wußten. Lauter liebe Kleinigkeiten, die der Jugend ungeheuer wichtig
erschienen. Niemand im ganzen Kloster verstand es so prächtig, auf die
Interessen der Kinder einzugehen, wie die alte, gute Schwester Salesia.
Zwischen der Schwester und dem braunen Karrnermädel war es bald zu
einer innigen Freundschaft gekommen. Die Schwester hatte gleich den
richtigen Ton gefunden, und die kleine Sophie vertraute ihr bald alles
an. Sie erzählte der Pförtnerin von ihrem früheren Leben. Von den
Streichen, die sie und die kleine Brut ihrer Geschwister ausgeführt
hatten. Und von den wüsten Streitszenen im Karrnerlager. Die Schwester
Salesia hörte alles ruhig an. Eine neue Welt tat sich da vor ihren
Augen auf. Eine Welt, die sie nicht kannte.
Schwester Salesia hatte erst spät den Schleier genommen. Sie hatte in
ihrem langen Leben reiche Erfahrungen gesammelt. Viel Trübes war über
dieses einsame Frauenherz gekommen. Aber sie hatte tapfer gekämpft,
ganz still für sich. Niemand besaß eine Ahnung im Kloster, daß hier
ein heißes Herz seinen Frieden gesucht und gefunden hatte. Und mit
den Jahren wurde aus dem unruhigen, lebenshungrigen Mädchen die stets
heitere und zufriedene Schwester Salesia.
Jene Welt der Karrner aber war der Schwester Salesia fremd geblieben.
Das freie, ungebundene Leben dieser Menschen, das so ganz abseits von
den gewohnten Sitten lag, und das sie jetzt aus den Schilderungen der
kleinen Sophie kennen lernte, erschreckte sie. Sie war aber klug genug,
nichts davon merken zu lassen; denn sie wußte, daß sie damit bei dem
Kinde nur Unheil anrichten würde.
Das erkannte die Schwester Salesia mit ihrem gesunden Verstand klar
und genau ... Das Kind hatte keine Ahnung davon, daß sein früheres
Leben gegen Sitten und Moral verstieß. Die Sophie war es gewöhnt
worden, dieses Leben als etwas Selbstverständliches zu betrachten und
hinzunehmen.
Schwester Salesia hütete sich wohl, das Kind darauf aufmerksam zu
machen. Sie wußte es, daß sie dadurch mit rauher Hand die kindliche
Unbefangenheit des kleinen Mädels zerstört hätte. Aber sie mußte es
auch verhüten, daß die andern Kinder im Kloster etwas von den freien
Sitten des Karrnerlagers erfuhren. Sie bat daher das Mädchen fast
schüchtern: „Gelt, Kind, das, was du mir sagst, erzählst aber nit
weiter! Gelt, versprichst mir das?“
Anfangs hatte die Sophie verwundert auf die Schwester geschaut. „Warum
denn nit, Schwester?“
„Weißt, die Kinder und auch die Schwestern, die verstehen nix von der
Welt. Da darf man solche Sachen nit reden!“ sagte die Schwester Salesia
leicht verlegen.
Trotz aller Vorsicht und Güte war Sophie nachdenklich geworden. Warum
durfte sie nichts von ihrem vergangenen Leben erzählen? Sie wußten es
ja alle im Kloster, daß sie ein Karrnerkind war. Sophie bemerkte es gar
wohl, daß sie den andern Kindern deshalb sehr interessant erschien.
Sie hatten sie anfangs oft mit Fragen bestürmt, und sie hatte diese
Fragen nicht beantworten dürfen. Darin war die alte Schwester Salesia
unerbittlich gewesen.
Die kleine Sophie grübelte immer mehr nach. Etwas wie Scham beschlich
sie. Nur wußte sie selbst nicht, worüber sie sich schämte. Aber sie
fing an, immer ernsthafter nachzudenken, und dann fragte sie wieder die
Schwester Salesia: „Darf ich’s der Schwester Oberin auch nit erzählen?“
Zögernd und etwas kleinlaut kam es über die Lippen des Kindes. Und fast
angstvoll schaute sie auf die alte Schwester.
