„Und i? Mi fragst nit, Weib!“ sagte er mit einem bösen Ausdruck in
seinen stahlblauen Augen.
„Naa!“
Mit festem Blick maßen sich die beiden. Die ruhige, entschiedene Art
der Ennemoserin machte Eindruck auf den Karrner.
„Von mir aus kannst ihn haben, den Balg!“ stieß der Gaudenz nach einer
Weile grob heraus. „I bin froh, wenn i sie nimmer g’siech.“ -- -- --
So war denn die kleine Sophie mit der Ennemoserin gegangen. Ohne
Tränen, ohne Händedruck und ohne ein Abschiedswort war sie von den
Ihren geschieden.
Einen Abschied hatte sie allerdings genommen, und den vom Gaudenz.
Als ihr die Ennemoserin die Hand reichte und ihr beim Aufstehen half,
da begriff das Kind, daß es von nun an vor der brutalen Gewalt dieses
Mannes geschützt werden sollte. Und sie hatte eine so ehrliche und
herzliche Schadenfreude darüber, daß sie plötzlich ganz auf ihre
schmerzenden Glieder vergaß und zu dem finstern, großen Mann, den sie
so glühend haßte, wie sonst nichts in dieser Welt, hinlief und sich
tief vor ihm verbeugte. Voll Spott und Hohn.
Und dann, dann drehte sie ihm mit beiden Händen eine Nase. Streckte ihm
die Zunge heraus, so weit sie konnte, und rief triumphierend: „Etsch!
Etsch! Ausg’rutscht! Jatz hau mi, wenn du kannst!“ Darauf lief sie
flugs zum langen Schmied hin und versteckte sich hinter ihm.
Das war der Abschied der kleinen Sophie vom Karrnerlager. Sogar auf
den Tonl hatte sie vergessen und ihm kein gutes Wort mehr gesagt.
Sie fühlte sich jetzt, da sie zwischen dem langen Schmied und der
Ennemoserin gegen die Stadt zuging, trotz ihrer verprügelten Glieder
so unsagbar glücklich und so erlöst und froh und frei wie noch nie im
Leben.
[Illustration]
Zweites Kapitel.
Es war schon ziemlich dunkel geworden, als die Ennemoserin mit ihrem
Schützling aus der Stadt in der Richtung gegen die Innbrücke ging.
Die alte Frau wanderte mit rüstigen, weit ausholenden Schritten und
fast schweigend ihren Weg. Neben ihr trippelte die Sophie in ihren
Knabenkleidern und ohne Schutz gegen den Regen, den ihr der Wind in das
braune Gesichtchen und in die aufgelösten, durchnäßten Haare peitschte.
Das Kind merkte es kaum. Sie sah mit neugierigen, forschenden Augen auf
die Ennemoserin. Und dann wieder spähte sie lauernd umher. Besah sich
die kleinen, freundlichen Bauernhäuser von Kramsach und malte sich aus,
wie viel Schönes es wohl da drinnen zu ergattern gäbe, wenn sie dort
einmal bei Gelegenheit einen Besuch abstatten würde. Sie berechnete in
aller Geschwindigkeit, wo man in diesem oder in jenem Haus sich wohl
am geschicktesten einschleichen könnte. Ob vorne bei der Haustür oder
rückwärts über einen Gartenzaun, oder ob eine Kletterpartie durch eines
der kleinen, sauber geputzten Fenster sich vielleicht besser verlohnen
würde.
So wanderten die beiden, den Talkessel des langgestreckten Dorfes
Kramsach durchquerend, hinüber nach dem stillen, welteinsamen Mariathal.
In einer engen Schlucht hart an dem Bach steht die stattliche
Kirche mit dem Kloster und einigen Häusern. Brausend durchzieht die
Brandenberger Ache das Tal. Hoher Bergwald erhebt sich zur einen Seite
des Baches, während knapp hinter dem Gotteshaus ein dichter Buchenwald
sachte ansteigend sich viele Stunden den Berg entlang und bis tief
hinein ins Brandenbergertal erstreckt. Als ob hier die Welt ein Ende
hätte, so still und abgeschieden ist es. Eine eigene Welt, so recht ein
Ort für fromme Frauenherzen, die ihr Leben dem Herrn geweiht haben.
