Es gab einen großen König. Die sieben Erdgürtel waren unter seiner
Botmäßigkeit. Er besaß jedoch weder Sohn noch Tochter. Opfer und
Gelübde verrichtete er, um sich Gott geneigt zu machen. Eines Tages
nahm dann auch Gott der Erhabene sein Opfer wohlgefällig an und
schenkte ihm aus seiner Gnadenfülle einen Sohn, der an Schönheit ein
zweiter Joseph war. Darüber ward der König sehr froh und veranstaltete
an diesem Tage ein großes Festgelage, schenkte dabei dem einen
Ehrenkleider, dem andern Geld und verehrte andere Gnadengeschenke.
Darauf ließ er die Sterndeuter kommen und sie nach dem Geburtsstern des
Prinzen schauen. Als sie das getan hatten, sprachen sie: „O König, in
betreff des Geburtssternes des Prinzen hat man in der astronomischen
Tafel sowohl als in dem Traumbuche und nach den Astrolab folgende
Prophezeiung aufgestellt: ‚Von seinem dreißigsten bis zu seinem
sechzigsten Jahre wird sich seines Geburtssternes Glück und Heil in
Unglück und Unheil verwandeln, und er wird in fremden Ländern von Not
und Mühsal heimgesucht werden.‘ Nur Gott kennt die verborgene Zukunft.“
Als der König dies hörte, wurde er sehr betrübt.
Als einige Jahre vorüber waren, gab der König den Knaben in die Schule
und ließ ihn die Wissenschaften aller Art lernen. Als der Prinz zur
Mannbarkeit herangereift war, ließ er ihn sich verheiraten und
verschaffte ihm die Tochter eines großen Sultans zur Frau. Mit der Zeit
wurden ihm auch zwei Söhne geboren. Als sie heranwuchsen, gingen sie
auch in die Schule und erlernten die Wissenschaften aller Art. Von Zeit
zu Zeit pflegten sie mit ihrem Vater spazieren zu gehen. Nun geschah es
eines Tages, daß der Prinz, ihr Vater, mit ihnen am Meeresstrande
spazieren ging, sodann ein Schiff herbringen ließ und auf demselben mit
seinen kleinen Söhnen in die hohe See hinausfuhr. Nach Gottes Ratschluß
und Befehl kam ihnen unterwegs ein fränkischer Seeräuber entgegen,
welcher sowohl den Prinzen und seine beiden Söhne als auch vierzig
Sklaven, welche der Prinz mit sich hatte, sämtlich gefangennahm. Den
Prinzen und die vierzig Sklaven verkaufte er an menschenfressende
Neger, die kleinen Söhne des Prinzen hingegen verkaufte er nicht,
sondern nahm sie mit sich fort. Die Neger hielten den Prinzen und seine
Leute für eine angenehme Nahrung und fütterten sie. Jeden Tag
schlachteten sie einen von ihnen in der Küche des Königs und setzten
ihn ihm als Gericht vor. Als nun von diesen vierzig Sklaven alle
abgeschlachtet waren, kam die Reihe an den Prinzen. Man nahm ihn,
führte ihn in die Küche und wollte ihm die Kehle abschneiden. Als der
Prinz dies gewahr wurde, flehte er zu Gott dem Erhabenen, strengte sich
an und zerriß die um seine Hände gelegten Bande, entriß demjenigen, der
gekommen war, ihm die Kehle abzuschneiden, das Schlachtmesser, stach
damit auf ihn ein und zerhieb ihn in zwei Stücke. Nicht minder erstach
er alle sonst in der Küche befindlichen Leute, stellte sich dann an die
Türe derselben und tötete jeden, der noch auf ihn los kam.