„Wohl, der Schwester Oberin schon. Der muß man alles erzählen!“
belehrte sie die Pförtnerin. Dabei vermied sie es aber, in die großen,
forschenden Kinderaugen zu schauen. Die Schwester Salesia wußte es nur
zu gut, daß in dem ganzen Kloster vielleicht niemand so ungeeignet
war, ein mildes Urteil über die Schattenseiten der Welt zu fällen,
wie gerade die Schwester Oberin. Das durfte sie aber dem Kinde nicht
merken lassen.
Die alte Schwester kannte die Sehnsucht, die in jedem Menschen lebt.
Die Sehnsucht nach Vollkommenheit, nach Reinheit und Größe. Dieses
Sehnen schlummert in der Seele eines jeden Menschen. Unbewußt in der
Brust des Kindes. Bewußt und oft zu brennendem Verlangen entflammt
in den Herzen der Erwachsenen. Und die alte Schwester war klug
genug, diese Sehnsucht in den zarten Herzen der Kinder zu hegen und
zu pflegen. Sie wußte, daß es das Schönste im Leben ist, sich das
felsenfeste Vertrauen auf den edlen Kern im Menschen so lange als
möglich zu erhalten. Das felsenfeste Vertrauen auf das göttliche
Saatkorn, das in jeder Seele keimt, und, wo es nicht verkümmert,
herrliche Blüten und Früchte tragen muß.
Das Leben hatte dem Karrnerkind übel mitgespielt. Sophie hatte bisher
nur die niedrigste Seite des menschlichen Daseins kennen gelernt. Sie
haßte alle Menschen und traute ihnen nur Schlechtes zu. Erst hier im
Kloster war sie langsam zu einem andern Glauben gekommen.
Sophie lernte es wohl, ihre Erzieherinnen zu lieben, und trotzdem
fehlte ihr noch jener Begriff hoher Achtung vor den Menschen, der die
Grundsäule aller gesellschaftlichen Ordnung ist. So baute denn die alte
Klosterschwester ihre geistliche Oberin in der kindlichen Phantasie
des Karrnermädels allmählich zu einer Idealgestalt aus. Lehrte sie die
Oberin achten und lieben als eines der vollkommensten Wesen, die je
gelebt hatten.
Das Kind hatte eine heilige Scheu vor dieser Frau. Es fühlte sich stets
unbehaglich in ihrer Nähe und hätte es wohl nie übers Herz gebracht,
mit der Oberin über seine Vergangenheit zu sprechen. Das wußte die
Schwester Salesia, und darauf rechnete sie.
Sophie hatte noch nie eine Schule besucht. Ihre ganze Erziehung mußte
von den allerersten Anfängen gründlich beginnen. Sie hatte keine Ahnung
von einer geregelten Lebensweise und erregte in den ersten Wochen ihres
Klosterlebens viel Heiterkeit unter ihren Mitschülerinnen. So befahl
denn die Oberin, daß Sophie Zöttl hauptsächlich dem Schutz und dem
Unterricht der Schwester Salesia anvertraut werde, bis sie fähig wäre,
in eine regelrechte Schulklasse eingereiht zu werden.
Das war auch gut so für das Kind. Auf diese Weise bekam sie den Zwang
des Klosterlebens nicht so stark zu fühlen, hatte mehr Freiheit als
die andern und fühlte sich unter der milden Zucht der alten Schwester
äußerst wohl und behaglich. Sie durfte der Pförtnerin bei den
Arbeiten in der Sakristei helfen, durfte aus dem kleinen Treibhaus im
Klostergarten Blumen holen für die Kirche und lernte die Blumen mit
Liebe behandeln und pflegen.
So gewöhnten sich die Schwester und das Karrnerkind rasch und innig
aneinander, und die alte Schwester Salesia kannte bald alle aus dem
Karrnerlager. Kannte den weißblonden Tonl und die Benedikta. Sah den
rohen Gaudenz, wie er die Peitsche unbarmherzig auf die halbnackten
Körper seiner Kinder niedersausen ließ. Und sah auch Schips, den
zottigen Köter, bellend und winselnd von einem zum andern laufen. Und
dann wieder sah sie die Sophie, wie sie gleich einem kleinen, wilden
Teufel um sich schlug, kratzte und biß. Und sie fühlte mit dem Kinde
den ganzen ingrimmigen Haß gegen den Stiefvater. Sie wußte auch von
des Kindes Schleichwegen, wenn es galt, etwas für das Karrnerlager zu
stehlen.
