Die Sophie sah die Enttäuschung des kleinen Bruders. Wie ein

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1917 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr

verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;

fremdsprachliche Ausdrücke und Dialoge in Tiroler Mundart wurden

nicht korrigiert.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen in gesperrter

Schrift werden hier mit +Pluszeichen+ hervorgehoben.

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Die Stadt am Inn

Roman

von

Rudolf Greinz

Zweiundzwanzigstes bis sechsundzwanzigstes Tausend

[Illustration]

Leipzig

Verlag von L. Staackmann

Alle Rechte, besonders das der Übersetzung,

vorbehalten.

Für Amerika: Copyright 1917 by L. Staackmann, Leipzig.

Altenburg

Pierersche Hofbuchdruckerei

Stephan Geibel & Co.

Erstes Kapitel.

Schwere weißgraue Nebelwolken lagerten über dem Tal, hüllten die Berge

ein in ihre dichten Schleier und drückten lastend auf das kleine

romantische alte Städtchen im Unterinntal. Zu Füßen eines steilen

Berges, eingeengt zwischen diesem und dem Flusse, liegt der alte Rest

einer stolzen Vergangenheit. Düster selbst an sonnenhellen Tagen.

Doppelt öde und bedrückend schwer an endlos langen Regentagen wie in

letzter Zeit.

Nichts rührte sich da in der alten Stadt. Kaum ein vereinzelter

Fußgänger war zu sehen in den engen Gassen oder auf der breiteren

Landstraße, die als Hauptstraße das Städtchen von West nach Ost

durchzieht. Nicht ganz fünf Minuten erstreckt sie sich zwischen den

altersgrauen Häusern, dann mündet sie in den Hauptplatz ein und führt

durch ein altes Tor wieder zur Stadt hinaus, hinunter ins Unterland.

Unaufhörlich fällt der Regen in schweren Tropfen vom grauen

Spätherbsthimmel. Das eintönige Geräusch der Regentropfen wirkt traurig

und melancholisch. Unlustig und kalt ist’s in den Gassen, trotz des

lauen Windes, der vom Oberland kommend jäh in die dichten Wolken fährt,

sie zerreißend und in zerstreuten Fetzen durch das Tal hetzend.

Wie eine wilde Jagd sieht sich’s an. Kleine weiße Schleiergebilde und

wieder dunkle schwere Wolkenballen, die sich abermals bleiern auf das

Tal herniederwälzen. Und neuerdings umzieht sich der Himmel mit noch

schwärzeren Wolken. Langsam und schwer senken sich die Nebelmassen

tiefer und immer tiefer ins Tal und lösen sich dann in dünnen grauen

Regenschleiern.

So ist es nun schon seit Tagen. Endlos traurige Tage sind es. Wie

ausgestorben liegt die kleine Stadt da. Nur ab und zu wagen sich ein

paar lose Buben ins Freie und versuchen ihr Spiel im Schmutz und

in den Pfützen, die sich überall angesammelt haben. Öfters steuert

auch ein einsamer Bürger im gemächlichen Schritt, wohl beschirmt und

vermummt gegen Wind und Wetter der Innbrücke zu und sieht mißtrauisch

auf das unruhige Wasser.

Ein dumpfer Geruch von mitgeführten Erdmassen steigt aus den braunen

Fluten des Flusses. Lange wird’s nicht mehr dauern, und Rattenberg kann

in ein Klein-Venedig verwandelt werden, wie das bei Überschwemmungen

des Inn schon häufig der Fall war.

Völlig eingezwängt zwischen dem steil ansteigenden Schloßberg mit

seiner verfallenen Ruine und dem breiten Flußbett des Inns ist das

altertümliche Rattenberg. Zu dem breiten Hauptplatz streben die engen

Gassen mit ihren hohen Häusern, die an der Bergseite vielfach ganz

knapp an dem Felsen des Schloßberges liegen, auf der Wasserseite nur

durch einen Weg vom Inn getrennt sind.

Alte gewölbte Hausflure und enge krachende Stiegen finden sich in

diesen Häusern, die auf Jahrhunderte zurückschauen und noch lebhafte

Zeiten gesehen haben, da Rattenberg eine mittelalterliche Handelsstadt

war, wo die Warenfrachten nach dem Süden durchgingen und vom Süden

herauf. Auf diese Zeit schreiben sich auch noch die vielen Wirtshäuser

des alten Städtchens zurück, die heute ein beschauliches Dasein

zwischen den Bürgerhäusern führen.

Die Sonne scheint spärlich in die kühlen Gassen von Rattenberg, das im

Schatten des felsigen Schloßberges liegt. Im Winter verschluckt der

Berg für geraume Zeit ganz und gar das Sonnenlicht und verwehrt ihm den

Zutritt in die alte Stadt.

Dumpf und feucht riecht es in den Häusern. Das Grundwasser des Inns

steigt in die Keller und von dort in die Mauern. Auf der Bergseite

nehmen sich die engen Höfe der Häuser, die sich zwischen die

Rückenmauern und den Felsen des Schloßberges drängen, manchmal fast

aus wie düstere Felsenschlünde.

Alte, längst vergangene Zeit träumt in diesen Mauern, Gewölben und

Stuben. Sie liegt auf den Dächern und Zinnen, spinnt ihre Erinnerungen

um die ausladenden Erker der Häuser, hockt unter den Toren und

schleicht über Stiegen und Gänge.

Lang erstreckt sich am Inn das stattliche Kloster der Serviten, und die

Kuppeltürme der Klosterkirche bilden ein weithin sichtbares Wahrzeichen

von Rattenberg. Auf einem Felsen erhöht thront die Pfarrkirche mit

uralten Gräbern in ihrem Schutz.

Drüben aber am andern Ufer des Inn breitet sich das Tal aus, freundlich

und sonnenhell. Weit verstreut erstrecken sich die Häuser von Kramsach

durch Wiesen und Obstanger. Stattliche Höfe und wiederum kleine

Bauernhäuser mit ihrem traulichen Holzbau auf dem weißen Mauergrund des

Erdgeschosses.

Über Hügel sacht ansteigender Wald führt zu den drei Reinthalerseen ...

träumerischen Augen der Bergwelt im Schweigen der Waldeinsamkeit.

Felsige Anstiege recken sich zum mächtigen Sonnwendjoch. Zu seinen

Füßen breitet sich dichter Nadelwald mit dem Einschnitt des

Brandenberger Tales. Wo sich dieses Bergtal öffnet und das schmale

steinige Bauernstraßel in die Höhe führt, da liegt wie ein stiller Gruß

romantischer Weltabgeschiedenheit das alte Frauenklösterlein Mariathal

mit seiner stattlichen Kirche und den paar Häusern der kleinen Gemeinde.

Wald und Berg, Wiesengrund und fruchtbares Ackerland. Ein liebes

lachendes Land das Unterinntal, in dessen Mitte als ein altes,

unberührtes Juwel das schattige Nest Rattenberg gebettet ist. Ein

verblichenes Schmuckstück in längst verschollener Fassung ... auf

dem grünen Samtgrund des breiten Tales ... selbst grau, dämmernd,

verwittert ...

Und drunten, weiter drunten im Unterland, da schließt das herrliche

Panorama des Kaisergebirges die Talsicht ...

