Nachdruck. „Das Mädel ist ganz verändert. Es ist nit recht, wie Sie sie
einzwängen tun!“
„Ich die Sophie einzwängen?“ frug die Oberin verwundert.
„Ja ... einzwängen tun Sie’s!“ behauptete die alte Schwester in
unwilligem Tone. „Sie meinen’s nit so. Ich weiß es. Aber Sie verstehen
die Kinder nit! Haben’s nit g’sehen heut’, wie sie g’weint hat? So
ein Kind, das an Freiheit g’wöhnt ist, das darf man nit mit Gewalt
zurückhalten. Das ist wie ein junges freies Waldtierl, wie ein Vogerl,
das no nit im Käfig war. Sie müssen ihr z’erst beibringen, daß ihr der
Käfig +g’fallt+. Sonst ist’s g’fehlt!“
Ohne sie mit einer Silbe zu unterbrechen, hörte die Oberin die
Schwester an. Dann sagte sie mit beinahe schüchterner Stimme: „Glauben
Sie, daß die Sophie tatsächlich so unglücklich ist, wie sie sich heute
gebärdet hat? Die Kinder haben Launen, ich kenne das. Man darf da nicht
nachgeben!“ meinte sie überlegend.
Schwester Salesia stellte die kleine Laterne, die sie noch immer in der
Hand trug, auf den Fußboden, richtete sich leise ächzend, wie es ihre
Art war, wieder empor und stemmte eine Hand in die unförmliche, dicke
Hüfte. Dann sagte sie mit etwas lauterer Stimme als bisher: „Schauen’s
die Sophie an, Schwester Oberin ... wie die eingangen ist. Für der ihre
Art ist Strenge nix. Da richten Sie nix aus damit. Das können’s mir
glauben!“
Die Oberin sah nachdenklich vor sich hin.
„Sie ist ein verstocktes Kind!“ meinte sie dann sinnend. „Man wird nit
klug aus ihr. Ich glaub’, sie ist verschlagen und sittenlos!“
„Naa! Schwester Oberin, das ist sie nit!“ sagte die Schwester Salesia
in so lautem, überzeugtem Ton, daß die Oberin ängstlich abwehrte ...:
„Pst! Silentium!“
„Ja! Weil’s wahr ist!“ knurrte Schwester Salesia mit leiser Stimme.
„Sie kennen das Mädel nit und kennen die Welt nit. Aber +ich+ kenn’
sie, und Sie dürfen mir’s glauben, das Karrnerkind, das das Leben
von der schlechtesten Seite g’sehen hat, ist trotzdem so rein und
unschuldig geblieben wie Ihnere wohlbehüteten und verhätschelten
Poppelen da herinnen, die glei’ versagen, wenn sie ihre Nasen in die
Welt außi stecken. Weil das keine rechte Art ist, wie Sie die Mädeln
erziehen. Weil Sie ihnen alles verheimlichen tun und ihnen nur vom
Satan und vom ...“
„Schwester Salesia!“ unterbrach sie die Oberin strenge. „Es ziemt Ihnen
nicht, mich zu unterweisen!“ Mit einem kalten, strafenden Blick sah sie
auf die Schwester, die ganz klein und noch kugeliger zu werden schien.
Die alte Schwester schaute unsicher zu der hohen, schlanken
Frauengestalt empor. „Sie haben recht!“ stimmte sie dann bei. „Es nutzt
doch nix. Sie und ich, Schwester Oberin, wir zwei werden uns doch nit
verstehen.“
„Ist auch gar nicht notwendig, Schwester!“ gab die Oberin mit kaltem
Tone zur Antwort. Und kurz grüßend ging sie mit fast lautlosen
Schritten durch den dunkeln Klostergang. -- -- --
Ein Gutes hatte diese nächtliche Unterredung trotzdem gebracht.
Die Oberin überließ von jetzt ab die Sophie Zöttl wieder dem ganz
besonderen Schutz der Schwester Salesia. Das Kind durfte wie vordem der
Schwester bei der Arbeit helfen. Sie durfte viel im Garten sein und
dort die Blumen und schmalen Gemüsebeete pflegen.
