Bildsauber war die Sophie geworden. Mit Unruhe bemerkte es die

Ennemoserin bei den gemeinsamen sonntäglichen Kirchgängen, daß die

Burschen von Rattenberg sich öfter, als ihr lieb war, nach dem

Mädel umsahen. Auch die Sophie war sich allmählich der stummen

Huldigungen der Burschen bewußt geworden und wurde immer eitler und

herausfordernder in ihrem Wesen.

Das alles verursachte der Ennemoserin nur noch mehr Angst vor der

Zukunft. Von Monat zu Monat verschob sie es, das Mädel aus dem Haus zu

geben, um sie etwas lernen zu lassen. Sie vermied es sogar, mit ihr

über diesen Punkt zu sprechen, und Sophie fühlte sich so vollkommen

zufrieden und behaglich, daß sie keinen andern Wunsch hegte als den,

immer bei ihrer Pflegemutter bleiben zu können.

Bis eine Begegnung, die sie mit ihrer eigenen Mutter hatte, sie aus

ihrer Ruhe aufscheuchte.

Wieder war der Herbst ins Land gezogen, und der Föhn, der Vorbote

des Winterschnees, trieb die letzten traurigen Reste des goldgelben

Blätterschmucks im tollen Reigen durchs Inntal. Lau und unnatürlich

warm war die Luft, und die weißen Wolkenstriche am Himmel zogen sich

immer mehr zusammen. Bedeckten das Firmament und ballten sich dann

drohend zu schweren, regenverheißenden Dunstgebilden.

Tiefschwarz und in fast greifbarer Nähe hoben sich drüben im Tal die

Wälder und Berge ab. Die grauen, kahlen Felsen des Sonnwendjoches

hatten die eigenartige Färbung der milden Regenluft des Südwindes.

Es war noch ziemlich früh am Nachmittag, als die Sophie sich

anschickte, im Auftrag ihrer Pflegemutter einen Gang ins nächste Dorf

zu machen. Der Weg führte innaufwärts der Landstraße nach, in jene

Gegend, wo die beiden Buben der Ennemoserin zum letztenmal gesehen

worden waren. Die Sophie dachte plötzlich daran, wie die Kinder ihr

junges Leben lassen mußten.

Unwillkürlich verlangsamte sie ihren Schritt und sah auf das

spielerische Treiben des hellen Wassers. Ganz sanft und leise

plätscherten die Wellen und hatten ein gleisnerisches Aussehen. Langsam

schlenderte die Sophie ihres Weges und sang dann leise ein Liedchen vor

sich hin.

Auf einmal aber blieb sie stehen und zog die Luft in scharfen Zügen

ein. Wie ein Reh war sie anzusehen mit dem lauernd vorgebeugten

Oberkörper und dem spähenden Blick.

Ein unangenehmer, brenzlicher Geruch lag in der Luft. Ein Geruch von

Rauch und verkohltem Holz. Die Sophie kannte diesen Geruch jetzt, und

sie wußte, daß irgendwo in nächster Nähe ein Karrnerlager sein mußte.

Und jäh durchzuckte es den Körper des jungen Mädchens wie mit einem

elektrischen Schlag. Karrnerleute waren in ihrer Nähe. Leute ihres

eigenen Standes. Die mußte sie sehen.

Seit sie damals von der Ennemoserin geführt ihr fahrendes Heim

verlassen hatte, war sie nie mehr mit Karrnerleuten zusammengetroffen.

Ein starkes Verlangen, wieder einmal mit Menschen ihres eigenen Standes

zu sprechen, überkam sie. Sie mußte hingehen und sehen, wo die Leute

waren. Vielleicht kannte sie die Karrner sogar. Oder die konnten ihr

von Gaudenz Keil und von ihren Leuten erzählen. So schnell sie konnte,

sprang sie der Richtung nach, aus welcher der Rauch kam.

Abseits vom Wege, ganz am Rande des Innflusses, wo seine Ufer völlig

mit dichtem Gebüsch verwachsen sind, hatten die Karrner ihr Lager für

die kommende Nacht aufgeschlagen.

