62. DER MANN MIT DEN ZWEI FRAUEN

Ein Mann hatte zwei Frauen, die eine war alt, die andere zart wie ein

Rosenblatt. Er selbst war über die Zeit der Jugend hinaus, und sein

Haar und Bart fingen an grau zu werden. Er liebte beide Frauen und

behandelte die eine wie die andere derart, daß er die eine Nacht bei

der einen und die andere Nacht bei der andern zubrachte. Er hatte die

Gewohnheit, des Morgens, bevor er aufstand, seinen Kopf seiner Frau auf

den Schoß zu legen und noch etwas zu schlafen. Als er eines Tages so im

Schoße der alten Frau schlief, sah diese, daß in seinem Bart einzelne

weiße Haare waren. Sie sagte zu sich: „Ich werde ihm die schwarzen

Haare herausschneiden und ihn des Schmuckes der Jugend berauben, damit

die andere Frau, die ihn für jung hält, seiner überdrüssig wird, wenn

sie das weiße Haar sieht, und damit er sich dann aus Ärger über diese

Zurücksetzung ganz mir anschließt.“ In diesem Gedanken beseitigte sie,

soweit als möglich die schwarzen Haare.

Am nächsten Morgen schlief er im Schoße der jungen Frau. Als diese

unter den weißen Haaren einige schwarze sah, die der Schere der alten

Frau entgangen waren, sagte sie: „Ich werde die weißen Haare entfernen,

so daß er sich noch für jung hält, des Verkehrs mit der alten Frau

überdrüssig wird und nur Verlangen nach mir hat.“ Sie schnitt also,

soweit sie konnte, die weißen Haare ab. So verging einige Zeit. Eines

Tages hörte er, daß einige Leute zueinander sprachen und sich über

seinen Bart lustig machten. Er faßte nach seinem Barte und sah, daß

überhaupt kein Haar mehr geblieben war.

Türkische Märchen · 第 85 / 91 题