann
jedesmal der Herr Apotheker Simon Tiefenbrunner. Doktor Rapp und
Patscheider waren immer und ausnahmslos in allen Dingen vollkommen
entgegengesetzter Meinung. Doktor Rapp war ein schneidiger Draufgänger,
radikal und unbesonnen. Patscheider war dagegen überlegend, scharf
berechnend, in seinen Ansichten jedoch etwas rückständig, was ihm oft
den Spott und den Hohn des jüngeren Doktor Rapp eintrug.
Patscheider hatte sich schon seit Jahren um die Stadt große Verdienste
erworben. In völlig uneigennütziger Weise hatte er dem Wohl seiner
Vaterstadt gelebt und für sie gewirkt. Er besaß diese eine große
Liebe in seinem Leben: mitzuwirken an dem Aufblühen und Gedeihen der
herrlichen Alpenstadt am Inn. Außerhalb dieser Stadt gab es für ihn
kein Interesse.
Mit Klugheit und Scharfsinn erforschte er alles, was dem Ansehen seiner
Vaterstadt von Nutzen sein konnte. Wenn er sich einmal zu einer Reise
aufschwang, um andere Städte kennen zu lernen, so geschah das nur,
damit er Vergleiche zwischen diesen und seiner Heimat anstellen konnte.
Und vom Standpunkt eines Innsbrucker Bürgers betrachtete er auch die
Vorgänge des ganzen Reiches und der übrigen Welt. Patscheider war stolz
darauf, ein Innsbrucker Bürger zu sein, und sein Lokalpatriotismus
hatte etwas Rührendes an sich.
Aber nicht allein Patscheider, sondern auch der Apotheker Tiefenbrunner
war ein ausgesprochener Lokalpatriot. Nur daß er nicht die Intelligenz
des andern besaß und diesen Mangel auch einsah. So wirkte der
Apotheker eben für das Wohl der Stadt auf seine Weise. Es war eine
undankbare Aufgabe, die er übernommen hatte. Immer und überall
war er das versöhnliche Element, beschwichtigte, wo er konnte, und
entledigte sich seines freiwilligen Amtes mit viel Geschick und Takt.
Manches Unternehmen kam zustande, weil Tiefenbrunner es zur rechten
Zeit verstanden hatte, die widerstreitenden Meinungen der Parteien
auszugleichen und zu versöhnen.
Simon Tiefenbrunner war schon durch seine äußere Erscheinung dazu
bestimmt, die Rolle eines Friedensengels zu übernehmen. Ein stiller,
kleiner Mann mit blassem, farblosem Gesicht, hellen Haaren und Augen.
Die Augen waren durch einen Zwicker bewehrt, den der Apotheker stets an
einer dicken, schweren Schnur trug. Der Zwicker saß auf dem äußersten
Nasenrande seines Besitzers und sah aus, als wäre er immerfort im
Begriff herunter zu fallen. Tiefenbrunner machte auch stets den
Eindruck, als ob er sich in einem ewigen Kampf mit seinem Zwicker
befände. Er hob die Nase höher empor, als nötig war, und sah nie durch
die Gläser, sondern stets über dieselben hinweg.
Ein nervöses Zucken, das schmerzhaft zu sein schien, ging in
regelmäßigen Zwischenräumen über sein kleines, blaß aussehendes
Gesicht. Tiefe Denkerfalten waren auf der niedern Stirne eingegraben.
Boshafte Menschen behaupteten jedoch, daß der Apotheker zum
selbständigen Nachdenken nur wenig Talent besaß und diese anstrengende
Gehirntätigkeit am liebsten seiner besseren Ehehälfte überließ, die das
auch gründlich besorgte.
Frau Therese Tiefenbrunner war eine resolute Frau und paßte in jeder
Hinsicht vorzüglich zu ihrem Gatten. Sie war der Ausgleich seiner
Persönlichkeit und verstand sich prächtig mit ihm. Nie gab es Zank und
Streit bei dem älteren, kinderlosen Ehepaar. Frau Therese war eine
echte Innsbruckerin und hing mit der gleichen hingebungsvollen Liebe
wie ihr Gatte an ihrer Heimat.