Sophie Zöttl stand wie angewurzelt und starrte auf das kleine Heim der

fahrenden Leute, zu denen sie einst selbst gehört hatte. Ein großer,

bissiger, schwarzer Köter kam bellend auf Sophie zugeschossen, und ein

kleiner, gelber Kläffer saß vor dem mit Segeltuch bespannten Karren und

sekundierte dem empörten Zorn seines Kameraden mit einem langgezogenen

Geheul.

In einiger Entfernung von dem Karren war zwischen zusammengetragenen

Steinen ein Feuer angeschürt. Ein großes, zerlumpt aussehendes Weib,

das einen Säugling im Arm wiegte, rührte mit nachlässiger Gebärde in

der über dem Feuer stehenden Pfanne. Einige hellblonde, schmutzige

Kinder balgten sich in ihrer Nähe und zogen und zerrten einander an den

Haaren. Als sie Sophie erblickten, schnellten sie wie Gummibälle empor,

um das junge, gut gekleidete Mädchen anzubetteln.

Sophie Zöttl stand noch immer regungslos da und starrte hinüber zu

der Frau beim Feuer. Ganz so wie diese Frau aussah, so hatte sie ihre

eigene Mutter in der Erinnerung. Nur daß sie die Benedikta jünger

und hübscher im Gedächtnis trug, während diese Karrnerin ein altes,

häßliches Weib war. Ein derbes Karrnerweib mit lederartiger Haut und

tiefen Furchen im Gesicht. Die pechschwarzen Haare, die ihr zum Teil

in wirren Strähnen über die Stirn fielen, waren schon stark mit weißen

Fäden durchzogen. Und lässig und unordentlich war der Knoten des

spärlichen Haares im Nacken befestigt.

Trotzdem erinnerte das ganze Gebaren des Weibes an die Benedikta Zöttl.

Der Sophie fiel es jetzt plötzlich auf, daß sie jedesmal, wenn sie an

ihre Mutter dachte, diese nur bei ihrem Namen nannte und ihr nie den

Titel Mutter gab. Die Mutter, ihre Mutter, das war nun schon seit Jahr

und Tag die Ennemoserin geworden.

Je länger die Sophie auf das Karrnerweib starrte, desto größeren

Widerwillen empfand sie vor ihr, und ein warmes, inniges Gefühl von

Liebe und Dankbarkeit für die Ennemoserin, die sich ihrer angenommen

hatte, überkam das junge Mädchen.

Die schmutzigen, gelbhaarigen Kinder mit den zerlumpten Kleidern und

den ungekämmten Haaren umdrängten die Sophie und wollten Geld von ihr

haben. Dabei griffen sie immer zudringlicher werdend nach ihren Händen.

Die bloße Berührung mit den ungewaschenen Rangen war dem Mädchen so

widerlich, daß sie, um sich von ihnen loszumachen, auf die kleine

freche Bande einschlug.

Das laute Heulen der Kinder und ein wütendes Gekläff der Hunde

bewirkten, daß die Frau am Feuer aus ihrer Lethargie erwachte und

auf das fremde Mädchen aufmerksam wurde. Mit nachlässigen, langsamen

Schritten näherte sich die Karrnerin. Mechanisch wiegte sie den

Säugling in ihrem linken Arm.

Je näher die Karrnerin kam, desto aufgeregter wurde die Sophie. Ihr

Herz klopfte in unruhigen Schlägen, und die Farbe wich aus ihrem

Gesicht. Mit großen, erwartungsvollen Augen schaute sie auf das

Karrnerweib. Und dann, als diese ihr ganz nahe gegenüber stand,

erkannte das junge Mädchen seine Mutter.

Benedikta Zöttl nickte nur leise mit dem Kopf. Ohne die geringste Spur

von Aufregung oder von Freude zu zeigen, fragte sie mit gleichgültiger

Stimme: „Bist da, Sophal?“

Als ob sie ihr Kind erst vor wenigen Stunden verlassen hätte, so ruhig

fragte das Weib. Und doch lag eine lange Trennung dazwischen. Jahre,

die aus dem unreifen Kind ein wissendes Mädchen gemacht hatten und aus

dem kräftigen, starken Karrnerweib eine früh gealterte Frau.

