58. DER DERWISCH UND DER ZERSCHLAGENE KRUG

Ein frommer Mann lebte neben einem Kaufmann, der ihn in den Dingen

dieses Lebens um Rat fragte. Der Kaufmann verkaufte Öl und Honig und

gewann dabei sehr viel. Der fromme Mann widmete sich ganz dem Dienste

Gottes. Deswegen schenkte der Kaufmann ihm in allem Glauben, hatte die

Sorge für seinen Unterhalt übernommen und schickte ihm jeden Tag eine

bestimmte Menge Öl und Honig. Der Derwisch gebrauchte davon etwas für

seinen täglichen Unterhalt, den Rest sparte er sich auf. Im Lauf der

Zeit sammelte er sich davon einen Krug an und kam auf den Gedanken, ihn

mit Gewinn zu verkaufen. Als er ihn sich eines Tages ansah und in

Gedanken versunken war, überlegte er, wieviel Maß Honig und Öl er wohl

fasse. Er schätzte ihn auf zehn Maß und sagte: „Das Beste ist, daß ich

ihn für zehn Dirhem verkaufe und mir für das Geld zehn Schafe kaufe.

Diese werden nach sechs Monaten Junge bekommen und jedes wird zwei

Lämmer haben. In einem Jahre werden es vierzig bis fünfzig sein und in

zehn Jahren werden daraus Herden entstehen. Davon werde ich einige

verkaufen und reich werden. Dann werde ich ein schönes junges Mädchen

aus vornehmer Familie heiraten. Diese wird in neun Monaten mir einen

Sohn, wie ein Engel, gebären. Nach einiger Zeit werde ich ihn in allen

Wissenschaften und Künsten unterrichten. Wenn er dann heranwächst, kann

es vorkommen, daß er nicht tut, was ich will. Dann werde ich ihn

züchtigen, und zwar werde ich das mit diesem Stocke in meiner Hand

tun.“ Er hob den Stock hoch und war so in seine Träumerei versunken,

daß er seinen ungehorsamen Sohn vor sich zu haben glaubte, und schlug

stark auf den Krug ein. Nun stand der Krug oben auf einem Brett, und er

saß darunter. Als er auf den Krug einschlug, zerbrach dieser, und das

Öl und der Honig floß ihm über Haar und Bart.

Türkische Märchen · 第 81 / 91 题