Es gab einen armen Mann, der es im Fischen und Jagen zu einer großen
Meisterschaft gebracht hatte. Eines Tages hatte er sein Netz auf einer
Wiese ausgebreitet und saß im Hinterhalt. Nach langem Warten und mit
vieler Mühe hatte er drei Vögel herangelockt. Als er die Schlinge
zusammenzog, hörte er den Lärm von Stimmen. Damit nicht die Vögel
hierdurch verscheucht würden, verließ er seinen Hinterhalt und sah, daß
es zwei Studenten waren, die miteinander disputierten und zwar so, daß
die Disputation schon in den heftigsten Streit ausartete. Der Jäger bat
und flehte: „Seid einen Augenblick ruhig, daß die Vögel nicht verjagt
werden und meine Arbeit nicht umsonst sei.“ Die Studenten sagten: „Wenn
du uns von dieser Beute einen Anteil gibst und jedem von uns einen
Vogel versprichst, so wollen wir dir zu Willen sein und uns nicht
weiter streiten.“ Der Jäger erwiderte: „Ich bin ein armer Mann und habe
eine Familie, die auf meinen Fang angewiesen ist. Wenn ihr nun schon
zwei Vögel nehmt, so bleibt nur noch einer. Wie sollte der für die
ganze Familie reichen?“ Sie sagten: „Du genießt immer diese Nahrung,
wir müssen uns kümmerlich ernähren und haben noch nie Vogelfleisch
bekommen. Es bleibt bei der Bedingung. Entweder schreien wir und jagen
dir deine Beute weg oder du gibst einem jeden von uns einen Vogel.“ Was
der Jäger auch alles dagegen sagte, sie blieben hartnäckig, und so
mußte er die Bedingung annehmen. Er zog also das Netz zu und fing die
drei Vögel. Dann fing er von neuem an zu flehen. Aber als nichts half,
teilte er die Beute mit ihnen und sagte: „Da ich euch diesen Gefallen
getan habe, so sagt mir wenigstens das Wort, worüber ihr euch
gestritten habt. Lehrt es mich, damit ich wenigstens auch einen Nutzen
von euch habe.“
Die Studenten lachten und sagten: „Wir sprachen von dem Hermaphroditen
und von dem Erbrecht eines solchen.“ Der Jäger fragte: „Was ist ein
Hermaphrodit?“ Sie antworteten: „Ein Hermaphrodit ist einer, der weder
männlich noch weiblich ist.“ Der Jäger merkte sich das Wort, ging
betrübt nach Hause und erzählte seiner Familie den Vorfall. Die
begnügte sich diese Nacht mit dieser geistigen Nahrung. Am nächsten
Morgen ging der Jäger fischen und warf sein Netz ins Meer. Nach Gottes
Ratschluß fing er einen Fisch, wie er ihn noch nie gesehen hatte.
Nachdem er ihn eine Zeitlang voll Bewunderung betrachtet hatte, sagte
er nach längerem Überlegen zu sich: „Kein Fischer hat einen solchen
Fisch in seinem Netze gefangen, und einen zweiten so schönen Fisch gibt
es nicht. Es ist das beste, ihn lebendig dem Könige zu schenken, damit
er mich vor meinen Genossen ehre.“ Er setzte also den Fisch in einen
Wasserbehälter und ging zum königlichen Palast. Nun war auf Befehl des
Königs in dem Garten vor dem Schlosse ein Bassin aus Marmor gebaut und
mit klarem Wasser gefüllt worden. Dort hinein hatte man Fische gesetzt
und ein halbmondförmiges Schiff gebaut, um es auf der Oberfläche des
Bassins schwimmen zu lassen. Jeden Tag, wenn der König Lust hatte, das
Wasser und die Fische zu sehen, ging er an den Rand des Bassins. Als er
hierbei beschäftigt war, kam der Fischer und zeigte diesen wunderbaren
Fisch dem Könige. Dieser fand ihn sehr schön und ließ dem Fischer
tausend Goldstücke anweisen.
Einer von den Veziren, der dem König besonders nahe stand und daher
offen seine Meinung äußern konnte, sagte zu ihm warnend: „Euer Majestät
weiß, daß es im Meere viele Fische gibt und daß die Zahl der Fischer
ohne Ende ist. Wenn die goldspendende Hand des Königs für einen Fisch
tausend Goldstücke gibt, dann werden weder der Schatz des Königs noch
sämtliche Steuern des Landes ausreichen. Es ist ja bekannt, wie hoch
der Preis für einen Fisch ist, und wie hoch die Belohnung für einen
Fischer sein darf. Das Geschenk muß dem Gegenstand entsprechend und die
Belohnung der Arbeit gemäß sein.“ Der König antwortete: „Du hast zwar
recht, aber, nachdem ich es einmal versprochen habe, muß ich auch mein
Wort halten.“ Der Vezir sagte: „Ich habe einen Plan, so daß du weder
wortbrüchig zu werden brauchst noch das viele Geld ausgeben mußt. Das
Beste ist, man fragt ihn, ob der Fisch ein Männchen oder Weibchen ist.
Je nachdem er dann angibt, sagt man: ‚Geh und hole den Genossen, damit
es ein Paar werde. Dann bekommst du das versprochene Geld.‘ Er wird
dann stumm sein wie ein Fisch und mit dem wenigen, was er bekommen hat,
zufrieden sein.“
Der König wandte sich zu dem Fischer und sagte: „Meister, ist dieser
Fisch ein Männchen oder ein Weibchen?“ Der Fischender ein
vielerfahrener Mann war, überlegte sich, was der König wohl mit dieser
Frage beabsichtige. Nach längerem Nachsinnen fiel ihm das Wort ein, das
er von den beiden Studenten gelernt hatte. Er antwortete also: „Dieser
Fisch ist ein Hermaphrodit, das heißt, er ist weder Männchen noch
Weibchen.“ Dem Könige gefiel die Antwort sehr. Er gab ihm zu den
versprochenen Goldstücken noch tausend dazu und nahm ihn unter seine
Hofleute auf.