Vom Turm der Rattenberger Pfarrkirche tönt jede Viertelstunde der

dumpfe Schlag der Glocke. Und manchmal hört man gedämpft das Rollen

der Eisenbahn, die außerhalb der Stadt, knapp an der erhöht stehenden

Kirche vorbei in einem Tunnel den Schloßberg durchquert.

Die Zeit der Maschinen und des Weltverkehrs stampft, saust und rattert

durch den Leib des Berges, auf dem die alte Schloßruine träumt. Von

vergangenen Jahrhunderten träumt, als da droben Wilhelm Biener, der

Kanzler von Tirol, ein Opfer welscher Tücke und welscher Ränke, sein

blutiges Ende fand. Ein edles Haupt fiel durch das Beil des Henkers, wo

heute karge, rissige, von Wind und Wetter zerklüftete Mauertrümmer in

den Himmel ragen.

Nach den endlos grauen Regentagen war heute zur Mittagsstunde Leben in

die stille Stadt gekommen. Ein Wagen fahrender Leute, von einem Pferd

gezogen und geführt von einem großen, finster dreinschauenden Mann,

war langsam durch die Hauptstraße gefahren und zum Stadttor hinaus

gewandert. Mit Peitschenknallen und Hüh und Hott hatte der Mann sich

bemerkbar gemacht. Neugierig schauten die Leute zu Türen und Fenstern

heraus, und die Gassenbuben liefen ihm nach und begleiteten ihn mit

Gejohl trotz des Regengusses bis vor das Stadttor hinaus.

Dort lagerten nun die fahrenden Leute. Die Straßenjugend von Rattenberg

wich nicht von ihnen. Eine solche Begebenheit war selten und mußte

ausgekostet werden. Da spürten die Buben keine Nässe und auch keinen

Hunger. Nur ab und zu lief so ein kleiner Bengel als Berichterstatter

hinein ins Städtchen und erzählte atemlos von dem Tun und Treiben der

Karrner.

Aber auch für die Erwachsenen, für die ehrsamen Bewohner und Bürger der

kleinen Stadt bildete das Eintreffen der fahrenden Leute ein Ereignis,

nur daß sie die naive Freude über die erwünschte Abwechslung nicht so

unverhohlen zum Ausdruck brachten, wie die liebe Jugend dies tat. Man

war jedoch froh, freute sich innig und kindlich über die Sensation des

Tages und hoffte nur sehnlich, daß der Himmel ein Einsehen haben und

daß der Regen bis zum Abend aufhören möchte.

Der Himmel hatte kein Einsehen. Es regnete und regnete in einem fort,

und der Inn draußen vor der Stadt stieg zu einer immer bedenklicheren

Höhe an.

Trotz der Unbill des Wetters durchzogen die fahrenden Leute in später

Nachmittagstunde mit lautem Trommelgewirbel die Stadt. Voran der

große, finstere Mann, ein Hüne von Gestalt, hellblond, mit gelblich

braunem Gesicht und harten, stahlblauen Augen. Tiefe Furchen waren in

dem wetterfesten, knochigen Antlitz eingegraben. Ein dichter, rötlich

blonder Schnurrbart fiel über die dicken aufgeworfenen Lippen. Ein

dunkler, abgetragener Filzhut saß ihm tief in der Stirne, und sein

langer Wettermantel verlieh ihm ein noch unheimlicheres Aussehen.

Mit aller Kraft und mit einer Art verbissenen Ingrimms schlug der Mann

die Trommel. Hinter ihm führte ein schwarzes, schlankes Mädel, als

Knabe gekleidet, das mit bunten Bändern geschmückte kleine Pferd, auf

dem ein allerliebstes, blondes Büblein saß. Weißblond waren die Haare

und fein und zart die Glieder des ungefähr fünfjährigen Kindes.

Der kleine Kerl war in blasse, rosafarbene Trikots gesteckt, mit bloßen

Füßen und ohne jeden Schutz gegen den Regen. So saß das hellblonde

Bübel auf dem braunen Bosniakenrößlein und verteilte große, bunte

Zettel unter die Straßenjugend, die von allen Seiten herbeiströmte und

mit bewundernden Blicken nach dem kleinen Reitersmann schaute.

Das Bübel schien sich trotz der allgemeinen Bewunderung nicht sehr wohl

auf seinem erhöhten Sitz zu fühlen. Das von der Sonne leicht gebräunte

Gesichtel war blaurot vor Kälte, und der kleine Mund verzog sich

krampfhaft und unterdrückte nur mühsam das Weinen. Die hellblauen Augen

schauten verzagt und wie um Hilfe flehend auf das braune Mädel, das das

Pferd sorgsam am Zügel führte.

Das Mädel nickte dem blonden Brüderchen aufmunternd zu, und manchmal

blieb es etwas zurück und streichelte ganz verstohlen die nackten

Beinchen des Buben.

„Sei nur stad, Tonl!“ flüsterte sie dann. „’s dauert nimmer lang,

nacher kommst hoam zur Muatter!“ Dann war das flinke Ding wieder mit

einem Sprung vorne beim Pferd und führte es am Zügel.

Das junge Gassenvolk hatte seine helle Freude an den fremdartigen

Kollegen. Ein Mädel in Bubenkleidern war nichts Alltägliches in

Rattenberg.

Einige unter den Buben, die ganz frechen, versuchten eine Annäherung

und zogen das Mädel erst schüchtern und dann immer dreister an einem

der kurzen, dicken Zöpfe oder zwickten sie derb in die Waden.

Da kamen sie aber schlecht an. Das Mädel verstand sich zu wehren. Wie

eine junge Wildkatze war sie, kratzte und zwickte und stieß um sich mit

einer Fertigkeit, wie es kaum die geübtesten Raufer unter den Buben

hätten besser machen können. Wär’ auch kein echtes Karrnerkind gewesen,

wenn es sich von den paar Lausbuben hätte unterkriegen lassen.

Das mochte der finstere Mann, der vorausging und unbekümmert seine

Trommel schlug, wohl auch denken. Es entging ihm nicht, wie die

Buben immer dreister hinter dem Mädel drein waren, aber er kümmerte

sich nicht darum; tat, als bemerke er es nicht, und hieb nur um so

energischer auf seine Trommel ein.

Heida, war das ein lustig Völkel, wie es trotz des strömenden Regens

durch die alte Stadt zog. Das Mädel lachte schadenfroh und fletschte

dabei die Zähne gleich einem jungen Raubtier, und die schwarzen Augen

funkelten nur so in dem braunen Gesicht.

Am Stadtplatz, dort wo sich der schöne Blick in die Hauptstraße bot mit

ihren alten Häusern und Erkern und mit den alten, kunstvollen Schildern

aus Schmiedeisen, machte der muntere Zug halt. Der Mann mit der

Trommel schlug noch ein paar extra kräftige Wirbel und fing dann mit

lauter Stimme an, seine Einladung für die heutige Abendschaustellung

vorzubringen.

Hier am Hauptplatz sollte die Vorstellung stattfinden. Seilkünstler

und jugendliche Akrobaten würden ihre Künste sehen lassen. Der kleine

Reitersmann schlug schon jetzt einen Purzelbaum über den andern auf dem

Rücken des Pferdes, um eine Probe seiner Kunstfertigkeit zum besten zu

geben. Das wirkte derart aufreizend auf einzelne der Buben, daß sie

trotz Regen, Schmutz und Pfützen den fremden Künstlern gleichfalls

mehrere Purzelbäume vorführten.