Sie stammte von der andern Seite des Inns, von jenem Stadtteil,
der eigentlich die älteste Ansiedelung ist und jetzt nur mehr eine
Vorstadt von Innsbruck bildet. Zwischen dem breiten Flußbett und den
sacht ansteigenden Höhen des Mittelgebirges der Nordkette liegt auf
schmaler Ebene die Vorstadt Sankt Nikolaus. Teilweise lagern sich die
kleinen Häuschen schon an dem Grunde des Bergabhanges, und steile, enge
Gäßchen, die in ihrer Bauart an jene eines Dorfes gemahnen, führen zum
Berghang empor.
Es gibt feine Unterschiede in den Bezeichnungen dieses interessanten
Stadtteils. Von der Innbrücke abwärts erstreckt sich eine breite Straße
den Fluß entlang, an der zum Teil schöne Gartenanlagen einen grünen
Saum bilden. Aus dieser Gegend war Frau Therese Tiefenbrunner. Hier
hatte sie ihre ersten Jugendjahre verlebt. Und dem leichten, singenden
Tonfall ihrer Aussprache merkte man die allernächste Nachbarschaft der
„Kothlacken“ an.
Die sogenannte Kothlacken ist eine schmale Gasse in Sankt Nikolaus.
Eigentlich ist sie eine Seitengasse der Innstraße und mündet auf den
breiten Kirchplatz vor der schon etwas erhöht liegenden gotischen
Kirche von Sankt Nikolaus. Die Bewohner, aber hauptsächlich die
Bewohnerinnen dieser Gasse zeichnen sich durch ihren scharfen und
gesunden Mutterwitz aus.
Es ist keine ansprechende Gegend. Die alten Häuser dieser Gasse machen
vielfach einen verlotterten Eindruck. Schmutzige, unreinlich gekleidete
Frauen und Kinder stehen und gehen da herum. Oft ertönt auch schrilles
Geschrei von zankenden und keifenden Weibern; denn die Kothlacknerinnen
sind in dem Ruf, recht unverträglich zu sein. Wer sie näher kennt,
weiß, daß sie besser sind als ihr Ruf. Gutherzig, hilfsbereit und
ehrlich.
Frau Therese Tiefenbrunner betrachtete es als eine Art Schimpf,
für eine Kothlacknerin zu gelten. Sie verwahrte sich stets sehr
energisch dagegen, indem sie immer wieder betonte, daß sie eine
Schlossermeisterstochter aus der Innstraße sei. Und das ist wiederum
eine andere Gegend, die mit der Kothlacken nichts zu tun haben will.
Da der Name der Kothlacken auf dem Innsbrucker Stadtplan als offizielle
Bezeichnung nicht zu entdecken ist, sondern dem Volksmund angehört,
wird er keineswegs als Schmeichelei empfunden. Daher kommen auch die
feinen Unterschiede, mit denen sich die unmittelbare Nachbarschaft
von dieser nicht gerade hervorragend schönen Bezeichnung zu schrauben
trachtet.
Die Frau Apotheker hatte sich eine ganz eigene Sprache zurechtgelegt.
Sie sprach langsam und mit einer gewissen schwerfällig gezierten
Plumpheit. Trotz aller Mühe war es ihr aber nicht gelungen,
die singende Tonart, dieses untrügliche Kennzeichen der echten
Kothlacknerin, auszumerzen. Diese Eigenart bemerkten freilich nur die
einheimischen Innsbrucker oder jene Fremden, die sich schon lange Zeit
in der Stadt aufhielten.
Trotzdem es die Frau Tiefenbrunner ganz und gar ableugnete, in näheren
Beziehungen zu der Kothlacken zu stehen, hatte sie doch sehr nahe
Verwandte, die in dieser Straße daheim waren. Ihre Schwester und deren
einziger Sohn hausten dort in einer kleinen Wohnung. Eine enge, dunkle,
schlecht gelüftete Küche und ein größeres Zimmer bildeten die Wohnung
der armen Witwe, die sich und ihren Sohn kümmerlich durch ihrer Hände
Arbeit ernährte.
Die Tiefenbrunnerischen waren gutherzige Leute, und ihre Schuld war
es nicht, daß Frau Susanne Altwirth ein so schweres Leben hatte. Sie
wollten gerne helfen, aber die Witwe hatte ihren Stolz. Bettelstolz
nannten sie’s in der Kothlacken, und Bettelstolz nannte es auch der
Apotheker Tiefenbrunner und seine Frau Therese.
