Es gab einmal einen großen König. Dieser legte eines Tages sein Haupt
auf das Sterbebett, ließ seine drei Söhne allein zu sich kommen und
sprach zu ihnen: „In den und den Winkel meines Palastes habe ich eine
Schachtel voll kostbarer Edelsteine hingesetzt; wenn ich gestorben sein
werde, so nehmt sie hervor und teilt sie unter euch!“ Nachdem der König
noch drei Tage gelegen hatte, empfahl er am vierten Tage seine Seele
Gott. Während man nun für den König die Leichenfeierlichkeiten
veranstaltete, ging einer von den Söhnen und nahm jene Schachtel mit
den kostbaren Edelsteinen heimlich für sich weg. Als nach einiger Zeit
alle drei die Schachtel von ihrem Orte hinwegnehmen wollten, fanden sie
dieselbe nicht mehr vor. Deshalb entstand unter ihnen Streit, welcher
solange währte, bis sie endlich vor den Kadi traten und diesem das
Sachverhältnis auseinandersetzten. Der Kadi, von dem Hergange der Sache
belehrt, sprach zu ihnen die Worte: „Zuvörderst will ich euch eine
Geschichte erzählen — hört darauf — und dann eure Streitsache
entscheiden.“ Sie erwiderten: „Geruhe nur anzufangen.“ Der Kadi sprach:
„Es liebten sich einmal in früherer Zeit ein Jüngling und ein Mädchen.
Das Mädchen hatte aber einen anderen jungen Mann zum Bräutigam. Der in
dieses Mädchen verliebte erstere junge Mann hörte nicht auf in einem
fort zu seufzen und zu schluchzen. ‚In jener Nacht,‘ sprach er, ‚wo du
das Hochzeitsbett besteigen wirst, — was wird da aus mir werden?‘ Das
Mädchen erwiderte: ‚Ich werde in jener Nacht niemandem eher die Hand
geben, als ich mich vorher mit dir zusammengefunden habe!‘ Dies
versprach sie ihm. Als nun in der Nacht der Heimführung die junge Frau
mit ihrem Manne allein war, erzählte sie ihm, was für ein Versprechen
sie jenem Jünglinge gegeben habe, und erbat sich von ihrem Manne die
Erlaubnis, zu ihm hinzugehen. Der Gemahl erwiderte: ‚Mache dich auf und
gehe!‘ Die junge Frau ging in aller Stille hinaus und traf unterwegs
einen Dieb. Als dieser sah, daß sie eine hübsche und liebenswürdige
Frau sei, die unter ihren Zeitgenossinnen nicht ihres Gleichen habe und
sich Hals und Ohr reich mit Goldperlen behangen hatte, umarmte er sie
wie ein Lamm, das in die Gewalt eines hungrigen Wolfes geraten ist. Er
fragte die junge Frau: ‚Wer und was bist du?‘ Sie erzählte ihm ihre
Geschichte von Anfang bis zu Ende. Als der Dieb diese gehört hatte,
sprach er: ‚Jetzt ist es Zeit, sich als Ehrenmann zu zeigen, auch ich
will dir nichts tun — wohlan, komm, ich will dich zu deinem Geliebten
bringen!‘ Mit diesen Worten nahm er sie bei der Hand, brachte sie an
die Tür ihres Geliebten und sprach: ‚Bis du wieder herauskommst, will
ich hier stehen bleiben.‘ Als die junge Frau bei ihrem Geliebten
eintrat, traf sie den Jüngling an und sprach: ‚Siehe, ich habe dir
hiermit mein Versprechen erfüllt.‘ Dieser sprach: ‚Bei Gott, welche
ritterliche Gesinnung hat dein Gemahl jetzt gegen mich an den Tag
gelegt, daß er dich zu mir geschickt! Ich würde sie ihm schlecht
vergelten, wenn ich jetzt noch nach dir die Hand ausstrecken wollte!
Stehe auf und kehre zu deinem rechtmäßigen Ehegatten zurück.‘ Mit
diesen Worten schickte er die junge Frau zurück. Diese stand auch
sogleich wieder auf und ging hinaus, wo sie der Dieb wieder bei der
Hand nahm und ihrem rechtmäßigen Ehegatten zurückbrachte. Er selbst
aber ging seines Weges.“ — Der Kadi sprach: „Sagt nun, ihr Prinzen,
welchen von diesen dreien, d. h. den Gemahl, den Geliebten oder den
Dieb, haltet ihr für den größten Ehrenmann?“ Der eine von ihnen
erwiderte: „Meiner Ansicht nach dürfte der Gemahl der größte Ehrenmann
sein.“ Der zweite erwiderte: „Der Geliebte dürfte es sein“, und der
dritte meinte: „Der Dieb.“
Als der Kadi diese Antworten der Prinzen gehört hatte, sprach er zu
demjenigen von ihnen, welcher gemeint hatte, daß der Dieb der größte
Ehrenmann sei, die Worte: „Du hast wahr und richtig gesprochen. — Du
hast dir die Schachtel mit den kostbaren Edelsteinen genommen; also gib
sie her, denn der Geliebte hilft dem Geliebten, der Biedere dem
Biederen und der Dieb dem Diebe!“
Der Prinz, welcher seiner Tat überführt war, brachte beschämt die
Schachtel mit den Edelsteinen und gab sie hin.