Und für alles hatte die alte Schwester das milde Verstehen und
Verzeihen einer gereiften Erkenntnis. Mit weiser, vorsichtiger Hand
führte sie dieses wilde, junge Leben in geregelte Bahnen. Es war
keine leichte Aufgabe für die Schwester Salesia und bedurfte äußerster
Klugheit. Zu viel Strenge oder zu viel Nachsicht ... und alles konnte
bei dem Kinde verdorben sein.
In wenigen Monaten hatte die Schwester wahre Wunder gewirkt. Sophie
fühlte sich glücklich und war froh und heiter wie noch nie in ihrem
Leben. Das Kind fühlte es: die alte asthmatische Schwester Salesia
war ihr nicht nur Erzieherin und Lehrerin, sondern auch eine Mutter
geworden. Und zum ersten Male in ihrem Leben hatte sie selbst ein
warmes, echtes Gefühl der Zuneigung. Nein, nicht das erstemal. Denn den
Tonl, das hellblonde Brüderl, das hatte sie doch innig lieb gehabt.
Und nach dem Tonl sehnte sie sich auch manches Mal und erzählte es der
Schwester, und die Schwester tröstete sie dann immer.
„Weißt, wenn der Gaudenz wieder nach Rattenberg kommt, dann schauen
wir, daß wir den Tonl kriegen!“ stellte sie der Sophie in Aussicht.
Da lachte dann das braune Mädel über das ganze Gesichtel. Es war jetzt
liebreizend anzusehen, dieses braune Zigeunergesichtel. Das Falsche,
Verschlagene und Boshafte, das früher in diesen Zügen lag, war beinahe
verschwunden. Die Wangen waren voller und dunkelrot geworden. Und auf
jeder Seite zeigten sich beim Lachen zwei allerliebste kleine Grübchen.
Die glattgescheitelten, pechschwarzen Haare, die das Kind jetzt in zwei
Zöpfen um den Kopf geflochten trug, wollten sich der neuen Ordnung
noch nicht recht fügen. Einige krause, widerspenstige Locken fielen
trotz aller Pflege stets neuerdings eigensinnig auf die niedere, etwas
zu breite Stirn des Kindes. Die lebhaften schwarzen Augen hatten noch
immer den suchenden, wie auf Beute lauernden Blick und schauten unter
den rassigen, etwas zu dicht gewachsenen Brauen und unter den langen
schwarzen Wimpern fast ungewöhnlich groß aus.
„Ja, und dann, was fangen wir dann mit dem Tonl an? Dableiben kann er
ja nit!“ gab das Kind zur Antwort, und sein Gesichtel war schon wieder
ganz ernst geworden.
Die Schwester wußte Rat. „Den geben wir zum Herrn Pfarrer. Der Herr
Pfarrer wird schon sorgen für ihn!“ beruhigte sie das Kind.
Damit war die Sophie sehr zufrieden. Zum Herrn Pfarrer hatte sie alles
Vertrauen. Der hatte ja auch für sie gesorgt, daß sie ein ordentlicher
Christenmensch geworden war.
Die Schwester Salesia hatte ihr alles erzählt. Sie hatte zwar nicht
viel davon verstanden. Aber soviel wußte sie jetzt doch ... der
hochwürdige Herr Pfarrer hatte es durchgesetzt, daß sie nun wie jedes
Kind im Kloster ihre Dokumente besaß und daß sie auch einen Vormund
hatte. Und das war der lange Schmied von Rattenberg. Und der Gaudenz
Keil hatte von jetzt ab kein Recht und keine Gewalt mehr über sie,
sondern nur der lange Schmied. Das gönnte sie dem Gaudenz vom ganzen
Herzen.
Als es ihr die Schwester erzählte, war sie so froh darüber, daß sie
mitten in der Sakristei herumhüpfte und auch die Schwester mit sich
fortriß. Beinahe wäre die Schwester Salesia deswegen ernstlich bös
geworden. Aber nur beinahe. Denn ernstlich, wirklich ernstlich böse
werden, das konnte die Schwester nicht. Und mit der Sophie schon erst
recht nicht. --
Die Oberin hatte dem schönen Freundschaftsbund zwischen der alten
Schwester und dem Karrnerkind ein jähes Ende bereitet. Mit fester,
rauher Hand war sie dazwischen gefahren und hatte den zarten Trieb des
Guten in dem jungen Herzen des Kindes vernichtet.