Die Frau Apotheker und ihr Mann nötigten ihre Wohltätigkeit der Witwe
Altwirth förmlich auf. Jedoch vergeblich. Solange sie kräftige Arme
habe, sagte die Frau Altwirth, brauche sie keine Barmherzigkeit. Frau
Susanne Altwirth arbeitete daher weiter und rackerte sich vom frühen
Morgen bis zum späten Abend. Und alle Überredungskünste der Apothekerin
vermochten nicht ihren Sinn zu ändern.
Es war eine alte Gegnerschaft zwischen den Schwestern. Frau
Therese hatte das große Loos gezogen im Leben, und mit der
Selbstverständlichkeit der vom Glück Begünstigten wollte sie auf die
jüngere Schwester einwirken und dieser ihren Lebensgang vorschreiben.
Die Susanne aber hatte ihren eigenen Kopf und setzte es durch, den Mann
ihrer Wahl zu heiraten. Der war ein kleiner Tischler in der Kothlacken,
und gar lange dauerte das Glück nicht bei den jungen Leuten. Der Mann
starb und ließ Frau und Kind in bitterer Armut zurück.
Nach dem Tode des Mannes war es zu ernsten Zerwürfnissen zwischen den
Schwestern gekommen. Frau Therese konnte es nicht unterlassen, die
Vormünderin ihrer Schwester spielen zu wollen, und gab ihr böse Reden.
Frau Susanne blieb keine Antwort schuldig.
Schließlich wurde die Apothekerin so erbost auf ihre Schwester, daß
die beiden Jahr und Tag keinen Verkehr mehr miteinander hatten. Frau
Therese bildete sich ein, daß es die Schwester darauf abgesehen habe,
ihr Ansehen zu untergraben.
Jahre hindurch sahen und sprachen sich die Schwestern nicht mehr, bis
durch die Vermittlung des Pfarrers von Sankt Nikolaus eine Aussöhnung
zwischen den beiden zustande kam.
Frau Susannes Sohn, der junge Felix Altwirth, war ein äußerst begabter
Bursche, ein tüchtiger Schüler. Und Lehrer und Pfarrer stimmten darin
überein, daß es Sünd’ und Schade wäre, ein solches Talent nicht
studieren zu lassen. Zum Studium aber gehörte Geld. Und das besaßen die
reichen Verwandten in der Altstadt.
Anfangs wollte Frau Susanne nichts davon wissen. Aus Liebe zu ihrem
Sohn aber gab sie nach, und der Pfarrer leitete die Versöhnung zwischen
den beiden Schwestern in die Wege.
Das war jedoch die ausdrückliche Bedingung, die Frau Tiefenbrunner
stellte. Wenn sie, die Tiefenbrunnerischen, den Felix studieren ließen,
so mußte seine Mutter aufhören, als Wäscherin ihr Brot zu verdienen.
Den Unterhalt für Mutter und Sohn würden die Tiefenbrunnerischen
bestreiten.
Mit schwerem Herzen fügte sich die Witwe. Doch nahm sie nur das
Notwendigste, was sie zum Unterhalt bedurfte. Keine Macht der Welt
hätte sie aber dazu zwingen können, ihr bescheidenes Heim aus der
Kothlacken in einen besseren Stadtteil zu verlegen.
Sie hatte sich so sehr eingelebt in die engen Verhältnisse, und alles,
was sie umgab, war ihr eine liebe Erinnerung an ihren verstorbenen Mann
und an ihr kurzes Glück.
Das düstere Haus, in dem sie wohnte, gehörte entfernten Verwandten
ihres Mannes. Es war ein zweistöckiges Haus mit niedern Fenstern, mit
einem alten, engen Hausflur und mit quietschenden und krächzenden
Holzstiegen, die stets unreinlich aussahen.
Viele Leute wohnten in dem Haus. Leute, die wenig Geld und zahlreiche
Kinder besaßen. Die Wohnungen der einzelnen Parteien waren nicht
abgesondert. Wie eine einzige große Familie lebten sie alle zusammen.
Sie wußten alles voneinander, jede Kleinigkeit, jede Freude und
jedes Leid. Hielten zusammen wie Kitt und Pech, um sich bei nächster
Gelegenheit wegen einer geringfügigen Sache in den Haaren zu liegen.
