66. DER VIELGEPRÜFTE PRINZ

Es gab einen großen König. Die sieben Erdgürtel waren unter seiner

Botmäßigkeit. Er besaß jedoch weder Sohn noch Tochter. Opfer und

Gelübde verrichtete er, um sich Gott geneigt zu machen. Eines Tages

nahm dann auch Gott der Erhabene sein Opfer wohlgefällig an und

schenkte ihm aus seiner Gnadenfülle einen Sohn, der an Schönheit ein

zweiter Joseph war. Darüber ward der König sehr froh und veranstaltete

an diesem Tage ein großes Festgelage, schenkte dabei dem einen

Ehrenkleider, dem andern Geld und verehrte andere Gnadengeschenke.

Darauf ließ er die Sterndeuter kommen und sie nach dem Geburtsstern des

Prinzen schauen. Als sie das getan hatten, sprachen sie: „O König, in

betreff des Geburtssternes des Prinzen hat man in der astronomischen

Tafel sowohl als in dem Traumbuche und nach den Astrolab folgende

Prophezeiung aufgestellt: ‚Von seinem dreißigsten bis zu seinem

sechzigsten Jahre wird sich seines Geburtssternes Glück und Heil in

Unglück und Unheil verwandeln, und er wird in fremden Ländern von Not

und Mühsal heimgesucht werden.‘ Nur Gott kennt die verborgene Zukunft.“

Als der König dies hörte, wurde er sehr betrübt.

Als einige Jahre vorüber waren, gab der König den Knaben in die Schule

und ließ ihn die Wissenschaften aller Art lernen. Als der Prinz zur

Mannbarkeit herangereift war, ließ er ihn sich verheiraten und

verschaffte ihm die Tochter eines großen Sultans zur Frau. Mit der Zeit

wurden ihm auch zwei Söhne geboren. Als sie heranwuchsen, gingen sie

auch in die Schule und erlernten die Wissenschaften aller Art. Von Zeit

zu Zeit pflegten sie mit ihrem Vater spazieren zu gehen. Nun geschah es

eines Tages, daß der Prinz, ihr Vater, mit ihnen am Meeresstrande

spazieren ging, sodann ein Schiff herbringen ließ und auf demselben mit

seinen kleinen Söhnen in die hohe See hinausfuhr. Nach Gottes Ratschluß

und Befehl kam ihnen unterwegs ein fränkischer Seeräuber entgegen,

welcher sowohl den Prinzen und seine beiden Söhne als auch vierzig

Sklaven, welche der Prinz mit sich hatte, sämtlich gefangennahm. Den

Prinzen und die vierzig Sklaven verkaufte er an menschenfressende

Neger, die kleinen Söhne des Prinzen hingegen verkaufte er nicht,

sondern nahm sie mit sich fort. Die Neger hielten den Prinzen und seine

Leute für eine angenehme Nahrung und fütterten sie. Jeden Tag

schlachteten sie einen von ihnen in der Küche des Königs und setzten

ihn ihm als Gericht vor. Als nun von diesen vierzig Sklaven alle

abgeschlachtet waren, kam die Reihe an den Prinzen. Man nahm ihn,

führte ihn in die Küche und wollte ihm die Kehle abschneiden. Als der

Prinz dies gewahr wurde, flehte er zu Gott dem Erhabenen, strengte sich

an und zerriß die um seine Hände gelegten Bande, entriß demjenigen, der

gekommen war, ihm die Kehle abzuschneiden, das Schlachtmesser, stach

damit auf ihn ein und zerhieb ihn in zwei Stücke. Nicht minder erstach

er alle sonst in der Küche befindlichen Leute, stellte sich dann an die

Türe derselben und tötete jeden, der noch auf ihn los kam.