Und doch war Sophie eine andere geworden. Sie freute sich über die
neugewonnene Freiheit, aber sie sehnte sich mit der ganzen Kraft ihres
jungen Herzens hinaus aus dem Kloster. Hinaus in die ungebundene,
unbeschränkte, vollkommene Freiheit.
Schwester Salesia sah diese Veränderung, die mit dem Kinde vorging, mit
geheimer Angst. Und sie war doppelt lieb und gut zu dem Kinde.
„Schwester, warum darf i nit aus dem Garten gehen?“ fragte Sophie
einmal, als sie beide zwischen den Beeten knieten und Unkraut jäteten.
„Da drüben hinter der Friedhofmauer, da ist der Buchenwald so dicht.
Ganz dunkel ist’s, weil die Blätter alle so goldig sind. Und so still
ist’s da. Stiller wie in der Kirch’n drinnen. I möcht’ spielen in dem
Wald!“
Mit sehnsüchtigen Augen schaute das kleine Mädel hinüber, wo der
herrliche Buchenwald sich aufbaute, der hinter der Kirche von Mariathal
sich noch viele Stunden den Berg hinan und taleinwärts erstreckt.
Das Mädchen erhob sich, dehnte und reckte ihre Glieder wie eine
geschmeidige junge Katze und breitete die dünnen braunen Arme aus.
Dann stellte sie sich auf die Fußspitzen und hob neugierig den
schlanken Hals, als wollte sie so viel wie möglich von den verborgenen
Schönheiten da draußen entdecken.
„Was möchtest denn spielen im Wald da?“ frug die Schwester sie über
eine Weile.
„I?“ Das Mädel dachte nach. „I ... auf die Bäum’ tät’ i kraxeln und
schauen, daß i ein Eichkatzel erwischen tät’. Oder i tät’ einmal
probieren, ob i noch was kann von meiner Kunst, und tät’ a Vorstellung
geben!“
„A Vorstellung den Eichkatzeln und den Vogerln im Wald, ha?“ frug die
Schwester mit gutmütigem Spott. „Die werden aber viel verstehen vom
Seiltanzen!“
„Ja, den Vogerln und den Eichkatzeln!“ sagte die Sophie trotzig. „Ihr
da im Kloster wollt’s ja doch nix wissen von meiner Kunst!“ machte sie
dann verächtlich. „Und ihr versteht auch nix davon!“
„Aber doch mehr als wie die Vogerln, ha?“ frug die Schwester.
Sophie hob die Schultern und machte ein ganz verstocktes, eigensinniges
Gesichtel. Das tat sie jetzt häufig, wenn sie keine Antwort geben
wollte.
Aber die Schwester sah es doch, daß sich das Kind unglücklich fühlte.
Schwerfällig erhob sie sich von dem Gartenbeet, wo sie gerade Unkraut
gejätet hatte, und ging zu dem Mädel hin.
„Hast recht Sehnsucht, Sophie? Möchtest fort von da?“ frug sie leise
und mit zarter Stimme und fuhr mit leichter, liebkosender Hand über die
dunkeln Haare des Kindes.
Sophie fühlte es, daß die alte Schwester die einzige sein würde im
Kloster, die um sie trauern würde, wenn sie fortging. Aus ganzem
Herzen sehnte sie sich fort aus der Enge des Klosters. Mit jedem Tag
noch mehr. Aber sie fühlte es instinktiv, daß dieses Geständnis der
Schwester Salesia wehe tun müßte. Und kränken wollte sie ihre alte
Freundin nicht.
Sophie legte ihre beiden Arme um den Hals der Schwester Salesia und
küßte sie stürmisch. Dann drehte sie sich mit ihr wie ein Wirbel im
Kreise herum.
„Aber Schwester, Schwesterle, was glauben’s denn! Ich will nit fort.
Von Ihnen schon gar nit! Nur da drüben ...“
„Ja ... ja ... so laß mi doch aus! Du Ungut du! Du sollst ja spielen
da drüben! So gib doch a Ruh!“ keuchte die Schwester ganz außer Atem
und krebsrot im Gesicht „I will schon reden mit der Oberin, ob sie’s
erlaubt.“ --
Die Oberin gab ihre Einwilligung, und Sophie machte von der
willkommenen Freiheit den ausgiebigsten Gebrauch. Stundenlang trieb sie
sich in den Wäldern herum und kam bald nur mehr ins Kloster, wenn sie
der Hunger dazu nötigte.