Die Sophie bemerkte erst jetzt die Veränderung, welche die Zeit bei

ihrer Mutter hervorgebracht hatte. Die hohe Gestalt der Frau war

eingesunken, und sie war fast zum Skelett abgemagert. Die Sophie

erinnerte sich, daß beinahe alle Karrnerweiber, die sie gekannt hatte,

so häßliche alte Weiber waren wie die Benedikta.

Die Karrnerin bot der Sophie nicht einmal die Hand zum Gruß. Aber

neugierig betrachtete sie das gut gekleidete, hübsche Mädel und ließ

dann mit Kennermiene den leise knisternden Seidenstoff ihrer Schürze

durch zwei Finger gleiten. Das schwarze Samtmieder, die breite,

hellfarbige Seidenschürze und das schwere Seidentuch im Mieder, der

breitkrempige Hut mit der goldenen Stickerei am Innenrand und den

breiten, schwarzen Moireebändern, die rückwärts fast bis zu den Füßen

reichten, verliehen dem hochgewachsenen Mädel ein ungemein schmuckes

Aussehen.

Befriedigt nickte das Karrnerweib. Darauf fuhr sie mit ihren derben,

braunen Händen vorsichtig über die Schürze des Mädchens. „Sauber bist,

Sophal!“ sagte sie dann.

Noch immer konnte die Sophie vor innerer Erregung kein Wort

hervorbringen. Die Röte kam und wich aus ihrem Gesicht im raschen

Wechsel. Und immer eindringlicher und aufmerksamer beobachtete das Weib

ihr Kind.

„Bin aa amal so g’wesen!“ sagte sie. „Grad so wie du. Ja, ja, es ist

lang her.“

Dann wiegte sie wieder ihren Oberkörper hin und her und preßte den

Säugling fester an sich, als könnte er ihr entgleiten. Und die

schreienden, gelbhaarigen Kinder kamen neugierig herbeigesprungen

und betrachteten das fremde Mädel wie ein Wundertier. Mit offenen

Mäulern standen sie da oder bohrten mit den schmutzigen Fingern vor

Verlegenheit in den Nasen.

„I kenn’ di schon lang!“ fuhr die Benedikta fort. „Es hat mi do

g’wundert, was aus dir g’worden ist und wie du ausschaust. Fast alle

Jahr sind wir da vorbei zogen. Da hab’ i dir aufpaßt.“

Und dann erzählte die Benedikta in kurzen Worten, wie es ihr seit

der Trennung von der Tochter ergangen war. „Alle Jahr a Kind, woaßt

wohl. Unseroans kennt sonst nix. Es ist aa ’s beste, solang oans jung

ist. Lei iatz, iatz kimmt’s mi a bissel hart an, aber es macht nix.

Und der Tonl, der Bua, der war für nix. Ist bald g’storben. Hat lei

mehr so dahin g’serbt, und der Gaudenz hat sei’ Wuat kriegt auf ihn.

Der vertragt’s halt nit, wenn oans a so dahin serbt. Ist aa nix für

unseroans, woaßt wol! Und’s Glück hat ihn aa verlassen, den Gaudenz.

Hat sein’ Wagen und sei’ Roß verkafen müssen und hat g’fluacht und

g’wettert. ’s war a harte Zeit.“

So erzählte das Weib, und allmählich wurde die Sophie zutraulicher.

Auch sie berichtete der Mutter von ihrem Leben. Sie setzte sich zu der

Frau in das Gras. Das Feuer knisterte leise in ihrer Nähe. Die Kinder

tollten wieder unbändig herum und spielten und sprangen den beiden

Hunden um die Wette. Der Krummschnabel, der vorne in einem kleinen

Käfig am Wagen hing, rieb seinen rollenden Waldgesang. In schmelzenden,

hingebungsvollen Tönen sang er sein Lied von der Sehnsucht und der

Freiheit.

Die Sophie saß neben ihrer Mutter und hielt mit beiden Händen die Knie

umschlungen, die sie leicht emporgezogen hatte. Versonnen starrte

das Mädchen in das leise knisternde Feuer. Es war ihr, als ob die

Jahre, die sie von den Ihren getrennt gelebt hatte, nun mit einemmal

geschwunden wären. Ein Gefühl der Zugehörigkeit zu diesen Leuten

überkam sie und ein Verlangen, mit ihnen zu ziehen, weit hinaus in die

ferne Welt.