Ein kleines, altes Frauenkloster ist der Kirche angebaut. Von außen
sieht es grau und nüchtern und ein wenig baufällig aus. Der Friedhof
trennt es von der Kirche, und doch verbindet ein gedeckter Gang das
Gotteshaus mit dem Heim der frommen Frauen.
Nur wenige Bewohnerinnen beherbergt das Klösterlein. Einige Schwestern
und mehrere kleine Mädchen, die unter dem Schutz der Nonnen erzogen
werden sollen. Es wäre auch nicht Platz für viele in dem einstöckigen,
langgestreckten Gebäude, das seinen Eingang vom Friedhof aus hat. Gegen
den Friedhof führen auch die Fenster des Klosters.
Im Innern des Klosters sind niedere, gewölbte Gänge, alte knarrende
Holztreppen und Türen, ausgetretene Dielen, die bei jedem Schritte
ächzen und stöhnen, als seien sie es müde, die jahrhundertelange Bürde
der Menschen zu tragen. Die Bürde der Menschen, die mit leichten
Tritten auf weichen Sohlen fast unhörbar durch die niedern Gänge
wandeln oder mit sachten, schlürfenden Füßen müde und verdrossen und
doch gottergeben aus den dunkeln Winkelgängen kommen, die zu den
einzelnen Zellen führen, um hinüber in die Kirche zu gehen.
Die kleine Sophie sah verwundert zu der Ennemoserin auf, als diese
jetzt vor der Pforte haltmachte und mit raschem Griff an der Glocke
zog. Der Friedhof, das lange graue Haus mit den vergitterten Fenstern,
die in unmittelbarer Nähe emporragende stattliche Kirche, das alles
machte auf das Kind einen seltsamen Eindruck.
„Wohnst du da?“ fragte die Sophie die Ennemoserin.
„I nit, aber du darfst dableiben, wenn du brav bist!“
Einen Augenblick war es der Sophie, als ob sie ihre kleine Hand,
welche die Ennemoserin ergriffen hatte, gewaltsam losreißen müßte, um
davonzulaufen. Weit, weit fort von hier. Fort von dem garstigen Haus
und dem unheimlichen Friedhof mit den vielen Kreuzen. Aber da öffnete
sich schon von innen die Tür, und eine kleine, dicke Klosterschwester,
die ein Kerzenlicht in der fleischigen Hand hielt, erschien im
Türrahmen.
„Grüß Gott, Schwester Salesia!“ sagte die Ennemoserin mit ihrer lauten,
harten Stimme.
„Ja ... ja ... die Ennemoserin! Grüß Gott, Ennemoserin!“ machte die
Schwester. „Ja, was führt denn Ihnen zu uns? Noch so spät auf die
Nacht?“ fragte sie verwundert.
Die Schwester Salesia mochte ungefähr sechzig Jahre zählen. Sie hatte
ein gutmütiges, freundliches Gesicht und ein paar helle Augen, die so
sonnig und strahlend waren, als ob ihre Besitzerin immer beim Lachen
wäre. Das runde, rosige, fast faltenlose Gesicht bewirkte, daß sich
das Kind sofort zu der Klosterschwester hingezogen fühlte, trotz der
Ungewöhnlichkeit der Umgebung und trotz der eigenartigen Klostertracht.
„Um Unterkunft tät’ i halt recht schön bitten!“ sagte die Ennemoserin.
„Nit für mi, aber für das Kind da. Ihr sollt es behalten und einen
ordentlichen Menschen draus machen!“
Die Ennemoserin war jetzt mit dem Kind in die Halle des Klosters
eingetreten. Und die Schwester schob mit kräftiger Hand den Riegel vor
die Tür, daß es krachte.
Die kleine Sophie sah sich in dem niedern, gewölbten Raume um, der vom
Schein der Kerze und von einer brennenden Ampel matt erleuchtet war.
Eine Vorhalle war es in der Größe eines mittleren Zimmers. Links von
der Haustür führte eine breite, etwas steile Holztreppe nach dem obern
Stockwerk. Rechts davon zweigte ein langer, dunkler Gang ab. Dem
Kinde erschien dieser Gang besonders unheimlich. In seiner lebhaften
Phantasie kam es ihm vor, als führe dieser dunkle Gang in einen
entsetzlichen Kerker, wo undurchdringliche Finsternis herrschte.
