Ein Kamelreiter war auf seiner Reise an einen Ort gekommen, wo eine
Karawane gerastet und ein Feuer angezündet hatte. Nach ihrer Abreise
hatte der Wind das Feuer angefacht und die Funken hatten alles Gestrüpp
und Reisig in der Wüste in Brand gesetzt. Mitten darin lag eine große
Schlange. Die Flammen hatten sie ganz eingeschlossen, daß sie nirgends
hinaus konnte. Wohin sie auch schaute, nirgends sah sie einen Weg der
Rettung und beinahe wäre sie von dem Feuer wie ein Fisch in der Pfanne
gebraten. Als sie den Reiter sah, bat und flehte sie ihn an, sie zu
befreien.
Der Reiter war ein barmherziger Mann. Als er den Hilferuf der Schlange
hörte und ihre Not sah, sagte er zu sich: „Die Schlange ist zwar ein
giftiges Tier und ein böser Feind, aber da sie jetzt in Not ist, wäre
es doch wohl angebracht, Mitleid mit ihr zu haben. Das Beste ist es,
daß ich sie jetzt aus diesem Strudel ziehe und den Samen eines guten
Werkes, der in dieser Welt Glück und in der zukünftigen Segen als
Früchte tragen wird, pflanze.“ Er nahm also den Ledersack, den er bei
sich trug, band ihn an die Spitze seiner Lanze und hielt ihn der
Schlange hin. Die Schlange legte sich hinein und der Reiter, im
Glauben, ein gutes Werk zu tun, zog sie aus dem Feuer heraus. Nachdem
er sie aus dem Sack hatte herauskriechen lassen, richtete er einige
ermahnende Worte an sie und sagte: „Du weißt, aus einer wie großen
Gefahr du befreit bist. So ist es nötig, daß du aus Dankbarkeit über
diese Gnade dich jetzt in einen Winkel zurückziehst und hinfort kein
Unrecht mehr tust, denn wer den Geschöpfen Gottes Übles zufügt, ist in
dieser Welt übelberüchtigt und in der anderen unglücklich und hat
keinen Anspruch auf die Barmherzigkeit Gottes und auf die Liebe der
Menschen.“
Die Schlange antwortete: „Reiter, laß solche Worte. Ich will nicht von
hier gehen, ehe ich dicht nicht gebissen habe.“ Der Reiter erwiderte:
„Was ist das für eine unpassende Rede! Ich habe es nicht an Liebe und
Erbarmen fehlen lassen und dich nicht im Feuer verbrennen lassen. Wenn
ich nicht gewesen wäre, hätte der Strudel des Todes dein Leben
vernichtet und die Feuerflamme dich verbrannt.“ Die Schlange sagte:
„Ja, du hast es nicht an Menschlichkeit fehlen lassen, aber sie war
nicht angebracht und deine Güte hat einen Unwürdigen getroffen. Du
weißt, daß ich eine Quelle des Giftes und des Schadens bin. Alle Tiere
und besonders die Menschen fürchten sich vor meinem Gift. Wenn du also
einen so großen Schädling nicht im Feuer hast umkommen lassen, so
kannst du von ihm als Belohnung jedenfalls nichts anderes als Unheil
und Böses erwarten, denn den Schlechten Gutes tun ist ebensoviel wie
den Guten Schlechtes tun. Vielleicht ist das erstere sogar noch
schlimmer. Mich zu töten, wäre für dich eine religiöse Pflicht gewesen.
Da du dem göttlichen Gesetz und den Erfordernissen des Verstandes
zuwider gehandelt hast, so halte ich es für richtig, dich meinen
Stachel kosten zu lassen, damit diejenigen, die es hören, sich abhalten
lassen, dir zu folgen und sich dein Beispiel als Lehre nehmen.“ Der
Reiter sagte: „Du böser Unhold, was für gottlose Reden führst du? Denke
billig, in welcher Religion hat man wohl Böses als Vergeltung für eine
Wohltat als passend angesehen? Kein Verständiger hält es für richtig,
Gutes mit Bösem zu vergelten und selbst ein ungläubiger Richter glaubt
nicht, daß man Nutzen durch Schaden vergelten darf.“ Die Schlange
sagte: „Wie kannst du leugnen, daß bei den Menschen und in eurer
Religion Gutes und Schlechtes, Wohltat und Böses als gleichwertig
gelten. Darum will ich auch, wie ich es von euch gelernt habe,
verfahren.“
Wie sehr sich auch der Reiter bemühte, sie zu überzeugen, es glückte
ihm nicht. Die Schlange rief: „Wähle, ob ich zuerst dich stechen soll
oder ob ich mit deinem Kamel anfangen soll.“ Schließlich kamen sie
überein, daß die Schlange ihre Behauptung mit vertrauenswürdigen Zeugen
beweisen und den Reiter zum Verstummen bringen solle, dann wolle er
bereitwillig den Tod annehmen. Dann schaute sich die Schlange um und
sah gerade einen Büffel in der Wüste weiden. Sie sagte: „Komm, Reiter,
wollen die Schwierigkeit von diesem Braven lösen lassen.“ Der
Kamelreiter und die Schlange gingen zu dem Büffel und die Schlange
öffnete ihr giftspeiendes Maul und sagte: „Büffel, du wanderst nun so
viele Jahre in der Welt herum. Was ist die Vergeltung für Wohltaten?“
Der Büffel antwortete: „Bei den Menschen ist die Belohnung für gute
Taten Undank. Um das zu beweisen, genügt folgendes: Ich bin bei einem
Menschen schon so lange im Dienst, habe ihm jedes Jahr ein kräftiges
Kalb geboren, habe ihm Milch und Butter geliefert, habe für seinen
Unterhalt und sein behagliches Leben gesorgt, indem ich auf seinen Dank
hoffte. Als ich alt wurde und ihm keine Kälber mehr schenken konnte,
sorgte er nicht mehr für mich, vergaß das, was ich ihm vorher getan,
und ließ mich einsam und allein in dieser Wüste. Als ich auf dieser
Weide graste und wieder fett wurde, ging eines Tages mein Herr hier
vorbei, schaute mich prüfend an und stellte meinen guten Zustand fest.