Vor dem Stadttor lagerten die Karrner. Dort stand das fahrende Heim,

auf welches das braune Mädel sein frierendes Brüderlein vertröstet

hatte. Ein grüner, schon recht baufälliger Wagen. Kleine Fenster

mit roten Vorhängen waren an dem alten Rumpelkasten angebracht. Ein

rauchender Kamin von Eisenblech reckte sich aus der Dachlucke. Zu der

schlecht schließenden Tür des Wagens führte eine kleine wacklige Leiter

empor.

Dies war das Heim der fahrenden Künstler und bot ihnen Schutz gegen

Sturm und Regen. Gesundes Blut gedeiht überall, wächst auf wie Unkraut

und vermehrt sich gleich ihm. Kümmert sich nicht um Lebensbehagen und

um die einfachsten Satzungen der Hygiene. Krankheit ist ein unbekanntes

Ding unter den Karrnern.

Erstaunlich viele Menschen birgt so ein fahrendes Heim. Schier stolpern

sie einander über die Füße. Die Inneneinrichtung des Wanderkastens

war höchst einfach. Ein Tisch, ein altes abgebrauchtes Ledersofa und

mehrere Holzstühle und Rohrsessel, die schon halb zerbrochen waren.

Knapp neben einem Fenster stand ein kleiner eiserner Herd. Der Rauch

mußte nur schlechten Abzug durch den Kamin finden, denn der enge Raum

war eingehüllt von beißenden Schwaden.

Anschließend an dieses Gemach befand sich durch eine Tür getrennt

noch ein Abteil. Da drinnen war es ganz dunkel. Es war eigentlich die

Theatergarderobe der fahrenden Leute. Der enge Raum war zum größten

Teil angefüllt mit Schachteln, Lumpen und alten Kleidern. Ein breites,

unordentlich gemachtes Bett stand an der Längsseite der Wand. Zu dessen

Füßen erstreckte sich auf dem Boden ein Strohsack mit einem Polster und

einer alten Pferdedecke. Darauf balgten sich ein paar größere Kinder,

zankten und schlugen sich und verursachten einen Heidenlärm.

Draußen im Wohnraum beim Herd stand die Mutter der Kinder, eine große,

schwarze Frau, derb und üppig, in nachlässiger Haltung, mit schlampig

gekämmtem Haar und in schmutzigen, herabhängenden Kleidern. Auf dem

linken Arm hielt sie einen Säugling, der sich an ihrer Brust festsog.

Mit der freien rechten Hand rührte sie in einer Pfanne Milch und Mehl

zu einem Mus für das Abendessen. An ihrem Rock hielten sich ein paar

kleine Kinder fest und zerrten an ihr, daß sie ihr den schmutzigen

Kittel halb vom Leib rissen.

Ein anderes kleines Kind, das noch nicht gehen konnte und mit einem

farbigen Hemdchen nur notdürftig bekleidet war, saß gravitätisch auf

dem Sofa und schlug mit einem Kochlöffel um sich, unaufhörlich und

nach allem, was ihm in die Nähe kam. Und es kam immer etwas in die

Nähe. Eines der kleinen oder der größeren Kinder. Unbarmherzig hieb der

kleine Wicht am Sofa auf die Köpfe seiner Geschwister. Die brüllten

dann jedesmal aus Leibeskräften, liefen zur Mutter und wischten sich an

deren Rockfalten die Tränen ab oder die schmutzigen kleinen Nasen.

Die Frau am Herd ließ sich durch keinen Lärm aus ihrer Ruhe bringen.

Sie kochte unbeirrt weiter und preßte den Säugling mit dem linken Arm

fest an ihre Brust.

Ein struppiger, häßlicher Köter umsprang mit lautem Gebell die

kleinen, weißblonden Kinder, hüpfte an ihnen empor und drängte sich

wedelnd und mit der Zunge leckend zwischen sie. An einem der rot

verhangenen Fenster baumelte in einem winzigen Vogelkäfig ein einsamer

Kreuzschnabel und zirpte seinen sehnsüchtig wehmutsvollen Sang.

Die Karrnerin stand mit einer Art stolzer und hoheitsvoller Genugtuung

vor dem Herd. Wie eine Königin in ihrem Reich, so kam sie sich inmitten

ihrer Kinderschar vor.

Es war aber auch eine ganz besondere Stellung, die sie unter ihren

Standesgenossen einnahm. Einen Wagen, einen richtigen, echten Wagen als

Wohnstätte und ein lebendes Pferd hatte sie. Zu solchem Besitz brachten

es nur wenige unter den Karrnern. Es war auch gar nicht so lange her,

seit sie zu diesem Wohlstand gekommen waren. Früher zogen sie herum

wie die andern fahrenden Leute. Da besaßen sie nur einen Handkarren,

der mit einem großen Segeltuch überspannt war und drunter die wenigen

Habseligkeiten der Familie barg.

Den Karren zogen sie gemeinsam, sie und ihr Gaudenz, den sie ihren

Gatten nannte, obwohl weder Kirche noch Staat diesen Bund besiegelt

hatten. Aber bei den Karrnern nimmt man das nicht so genau. Das sind

freie, ungebundene Menschen, sind Menschen ohne den Zwang strenger

Sitten.

Die führen ihr ungebundenes Leben von Jugend an. Und wenn sich Männlein

und Weiblein gefunden haben, so ziehen sie zusammen ihren wilden

Ehestandskarren, ohne Pfarrer und Gemeinde erst lange um Erlaubnis

zu fragen. Und trotzdem halten sie fest aneinander. Ohne Schwur und

Gelübde nehmen sie es mit der Treue genauer, als viele in strenger

Sitte und Zucht auferzogene Kulturmenschen.

Gemeinsam getragene Not ist ein fester Kitt. Und es ist ein hartes

Leben, das diese Tiroler Zigeuner führen. Von Ort zu Ort ziehen sie.

Durch das ganze Land wandern sie und noch weit über die Grenzen hinaus

in fremde, unbekannte Gegenden.

Überall sind sie geächtet und überall gemieden. Aber sie ertragen

alles, Not und Hunger, Frost und Regen, Sonnenglut und Straßenstaub,

Schande und Verachtung. Ihr Freiheitstrieb ist so groß und unbändig,

daß sie lieber in Gottes freier Natur elend zugrunde gehen, als daß sie

sich den Gesetzen einer geordneten Lebensweise unterwerfen würden.

In Gottes freier Natur, ohne Hausdach, ohne Hilfe und Beistand

bringt die Karrnerin ihre Kinder zur Welt. Es müssen kerngesunde,

lebenskräftige Kinder sein. Wer nicht ganz fest ist, geht zugrunde. In

Wind und Wetter, Schnee und Regen und im glühenden Sonnenbrand, ohne

Furcht, in Freiheit und Ungebundenheit, so wächst das Karrnerkind auf.

Von der Hand in den Mund lebt die ganze Familie. Kann der Vater keinen

Verdienst finden, so ziehen die Kinder zum Betteln aus, und wenn’s

nicht anders geht, auch zum Stehlen. Sie lernen wenig Gutes von den

Menschen. Überall werden ihnen die Türen vor der Nase zugeschlagen,

oder man wirft ihnen Gaben hin wie jungen Hunden. Und gierig wie junge

Hunde schnappen sie darnach. Denn immer sind sie hungrig, und die

kleinen Mägen knurren ihnen oft unbarmherzig.