Namenlose Angst überfiel das Kind. Vielleicht war es das erstemal im
Leben dieses halbwilden Mädels, daß sie es ernstlich mit der Angst
zu tun bekam. Mit großen, erschreckten Augen sah das Kind zu der
Klosterschwester auf, die in der einen Hand das Kerzenlicht hielt,
während sie ihr mit der andern freien Hand liebkosend die Wangen
streichelte.
„Also dableiben möchtest, Mädel?“ frug sie mit einer guten, leicht
asthmatischen Stimme. „Ja, sag’ amal, Mädel, wie heißt denn nur?“
„Sophie!“ erwiderte das Kind leise.
„Sophie! Ja, da hast freilich an schönen Namen!“ lobte die Schwester
und hüstelte etwas rauh und schwer. „Recht schön. Also Sophie ... Und
wie heißt denn nacher noch?“ fragte sie.
Das Kind sah trotzig zu der Klosterschwester auf. „Meine Mutter
schreibt sich Zöttl!“ sagte sie laut und mit einem Anflug ihrer
gewöhnlichen Frechheit.
„So, so ... mhm! mhm!“ Die Schwester bekam einen richtigen, etwas
länger dauernden Hustenanfall. „So, so ...“ machte sie dann
schwerfällig und führte die Ennemoserin und deren Schützling durch eine
Tür gegenüber der Eingangspforte in ein kleines Wartezimmer.
„Gehen’s einer da, Frau Ennemoser,“ forderte sie auf, „und tuan’s a
bissel Platz nehmen! I geh’ grad derweil die Schwester Oberin holen.
Es dauert nit lang. I renn’, so g’schwind i kann! Weißt, Sophie ...,“
sagte sie zu dem Kinde und machte ein Gesicht, als ob sie ihr etwas
ganz Besonderes mitzuteilen hätte ... „i bin nimmer so jung, wie du
bist. Es ist nimmer weit her mit meine Beiner. Und wenn wir zwei Fangen
spielen, dann g’winnst du! Glaubst das?“
Das Kind mußte unwillkürlich lachen. Die Schwester hatte so etwas
Lustiges: An die konnte man sich gleich gewöhnen.
„Wie heißt denn die?“ frug die Sophie die Ennemoserin, als die
Schwester fortgegangen war und die beiden Ankömmlinge in dem kleinen
Raum allein gelassen hatte.
„Das ist die Schwester Salesia!“ erklärte die Ennemoserin. „Sie ist a
guate Seel’, und prächtig zu brauchen im Kloster. Ist Pförtnerin und
Meßnerin und Gärtnerin. Hat no viel zu tuan für ihr Alter.“
Das Kind verstand wenig von den Ämtern der Schwester. Es interessierte
sie auch gar nicht weiter. Viel mehr bewunderte sie das Zimmer, in dem
sie sich gegenwärtig mit der Ennemoserin befand. Völlig wie in einer
Kirche sah es hier drinnen aus. Der Raum war durch eine große Ölampel
nur matt erleuchtet. Und dem Kinde war es, als läge ein feiner Duft von
Weihrauch in der Luft.
Es war nicht oft der Fall gewesen, daß die kleine Sophie eine Kirche
betreten hatte. Karrnerleut’ sind keine Kirchenbesucher. Und die Kinder
der fahrenden Leute jagt man davon, wenn man sie in Kirchen erwischt
... wegen der Opferstöcke. Denn es ist oft vorgekommen, daß sie für den
Inhalt derselben ein gar zu großes Interesse bezeigten.
Ein paarmal hatte die Neugierde das Karrnerkind doch in eine Kirche
getrieben. Ganz heimlich hatte sie sich hineingeschlichen. Sie wußte,
daß sie das eigentlich nicht durfte. Und sie wußte, daß Gaudenz Keil es
den Kindern streng untersagt hatte, in einer Kirche zu stehlen.
