60. DIE RÄUBER UND DIE KRANICHE

In der Stadt Rakka lebte ein Derwisch, der reich an lobenswerten

Tugenden und schätzenswerten Eigenschaften war, mit Namen Danadil. Alle

Leute in der Stadt liebten ihn.

Einst entschloß er sich, die Pilgerreise nach Mekka zu machen, und trat

ohne Freund und Genossen die Reise durch die Wüste an. Unterwegs

beabsichtigten einige Räuber ihn zu töten, da sie bei ihm Geld

vermuteten. Als Danadil ihre Absicht merkte, sagte er: „Ich habe nicht

mehr Geld bei mir, als gerade für die Pilgerfahrt genügt. Wenn euch das

genügt, so nehmt ohne Zaudern alles, was ich habe, aber laßt mich frei,

damit ich die Pilgerfahrt beendige und meine Absicht erreiche.“ Die

Räuber, die sich fürchteten, ihn am Leben zu lassen, beschlossen, ihn

ohne Erbarmen zu töten. In seiner Not schaute der Arme sich nach allen

Seiten um, und wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, so

sah er überall nach Hilfe aus. In dieser Einöde war aber kein lebendes

Wesen zu erblicken außer einer Herde Kraniche, die über ihnen durch die

Luft flogen. Als Danadil sie hörte, rief er aus: „Ihr Kraniche, ich muß

in dieser Wüste von den Händen dieser Räuber sterben und außer Gott

weiß niemand etwas davon. Ich hoffe, daß ihr mein Blut nicht ungerächt

laßt und mich an diesen Blutgierigen rächen werdet.“ Als die Räuber

dies hörten, lachten sie und fragten ihn spöttisch nach seinem Namen.

Auf seine Aussage, daß er Danadil [46] heiße, sagten sie: „Der Name

paßt für dich gar nicht, denn wie kannst du Danadil heißen, wenn du

nicht einmal weißt, daß die Vögel dich nicht verstehen? Für uns ist es

ausgemacht, daß du ganz dumm bist. Und einen Dummen umzubringen, ist

keine Sünde.“ Sie töteten ihn und nahmen das wenige, das er bei sich

hatte. Als die Kunde seines Mordes in der Stadt bekannt wurde,

trauerten alle sehr um ihn und bemühten sich, die Mörder ausfindig zu

machen. Schließlich, nach langer Zeit, waren die Bewohner der Stadt bei

dem Opferfest auf dem Betplatze vereinigt und die Mörder des Danadil

waren auch dabei. Währenddessen flog eine Schar Kraniche über den

Köpfen der Mörder und schrie so laut, daß die Leute in ihren Gebeten

innehielten. Da sagte einer von den Räubern spöttisch lächelnd zu

seinen Genossen: „Diese verlangen wohl das Blut des Danadil?“

Nach Gottes Fügung hatte einer von den Leuten aus der Stadt, der neben

ihm stand, dies gehört. Er meldete den Vorfall dem Oberhaupt der Stadt

und sofort wurden Wachen und Boten ausgeschickt. Alle Räuber wurden

ergriffen und erfuhren die Vergeltung nach dem göttlichen Recht für

ihre Untat.

Türkische Märchen · 第 83 / 91 题