56. DIE MAUS, DIE IN EIN JUNGES MÄDCHEN VERWANDELT WURDE

Ein Mönch, dessen Gebet Erhörung bei Gott fand, hatte sich am Rande

eines Baches niedergelassen und sich ganz von den Dingen dieser Welt

zurückgezogen. Eines Tages flog ein Weihe vorbei, der eine Maus

gefangen hatte und im Schnabel hielt. Nach Gottes Willen fiel diese aus

dem Schnabel des Weihes gerade vor den Mönch. Dieser sah sie und

empfand Mitleid mit ihr, warf seinen Mantel über sie, nahm sie in sein

Haus und trug einem seiner Schüler auf, sie wie seinen Sohn zu pflegen.

Dann kam ihm in den Sinn, daß dies Tier in einer Menschenwohnung

allerlei Unbequemlichkeit hervorrufen werde. Er bat daher Gott, daß er

sie in ein junges Mädchen verwandele. Sein Gebet wurde erhört und sie

wurde ein schönes Mädchen. Als der Mönch sah, daß sie die leibhaftige

Grazie war, übergab er sie einem seiner Schüler und trug ihm auf, sie

wie seinen leiblichen Sohn zu erziehen. Der Schüler folgte dieser

Anweisung seines Meisters und erzog sie mit Eifer.

Nach kurzer Zeit war das Mädchen herangewachsen und der Mönch sagte zu

ihr: „Liebes Herz, du bist nun herangewachsen und ich muß dich

verheiraten. Ich überlasse die Sache dir. Was sagst du dazu? Du kannst

dir deinen Gemahl aus den Menschen und Geistern und den Wesen der Ober-

und Unterwelt aussuchen.“ Das Mädchen antwortete: „Ich wünsche einen

Gemahl, der sich durch Kraft und Stärke besonders auszeichnet.“ Der

Mönch erwiderte: „Ein Wesen, das alle diese Eigenschaften besitzt, wird

schwer gefunden, aber vielleicht ist es die Sonne?“ Das Mädchen sagte:

„Ja, das wäre ein passender Gemahl für mich.“

Als die Sonne am Morgen aufging, stellte der Asket ihr die Sache dar

und sagte: „Das Mädchen ist sehr schön und einem Engel zu vergleichen.

Ich will sie jetzt verheiraten, aber sie verlangt jetzt von mir einen

starken, angesehenen Gemahl, deswegen möchte ich sie dir als Dienerin

übergeben und die Ehe zwischen euch beiden abschließen.“ Als die Sonne

dies hörte, wurde sie vor Scham bald bleich, bald rot. Schließlich gab

sie folgende Antwort: „Mönch, ich will dir jemand nennen, der stärker

als ich ist. Das ist die Wolke, denn sie kann mit ihrer Schleppe mein

leuchtendes Gesicht verhüllen und meinen Anblick dem Menschen fern

halten.“

Der Mönch wandte sich also an die Wolke und trug sein Anliegen vor. Die

Wolke versank vor Scham und sagte: „Wenn du mich wegen meiner Kraft und

Stärke wählst, so ist der Wind in dieser Beziehung mir überlegen, denn

er treibt mich dorthin, wohin er es will, und mein Wille ist ganz in

seiner Hand.“ Der Mönch gab dies zu und wandte sich an den Wind. Er

schilderte ihm die Schönheit seiner Tochter und erzählte die Geschichte

von der Wahl des Schwiegersohnes genau wie vorher. Der Wind kam in

Verlegenheit über diese Worte und sagte: „Wenn ich auch noch so mächtig

und kräftig bin, so ist doch der Berg noch mächtiger, denn er steht

fest und majestätisch. Meine Kraft macht gerade soviel Eindruck auf ihn

wie der Ton einer Posaune auf das Ohr eines Tauben oder der Tritt einer

Ameise auf einen harten Fels.“

Als der Mönch dem Berge seine Absicht auseinandergesetzt hatte, rief

dieser mit lauter Stimme: „An Kraft und Stärke ist die Maus mir

überlegen, denn sie nagt mich von allen Seiten mit ihren scharfen

Zähnen an, macht in meinem Innern lauter Löcher und Nester und hat

meine Brust und meinen Körper mit ihren erbarmungslosen Zähnen zu einem

Sieb gemacht.“ Als das Mädchen dies hörte, regte sich in ihr ihre

Herkunft und sie sagte: „Du sagst die Wahrheit, denn die Maus ist

mächtiger als er, und eine Heirat mit der Maus wäre für mich das

passendste.“ Der Mönch war damit einverstanden und setzte einer Maus

sein Anliegen auseinander. Die Maus fühlte infolge der Verwandtschaft

Zuneigung zu ihr und sagte: „Ich wünsche mir schon seit langem eine

Geliebte, die mir Gefährte und Genosse sein könnte, aber da zwischen

den Gatten Gleichwertigkeit vorhanden sein muß, so muß ich eine

Gemahlin haben, die von meiner Rasse ist.“ Das Mädchen sagte: „Das ist

leicht. Der fromme Mann muß zu Gott beten, daß ich eine Maus werde und

dich mit den Armen der Liebe umarme.“ Da der Mönch sah, daß auf beiden

Seiten Zuneigung vorhanden war, so hob er seine Hände empor und bat

Gott, sie wieder zur Maus zu machen. Sein Gebet wurde sofort erhört und

der Spruch: „Jedes Ding kehrt zu seinem Ursprung zurück“ bewahrheitete

sich wieder. Das Mädchen wurde wieder eine Maus, was sie vorher

gewesen, und der Mönch gab sie der anderen Maus zur Ehe.

Türkische Märchen · 第 79 / 91 题