64. DER KLUGE KADI

Es gab einmal einen großen König. Dieser legte eines Tages sein Haupt

auf das Sterbebett, ließ seine drei Söhne allein zu sich kommen und

sprach zu ihnen: „In den und den Winkel meines Palastes habe ich eine

Schachtel voll kostbarer Edelsteine hingesetzt; wenn ich gestorben sein

werde, so nehmt sie hervor und teilt sie unter euch!“ Nachdem der König

noch drei Tage gelegen hatte, empfahl er am vierten Tage seine Seele

Gott. Während man nun für den König die Leichenfeierlichkeiten

veranstaltete, ging einer von den Söhnen und nahm jene Schachtel mit

den kostbaren Edelsteinen heimlich für sich weg. Als nach einiger Zeit

alle drei die Schachtel von ihrem Orte hinwegnehmen wollten, fanden sie

dieselbe nicht mehr vor. Deshalb entstand unter ihnen Streit, welcher

solange währte, bis sie endlich vor den Kadi traten und diesem das

Sachverhältnis auseinandersetzten. Der Kadi, von dem Hergange der Sache

belehrt, sprach zu ihnen die Worte: „Zuvörderst will ich euch eine

Geschichte erzählen — hört darauf — und dann eure Streitsache

entscheiden.“ Sie erwiderten: „Geruhe nur anzufangen.“ Der Kadi sprach:

„Es liebten sich einmal in früherer Zeit ein Jüngling und ein Mädchen.

Das Mädchen hatte aber einen anderen jungen Mann zum Bräutigam. Der in

dieses Mädchen verliebte erstere junge Mann hörte nicht auf in einem

fort zu seufzen und zu schluchzen. ‚In jener Nacht,‘ sprach er, ‚wo du

das Hochzeitsbett besteigen wirst, — was wird da aus mir werden?‘ Das

Mädchen erwiderte: ‚Ich werde in jener Nacht niemandem eher die Hand

geben, als ich mich vorher mit dir zusammengefunden habe!‘ Dies

versprach sie ihm. Als nun in der Nacht der Heimführung die junge Frau

mit ihrem Manne allein war, erzählte sie ihm, was für ein Versprechen

sie jenem Jünglinge gegeben habe, und erbat sich von ihrem Manne die

Erlaubnis, zu ihm hinzugehen. Der Gemahl erwiderte: ‚Mache dich auf und

gehe!‘ Die junge Frau ging in aller Stille hinaus und traf unterwegs

einen Dieb. Als dieser sah, daß sie eine hübsche und liebenswürdige

Frau sei, die unter ihren Zeitgenossinnen nicht ihres Gleichen habe und

sich Hals und Ohr reich mit Goldperlen behangen hatte, umarmte er sie

wie ein Lamm, das in die Gewalt eines hungrigen Wolfes geraten ist. Er

fragte die junge Frau: ‚Wer und was bist du?‘ Sie erzählte ihm ihre

Geschichte von Anfang bis zu Ende. Als der Dieb diese gehört hatte,

sprach er: ‚Jetzt ist es Zeit, sich als Ehrenmann zu zeigen, auch ich

will dir nichts tun — wohlan, komm, ich will dich zu deinem Geliebten

bringen!‘ Mit diesen Worten nahm er sie bei der Hand, brachte sie an

die Tür ihres Geliebten und sprach: ‚Bis du wieder herauskommst, will

ich hier stehen bleiben.‘ Als die junge Frau bei ihrem Geliebten

eintrat, traf sie den Jüngling an und sprach: ‚Siehe, ich habe dir

hiermit mein Versprechen erfüllt.‘ Dieser sprach: ‚Bei Gott, welche

ritterliche Gesinnung hat dein Gemahl jetzt gegen mich an den Tag

gelegt, daß er dich zu mir geschickt! Ich würde sie ihm schlecht

vergelten, wenn ich jetzt noch nach dir die Hand ausstrecken wollte!

Stehe auf und kehre zu deinem rechtmäßigen Ehegatten zurück.‘ Mit

diesen Worten schickte er die junge Frau zurück. Diese stand auch

sogleich wieder auf und ging hinaus, wo sie der Dieb wieder bei der

Hand nahm und ihrem rechtmäßigen Ehegatten zurückbrachte. Er selbst

aber ging seines Weges.“ — Der Kadi sprach: „Sagt nun, ihr Prinzen,

welchen von diesen dreien, d. h. den Gemahl, den Geliebten oder den

Dieb, haltet ihr für den größten Ehrenmann?“ Der eine von ihnen

erwiderte: „Meiner Ansicht nach dürfte der Gemahl der größte Ehrenmann

sein.“ Der zweite erwiderte: „Der Geliebte dürfte es sein“, und der

dritte meinte: „Der Dieb.“

Als der Kadi diese Antworten der Prinzen gehört hatte, sprach er zu

demjenigen von ihnen, welcher gemeint hatte, daß der Dieb der größte

Ehrenmann sei, die Worte: „Du hast wahr und richtig gesprochen. — Du

hast dir die Schachtel mit den kostbaren Edelsteinen genommen; also gib

sie her, denn der Geliebte hilft dem Geliebten, der Biedere dem

Biederen und der Dieb dem Diebe!“

Der Prinz, welcher seiner Tat überführt war, brachte beschämt die

Schachtel mit den Edelsteinen und gab sie hin.

Türkische Märchen · 第 87 / 91 题