Ganz erschrocken und verstört hatte das Kind damals auf die Oberin
geschaut, und blutrot war sie geworden vor Scham. Gerade das, was
die alte Schwester ängstlich bestrebt gewesen war zu verhüten, war
nun geschehen. Zum ersten Male hatte Sophie ihre Abstammung als eine
Schmach empfunden. Mit einem Male fühlte sie es deutlich, daß trotz
aller christlichen Nächstenliebe, von der sie immer hörte, eine große
und tiefe Kluft bestand zwischen ihr und den andern im Kloster.
Vor allen Kindern, öffentlich hatte sie die Oberin ein diebisches
Zigeunermädel geheißen, das seinen Stand nicht verleugnen konnte
und das nicht wert war, daß man sie unter die Schar der guten,
wohlgesitteten Kinder aufnahm.
Und Sophie sah es deutlich, wie die Kinder alle von ihr abrückten. Sie
fühlte es in jenem Augenblick ... da war kein Unterschied zwischen
diesen frommen Menschen im Kloster und jenen Menschen, die dem
Karrnerkind fluchend und schimpfend die Tür vor der Nase zugeschlagen
hatten. Kein Unterschied zwischen jenen Menschen, die sie mieden,
haßten und brandmarkten, als ob sie von ekler Krankheit befallen sei.
Warum haßten die Menschen das Karrnerkind? Sophie hatte nie darüber
nachgedacht ... und wenn auch, sie hätte die Erklärung dafür doch nicht
gefunden. Es war ihr auch im Kloster nie eingefallen, die Schwester
Salesia darum zu befragen. Die Güte und Liebe ringsum verwischten die
kränkenden Spuren von ehedem.
In jenem Augenblick der öffentlichen Demütigung aber überkam das Mädel
wieder der alte, wilde Haß. Mit dunklen, haßerfüllten Augen sah das
Kind auf die Oberin, die sie bis dahin wie eine Heilige verehrt hatte.
Warum demütigte sie diese Frau vor allen Kindern? Warum warf sie ihr
ihre Abstammung vor als eine Schmach? Was hatte sie getan? Warum war es
eine Schande, ein Karrnerkind zu sein? ... Die weichen Züge des Kindes
verzerrten sich, und ihr frisches Gesicht wurde aschfahl vor innerer
Wut, so daß sie für einen Augenblick ganz alt und häßlich aussah.
Das wilde Blut des Mädels tobte. Die kleinen Fäustchen ballten sich,
und ihre Schultern spannten sich straff nach vorne. Genau so war es
damals, wenn Gaudenz Keil in viehischer Bosheit das Kind reizte, bis
sie ihn wie eine toll gewordene Katze anfiel. Auch diesmal hatte das
Kind die Haltung, als wollte sie sich auf die Oberin stürzen.
Was hatte sie getan, daß man sie haßte und demütigte? Gar nichts hatte
sie getan. Rein gar nichts. Nur erzählt hatte sie’s der Schwester
Salesia, und alle Kinder waren dabei gestanden und hatten es mit
angehört. Und waren dann in ein unbändiges Gelächter ausgebrochen, so
daß alle Versuche der alten Schwester, das übermütige junge Volk zu
beschwichtigen, vergebens waren und der ungewöhnliche große Lärm die
Oberin herbeilockte.
Im Nu war alles still. Hoch und gebietend sah die Oberin im Kreise
herum, und selbst die alte Schwester hatte unter den strafenden Blicken
dieser Frau einen ganz roten Kopf bekommen. Scheu wichen die Kinder zur
Seite und grüßten ehrfurchtsvoll.
Die Oberin schaute forschend auf die Mädchen. Mit kaltem, hartem Blick.
„Wer ist die Schuldige?“ frug sie dann laut.
Niemand rührte sich. Keins von den Mädchen getraute sich, Antwort zu
geben.
„Wer war die Ursache dieses Lärmes?“ frug die Oberin abermals mit
harter Stimme.