Von diesem Ereignis gelangte alsbald die Nachricht zu dem Könige dieser

Wilden. Als der König daraus ersah, was für eine Herzhaftigkeit der

Prinz bewiesen habe, kam er herbei und erteilte ihm Sicherheit des

Lebens, indem er sprach: „Ich will dir etwas sagen. Ich habe eine

Tochter, die will ich dir zur Frau geben und dich zu meinem Eidam

machen. Ich will hiermit diesen Vertrag mit dir geschlossen haben.“ Da

der Prinz diesem Wunsche des Königs nicht widersprechen konnte, so nahm

er seine Tochter zur Gattin an und heiratete sie. Er lebte mit ihr

einige Jahre zusammen und befand sich wohl. Eines Tages starb seine

Frau. Nun bestand unter diesen Wilden die Sitte, daß, wenn ein Mann

gestorben war, mit ihm seine Frau, und, wenn eine Frau gestorben war,

mit derselben ihr Mann lebendig in einen großen, tiefen Brunnen

hinabgelassen und ihnen ein Laib Brot und ein Krug Wasser mitgegeben

wurde. Dann pflegte man auf die Mündung des Brunnens einen großen

schweren Stein zu legen und fortzugehen. In denselben Brunnen ließ man

nun den Prinzen mit seiner Frau hinunter und gab ihm einen Laib Brot

und einen Krug Wasser mit, legte dann einen großen Stein auf die

Mündung des Brunnens und ging fort.

Als der Prinz sich in diesen Zustand versetzt sah, wurde er ganz

verdutzt und verblüfft und seufzte: „Ach, Gott, was ist das?“ und

flehte demütig zu Gott dem Erhabenen um Errettung. Er sah sich in dem

Innern des Brunnens weiter um und bemerkte, daß eine hübsche und

liebenswürdige Frau dasaß. Er fragte sie: „Wer bist du?“ Sie erwiderte:

„Bei Gott, ich bin eine junge Frau. Vor kurzem starb mein Mann. Da hat

man mich nun samt meinem Manne in diesen Brunnen lebendig

hinuntergelassen.“ Ein weiterer Blick in dem Brunnen herum zeigte dem

Prinzen, wie einige jener Beigesetzten schon verwest waren, andere eben

erst geendet hatten, andere noch in den letzten Zügen lagen. Plötzlich

kam von einer Seite des Brunnens her ein Geräusch, welches einem

Scharren mit den Füßen glich. Der Prinz erkannte, daß es von einem Tier

herrührte, machte sich sogleich mit der jungen Frau auf und ging mit

ihr nach jener Seite zu. Hier trafen sie auf ein Loch, in welches sie

hineintraten. Der Grund dieses Loches war aber tief. Sich bückend und

in dieser Stellung kriechend gingen sie einige Zeit vorwärts, bis sie

endlich an den Abhang eines Berges gelangten und am Ufer eines großen

Wassers herauskamen. Hier dankten sie ihrem Schöpfer für ihre

glückliche Errettung und wurden munter und froh. Zufälligerweise trafen

sie daselbst ein Schiff an. Sie sammelten sich eine Menge von des

Berges Früchten und füllten damit ihr Schiff an. Nachdem sie dieses

bestiegen hatten, nahm sie die Strömung des Wassers selbst bis dahin

mit sich fort, wo sich der Fluß am Bergesabhange in ein Loch verlor.

Als sie sich dieser Stelle näherten, konnten sie ihres Schiffes nicht

Herr werden, sondern das Wasser nahm sie auf demselben unter den Berg

mit sich fort. Als der Prinz dies gewahr wurde, seufzte er und sprach:

„O Gott, was ist das?“ Sie verbrachten da eine lange Zeit und wußten

nicht, ob es Tag oder Nacht wäre. Sie flehten in einem fort Gott um

Errettung, bis endlich der Fluß unter dem Berge wieder hervor an das

offene Land heraustrat.