Es war kein ruhiges Haus. Schon in den ersten Morgenstunden ertönte
das Geschrei der Kinder, vereint mit den keifenden Stimmen der Mütter.
Die Väter waren noch die ruhigsten in diesem großen Familienhaus. Die
gingen schon zeitig zu ihrer Arbeit und hielten sich den größten Teil
des Tages nicht daheim auf. Nur in den Abendstunden, wenn sie über den
Durst getrunken hatten, machte sich ihre Anwesenheit bemerkbar.
Es roch stets nach Schmalz und üblem Fett in dem grauen Haus und nach
schlechtem Tabak und ungelüfteten Räumen. Es gab auch wenig Luft
dadrinnen. Der hohe Bau des in der engen Gasse unmittelbar gegenüber
emporragenden Nachbarhauses nahm Luft und Sonne weg.
Die Witwe Altwirth hatte es zustande gebracht, sich in diesem
völkerreichen Haus eine kleine Einsiedelei zu gründen. Eine niedere Tür
im ersten Stock, nahe bei der steilen, knarrenden Holztreppe, führte in
den Vorraum der Wohnung, der gleichzeitig die Küche war.
Ganz klein und schmal war der Raum. Ein eiserner Herd, ein Stuhl mit
einer Gießkanne, in der Frau Altwirth das Wasser vom Gassenbrunnen zu
holen pflegte, ein Tisch und ein kleiner Küchenschrank bildeten die
Einrichtung und füllten den Raum so vollständig aus, daß zwei Personen
nebeneinander kaum mehr Platz hatten. Das niedere Fenster war mit
einem roten Vorhang verhängt und ließ das dämmerige Tageslicht vom
Stiegenhaus nur spärlich eindringen.
Es war stets dunkel in der kleinen Küche der Witwe Altwirth. Dafür war
es aber in dem daranstoßenden Zimmer um so heller und freundlicher.
Dieses hatte die Aussicht gegen den Garten, der sich bis zum Höttinger
Ried hinauf erstreckte.
Ein großer, schattiger Garten war’s, ungepflegt und unbebaut. Still
und einsam war dieser Garten; denn niemand außer den Hausleuten durfte
ihn benützen. Die Witwe Altwirth und ihr Sohn bildeten die alleinige
Ausnahme. Es war die einzige verwandtschaftliche Begünstigung, die sie
genossen.
In diesem Garten war Felix Altwirth groß geworden, hatte seine einsame
Kindheit dort verbracht, seine reiferen Knabenjahre und die Zeit des
ernsten Studiums. Hier hatte er ruhig lernen können, hatte gesonnen und
geträumt und mit feinen, scharfen Augen die stille Schönheit der Natur
gesehen.
Dieser einsame, große, verwilderte Garten, zu dem der wüste Kinderlärm
der Straßenjugend nur gedämpft hereindrang, hatte den Künstler in Felix
Altwirth geweckt. Viele Stunden saß er da und zeichnete mit geschickter
Hand irgendein Blatt oder einen Baum. Und immer mehr vertiefte er sich
in das Studium der Natur, und immer kühner und entschlossener wurden
die Entwürfe zu seinen Arbeiten. Halbe Tage lang hielt er sich oft in
dem Garten auf und zeichnete und malte mit der Lust und Liebe, die aus
innerstem Trieb entspringt.
„Du solltest Künstler werden, Felix!“ riet ihm einmal Max Storf, sein
um einige Jahre älterer Freund.
„Künstler!“ Felix Altwirth wiederholte es mit Bitterkeit. „Künstler, um
elend zu verkommen! Du weißt doch, daß ich Beamter werden muß. Anders
tut’s die Tante nicht.“ Und dann zerknüllte er in ohnmächtiger Wut die
Zeichnung, die er gerade vollendet hatte.
Das war in dem großen Garten gewesen, als Max Storf neben Felix saß und
dem Freunde, wie so oft schon, bei der Arbeit zusah. Max Storf war ein
hochgewachsener junger Mann. Schlank und braun und äußerst lebhaft in
seinen Bewegungen. Seit einem Jahr war er Assistenzarzt im Innsbrucker
allgemeinen Krankenhaus. Hatte also sein Lebensschifflein schon in
sichere Bahnen gelenkt.