Die Benedikta wiegte ihren Oberkörper in unaufhörlich schaukelnder

Bewegung und sah dabei von seitwärts fortwährend auf die Tochter. „Hast

an Schatz?“ fragte sie dann über eine Weile völlig unvermittelt.

Die Sophie wurde über und über rot im Gesicht. Ohne ein Wort zu sagen,

schüttelte sie verneinend den Kopf.

„Nit?“ Verwundert sah das Weib auf ihre Tochter. „Schad’!“ meinte sie

bedauernd.

Es entstand eine lange Pause. Sophie starrte nachdenklich in das kleine

Lagerfeuer. Ohne daß sich das Karrnerweib näher ausgesprochen hätte,

fühlte das Mädchen es doch instinktiv, daß sie der Mutter leid tat,

weil sie ein großes Glück nicht kannte.

Einige Burschen hatten es versucht, dem Mädchen näher zu treten.

Aber jeder derartige Versuch scheiterte an der starken und sorgsamen

Wachsamkeit der Ennemoserin.

„Wie i in dei’m Alter war, hab’ i schon lang mein Schatz g’habt!“

erzählte die Karrnerin nach einer Weile. „Es g’hört si für unseroans

und muaß sein. Bist a saubers Madel, Sophal ...“ fuhr sie dann fort,

„sei g’scheit und halt eppas auf di, und merk dir’s, sein Glück kann

unseroans nur machen, so lang’s jung und sauber ist. I hätt’s aa anders

troffen, wenn i g’scheiter g’wesen wär’.“

Bis zum späten Abend saßen Mutter und Tochter beim Lagerfeuer. Dann

schoß die Sophie plötzlich wie ein aufgescheuchtes Wild empor. Sie

erinnerte sich, daß Gaudenz Keil jeden Augenblick kommen konnte, und

wollte ein Zusammentreffen mit ihm vermeiden ...

Die Sophie hatte einen hochroten Kopf, als sie heimkam und in die

kleine Stube ihrer Pflegemutter trat. Die Ennemoserin brauchte

nicht lange zu fragen. Die Sophie erzählte ganz von selber über ihre

Begegnung mit der Benedikta.

Seit jenem Tag beschlich eine innere Unruhe das Mädchen. Es gefiel ihr

nicht mehr in Rattenberg, und das enge Heim der Pflegemutter fing an,

sie zu bedrücken.

Die alte Wanderlust regte sich in ihr. Jene namenlose Sehnsucht nach

der ungebundenen Freiheit, die sie damals aus dem Kloster getrieben

hatte. Nur daß Sophie jetzt mit reifem Willen vor die Pflegemutter

trat und sie bat, sie möge sie ziehen lassen und sie möge ihr nicht

hinderlich sein bei der Suche nach ihrem Glück.

Der alten Frau war’s, als greife ihr jemand mit rohen Händen ins Herz.

Nun sollte sie wieder allein sein in ihrem Berghäusel am Felsen. Und

das Mädel, das sie fast so lieb gewonnen hatte wie eine Tochter,

sollte sie preisgeben, sie ziehen lassen, hinaus in die Welt, um sie

vielleicht zu verlieren, wie sie ihr eigenes Kind verloren hatte.

Sie hatte kein Glück mit Kindern. Sie wußte es ja. Die Ennemoserin bat

nicht lange. Sie fühlte, es war das beste, dem Mädel seinen Willen zu

lassen ...

Zu Lichtmeß fuhr die Sophie hinauf nach Innsbruck und schaute sich in

der Stadt nach einer Stellung um. Sie brauchte nicht lange zu suchen.

Beim „Weißen Hahn“ im der Altstadt kam sie als Küchenmädel unter.

Jetzt hieß es schaffen und arbeiten vom frühen Morgen bis zum späten

Abend. Die Sophie schaffte und rackerte sich ab und scheute keine

Arbeit. Und Schneid’ hatte sie für zehn. Wenn ihr einer zu nahe kommen

wollte, dann schnauzte sie ihn ab. Sie wollte klüger sein, als die

Benedikta es gewesen war. Sie wollte ihr Glück gründen, so lange sie

noch jung und sauber war.

Das hatte ihr die Mutter geraten. Und sein Glück gründete man nur,

wenn man etwas auf sich hielt und klug war mit der Wahl des Schatzes.