Von diesem Ereignis gelangte alsbald die Nachricht zu dem Könige dieser
Wilden. Als der König daraus ersah, was für eine Herzhaftigkeit der
Prinz bewiesen habe, kam er herbei und erteilte ihm Sicherheit des
Lebens, indem er sprach: „Ich will dir etwas sagen. Ich habe eine
Tochter, die will ich dir zur Frau geben und dich zu meinem Eidam
machen. Ich will hiermit diesen Vertrag mit dir geschlossen haben.“ Da
der Prinz diesem Wunsche des Königs nicht widersprechen konnte, so nahm
er seine Tochter zur Gattin an und heiratete sie. Er lebte mit ihr
einige Jahre zusammen und befand sich wohl. Eines Tages starb seine
Frau. Nun bestand unter diesen Wilden die Sitte, daß, wenn ein Mann
gestorben war, mit ihm seine Frau, und, wenn eine Frau gestorben war,
mit derselben ihr Mann lebendig in einen großen, tiefen Brunnen
hinabgelassen und ihnen ein Laib Brot und ein Krug Wasser mitgegeben
wurde. Dann pflegte man auf die Mündung des Brunnens einen großen
schweren Stein zu legen und fortzugehen. In denselben Brunnen ließ man
nun den Prinzen mit seiner Frau hinunter und gab ihm einen Laib Brot
und einen Krug Wasser mit, legte dann einen großen Stein auf die
Mündung des Brunnens und ging fort.
Als der Prinz sich in diesen Zustand versetzt sah, wurde er ganz
verdutzt und verblüfft und seufzte: „Ach, Gott, was ist das?“ und
flehte demütig zu Gott dem Erhabenen um Errettung. Er sah sich in dem
Innern des Brunnens weiter um und bemerkte, daß eine hübsche und
liebenswürdige Frau dasaß. Er fragte sie: „Wer bist du?“ Sie erwiderte:
„Bei Gott, ich bin eine junge Frau. Vor kurzem starb mein Mann. Da hat
man mich nun samt meinem Manne in diesen Brunnen lebendig
hinuntergelassen.“ Ein weiterer Blick in dem Brunnen herum zeigte dem
Prinzen, wie einige jener Beigesetzten schon verwest waren, andere eben
erst geendet hatten, andere noch in den letzten Zügen lagen. Plötzlich
kam von einer Seite des Brunnens her ein Geräusch, welches einem
Scharren mit den Füßen glich. Der Prinz erkannte, daß es von einem Tier
herrührte, machte sich sogleich mit der jungen Frau auf und ging mit
ihr nach jener Seite zu. Hier trafen sie auf ein Loch, in welches sie
hineintraten. Der Grund dieses Loches war aber tief. Sich bückend und
in dieser Stellung kriechend gingen sie einige Zeit vorwärts, bis sie
endlich an den Abhang eines Berges gelangten und am Ufer eines großen
Wassers herauskamen. Hier dankten sie ihrem Schöpfer für ihre
glückliche Errettung und wurden munter und froh. Zufälligerweise trafen
sie daselbst ein Schiff an. Sie sammelten sich eine Menge von des
Berges Früchten und füllten damit ihr Schiff an. Nachdem sie dieses
bestiegen hatten, nahm sie die Strömung des Wassers selbst bis dahin
mit sich fort, wo sich der Fluß am Bergesabhange in ein Loch verlor.
Als sie sich dieser Stelle näherten, konnten sie ihres Schiffes nicht
Herr werden, sondern das Wasser nahm sie auf demselben unter den Berg
mit sich fort. Als der Prinz dies gewahr wurde, seufzte er und sprach:
„O Gott, was ist das?“ Sie verbrachten da eine lange Zeit und wußten
nicht, ob es Tag oder Nacht wäre. Sie flehten in einem fort Gott um
Errettung, bis endlich der Fluß unter dem Berge wieder hervor an das
offene Land heraustrat.