Felix Altwirth war zart gebaut, hatte hellblondes, volles Haar und die
leuchtende weiße und rote Gesichtsfarbe eines jungen Mädchens. Beinahe
um Kopfeslänge überragte der junge Arzt seinen Freund. Es war eine
seltene, treue und aufrichtige Freundschaft, welche die beiden jungen
Männer schon seit Jahren verbunden hatte.
Felix Altwirth und Doktor Max Storf gehörten auch zu den Stammgästen
beim Weißen Hahn. Aber sie saßen am andern Ende des Herrenstübels, an
dem Tisch der jungen Leute, wo es viel lauter und ungezwungener zuging
als bei dem Honoratiorentisch, an dem die Wirtin ihren Platz hatte.
Am andern Ende des Stübels waren die älteren Semester der Studenten
heimisch und einige junge Ärzte und neugebackene Juristen, die noch
nicht allzulange in Amt und Würden saßen. Auch das Nebenzimmer des
Herrenstübels war von jungen Leuten noch dicht bevölkert.
Die Sophie hatte alle Hände voll zu tun, um sämtlichen Wünschen
schleunigst gerecht zu werden. Die jungen Herren scherzten gerne mit
ihr, und Sophie hatte es bald los, alle Register weiblicher Koketterie
spielen zu lassen. Keck und munter gab sie Antwort, lachte und scherzte
mit einem jeden. Aber da war keiner, der ihr zu nahe treten durfte.
Eines hatte sie von der Karrnerin, ihrer Mutter, gelernt. Ihr heißes,
junges Blut wollte sie im Zaum halten, wollte besser mit ihrem
Glück umgehen, als es jene getan hatte. Auch die schöne Tochter der
Ennemoserin war ihr ein warnendes Beispiel und bestärkte sie in dem
Vorsatz, sich ihre Mädchenehre zu bewahren.
Die herbe Zurückhaltung der hübschen jungen Kellnerin bildete ihre
größte Anziehungskraft. Das reizte die jungen Herren und gefiel den
älteren Stammgästen beim Weißen Hahn.
Sophie hatte es bald verstanden, sich zum Mittelpunkt des Lokals zu
machen. Wie eine Fürstin herrschte sie unter ihren Herren ...
Einige Jahre waren vergangen, seit Sophie beim Weißen Hahn ihre
Stellung gefunden hatte. Seitdem war sie mit allem so verwachsen, daß
man sich das Stammlokal ohne die Sophie nicht mehr denken konnte.
In all der Zeit hatte sich Sophie rein gehalten. Rein mit einer
einzigen Ausnahme. Das war noch nicht lange her. Sophie litt noch immer
innerlich an diesem Erlebnis. Eine kurze, heiße Liebe war es gewesen.
Das alte Lied von der enttäuschten Liebe im Leben des Weibes. Die alte
Tragödie der verschiedenen Auffassung der Liebe beim rasch genießenden
Mann und beim tiefer fühlenden Weib. Sophie erschien es als der Inhalt
ihres ganzen Lebens. Für den Mann war es eine vorübergehende Episode.
Mit leichtem Herzen hatte der junge Beamte Abschied von der Liebsten
genommen. Dann war er fortgegangen, weit fort, und ließ Sophie mit der
bitteren Erkenntnis zurück, daß sie ihm nichts bedeutet hatte, nichts
anderes war, als eine kleine, hübsche Tändelei.
Sophie Zöttl hatte damals in wildem Schmerz ihre Zähne zusammengebissen,
war leichenblaß geworden und mußte ihre ganze Kraft aufbieten, um nicht
laut aufzuschreien. Aber sie hielt an sich, und das Blut rann ihr aus
den vollen, roten Lippen unter dem krampfhaften Biß ihrer Zähne. Kein
Wort des Vorwurfs sagte sie dem Mann, und kein Wort, das ihn ihre
Gefühle hätte erraten lassen. Als sie aber allein war, heulte sie wie
ein todwundes Tier.
Diese demütigende Erfahrung, die den ersten großen Schmerz in ihrem
Leben bedeutete, wirkte bestimmend auf ihr ferneres Empfinden. Sophie
wußte nun, daß ihr das gleiche Schicksal blühen würde wie ihrer Mutter
und dem blonden Roserl der Ennemoserin, wenn sie nicht auf ihrer Hut
war und sich nicht auf’s äußerste beherrschte.