Es hatte ihr gut gefallen in den Kirchen, und sie wäre am liebsten
überall herumgegangen, um sich alles ganz genau zu besehen. Aber das
wagte sie doch nicht recht. Man hätte sie dabei erwischen können und
davonjagen oder gar einsperren. Wenn sie hundertmal nicht die Absicht
gehabt hätte, zu stehlen. Einem Karrnerkind glaubt man nicht. Das wußte
sie.
So besah sie sich denn die Kirchen von einem ganz verborgenen Winkel
in der Nähe des Eingangs, so daß sie zu jeder Zeit behende die Flucht
ergreifen konnte, falls man sie entdeckte.
Es gefiel ihr in den Kirchen. Der hohe, freie Raum, die großen farbigen
Fenster mit ihren Glasmalereien, die vielen Bilder und Statuen,
die glänzenden Leuchter, der Geruch der Blumen, des Weihrauchs und
der verlöschten Wachskerzen übten auf die Sinne des Kindes einen
ungewöhnlich feierlichen Eindruck aus.
Und feierlich wie in der Kirche erschien es dem Kinde auch hier in der
kleinen Wartestube des Klosters.
Die Ennemoserin hatte sich breit auf einen der hochlehnigen
Polsterstühle gesetzt. Aufrecht, steif und kerzengerade saß sie da, wie
eine hölzerne Statue. Die Sophie saß neben ihr, am Rande des Stuhles,
wie ein Vogel auf einem Sprießlein seines Käfigs.
Mit klugen Augen schaute das Kind neugierig umher. Die beiden sprachen
jetzt kein Wort mehr miteinander. Bis die Schwester Oberin kam in
Begleitung der Schwester Salesia. Die Pförtnerin hielt nun statt der
Kerze eine große Stehlampe in der Hand, die sie auf den ovalen Tisch in
der Mitte des Zimmers stellte.
Die Oberin war eine hohe, schlank gewachsene Frau. Nicht mehr ganz
jung. Aber mit einem gesunden, runden Bauerngesicht, eckigen Bewegungen
und mit Augen, die nicht recht zu ihrer sonstigen Erscheinung paßten.
Es waren helle, scharfe Augen. Augen, die einen klaren, wissenden Blick
hatten, energisch und selbstbewußt schauten, und dann wieder demütig
und unentschlossen. Die Schwester Oberin hielt ihre Augen meistens
gesenkt und hatte die Hände wie zum Gebet fromm ineinander gefaltet,
als befände sie sich im steten Zwiegespräch mit ihrem Gott.
Die Ennemoserin erhob sich, als die Oberin eintrat, und hieß auch das
Kind aufstehen.
„Gelobt sei Jesus Christus!“ grüßte die Oberin mit leiser, sanfter
Stimme, die in einem seltsamen Gegensatz zu ihrer derben Erscheinung
war. Dann gab sie der Ennemoserin die Hand und bat sie, Platz zu
nehmen. Die Sophie setzte sich ungebeten. Baumelte mit den Füßen und
besah sich jetzt im hellen Lampenschein ihre Umgebung.
Freundlich und sauber schaute es in dem Wartezimmer aus. Für Sophies
Geschmack zu sauber. Denn hier drinnen war alles hell und weiß.
Weiß die Vorhänge an den beiden Fenstern und weiß die Überzüge der
Polsterstühle. Weiß die gehäkelte Decke, die auf dem ovalen Tisch lag.
Und weiß die kleinen Schutzdeckchen, die an die Lehnen des grünen Sofas
geheftet waren. Auch die Hauben der beiden Klosterfrauen waren weiß.
Es war das erstemal in ihrem Leben, daß die Sophie eine Klosterfrau
in unmittelbarer Nähe betrachten konnte. Ab und zu hatte sie ja auf
ihren Streifwegen eine solche begegnet. Sie war ihr aber immer in
weitem Bogen ausgewichen. Die großen weißen Hauben mit den dreieckigen
Flügeln kamen ihr so unsagbar häßlich vor, daß sie dieselben gar nicht
näher anschauen mochte. Noch eine Art Nonnen kannte das Kind. Das
waren solche mit langen schwarzen Tüchern, die ihnen nach rückwärts
vom Kopfe hingen, während das Gesicht nur durch ein weißes Stirnband
abgeschlossen wurde. Diese gefielen ihr schon weit besser. Allerdings
hatte sie auch vor ihnen eine eigene Scheu und wich ihnen aus, wo sie
nur konnte.
