In alter Zeit lebte ein König, der die Jagd sehr liebte. Dieser König
hatte einen Falken, der im Fluge jedes Wild einholte. Der König liebte
diesen Falken über die Maßen und fütterte ihn immer mit eigener Hand.
Eines Tages jagte er mit ihm auf einer Wiese und plötzlich erschien ein
Hirsch. Der König verfolgte ihn ohne Überlegung mit größtem Eifer und
ließ seinem leichtfüßigen Pferde die Zügel schießen. Es rannte so
schnell, daß selbst der Morgenwind, der die Welt in einem Augenblicke
durcheilt, es nicht einholen konnte. Infolgedessen blieb sein Gefolge
einer nach dem anderen zurück und die Diener trennten sich von ihm.
Nach einiger Zeit war auch der Hirsch nicht mehr zu sehen, und der
König mußte die Jagd aufgeben. Da er von brennendem Durste gequält
wurde, durcheilte er die Wüste, um Wasser zu suchen, nach allen
Richtungen. Schließlich kam er an den Fuß eines Berges und sah, daß von
dem Berge klares Wasser herabtröpfelte. Er nahm einen Becher, den er
bei sich führte, und füllte ihn mit dem Wasser, das tropfenweise
herabfloß, voll. Als er davon trinken wollte, schlug der Falke mit
seinem Flügel an den Becher, so daß das Wasser ausfloß. Als der König
ärgerlich den Becher mit vieler Mühe von neuem füllte und trinken
wollte, geschah dasselbe wie vorher.
Der König, von der Glut des Durstes gequält und zornig über das
Betragen des Falken, schlug ihn zu Boden und tötete ihn. In diesem
Augenblick kam der Steigbügelhalter des Königs heran und fand den
Falken tot und den König durstig. Er holte eine Feldflasche hervor,
füllte den Becher und gab dem König zu trinken. Der König sagte: „Ich
möchte von diesem Wasser haben, das von dem Berge herabtröpfelt, aber
da es nur tropfenweise fließt, so macht es viel Mühe den Becher zu
füllen. Du mußt hinaufklettern und sehen, ob dort irgendein Hindernis
für das Wasser ist, und den Becher füllen.“ Der Steigbügelhalter sagte:
„Zu Befehl“ und stieg den Berg hinauf. Da sah er eine Quelle, die nur
tropfenweise Wasser gab und vor der Quelle lag eine tote große Schlange
und durch die Einwirkung der Sonne war sie verwest und ihr Gift hatte
sich mit dem Wasser vermischt und rieselte den Berg hinab. Der
Steigbügelhalter lief erschreckt und bestürzt den Berg hinunter,
nachdem er vorher seine Feldflasche mit dem kalten Wasser gefüllt
hatte, und erzählte dem König, was er gesehen. Der König erquickte sich
an dem kühlen Wasser, während aus seinen Augen Tränen flössen. Der
Steigbügelhalter fragte ihn nach dem Grunde der Tränen. Der König
erzählte die Geschichte und sagte: „Ich weine darüber, daß ich den
Falken zu unrecht getötet habe.“ Der Steigbügelhalter erwiderte: „O
König, dieser Falke hat dich vor einem großen Unglück bewahrt, und das
ganze Volk des Landes ist ihm zu großem Danke verpflichtet. Es wäre
besser gewesen, wenn der König nicht so eilig gewesen wäre, ihn zu
töten und wenn er die Glut seines Zornes mit dem Wasser der Milde
gedämpft hätte.“ Der König antwortete: „Ich bereue meine Handlung, aber
die Reue nützt nichts und, so lange ich lebe, werde ich stets durch
Gewissensbisse gequält werden.“