63. DER JÄGER UND DIE BEIDEN STUDENTEN

Es gab einen armen Mann, der es im Fischen und Jagen zu einer großen

Meisterschaft gebracht hatte. Eines Tages hatte er sein Netz auf einer

Wiese ausgebreitet und saß im Hinterhalt. Nach langem Warten und mit

vieler Mühe hatte er drei Vögel herangelockt. Als er die Schlinge

zusammenzog, hörte er den Lärm von Stimmen. Damit nicht die Vögel

hierdurch verscheucht würden, verließ er seinen Hinterhalt und sah, daß

es zwei Studenten waren, die miteinander disputierten und zwar so, daß

die Disputation schon in den heftigsten Streit ausartete. Der Jäger bat

und flehte: „Seid einen Augenblick ruhig, daß die Vögel nicht verjagt

werden und meine Arbeit nicht umsonst sei.“ Die Studenten sagten: „Wenn

du uns von dieser Beute einen Anteil gibst und jedem von uns einen

Vogel versprichst, so wollen wir dir zu Willen sein und uns nicht

weiter streiten.“ Der Jäger erwiderte: „Ich bin ein armer Mann und habe

eine Familie, die auf meinen Fang angewiesen ist. Wenn ihr nun schon

zwei Vögel nehmt, so bleibt nur noch einer. Wie sollte der für die

ganze Familie reichen?“ Sie sagten: „Du genießt immer diese Nahrung,

wir müssen uns kümmerlich ernähren und haben noch nie Vogelfleisch

bekommen. Es bleibt bei der Bedingung. Entweder schreien wir und jagen

dir deine Beute weg oder du gibst einem jeden von uns einen Vogel.“ Was

der Jäger auch alles dagegen sagte, sie blieben hartnäckig, und so

mußte er die Bedingung annehmen. Er zog also das Netz zu und fing die

drei Vögel. Dann fing er von neuem an zu flehen. Aber als nichts half,

teilte er die Beute mit ihnen und sagte: „Da ich euch diesen Gefallen

getan habe, so sagt mir wenigstens das Wort, worüber ihr euch

gestritten habt. Lehrt es mich, damit ich wenigstens auch einen Nutzen

von euch habe.“

Die Studenten lachten und sagten: „Wir sprachen von dem Hermaphroditen

und von dem Erbrecht eines solchen.“ Der Jäger fragte: „Was ist ein

Hermaphrodit?“ Sie antworteten: „Ein Hermaphrodit ist einer, der weder

männlich noch weiblich ist.“ Der Jäger merkte sich das Wort, ging

betrübt nach Hause und erzählte seiner Familie den Vorfall. Die

begnügte sich diese Nacht mit dieser geistigen Nahrung. Am nächsten

Morgen ging der Jäger fischen und warf sein Netz ins Meer. Nach Gottes

Ratschluß fing er einen Fisch, wie er ihn noch nie gesehen hatte.

Nachdem er ihn eine Zeitlang voll Bewunderung betrachtet hatte, sagte

er nach längerem Überlegen zu sich: „Kein Fischer hat einen solchen

Fisch in seinem Netze gefangen, und einen zweiten so schönen Fisch gibt

es nicht. Es ist das beste, ihn lebendig dem Könige zu schenken, damit

er mich vor meinen Genossen ehre.“ Er setzte also den Fisch in einen

Wasserbehälter und ging zum königlichen Palast. Nun war auf Befehl des

Königs in dem Garten vor dem Schlosse ein Bassin aus Marmor gebaut und

mit klarem Wasser gefüllt worden. Dort hinein hatte man Fische gesetzt

und ein halbmondförmiges Schiff gebaut, um es auf der Oberfläche des

Bassins schwimmen zu lassen. Jeden Tag, wenn der König Lust hatte, das

Wasser und die Fische zu sehen, ging er an den Rand des Bassins. Als er

hierbei beschäftigt war, kam der Fischer und zeigte diesen wunderbaren

Fisch dem Könige. Dieser fand ihn sehr schön und ließ dem Fischer

tausend Goldstücke anweisen.

Einer von den Veziren, der dem König besonders nahe stand und daher

offen seine Meinung äußern konnte, sagte zu ihm warnend: „Euer Majestät

weiß, daß es im Meere viele Fische gibt und daß die Zahl der Fischer

ohne Ende ist. Wenn die goldspendende Hand des Königs für einen Fisch

tausend Goldstücke gibt, dann werden weder der Schatz des Königs noch

sämtliche Steuern des Landes ausreichen. Es ist ja bekannt, wie hoch

der Preis für einen Fisch ist, und wie hoch die Belohnung für einen

Fischer sein darf. Das Geschenk muß dem Gegenstand entsprechend und die

Belohnung der Arbeit gemäß sein.“ Der König antwortete: „Du hast zwar

recht, aber, nachdem ich es einmal versprochen habe, muß ich auch mein

Wort halten.“ Der Vezir sagte: „Ich habe einen Plan, so daß du weder

wortbrüchig zu werden brauchst noch das viele Geld ausgeben mußt. Das

Beste ist, man fragt ihn, ob der Fisch ein Männchen oder Weibchen ist.

Je nachdem er dann angibt, sagt man: ‚Geh und hole den Genossen, damit

es ein Paar werde. Dann bekommst du das versprochene Geld.‘ Er wird

dann stumm sein wie ein Fisch und mit dem wenigen, was er bekommen hat,

zufrieden sein.“

Der König wandte sich zu dem Fischer und sagte: „Meister, ist dieser

Fisch ein Männchen oder ein Weibchen?“ Der Fischender ein

vielerfahrener Mann war, überlegte sich, was der König wohl mit dieser

Frage beabsichtige. Nach längerem Nachsinnen fiel ihm das Wort ein, das

er von den beiden Studenten gelernt hatte. Er antwortete also: „Dieser

Fisch ist ein Hermaphrodit, das heißt, er ist weder Männchen noch

Weibchen.“ Dem Könige gefiel die Antwort sehr. Er gab ihm zu den

versprochenen Goldstücken noch tausend dazu und nahm ihn unter seine

Hofleute auf.

Türkische Märchen · 第 86 / 91 题