Mit einer Nonne gesprochen hatte die Sophie noch nie im Leben. Und
jetzt hatte sie mit einem Male sogar zwei Klosterschwestern in ihrer
nächsten Nähe. Und noch dazu solche mit garstigen weißen Hauben, die
sie gar nicht leiden mochte.
Das Kind lehnte sich bequem in dem Sessel zurück, legte das dunkle
Köpfchen mit den beiden nassen Zöpfen auf die linke Seite, hielt sich
mit den Händen an ihrem Sitz fest, als wäre sie zu Pferd, und baumelte
unruhig mit den Füßen hin und her.
Die Schwester Salesia machte sich an der großen Ölampel zu tun. Goß aus
einer Kanne, die in einem Winkel des Zimmers verborgen stand, Öl nach
und putzte das Licht zurecht.
Das Kind besah sich die Schwester ganz genau, und sie gefiel ihr immer
besser. Trotz der garstigen Haube und dem häßlichen Gewand. Denn das
Kleid der Schwester mißfiel dem Kind gleichfalls. Es war dunkel und
unförmig. Ein faltiger, weiter Rock und eine dunkle, ebenso weite
Schürze. Eine Bluse von derselben Farbe, von der man jedoch mit
Ausnahme der weiten Ärmel gar nichts sehen konnte, da ein breiter,
steif gestärkter Kragen sie zur größeren Hälfte verdeckte. Um die Mitte
hatten die Klosterschwestern einen weißen, dünnen Strick geschlungen,
der seitwärts in einem Knoten neben einem großen Rosenkranz mit Kreuz
herunterhing.
Die Oberin unterhielt sich mit der Ennemoserin im gedämpften Ton so
leise, als fürchteten die Frauen, durch den Laut ihrer Stimmen die
heilige Ruhe des Klosters zu stören.
Die Ampel, an der die Schwester Salesia sich zu schaffen machte, hing
vor einer lebensgroßen Christusstatue, die das heilige Herz Jesu
purpurrot leuchtend und mit einem goldenen Strahlenkranz umgeben als
Sinnbild der unendlichen Liebe des Heilands auf der Brust trug.
Das Kind hatte noch wenig von Gott gehört und wußte auch nicht, was
die fromme Statue darstellen sollte. Aber sie ahnte, daß es Gott sein
sollte, und war so vertieft in ihre Betrachtung, daß sie gar nicht
darauf merkte, was die beiden Frauen an ihrer Seite verhandelten.
Es war ihr jetzt auch gleichgiltig; denn je mehr sie sich hier umsah,
desto besser gefiel es ihr. Und als die Schwester Oberin sich erhob,
sie bei der Hand nahm und ihr erklärte, sie dürfe von jetzt an hier
bleiben und das Kloster solle nun ihre Heimat sein, war sie ganz damit
einverstanden.
Das beklemmende Gefühl, das sie anfangs beim Betreten des Klosters
ergriffen hatte, war geschwunden, und willig folgte sie den beiden
Klosterfrauen in das Innere des Hauses, nachdem sie sich von der
Ennemoserin mit kurzem Gruß verabschiedet hatte.
Es war jetzt schon spät an der Zeit. Die Zöglinge des Klosters gingen
gerade von einer Schwester geführt durch den gedeckten Gang zur Kirche
hinüber. Alle in gleichen, einförmigen, grauen Kleidern, mit runden,
schwarzen Kragen und ohne Hüte. Sie verbeugten sich tief vor der Oberin
und warfen neugierige Blicke auf das Kind. Dann gingen sie schweigend
in Reih’ und Glied der Kirche zu. -- -- --
Es war ein eigentümliches Gefühl, mit dem die kleine Sophie abends
in ihrem sauberen, weiß bezogenen Bette lag. In einem großen,
langen Saal war es. Bett an Bett, nur durch kleine Zwischenräume
voneinander getrennt, standen die Lagerstätten der Kinder in zwei
Reihen nebeneinander. Ungefähr zwölf Betten mochten es sein. Und am
Ende des Saales hatte ein Bett Platz gefunden, das zu beiden Seiten
mit Vorhängen verhüllt war. Dort schlief eine der Schwestern, der die
Aufsicht über die Zöglinge anvertraut war.
