53. DER UNWISSENDE ARZT

Es gab einen jeder Erfahrung und jedes Wissens baren Arzt, der trotz

seiner Unwissenheit die Heilkunde ausübte und für sich Geschicklichkeit

in seiner Kunst in Anspruch nahm. Er war so unwissend, daß er nicht

einmal Kopfschmerz von Gicht unterscheiden konnte und in der

Zusammensetzung seiner Mittel heilbringende Arzneien und todbringende

Gifte miteinander verwechselte. In der Stadt, wo er seinen Laden

aufgetan hatte und wie ein Engel des Todes die Saat der Vernichtung

ausstreute, war auch ein verständiger Arzt, der in seiner Kunst

wohlerfahren war und durch seine glücklichen Kuren wie Jesus durch

seinen Atem die Menschen zu neuem Leben erweckte. Aber, wie es so oft

in dieser bösen Welt geht, daß die Klugen von dem Tisch der Güter des

Lebens leer ausgehen und die Untüchtigen sich vollfüllen, so hatte

dieser Mann, der so geschickt wie Galenus und Hippokrates war, kein

Glück, während der Ruf des anderen sich immer mehr ausbreitete.

Der König der Stadt hatte eine Tochter, die an Schönheit wie eine Sonne

strahlte. Diese hatte er seinem Brudersohn verlobt, und die Hochzeit

war jetzt mit königlichem Pompe gefeiert worden. Und aus der

glücklichen Vereinigung dieser beiden Sterne war in der Muschel ihres

Leibes eine prächtige Perle entstanden. Als die Zeit der Geburt nahte,

hatte sich ein Hindernis eingestellt, und man mußte sich an einen Arzt

wenden. Man rief den klugen Arzt in den Palast und als man ihm die

Krankheit beschrieben und ihn gebeten hatte, schnell ein Mittel zu

geben, hatte er auch ein für den kranken Körper passendes Heilmittel

bereit und sagte: „Diese Krankheit kann mit einem Medikament geheilt

werden, das Mahran heißt, nämlich so: Nehmt ein Viertel Dirhem [44]

davon, zerstoßt es und siebt es durch ein Seidentuch, vermischt es mit

etwas Moschus und Aloe, kocht es und gebt es zu trinken, sofort wird

die Krankheit verschwinden und völlige Genesung eintreten. Das

Medikament ist in der königlichen Apotheke vorhanden. Es befindet sich

in einer Flasche von reinem Silber, die mit reinem Golde verschlossen

ist. Ich habe sie aber wegen meiner Kurzsichtigkeit nicht finden

können.“

Nun war auch der unwissende Arzt anwesend und sagte: „Ich kenne dies

Medikament und habe auch Erfahrung in der Mischung und Bereitung.“ Auf

Befehl des Königs ging er in die Apotheke und suchte die beschriebene

Flasche. Da es aber verschiedene derartige Flaschen gab, so konnte er

sie nicht unterscheiden. Er nahm ohne genauere Untersuchung eine davon

heraus. Diese enthielt nun nicht das Mahran, sondern ein tödliches

Gift. Er öffnete sie, vermischte das Gift in der vorgeschriebenen

Weise, stellte die Medizin her und gab sie zu trinken. Als die Kranke

dies bittere Gift getrunken, vergaß sie den Streit dieser Welt und gab

ihr Leben auf.

Als der König dies sah, schickte er aus Schmerz über die Trennung

Seufzer zum Himmel empor und gab den Rest des Trankes dem unwissenden

Arzte, der auch daran starb.

Türkische Märchen · 第 76 / 91 题