Es gab einen jeder Erfahrung und jedes Wissens baren Arzt, der trotz
seiner Unwissenheit die Heilkunde ausübte und für sich Geschicklichkeit
in seiner Kunst in Anspruch nahm. Er war so unwissend, daß er nicht
einmal Kopfschmerz von Gicht unterscheiden konnte und in der
Zusammensetzung seiner Mittel heilbringende Arzneien und todbringende
Gifte miteinander verwechselte. In der Stadt, wo er seinen Laden
aufgetan hatte und wie ein Engel des Todes die Saat der Vernichtung
ausstreute, war auch ein verständiger Arzt, der in seiner Kunst
wohlerfahren war und durch seine glücklichen Kuren wie Jesus durch
seinen Atem die Menschen zu neuem Leben erweckte. Aber, wie es so oft
in dieser bösen Welt geht, daß die Klugen von dem Tisch der Güter des
Lebens leer ausgehen und die Untüchtigen sich vollfüllen, so hatte
dieser Mann, der so geschickt wie Galenus und Hippokrates war, kein
Glück, während der Ruf des anderen sich immer mehr ausbreitete.
Der König der Stadt hatte eine Tochter, die an Schönheit wie eine Sonne
strahlte. Diese hatte er seinem Brudersohn verlobt, und die Hochzeit
war jetzt mit königlichem Pompe gefeiert worden. Und aus der
glücklichen Vereinigung dieser beiden Sterne war in der Muschel ihres
Leibes eine prächtige Perle entstanden. Als die Zeit der Geburt nahte,
hatte sich ein Hindernis eingestellt, und man mußte sich an einen Arzt
wenden. Man rief den klugen Arzt in den Palast und als man ihm die
Krankheit beschrieben und ihn gebeten hatte, schnell ein Mittel zu
geben, hatte er auch ein für den kranken Körper passendes Heilmittel
bereit und sagte: „Diese Krankheit kann mit einem Medikament geheilt
werden, das Mahran heißt, nämlich so: Nehmt ein Viertel Dirhem [44]
davon, zerstoßt es und siebt es durch ein Seidentuch, vermischt es mit
etwas Moschus und Aloe, kocht es und gebt es zu trinken, sofort wird
die Krankheit verschwinden und völlige Genesung eintreten. Das
Medikament ist in der königlichen Apotheke vorhanden. Es befindet sich
in einer Flasche von reinem Silber, die mit reinem Golde verschlossen
ist. Ich habe sie aber wegen meiner Kurzsichtigkeit nicht finden
können.“
Nun war auch der unwissende Arzt anwesend und sagte: „Ich kenne dies
Medikament und habe auch Erfahrung in der Mischung und Bereitung.“ Auf
Befehl des Königs ging er in die Apotheke und suchte die beschriebene
Flasche. Da es aber verschiedene derartige Flaschen gab, so konnte er
sie nicht unterscheiden. Er nahm ohne genauere Untersuchung eine davon
heraus. Diese enthielt nun nicht das Mahran, sondern ein tödliches
Gift. Er öffnete sie, vermischte das Gift in der vorgeschriebenen
Weise, stellte die Medizin her und gab sie zu trinken. Als die Kranke
dies bittere Gift getrunken, vergaß sie den Streit dieser Welt und gab
ihr Leben auf.
Als der König dies sah, schickte er aus Schmerz über die Trennung
Seufzer zum Himmel empor und gab den Rest des Trankes dem unwissenden
Arzte, der auch daran starb.