Lange konnte die Sophie kein Auge schließen. Es war ihr alles so
ungewohnt und fremd. Bisher hatte sie ihr Lager auf einem elenden
Lumpenhaufen gehabt in dem fahrenden Haus des Karrners. Hatte sich mit
den Geschwistern Tag für Tag gerauft und gebalgt um eine Decke oder ein
Kissen.
Ein Höllenspektakel war das an jedem Abend gewesen. Ein Geschrei und
Geheul und Gezeter, bis der Vater mit dem Stock und mit wilden Flüchen
zwischen die kleinen Raufbolde dreinfuhr. Dann duckten sie sich und
gaben Ruhe. Dumpf war es in dem kleinen Schlafabteil des Wagens.
Eng und dumpf. Aber die Sophie schlief vortrefflich und vollständig
traumlos bis zum Morgen, wo neuer Höllenlärm sie weckte.
Wie ganz anders war es heute in dem freundlichen und sauberen
Schlafsaal des Klosters. Tiefer Friede und heilige Ruhe. Nichts regte
sich.
Etwas wie abergläubische Furcht überkam das Kind. Sie setzte sich in
ihrem Bette auf und sah hinüber zu dem großen Madonnenbild, vor dem
ein schwaches rotes Licht brannte. Und wieder schaute sie auf die
schlafenden Mädchen an ihrer Seite, die ruhig und gleichmäßig atmend
dalagen und auf ihren weißen Kissen aussahen wie Engelsköpfe auf
kleinen weißen Wolken.
Langsam und in dumpfen Schlägen schlug die Uhr von dem Turme zu
Mariathal die zehnte Stunde.
Mit leisen, unhörbaren Schritten kam eine junge Klosterschwester, ging
von Bett zu Bett und blieb dann vor der kleinen Sophie stehen.
„Kannst nit schlafen, Kind?“ frug sie flüsternd.
„Naa!“
„Fehlt dir was?“
„Naa!“
„Hast Heimweh?“ frug die Schwester weich und beugte sich über das Kind.
„Ja!“ sagte die Sophie heiser, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Heimweh ... und bist ein Karrnerkind?“ frug die Schwester verwundert.
Dann aber erinnerte sie sich daran, einmal gehört zu haben, daß gerade
diese Menschen eine brennende Sehnsucht nach der weiten Welt hätten,
die ihnen Glück und Heimat war.
„Armes Kind!“ sagte die Schwester voll inniger Teilnahme, setzte sich
an den Bettrand und ergriff die kleinen braunen Hände der Sophie.
„Armes Kind! ’s wird schon wieder besser!“ tröstete sie. „Mußt halt
beten. Kannst beten?“
„Naa!“
„Nit?“ Die Schwester ließ ganz erschrocken die Hände des Kindes fahren.
„Nit beten, nit einmal das Vaterunser?“
„Naa!“
„Und das Ave Maria?“
„Naa!“ Das Kind sagte es zögernd. Es hatte ein unbestimmtes Gefühl,
daß sie etwas nicht kannte, was sie wissen sollte. Und sie fühlte, daß
dieser Mangel ein großer sein mußte, weil die Schwester so erschreckt
tat.
„Soll ich’s dich lehren, das Vaterunser?“ frug die Schwester.
„Ja!“
Da erhob sich die junge Klosterschwester, faltete die Hände des
Karrnerkindes und machte ihm das Zeichen des Kreuzes auf die Stirne.
Und dann betete sie mit ihm, jedes Wort betonend, halblaut das
Vaterunser im Schweigen der Nacht, in dem stillen Saale, während die
andern Kinder ringsumher ruhig unter ihrer Obhut schliefen. Betete mit
dem halbwilden braunen Mädel, das in dem Frieden des Klosters seine
Zuflucht gefunden hatte, das Vaterunser von der ersten bis zur letzten
Bitte.