Je länger die Tage wurden und je kürzer und schwüler die Nächte, desto
mehr trieb es das Kind hinaus in den Wald. Sie vergaß Zeit und Ordnung
und überwand oftmals den nagenden Hunger oder nährte sich von den
Beeren des Waldes.
Einmal, da hatte sich die Sophie weit hinaus ins Inntal gewagt. Sie
war durch den Buchenwald gewandert mit flüchtigen Schritten, an dem
Berg hinan und hinüber zu den drei Seen, die auf hügeligem Vorland
eingebettet lagen, umgeben von Wäldern und anstrebenden Felswänden.
Wie ein verzaubertes Land, so herrlich schön kam dem Kinde diese Gegend
vor. Es war ihr, als ginge sie gleich einem jener Märchenkinder, von
denen die Schwester Salesia so schön zu erzählen wußte, in einem
Paradiesgarten spazieren.
Still und ruhig lag das tiefe, grüne Wasser des klaren Bergsees. Es
war ein herrlicher, klarer Hochsommertag. Schwül und heiß brütete die
Sonne. Weit breitete sich das Inntal vor den Augen des Kindes, das wie
im Traume wandelnd immer höher und höher stieg, bis die Nacht sich
senkte.
Da suchte sich das Karrnerkind furchtlos und ohne Zagen sein Lager im
weichen Moos unter einer Kiefer und schlief süß und traumlos, bis die
ersten goldenen Morgenstrahlen sie weckten. Sie fühlte sich so frank
und frei, so glückselig hier in Gottes weiter Welt. Und es kam ihr vor,
als hätte sie noch nie im Leben einen so erquickenden Schlaf gehabt.
Vergessen war das Kloster in Mariathal mit seinen Regeln und
Vorschriften und vergessen die Oberin mit dem ernsten, strengen
Gesicht. Auch an die alte Schwester Salesia dachte Sophie jetzt kaum.
Sie fühlte nur den einen großen Trieb in sich ... frei zu sein und zu
wandern, so lange sie wollte und wohin sie wollte.
Erst nach einigen Tagen kehrte Sophie ins Kloster zurück. Sie tat es
ungern, und es war lediglich eine Art Pflichtgefühl gegen die Schwester
Salesia, das sie nochmals die Mauern des Klosters betreten hieß.
Innerlich beneidete sie jetzt die freien Kinder der Karrner. Wie schön
hatten es die doch. Ihr altes Karrnerheim, die Mutter, die wilde Horde
der Geschwister und Schips, der Hund, ja sogar der Gaudenz Keil,
alle diese vertrauten Gestalten, die ihrem Gedächtnis allmählich
entschwunden waren, tauchten nun wieder in ihrer Erinnerung frisch und
lebensvoll auf. Sie beneidete ihre Geschwister ihrer Freiheit wegen.
Hätte es der Zufall gefügt, daß ihr in dieser Stimmung der Gaudenz Keil
gerade begegnet wäre, die Sophie hätte sich ihm mit tausend Freuden
wieder angeschlossen. In dem großen Drange nach Ungebundenheit vergaß
sie alle Leiden ihrer Kindheit, oder sie erschienen ihr unbedeutend und
nichtig.
Es brauchte viel gutes Zureden von seiten der Schwester Salesia, daß
sich die Oberin noch einmal entschloß, die kleine Ausreißerin in Gnaden
aufzunehmen. Aber von jener Stunde an übernahm sie wieder selbst mit
fester Hand die Erziehung des Kindes. Sie fand, daß Güte und Nachsicht
nicht geeignet seien, den wilden Sinn des Karrnermädels zu zähmen.
Und nun bekam Sophie die ganze Strenge und den eisernen Willen dieser
Frau zu fühlen. Sie lernte es, sich zu fügen und sich zu beugen. Sie
lernte, einem einzigen Blick aus den Augen dieser Frau zu gehorchen.
Und sie lernte es, sich dankbar zu erweisen für ein Leben, das sie
innerlich von Tag zu Tag mehr und mehr verabscheute. -- -- --
Abermals zog der Winter ins Land. Und die gleichförmigen Wintertage
im Kloster wollten für Sophie kein Ende nehmen. Ein Tag schlich dahin
wie der andere. Ereignislos, ohne Freude und ohne Glück. Und manchmal
hatte Sophie das Gefühl, als müsse sie wie ein junges Raubtier an den
eisernen Stäben ihres Käfigs rütteln.