Seit Gaudenz Keil, der Karrner aber den genialen Einfall hatte, sich

ein Pferd und einen Wagen zu erstehen und seine Kinder zu Akrobaten

heranzubilden, seit jener Zeit ging es ihm und seiner Familie viel

besser. Woher der Gaudenz das Geld auftrieb zum Kauf, wußte niemand.

Das Korbflechten und Pfannenflicken brachte ihm jedenfalls keine

Reichtümer ein. Aber der Gaudenz war von jeher ein ganz gerissener

Bursche gewesen, und einer seiner obersten Grundsätze war, sich nicht

erwischen zu lassen.

Erwischt hatte ihn niemand. Und Benedikta Zöttl, die Karrnerin, die

vielleicht über den plötzlichen Reichtum hätte Auskunft geben können,

war verschwiegen wie das Grab. Sie hielten zusammen, diese beiden,

trotz Zank und Streit und trotz mancher wüsten Szenen, die es oft

zwischen ihnen gab. Die gehörten jedoch mit zur rechten Karrnerliebe.

Streit und Prügel. Der Karrner muß fühlen, daß er der Herr im Hause ist.

Gaudenz Keil war eine ausgesprochene Herrennatur. Das Regiment, das

er führte, war ein strenges. Wenn er seinen schlechten Tag hatte,

dann fürchteten sie sich alle vor ihm. Die Benedikta und die Kinder,

die großen wie die kleinen. Sogar der kleine, struppige Köter zog den

Schweif ein und verkroch sich. Der Herr hatte einen festen Fuß, und so

ein Stoß oder Tritt tat weh.

Am widerspenstigsten war von jeher die Sophie gewesen. Das war das

braune zwölfjährige Mädel, das als Bub verkleidet herumlief. Die hatte

wirklich den Satan im Leib.

Wenn Gaudenz Keil ganz besonders schief gewickelt war, dann rannte sie

ihm sicher im Weg herum, reizte ihn auf irgendeine Weise oder spielte

ihm sonst einen Possen. Über die Sophie entlud sich dann gewöhnlich

der ganze Groll des Karrners. Er schlug und prügelte sie unbarmherzig,

wohin er sie nur traf. Drosch auf sie ein in blinder Wut, daß das Kind

heulte vor Schmerz und es doch nicht lassen konnte, ihn immer und immer

wieder in rasenden Zorn zu bringen.

Sie haßten sich gegenseitig, der Gaudenz und die Sophie. Gaudenz Keil

haßte das Mädel, weil es der lebende Zeuge war, daß Benedikta Zöttl

ihre Gunst einmal einem andern Manne geschenkt hatte.

Sie war schön gewesen, die Benedikta. Ein südländischer Typus, wie er

unter den Karrnern nicht oft anzutreffen ist. Meist sind diese Zigeuner

der Tiroler Berge hellblond, von einem unschönen, schmutzigen Blond.

Ihre Gesichter sind knochig und häßlich, die Haut ist von der Sonne

gelb gebrannt.

Benedikta Zöttl war ein wildes, unbändiges Mädel gewesen. Ihr heißes

Blut hatte sie schon in früher Jugend von einem Mann zum andern

getrieben, flüchtig und unstät, bis der Gaudenz kam und sie mit sich

führte.

Das kleine, braune Ding, die Sophie, mußte er allerdings mit in den

Kauf nehmen. Das Mädel war ihm ein Dorn im Auge. Es bildete zwischen

ihm und der Benedikta einen Zankapfel auf Weg und Steg.

Die Sophie haßte den finstern, harten Mann, der so roh und grausam

werden konnte. Das heiße, unbändige, wilde Blut der Mutter hatte sich

auf die Tochter vererbt. Der Gaudenz hatte die Benedikta gezähmt. Es

gibt ein sicheres Mittel, wildes Karrnerblut zu bändigen. Kinder auf

Kinder entsproßten dieser freien Ehe. Die Mutterpflichten hatten das

Weib milder und gefügiger gemacht.

Benedikta Zöttl war mit den Jahren ziemlich stumpfsinnig geworden. Nur

wenn es der Gaudenz in seiner brutalen Art zu weit trieb, wenn er wie

ein gereiztes Tier blindwütig Hiebe und Fußtritte austeilte und die

Kinder sich wimmernd und heulend verkrochen, dann stellte sie sich dem

Manne furchtlos gegenüber, schlug wohl auch kräftig mit einem Stock

oder einem Scheit Holz oder sonst einem Gegenstand, der ihr gerade

zur Hand war, auf ihn ein. Bis dann doch schließlich seine Kraft die

Übermacht gewann.

Der Tonl, das hellblonde Bübel, hatte am meisten Angst vor dem Vater.

Bei jedem rauhen Wort zitterte er und kämpfte mit den Tränen. Und

gerade der Tonl war es, den die Sophie am meisten ins Herz geschlossen

hatte. Seinetwegen hatte sie schon viele Prügel vom Vater eingeheimst.

Der Tonl, so putzig und zierlich er aussah, so herzlich ungeschickt war

er. Das Akrobatentum wollte ihm gar nicht einleuchten. Und jedes neue

Kunststück hatte er nur dadurch erlernt, daß er des Vaters harte Faust

zu spüren kriegte.

Auch heute wieder stellte sich der Tonl ganz besonders ungeschickt an.

Gleich nach dem Umzug in der Stadt hielt der Karrner draußen vor dem

Tor eine Generalprobe für den heutigen Abend. Mitten in Wind und Regen.

Das störte ihn nicht.

Mit harten Worten rief er seine Kinder zusammen. Der Tonl machte

ein weinerliches Gesicht. Er war ganz durchnäßt, und es fror ihn

jämmerlich. Der Tonl war überhaupt ein bissel aus der Art geschlagen.

Empfindlich wie ein Stadtkind. So gar kein richtiger Karrnerbub. Das

ärgerte den Gaudenz. Für das Zimperliche und Überfeine besaß er nicht

den geringsten Sinn. Der Tonl hatte sich schon die ganze Zeit her auf

die warme Stube und einen Bissen Brot gefreut. Und nun hieß es wieder

an die Arbeit gehen, ausharren im Regen trotz Hunger und Kälte.

Die Sophie sah die Enttäuschung des kleinen Bruders. Wie ein Wiesel

rannte sie dem Vater davon, sprang mit ein paar Sätzen über die Stufen

der Leiter hinein zur Mutter und brachte dann triumphierend ein großes

Schwarzbrot für den Tonl.

Das hellblonde Bübel kaute und kaute und putzte sich die Nase. Schips,

der struppige Köter, erhielt auch ab und zu einen Bissen, weil er gar

so schön betteln konnte. Und die Sophie stand vor dem Bruder, der

mitsamt seinem schönen Staat auf dem aufgeweichten Erdboden saß, und

suchte den Tonl vor den Blicken des Vaters zu verstecken. Denn der

Vater duldete keine „Fresserei“ während der Arbeit. Das wußten die

beiden Kinder, und deshalb würgte der Tonl auch das Brot hinunter, so

rasch er nur konnte.