Die Mädchen sahen scheu und verstohlen auf Sophie, aber keine nannte
ihren Namen.
„Sophie, warst du’s?“ frug die Oberin etwas milder.
Das kleine Mädchen kam knicksend näher und stellte sich vor die Oberin
hin. Mit schalkhaftem Lächeln sah sie zu der hohen, schlanken Frau auf.
„I bitt’, Schwester Oberin, ich war’s!“ sagte sie.
Es lag etwas Stolzes, Selbstbewußtes in dem Ton des Kindes. Die
befriedigte Eitelkeit der ehemaligen kleinen Komödiantin, die ihrem
Publikum gefallen hatte.
Die Schwester Salesia schaute ängstlich auf die Oberin. Sie wußte,
daß diese Frau die Art des Kindes nicht verstand und sein Benehmen
mißdeuten werde. Und sie wußte auch, daß ein unbesonnenes Wort des
Tadels bei dem wilden, ungebärdigen Sinn des Kindes großen Schaden
anrichten konnte.
„Was hast du getan, Sophie?“ frug die Oberin streng, aber ohne Härte.
„Ich?“ Das Mädel sah mit selbstgefälligem Lächeln auf ihre
Mitschülerinnen. „Nichts hab’ ich getan, rein gar nichts!“
„Lüg’ nicht!“ gebot die Oberin streng. „Gib ehrlich Antwort, wenn man
dich fragt!“
Da mischte sich die alte Schwester ein. „Sie hat halt dumm’s Zeug
erzählt, Schwester Oberin. Sonst nix, nur a bissel dumm’s Zeug. Und die
andern, die Gäns’, die haben g’lacht.“
Die „Gäns’“ fingen bei der Erinnerung an das dumme Zeug schon wieder
zu kichern an. Mißtrauisch sah die Oberin auf die Schwester Salesia.
Sie hatte es schon längst mit Unbehagen bemerkt, daß die Schwester
das Karrnerkind auffallend bevorzugte, und sie sah es deutlich an dem
verlegenen Gesicht der Schwester, daß sie ihr etwas zu verheimlichen
suchte.
„Was hast du gesagt, Sophie?“ frug die Oberin streng und sah mit festem
Blick auf das Mädel.
„Nit sagen!“ flüsterte ein größeres Mädchen, das in ihrer Nähe stand,
ganz leise. „Nit sagen!“
Das feine Ohr der Oberin hörte die Warnung doch.
„Was sollst du nicht sagen, Sophie?“ frug sie mit kalter, lauter
Stimme. „Rede!“
Sophie war jetzt tatsächlich verwirrt geworden. Sie sah das hilflose,
bestürzte Gesicht der alten Klosterschwester, und sie hörte den
heimlich warnenden Zuruf des Mädchens.
„Ich ... ich hab’ einen Hund g’sehen ...“ sagte sie jetzt leise und
zögernd.
„Ja ... und ...?“ frug die Oberin, ohne ein Auge von der kleinen
Sünderin zu lassen. „Und?“
„Nix!“ sagte Sophie über eine Weile.
„Sag’ die Wahrheit, Sophie Zöttl!“ gebot die Oberin.
Sophie sah sich hilflos um. Dort neben der Oberin stand ihre alte
Freundin und hielt die Augen zu Boden gesenkt. Sie gab ihr kein
Zeichen, was sie tun sollte. Und alle Kinder standen schweigend im
Halbkreis um sie und sahen verlegen und etwas ängstlich drein.
„Sag’ die Wahrheit!“ gebot die Oberin.
„Ich hab’ zwei Hund’ g’sehen ...“ erzählte jetzt das Kind mit
lauter Stimme. „Einen braunen, ein Dackel war’s, und einen großen
zottigen. Den Dackel, den kenn’ ich schon lang, und den hätt’ ich gern
mitg’nommen, wenn ich dürft hätt’. Aber die Schwester hat’s verboten.“
Dabei zeigte das Mädchen mit dem Finger auf die junge Klosterschwester,
welche die Kinder bei den Spaziergängen beaufsichtigte. Die junge
Schwester hatte sich schon die ganze Zeit her versteckt in eine Ecke
gedrückt.