Sophie Zöttl war ein hoch aufgeschossenes Mädel geworden, mit
linkischen Bewegungen und eckigen Schultern. Ihr braunes Gesichtel
hatte einen verschlossenen Ausdruck. Und die Augen bekamen jetzt
immer mehr den heimtückischen, lauernden Blick der kleinen Karrnerin
von ehedem. Sophie Zöttl haßte nun alles im Kloster. Sie haßte die
Unterrichtsstunden und die Tageseinteilung. Sie haßte die Gegenstände
und die Räume des Klosters. Und sie haßte die Menschen da drinnen und
sogar die Schwester Salesia. Diese und die Ennemoserin machte sie dafür
verantwortlich, daß sie noch immer im Kloster bleiben mußte. Und sie
wollte nicht mehr bleiben. Um keinen Preis.
Alles Bitten half nichts. Die Ennemoserin und die Schwester Salesia
waren sich darüber einig, daß der Charakter des jungen Mädchens erst im
Kloster gefestigt werden mußte, bevor man sie den Gefahren der großen
Welt aussetzen konnte.
Als Sophie sah, daß alles Bitten und Flehen vergebens war, wurde sie
immer heimtückischer und verschlagener. Sie sann auf Mittel und Wege,
alle im Kloster zu ärgern, wo sie nur konnte. Sie log und naschte und
war widerspenstig bei jedem Gebot, wenn es nicht unmittelbar von der
Oberin kam. Denn vor dieser hatte sie noch immer eine Art Respekt.
Eine Scheu, ähnlich derjenigen, die sie früher vor der rohen Kraft des
Gaudenz Keil besaß.
So wurde Sophie immer mehr zum Sorgenkind des Klosters. Es war, als ob
alle edlen Instinkte, welche die alte Schwester durch ihre Herzensgüte
wachgerufen hatte, mit einem Male vernichtet worden wären.
Je eigensinniger die Sophie wurde, desto härter und strenger wurde die
Oberin. Sie wollte und konnte es nicht glauben, daß ihre Erziehung
nur schlechte Früchte trug. Sie griff zu harten Strafen und erreichte
damit, daß der Haß in dem Herzen des Kindes immer mächtiger aufloderte.
Mit der Zeit artete das Verhältnis zwischen der Oberin und dem
Karrnermädel zu einem deutlichen stummen Kampfe aus. Sophie war
bestrebt, alle Schlechtigkeiten zu begehen, die sie nur ersinnen
konnte. Und das nur zu dem einen Zweck, die Oberin zu ärgern. Sie
zerstörte sogar die Treibhausblumen für die Kirche und dachte gar nicht
daran, daß sie dadurch die Schwester Salesia am meisten kränkte. Denn
die Blumen waren ja die Pflegekinder und auserkornen Lieblinge der
alten Schwester.
Im Frühjahr war’s, da fing die Sophie heimlich draußen im Garten eine
Blindschleiche, tötete sie und legte das kalte Reptil der jungen
Klosterschwester, welche die Aufsicht im Schlafsaal hatte, ins Bett.
Es war dieselbe Schwester, die das Karrnermädel damals an ihrem ersten
Abend im Kloster beten gelehrt hatte. Und Sophie hatte ihr auch stets
eine Zuneigung bewahrt. Sie überlegte nicht, daß ihr toller Streich der
Schwester Schaden bringen konnte, sondern malte sich in ihrer boshaften
Rachsucht nur den Eindruck aus, den die Sache auf die Oberin machen
würde.
Der Eindruck war übel genug, denn die junge Schwester trug einen
solchen Schrecken davon, daß sie einige Tage hindurch krank in heftigem
Fieber lag. Öffentlich wurde Sophie von der Oberin als die Schuldige
gebrandmarkt. Mit kleinen, boshaft schielenden Augen, aus denen nur
Haß und Abneigung sprachen, schaute das Mädel auf die hochgewachsene,
schlanke Frau.