Trotzdem entdeckte der Karrner den kleinen Sünder. Der Gaudenz stand

abseits und probierte mit zweien seiner Söhne, die auch nicht älter

als sieben und acht Jahre sein mochten, verschiedene Kunststücke. Nun

rief er die Sophie herbei. Das Mädel war der Kraftathlet der jungen

Künstlerschar. Sie hatte die Aufgabe, zwei ihrer Geschwister mit

freien, weit vor sich hingestreckten Händen zu halten, während der Tonl

mit einem geschickten Sprung auf ihren Kopf gelangen mußte.

Die Buben und Mädeln von Rattenberg, die den fahrenden Leuten bis vor

das Tor gefolgt waren, kamen während der Probe voll Neugierde und mit

immer wachsendem Interesse näher heran. Der Gaudenz Keil verjagte sie

zwar, doch umsonst. Den Karrner konnte nichts so sehr in Harnisch

bringen, als wenn man ihn bei seinen Proben belauschte.

Er drohte den fremden Kindern mit der Peitsche. Lachend stoben sie

auseinander, um sich dann gleich wieder, frecher und kühner werdend,

zu nähern. Was konnte der Karrner ihnen schließlich auch antun! Sie

fühlten sich ganz sicher und reizten den Mann durch kecke Zurufe.

Gaudenz Keil spürte es, daß er den fremden Kindern gegenüber ohnmächtig

war. Er durfte ihnen nicht grob kommen. Sonst verdarb er sich’s mit

denen da drinnen in der Stadt; und die brauchte er ja. Denen mußte

er ja zu gefallen suchen, damit sie ihm ein paar lumpige Kreuzer zu

verdienen gaben.

Eine plötzliche Wut überkam den Gaudenz. Der Herrenmensch in ihm

empörte sich dagegen, daß er vor Straßenbengeln kuschen sollte. Der

Karrner fühlte, wie ihm das Blut schwer zu Kopfe stieg. Er mußte

einen Gegenstand haben, an dem er seinen Zorn auslassen konnte. Sonst

passierte etwas, und er vergriff sich an der Bande. Zornig fuchtelte er

mit der Peitsche in der Luft herum.

„Hau mi, Karrner, wenn du di traust!“ schrie einer der Buben höhnisch

zu ihm herüber.

„Hennenstehler!“

„Karrnerleut!“

„Pfannenflicker!“

„Diebsg’sindel!“ schrien die Kinder abwechselnd.

Gaudenz Keil stierte wütend zu der kleinen Bande herüber. Mit einem

Sprung war er bei ihnen, die nun in jäher Flucht der Stadt zujagten.

Einen Augenblick noch, und er hätte einen von den Buben am Kragen

gehabt und jämmerlich verhauen. Da fiel sein Blick zufällig auf den

kauenden Tonl, der noch immer mitten im Schmutz saß und den Vater

ängstlich beobachtete.

Die angsterfüllten Augen des Kindes reizten den Mann noch mehr. Drohend

näherte er sich dem kleinen Sünder, der ein letztes Restchen des guten

Brotes in der Hand hielt.

„Wer hat dir ’s Brot gegeben?“ frug der Vater mit einer unheimlichen

Ruhe, die nur ein Vorbote des hereinbrechenden Gewitters war.

„I ... i ... i woaß nit!“ log das Bübel und blinzelte verstohlen zur

Sophie hinüber.

„Woaßt nit, ha?“ Ein harter Schlag mit der flachen Hand traf das

zitternde Kind, das beide Händchen bittend und flehend über das blonde

Köpfchen hielt.

Mit einem raschen Satz war die Sophie zwischen den Vater und den Bruder

gesprungen und beugte sich schützend über den Tonl.

„I hab’s tan, daß d’s woaßt!“ sagte sie trotzig.

„Du Teufelsbrut, verfluchte!“ Mit geballter Faust hieb der Mann auf das

Mädel ein. „Woaßt du nit ...“

„Der Tonl ist hungrig g’wesen. Drum hab’ i ihm a Brot bracht!“

verteidigte sich das Mädel.

„Saumensch du!“ schimpfte der Karrner und schlug in blinder Wut auf das

Mädel ein.

Die Sophie wand und krümmte sich vor Schmerz, aber kein Laut kam über

ihre Lippen. Sie biß die Zähne zusammen und schlug dann plötzlich mit

den Füßen aus. Geschickt und kräftig traf sie den Gaudenz gerade in der

Magengegend, so daß er unwillkürlich einen Augenblick von ihr abließ.

Dann aber packte er sie mit eisenharter Faust, drückte sie zu Boden

und schlug unbarmherzig auf sie ein. Das Mädel wand sich wie ein Aal.

Kratzte und biß ihn in die Hand gleich einer tollgewordenen Katze, so

daß die Hand des Karrners blutete.

Die Buben und Mädeln von Rattenberg waren geschwind wieder umgekehrt.

Sie umkreisten den Gaudenz Keil und beschimpften ihn mit Zurufen.

„Schamst di nit, Karrner!“

„A Madel so zu verhauen!“

„Mistkarrner! Saufbruder!“

Daß sie für das Mädel Partei nahmen, machte den Gaudenz nur noch

rasender. Die Sophie wehrte sich tapfer, stieß nach ihm mit den Füßen,

kratzte ihn und spie ihm ins Gesicht. Keine Bitte um Hilfe oder um

Mitleid kam über ihre fest zusammengepreßten Lippen. Wie ein junger

Teufel war sie. Der Mut des Mädels gefiel den Buben.

„Laß dir nix g’fallen, Diandl!“ riefen einige unter ihnen. „Wir helfen

dir!“

Und wirklich kamen sie dem Mädel zu Hilfe. Von rückwärts packten

sie den Karrner an. Das brachte den Gaudenz völlig zur Raserei. Er

ließ plötzlich von dem Mädel ab und lief zu der Gruppe seiner Kinder

hinüber, wo die Peitsche lag. Im Laufen versetzte er dem Tonl, der ihm

nicht rasch genug auswich, einen Stoß, daß der kleine Kerl gegen ein

Wagenrad kollerte.

Zitternd verkroch sich das Bübel unter den Wagen und beobachtete

ängstlich, was der Vater nun beginnen würde. Die Karrnerkinder rannten,

als sich der Vater näherte, kreischend und heulend auseinander und

flüchteten in das Innere des Wagens zur Mutter.

Benedikta Zöttl kam, den Säugling noch immer krampfhaft an der Brust

haltend, aus dem Wagen, und schimpfte mit keifender Stimme: „Laß mei

Madel in Ruah, du Ruach, du gottverlassener!“

Aber Gaudenz Keil kümmerte sich nicht darum. Mit der Peitsche hieb er

auf die fremden Kinder ein, die sich mitleidig über das mißhandelte

Kind beugten. Nun rannten die Kinder geängstigt davon, hinein in die

Stadt, um dort Hilfe zu holen gegen den wilden Mann.

Gaudenz Keil drosch jetzt stumm, verbissen und zähneknirschend mit der

Peitsche auf das Mädel, so daß sie wund vor Schmerzen laut aufheulte.

Dann krallte sie sich mit den Händen in den vom Regen aufgeweichten

Erdboden. Nein, er sollte und sollte es nicht merken, wie weh er ihr

tat, dieser Mann, den sie haßte mit der ganzen Inbrunst ihres jungen,

stürmischen Herzens. Sie krallte ihre Hände in die Erde, so fest sie

konnte, und biß sich die Lippen blutig.