Der Prinz wurde hierüber froh, und sie beide brachten nun ihr Schiff an

das Ufer und stiegen aus demselben hinaus. Als sie sich von des Berges

Früchten einige pflückten und sie aßen, sah der Prinz, indem er weiter

lustwandelte, daß es hier ein großes weißes gewölbtes Gebäude gab,

dessen Kuppel bis in die Wolken reichte. Als sie beide dorthin kamen,

traten sie ein und sahen, daß das Gebäude einem Schlosse glich. In dem

Innern dieses Schlosses stand geschrieben: „Wer dieses Tor zu öffnen

und diesen Talisman zu lösen gedenkt, der möge ein fünffüßiges Tier

hierherbringen und es vor diesem Tore töten, damit sich die Schlösser

an diesem Talisman erschließen!“ Der Prinz blieb darüber verdutzt und

verblüfft stehen und fragte sich verwundernd: „Gibt es denn in der Welt

überhaupt ein fünffüßiges Tier?“ Mit diesen Worten setzte er sich an

das Tor dieses Schlosses hin. Die Läuse plagten sie entsetzlich und sie

fingen an, sich von diesem Ungeziefer zu reinigen. Der Prinz tötete

eine Laus. Bei der zweiten fielen auf einmal mit lautem Geklirr und

Gerassel die Schlösser an dem Tore des Schlosses herunter und sie

erkannten hieraus, daß das fünffüßige Tier die Laus war. Darauf standen

sie auf und gingen hinein. Sie sahen da — es gab in der Welt nichts dem

Ähnliches — einen Garten voll fließender Gewässer und verschiedener

Früchte, spürten bald große Lust darnach und gingen hin, um eine davon

zu essen. Da erblickten sie dann, daß jene Bäume sämtlich von Gold und

ihre Früchte wertvolle Steine waren. Am Fuße der Bäume lagen

herabgefallene Edelsteine und Flußkiesel. Als sie weiter vorwärts in

das Gebäude eindrangen, sahen sie, daß es sehr groß war. Man hatte es

von Bergkristall gebaut und seine Tür offengelassen. Als sie hier

eintraten, bemerkten sie, daß es noch ein Gebäude darin gab. Es bestand

aus rotem Gold. Als sie hier eintraten, sahen sie weiter, daß es

abermals ein Gebäude darin gab, dessen Wände sämtlich aus Rubinen und

Perlen gebaut waren. Als sie endlich hier eintraten, gewahrten sie, daß

in einem mit Rubinen und Perlen geschmückten Sarge ein Toter lag, über

dessen Haupte sich eine Tafel befand, welche folgende Inschrift

enthielt: „Jeder, der hierherkommt und mich sieht, wisse, daß ich ein

König war. Die ganze Welt stand unter meiner Botmäßigkeit: Menschen,

Dämonen und Peris waren mein Heergefolge. Ich lebte tausend Jahre und

dachte nie zu sterben und dem Todesgeschosse zu erliegen. Plötzlich

wurde ich aber eines Tages krank, fiel auf das Sterbebett und sah ein,

daß ich bestimmt sterben würde. Deshalb ließ ich dieses Gebäude,

welches du hier siehst, in drei Tagen erbauen und erwählte es mir zum

Mausoleum. Oberhalb meines Hauptes gibt es zwei Quellen; trinke daraus

und verrichte für mich eine Fürbitte!“ Der Prinz wurde bald diese

beiden bezeichneten Quellen gewahr und trank aus einer derselben. Sie

enthielt Milch und die andere Zuckerscherbet. Noch eine lange Zeit

hielten sie sich in diesem Gebäude auf, nährten sich von dieser Milch

und tranken von diesem Scherbet. Zuletzt nahmen sie sich eine große

Menge Edelsteine, füllten damit ihr Schiff an, bestiegen dasselbe von

neuem und fuhren in die hohe See hinaus.