„Und du wirst doch niedergezwungen werden, Sophie Zöttl!“ sprach die
Oberin mit fester Stimme. „Und wirst gehorchen und dich beugen, wie wir
es alle tun!“ Es lag ein unerschütterlicher Wille in diesen Worten. Sie
fühlte es selber, daß es ein langer und schwerer Kampf zwischen ihr und
dem Mädel werden würde.
Die Oberin sollte diesen Kampf dann schließlich doch verlieren. Aus
freien Stücken gab sie ihn auf. Das geschah, als Sophie durch ihre
Streiche das Maß ihrer Sünden voll gemacht hatte.
In einem Anfall von beinahe teuflischer Bosheit schlich Sophie Zöttl in
den Schlafsaal, wo das große Madonnenbild hing. Dort rückte sie sich
einen Stuhl zurecht, holte einen Bleistift und zeichnete in das zarte,
verklärte Antlitz der Gottesmutter einen großmächtigen Schnurrbart.
Als abends die Kinder den Saal betraten, sahen sie das entstellte Bild.
Keines der Mädchen verzog eine Miene. Stumm und starr vor Entsetzen
umstanden sie das entweihte Heiligtum.
Die junge Klosterschwester nahm Sophie wortlos bei der Hand und führte
sie zur Oberin. Ohne zu fragen, wußten es alle im Saal, daß nur Sophie
die Täterin gewesen sein konnte.
In dieser Nacht mußte Sophie ganz allein in einer Zelle schlafen. Sie
schlief schlecht, und trotzdem träumte sie einen kurzen, schönen Traum
von Freiheit und Glück.
Tags darauf ließ die Oberin die Ennemoserin zu sich rufen, und wortlos,
ohne Abschied übergab sie das Karrnermädel der Frau.
Mit gesenktem Kopf und doch innerlich jubelnd folgte Sophie Zöttl der
Ennemoserin in ihr kleines Heim nach Rattenberg.
[Illustration]
Viertes Kapitel.
Der Ennemoserin war es anfangs schwer gefallen, ihr einsames Häusel mit
dem fremden Mädel zu teilen. Der lange Schmied, welcher der Vormund der
Sophie war, hatte der Frau geraten, das Mädel zu einem Bauern als Magd
zu verdingen.
„Wirst di lang plagen, Ennemoserin!“ sagte er. „Tua sie zu an Bauern,
und guat ist’s. Hat sie ihr Essen und ihr G’wand, und du hast dei’
Ruah! Hättest dir’s nit sollen aufladen die Plag’.“
Davon aber wollte die Ennemoserin nichts wissen. Hatte sie A gesagt,
so wollte sie B auch sagen. Dieses wilde Karrnermädel jetzt allein auf
eigene Füße zu stellen, das wäre ihr als ein Verbrechen an dem Kinde
erschienen ...
Es war schon geraume Zeit her, seit das Häusel draußen am Stadteingang
junges, frohes Leben gesehen hatte. Fast zu lebhaft war es damals
zugegangen in dem baufälligen Bauernhäuschen, das teilweise in den
steil emporragenden Felsen des Rattenberger Schloßberges eingebaut war.
Wie ein kleines Räubernest im bäuerlichen Stil, so lebte das
einstöckige, schmale Haus an dem schroff vorspringenden Felsen. Das
windschiefe Schindeldach war mit großen Steinen beschwert, an denen
schon vielfach das Moos wucherte.
Kleine, blitzblank geputzte Fensterscheiben grüßten aus dem alten
Gemäuer. Vor den Fenstern prunkte als auffallender Schmuck ein
herrlicher Blumenflor von dunkelroten Geranien und herabhängenden
vollen, bauchigen Nelken in allen Farben. Es war eine wirkliche Lust,
diesen Blumenflor zu sehen, und die Ennemoserin war auf ihn fast ebenso
stolz wie auf ihre Kinder.
Drei Kinder hatte die Ennemoserin gehabt, und alle drei hatte sie
verlieren müssen. Zwei Buben von zwölf und vierzehn Jahren und ein
kleines, zartes, blondes Diandl.
Große, starke Jungen waren die Buben, die im kühnen Übermut ihre jungen
Kräfte messen wollten mit dem breiten Bergfluß. Der war aber ein
heimtückischer Geselle und liebte es nicht, daß man seine Wellen zu
Spielgenossen machte.