Sie lernte es, die Männer zu betrachten, als wären sie eine wilde
Meute, die nur den richtigen Augenblick abwartete, um sich auf sie zu
stürzen. Es war ein herber Stolz in dem Mädchen. Der gesunde Stolz des
reinen, wissenden Mädchens, das liebend und vertrauend der brutalen
Gier der männlichen Selbstsucht zum Opfer gefallen war.
Von da ab wurde Sophie berechnend. Sie rechnete mit ihren Jahren, und
sie rechnete mit ihrer Schönheit. Mit klarem, erkennendem Blick sagte
sie sich, daß sie haushalten müsse mit beidem, daß sie sich nicht
vergeuden dürfe, sondern ihr Glück beizeiten suchen müsse.
Und Sophie Zöttl wählte unter ihren Verehrern. Sie hatte deren viele.
Auch Felix Altwirth und Doktor Max Storf befanden sich darunter, und
beide gefielen dem Mädel. Alle beide. Nur hatten sie nicht die Mittel,
ihr jene Lebensstellung zu bieten, die ihr wünschenswert erschien für
das, was sie Glück nannte.
Schon gar der arme Schlucker von einem Studenten, der Felix Altwirth.
Was der sich eigentlich einbildete. Daß sie auf ihn herwartete? Ihr
junges Leben aufs Spiel setzen sollte, um dann von ihm im Stich
gelassen zu werden? Um weggeworfen zu werden, wie man sie schon einmal
weggeworfen hatte!
Nein, und tausendmal nein! Sie wollte nur ein solides, aussichtsreiches
Verhältnis haben. Ein Verhältnis, das zur Grundlage einer gesicherten
Existenz führen würde.
Auch Doktor Max Storf vermochte ihr das nicht zu bieten. Mein Gott, ein
junger Arzt ohne Vermögen. Sophie Zöttl verspürte wenig Lust, diesen
rauhen Pfad einzuschlagen.
Und trotz allem mußte Sophie erkennen, daß ihr der arme Schlucker, der
Felix Altwirth, noch am allerbesten gefiel. Felix verehrte die Sophie
mit stiller Bescheidenheit als ein hohes, für ihn nie erreichbares
Ideal. Und gerade diese ehrliche, stumme Verehrung rührte das Mädchen.
Es war gerade dasjenige, was ihrem wunden Empfinden am wohlsten tat,
was ihr den innerlichen Ausgleich verlieh und ihr den Stolz ihrer
gekränkten Frauenehre wieder zurückgab.
Mehr, als ihr lieb war, beschäftigten sich ihre Gedanken mit dem jungen
Mann. Sophie Zöttl war ein klarer Geist. Mit ruhiger Überlegung formte
sie sich ihre Gefühle zurecht, belog sich nicht, sondern gab sich
klare Rechenschaft über ihr Empfinden. Und so erkannte sie gar bald,
daß jener Mann, der ihre Liebe achtlos genossen hatte, ihr heißes,
leidenschaftliches Blut in Erregung gebracht hatte. Und sie erkannte
auch, daß ihre Neigung für Felix Altwirth nicht rein war, sondern
Leidenschaft und heißes Begehren in sich barg.
Felix Altwirth hatte keine Ahnung, was in dem Herzen des jungen
Mädchens vorging. Hätte er es gewußt, so hätte diese Liebe vielleicht
seinem ganzen Leben eine andere Richtung gegeben. Sie hätte in seinem
Dasein jene Mission erfüllt, die echte, warme Frauenliebe zu erfüllen
imstande ist.
Dem schüchternen, unentschlossenen jungen Mann, der auf dem schönsten
Weg war, sich zu verbummeln, hätte das Bewußtsein der Liebe eines
Weibes starken Halt, Zuversicht und kühnen Schaffensdrang verliehen.
Je mehr Felix Altwirth seinen künstlerischen Neigungen nachhing, desto
weniger beschäftigte er sich mit seinem Studium. Seit zwei Jahren schon
hätte er seine Prüfung als Jurist ablegen sollen, und zwei volle Jahre
drückte er daran herum. Er fand nicht den Mut dazu. Alle Lust und
Freude für den Beamtenberuf war ihm abhanden gekommen. Sein Innerstes
sträubte sich mit Macht gegen jeden Zwang. Nach dem freien Leben des
Künstlers sehnte er sich. Sehnte sich, einer von den ganz Großen zu
werden, die da Leuchten der Menschen sind.