Die Karrnerkinder lugten neugierig aus den Fenstern. Ein paar wagten

sich sogar heraus und schrien dabei in allen Tonarten aus lauter

Erbarmen mit der Sophie. Schips, der Hund, sprang winselnd und

schweifwedelnd an der Karrnerin empor, als wollte er sie für das arme

Mädel um Hilfe betteln.

Der Tonl in seinem Versteck unter dem Wagen verhielt sich

mäuschenstill. Dicke Tränen kugelten ihm über die blassen Wangen, und

die kleinen Hände waren wie vor Schmerz ineinander verkrümmt.

Immer unmenschlicher hieb der Karrner auf das Mädel ein. Wie eine Furie

stürzte sich nun die Benedikta auf den Mann. Den Säugling legte sie

vorerst in sicherer Nähe des Wagens nieder, wo ein trockenes Plätzchen

war. Und dann fiel sie gleich einer Tigerin von rücklings über den

Gaudenz her.

Sie umklammerte ihn und preßte ihm mit festem Griff den Hals zu, so daß

er von dem Mädel ablassen mußte und mit den Fäusten taumelnd in die

Luft faßte. Aber nur einen Augenblick. Dann packte er das Weib. Mit

eiserner Faust zwang er sie zu Boden. Und mit den groben genagelten

Stiefeln trat und stieß er sie und zerrte sie dann durch den Schmutz

hinüber gegen den Wagen.

Das Weib schrie gellend und schleuderte wilde Flüche und Verwünschungen

gegen den Mann. Ihre langen, schwarzen Haare hatten sich ihr vom Kopf

gelöst und fielen in wirren Strähnen herab in den Schmutz. Mit aller

Kraft wehrte sich die Karrnerin.

„Laß mi aus!“ schrie sie verzweifelt. „Ruach, verfluachter ... i bring’

di um ... i schneid’ dir den Hals ab!“

„Halt’s Maul, Bestie du!“ Voll blinder Wut stampfte ihr der Mann mit

dem Stiefel ins Gesicht, daß ihr das Blut von Mund und Nase kam.

„Hilfe ... Hilfe ... er bringt mi um ... Hilfe!“ schrie die Karrnerin

gellend auf.

Die Karrnerkinder waren an wüste Szenen der Eltern gewöhnt. Sie

hatten es oft mit angesehen, wie der Vater die Mutter und die Sophie

verprügelte, daß sich beide einige Stunden nicht mehr rühren konnten.

Aber Blut hatten sie noch nie gesehen. Deshalb erschraken sie jetzt

ernstlich, als sie das Blut von dem Gesicht der Mutter rinnen sahen,

und sie heulten noch lauter als zuvor. Ein paar der größeren Kinder

rannten der Stadt zu, um von dort Hilfe für die Mutter zu holen.

Von der Stadt her kamen die Leute gelaufen. Der lange Schmied, und

der Schuster Naz, und der Tischlergesell Weber kamen zuerst. So, wie

sie waren, ohne Rock und Hut und ohne Schutz gegen den Regen liefen

sie, durch die Kinder herbeigerufen, von ihrer Arbeit fort, um draußen

vor dem Tore den Streit zu schlichten. Und voraus rannten etliche

Stadtbuben und schrien keuchend vor Aufregung und Eile ...

„Der Karrner ist narrisch worden!“

„Er bringt’s Madel um! Naa, nit’s Madel, sei’ Weib schlagt er tot!“

„Naa, er hat sie tot g’schlagen!“ brüllten einige in höchster Aufregung.

„I hab’s g’sehen!“

„Holt’s den Gendarmen!“

„Eing’sperrt g’hört er!“

Die Männer eilten in großen Sprüngen und hinter ihnen drein ein paar

neugierige Weiber und die Mädeln und Buben von Rattenberg.

Benedikta Zöttl hatte sich ganz heiser geschrien. Die Sophie lag

wimmernd und regungslos auf der nassen Erde. Schips, der Hund,

beschnupperte sie ängstlich und lief wedelnd und winselnd von einem

der Kinder zum andern. Endlich ließ er sich traurig und mit gesenktem

Kopf wie zum Schutz neben dem Säugling nieder und heulte laut und in

langgezogenen, kläglichen Tönen.

„I zeig’ di an! Mörder ... Dieb ... Saufaus!“ schrie die Benedikta

jetzt mit rauher, heiserer Stimme und krümmte sich unter den wuchtigen

Schlägen des Mannes. Immer und immer wieder raffte sie sich zu ihrer

Verteidigung auf und schlug und stieß aus ihrer halbliegenden Stellung

auf ihren Gegner, obgleich sie sich vor Schmerzen kaum mehr rühren

konnte.

Die drei Männer aus der Stadt hatten sich jetzt des wütenden Karrners

bemächtigt und zerrten ihn mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kraft von

dem Weib weg. Immer mehr Leute kamen zum Tor heraus und umstanden das

Karrnerlager.

„Laßt’s mi aus!“ schrie der Gaudenz Keil und wehrte sich kräftig gegen

den festen Griff der Männer. „Was geht das enk an, wenn i mei’ Weib

prügel! I kann mei’ Weib prügeln, wie i mag!“

„Halt’s ihn fest! Er bringt mi um!“ kreischte die Benedikta

leidenschaftlich.

„Mistmensch ... vermaledeits ... halt’ dei’ Goschen!“ Da er die Hände

nicht mehr frei hatte, so stieß der Gaudenz jetzt mit beiden Füßen nach

ihr. „Heut’ no drah’ i dir den Kragen um! Dir und dei’m Balg, dei’m

gottverdammten!“ drohte er.

Dabei machte er so wütende Anstrengungen, sich aus der Gewalt der drei

Männer zu befreien, daß es ihm tatsächlich für einen Augenblick gelang.

Aber nur für einen kurzen Augenblick. Denn der lange Schmied, der über

die Roheit des Karrners ehrlich empört war, stieß ihm seine eisenharten

Fäuste so fest ins Gesicht, daß der Gaudenz wie betäubt hintenüber

fiel.

„Recht so, Schmied! Gib’s ihm, dem Ruachen, dem verfluachten!“ schrien

einige der Leute.

Gaudenz Keil erhob sich etwas schwerfällig. Seine ganze Wut war mit

einem Male verflogen. Jetzt, da er den Herrn fühlte, wurde er klein. Er

fuhr sich, wie wenn er sich erst besinnen müßte, mit der Hand über die

Augen und sah mit dem Ausdruck einer Bulldogge, die den Stock zu spüren

bekam, auf den langen Schmied.

Der stand vor ihm, groß, massig und sehnig. Der Schmied überragte alle

Männer der Stadt um fast eines Hauptes Länge. Kohlschwarz war er und

voller Haare, wie ein halber Waldmensch. Er stemmte die muskulösen,

behaarten Arme vor sich hin und zeigte dem Karrner die sehnigen Fäuste.

„Da, Manndl ... da geh her, wenn d’ a Schneid hast!“ rief er mit

herausforderndem Hohn. „Nacher raufen wir’s aus! Wir zwoa ...

verstehst!“ fügte er drohend hinzu.

„Kinder und Weiber schlagt man nit halbtot!“ keifte ein altes Weibele.

„Saukerl, schlechter!“ rief eine andere Frau und spie verächtlich vor

dem Gaudenz aus.