Oft waren die Buben schon mit einem Kahn den Inn entlang gerudert,
allen Mahnungen und Bitten der Mutter zum Trotz, die sie vor der Gefahr
eindringlich warnte. Sie hörten nicht auf sie, bis dann das Unglück kam.
Eine mondhelle, schöne Sommernacht war’s, da trieb ein leerer Kahn vom
Oberland kommend innabwärts. Die Leichen der beiden Knaben wurden erst
viele Wochen später draußen im Bayrischen angeschwemmt.
Seit jener Zeit war die Ennemoserin trübsinnig geworden. Die Leute
sagten, sie sei halb verrückt, weil sie sich zurückzog vor ihnen und
ihr Leid einsam trug.
Die Ennemoserin hatte wenig Glück gekannt im Leben. Ihr Mann war
früh gestorben, und sie konnte nicht einmal recht trauern um ihn.
Die wenigen Jahre, die sie zusammen lebten, waren für das Weib ein
Martyrium gewesen.
Jetzt blieb ihr nur noch ein Glück und eine Hoffnung auf dieser Welt,
ihr jüngstes Kind, das Roserl. Ein blondhaariges Diandl mit braunen
Glutaugen und einem sonnigen, strahlenden Gesichtel, das nur zum Glück
geschaffen schien.
Das Roserl wuchs heran, von der Mutter gehegt und gepflegt wie ein
duftender Nelkenstock aus dem Blumenflor der Ennemoserin.
Die Leute in Rattenberg und in der nächsten Umgebung hatten ihre
Freude an dem hübschen Roserl von der Ennemoserin. Und die Burschen
schauten sich ganz besonders gerne nach ihr um, wenn sie mit leichten,
zierlichen Schritten durch die Hauptstraße und durch die Gäßchen der
Stadt ging.
Die Ennemoserin war keine wohlhabende Frau. Als das Roserl heranwuchs,
mußte sie daran denken, ihr Mädel irgendwie gut zu versorgen. Und weil
sie sich nicht gerne auf längere Zeit von ihrem Mädel trennen mochte,
so gab sie das Roserl nach Kufstein hinunter zu einer Schneiderin. Dort
sollte sie das Handwerk lernen und dann wieder zur Mutter ziehen.
Dem Roserl gefiel es gut in Kufstein. Nur zu gut. Die Leute in
Rattenberg fingen bald an, über sie zu schwatzen. Als der Klatsch zu
den Ohren der Mutter drang, war’s für das Mädel zu spät.
Die Ennemoserin machte sich auf den Weg nach Kufstein, um ihr
Kind wieder heimzuholen. Sie kam aber ohne das Mädel zurück, und
niemand erfuhr, was zwischen Mutter und Tochter vorgefallen war. Die
Ennemoserin trug ihren Kopf gerade und aufrecht und verbiß ihren
Kummer. Sprach selten ein Wort mit den Leuten. Und die gaben’s bald
ganz auf, sie über das Roserl auszuforschen.
Aber Kufstein und Rattenberg sind nicht allzu weit voneinander
entfernt, und üble Kunde findet ihren Weg gar schnell. Man erzählte
sich in Rattenberg, daß das Roserl immer tiefer und tiefer sank, und
man prophezeite, daß sie einmal übel enden werde.
Das dauerte so eine Weile. Dann verschwand das Roserl aus der kleinen
Grenzstadt, und es vergingen Jahre, ehe man wieder von ihr hörte. Eines
Tages erzählte jemand, der in Wien gelebt hatte, daß er das Roserl von
der Ennemoserin dort getroffen habe. Und was er von ihr zu erzählen
wußte, war schlimmer, als wenn er von ihrem Tod berichtet hätte.
Die Ennemoserin war eine fromme Frau geworden. Bei allen Gottesdiensten,
die in der Pfarrkirche abgehalten wurden, war sie anwesend. Sie betete
länger als die andern Frauen der Stadt und hielt sich am liebsten in
den Kirchen auf.
Es gab niemand in Rattenberg, der sie für eine Betschwester gehalten
hätte; und freche Neugierde wich gar bald der Achtung vor dem einsamen
Schmerz dieser Frau.