Der Prinz wurde hierüber froh, und sie beide brachten nun ihr Schiff an
das Ufer und stiegen aus demselben hinaus. Als sie sich von des Berges
Früchten einige pflückten und sie aßen, sah der Prinz, indem er weiter
lustwandelte, daß es hier ein großes weißes gewölbtes Gebäude gab,
dessen Kuppel bis in die Wolken reichte. Als sie beide dorthin kamen,
traten sie ein und sahen, daß das Gebäude einem Schlosse glich. In dem
Innern dieses Schlosses stand geschrieben: „Wer dieses Tor zu öffnen
und diesen Talisman zu lösen gedenkt, der möge ein fünffüßiges Tier
hierherbringen und es vor diesem Tore töten, damit sich die Schlösser
an diesem Talisman erschließen!“ Der Prinz blieb darüber verdutzt und
verblüfft stehen und fragte sich verwundernd: „Gibt es denn in der Welt
überhaupt ein fünffüßiges Tier?“ Mit diesen Worten setzte er sich an
das Tor dieses Schlosses hin. Die Läuse plagten sie entsetzlich und sie
fingen an, sich von diesem Ungeziefer zu reinigen. Der Prinz tötete
eine Laus. Bei der zweiten fielen auf einmal mit lautem Geklirr und
Gerassel die Schlösser an dem Tore des Schlosses herunter und sie
erkannten hieraus, daß das fünffüßige Tier die Laus war. Darauf standen
sie auf und gingen hinein. Sie sahen da — es gab in der Welt nichts dem
Ähnliches — einen Garten voll fließender Gewässer und verschiedener
Früchte, spürten bald große Lust darnach und gingen hin, um eine davon
zu essen. Da erblickten sie dann, daß jene Bäume sämtlich von Gold und
ihre Früchte wertvolle Steine waren. Am Fuße der Bäume lagen
herabgefallene Edelsteine und Flußkiesel. Als sie weiter vorwärts in
das Gebäude eindrangen, sahen sie, daß es sehr groß war. Man hatte es
von Bergkristall gebaut und seine Tür offengelassen. Als sie hier
eintraten, bemerkten sie, daß es noch ein Gebäude darin gab. Es bestand
aus rotem Gold. Als sie hier eintraten, sahen sie weiter, daß es
abermals ein Gebäude darin gab, dessen Wände sämtlich aus Rubinen und
Perlen gebaut waren. Als sie endlich hier eintraten, gewahrten sie, daß
in einem mit Rubinen und Perlen geschmückten Sarge ein Toter lag, über
dessen Haupte sich eine Tafel befand, welche folgende Inschrift
enthielt: „Jeder, der hierherkommt und mich sieht, wisse, daß ich ein
König war. Die ganze Welt stand unter meiner Botmäßigkeit: Menschen,
Dämonen und Peris waren mein Heergefolge. Ich lebte tausend Jahre und
dachte nie zu sterben und dem Todesgeschosse zu erliegen. Plötzlich
wurde ich aber eines Tages krank, fiel auf das Sterbebett und sah ein,
daß ich bestimmt sterben würde. Deshalb ließ ich dieses Gebäude,
welches du hier siehst, in drei Tagen erbauen und erwählte es mir zum
Mausoleum. Oberhalb meines Hauptes gibt es zwei Quellen; trinke daraus
und verrichte für mich eine Fürbitte!“ Der Prinz wurde bald diese
beiden bezeichneten Quellen gewahr und trank aus einer derselben. Sie
enthielt Milch und die andere Zuckerscherbet. Noch eine lange Zeit
hielten sie sich in diesem Gebäude auf, nährten sich von dieser Milch
und tranken von diesem Scherbet. Zuletzt nahmen sie sich eine große
Menge Edelsteine, füllten damit ihr Schiff an, bestiegen dasselbe von
neuem und fuhren in die hohe See hinaus.