Den Karrner flog schon wieder die Wut an. Er sah die erbitterte Haltung

der Leute und erblickte die Fäuste des langen Schmieds dicht unter

seiner Nase. Das zähmte ihn für den Augenblick. Er wandte sich gegen

die Frau, die vor ihm ausgespuckt hatte, und sagte höhnisch und mit

verhaltenem Ingrimm: „A alt’s Weib ... mei, a alt’s Weib!“

„Ja ... a alt’s Weib!“ gab diese resolut zurück und trat ganz dicht

an den Karrner heran. „Nix wie a alt’s Weib. Hast recht. Aber wenn i

jünger wär’, Karrner, schau her, da mit dö zwoa Händ’, dö i hab’ ...

kratzet i dir die Augen aus! Das g’höret dir, du Schandmensch du!“

„Hast recht, Ennemoserin!“ stimmten ihr einige der Leute bei.

„Die Ennemoserin, die ist halt oane!“ meinte das alte Weibele und

nickte beifällig mit dem Kopf.

„Hat Haar’ auf die Zähnd, die Ennemoserin!“ sagte der Tischlergesell

nicht ohne Bewunderung und trat einige Schritte vor ihr zurück.

Der Schuster Naz forderte den langen Schmied auf: „Schmied, hau’ ihm

oane in die Fotzen, dem Karrner!“

Die Ennemoserin war eine große, hagere Frau, nicht mehr weit von

sechzig Jahren entfernt. Sie hatte ein blasses, strenges Gesicht und

hellblonde Haare, die kaum ergraut waren und die sie glatt gescheitelt

trug. Die dunkle Kleidung war höchst einfach, aber äußerst sauber. Das

Auftreten der Ennemoserin war barsch und resolut. Mit Energie bahnte

sie sich auch jetzt den Weg durch die versammelten Leute und ging

hinüber zu dem braunen Mädel, das noch immer leise vor sich hinweinte.

Der Tonl hatte sich neben die Sophie gesetzt, mitten in den Schmutz

hinein. Steckte den Daumen in den Mund und sah recht verzagt und

hilflos drein. Er war selber dem Weinen nahe, und sein kleines

Stumpfnäschen tropfte schon recht bedenklich.

„Nit rearen, Sophal ... Tonl nit haben wollen!“ tröstete das Bübel das

braune Mädel mit weinerlicher Stimme und fuhr ihr mit seiner feuchten

und schmutzigen Hand streichelnd über das Gesicht.

Die Ennemoserin beugte sich über das mißhandelte Kind. Neugierig

näherten sich die weißblonden Karrnerkinder. Eins nach dem andern kamen

sie heran und sahen auf die große, hagere Frau.

Diese hob mit kräftigem Arm die Sophie empor und setzte sie sanft auf

den Boden, so daß der Kopf des Kindes eine Stütze an den Knien der Frau

fand. Mit ihrem großen bunten Taschentuch säuberte die Ennemoserin das

braune Gesicht des Karrnermädels, so gut sie es vermochte. Ihre groben

Arbeitshände waren zart und lind, als sie dem Mädel die arg zerrauften

Haare aus der nassen Stirn strich. Und ihre harte Stimme klang weich,

als sie leise zu ihr sagte „Arm’s Madel, ist er oft so zu dir?“

Die kleine Sophie sah forschend und verwundert zu der fremden Frau

hinauf. Sie hatte wenig Liebe genossen in ihrem jungen Leben, fast nur

Härte und Grausamkeit. Die Liebe ihrer Mutter fühlte sie nur dann, wenn

diese sich, wie das heute der Fall war, für ihr Kind von dem Karrner

prügeln ließ. Dann wußte es die Sophie, daß sie doch einen Menschen

besaß, der zu ihr gehörte und der sie wohl auch lieb haben mußte, weil

er für sie zu leiden verstand.

Benedikta Zöttl kümmerte sich wenig um das Mädel. Zärtlichkeiten sind

unbekannte Dinge bei den Karrnern. Und doch hängen sie mit einer Art

blinder Liebe an ihren Kindern.

Die Sophie war stets herumgepufft und herumgestoßen worden. Sie mußte

springen und arbeiten und die kleineren Geschwister warten. Selten

fiel ein gutes Wort für sie ab. Fremde Menschen schalten sie als

Karrnerfratzen. Und sie fühlte es deutlich, daß sie von ihnen verachtet

wurde, daß man die Türen mißtrauisch vor ihr versperrte.

Das braune Mädel machte sich nicht viel daraus. Sie streckte den Leuten

die Zunge heraus, drehte ihnen eine lange Nase und bestahl sie zu einer

Art Vergeltung, wenn sich ihr die Gelegenheit dazu bot. Und wenn man

sie schlug, dann schlug sie zurück und biß und kratzte und wehrte sich

mit affenartiger Behendigkeit.

So wuchs die Sophie heran und wußte wenig Gutes vom Leben. Und doch

barg das Mädel eine heiße Sehnsucht nach Liebe und Güte in ihrem jungen

Herzen. Das zeigte sie aber bei Leibe nicht. Sie hätte sich vor sich

selber geschämt, wenn jemand eine Ahnung von ihrem Sehnen gehabt hätte.

Sie hatte es manchmal auf ihren Wanderungen und Bettelgängen mit

angesehen, daß eine Mutter ihr Kind herzte. Dann war es der Sophie

heiß in die Augen gestiegen, und ein bitterer Geschmack kam ihr in die

Kehle. Sie hatte es aber jedesmal tapfer überwunden. Und dann tat sie

was Garstiges. Ging hin zu der Mutter, die mit weicher Hand ihr Kind

liebkoste, und bestahl sie, oder sie bettelte sie an. Und zum Dank für

die Gabe beschimpfte sie die Frau und lief dann wie eine junge Hexe

davon.

Die kleine Sophie haßte diese Menschen. Sie haßte sie deswegen, weil

sie Liebe geben konnten und sie sich selber davon ausgeschlossen

fühlte. Sie war ein garstiges, böses Kind, die Sophie. Das wußte sie

selbst. Wozu sollte sie auch anders sein? ... Sie mochten sie ja doch

alle nicht leiden. Niemand mochte sie. Nur der Tonl, der hing an ihr,

und sie war anders zu ihm, wie zu den übrigen Kindern. Sie liebte

dieses Kind mit einer fast leidenschaftlichen Liebe.

Der Tonl war so ganz anders geartet als die übrigen Geschwister.

Er zankte sich nicht und prügelte sich nicht mit ihnen; er war

verschüchtert und weinte gern. Die Sophie fühlte es instinktiv, daß der

Bub gleich ihr Sehnsucht nach jenen kleinen Äußerungen der Zärtlichkeit

und der Besorgtheit hatte, für die Kinderherzen so empfänglich sind.

Diese Sehnsucht nach Liebe führte die beiden Kinder zusammen, daß sie

einander alles wurden und auch für einander Übles erduldeten.

Gaudenz Keil sah mit einem bösen Blick auf die Ennemoserin. „Laß mei’

Madel in Ruh, Weib!“ rief er mit scharfer Stimme.

„Dei’ Madel!“ höhnte die Benedikta. „+Mei’+ Madel ist sie, nit deins!“

schrie sie leidenschaftlich.

Die Ennemoserin näherte sich der Karrnerin.

„Hast sie vor der Eh’ g’habt?“ frug sie.

Der Karrner brach in ein lautes, rohes Lachen aus. „Eh’! Das gibst

guat!“ wieherte er.