„Ist das alles, Sophie Zöttl?“ frug die Oberin streng.
„Nein, nit alles. Deswegen haben’s nit g’lacht, die Kinder.“ Das
Mädchen wurde nun schon wieder selbstbewußter. Die Verlegenheit war
geschwunden. Sie hatte eigentlich jetzt keine Angst mehr vor der
Oberin. Die war ja gut, das wußte sie. Und die Oberin konnte es gewiß
auch begreifen, daß man einen netten, kleinen, lustigen Hund zu stehlen
wünschte. Und jetzt konnte sie ihr auch das übrige erzählen. Dann
würde sie die Oberin auch so zum Lachen bringen, wie die Mädchen. Und
die Sophie erzählte es ganz genau, was sie den andern gesagt hatte.
Erzählte, wie sie die beiden Tiere bei ihrem Spiel beobachtete. Und
sie habe es nur bedauert, daß kein Weibchen dabei war. Sonst würde es
kleine junge Hunderln abgeben.
Für einen Augenblick war die Oberin sprachlos. Sie war so empört über
die Verderbtheit des Kindes, daß sie keine Worte finden konnte. Nur
mühsam konnte sie ihre Aufregung niederkämpfen.
Dann aber brach das Unwetter los. Im hohen Zorn hieß sie das Kind ein
diebisches Zigeunermädel, das nicht wert sei, mit den andern gesitteten
Kindern zusammen zu leben. Wie Peitschenhiebe mitten ins Gesicht trafen
die harten Worte das Kind.
Die Oberin sah die Veränderung, die mit dem Kinde vorging. Auch die
drohende Haltung und die haßverzerrten Mienen entgingen ihr nicht. Sie
war wieder eine kluge Frau und auch bestrebt, gerecht zu sein. Sie
sah, daß sie mit ihren Worten das Kind tiefer getroffen hatte, als
sie beabsichtigte. Aber sie empfand die Äußerungen des kleinen Mädels
als etwas so unerhört Schamloses, daß sie es für ihre heilige Pflicht
hielt, dieses verderbte Kind von den andern fern zu halten. --
Für die kleine Sophie fingen nun harte Zeiten an. Die Oberin nahm die
Erziehung des wilden Karrnerkindes selbst in die Hand und verdarb mit
ihrer Strenge alles, was die alte Schwester Salesia durch Güte und
milde Nachsicht aufgebaut hatte ...
Eine Zeitlang ging Sophie im Kloster umher mit geducktem Köpfchen und
unglückselig wie ein verprügeltes armes Tier. Und doch waren es nur
Worte, die diese Änderung hervorbrachten. Das Kind hatte keine Strafe
und keine Züchtigung im Kloster erfahren. Aber mit eiserner Konsequenz
bestand die Oberin darauf, daß ihre Befehle genau durchgeführt wurden.
Mit Worten und nur mit Worten allein erreichte sie es, daß das Kind
sich vorkam wie ein junger, armseliger Kettenhund, der schwer und
keuchend an seiner Fessel zerrte.
Je mehr die Tage dem Frühjahr entgegen gingen, desto drückender empfand
die Sophie das Leben im Kloster. Und als einmal die Ennemoserin kam,
um Nachschau zu halten, da fing das kleine Mädel laut zu weinen an und
bat, die Frau möchte sie doch mitnehmen. Hinaus aus dem Kloster, in die
Freiheit. Es brauchte viel gutes Zureden, um das Kind zu beschwichtigen.
Am gleichen Abend jedoch hatte die Schwester Salesia noch eine
Unterredung mit der Oberin.
Diese beiden Frauen waren sich nie nahe gekommen trotz der engen
Gemeinsamkeit, in der sie lebten. Sie waren zu grundverschieden
voneinander. Ernste Reibungen hatten aber auch nie stattgefunden.
Nur selten kam die Schwester Salesia jetzt mit ihrem Liebling zusammen.
Denn Sophie war ihr Liebling geworden. Da machte sie kein Hehl daraus.
Wenn sie das Kind jetzt sah, so bemerkte sie deutlich die Wandlung, die
mit dem Mädchen vorgegangen war. Sie sah, wie das Mädel den kleinen
Kopf senkte und die lebhaften Augen in einem unnatürlichen Zwang zu
Boden schlug. Und in dem guten alten Herzen der Schwester regte sich
der Zorn. Sie mußte öfters an sich halten, sonst hätte sie der Oberin
ernstliche Vorwürfe gemacht.