Da war der Hausknecht und der Schankbursche und der Kutscher. Und alle

hätten sie gerne angebandelt mit dem saubern Küchenmädel. Aber alle

waren sie bei der Sophie abgeschlüpft.

Die Wirtin vom Weißen Hahn war eine kluge Frau. Mit einer Art

Feldherrnblick erkannte sie, daß die Sophie für den Beruf einer

Kellnerin wie geboren war. Die Sophie war gerade das, was sie für ihre

Stammgäste schon längst gesucht hatte. Ein hübsches, junges, resches

Mädel mit einem gesunden Mutterwitz. Nach einem halben Jahr schon wurde

die Sophie zur Kellnerin im Herrenstübel befördert.

[Illustration]

Fünftes Kapitel.

In einer der engen Gassen der Innsbrucker Altstadt liegt der Gasthof

zum Weißen Hahn. Die Häuser sind dort hoch und die Mauern altersgrau.

Ein Gewirr von kleinen, engen Gäßchen mündet hinaus in die breitere

Hauptstraße der Altstadt. Das ist eine Straße, die ebenso gut ein

viereckiger Platz sein könnte, wenn der Abschluß gegen Süden nicht den

herrlichen Ausblick auf die malerische Maria Theresia-Straße offen

ließe.

Der alte, prächtige Gedenkbogen, die Triumphpforte bildet am Ende der

Maria Theresia-Straße einen künstlerischen Abschluß des Stadtbildes.

Hinter der Triumphpforte erhebt sich in weiter Ferne die spitze

Zacke der Serles. In ruhiger, majestätischer Pracht ragt sie in den

tiefblauen Himmel, als wäre sie sich ihrer unvergänglichen Schönheit

wohl bewußt.

Die hohen Häuser der Altstadt mit ihren Erkern und gewölbten Torbogen,

mit den düstern, fast kellerartigen Hausfluren bergen unter ihren

Dächern noch immer den Zauber vergangener Jahrhunderte. Dort ziehen

sich zu beiden Seiten der Herzog Friedrich-Straße die niedern

gemauerten Steinlauben hin, unter denen sich Geschäft an Geschäft

reiht. Der grauschwarze Stadtturm mit seiner grünlich schillernden

Kuppel steht in einem seltsamen Gegensatz zu dem schmucken,

vorspringenden Erkerbau des goldenen Dachels.

Im Hintergrund recken sich wie eine abschließende Riesenmauer die

steil aufragenden Berge der Nordkette empor. Düster, grau, schwer und

von imponierender Macht ist der Eindruck dieses ältesten Innsbrucker

Stadtteiles mit dem grandiosen Hintergrund der gewaltigen Bergwelt,

mit seiner ganzen ernsten nordischen Schönheit, mit den verblaßten

Resten des Mittelalters, da Tirols Grafen und Fürsten in diesen Gassen

Hof hielten, da längst verblichener Prunk, verschollene Üppigkeit und

erstorbener Glanz darin heimisch waren.

Eine breitere Querstraße führt an dem goldenen Dachel vorbei hinüber

zur Innbrücke, welche die beiden Teile der Stadt diesseits und jenseits

des Flusses miteinander verbindet. Die schmale Gasse, in welcher der

Gasthof zum Weißen Hahn liegt, ist ganz besonders düster und grau und

bei der spärlichen Beleuchtung am Abend fast unheimlich. Selbst bei

hellem Sonnenschein verliert sich der ernste Charakter dieses Teiles

der Landeshauptstadt nur wenig.

Während des Tages herrscht ein reges Leben in den engen Gassen. Da

stehen dann die Botenwagen, die den Frachtenverkehr mit den umliegenden

Tälern und den Nachbardörfern vermitteln, mit schweren Säcken beladen

und mit weißlich grauem Segelleinen bespannt. Wie ein Stück Mittelalter

mutet dieser Verkehr mit der Außenwelt an. Die bäuerlichen Wagenführer

in ihren blauen Fuhrmannskitteln, oder auch in der Tracht ihres Tales,

treiben vor ihren Wagen Handel. Auch Botenweiber, mit hohen Ruckkörben

beschwert, haben sich hier eingefunden. Sie bringen Eier, Butter und

Hühner mit zur Stadt und oft auch Wildbret. Ihre Waren werden von

den sparsamen Hausfrauen gerne gekauft. Denn was die Boten vom Land

hereinbringen, gilt als billigere Ware, als was man auf dem Markt und

in den Läden erstehen kann.