Nachdem sie eine Weile gefahren waren, brachte der Wind ihr Schiff an
eine Insel. Hier stiegen sie aus dem Schiffe heraus, um von des Berges
Früchten zu essen. Plötzlich kam eine große Schar Menschen auf sie los
und nahm sie gefangen. Der Prinz blickte auf und sah, daß jene keine
Köpfe besaßen, ihren Mund auf ihrer Brust und ihre Augen auf den
Schultern hatten und in ihrer Sprache wie Vögel zwitscherten. Sie beide
wurden aber vor den König dieser Leute gebracht und blieben lange Zeit
als Gefangene daselbst, bis sie endlich ihnen entflohen, jenes Schiff
wieder bestiegen und auf die hohe See hinausfuhren. So kam der Prinz
auf diesem Meere dreißig Jahre hindurch bald unter Menschen mit
Schweinsköpfen, bald unter Menschen mit Vogelköpfen, von denen ein
jeder dem Prinzen mannigfache Unbilden zufügte. Wiederum gab ihm Gott
der Erhabene einen Ausweg an die Hand und ließ ihn entfliehen.
Auf Gottes Geheiß trieb der Wind sein Schiff an eine Insel. Als er hier
herausstieg, sah er einige Menschen. Die Leute hielten ihn für einen
Spion, nahmen ihn gefangen und brachten ihn vor ihren König. Dieser
fragte ihn: „Wer und was bist du?“ Der Prinz erzählte ihm seine
Geschichte von Anfang bis zu Ende. Als der König nun wußte, daß er ein
Prinz war, ließ er ihm voller Freude Ehrenkleider anlegen, nahm ihn
beiseite und sprach: „Ich kenne Euer Reich und deinen Vater; auch habe
ich gehört, daß dich und deine beiden Söhne und vierzig Diener ein
fränkischer Seeräuber auf dem Meere gefangen genommen habe. Wohin
willst du nun gehen? Erzeige mir den Gefallen und bleibe bei mir, ich
will dir meine Tochter geben.“ Der Prinz erwiderte: „Bei meiner Geburt
haben mir die Sterndeuter dreißig Jahre Unglück prophezeit; ich fürchte
daher, daß, wenn ich die Tochter des Königs nehme, diese in mein
Unglück verwickelt werden wird.“
Der König ließ nun die Sterndeuter kommen und nach des Prinzen
Geburtskonstellation schauen. Als sie dies getan hatten, sagten sie: „O
König, wir bringen dir die frohe Botschaft, die unglücklichen dreißig
Jahre sind vergangen und sein Geburtsstern ist jetzt zu Glück und Segen
gelangt.“ Als der König dies hörte, freute er sich sehr und
verheiratete seine Tochter mit dem Prinzen.
Der Prinz blieb einige Jahre daselbst, bis endlich der König starb und
der Prinz an seiner Stelle König wurde. Eines Tages sagte man ihm: „O
König, ein Franke ist gekommen und hat viele Waren mitgebracht. Darf er
sie ausstellen?“ Der König gab dazu die Erlaubnis. Als er an der Seite
des Franken zwei Knaben erblickte, regte sich sein Blut in Liebe und
das Gefühl der Vaterschaft rührte sich. Er fragte den Franken: „In
welchem Verhältnis stehen diese zwei Knaben zu dir?“ Er erwiderte: „Das
sind meine Sklaven, die ich verkaufen will.“ Der König sagte: „Ich
werde sie kaufen“, nahm sie in ein Nebenzimmer und fragte sie, wo der
Franke sie gekauft habe. Alsbald erzählten sie ihm ihre Ereignisse vom
Anfang bis zu Ende. Der König erkannte daraus, daß es seine beiden
Söhne waren, drückte sie an seine Brust, küßte einen jeden auf die
Augen und sprach: „Ich bin eurer Vater.“
Der König kam wieder heraus, nahm den Franken gefangen und ließ ihn
unter tausend Qualen sterben. Nachher wurde er von neuem mit Glück
gekrönt, indem er auch das Reich seines Vaters als König bekam.