An jenem Abend nach dem Besuch der Ennemoserin konnte die Schwester
sich nicht mehr überwinden. Vor dem Schlafengehen war’s, als die
frommen Frauen gerade von der Abendandacht aus der Kirche kamen. Die
Schwester Salesia war als Sakristanin die letzte in der Kirche und
hatte diese abzuschließen.
Das tat sie jeden Abend. Mit einer behaglichen Ruhe schlürfte sie
durch den weiten Kirchengang, füllte das Öl ein in die rote Ampel
vor dem Hochaltar und überdeckte den Altar noch vorsichtig mit einer
schön gestickten, prunkvollen Decke. Das tat sie alles mit viel
Umständlichkeit und Ruhe und schöpfte dabei mehr und tiefer Atem, als
es trotz ihres asthmatischen Zustandes notwendig gewesen wäre.
Heute aber verrichtete die Schwester ihre kleine Pflicht mit einer Art
nervöser Hast. Vorne im Chorstuhl bei dem Hochaltar kniete die Oberin
und betete. Es war schon ganz dunkel in dem hohen Raum. Und nur der
matte rote Schimmer des ewigen Lichtes ließ die Gegenstände in nächster
Nähe undeutlich erkennen. Die weißen Hauben der beiden Frauen sahen wie
riesige, gespenstige, weiße Fliegen aus. Die schlürfenden Schritte der
alten Schwester hallten wider in der heiligen Stille des Gotteshauses.
Hin und her wanderte die Schwester und rasselte dann umständlich mit
dem Schlüsselbund. Das harte, knarrende Geräusch der Schlüssel störte
mißtönig die Stille und machte die Oberin aufschauen aus ihrer Andacht.
Langsam erhob sie sich, schritt vor die Stufen des Hochaltars und
kniete dort nochmals zu kurzem Gebet nieder.
Die Glocke der Turmuhr schlug die neunte Stunde. So schnell sie konnte,
durcheilte die Schwester Salesia den Kirchenraum und wartete in der
Nähe des Altars am Eingang zur Sakristei auf die Oberin.
In der Sakristei trafen die beiden Frauen zusammen. Mit kurzem Gruß,
wie sie das stets zu tun pflegte, wollte die Oberin an der Schwester
vorbeigehen. Aber Schwester Salesia griff nach ihrer Hand und bat mit
leiser Stimme: „Auf an Augenblick, Schwester Oberin. Ich hab’ mit Ihnen
z’reden!“
Sie waren aus der Sakristei in den gedeckten Klostergang getreten, der
das alte Frauenkloster zu Mariathal mit der Kirche verbindet. Die
Schwester Salesia verschloß nun auch die von der Sakristei nach dem
Gang führende Tür, nachdem sie früher die Pforte von der Kirche zur
Sakristei sorgfältig versperrt hatte.
Langsam schritten die beiden Frauen durch den dunklen Gang. Die alte
Schwester hatte eine kleine Laterne angezündet, deren matter Schein nur
spärlich in das tiefe Dunkel des engen, langen Ganges leuchtete. Die
Holzdielen krachten unheimlich unter den sonst fast lautlosen Tritten
der Frauen.
„Schwester Oberin ...“ begann die alte Schwester mit flüsternder Stimme
... „tuan’s mir’s nit verübeln, daß i no mit Ihnen reden möcht’.“
Die strengen Regeln des Klosters forderten es, daß nach der
Abendandacht nichts mehr gesprochen wurde. Nur im Falle dringender
Notwendigkeit war das Sprechen im leisen Flüstertone erlaubt.
Die Oberin hielt unnachsichtig an dieser Regel fest. Mit einem
verwunderten, etwas unwilligen Blick sah sie auf die Schwester.
„Ich muß heut’ no mit Ihnen reden!“ fuhr die Schwester Salesia fort.
„Es laßt mir koa Ruah nit. Ich hab’s schon immer tun wollen, aber ich
hab’ mir no nie recht getraut.“
Nun schaute die Oberin ehrlich erstaunt auf die Schwester.