Und die Sophie sprach Wort für Wort nach, bis im gedämpften Flüsterton
die letzten Bitten des heiligsten Gebetes der Christenheit von
ihren jungen Lippen durch den nachtstillen Saal gingen. Neben dem
ruhigen Atmen der schlafenden Kinder und gemeinsam mit der leisen,
weichen Stimme der jungen Klosterschwester ... „Und vergib uns unsere
Schuld, als auch wir vergeben unsern Schuldigern. Führe uns nicht in
Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. Amen.“
[Illustration]
Drittes Kapitel.
Sophie Zöttl, das Karrnerkind, befand sich nun schon seit Monaten in
dem Kloster zu Mariathal.
Den endlos langen Wintertagen folgten die ersten Stürme des Frühlings.
Lauer Regen weckte die schlafenden Triebe in der Natur. Unter der
dichten Schneedecke, die allmählich zu schmelzen begann und ihr
schönes, blendendes Weiß in ein schmutziges Gelb verwandelte, stahl
sich aus der feuchten braunen Erde schüchtern saftiges junges Grün
hervor. Die ersten Schneeglöckchen hoben ihre zarten Kelche, und in den
Zweigen der Bäume zwitscherten die Vögel ihr lustiges, sehnsuchtsvolles
Lied durch die aus der Winterstarre erwachte Welt.
Es kamen herrliche, sonnenhelle Tage. Tage von berückender Schönheit,
mit einem tiefblauen Himmel und fast sommerlicher Wärme. Langsam
schüttelten die Bäume des Tales ihren Winterschmuck von Wipfeln und
Ästen, so daß sie sich dunkel und ernst von ihren höher gelegenen und
noch immer schneeumhüllten Kameraden abhoben. Heiter und weiß grüßte
von jenseits des Tales die scharfe Kante der Gratlspitz herüber nach
Mariathal.
Die Zöglinge des Klosters durften sich jetzt viel im Freien aufhalten.
Aus den Mauern ihres stillen Heims wanderten sie hinaus und ergötzten
sich durch fröhliche Spiele im Garten und auf weiten Spaziergängen über
die Felder von Kramsach und dessen Umgebung.
In schlichten Reihen, immer zwei und zwei, gingen die Mädchen in ihren
schwarzen, halblangen Institutskleidern und mit den häßlichen runden
Hüten, deren weiße Bänder im Winde flatterten. Mit frohen Gesichtern
und munter plaudernd.
Niemand hätte die kleine Sophie wiedererkannt, das ausgelassene,
wilde Karrnerkind, wie es jetzt an der Seite der Klosterschwester
einherschritt in reinlichen Kleidern, mit sauber gekämmten Haaren, das
lustige braune Gesichtel in ernsthafte Falten gelegt und die muntern
dunkeln Augen sorgsam zu Boden gesenkt.
Gerade diese gezwungene Haltung des Kopfes und dieses gewaltsame
Eindämmen ihres sonst so lebhaften Mienenspiels waren die
auffallendsten Veränderungen an dem Kinde. Aber darauf hatte die kleine
Sophie jetzt stets zu achten auf Geheiß der Oberin. Sie durfte nicht
mehr neugierig umher schauen, weil sie sonst auf sündhafte Gedanken und
Begierden kommen konnte.
Noch mitten im Winter war’s, als sie mit den andern Kindern
heimgekommen war von längeren Spazierwegen, frisch und rosig gefärbt
von der scharfen Winterluft und mit lachenden, glücklichen Augen. Die
Schwestern hatten ihre Freude daran, besonders die Schwester Salesia.
Die konnte sich stets herzhaft freuen mit dem jungen Volk und konnte
fast noch übermütiger lachen als die kleinen Mädeln selber.
Die alte Pförtnerin war daher der besondere Liebling der Mädchen. Wenn
sie von ihren Ausgängen heimkehrten und die Schwester Salesia ihnen die
Pforte des Klosters öffnete, dann umringten sie sie stürmisch, redeten
auf sie ein und erzählten, was sie da draußen gesehen und erlebt
hatten. Und alle auf einmal wollten sie reden, und jedes hatte es noch
wichtiger als das andere. Beruhigend mußte da die Schwester auf die
junge Schar einwirken und sie gar oftmals auch mit einem derben Wort
zurechtweisen, wenn die Mädchen allzu ausgelassen wurden.