Der Verkehr in den engen Gassen der Altstadt ist in den frühen

Morgenstunden oft ein so reger, daß die Weiber, die mit ihren

Einkaufkörben vom nahen Marktplatz kommen, sich mühsam ihren Weg bahnen

müssen.

So lebhaft es hier während des Tages zugeht, so still und ruhig und

einsam ist es in den Abendstunden. Die Schritte der wenigen Fußgänger

hallen dann mit gleichmäßigem Schall durch die Dunkelheit. Es sind nur

einzelne Menschen, die an den Abenden hier ihren Weg suchen. Meist sind

es gute Innsbrucker Bürger, die nach ihren Stammlokalen wandeln. Denn

Gasthof an Gasthof liegt in den alten Gassen.

Über dem gewölbten Eingang des Gasthofes zum Weißen Hahn prangt ein

kunstvolles altes Schild aus Schmiedeisen. Es trägt das Wahrzeichen der

Gaststätte, einen riesigen weißen Gockel, umrahmt von einem dichten

Blumenkranz. Von außen macht die düstere Mauerfront des Gasthofes

einen wenig behaglichen Eindruck. Dafür geht es aber drinnen um

so gemütlicher zu. Denn der Weiße Hahn ist eines der beliebtesten

Gasthäuser der Innsbrucker Herrenwelt.

Die Bürger der Stadt und die Studenten sitzen hier gar oft bis tief

in die Nacht hinein, bis die Uhr vom nahen Stadtturm herüber sie in

eindringlichen Schlägen zum Aufbruch mahnt. Der Wein ist vorzüglich

beim Weißen Hahn, und die Innsbrucker wissen Behaglichkeit und einen

guten „Rötel“ wohl zu schätzen.

Das Herrenstübel beim Weißen Hahn ist eine niedere getäfelte Stube.

Ganz braun ist das Holz der Täfelung vom Alter und vom Rauch. Der

Tabakrauch vom Herrenstübel ist manchmal so dick, daß man ihn schneiden

könnte. Nur wenige Tische gibt es da drinnen. Eng gepfercht sitzen

an diesen Tischen die Gäste, und alle rauchen sie und trinken von

dem trefflichen echten Rotwein, auf den die dicke Wirtin ihren ganz

besonderen Stolz setzt.

Die Wirtin hält sich meistens im Herrenstübel auf und hat ein scharfes

Auge, daß ihre Herren gut bedient werden. Sie ist eine alte behäbige

Frau, groß und rundlich, mit schlichtem, grauem Haar und mit einem

guten, gemütlichen Gesicht, das stets gerötet ist. Von Tisch zu Tisch

geht sie mit etwas steifem, schwerfälligem Gang und plaudert mit den

Gästen. Denn ein jeder ist ihr bekannt, und mit jedem einzelnen der

Stammgäste verbindet sie eine Art freundschaftlichen Verhältnisses.

Beim Honoratiorentisch jedoch hat sie ihren Stammplatz. Diese

Ehrentafel ist ein großer, viereckiger Holztisch in der Ecke gleich

neben dem Fenster, das auf die Gasse hinaus geht. Nur daß man von hier

aus am Abend keinen Ausblick auf die Gasse hat, denn die Fensterläden

sind dann geschlossen, und ein dichter Vorhang aus rotem Plüsch

verdeckt das Fenster von innen und verleiht dem Zimmer ein ungemein

behagliches Aussehen.

Am Honoratiorentisch wird jeden Abend Karten gespielt, bis die Köpfe

der Herren vom Wein, vom Rauch, von der Aufregung des Spieles und von

der Hitze, die hier drinnen herrscht, glühend rot geworden sind.

Frau Maria Witwe Buchmayr, die Wirtin, ist sehr beliebt bei ihren

Gästen. Eine einfache Herzlichkeit geht von ihr aus, etwas Mütterliches

und Verständnisvolles für die kleinen Schwächen und Liebhabereien eines

jeden ihrer Gäste.