Nachdem sie eine Weile gefahren waren, brachte der Wind ihr Schiff an

eine Insel. Hier stiegen sie aus dem Schiffe heraus, um von des Berges

Früchten zu essen. Plötzlich kam eine große Schar Menschen auf sie los

und nahm sie gefangen. Der Prinz blickte auf und sah, daß jene keine

Köpfe besaßen, ihren Mund auf ihrer Brust und ihre Augen auf den

Schultern hatten und in ihrer Sprache wie Vögel zwitscherten. Sie beide

wurden aber vor den König dieser Leute gebracht und blieben lange Zeit

als Gefangene daselbst, bis sie endlich ihnen entflohen, jenes Schiff

wieder bestiegen und auf die hohe See hinausfuhren. So kam der Prinz

auf diesem Meere dreißig Jahre hindurch bald unter Menschen mit

Schweinsköpfen, bald unter Menschen mit Vogelköpfen, von denen ein

jeder dem Prinzen mannigfache Unbilden zufügte. Wiederum gab ihm Gott

der Erhabene einen Ausweg an die Hand und ließ ihn entfliehen.

Auf Gottes Geheiß trieb der Wind sein Schiff an eine Insel. Als er hier

herausstieg, sah er einige Menschen. Die Leute hielten ihn für einen

Spion, nahmen ihn gefangen und brachten ihn vor ihren König. Dieser

fragte ihn: „Wer und was bist du?“ Der Prinz erzählte ihm seine

Geschichte von Anfang bis zu Ende. Als der König nun wußte, daß er ein

Prinz war, ließ er ihm voller Freude Ehrenkleider anlegen, nahm ihn

beiseite und sprach: „Ich kenne Euer Reich und deinen Vater; auch habe

ich gehört, daß dich und deine beiden Söhne und vierzig Diener ein

fränkischer Seeräuber auf dem Meere gefangen genommen habe. Wohin

willst du nun gehen? Erzeige mir den Gefallen und bleibe bei mir, ich

will dir meine Tochter geben.“ Der Prinz erwiderte: „Bei meiner Geburt

haben mir die Sterndeuter dreißig Jahre Unglück prophezeit; ich fürchte

daher, daß, wenn ich die Tochter des Königs nehme, diese in mein

Unglück verwickelt werden wird.“

Der König ließ nun die Sterndeuter kommen und nach des Prinzen

Geburtskonstellation schauen. Als sie dies getan hatten, sagten sie: „O

König, wir bringen dir die frohe Botschaft, die unglücklichen dreißig

Jahre sind vergangen und sein Geburtsstern ist jetzt zu Glück und Segen

gelangt.“ Als der König dies hörte, freute er sich sehr und

verheiratete seine Tochter mit dem Prinzen.

Der Prinz blieb einige Jahre daselbst, bis endlich der König starb und

der Prinz an seiner Stelle König wurde. Eines Tages sagte man ihm: „O

König, ein Franke ist gekommen und hat viele Waren mitgebracht. Darf er

sie ausstellen?“ Der König gab dazu die Erlaubnis. Als er an der Seite

des Franken zwei Knaben erblickte, regte sich sein Blut in Liebe und

das Gefühl der Vaterschaft rührte sich. Er fragte den Franken: „In

welchem Verhältnis stehen diese zwei Knaben zu dir?“ Er erwiderte: „Das

sind meine Sklaven, die ich verkaufen will.“ Der König sagte: „Ich

werde sie kaufen“, nahm sie in ein Nebenzimmer und fragte sie, wo der

Franke sie gekauft habe. Alsbald erzählten sie ihm ihre Ereignisse vom

Anfang bis zu Ende. Der König erkannte daraus, daß es seine beiden

Söhne waren, drückte sie an seine Brust, küßte einen jeden auf die

Augen und sprach: „Ich bin eurer Vater.“

Der König kam wieder heraus, nahm den Franken gefangen und ließ ihn

unter tausend Qualen sterben. Nachher wurde er von neuem mit Glück

gekrönt, indem er auch das Reich seines Vaters als König bekam.

Türkische Märchen · 第 89 / 91 题