Die Ennemoserin tat Gutes, wo sie konnte. Nach ihren Kräften und nur um
Gotteslohn. In ihrem Herzen war ein starkes Gottvertrauen, der feste
Glaube, daß Gott ihr Tun und Handeln als ein Opfer und eine Sühne
annehmen werde für das sündhafte Leben ihres Kindes. Und nur um Gott
eine Seele zuzuführen, hatte sie sich des Karrnermädels angenommen und
vertrat jetzt die Stelle einer Mutter an ihr.
Neues junges Leben zog wieder ein in dem blumengeschmückten Berghäusel
vor dem Stadteingang. Und die Blumen vor den Fenstern blühten noch
schöner und üppiger, da Sophie sie so gut zu pflegen verstand.
Die Sophie fühlte sich bald heimisch bei der Ennemoserin. Ihr
widerspenstiges, trotziges Wesen hatte sie abgelegt und war nur mehr
sonnige Heiterkeit und frohe Lebenslust. Was sie erreichen wollte,
das hatte sie jetzt erreicht. In Freiheit zu leben und ohne Zwang und
Fesseln. Und wenn auch die Ennemoserin schweigsam war und am liebsten
ihre eigenen Wege ging, so machte das dem Mädel gar nichts aus.
Sie war froh über ihr neues Dasein, und ein Gefühl echter, warmer
Dankbarkeit gegen die Frau beseelte sie. Sie wollte ihr Freude machen
und brachte es bald in der Schule so weit, daß sie zu den besten
Schülerinnen zählte. Daheim half sie der Ennemoserin mit flinken,
geschickten Händen bei der Hausarbeit, so daß ihre Pflegemutter bald
ganz entlastet war. Sie hatte keine Klage über das Mädel und gewann sie
von Tag zu Tag lieber.
So lebten sich diese beiden ungleichen Menschen rasch zusammen ein.
Aber sie wurden nie so recht vertraut miteinander. Das herzliche
Verhältnis, das die Schwester Salesia und das Karrnerkind verbunden
hatte, fehlte bei ihnen.
Manchmal trieb es das Mädel doch hinüber zu der alten Schwester nach
Mariathal. Dann erzählte sie der Schwester wie in früheren Zeiten von
ihrem ganzen Tun und Treiben. Und ganz so wie ehedem fand die Schwester
wieder die richtigen Worte und das wahre Verständnis für das Mädel.
Mit vielen guten Ermahnungen von seiten der Schwester Salesia kam die
Sophie jedesmal nach Hause. Das kleine Heim war ihr dann doppelt lieb
und wert. Wie in einem Paradies von Freiheit und Glück kam sie sich
drinnen vor. Die Schwester Salesia meinte einmal lachend zu ihr, daß
sie wohl hauptsächlich nur deshalb so gerne nach Mariathal komme, um
sich immer wieder einen neuen Grausen vor dem Kloster zu holen ...
So verstrichen die Jahre, und die Sophie war ein kräftiges junges
Mädchen geworden.
Mit geheimer Angst beobachtete die Ennemoserin das Heranblühen der
Sophie. Sie hatte Furcht, das Mädel aus ihrer Obhut zu entlassen. Bis
jetzt hatte Sophie noch nie den Wunsch geäußert, fortzukommen. Aber die
Ennemoserin mußte daran denken, das Mädel auf eigene Füße zu stellen.
Siebzehn Jahre war die Sophie nun alt geworden. Ein großes, üppiges
Mädel mit einem ausgeprägten, breiten Rassegesicht. Tiefbraun die Haut
und schwarz das leicht gewellte Haar, das sie in zwei Zöpfen um den
Kopf geschlungen trug. Zwei dicht bewachsene Brauen wölbten sich in
großen, scharf gezeichneten Bogen über den Augen, und das braune Haar
fiel widerspenstig in die niedere, breite Stirn. Ihre Lippen waren
voll und üppig und von tiefstem Rot. Und ein tiefes Rot blühte auf
den herben Wangen des Mädels. Sie machte überhaupt einen herben, fast
verschlossenen Eindruck, dem nur der Schalk widersprach, der ständig in
ihren nicht sehr großen, dunkeln Augen lauerte.
Wenn sie ging, so wiegte sich der junge Körper in unbewußter Koketterie
leicht in den Hüften. Und der starke, etwas zu derbe Nacken des
Mädchens hatte in dem kleinen Ausschnitt des schwarzen Miederleibchens
etwas Lockendes und Verführerisches.