Sie wird bei den Herren als tüchtige Kartenspielerin sehr geschätzt.

Während sie in aller Behaglichkeit auf ihrem Stammplatz sitzt und

anscheinend für nichts Interesse hat als für das Spiel, entgeht ihrem

scharfen, beobachtenden Blick auch nicht das Geringste, was im Stübel

passiert. Sie hört und sieht alles und beherrscht, während sie die

Karten in der Hand hält und eifrig beim Spiel zu sein scheint, mit

ruhiger Sachlichkeit alle Vorgänge im Zimmer.

Nicht das kleinste Versehen der Kellnerin bleibt von ihr unbemerkt. Die

Stammgäste beim Weißen Hahn versichern ihr immer und immer wieder, daß

man in ganz Innsbruck nirgends so gut aufgehoben sei und so vorzüglich

bedient werde wie bei der Frau Buchmayr.

Seit Sophie die Kellnerin im Herrenstübel war, hatte Frau Buchmayr

fast gar keine Ursache zur Klage. Eine wahre Perle schien die Sophie zu

sein. Und die Wirtin machte ihr allerzufriedenstes Gesicht, wenn sie

bemerkte, wie beliebt die neue Kellnerin bei den Gästen war. Das runde,

etwas fett glänzende Gesicht der Wirtin strahlte dann förmlich vor

innerer Heiterkeit. Flink war die Sophie und aufmerksam zu jedem Gast

im Lokal und voll Witz und Humor.

Es war schwer zu sagen, an welchem der Tische die Sophie beliebter war.

Die Herren am Honoratiorentisch waren etwas zurückhaltender in ihrer

Bewunderung als die junge Herrenwelt am untern Ende des Zimmers. Aber

die Wirtin hatte es wohl gemerkt, daß sogar der Herr Rat Leonhard,

der ein ganz erpichter Kartenspieler war und der kaum jemals ein Auge

von seinen Karten ließ, jetzt öfters, als gerade notwendig gewesen

wäre, über seine Brille hinweg schaute und die Sophie nicht gerade

unfreundlich anlächelte.

Der Herr Rat war ein alter, schrullenhafter Junggeselle. Er sprach

wenig, war klein und hatte das verzwickte Gesicht eines alten,

verdrossenen Mopses. Ohne Pfeife im Mund war er am Stammtisch nur

selten zu sehen. Wenn er sprach, hielt er die Pfeife wie ein echter

Bauer fest zwischen die Zähne geklemmt. Er entfernte sie nur dann, wenn

er sich einen neuen Schluck aus seinem Weinglas einverleiben wollte

oder wenn er genötigt war, die Pfeife frisch zu stopfen.

Beim Trinken machte der Herr Rat eine ganz besonders kritische Miene.

Sein kleines, faltiges Gesicht schrumpfte dann förmlich zusammen, und

die Lippen zogen sich nach innen, um erst ganz langsam wiederzukehren,

wenn sie den Geschmack des Weines eingehend geprüft und genossen hatten.

Der Herr Rat war am Stammtisch überhaupt eine tonangebende

Persönlichkeit. Das kam daher, weil er sehr wenig sprach und seine

Gedanken eigentlich nur auf seinem stets zuwidern Gesicht zu erraten

waren. Die Wirtin hatte unter allen ihren Gästen den meisten Respekt

vor dem Herrn Rat. Beinahe ängstlich beobachtete sie sein Mienenspiel,

wenn er sich eine Speise mit aller Umständlichkeit, deren nur er fähig

war, zu Gemüte führte.

Außer dem Herrn Rat Leonhard war noch der Doktor Valentin Rapp

eine ganz gehörige Respektsperson am Stammtisch. Und nicht nur am

Stammtisch, sondern auch in der ganzen Stadt wurde der Doktor Rapp hoch

geschätzt. Wenn man den schlichten Mann in seiner altmodischen Kleidung

und mit dem fast bäuerlichen Benehmen so am Stammtisch beim Weißen Hahn

sitzen sah, dann hätte man nicht vermutet, welche Rolle im öffentlichen

Leben von Innsbruck dieser Mann spielte, der einer der tüchtigsten und

gesuchtesten Rechtsanwälte war.

Die Stadt am Inn · 第 5 / 28 段