Als er sah, daß ich kräftig und fleischig war, kehrte er mit großer
Freude nach Hause zurück, und am nächsten Tage kam er mit einem
Fleischer zurück und verkaufte mich an ihn. Heute wird man mich ins
Schlachthaus führen und mich schlachten. Das ist der Dank der Menschen
für Wohltaten.“
Die Schlange sagte: „Da hast du gehört, wie die Menschen Wohltaten
vergelten. Bereite dich nun zum Tode und erfülle dein Versprechen.“ Der
Reiter erwiderte: „Nach unserem Gesetz genügt ein Zeuge nicht. Bevor
nicht alle Erfordernisse erfüllt sind, hat der Urteilsspruch keine
Gültigkeit.“ Die Schlange sah sich um, erblickte einen Baum und sagte:
„Komm, wollen diesen Baum fragen. Wollen sehen, was er dazu sagt.“ Sie
gingen zusammen zu diesem Baum und die Schlange fragte ihn: „Was ist
die Belohnung für Wohltaten?“ Der Baum antwortete: „In der Religion der
Menschen ist Übeltat die Vergeltung für Wohltun, und ihrer
Charakteranlage nach verfahren sie auch so. Als Beweis dafür diene
folgendes: „Ich gebe hier in der Wüste allein Schatten und auf einem
Fuße stehend diene ich allen Kommenden und Gehenden. Jeder von den
Menschen, der in der Wüste von der Glut der Sonne gequält wird, findet
unter meinem mächtigen Schatten Ruhe und Erquickung, so daß er sich von
den Strapazen des Weges und den Unbilden der Witterung erholen kann.
Wenn er mich aber ansieht, sagt er: ‚Aus jedem Zweige ließen sich
soundsoviele Bündel Reisig und soviel Axtgriffe und aus seinem Stamm
soviel Bretter und daraus soviel Türen herstellen.‘ Wenn sie Äxte
hätten, würden sie sofort einige von meinen Zweigen abschlagen. Während
sie nur Gutes von mir haben, wollen sie mir Übles antun.“
Die Schlange sagte: „Die Zeugenangelegenheit ist erledigt. Nun ist
weiter kein Vorwand und du mußt die übernommene Bedingung erfüllen und
dich meinem Stachel darbieten.“ Der Reiter machte Einwendungen und
sagte: „Es war nötig festzustellen, daß die Zeugen glaubwürdig sind.
Das ist nicht geschehen. Auf unrechtliche Art Blut zu vergießen, würde
sich für dich nicht geziemen. Außerdem ist einem das Leben lieb und die
Frucht des Lebens süß, und das Herz von den Dingen dieses Lebens zu
reißen ist schwer. Ich habe nun noch eine Bedingung. Wenn du noch einen
Zeugen in dieser Angelegenheit findest, will ich mich dem Geschick
unterwerfen und mich dem Untergang preisgeben.“
Währenddessen kam ein Fuchs in diese Gegend, fand sie in diesem Streit
und fragte sie, worum es sich handle. Als die Schlange ihn sah, sagte
sie zu dem Reiter: „Komm, jetzt wollen wir den Fuchs fragen. Wollen
sehen, was er sagt.“ Der Reiter hatte ihm kaum die Sache genau
auseinandergesetzt, als der schlaue Fuchs ausrief: „Mensch, weißt du
nicht, daß die Belohnung für eine Wohltat Böses ist? Aber hast du der
Schlange denn etwas Gutes getan, daß du als Vergeltung Böses
verdienst?“ Als der Reiter ihm den Vorgang erzählte, sagte der Fuchs:
„Du gleichst doch sonst einem verständigen Mann, wie kannst du denn
solchen Unsinn erzählen und Lügen auftischen?“ Die Schlange fiel ein:
„Doch, er hat die Wahrheit gesagt. Da ist der Sack, in dem er mich aus
dem Feuer gezogen hat.“ Der Fuchs fuhr fort: „Wie sollte man das
glauben, daß ein so großes Tier in einen Sack ginge, der im Vergleich
zu dir noch kleiner als ein Ochsenauge ist?“ Die Schlange sagte: „Das
läßt sich leicht beweisen. Wenn du es nicht glaubst, kann ich in den
Sack hineingehen.“ Der Fuchs erwiderte: „Wenn ich das mit eigenen Augen
sehe, will ich die Angelegenheit entscheiden.“ Um die Behauptung zu
beweisen, öffnete der Reiter die Öffnung des Sackes und die Schlange
kroch im Vertrauen auf die Worte des Fuchses hinein. Als der Fuchs das
sah, sagte er leise zum Reiter: „Junger Mann, jetzt hast du deinen
Feind im Gefängnis, benutze die Gelegenheit und lasse ihn nicht wieder
frei.“
Der Reiter hielt die Öffnung des Sackes fest zu und schlug ihn so stark
auf den steinigen Boden, daß die Schlange starb, und die Menschheit von
ihrem Gifte, und die Welt von ihrer Bosheit befreit wurde.