Der lange Schmied sah mit ernstem Blick auf die Benedikta, die sich

jetzt mühsam erhoben hatte und mit der Schürze das Blut, das ihr übers

Gesicht lief, zu stillen suchte. „Also seid’s nit verheiratet ös zwoa?“

„Naa!“ sagte die Benedikta. Das kam so einfach und selbstverständlich

über die Lippen des Weibes, daß die Umstehenden an diesem offenen

Bekenntnis nicht einmal sonderlich Anstoß zu nehmen schienen.

Jetzt stemmte die Ennemoserin ihre hageren Arme in die Hüften.

Kerzengerade stand sie da. Man hätte ihr das Alter kaum angesehen, so

ungebeugt, zäh und kräftig war sie.

„Warum ziehst denn du nacher mit dem Loder durchs Land, Karrnerin, wenn

d’ nit amal verheiratet bist damit?“ frug sie im harten, strafenden Ton.

Erstaunt sah das Weib auf die Frau. „I? ... Ja, weil i Kinder hab’ von

ihm!“

Sie waren alle ruhig, die um sie herum standen. Keiner gab ihr eine

Widerrede. Wozu auch? Sie fühlten es alle, daß dieses Karrnerweib kein

Verständnis für ihre Moralbegriffe besaß.

Auch die Ennemoserin blieb ruhig. Über eine Weile frug sie, auf das

kleine Mädel deutend: „Und die, die ist von an andern?“

„Ja!“

Die Ennemoserin erhaschte den Blick des Karrners, mit dem er auf das

Mädel schaute. Ein Blick voll Haß und Abneigung war es, und voll

brutaler Grausamkeit.

„Er ...“, die Ennemoserin deutete mit dem Daumen auf den Karrner ...

„mag sie nit, gelt?“

„Naa!“ gab die Benedikta kleinlaut zu.

„Warum tust sie dann nit weg?“ frug die Ennemoserin mit ihrer lauten,

harten Stimme.

Die Karrnerin sah erstaunt auf die Frau. „Ja, wohin soll i sie denn

geben?“

„Frag nit so dumm!“ polterte der Gaudenz gegen die Ennemoserin los. „Du

woaßt es ja selber am besten. Wer nimmt denn a Karrnerkind?“

Eine Welt von Haß lag in den Worten des Karrners. Haß gegen sie alle,

die da um ihn standen. Haß gegen eine Gesellschaft, die ihn ausstieß,

weil sie seinen ungebändigten Freiheitsdrang nicht verstehen konnte.

Er wußte es genau ... alle, wie sie ihn hier umringten, waren nicht

allein empört über seine Roheit, sie ekelten sich auch vor ihm und

seinesgleichen.

Mit überlegenem Hohn sah der Karrner auf die Leute. Sah auf den langen

Schmied, der ihn mit ruhigen, gleichgültigen Blicken beobachtete.

Und Gaudenz Keil sah die Mienen der Weiber, die immer weiter von ihm

und der Benedikta abrückten. Da war auch nicht eine unter ihnen, die

der blutenden Karrnerin beigestanden wäre. Sie ekelten sich vor ihr

und hüteten sich, ihre Hände in ihre Nähe zu bringen. Und Gaudenz

Keil wußte, daß eine ganze Welt von Vorurteil und Abneigung ihn und

seinesgleichen von diesen Menschen trennte.

Seine stahlblauen Augen hatten einen stechenden Ausdruck, wie er

jetzt mit geringschätziger Verachtung von einem zum andern schaute.

Unwillkürlich zogen sich alle von dem Karrner zurück. Sogar der lange

Schmied machte ein paar Schritte nach rückwärts.

Der Gaudenz lachte laut auf. „Wer nahm’ denn a Karrnerkind?“ frug er

nochmals höhnisch. „Tat’s enk ja grausen, unseroans nur anzurühren!“

Die Ennemoserin hatte ihre blassen, schmalen Lippen, wie das ihre Art

war, fest zusammengepreßt. Ruhig und mit einem entschlossenen Blick sah

sie dem Karrner ins Gesicht.

„I nimm’s Madel, wenn du mir sie gibst, Karrnerin!“ sagte sie dann laut.

Gaudenz Keil schien das als einen guten Witz aufzufassen. Roh und

unbändig lachte er heraus.

„Tua’s nit, Ennemoserin!“ warnte der lange Schmied mit seiner tiefen,

wohltönenden Stimme. „’s tuat koa guat nit!“

„Mei, Ennemoserin,“ meinte das alte, zahnlose Weibele, „laß grad du die

Hand von der Butten. Hast amerst Sorg’ genua. Karrnerleut ... woaßt

wol!“

Sie schupfte bedauernd die schiefgewachsene linke Schulter in die Höhe

und wandte sich zum Gehen. Es interessierte sie nicht im geringsten,

was jetzt hier noch vorfallen mochte. Die Ennemoserin hatte offenbar

wieder ihren narrischen Tag. Der Schmied würde ihr die Mucken schon

austreiben. Da wollte sie lieber nicht mit dabei sein; denn die

Ennemoserin tat ihr leid, wirklich leid.

Auch der Schuster Naz dachte so. Er und noch einige von den Leuten. Die

wandten sich alle langsam weg und gingen der Stadt zu. Einer nach dem

andern. Es verdroß sie, da noch länger zuzuhören. Gescheites sah doch

nicht viel heraus. Der Karrner hatte sich jetzt sichtlich beruhigt.

Eine Beihilfe zur Schlichtung des Streites war nicht mehr notwendig.

Die Schaulust und Neugierde kamen auch nicht mehr auf ihre Rechnung.

Einige, die ganz besonders Neugierigen, verließen allerdings auch jetzt

ihren Posten nicht. Sie wollten mit dabei sein bei der Verhandlung und

harrten aus trotz Regen und Wind.

Lange dauerte die Verhandlung freilich nicht. Die Ennemoserin hatte

einen starren Schädel, und was sie sich in den Kopf setzte, das

geschah. Da half auch das Zureden des langen Schmieds nichts.

„Was willst denn du machen mit dem Madel, Ennemoserin? Bist a

oanschichtigs Weib und hast koa Glück mit Kindern. Dös woaßt.“

„Ja, dös woaß i!“ gab die Ennemoserin trocken zurück. „Aber a Seel’

kann i dem Herrgott retten. Ist aa eppas!“

Die Benedikta stand noch immer da und preßte die farbige Schürze gegen

die blutende Stirn. Sie begriff es nicht ganz, was die Ennemoserin von

ihr wollte. Ein bißchen verwundert sah sie erst auf den Gaudenz, dann

auf den Schmied und von diesem zur Ennemoserin.

Der Schmied redete noch immer eifrig auf die Ennemoserin ein. Er wollte

ihr die Mucken austreiben, wie er meinte. Aber die Ennemoserin blieb

unerschütterlich dabei.

„Wenn du mir’s Madel gibst, Karrnerin, i nimm sie!“ sagte sie fest.

Die Benedikta zuckte gleichgültig die Achseln und wandte sich ab.

„Meinetwegen kannst sie haben. I bin froh, wenn i sie los krieg.“

Dann ging sie, ohne auch nur einen Blick auf die Sophie zu werfen, mit

lethargischen Schritten zu ihrem Säugling, der treu bewacht von Schips,

dem Hunde, in den höchsten Tönen unaufhörlich schrie.

Die Stadt am Inn · 第 1 / 28 段